Das kirchliche Wollen der Deutschen Christen. Zur Beurteilung des Angriffs von Karl Barth (Theologische Existenz heute, München 1933)
Von Emanuel Hirsch
Göttingen, den 15. u. 16. Juli 1933.
Mit Karl Barth ist für uns Deutsche Christen kein Reden. Er nennt uns »offene wilde Ketzer«. Er sieht den Wehrkreispfarrer Müller deshalb, weil er für unsere neuen Richtlinien und damit für alle unsere Irrtümer verantwortlich gezeichnet hat, als kirchlich unmöglich an: es ist ein Verstoß gegen die kirchliche Verantwortung gewesen, daß die drei Kirchenbevollmächtigten mit einem solchen Manne vertrauensvoll zusammenzuarbeiten bereit waren, sie hätten ihr Ohr gegen ihn als Theologen grundsätzlich verschließen müssen. Er spricht mit Beziehung auf uns Deutsche Christen von den »bösen Buben«, deren Verführung die Kirche widerstehen muß. Mit Karl Barth ist kein Reden für uns. Er hat sein Ohr, seiner kirchlichen Verantwortung bewußt, verschlossen.
Über Karl Barth zu den andern zu reden, bei denen er unsern guten christlichen Namen in Verruf zu bringen sich müht, ist schwer. Liest man seine Schrift, so packt einen Sehnsucht nach der Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit, mit der einst im 16. und 17. Jahrhundert die Theologen unsrer Kirche gegen Ketzerei gestritten haben. Da war jedes Urteil in harter, sauberer Arbeit begründet. Da war Klärung der strittigen Fragen möglich. Karl Barth fällt sein Aburteil über uns »ausdrücklich und nachdrücklich, aber doch nur beiläufig«. Das verträgt sich mit seiner kirchlichen Verantwortung, auf solche Weise eine kirchliche Bewegung zu erledigen, an die eine ganze Anzahl Männer um Gottes und des Evangeliums willen sich hingegeben zu haben bekennen.
Was bleibt in dieser Lage zu tun? Das Einfachste und Nächstliegendste: Rechenschaft ablegen über das eigene kirchliche Wollen, Rechenschaft ablegen über den Glauben, aus dem das Wagnis dieses Wollens kommt …
1. Die beiden Aufgaben der Kirche und die gegenwärtige geschichtliche Stunde
Es ist meines Wissens der alte Johann Tobias Beck gewesen, der unter dem Eindruck des Angriffes Sören Kierkegaards auf die bestehende Christenheit, auf die als Volksordnung aufgerichtete Kirche, zuerst die beiden Aufgaben der Kirche unterschieden und damit Gedanken aus Luthers Vorrede zur Deutschen Messe 1526 wieder lebendig gemacht hat. Einmal, aus der Verkündigung des Evangeliums soll die Gemeinde Jesu Christi werden, die, in der Freiwilligkeit des Glaubens und Liebens zusammengeschlossen, einfache christliche Ordnung gemäß dem Evangelium im christlichen Ernst unter sich verwirklicht. Karl Holl hat diese Seite der reformatorischen Anschauung von der Kirche unter das Stichwort Freiwilligkeitskirche gestellt. Dann aber ist es auch Aufgabe der Kirche, um der wirksamen Verkündigung des Evangeliums willen eine vorbereitende ethische und religiöse Zucht und Erziehung zu üben. Sie genügt dieser Aufgabe unter den gegenwärtigen Völkern dadurch, daß sie in jedem als eine möglichst alle umspannende Volksordnung sich gestaltet und so das ganze Leben und Weben in Volk und Staat mitbestimmt. Diese Seite der reformatorischen Anschauung von der Kirche ist mit dem allgemein üblichen Stichwort Volkskirche deutlich gezeichnet. Es ist nun Becks Einsicht, daß die Ordnung der Kirche als Volkskirche nicht allein vom Evangelium her bestimmt sein kann, ja sogar, daß um der Größe und der Dringlichkeit dieser Aufgabe willen darauf Verzicht geleistet werden muß, die Gemeinde Jesu Christi nach dem Evangelium als sichtliche Gemeinschaft von der großen äußern Gestalt der Kirche abzutrennen. Wie wenig Luther an solche Aussonderung gedacht hat, wie sehr er Volkskirche und Freiwilligkeitskirche gleichsam als Leib und Seele der Kirche zusammenzuklammern versucht hat, ist bekannt.
