Friedrich Schleiermacher, Die Weihnachtsfeier. Ein Gespräch (1806 – in heutiger Rechtschreibung): „Sollen aber Feste sein und ist der erste Ursprung des Christentums für etwas Großes und Wichtiges zu achten, so kann niemand leugnen, dass dieses Fest der Weihnacht ein bewundernswürdiges Fest ist; so vollkommen erreicht es seinen Zweck und unter so schwierigen Bedingungen. Denn wenn man sagen wollte, dieses Andenken werde weit mehr durch die Schrift erhalten und durch den Unterricht im Christentum überhaupt als durch das Fest, so möchte ich dieses leugnen. Nämlich wir Gebildeten, zwar, so meine ich, hätten vielleicht an jenem genug, keineswegs aber der große Haufen des ungebildeten Volkes.“

Im Jahre 1806 veröffentlichte Friedrich Schleiermacher (1768-1834), damals noch Professor in Halle, „Die Weihnachtsfeier. Ein Gespräch“: Eine junge Familie hat Gäste eingeladen, der freundliche Saal ist „festlich aufgeschmückt“, es gibt Geschenke. Die Unterhaltung geht um die Familien und die Kinder, „wie nun Weihnachten recht eigentlich das Kinderfest ist“. Am späteren Abend verabreden sich die Männer, über das Fest zu sprechen, wobei sich dieses Gespräch nach dem Muster der Dialoge Platos – die Schleiermacher selbst übersetzt hatte – entfaltet. Den Anfang macht der jüngste, der sich dabei „möglichst weit von dem entfernt hält“, was am Weihnachtsgottesdienst gepredigt werden wird.

Die Weihnachtsfeier. Ein Gespräch.

Von Friedrich Schleiermacher.

Zweite Ausgabe.
Berlin, 1826.
Gedruckt und verlegt
bei G. Reimer.

Vorerinnerung zur zweiten Ausgabe

Die Zeiten sind jetzt anders als vor nun beinahe einundzwanzig Jahren, als dieses Büchlein zuerst erschien. Das große Schicksal, welches damals drohend einherschritt, hat seine Rolle ausgespielt, und in tausend kleine hat sich der große Kampf zersplittert. Die religiösen Verschiedenheiten, welche hier einander gegenübertreten, bestehen, wenn sie auch dem Wesen nach noch fortdauern, doch in veränderter Farbe und Ton, so dass wohl das meiste hier nicht mehr dieselbe Wahrheit hat wie damals.

Doch schien mir dies nicht Grund genug, zu verhindern, dass das Büchlein noch einmal ausgegeben würde. Auch die nicht eben bedeutenden oder zahlreichen Veränderungen, die ich daran vorgenommen habe, hatten nicht den Zweck, es dem gegenwärtigen Augenblick näher anzupassen — wozu eine undankbare Umarbeitung gehört hätte —, sondern nur, das, was mir nicht klar und bestimmt genug ausgedrückt schien, etwas fester und sicherer zu zeichnen, ohne dass irgendein wesentlicher Zug geändert würde.

Wenn nun die ähnlichen Verschiedenheiten der Ansicht über diese Gegenstände heutzutage schroffer aufeinander treten und wir auch im Leben mit der feineren und gebildeteren Welt oft Ursache finden zu bedauern, dass Menschen, die es verdienten, einander zu lieben und liebend aufeinander zu wirken, dadurch gänzlich voneinander getrennt werden und sich gegenseitig ausschließen: so mag es ein erfreulicher Anblick sein und nicht unwürdig, als Weihnachtsgabe dargebracht zu werden, wie die verschiedensten Auffassungsweisen des Christentums hier in einem mäßigen Zimmer nicht etwa nur friedlich nebeneinander bestehen, weil sie sich gegenseitig ignorieren, sondern wie sie sich einander freundlich zur vergleichenden Betrachtung stellen. Und so mag das Büchlein noch einmal versuchen, eine günstige Aufnahme und eine das Gute fördernde Wirksamkeit zu finden, indem es auf seine Weise daran erinnert, dass der Buchstabe tötet und nur der Geist lebendig macht.

Berlin, Ende November 1826.

Die Weihnachtsfeier. Ein Gespräch.

