Helmut Gollwitzer zu Karl Barths 75. Geburtstag 1961: „So möchte er nichts anderes tun, als diese überwältigende Geschichte nacherzählen, – angemessen nacherzählen, so dass sie nicht verkleinert, nicht entstellt, nicht verflacht wird, sondern die Hörender ebenso ergreift, erschreckt, erfreut und verwandelt, wie es den erster Hörern geschehen ist. Er wundert sich, dass man neben dieser unvergleichlichen Geschichte noch anderes mit gleicher Aufmerksamkeit hören kann; er möchte der Kirche bewusst machen, dass sie nichts Schöneres, Größeres, Hoffnungsvolleres tun kam, als von dieser Geschichte zu leben und ihr zu dienen: der Geschichte des Angriffs der Liebe Gottes auf seine Menschheit, wie sie mit der Anrede Gottes an Israel angefangen, – in der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi ihre Mitte gefunden hat. Sie ist die Offenbarung der letzten Wirklichkeit der Welt, des wahren Sinnes des Daseins, und zwar für alle. Darum ist sie nicht eine Kirchen-, sondern eine Weltangelegenheit und die Kirche hat sie nicht für sich zu behalten und gegen andere Menschen zu. verteidigen, sondern in Angriff hinauszutragen und alle Menschen damit zu belästigen und zu erfreuen.“

Zu Karl Barths 75. Geburtstag am 10. Mai 1961

Von Helmut Gollwitzer

Der große Theologe, der heute 75 Jahre alt wird, schrieb als junger schweizerischer Pfarrer seinem Freunde und bleibendem Weggefährten Eduard Thurneysen ins häusliche Gästebuch folgenden Vers:

„Wir wollen pilgernd unter Andern,
in unserer Art beharrlich sein.
Vermutlich stellt sich dann im Wandern
des längeren Atems Vorzug ein.“

Der Vers verrät kein geringes Selbstbewusstsein. Liest man Barths Briefe aus jener Frühzeit, so stellt sich freilich heraus, dass es vor allen aus den Gefühl tiefen Ungenügens entstand; was diese beiden unterschied von vielen anderen, war das Empfinden durch die zeitgenössische Theologie unzulänglich ausgerüstet zu sein für die außerordentliche Aufgabe, anderen Menschen etwas zu sagen zu sollen vom Christentum, von Gott, von Jesus Christus, – noch dazu etwas sagen zu sollen von der Kanzel herunter, also mit dem befremdlichen Anspruch, der mit einer solchen Rede im Talar, im Gottesdienst, mit Glockengeläute und Berufung auf die Bibel ver­bunden ist. Es war das Empfinden eines erschreckenden Missverhält­nisses zwischen dem, was man zu sagen wusste, und dem, was man sagen sollte, das Empfinden für die Fremdheit, Ungeheuerlichkeit, für die unerreichbare Größe dessen, wovon in der Bibel die Rede ist. Es war in aller Munde – und doch schien das, was als Christen­tum in aller Munde war, meilenweit entfernt zu sein von dem, was die Propheten und Apostel erfüllte. „Wer von uns ist in der Lage ‚Jesus Christus‘ zu sagen?“ rief der junge Barth in einem Vortrag aus. Aber immerhin, es war auch Selbstbewusstsein enthalten in jenem Verse, das Selbstbewusstsein solcher, die inmitten von Ahnungslos-Geschäftigen wenigstens eine Ahnung von der Größe und Überlegenheit der Sache hatten, mit der sie die anderen so munter umgehen sahen, als sei sie allbekannt und ohne weiteres zugänglich. Ein Jahrzehnt später, 1926, nach Jahren ernster, unerbittlicher Bemühung um besonderes Verständnis dessen, worum es im Christentum eigentlich geht, trug Barth, inzwischen Theologieprofessor in Münster i. W., ins gleiche Gästebuch eine Korrektur des alten Verses ein in Gestalt der sehr viel bescheideneren, aber nun in anderer Art zuversichtlicher Verse:

„Wir wollten, pilgernd unter Andern
in unserer Art beharrlich sein.
Da stellten alsgemach beim Wandern
auch uns sich Atemnöte ein.

Wir wandern nun in Mittagshitze;
es wird nicht mehr so viel gelacht,
und stumpf ist manches Hornes Spitze,
von dem wir einst Gebrauch gemacht.

Der liebe Gott lässt uns zu Zeiten
‚in unserer Art beharrlich sein‘.
Dann zeigen sich die Schattenseiten,
dann tritt die nötige Dämpfung ein.