Über der Kirche, in ihren beiden Aufgaben, welche Gestalt sie sich und ihnen auch immer geben möge, steht Jesus Christus als der Herr, dem sie allein Gehorsam und Dienst schuldig ist. Es kommt aber darauf an, die Stimme dieses Herrn recht zu hören. Sie spricht nicht allein zu uns in dem biblischen Evangelium, sie spricht auch zu uns aus der Führung unseres Lebens, die wir erfahren, wenn wir im Glauben unsern Weg in der uns umgebenden Wirklichkeit zu finden suchen. Der Herr ist der Geist, und wenn er nicht der Geist wäre, der uns erleuchtet in unserm täglichen Tun und Uns-Entscheiden, dann wären wir von ihm verlassen in der Wirklichkeit unsers Daseins, dann müßten wir unser natürliches irdisches Leben dahinbringen wie die Heiden, allein geleitet durch natürliches Gesetz und natürliche Vernunft. Und was vom einzelnen gilt, das gilt auch von der Kirche. Auch sie kann die Entscheidungen über ihr Handeln, über ihre bestimmten Aufgaben in bestimmter Lage, über die diesen Aufgaben gemäße Gestalt nicht allein aus dem biblischen Worte nehmen. Sie bedarf es, daß Männer unter ihr aufstehen, die unter der Führung des Geistes ihr neue Wege und neue Werke zeigen. Daß Johann Hinrich Wichern ein solcher Mann gewesen ist, darüber dürfen sich heute alle deutschen evangelischen Christen einig sein.
Die Aufgabe, die die Kirche gemäß ihrem vorbereitenden Dienste am Volke hat, wandelt sich nun gemäß der natürlichen Art der Volkstümer und gemäß der Besonderheit der geschichtlichen Stunde ab. Zucht und Erziehung sind immer bestimmt durch die Lage. Verändert sich die geschichtliche Wirklichkeit des Volkes, in dem die Kirche steht, so wandelt sich auch die Aufgabe der Kirche an diesem Volke. Eine Kirche, welche zu bestimmter Form und Gestalt erstarrt und den Ruf, in neuer geschichtlicher Lage selber neu zu werden, nicht mehr vernimmt, eine solche Kirche ist tot.
Karl Barth schreibt in seinem Buche: »Auch eine zunächst die äußere Gestalt betreffende Kirchenreform muß aus der inneren Notwendigkeit des Lebens der Kirche selbst, sie muß aus dem Gehorsam gegen das Wort Gottes hervorgehen, oder sie ist keine Kirchenreform.« Dieser Satz ist zweideutig. Rechnet man zu der – nebenbei bemerkt, recht idealistisch klingenden – »inneren Notwendigkeit des Lebens der Kirche selbst« auch dies, daß sie Augen bekommt für neue Lagen des allgemeinen geschichtlichen Lebens in Volk und Staat und für die ihr da erwachsenden neuen Aufgaben, so ist der Satz richtig. Versteht man unter dem Gehorsam gegen das Wort Gottes auch den Gehorsam, gegen den Ruf Gottes sich der Geistesführung anzuvertrauen, die einem die Wirklichkeit des geschichtlichen Lebens deutet und die in dieser Wirklichkeit liegende konkrete Pflicht erschließt, dann ist der Satz abermals richtig. Dann aber trägt er nicht mehr die Polemik, die Karl Barth aus ihm wider die Forderung der Deutschen Christen ableitet, den Ruf Gottes in der Stunde der nationalsozialistischen Revolution, den Auftrag unsers Herrn an seine Kirche in dem großen Geschehen unsrer Tage zu hören. Diese Forderung gilt ihm ja als Ketzerei, als Abfall der Kirche von dem alleinigen Gehorsam unter das Wort Gottes. So muß man wohl annehmen, daß die alleinige Bestimmtheit der Kirche durch das Wort Gottes für ihn die Geschichtslosigkeit aller kirchlichen Ordnung bedeutet, daß kirchliche Ordnung für ihn ein aus dem Strome der Zeiten herausgeretteter heiliger ordo ist. Das ist die Leben zerstörende Geschichtslosigkeit aller Gesetzesreligion und ebenso auch alles Christentums, das aus dem Evangelium ein neues Gesetz macht.