Der freundliche Saal war festlich aufgeschmückt. Alle Fenster des Hauses hatten ihre Blumen an ihn abgetreten, aber die Vorhänge waren nicht herabgelassen, damit der hereinleuchtende Schnee an die Jahreszeit erinnern möchte. Was von Kupferstichen und Gemälden sich auf das heilige Fest bezog, zierte die Wände, und ein Paar schöne Blätter dieser Art waren das Geschenk der Hausfrau an ihren Gatten. Die zahlreichen und hoch gestellten durchscheinenden Lampen verbreiteten ein feierliches Licht, das doch zugleich schalkhaft mit der Neugierde spielte. Denn es zeigte die bekannten Dinge zwar deutlich genug; das Fremde aber und Neue konnte nur langsam und bei genauer Betrachtung bestimmt erkannt und sicher gewürdigt werden.

So hatte es die heitere und verständige Ernestine angeordnet, damit nur allmählich die halb im Scherz, halb ernsthaft aufgeregte Ungeduld sich befriedigte und die bunten kleinen Gaben noch ein Weilchen von einem vergrößernden Schimmer umgeben blieben.

Alle nämlich, die den eng verbundenen Kreis bildeten — Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen — hatten es diesmal ihr übertragen, das, womit sie einander erfreuen wollten, jedem zusammenzustellen und so etwas, was vereinzelt unscheinbar bliebe, zu einem stattlichen Ganzen zu ordnen. Nun hatte sie es vollbracht.

Wie man in einem Wintergarten zwischen den immergrünen Stauden die kleinen Blüten des Galanthus und vieler anderer noch unter dem Schnee oder unter der schirmenden Decke des Mooses hervorholen muss, so war jedem sein Gebiet durch Efeu, Myrten und Amaranthen eingegerbt, und das Zierlichste lag unter weißen Decken oder bunten Tüchern verhüllt, während die größeren Geschenke rundherum oder unter den Tafeln aufgesucht werden mussten.

Die Namenszeichen fanden sich mit essbaren Kleinigkeiten geschrieben auf den Bedeckungen, und jeder mochte dann versuchen, zu den einzelnen Gaben den Geber aufzufinden. Die Gesellschaft wartete in den anstoßenden Zimmern, und die Ungeduld gab dem Scherz, der unterdessen getrieben wurde, einen leichten Stachel. Unter dem Vorwand zu erraten oder zu vertrauen, wurden Gaben ersonnen, deren Beziehung auf kleine Fehler und Gewohnheiten, auf lustige Vorfälle und lächerliche Missverständnisse oder Verlegenheiten nicht zu verkennen war.

Und wem ein kleiner Streich dieser Art gespielt wurde, der säumte nicht, ihn nach allen Seiten zu erwidern. Nur die kleine Sofie ging in sich gekehrt mit den größten ihrer Schrittchen auf und ab und war den mutwillig durcheinanderlaufenden und redenden mit ihrer unruhigen Gleichförmigkeit fast ebenso sehr im Wege, wie diese ihr.

Endlich fragte Anton sie mit verstellter Verdrießlichkeit, ob sie nicht jetzt alle ihre Geschenke gern hingeben würde für einen magischen Spiegel, der ihr erlaubte, durch die verschlossenen Türen zu schauen.

„Wenigstens,“ sagte sie, „täte ich das eher als du. Denn du bist gewiss mehr eigennützig als neugierig und glaubst wohl ohnehin, dass die Strahlen deiner wunderbaren Klugheit auch durch alle Wände nicht aufgehalten werden.“

Und nun setzte sie sich in den dunkelsten Winkel und wiegte das Köpfchen bedachtsam in den aufgestützten Händen.

Nicht lange, da öffnete Ernestine die Türe, an der sie angelehnt stehen blieb. Allein, anstatt dass die muntere Schar begierig, wie man erwarten sollte, zu den besetzten Tafeln geeilt wäre, wandten sich plötzlich in der Mitte des Saales, wo man das Ganze überschauen konnte, unwillkürlich alle Blicke auf sie. So schön war die Anordnung und ein so vollkommener Ausdruck ihres Sinnes, dass unbewusst und notwendig Gefühl und Auge zu ihr hingezogen wurden. Halb im Dunkel stand sie da und gedachte sich unbemerkt an den geliebten Gestalten und an der leichten Freude zu ergötzen: aber sie war es, an der sich alles zuerst ergötzte. Als hätte man das Übrige schon genossen und als wäre sie die Geberin von allem, so sammelte man sich um sie her. Das Kind umfasste ihre Knie und schaute sie mit den großen Augen an, ohne Lächeln, aber unendlich lieblich; die Freundinnen umarmten sie; Eduard küsste ihr schönes, heruntergeschlagenes Auge, und wie es jedem geziemte, wurde ihr von allen die herzlichste Liebe und Andacht bezeugt.

