Julian Barnes, Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn (Nichts, was man fürchten müsste): „Glauben heißt, genau das für wahr zu halten, was allen Regeln nach ’nicht geschehen sein kann‘. Die Jungfrauengeburt, die Auferstehung, ein Leben nach dem Tode. Nach allem, was wir wissen und verstehen, kann es nicht geschehen sein. Aber es ist geschehen. Oder es wird geschehen.“

Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn (Nichts, was man fürchten müsste)

Von Julian Barnes

Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn. Das ist meine Antwort auf einschlägige Fragen. Ich habe meinen Bruder, der in Oxford, Genf und an der Sorbonne Philosophie ge­lehrt hat, um seine Meinung zu diesem Satz gebeten, ohne zu verraten, dass er von mir stammt. Er befand kurz und bündig: „Sentimentaler Quatsch.“

Einmal war ich Gast bei einer BBC-Radio-Sendung, wo Platten vorgestellt werden, die man mit auf eine einsame Insel nimmt. Ich hatte mir dort das Requiem von Mozart gewünscht. Hinterher rief meine Mutter an und sprach mich darauf an, dass ich mich in der Sendung als Agnostiker bezeichnet hat­te, also als jemanden, der ein­fach nicht weiß, ob es einen Gott gibt, der diese Frage nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten kann oder möchte. Sie meinte, das habe Dad auch immer getan – sie hingegen sei Atheistin. Bei ihr klang das so, als sei Agnos­tizismus eine windelweiche li­berale Haltung, während der Atheismus sich ehrlich zur knallharten Realität des freien Marktes bekannte.

„Was soll eigentlich dieses ganze Tamtam um den Tod?“, fuhr sie fort. Ich erklärte, mir widerstrebe eben der Gedan­ke daran. „Du bist genau wie dein Vater“, entgegnete sie.

„Ich bin ständig in Kirchen – aber aus architektonischen Gründen.“

„Vielleicht liegt es an deinem Alter. Wenn du mal so alt bist wie ich, macht dir das nicht mehr viel aus. Ich habe mein Leben sowieso hinter mir. Und denk nur ans Mittelalter – da war die Lebenserwartung wirklich gering. Heute werden wir siebzig, achtzig, neunzig Jahre alt. Die Leute glauben nur an die Reli­gion, weil sie Angst vor dem Tod haben.“ Das war typisch für meine Mutter: hellsichtig, schulmeisterlich und keine andere Meinung gelten lassend.

Ich hatte keinen Glauben, den ich verlieren konnte, nur einen Widerstand, der sich heroischer anfühlte, als er tatsäch­lich war, und sich gegen das mit einer englischen Erziehung einhergehende milde Regime der Gottesverweise richtete: Bibelunterricht, morgendliche Gebete und Choräle, der all­jährliche Erntedank-Gottesdienst in der St. Paul’s Cathe­dral. Und damit hatte es sich auch schon, wenn man von der Rolle des zweiten Schäfers in einem Krippenspiel an meiner Grundschule absieht. Ich wurde nie getauft, nie in die Sonn­tagsschule geschickt. Ich habe mein Leben lang nie einen normalen Gottesdienst besucht. Ich gehe zu Taufen, Hoch­zeiten und Beerdigungen. Ich bin ständig in Kirchen, aber aus architektonischen Gründen und im weiteren Sinne, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was einst englische Wesensart ausmachte.

Ich war schon älter, als ich den letzten Rest – oder die Mög­lichkeit – einer Religion endgültig aufgab. Wenn ich als Jugend­licher im häuslichen Bad über einem Buch oder einer Zeitschrift hockte, redete ich mir immer ein, es könne gar keinen Gott ge­ben, denn die Vorstellung, er würde mir beim Onanieren zu­schauen, war absurd; noch absurder war die Vorstellung, alle meine toten Ahnen seien in einer Reihe angetreten und schau­ten ebenfalls zu. Ich hatte auch andere, rationalere Argumente, doch mit diesem durchschlagend überzeugenden Gefühl war Gott erledigt – was natürlich auch in meinem eigenen Interesse lag. Der Gedanke, dass Grand­ma und Grandpa beobachte­ten, was ich da trieb, hätte mich ernstlich aus dem Takt gebracht.