Ich kann mir nicht denken, daß Karl Barth dieser Härte und Starre kirchlichen Gesetzt- und Geordnetseins verfallen wäre, wenn er nicht blind wäre für den großen vorbereitenden Dienst, den die Kirche am ganzen Leben des Volkes tun soll. Und ich kann mir wiederum nicht denken, daß er hier blind wäre, wenn er von der Wurzel bis zum Wipfel Deutscher wäre wie wir, wenn er das Schicksal unsers Volkes in Krieg und Niederlage und Selbstentfremdung und nationalsozialistischer Erhebung wie wir mit Zittern und mit Freude als sein eignes Schicksal erlebt hätte. Wir alle, die wir in der gegenwärtigen Stunde unsers Volkes stehn, erfahren sie wie ein Aufgehen der Sonne göttlicher Güte nach endlosen dunklen Jahren des Zorns und der Plage. Wir erfahren sie mit dem Beben der Verantwortung dafür, daß unser Volk diese seine Stunde nicht verderbe, daß es die in ihr geschenkte Möglichkeit, noch einmal neu anfangen zu dürfen, auf die rechte Weise verwirkliche. Wir dachten alle, wir wären in dem Schicksal einer Spätkultur gefangen, in der das öffentliche Leben sich auf die Ordnung der äußern Dinge beschränkt und der Gemeingeist eine religiös und sittlich neutrale Charakterlosigkeit wird. Wir dachten alle, wir müßten es tragen, daß das Ernstnehmendes allereinfachsten Gottesglaubens und das Heilighalten von Sitte und Zucht in die private Sphäre einzelner Kreise sich begrenzte, daß die großen Massen unsers Volkes in Gottlosigkeit und Zuchtlosigkeit dahingehen würden, von der christlichen Verkündigung wie durch eine Wand getrennt. Jetzt ist uns neue Hoffnung geschenkt, und unser Herz sollte uns nicht brennen, daß nun die evangelische Kirche ja sage zu dieser Stunde, daß sie die Möglichkeit, an deutscher Volksordnung und Volksart mitzuarbeiten, ergreife?
Wir haben einmal eine lieblose Kirche gehabt, die das Wort Gottes in hergebrachten Formen und Ordnungen steif und streng verkündigte, und der es kein Stachel zur Selbstbesinnung wurde, daß so viele neben ihr herliefen, ohne noch berührt zu werden von ihrem Tun. Diese Kirche hatte vergessen, daß unser Herr Jesus Christus aus dem Kreise der Frommen und Gott Gehorchenden herausgegangen war zu den Zöllnern und Huren. Der Kirchenbegriff, den Karl Barth uns zeichnet, ist die Erneuerung dieser nur noch sich selber sehenden lieblosen Kirche. Mag an vielem, was in den Kreisen der Deutschen Christen gesagt und getan wird, sich das Unreife und Gährende einer werdenden Bewegung zeigen: das Zeugnis gebe ich ihren verantwortlichen Trägern und gebe es auf Grund des Sichkennens aus gemeinsamer Arbeit, daß sie ganz und gar von einer durch Gott ihnen ins Herz gelegten großen Aufgabe ergriffen sind. Wer von uns leugnet, daß wir die Spuren des Menschlichen, Allzumenschlichen an uns tragen? Wir wären nicht evangelische Christen, wenn wir uns des vermäßen. Aber die Bewegung, die uns trägt, ist aus Glaube geboren, und das, was uns brennen macht, ist die Liebe zu unsrer Kirche und unserm Volk, daß das Evangelium in ihnen neue Lebensgestalt entbinden helfe.