Sie musste selbst das Zeichen geben zur Besitznahme.

„Wenn ich es euch zu Dank bestellt habe, ihr Lieben!“, sagte sie, „so vergesst nur nicht über dem Rahmen das Bild und bedenkt, dass ich nur den festlichen Tag und eure fröhliche Liebe geehrt habe, deren Zeichen ihr mir anvertrautet. Kommt nun, und seht, was jedem beschert ist; und wer nicht verständig zu raten weiß, lasse sich geduldig auslachen.“

Auch fehlte es hieran nicht. Zwar die Frauen und Mädchen riefen mit großer Zuversicht zu jeder Gabe den Geber aus, so dass sich keiner verleugnen konnte; aber die Männer begingen viele Missgriffe, und nichts war lustiger und verdrießlicher, als wenn sie über ihre Vermutung schon einen witzigen Einfall ausgestaltet hatten und dieser dann wie ein schlechter Wechsel mit Protest zurückgeschickt wurde.

„Es muss sich wohl so ziemen“, sagte Leonhardt, „wenn gleich es uns mit Recht immer verdrießt, dass die Frauen in diesen lieblichen Kleinigkeiten uns so weit an Scharfsinn übertreffen. Denn wie ihre Gaben weit mehr als die unsrigen durch ihre Bedeutung die feinste Aufmerksamkeit verraten, und wir diese schöne Frucht ihres Talentes genießen, so müssen wir uns auch jene andere Wirkung desselben gefallen lassen, wiewohl sie uns etwas in den Schatten stellt.“

„Zu gütig“, entgegnete Friederike, „es ist gar nicht so allein unser Talent; sondern, wenn es zu sagen erlaubt ist, eine gewisse Ungeschicktheit in euch Männern kommt uns auch nicht wenig zu Hilfe. Ihr liebt gar sehr die geraden Wege, wie es auch den Machthabern geziemt, und eure Bewegungen, wenn ihr auch gar nichts damit zu sagen gemeint seid, sind doch von einer so verräterischen Verständlichkeit, wie etwa auf dem Schachbrett die Entwürfe desjenigen, der es nicht unterlassen kann, die bedenklichen Steine des Gegners prüfend zu berühren und mit unreifem Entschluss seine eigenen sechsmal zu heben, ehe er einmal zieht.“

„Ja, ja!“, entgegnete Ernst ehrlich lächelnd und verstellt seufzend, „es bleibt wohl bei dem, was der alte Salomon sagt: Den Mann hat Gott aufrichtig geschaffen, aber die Weiber suchen viele Künste.“

„So habt ihr doch den Trost“, sprach Karoline, „uns nicht verdorben zu haben durch die moderne Artigkeit. Vielleicht mag wohl gar beides ebenso ewig sein wie notwendig; und wenn etwa eure ehrliche Einfalt die Bedingung unserer Schlauheit ist, so beruhigt euch damit, dass vielleicht auf einer anderen Seite unsere Beschränktheit sich ebenso verhält zu euren größeren Talenten.“

Indes waren die Geschenke näher betrachtet worden, und zumal was eigene weibliche Arbeiten waren in Stickerei und feiner Nähkunst, wurde von ihnen allen mit Kunstverstand geprüft und gelobt. Sofie hatte zuerst nur einen flüchtigen Blick auf ihre eigenen Schätze geworfen und war gleich bald hier, bald dort bei allen umhergegangen, alles neugierig beschauend und eifrig rühmend, vor allen Dingen aber ansehnliche Bruchstücke von den zerstörten Namenszeichen einbettelnd. Denn an Süßigkeiten aller Art ist sie unersättlich und liebt große Vorräte davon zu besitzen, zumal wenn sie sie auf diese Weise zusammenbringen kann.