Wenn ich mich als glückli­chen Atheisten bezeichnete, sollte das Adjektiv nur auf die­ses Substantiv bezogen werden und sonst nichts. Ich war glück­lich, nicht an Gott zu glauben; ich war glücklich, dass ich mit dem Studium so weit gut vor­ankam; aber das war auch ungefähr alles. Ich wurde von Ängsten verzehrt, die ich zu verbergen suchte. Trotz meiner intellektuellen Fähigkeiten (wobei ich argwöhnte, ich sei vielleicht nur ein geübter Examensbesteher) war ich sozial, emotional und sexuell unter­entwickelt. Und wenn ich glücklich war, von Old Nobodaddy (Gott) befreit zu sein, stimmten mich die Konsequenzen daraus nicht fröhlich. Kein Gott, kein Himmel, kein Leben nach dem Tode; damit bekam der Tod einen ganz anderen Stellenwert.

Während meiner Studienzeit verbrachte ich ein Jahr in Frankreich und unterrichtete an einer katholischen Schule in der Bretagne. Zu meiner Überraschung waren die Priester dort menschlich so verschieden wie Bürger in Zivil. Einer züchtete Bienen, ein anderer war Druide; einer wettete bei Pferderennen, wieder ein anderer war Antisemit; ein junger Priester sprach mit seinen Schülern über Onanie. Ich weiß noch, wie schockiert die Runde am Refektoriumstisch war, als der sub­versive Père Marais den druidischen Père Calvard in eine Debatte darüber verwickelte, auf welches ihrer Heimatdörfer zu Pfingsten der qualitativ bessere Heilige Geist ausgegossen würde. Es gab dort auch einen gewissen Père Hubert de Goësbriand, ein schlich­tes Gemüt, aber ein gutmütiger Kerl; er hätte seinen prachtvollen bretonischen Adelsnamen in der Lotterie gewonnen haben kön­nen, so wenig passte er zu ihm. Père de Goësbriand war Anfang fünfzig, dicklich, schwerfällig, kahlköpfig und taub.

De Goësbriand hatte gerade sein fünfundzwanzigjähriges Priesterjubiläum gefeiert und eine sehr direkte Glaubensauf­fassung. Er war entsetzt, als er eines Tages ein Gespräch zwi­schen Père Marais und mir mit anhörte und feststellen musste, dass ich nicht getauft war. Pauvre Hubert machte sich sogleich Sorgen um mich und legte mir die fatalen theologischen Folgen dar: Als Ungetaufter hätte ich keine Chance, in den Himmel zu kommen. Vielleicht lag es an meinem Außenseiterstatus, dass er mir manchmal die Frustrationen und Restriktionen des Priesterlebens anvertraute. Einmal bekannte er verhalten: „Sie glauben doch nicht, ich würde das alles auf mich nehmen, wenn ich am Ende nicht in den Himmel käme?“

Damals war ich halb beeindruckt von solch praktischem Den­ken, halb entsetzt über ein in vergeblicher Hoffnung vergeude­tes Leben. Dabei stand Père de Goësbriands Rechnung in einer großen Tradition, und ich hätte sie als eine Alltagsausgabe der berühmten Pascalschen Wette erkennen können. Diese Wette klingt ganz einfach. Wenn man an Gott glaubt, und es stellt sich heraus, dass es Gott gibt, hat man gewonnen. Wenn man an Gott glaubt, und es stellt sich heraus, dass es keinen Gott gibt, hat man verloren, aber längst nicht so hoch, als wenn man nicht an Gott geglaubt hätte und nach dem Tod feststellen müsste, dass es ihn doch gibt. Das mag weniger eine Beweisführung sein als vielmehr eine eigennützige Interessenvertretung; allerdings geht die Hauptwette auf die Existenz Gottes mit einer zweiten, zeit­gleichen Wette auf das Wesen Gottes einher. Was wäre, wenn Gott nicht so ist, wie man ihn sich vorstellt? Wenn er zum Beispiel etwas gegen Spieler hat, besonders gegen solche, deren vorgeblicher Glaube an ihn auf einer Hütchenspielermentalität beruht? Und wer entscheidet darüber, wer gewinnt? Wir nicht – wo­möglich liebt Gott ja den ehr­lichen Zweifler mehr als den berechnenden Schleimer.

Ein andermal hört sich die Wette fast nicht mehr nach einer Wette an: „Glaube du! Es schadet nicht.“ Diese verwässerte Fassung, das matte Gemurmel eines Menschen mit metaphysischen Kopfschmerzen, stammt aus Witt­gensteins Aufzeichnungen. Wenn man selbst ein Gott wäre, fän­de man so eine lauwarme Rückenstärkung wohl nicht sonderlich eindrucksvoll. Wahrscheinlich ist es zuweilen wirklich so, dass es „nicht schadet“ – es ist nur nicht wahr, und das mag manch einer für einen absoluten, unbestreitbaren Schaden halten.

