Von der Hinrichtung des Leipheimer Pfarrers Hans Jakob Wehe
Der Schreiber des Truchsessen Georg von Waldburg – möglicherweise sein Kaplan – war von diesem mit der Abfassung seiner Biographie beauftragt, die auf die Truchsessen-Chronik des Matthäus von Pappenheim abgestimmt wurde. Für seine Lebensgeschichte hatte Georg Truchsess selbst eine Konzeption erstellt. Der zweite Teil seiner Biographie war ausschließlich dem Bauernkrieg gewidmet. Aufschlussreich, wenn nicht irritierend ist die Darstellung der Hinrichtung des Leipheimer Pfarrers Hans Jakob Wehe nach der verlorenen Schlacht bei Leipheim am 5. April 1525, die der Schreiber des Truchsessen im Stile einer Märtyrerakte mit Bezug auf Jesu Sterbensworte am Kreuz erzählt:
Die Bürger und Bauern wurden in beiden Städten [Leipheim und Günzburg] in die Kirchen eingesperrt. Am nächsten Morgen wurden die Anführer, sechs oder sieben, herausgeführt und zusammen mit ihrem Hauptmann, dem Pfarrer oder Prediger von Leipheim [Hans Jakob Wehe], enthauptet.
Als der Pfarrer hinausgeführt und gerichtet werden sollte, sagte Herr Georg: „Pfarrer, ihr hättet uns und euch selbst gedient, wenn ihr das Wort Gottes, wie es euch gebührte, gepredigt und den Frieden verkündet hättet; dann wärt ihr jetzt nicht in dieser Not und sicher vor mir.“
Der Pfarrer antwortete: „Gnädiger Herr, mir geschieht Unrecht, ich habe nichts Aufrührerisches gepredigt, sondern das göttliche Wort.“
Der Truchsess entgegnete: „Ich habe anderes erfahren, wenn ihr ein evangelischer Mann wäret, hättet ihr die Leute nicht zum Stehlen und Nehmen angestiftet. Darum richtet eure Sache vor Gott.“
So wurde der Pfarrer als Letzter gerichtet. Als er nun in den Ring kam, fragte ihn Herr Georgs Kaplan, ob er beichten wolle. Der Pfarrer sagte: „Nein“ und fügte hinzu: „Liebe Herren, ich bitte euch, dass ihr euch nicht an mir ärgert, dass ich nicht beichte, denn ich habe Gott, meinem himmlischen Vater, gebeichtet, der mein Herz besser kennt als jeder andere.“
Bevor das Urteil vollstreckt wurde, tröstete der Pfarrer seine Untertanen und sprach: „Seid getröstet, denn heute werden wir im Paradies vereint sein.“ [vgl. Lukas 23,43]
Dann erhob er seine Augen und sprach: „Allmächtiger Gott, ich danke dir, dass ich um deines göttlichen Wortes willen sterben soll, und dass du mich aus diesem Jammertal zu dir nehmen willst, nicht wegen des göttlichen Wortes, sondern wegen des Aufruhrs.“
Danach begann er, einen lateinischen Psalm zu beten: „In te, Domine, speravi“ [Psalm 31,2], und sagte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, nicht weil ich so gerecht sein will, sondern wegen ihrer Unwissenheit.“ [vgl. Lukas 23,34]
Schließlich führte ihn der Scharfrichter auf den Platz, er kniete nieder und sprach: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ [vgl. Lukas 23,46], und wurde dann hingerichtet.
Hier der Text in der Originalsprache:
Die burger und pauren wurden in beeden stättlin dieselbig nacht in die kürchen gefangen gelegt bis morgens, namb man die redlinfüerer, sechs oder siben, herauß, enthaubtet die sambt irem haubtman, dem pfarrer oder prediger zue Leiphaimb. Alß man nun den pfarrer ausfüeren und richten wolte, sagt herr Georg: »Pfarrer, darvor weren ir euch und uns wol geweßen, heten ir das wort gottes, wie euch gezimbt, und den friden gebrediget, derften ir nit in der not sein, weren wol sicher vor mir.« Darauf antwort er: »Gnediger herr, mir geschieht unrecht, ich hab nichts aufrierigs geprediget, sonder das göttlich wort.« Sprach der truchsäß: »Ich hab vil anders erfaren, weren ir ein evangelisch man, ir heten den leüten das ir nit helfen entfüeren und nemmen, darumb richten eur sach zue gott.« Und richtet man die redlinfüerer am ersten und den pfarrer am letsten. Alß er nun in den ring kame, fragt ine herr Georgen caplon, ob er beichten wolte, sagt er: »Nein« und dabey: »Lieb herrn, ich bit euch, daß ir euch ob mir nit ergeren wölten, daß ich nit beicht, dann ich hab gott, meinem himlischen vatter, gebeicht, der mein herz baß, dann niemants anderer, erkent,« und vor dem, ehe man anfieng richten, tröstet der pfarrer seine underthonen und sprach: »Seyet getröst, dann heut wollen wür bein ainandern sein im paradeys,« huebe also seine augen auf und sprach: »Großmächtiger gott, ich sag dir lob ünd danck, daß ich umb deines göttlichen worts willen sterben soll, und du mich auß disem Jammertal zue dir nemen wilt, nit um das gottswort, aber umb der aufrur willen.« Darnach hueb er an ein lateinischen psalmen zue betten: »In te domine speravi«, und sprach: »Vatter, vergib inen, dann sie nit wüssen, waß sie thuen, nicht darumb, daß ich so gerecht welle sein, sonder ir unwüssen halb.« In dem füeret ine der maister auf den platz, kniet nider und sprach: »Vatter, in deine hend bevelche ich meinen gaist«, und warde also gericht.
Quelle: Ausfuerliche, aigentliche beschreibung des jämmerlichen und gefärlichen aufstandes und rebellation des gemainen paursmann in vast dem gantzen hayligen römischen reich teütscher nation, anno 1524 und 1525 fürgangen, und wie sie widerumb durch kriegsverstendigen und zuesamenhaltung des punts in Schwaben zuer gehorsambe gebracht, in: Franz Ludwig Baumann (Hrsg.), Quellen zur Geschichte des Bauernkriegs in Oberschwaben (Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart 129), Tübingen 1876, S. 552f.