Doch soll die Dämpfung uns nicht mindern
die bessere Wanderzuversicht:
Es scheint den Sündern, scheint den Kindern
beharrlich neu das alte Licht.“

Die Beharrlichkeit, auf die jetzt vertraut wird, ist nicht mehr die der eigenen Art, sondern die des über Sündern und Kindern leuchtenden Lichtes. Es droht nicht mehr die Arroganz, der Fanatismus, die Humorlosigkeit als Kehrseite des Besserwissers; die Schwierigkeit der Aufgabe hat sich in der Arbeit an ihr erst ganz herausgestellt; das hatte die Freude an ihr nicht gedämpft, aber es hatte bescheiden gemacht und das Vertrauen auf die eigene Leuchtkraft jenes Lichtes verhalf zur Humor gegenüber der eigenen Leistung und Bemühung. Als wir einmal als Studenten Karl Barth zum Semesterschluss mit der Uraufführung eines historischen Dramas überraschten, das er selbst als 15jähriger verfasst hatte, weinte er in seiner Dankesrede, er könne sich denken, dass die Engel im Himmel beim Blick auf seine „Kirchliche Dogmatik“ ein ebenso wohlwollend-nachsichtiges Lächeln ankäme wie uns soeben beim Anhören der Schiller-imitierenden Jamben des kindlichen Dramatikers. Das Lachen der Engel kommt nicht selten in Barths Randbemerkungen vor, und dass der Mensch lachen kann und darf, ist ihm nicht wenig wichtig. Gegenüber tiefernsten theologischen Auslegern dessen, was mit dem Ausdruck von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen gemeint sein könnte, kann er in seiner Dogmatik seufzend ausrufen: „O, dass keiner dieser Apologeten es für der Erwähnung würdig hielt, dass unter allen Wesen anscheinend nur der Mensch zu lachen und zu rauchen pflegt!!“

Mit gedämpftem Selbstbewusstsein, mit dem Humor der Beschei­denheit, in der Dankbarkeit dessen, der weiß, dass er mit seiner Theologie nicht der Atlas ist, der die Sache Gottes auf Erden auf seinen Schultern zu tragen hat, sondern froh sein muss, ihr, die sich selbst trägt, einen geringen Dienst leisten zu dürfen, – so wird heute der 75jährige die Glückwünsche von Menschen aus aller Welt empfangen, denen seine Schriften und Predigten wegweisend geworden sind, und selbst zurückblicken auf ein Lebenswerk, das ihn neben die größten Denker der Christenheit stellt, das seinen Namen tief eingegraben hat in die Kirchen- und die Geistesgeschichte des 20. Jahrhundert und das seine Krönung gefunden hat in den vorerst 12 Bänden seiner monumentalen „Kirchlichen Dogmatik“.

„Wird man von mir wohl je sagen können, dass ich meine Wissenschaft beherrsche, oder werde ich unter all den achtbaren Gelehrten, von denen ich umgeben bin, immer nur dieser schweifende Zigeuner sein, der nur ein paar verlöcherte Kessel sein eigen nennt und dafür gelegentlich ein Haus anzündet“, – so schreibt er 1921 zu Beginn seiner Professorenlaufbahn in einem Brief. Seine Aus­legung des Römerbriefes, auf die hin man ihn vom schweizerischen Pfarrhaus auf den Lehrstuhl geholt hatte, war tatsächlich nicht ein professoraler Kommentar, sondern eher ein Feuerbrand, in das altehrwürdige Kirchengebäude hineingeschleudert, um es in Flammen aufgehen zu lassen samt dem Schwamm, der die Balken befallen und die Luft modrig gemacht hatte. Als er dann nicht weiter mit Brän­den um sich warf, sondern Theologie als strenges Nachdenken über Inhalt und Sinn der christlichen Botschaft, ja schließlich sogar den großen Aufbau einer Dogmatik unternahm, wandten sich viele, die Sensationelles vermutet hatten, enttäuscht von diesem vermeintlichen Rückfall in Orthodoxie ab; er selbst aber schrieb dazu: „Blicke ich auf meinen Weg zurück, so komme ich mir vor wie einer, der, in einem dunklen Kirchturm sich treppaufwärts tastend unvermutet statt des Geländers ein Seil ergriffen, das ein Glockenseil war, und nun zu seinem Schrecken hören musste, wie die große Glocke über ihm soeben und nicht nur für ihn bemerkbar angeschlagen hatte. Er hatte das nicht gewollt und er kann und wird das nicht wiederholen wollen. Er wird, betroffen über das Ereignis, so behutsam wie möglich weitersteigen.“ Er wusste, Prophet kann man nicht sein wollen, prophetische Bedeutung nicht aufs Programm nehmen; er manifestierte seine Erkenntnis von der Höhe und Größe dessen, worum es im Christentum geht, gerade damit, dass er den bescheidenen, entsagungsreichen Dienst des Theologen wählte und so behutsam wie möglich weiterstieg. Durch diesen seinen Dienst hindurch hat dann die christliche Botschaft sich immer wieder mit prophetischer Kraft zu Worte gemeldet und dadurch vielmehr als durch die imponierende wissenschaftliche Leistung ist Barths Name so wichtig für die heutigen Weg der Kirche und für unsere heutigen geistigen Auseinandersetzungen geworden.