Erst nachdem sie ihre Reichtümer mit einem solchen Magazin vermehrt hatte, fing sie an, ihre Geschenke genauer zu betrachten und ging nun wieder zeigend und triumphierend mit jedem einzelnen Stück besonders umher, gleich von jedem, wie es sich tun ließ, Gebrauch machend, um dadurch die Vortrefflichkeit der Gaben am sichersten zu beweisen.

„Aber das Beste scheinst du gar nicht zu achten“, erinnerte die Mutter.

„O ja, einzige Mutter“, sagte das Kind, „ich habe nur noch nicht Herz dazu. Denn ist es ein Buch, so hilft es mir nicht, ob ich hier hineinsehe; ich muss mich hernach in das Kämmerchen verschließen, um es dort erst zu genießen. Hat mir aber jemand — denn du bist es sicher nicht gewesen — einen ernsthaften Scherz gemacht mit Mustern und Anleitungen zu allerlei Stricken und Sticken und anderen Herrlichkeiten, so verspreche ich dir, so gewiss ich kann, sie im neuen Jahr recht fleißig zu gebrauchen; aber nur jetzt will ich es noch nicht wissen.“

„Schlecht geraten“, sprach der Vater, „dergleichen ist es nicht, denn du willst noch nicht verdienen, so etwas zu besitzen; aber es ist auch kein Buch, womit du dich, um es seiner Bestimmung gemäß zu genießen, in die Kammer zurückziehen könntest.“

Nun zog sie es mit der größten Begierde hervor, auf die Gefahr, einen großen Teil ihrer Vorräte zu verschütten, rief mit einem lauten Schrei aus: „Musik!“, und umherblätternd: „Oh, große Musik! Weihnachten für ein ganzes Leben! Ihr sollt singen, Kinder, die herrlichsten Sachen!“ Nun las sie die Überschriften von größtenteils religiösen Kompositionen, alle in Bezug auf das löbliche Fest, lauter vorzügliche und zum Teil auch alte, seltene Sachen. Sogleich lief sie nun zum Vater hin, um ihn in leidenschaftlicher Dankbarkeit mit Küssen zu überdecken.

Bei der schon erwähnten Abneigung gegen weibliche Arbeiten zeigt das Kind ein entschiedenes Talent zur Musik; aber auch ebenso beschränkt wie groß. Zwar ist ihr Sinn keineswegs beschränkt, sondern sie hat herzliche Freude an allem Schönen auf jedem Gebiet dieser Kunst. Nur selbst ausüben mag sie nicht leicht etwas, außer was im großen Kirchenstil gesetzt ist. Man darf es schon selten für ein Zeichen einer rein fröhlichen Stimmung halten, wenn sie halblaut ein leichtes, lustiges Liedchen trillert. Geht sie aber ans Instrument und setzt ihre Stimme, die sich zeitig zur Tiefe neigt, ordentlich in Bewegung, so hat sie es immer nur mit jener großen Gattung zu tun. Hier weiß sie jedem Ton sein Recht zu geben, jeder tritt mit kaum von dem anderen sich losreißender Liebe hervor, steht dann doch selbstständig in gemessener Kraft, bis auch er wieder, wie mit einem frommen Kuss, dem nächsten seine Stelle einräumt.

Auch wenn sie allein zur Übung singt, bezeugt ihr Gesang so viel Achtung für die anderen Stimmen, als ob diese ebenfalls wirklich gehört würden. Und wie sehr sie auch ergriffen ist, niemals doch stört eine Art von Übermaß den Wohllaut des Ganzen. Man kann es kaum anders nennen, auch ganz abgesehen von den Gegenständen, als dass sie mit Andacht singt und jeden Ton mit demütiger Liebe erwartet und pflegt. Wie nun Weihnachten recht eigentlich das Kinderfest ist und sie ganz besonders darin lebt, so konnte ihr kein lieberes Geschenk erscheinen als eben dieses.

