CHRISTKIND?
Von Rolf Wischnath
Unvergesslich: 1953 – ich bin fünf Jahre alt und gehe in den evangelischen Kindergarten zu Gütersloh in der Oststraße. Eine Kindergärtnerin heißt Tante Utta. Die Weihnachtsfeier in der Woche vor Heiligabend ist der Höhepunkt des Jahres. Und die Krönung ist, dass das Christkind erscheint: In weißem langem Kleid mit einem brennenden Adventskranz auf dem Kopf – wie in Schweden. Auch dieses Jahr kommt das Christkind. Alle Kinder schauen erstaunt und andächtig zu ihm hinauf. Und auf einmal ruft der kleine Gerd Wolf: Das ist ja Tante Utta! Da war die Feier zu Ende.
So kann es gehen, wenn ein Christkind erscheint. Im Mittelalter wurden die Kinder am Tag des Heiligen Nikolaus [6.12.] beschenkt. Der Reformator Martin Luther aber predigte gegen die Heiligenverehrung, so auch gegen den heiligen Nikolaus. Er ersetzte ihn durch das JESUS-CHRISTUS- KIND als Gabenbringer. Und so gab es im 16. Jahrhundert erstmals Geschenke an Weihnachten zum Gedächtnis an das Kind in der Krippe: JESUS CHRISTUS.
Im Brauchtum wurde aus dem Christkind immer mehr ein Engel mit blondem, lockigem Haar. So kennt man das Christkind auch vom Nürnberger Christkindlesmarkt, der jedes Jahr im Dezember stattfindet. Der Markt wird jeweils von einer jungen Frau im Kostüm des Christkinds eröffnet. Heute gibt es das Christkind vor allem in den katholischen Gebieten, während es in den protestantischen Gebieten vom Weihnachtsmann abgelöst wurde.
Schon der Name JESUS ist Einspruch gegen seine Verniedlichung zum „Christkind“. Wir verstehen den Protest Martin Luthers wenn wir auf seine ernste Deutung des Namens „JESUS“ hören:
Ich habe in meiner höchsten Schwachheit, im Schrecken und Fühlen der Sündenlast, in Furcht und Zagen vor dem Tode und in Verfolgung der argen, falschen Welt oft erfahren und gefühlt die göttliche Kraft, die der Name JESUS an mir, der ich sonst von allen Kreaturen verlassen war, bewiesen hat! Der Name JESUS, heißet ‚Gott rettet mich‘. Bei diesem Namen JESUS will ich bleiben, leben und sterben.
Und der zweite Name CHRISTUS ist Übersetzung aus dem Hebräischen Messias. So verbindet der Titel CHRISTUS uns mit der Israel gegebenen Verheißung des messianischen Erlösers. Niemals darf diese Verbindung mit den Juden aufgegeben werden. Sie wird noch stärker, wenn wir hören dass CHRISTUS/MESSIAS der Gesalbte heißt. In Israels Verständnis ist der Messias der Gesalbte: der von Gott für uns eingesetzte Prophet, der Hohepriester und der ewige König. Die Salbung ist eine Zeichenhandlung für die letztgültige Inthronisation des Gekreuzigten am Ostermorgen:
Gesalbt ist JESUS der CHRISTUS zum Propheten – das heißt: er ist berufen zur Wahrheit. Zum Hohenpriester ist er eingesetzt, um durch sein Opfer am Kreuz die Schuld der Menschen zu vergeben. Und zum König ist er gesalbt, um die Machtfrage zu klären: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden …. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. [Mt 28].
Der CHRISTUS / MESSIAS ist das in Bethehem geborene Kind. Von dieser CHRISTUSkindgeschichte sollten wir etwas mit-teilen. Wie? Mit der wunderbaren Weihnachtsgeschichte im zweiten Kapitel des Evangelisten Lukas. Diese Geschichte von der Geburt des CHRISTUSkindes ist so wunderbar und so einfach, dass sie selbst Kinder verstehen. Und daran erinnere ich mich auch, dass Tante Utta uns diese CHRISTUSkindgeschichte am Tag nach ihrer Verkleidung und Enthüllung erzählt. Ich habe sie nie vergessen.
Quelle: Rolf Wischnath, Stückwerk ist unser Erkennen. Elementares, Gütersloh 2024, S. 71.