Eberhard Jüngel, Ein Geheimnis, das immer intensiver wird. Vorerwägungen, angeregt von Martin Luther: „Je mehr wir Gott als Geheimnis der Welt bedenken, desto geheimnisvoller wird er. Und je geheimnisvoller er wird, desto notwendiger ist es, Gott neu zu denken.“

Ein Geheimnis, das immer intensiver wird. Vorerwägungen, angeregt von Martin Luther

Von Eberhard Jüngel

Er hat gedacht. Und wie! Martin Luther hat nachgedacht. Er hat Gott nachgedacht. Und er hat, indem er Gott nachdachte, neu zu denken begonnen.

Aber wie ist das möglich? Und ist das überhaupt möglich: Gott zu denken? Und nun auch noch neu?

„Gottes Wege sind und bleiben unverständlich“ heißt es in einer englischen Fernsehserie, deren Folgen nicht nur die Queen gern sieht, sondern die auch ich regelmäßig anzuschauen versuche. Doch nicht nur bei Inspector Barnaby bekommt man dergleichen zu hören. Selbst in der Bibel muss man dergleichen lesen: „religiöse Vorbehalte“ gegen die Erkennbarkeit des Gottes, dessen Wege angeblich unverständlich sind und bleiben.

Spätestens seit der Auferstehung Jesu Christi denken die Glaubenden anders. Jesus Christus provoziert dazu, Gott neu zu denken, ja Gott nicht nur neu, sondern ihn überhaupt zu denken. Was aber heißt denken? Denken wir dasselbe, wenn wir das Denken denken? Und was heißt neu? Wird, was als alt gilt, obsolet, wenn sich Neues ereignet?

Erinnern wir uns: Einst – und nicht selten auch heute noch – war Denken eine Weise des Erkennens, das seinerseits darauf bedacht war, festzustellen, was (der Fall) ist. Feststellen aber ist auf Aussagen bedacht. In diesem Sinne Gott zu denken – das erschien dem selbstkritischen abendländischen Denken unmöglich. Denn Gott ist nicht feststellbar und also auch nicht definierbar. Deus definiri nequit wurde in der metaphysischen Tradition des abendländischen Denkens immer wieder beteuert. Als unsagbar und unbegreifbar wurde das Göttliche behauptet (vgl. Johannes Damaszenus, De fide orthodoxa I, 1).

Ist Gott doch jenseits von allem Sagbaren und Begreifbaren: „Jenseits von allen, wie anders dürfte ich dich preisen?“ (Hymnus des Gregor von Nazianz, MPG 37, 507 f). Von dieser Prämisse aus wird eine Frömmigkeit denkbar, die in ihrem religiösen Hochgefühl Gott verschweigt.

Von Martin Luthers Denkversuchen (aber nicht nur von diesen) angeregt gebe ich zu bedenken, dass Denken für die Theologie (aber nicht nur für sie) ein Nachdenken ist. Die Glaubenden denken den Wegen nach, die Gott gegangen ist.

Auf diesen seinen Wegen hat sich Gott als der Anfänger zu erkennen gegeben, der anzufangen auch als Vollender nicht aufhören wird: Gott als ewiger Anfänger, der sich freilich so zu erkennen gegeben hat, dass die Glaubenden sich in assertiones zu ihm bekennen können.

Dazu gehört die Einsicht in die Notwendigkeit rechten Unterscheidens.

Dazu gehört die Unterscheidung zwischen Gott als dem zu Denkenden und unseren Gottesgedanken, die der theologischen Selbstkritik bedürfen.

Dazu gehört die Unterscheidung zwischen dem deus revelatus und seinem opus absconditum – wobei ich statt Luthers Rede vom deus absconditus den Begriff des verborgenen Werkes Gottes für theologisch angemessen halte.

Dazu gehört die Einsicht in die Notwendigkeit, Gott neu zu denken, ohne dass das im bisherigen Nachdenken Erfahrene „überholt“ wird. Es wird vielmehr intensiver erfahren. Ist Gott doch ein Geheimnis, dessen Geheimnishaftigkeit durch Erkenntnis nicht beseitigt, sondern – das unterscheidet Geheimnis vom Rätsel – intensiviert wird. Je mehr wir Gott als Geheimnis der Welt bedenken, desto geheimnisvoller wird er. Und je geheimnisvoller er wird, desto notwendiger ist es, Gott neu zu denken.

PROF. DR. EBERHARD JÜNGEL DD war von 1969 bis 2003 Direktor des Institutes für Hermeneutik der Eberhard-Karls- Universität Tübingen.

EKD (Hg.), Gott neu vertrauen. Das Magazin zum Reformationsjubiläum 2017, Hannover 2015, S. 31.

Hier der Text als pdf.

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