Sie saß eine Weile in das Anschauen der Tonzeichen vertieft, griff die Akkorde im Buch auf und sang in sich hinein, ohne Laut, aber mit sichtlicher Bewegung der Muskeln und mit lebhaften Gebärden. Dann sprang sie plötzlich hinaus, kehrte aber bald zurück und sagte: „Nun lasst aber alles Besehen und Besprechen und kommt bei mir zu Gaste drüben. Ich habe schon alles angezündet, der Tee ist auch bald bereitet, und also ist jetzt die bequemste Zeit. Ich durfte Euch nichts schenken, wie Ihr wisst und gesehen habt; aber auf ein Schauspiel Euch einzuladen, ist mir nicht verboten.“

Man hatte ihr nämlich die Bedingung gemacht, sie sollte mit unter die Zahl der Schenkenden aufgenommen werden, sobald sie eine fehlerfreie, zierliche Arbeit als erste Gabe darbringen könnte. Dies hatte sie noch nicht vermocht, aber sie wollte sich doch auf irgendeine Weise schadlos halten. Nun besitzt sie eines von jenen kleinen künstlichen Spielwerken, auf denen der ursprünglichen Absicht nach die Geschichte des Tages durch kleine, bewegliche, geschnitzte Figuren unter angemessenen Umgebungen dargestellt sein soll. Gewöhnlich aber wird diese so gut wie ganz verdrängt durch eine Menge von ungehörigen, ja zum Teil abgeschmackten und burlesken Zutaten, welche man anbringt, um dem einfältigen Mechanismus möglichst viele bunte Verrichtungen zu geben. Dieses hatte sie gereinigt, aufs Neue in Stand gesetzt, hier und da Verbesserungen angebracht, und es war nun in ihrer Kammer recht vorteilhaft aufgestellt und erleuchtet.

Auf einer ziemlich großen Tafel sah man mit leidlichem Geschick in freier Verwirrung und von wenigen Episoden unterbrochen viele wichtige Momente aus der süßeren Geschichte des Christentums dargestellt. Durcheinander sah man da die Taufe Christi, Golgatha und den Berg der Himmelfahrt, die Ausgießung des Geistes, die Zerstörung des Tempels, Christen, die sich mit den Sarazenen um das heilige Grab schlagen, den Papst auf einem feierlichen Zug nach der Peterskirche, den Scheiterhaufen des Hus und die Verbrennung der päpstlichen Bulle durch Luther, die Taufe der Sachsen, die Missionare in Grönland und unter den Negern, den herrnhutischen Gottesacker und das hallische Waisenhaus, welches Letzteres der Verfertiger, wie es schien, als das jüngste große Werk einer religiösen Begeisterung eigens hervorheben wollte.

Mit besonderem Fleiß hatte die Kleine überall Feuer und Wasser behandelt und die streitenden Elemente recht geltend gemacht. Die Ströme flossen wirklich, und das Feuer brannte. Sie wusste mit großer Vorsicht die leichte Flamme zu unterhalten und zu hüten. Unter all diesen stark hervortretenden Gegenständen suchte man eine Zeitlang die Geburt selbst vergeblich; denn den Stern hatte sie weislich zu verstellen gemusst. Man muss den Engeln und den Hirten nachgehen, die auch um ein Feuer versammelt waren, eine Tür in der Wand des Bildwerks öffnen, und erst dann erblickt man in einem Gemach, das eigentlich außerhalb liegt, die heilige Familie. Alles ist dunkel in der ärmlichen Hütte, nur ein verborgenes, starkes Licht bestrahlt das Haupt des Kindes und bildet einen Widerschein auf dem vorgebeugten Angesicht der Mutter.

Gegen die wilden Flammen draußen verhielt sich dieser milde Glanz wirklich wie himmlisches Feuer gegen das irdische. Auch pries Sofie dies selbst mit sichtlicher Zufriedenheit als ihr höchstes Kunststück; sie dünkte sich dabei ein zweiter Correggio und machte ein großes Geheimnis aus der Veranstaltung. Nur, sagte sie, habe sie bis jetzt noch vergeblich darauf gesonnen, auch einen Regenbogenschein hineinzubringen, weil doch, sprach sie, der Christus der rechte Bürge sei, dass Leben und Lust nie mehr untergehen werden in der Welt. Sie kniete einige Augenblicke – das Köpfchen reichte nur eben auf den Tisch – vor ihrem Werk, unverwandt in das kleine Gemach hineinschauend.