So heilig und groß uns die Aufgabe ist, der wir die Kirche erschließen wollen, wir wissen es gleichwohl, daß es allein die dienende vorbereitende Arbeit der Volkskirche ist, in der wir Neues zeigen können. Das Eine und Entscheidende bleibt auch uns dies, daß das reine, lautere Evangelium verkündigt werde in unsrer Kirche. Nur im Evangelium erschließt sich Gott und sein ewiges Leben – denen, die da glauben. Nur im Evangelium wird Gottes Reich heimlich gegenwärtig, und wird es unter allen Völkern zu allen Zeiten und unter allerlei volkskirchlicher Gestalt. Ja, auch die vorbereitende Aufgabe der Erziehung, der Hinführung vor das Tor, auch sie kann nur von einer Kirche vollbracht werden, die das Evangelium verkündet. Wer uns dies unser Wissen um die Grenze aller äußern kirchlichen Gestalt, um das letzte Maß alles kirchlichen Handelns abspricht, wer uns nachsagt, wir nähmen dieses Eine und Entscheidende nicht schlechthin ernst, der redet falsch Zeugnis wider seinen Nächsten.
2. Christlicher Gottesglaube
An einer Stelle gibt Karl Barth Anlaß zu einer über die Kirchenfrage hinausgreifenden theologischen Besinnung. Er sagt: »In der Kirche ist man sich darüber einig, daß Gott für uns nirgends da ist, in der Welt ist, in unserm Raum und in unsrer Zeit ist als in diesem seinen Wort, daß dieses sein Wort für uns keinen anderen Namen und Inhalt hat als Jesus Christus und daß Jesus Christus für uns in der ganzen Welt nirgends zu finden ist als jeden Tag neu in der heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments. Darüber ist man sich in der Kirche einig, oder man ist nicht in der Kirche.« Diese Sätze erheben doch wohl den Anspruch, ein Dogma, eine Fundamentallehre auszusprechen. Sollten sie wirklich mit Recht als Fundamentallehre in der evangelischen Kirche gelten, so gehöre ich allerdings nicht in sie hinein …
Seltsam ist nun freilich dies neue Dogma. Ich kann Jesus Christus in der ganzen Welt nirgends finden als täglich neu in der heiligen Schrift? Also, wenn mich ein Tyrann ins Gefängnis geworfen und mir die Bibel weggenommen hätte – ja, dann wäre also Jesus Christus für mich einfach weg? Oder, er wäre nur insofern für mich da, als ich einzelne Stücke aus der Bibel zufällig auswendig könnte? Doch lassen wir die extremen Fälle und nehmen wir den Alltag. Wenn ich mit einem Freunde, der Christus nicht gefunden hat, rede, und such ihm Rechenschaft zu geben von meinem Glauben an das Evangelium, und brauche dabei nicht biblische Wendungen, sondern tu es mit den eignen Worten, die Gott mir gibt, – dann ist Christus für den Freund und für mich gar nicht da, und er kann ihm unmöglich dabei begegnen? Und noch etwas andres. Ich hab beim Apostel Paulus gelesen: »Ich lebe aber, doch nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir.« Das darf ich also dem Apostel Paulus nicht nachsagen, darf nicht bekennen, daß ich im Glauben einen lebendigen Herrn habe, der mir gegenwärtig ist und mich tröstet und richtet und weist? Wer so etwas sagt, der gehört nicht zu der christlichen Kirche? Es ist doch ganz gut, daß ich Grund zu der Annahme habe, daß Gott den Schlüssel zu seiner Kirche nicht in die Hände eines Menschen gelegt hat.