Worum ging es ihm? Kein Ismus, keine spezielle Idee, kein besonderes System ist zu nennen. Er hat, wie jeder Denker, seine Eigenheiten, seine Lieblingsgedanken, aber um sie geht es ihm nicht. Sein Denken kommt aus dem Staunen, ist nichts anderes als gebanntes Staunen über das, wovon in den Schriften des Alten und Neuen Testamentes die Rede ist. Nichts anderes auf Erden kommt für ihn dieser Botschaft gleich, keiner unserer möglichen Begriff genügt um sie auszusagen; sie hat ihn gefangen, sie möchte er verstehen, sie umkreist er mit allen seiner Gedanken – und da es sich bei ihr nicht eigentlich um Lehren, um Ideen handelt, sondern vielmehr um eine Geschichte, die vor vielerlei Zeugen berichtet wird, so möchte er nichts anderes tun, als diese überwältigende Geschichte nacherzählen, – angemessen nacherzählen, so dass sie nicht verkleinert, nicht entstellt, nicht verflacht wird, sondern die Hörender ebenso ergreift, erschreckt, erfreut und verwandelt, wie es den erster Hörern geschehen ist. Er wundert sich, dass man neben dieser unvergleichlichen Geschichte noch anderes mit gleicher Aufmerksamkeit hören kann; er möchte der Kirche bewusst machen, dass sie nichts Schöneres, Größeres, Hoffnungsvolleres tun kam, als von dieser Geschichte zu leben und ihr zu dienen: der Geschichte des Angriffs der Liebe Gottes auf seine Menschheit, wie sie mit der Anrede Gottes an Israel angefangen, – in der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi ihre Mitte gefunden hat. Barths sogenannter Christozentrismus ist nichts anderes als der theologische Ausdruck seines Gebanntseins und Erfülltseins von dieser Geschichte. Sie ist die Offenbarung der letzten Wirklichkeit der Welt, des wahren Sinnes des Daseins, und zwar für alle. Darum ist sie nicht eine Kirchen-, sondern eine Weltangelegenheit und die Kirche hat sie nicht für sich zu behalten und gegen andere Menschen zu. verteidigen, sondern in Angriff hinauszutragen und alle Menschen damit zu belästigen und zu erfreuen.

So bringt Barth keine Sonderlehre, sondern will nur auf seine Weise klarstellen, was, wie er einmal schreibt, „für jeden Christen wissbar und von jedem wirklichen Christen auch faktisch gewusst ist“. Es konnte aber dabei das Sensationelle nicht aus­bleiben. Vor die Dynamik ihrer eigenen Sache gestellt, befragt, ob sie diese ungeheuerliche, fremde und umstürzende Botschaft denn selber glauben, ernstnehmen, es mit ihr ohne Abstriche wagen wol­len, reagierten viele kirchliche Zeitgenossen in leidenschaftlicher Abwehr und verschanzten sich hinter politischen oder konfessionellen Barrikaden, Er sehe es als seine Hauptaufgabe an, den Barthianismus zu vertreiben, erklärte noch 1945 ein führender Vertreter des deutschen Protestantismus. Barth ist allen unbequem, den Westlern und den Ostlern, immer aber vor allem denen, die aus dem Christentum eine Sache machen, die man besitzt, deren man sich gegen andere rühmen kann, eine Parteisache der Frommen, der bürgerlichen Gesellschaft, die der christlichen Botschaft den Stachel rauben wollen, mit der sie sich immer zuerst gegen die Christen selbst wendet, und. damit auch die Freude, die sie für alle Gott­losen und Gottverlassenen bereithält,

„In was für eine Erdbebensphäre sind wir, ahnungslos genug, hineingeraten mit dem Moment, wo wir das Neue Testament ein klein wenig anders, genauer glaubten lesen zu sollen als unsere Lehrer, die doch auch Ehrenmänner waren“, schreibt der junge Barth 1921 in einem Brief. In dieser Erdbebensphäre ist er geblieben, auch wenn er im Laufe der Zeit mehr vom freudigen als vom erschreckenden Charakter dieses Bebens zu sagen wusste. In der Scheinchristlichkeit des offiziellen Christentums scheut man dieses Erdbeben. Aber man kann das Christentum nur so oder gar nicht haben, so beunruhigend, aller Domestizierung zur Staatsreligion sich entziehend, uns zu immer neuen Abenteuern der Liebe rufend, die Kirche aufscheuchend und die Gottlosen einladend. Dafür ist Karl Barth ein langes Leben mit unerbittli­chem Ernst, in demütiger Treue und eben darum auch mit erquickendem Humor eingetreten und dafür wird ihm heute von vielen gedankt.

Rundfunkvortrag aus Anlass des 75. Geburtstags von Karl Barth, gesendet im Norddeutschen Rundfunk am 10. Mai 1961 zwischen 22.45 und 23.05 Uhr.

Quelle: Karl-Barth-Archiv Nr. 7365.

Hier der Text als pdf.

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