Plötzlich wurde sie gewahr, dass die Mutter gerade hinter ihr stehe: sie wendete sich zu ihr, ohne ihre Stellung zu ändern, und sagte innig bewegt: „O Mutter, du könntest ebenso gut die glückliche Mutter des göttlichen Kindleins sein! Und tut es dir denn nicht weh, dass du es nicht bist? Und ist es nicht deshalb, dass die Mütter die Knaben lieber haben? Aber denke nur an die heiligen Frauen, welche Jesus begleiteten, und an alles, was du mir von ihnen erzählt hast. Gewiss, ich will auch eine solche werden, wie du eine bist.“ Die gerührte Mutter hob sie auf und küsste sie.

Die anderen betrachteten indes einzeln dies und jenes. Besonders ernsthaft stand Anton davor. Er hatte seinen jüngeren Bruder neben sich und zeigte diesem erklärend mit der weitschweifigen, pathetischen Eitelkeit eines Cicerone alles, was er wusste. Der Kleine schien sehr aufzumerken, verstand aber gar nichts und wollte immer zwischendurch in das Gewässer greifen und nach den Flammen, um sich zu überzeugen, ob sie auch wahrhaft wären und keine Täuschung.

Während die meisten noch hier beschäftigt waren, ließ Sofie nicht ab mit leisen Bitten beim Vater. Er musste sich mit Friederike und Karoline in das andere Zimmer ziehen lassen. Letztere setzte sich ans Klavier, und sie sangen zusammen das Chor: „Lasset uns ihn lieben“, und den Choral: „Willkommen in dem Jammertal“, auch noch einiges andere aus Reichardts trefflicher Weihnachts-Cantilene, in welcher die Freude und das Gefühl der Errettung und die demütige Anbetung so schön ausgedrückt sind. Bald hatten sie die ganze Gesellschaft zu andächtigen Zuhörern, und als sie geendet hatten, geschah es, wie immer, dass religiöse Musik zuerst eine stille Befriedigung und Zurückgezogenheit des Gemüts bewirkt. Es gab einige stumme Augenblicke, in denen aber alle wussten, dass eines jeden Gemüt liebend auf die übrigen und auf etwas noch Höheres gerichtet war. Der Ruf zum Tee versammelte bald wieder die übrigen im Saal; nur Sofie blieb noch lange in emsiger Übung am Klavier und kam nur schnell und ohne große Teilnahme ab und zu, ihren Durst zu löschen.

Man ging auf und nieder und beschäftigte sich noch einmal mit den Geschenken. Sie schienen nun erst, nachdem etwas anderes vorgegangen war, recht in den Besitz ihrer neuen Eigentümer übergegangen zu sein und konnten deshalb auch schon von den Gebern selbst als etwas Fremdes betrachtet und unbefangen gerühmt werden. Manches war vorher von vielen übersehen worden; an manchem wurden nun erst noch besondere Vorzüge entdeckt.

„Wir haben aber auch diesmal,“ sagte Ernst, „ein besonders günstiges Jahr, um uns an unseren Gaben zu erfreuen. Manche bedeutende Veränderung steht bevor. Das niedliche Kinderzeug, womit Agnes so reichlich beschenkt ist, die schönen kleinen Kostbarkeiten für unsere künftige Einrichtung, meine gute Friederike, das Reisegerät für Leonhardt, selbst die Schulbücher für deinen Anton, liebe Agnes – alles zeigt auf Fortschritte und schöne Ereignisse und macht uns die Freuden der Zukunft auf eine belebende Art gegenwärtig. Ist doch das Fest selbst die Verkündigung eines neuen Lebens für die Welt, und so wird es uns am eindrücklichsten und erfreulichsten, wenn auch in unserem Leben sich etwas Neues bedeutend regt. Ich schließe dich aufs Neue wie ein Geschenk des heutigen Tages in meine Arme, du Geliebte! Als wärest du mir mit dem Erlöser zugleich jetzt eben gegeben, so ergreift mich ein wunderbares festliches Gefühl in hoher Freude. Ja, es kann mich schmerzen, dass nicht alle hier, so wie wir, vor einer neuen Stufe des Lebens andächtig knien, dass euch, geliebte Freunde, nichts Großes nahe liegt, was sich dem größten Gegenstand unmittelbar anheftet; und ich fürchte, wie unsere Gaben nur bedeutungslos erscheinen können gegen die eurigen an uns, so sei auch euer Gemütszustand zwar heiter und glücklich, aber doch minder bewegt und erhöht. Ja, ich möchte fast sagen, gleichgültig im Vergleich mit dem unsrigen.“