Aber, der Satz Barths sagt ja noch mehr. Er sagt doch auch, daß Gott selbst in der ganzen weiten Welt nirgends für mich da ist als in der heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments. Ich denke, Barth wird auf Grund seines neuen Dogmas nun Calvin nachträglich aus der christlichen Kirche ausschließen. Ich lese nämlich bei Calvin das Gegenteil von dem, was Barth sagt. Im Genfer Katechismus heißt es: »Warum nennst du Gott ferner »Schöpfer Himmels und der Erden«? Weil er sich uns in seinen Werken geoffenbart hat (Röm. 1, 20), soll er in ihnen auch von uns gesucht werden. Denn seines Wesens ist unser Geist nicht empfähig. Es ist also die Welt selbst gleichsam ein Spiegel, in welchem wir Gott anschauen können, soweit es uns zuträglich ist, ihn zu erkennen.« Und auf den ersten Blättern der Institutio lese ich: »Ein jeglicher wird durch die Erkenntnis seiner selbst nicht nur angetrieben, Gott zu suchen, sondern gleichsam mit der Hand dazu geführt, ihn zu finden.« Es ist nach dem Zusammenhang ausdrücklich die Selbsterkenntnis des uns mitgegebenen Gewissens gemeint. In ihr ist Gotteserkenntnis. Doch lassen wir Calvin. Ich fürchte, zu der christlichen Kirche, in der man sich über Karl Barths neues Dogma einig ist, gehört auch der Apostel Paulus nicht. Hat der sich doch nicht gescheut, zu den Athenern von Gott zu sagen: »Er ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns, denn in ihm leben, weben und sind wir; als auch etliche Poeten bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts« (Apostelgesch. 17, 27 u. 28). Ist etwa dem Apostel Paulus nach Barth hier eine unglückselige Konzession an den griechischen Idealismus widerfahren?
Jene Sätze Barths beruhen auf einer zwiefachen Verwechslung. Es ist allerdings unveräußerliches Herzstück christlicher Verkündigung, daß wir allein im Glauben an das lebendige Wort des Evangeliums, welches Jesus Christus selber ist, Gott recht als unsern Vater erkennen, so daß wir als seine Kinder vor ihm leben dürfen und Frieden haben mit ihm. Aber, einmal, diese rechte uns Leben und Seligkeit bringende Erkenntnis Gottes als unsers Vaters in Christus Jesus ist nicht das erste und ist nicht das einzige Zeugnis Gottes an uns. Bezeugte er sich nicht täglich in der Wirklichkeit unsers Lebens um uns und in uns, wir würden niemals erreicht werden von dem Wort des Evangeliums, und würden niemals leben können aus dem Wort des Evangeliums. Die konkrete lebendige Gotteserkenntnis des Christen vollbringt sich allein so, daß er hinein ins Vernehmen des Gotteszeugnisses der geschichtlichen Wirklichkeit um ihn und in ihm den Glauben an das Evangelium empfängt, und wiederum aus dem Glauben an das Evangelium heraus das Gotteszeugnis in der Wirklichkeit des Lebens um ihn und in ihm aufs neue hört und versteht. Christusglaube muß konkret werden als gläubiges Hinnehmen und Gestalten der bestimmten geschichtlichen Lage, und das gläubige Hinnehmen und Gestalten der bestimmten geschichtlichen Lage muß wahr werden im Christusglauben. Das wäre das eine. Das andre aber ist dies, daß Barth sich über die reformatorische – wenigstens die lutherische – Bestimmung des Verhältnisses von Christus, lebendigem Wort Gottes und Bibelbuch nicht klar geworden ist. Welches ist das Wort Gottes, durch das Christus seine Kirche regiert, in dem er gegenwärtig ist? Allein das im Bibelbuch Aufgeschriebene? Nein, sondern jedes lebendige Wort des evangelischen Zeugnisses, das von Mund zu Ohr und, im Wunder des Geistes, von Herz zu Herzen geht. In diesem lebendigen Worte finden wir Christus, und finden ihn so, daß er im Geiste uns selber lebendiges Wort wird. Die heilige Schrift ist gewiß vornehmster Träger solchen lebendigen Worts, und ist Richtschnur und Maß alles Verkündigens und Sprechens in der Kirche sonst. Sie hält aber Christus und sein Evangelium nicht in sich gefangen, so daß er gar nicht anders zu finden wäre, denn in ihr.
