Karl Barth, Zeugnis von Jesus Christus (1968): „Jesus Christus ist als der von den Toten Auferstan­dene die Verheißung, dass der Sieg seines Lebens und Sterbens durch ihn einst endgültig und allgemein offen­bar werden wird. Indem ich an seinen schon geschehenen Sieg glauben darf, darf auch ich in diesem Glauben lebend und sterbend auf diese seine kommende Offen­barung hoffen: als auf die Offenbarung auch meiner in ihm geschehenen Rechtfertigung und Heiligung.“

Zeugnis von Jesus Christus

Von Karl Barth

Mir wurde aufgetragen, «in einer Art von Zeugnis» (une sorte de témoignage) Antwort zu geben auf die Frage: was Jesus Christus für mich sei. Im ersten Augenblick stutzte ich, weil ich mich peinlich an die Frage der Pieti­sten von einst und der theologischen Existenzialisten von heute erinnert fühlte. Aber das ändert doch nichts daran, daß sie in ihrer Art und an ihrem Ort wahrhaftig auch eine ernste Frage ist. Ich versuche, sie in der hier ge­botenen Kürze zu beantworten.

Wie kann ich das freilich tun, ohne sofort und folge­richtig – von A bis Z Alles bestimmend und beherr­schend – zu sagen: Jesus Christus ist für mich genau das (nicht mehr und nicht weniger und nichts Anderes als das), was er für die von ihm zusammengerufene und be­auftragte Kirche in allen ihren Gestalten immer und überall – und laut der ihr anvertrauten Botschaft für alle Menschen, für die ganze Welt war, ist und sein wird? Wollte ich etwas Besonderes hervorheben, was er gerade für mich sei, so würde ich an dem vorbeireden, was er fak­tisch gerade für mich ist! Er ist für mich im Besonderen gerade das, was er vor und außer und neben mir für Alle, für alle Christen, aber eben auch für die ganze Welt, für alle Menschen ist. Nicht mehr und nicht weniger, nichts Apartes also, als in Wahrheit gerade das auch für mich.

Jesus Christus ist der Grund des Bundes, der Gemein­schaft, der unauflöslichen Zusammengehörigkeit von Gott und Mensch. Ich bin auch ein Mensch. So ist er der Grund dieses Bundes auch für mich.

Jesus Christus hat sich den Christen in der Einmalig­keit seiner Existenz offenbar gemacht als das allen Men­schen überlieferte freie Geschenk dieses Bundes. Ich darf auch ein Christ sein. So ist er auch mir offenbar als Er­weis der in diesem Bund handelnden, auch mir gegen­über freien, aber auch mich befreienden Gnade Gottes.

Jesus Christus hat in seinem Leben und Sterben die Sünde der Welt und der Kirche getragen und hinweg­getragen. Indem auch ich ein Angehöriger der in ihm mit Gott versöhnten Welt und ein Glied der von ihm zusam­mengerufenen Kirche bin, darf auch ich im Licht der allen Verfehlungen der Welt und der Kirche trotzenden Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes leben und ster­ben.

Jesus Christus hat sein Werk in der Gestalt der für die Welt und für die Kirche geschehenen Geschichte seines versöhnenden Lebens und Sterbens vollbracht. Als An­gehöriger der Welt und als Glied der Kirche darf auch die Geschichte meines Lebens als Mensch und Christ allem dem Widersprechenden zum Trotz die Geschichte meiner eigenen Rechtfertigung durch Gott und meiner eigenen Heiligung durch Gott werden.

Jesus Christus ist als der von den Toten Auferstan­dene die Verheißung, daß der Sieg seines Lebens und Sterbens durch ihn einst endgültig und allgemein offen­bar werden wird. Indem ich an seinen schon geschehenen Sieg glauben darf, darf auch ich in diesem Glauben lebend und sterbend auf diese seine kommende Offen­barung hoffen: als auf die Offenbarung auch meiner in ihm geschehenen Rechtfertigung und Heiligung.

Jesus Christus ist das zu Allen gesprochene Wort Gottes. Indem auch ich einer von diesen Allen bin und indem auch ich im Glauben und in der Hoffnung auf seine Verheißung mich als einen durch sein Wort An­gesprochenen entdecken darf, bin ich ermächtigt, be­auftragt und befreit dazu, ihn mit Herzen, Mund und Händen als dieses Wort der Liebe Gottes zu bezeugen. Indem er sich für mich vor Gott verantwortlich gemacht hat, bin auch ich zur tätigen Beantwortung des an Alle gerichteten Wortes Gottes bestimmt.

Das ist es, was Jesus Christus für mich (auch für mich!) ist.

Antwort auf die von einer Pariser Zeitschrift vorgelegte Frage nach einem «Zeugnis» von dem, wer und was ihm Jesus Christus sei. Erschienen auf Französisch im November 1968 in «La Table Ronde», Nr. 250, 14f.

Quelle: Karl Barth, Letzte Zeugnisse, Zürich: EVZ, 1969, S. 7-9.

Hier der Text als pdf.

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