Wenn ich mich mit zwanzig als Atheist bezeichnete und mit fünfzig und sechzig als Agnostiker, heißt das nicht, dass ich in der Zwischenzeit mehr Wissen erlangt hätte – nur ein größeres Bewusstsein meiner Unwissenheit. Wie können wir sicher sein, dass wir genug wissen, um zu wissen? Als neodarwinistische Materialisten des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind wir der Überzeugung, Bedeutung und Mechanismen des Lebens seien erst seit dem Jahr 1859 völlig geklärt, und halten uns kategorisch für klüger als die leichtgläubigen Betschwestern und Betbrüder, die noch vor kurzem an eine göttliche Vorsehung, eine heile Welt, die Auferstehung und ein Jüngstes Gericht glaubten. Heu­te sind wir zwar besser informiert, aber deshalb nicht höher entwickelt und ganz bestimmt nicht intelligenter als sie. Was macht uns so sicher, dass unser Wissen endgültig ist?

Einige Wissenschaftler meinen, wir werden die Geheimnisse des Bewusstseins nie vollständig entziffern, da uns zum Ver­ständnis des Gehirns nichts anderes zur Verfügung steht als das Gehirn selbst. Vielleicht geben wir die Illusion eines freien Willens nie auf, weil wir den Glauben daran nur durch einen Akt des freien Willens aufgeben könnten, den wir nicht haben. Wir werden weiterhin so leben, als wären wir der alleinige Herr über alle unsere Entscheidungen.

Gott zu vermissen ist für mich etwa so, wie Engländer zu sein – ein Gefühl, das sich vor allem bei Angriffen ein­stellt. Wenn mein Land beschimpft wird, regt sich ein schlafender, um nicht zu sagen narkoleptischer Patriotismus in mir. Und wenn es um Gott geht, fühle ich mich von atheisti­schem Absolutismus eher provoziert als etwa von der oft scha­len, zögerlichen Zuversicht der Kirche von England. Vor ein paar Monaten war ich bei Nachbarn zum Essen eingeladen. Es wurden mehrere Gespräche gleichzeitig geführt, als plötzlich ein paar Plätze weiter ein Streit ausbrach und ein junger Mann (der Sohn des Hauses) sarkastisch ausrief: „Aber warum sollte Gott das für seinen Sohn tun und für uns andere nicht?“ Un­willkürlich riss ich mich grob aus meiner eigenen Unterhaltung heraus und schrie zurück: „Weil er Gott ist, Herrgott noch mal!“ Die Sache zog Kreise; mein Gastgeber, ein notorischer Rationalist, sprang seinem Sohn bei: „Es gibt ein Buch darüber, dass Menschen die Kreuzi­gung überlebt haben; manch­mal waren sie gar nicht tot, wenn man sie abnahm. Die Zenturionen waren bestech­lich.“ Ich: „Was hat denn das damit zu tun?“ Er (verzweifelt rationalistisch): „Es geht dar­um, dass es nicht geschehen sein kann. Es kann nicht ge­schehen sein.“ Ich (angesichts dieser Rationalität rational verzweifelt): „Aber das ist es doch gerade – dass es nicht ge­schehen sein kann. Der Punkt ist, für Christen ist es so ge­schehen.“

Solche wissenschaftlichen Einwände und „Erklärungen“ – Jesus ist nicht „wirklich“ über das Wasser gewandelt, sondern über eine dünne Eisdecke, die unter bestimmten meteorologischen Bedingungen … – hätten mich in meiner Jugend überzeugt. Jetzt erscheinen sie mir irrelevant. Wie Strawinski sagte, bedeutet ein logisch be­gründeter Beweis (wie auch eine ebensolche Widerlegung) in der Religion nicht mehr als Kontrapunkt-Übungen in der Musik. Glauben heißt, genau das für wahr zu halten, was allen Regeln nach „nicht geschehen sein kann“. Die Jungfrauengeburt, die Auferstehung, Mohammeds Aufstieg in den Himmel, bei dem er einen Fußabdruck im Fels hinterlässt, ein Leben nach dem Tode. Nach allem, was wir wissen und verstehen, kann es nicht geschehen sein. Aber es ist geschehen. Oder es wird geschehen. (Oder natürlich, es ist ganz sicher nicht geschehen und wird auch gewiss nicht geschehen.)

Auszüge aus dem Buch „Nichts, was man fürchten müsste“ (aus dem Englischen übersetzt von Gertraude Krueger), erschienen 2010 im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Hier der Text als pdf.

Hinterlasse einen Kommentar