Nun kommt auf diese beiden Punkte gerade für die Beurteilung des kirchlichen Charakters der deutschen Christen viel an. Denn, wenn sie auf dem Gebiet theologischer Lehre überhaupt eine Eigentümlichkeit haben, so ist es die, daß sie die beiden im Vorhergehenden unterstrichenen Sätze bitterlich ernst nehmen und die Haltung der Kirche von ihnen her durchbilden wollen. Was das erste anlangt, so fordern sie ein neues Konkretwerden christlicher Lebensweisung in der Lage, in der die Menschen sich wirklich befinden, d. h. für uns aber ein neues Konkretwerden christlicher Lebensweisung in der gegenwärtigen Lage und Aufgabe des deutschen Volkes. Es ist meine ehrliche Meinung, daß die Neubildung des Volksethos, die heute in Deutschland beginnt, der Vertiefung und Klärung aus dem evangelischen Rechtfertigungsglauben bedarf, und daß wir einen uns von Gott auferlegten Dienst versäumen, wenn wir hier nicht helfen mit neuem Denken und Weisen vom Evangelium her. Wie wird in einem nationalsozialistischen Deutschen von heute Rechtfertigungsglaube als Lebenshaltung konkret? Das ist eine Frage, auf die wir eine Antwort geben müssen, wenn wir den nationalsozialistischen Deutschen von heute hineinführen wollen ins evangelische Christentum. Er wird sich dem Glauben an Christus nimmermehr erschließen, wenn wir nicht in dem vorbereitenden Dienste der Kirche eine Verschmelzung evangelischer und nationalsozialistischer Sitte und Lebensführung zu zeigen vermögen. Was das andre anlangt, so halten die deutschen Christen dafür, daß evangelisches Zeugnis nur dann lebendig ist, wenn die eine Wahrheit des Evangeliums nach Gottes Willen von jedem Geschlechte immer auch mit eignem neuen Wort und eigner neuer Zunge gesagt werden soll. Neues geschichtliches Leben macht immer auch die Sprache neu an Bildern, an Gleichnissen, an Erlebnisgehalt, und alles, was so neu wird, darf und muß um der Liebe willen, um der Verständlichkeit der Botschaft willen, auch der Verkündigung des Evangeliums dienstbar gemacht werden, soweit Gott Gnade dazu gibt …
3. Deutschtum und Christentum
Nichts als blankes Heidentum scheint Barth darin zu sehen, daß die Deutschen Christen die Frage nach dem Verhältnis von Christentum und deutscher Art, die Frage nach der Möglichkeit kirchlicher Führung durch Männer nichtdeutschen Bluts, an die evangelische Kirche zu stellen gewagt haben. Wer uns hier verstehen will, hat sich zuerst eine schwere kirchliche Unterlassung der letzten Menschenalter klar zu machen. Alles menschliche Schaffen und Gestalten ist gegrenzt und gebunden in der natürlichen Art, die wir mitbringen ins Leben. Verdirbt das Blut, so geht auch der Geist zugrunde; denn der Geist der Völker und Menschen steigt aus dem Blute empor. Nur der Hochmut eines intellektualistischen Geschlechts, das keine Grenzung menschlichen Könnens im Geheimnis empfangner Kreatürlichkeit mehr kannte, hat das vergessen können. Und hat mit seinem Vergessen unendlichen Schaden angerichtet. Der Blutbund unsres Volks war am Verderben. Wäre die Entwicklung noch fünfzig Jahre so weiter gegangen, so wären in den führenden Schichten unsres Volks die Träger guten alten und rein deutschen Bluts in die Minderheit geraten. Die Kirche hatte nun in ihrem Schöpfungsglauben die Möglichkeit, das Geheimnis der mit dem Blute empfangnen Kraft und Art heilig zu halten. Sie hat es nicht getan. Sie hat – trotz allem Widerstand gegen die Geburtenbeschränkung – den führenden Schichten des Volks die Verpflichtung, das empfangene Bluterbe in deutschen Kindern dem Volke zurückzuschenken, nicht einbrennen können. Sie hat den Mischheiraten (ebenso dem Überwuchern der Minderwertigen) gleichgültig zugesehen und nicht begriffen, daß jene nur als seltne Ausnahme, kraft besondrer göttlicher Führung, gerechtfertigt waren. Warum nicht? Von dem allen stand nichts im Katechismus, und über den Katechismus hinaus aus entstehender geschichtlicher Not den Stachel zu helfendem neuen Weisen zu empfangen, das ist nicht gerade Stärke kirchlicher Führung gewesen.