„Gewiss, du bist sehr gut, lieber Freund,“ erwiderte Eduard, „aus deiner Begeisterung so teilnehmend auf uns herüberzusehen. Aber doch rückt eben die Begeisterung uns dir zu sehr in die Ferne. Bedenke nur, dass unser ruhiges Glück eben dasselbe ist, dem du entgegengehst, und dass jede echte Begeisterung, zumal die der Liebe, etwas nie Veraltendes und immer Erregbares bleibt. Oder kannst du dir Ernestinens Gefühl bei dem Ausdruck kindlicher Andacht und tiefer Innigkeit in unserer Sofie als etwas Gleichgültiges denken, kannst du es ohne die lebendigste Tätigkeit der Phantasie denken, in welcher Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sich umschlingen? Sieh nur, wie sie im Innern bewegt ist, wie sie in einem Meer der reinsten Glückseligkeit badet.“

„Ja, ich gestehe es gern,“ sagte Ernestine, „ordentlich entzückt hat sie mich vorher mit ihren wenigen Worten. Aber ich tue ihr unrecht; die Worte allein könnten eher einem, der sie nicht kennt, als Affektation vorgekommen sein. Es war ungeteilt die ganze Anschauung des Kindes. Das engelreine Gemüt tat sich so herrlich auf, und wenn ihr versteht, was ich meine, aber ich weiß es nicht anders auszudrücken – in der größten Unbefangenheit und Unbewusstheit lag ein so tiefer, gründlicher Verstand des Gefühls, dass ich überschüttet wurde von der Fülle des Schönen und Liebenswürdigen, das notwendig aus diesem Grunde emporwachsen muss. Wahrlich, ich fühle es, dass sie in einer Hinsicht nicht zu viel gesagt hat, als sie sagte, ich könnte wohl auch die Mutter des angebeteten Kindes sein, weil ich in der Tochter, wie Maria in dem Sohne, die reine Offenbarung des Göttlichen recht demütig verehren kann, ohne dass das richtige Verhältnis der Mutter zum Kinde dadurch im Mindesten gestört würde. – „Ich möchte es mir aber doch verbitten,“ sagte Karoline, ehe Leonhardt wieder das Wort nehmen konnte, „dass Ihr das Herrnhutische so mit dem Katholischen zusammenwerft. Ich glaube, man könnte darüber streiten, ob beides auch nur in irgendeiner Hinsicht dasselbe wäre; am wenigsten aber kann ich mir für das Herrnhutische den schönen Titel der Verschrobenheit gefallen lassen. Ihr wisst, ich habe zwei Freundinnen dort, die gewiss nicht verschroben sind, sondern von ebenso geradem Sinn und Verstand wie von tiefer Frömmigkeit.“