Nun ist der Wandel ohne Zutun der Kirche gekommen. Ist gekommen mit der Ursprünglichkeit und Rücksichtslosigkeit, mit der der Selbsterhaltungswille eines in seinen Wurzeln bedrohten Volks durchzubrechen pflegt. Es ehrt die Gutherzigkeit unsers Volks, daß soviele an diesem Wandel nur das namenlose Leid sehen, das heute die Torheit und Leichtfertigkeit der Vorfahren über die unschuldigen Häupter der Nachkommen bringt, die so gerne Deutsche sein möchten und nun nicht anerkannt werden als solche. Es ehrte aber nicht die evangelische Kirche, wenn sie den geschehenden Wandel allein unter diesem Gesichtspunkte von Einzelschicksalen zu sehen vermöchte. Sie muß offenes Auge haben für das Gesunde, dem göttlichen Willen Gemäße, das in dem Wandel liegt. Sie muß dem Staate in seinem schweren Werke helfen, die Ehrfurcht und Treue dem Blut gegenüber und den Willen zum Kinde wieder in allen Gliedern unsers Volks, gerade auch in den sich noch am meisten sperrenden Bildungsschichten lebendig zu machen. Sonst verzichtet sie darauf, Erzieherin und Bildnerin des Volks zu sein, und wird selber ein dem Volke und seinem Leben entfremdetes blutloses Gebilde. Soll sie aber diese Aufgabe lösen, so kann sie in der Auslese ihres künftigen Nachwuchses an Führern sich nicht wider das neue Ethos, das der Staat hier zu verwirklichen trachtet, versperren. Soll sie sich etwa der Gefahr aussetzen, daß all die Halbdeutschen, die der Staat aus seinen führenden Stellen ausschließt, künftig die kirchlichen Ämter überschwemmen? Wie will sie dann noch helfen können an der rechten Bildung und Vertiefung deutschen Geistes und deutscher Art? Die Fragen sind da, und, wie man sie auch löst, man sollte es den deutschen Christen danken, daß sie sie unüberhörbar laut ausgesprochen haben. An Aufhebung der Abendmahlsgemeinschaft mit Judenchristen hat niemand von ihnen gedacht.
Aus der Art der Gedankenführung ergibt sich, daß die Frage der blutsmäßig nicht deutschen Christen unter uns nur eine Teilfrage ist aus einer weit tieferen und dringlicheren Frage. Aus der volkskirchlichen Aufgabe des evangelischen Christentums folgt, daß in einer deutschen evangelischen Kirche Deutschtum und Christentum auf eine sehr innerliche Art sich finden müssen, die für die geschichtliche Gestalt beider mitbestimmend wird. Hier liegen die eigentlichen Widerstände …
Die Widerstände, die sich gegen ein ehrliches kirchliches Ja zu einem evangelischen Christentum deutscher Art erheben, haben ihren Grund in einem Mangel theologischer Arbeit. Ich sehe hier zwei noch ungelöste Fragmale.
Erstens, wir haben an den Begriff des Natürlichen nicht genug Arbeit gesetzt. Der natürliche Mensch, das natürliche Gesetz, die natürliche Gotteserkenntnis, das sind uns alles allgemeine Schemen geblieben, die auf jeden Menschen, jede geschichtliche Art, jede staatliche und wirtschaftliche Ordnung, jede Lebensgemeinschaft gleichmäßig angewandt wurden. Was die Rechtswissenschaft schon lange gelernt hat, daß das Natürliche immer nur als volkhafte geschichtliche Individualität da ist, das ist der Theologie noch nicht bewußt geworden. Gewiß zeigt sich in natürlicher menschlicher Art, natürlichem Gesetz, natürlicher Gotteserkenntnis überall, daß wir Menschen alle Geschöpfe des einen Gottes sind, der über unser aller Leben mit der gleichen sich erschließenden Güte, der gleichen Strenge und der gleichen Zucht waltet. Es ist etwas Gemeinsames da. Aber in diesem Gemeinsamen weisen sich deutlich die volkhaften und geschichtlichen Unterschiede. Stapel hat dafür den Begriff geprägt, daß jedes Volk seinen eignen nationalen Nomos habe. Natürlicher Mensch, natürliches Gesetz, natürliche Gotteserkenntnis, das heißt konkret etwas andres unter Deutschen und unter Indern.
Zweitens, die Unterschiede im Natürlichen sind von der Theologie bisher meist als christlich gleichgültig behandelt worden. Allein den Missionaren ist aufgegangen, daß sie auch für die Gestalt christlichen Lebens und Denkens etwas bedeuten. Was wird aus dem Natürlichen, wenn der Mensch in Glauben neugeboren unter die Herrschaft des Geistes Gottes tritt? Es wird in den Dienst Gottes genommen. Christliche Lebensgestalt ist immer vom Geist gebrauchte und durchdrungne natürliche Lebensgestalt. In unserm christlichen Denken, Sprechen, Handeln drückt es sich immer ab, daß wir unsre natürliche Menschlichkeit zu ihnen gebrauchen, und das nach Gottes Willen. Es gibt also nach Gottes Willen volkhaft und geschichtlich abgewandeltes christliches Denken, Sprechen und Handeln. Und das ist nicht nur ein Schicksal, das wir tragen müssen als Marke irdischer Gebrechlichkeit – so gewiß es auch dies ist das ist auch etwas Gebotenes, das in Liebe und Freiheit gewagt werden muß, wenn Christus wirklich zu einem Volke kommen soll. Als der sächsische Sänger den Heliand sang, da hat er den Deutschen Christus verkündigt. Noch heute hat für uns Deutsche der christliche Begriff der Nachfolge des Herrn eine eigentümliche Klangfarbe, die aus der Verschmelzung mit der germanischen Idee der Gefolgschaft stammt …
Niemand ist sich dieser Notwendigkeit, das uns aufgetragne Wort noch einmal neu auf deutsch zu gebären, es in deutscher Art und deutschem Leben konkret werden zu lassen, so bewußt gewesen, wie Martin Luther. Seine Bibelverdeutschung ist ein einziges großes Zeugnis für den Mut und die Kühnheit, die er an diese Aufgabe gesetzt hat …
Ist die Reinheit des Evangeliums bei Luther dadurch nicht in Gefahr gekommen, daß er dies wagte, so wird Gottes Gnade auch uns unter der Herrschaft Jesu Christi bewahren, wenn wir es ihm nachtun, da wo es um der Liebe willen nötig ist. Die Bürgschaft, die er für die Bewahrung des Evangeliums uns gegeben hat, ist die überschwenglich lebenentbindende Gewalt des biblischen Worts selbst. Das ist das Wunderbare an diesem Wort, daß unter seiner Herrschaft die natürlich-geschichtliche Art eines Volkstums, die lebendig-schöpferische Gestaltungskraft eines Volkstums, nicht zerstört, sondern gerade gesteigert und geläutert wird. Wir Deutsche, und ebenso die anderen europäischen Völker wären nie geworden, was wir geworden sind, wenn nicht das Evangelium mit seiner richtenden Hoheit zu uns gekommen wäre …
(Emanuel Hirsch, Das kirchliche Wollen der Deutschen Christen, Berlin 1933, S. 5-14)
Quelle: Günther van Norden, Der deutsche Protestantismus im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, Gütersloh: GVH, 1979, S. 182-190.