„Liebe Kleine,“ antwortete Eduard lächelnd, „bei Leonhardt musst du es der Unwissenheit zugutekommen lassen; er spricht das so nach, wie man es bisweilen hört, und hat gewiss nie in einen Herrnhutischen Ort hineingesehen, außer um sich einen schönen Sattel zu kaufen oder eine merkwürdige Fabrik zu betrachten – und sich nebenbei die hübschen Kinder des Schwesternhauses vorführen zu lassen. Ich aber würde gewiss Unrecht haben, wenn ich so etwas im Allgemeinen zugestanden hätte. Allein, bemerke nur gütigst, dass gar nicht von den Vorzügen oder dem Charakter der verschiedenen Kirchen die Rede war, sondern dass wir nur von Sofien sprachen; und in Hinsicht auf sie muss dir die Zusammenstellung ganz unverdächtig erscheinen. Denn eben da du die Sache kennst, und unbeschadet deiner beiden Freundinnen, wirst du eingestehen, dass es von einem Mädchen, das seinen religiösen Sinn im Schoße seiner Familie befriedigen kann, das, eben weil es Unschuld und Unbefangenheit bewahrt hat, die Welt gar nicht so gefährlich findet und dabei an eine fröhliche Tätigkeit in einem freien Leben gewöhnt ist, gar nicht ohne eine wunderliche Verirrung zu denken wäre, sich in ein klösterliches Schwesternhaus einzusperren. Auch möchte, was ich noch zu Leonhardt sagen wollte, wohl von beiden Übergängen auf gleiche Art gelten, wo nicht etwa das, was du beschützest, durch besondere Umstände motiviert wurde. Die Proselyten beider Art nämlich, soweit ich sie kenne, sind gar nicht solche, die sich wie Sofie von Kindheit an zum Religiösen hingeneigt haben; sondern, wie man sagt, dass die gefallsüchtigen Weiber und die betrügerischen Staatsmänner in späteren Jahren oder nach gewissen Unfällen Frömmlinge werden, so sind diese wenigstens größtenteils solche, die, was sie vorher betrieben – Wissenschaft, Kunst oder häusliches Leben – auf eine ganz äußerliche Weise behandelten und die Beziehung auf das Höhere ganz übersahen. Geht ihnen diese nun irgendwie auf, so benehmen sie sich in dieser neuen Welt auch wie die kleinen Kindlein: sie greifen nach dem Glanz, sei es nun ein von außen her auf den Gegenstand geworfener und ihn vergrößernder, oder der eines innerlichen Feuers, das mehr noch als durch seine eigene Flamme durch die Dunkelheit seiner Umgebung lockt. Und so kann man auch sagen, dass in ihrer Buße immer etwas von der Sünde zurückbleibt, indem sie nämlich die Schuld ihrer vorigen Kälte und Verfinsterung auf die Kirche werfen wollen, der sie angehörten, als würde eben da das heilige Feuer nicht verwahrt, sondern nur ein kaltes Formwesen getrieben mit leeren Worten und ausgedorrten Gebräuchen.

„Du magst wohl Recht haben,“ erwiderte Leonhardt, „dass es sich mit vielen gerade so verhält; aber gewiss ist dies nicht die einzige Quelle dieses Übels. Unmittelbar von innen heraus scheint es in vielen zu entstehen, und so auch in der Kleinen. Es ist wahrlich wunderbar, dass ich und andere, die ihr wohl unter euch Ungläubige nennt, euch warnen und vor euch predigen müssen gegen den Unglauben – aber freilich nur gegen den Unglauben an den Aberglauben und an alles, was daran hängt. Ich brauche dir wohl nicht zu beteuern, Eduard, dass ich das Schöne der Frömmigkeit ehre und liebe; aber sie muss ein Innerliches sein und bleiben. Will sie äußerlich so hervortreten, dass sie eigentümliche Verhältnisse im Leben bildet, so entsteht das Verhassteste daraus: versteinernde Absonderung und geistlicher Stolz, das gerade Gegenteil von dem, was die Frömmigkeit eigentlich bewirken soll. Besinne dich, Eduard, wie wir noch neulich davon redeten, dass der sogenannte geistliche Stand nur dann ohne Gefahr sein könnte von dieser Seite, wenn die Frömmigkeit überall verbreitet wäre, die man von seinen Mitgliedern verlangt; und wie du unter der großen Zahl, die du von Amts wegen kennst, mit Mühe ein paar Beispiele auftreiben konntest von solchen, die nicht in das letzte Übel geraten wären. Noch verderblicher aber wird es für die Laien, die keinen besonderen Beruf dazu haben, wenn sie sich einer ausgezeichneten Frömmigkeit befleißigen wollen. Ja, es gemahnt mich völlig an einen Rausch; nur anders ist der der Katholiken, die sich an ganz äußerlichen frommen Werken übernehmen, und anders der der Unsrigen, wenn sie sich um irgendeine engherzig ausschließende Meinung versammeln. Und aus demselben Becher hat auch deine Kleine, wie es scheint, schon einen Zug getan, der für ein solches Kind gar nicht schlecht ist. Gönnst du ihr nun törichterweise diesen Ehrgeiz, eine heilige Frau zu werden, oder pflegst ihn gar: Wo will sie dereinst damit hin als ins Kloster oder zu den Schwestern? Denn wir anderen tun dergleichen nicht gut in der Welt. Nun gar die spielende Andacht mit dem Christkindlein, die Anbetung des Heiligenscheins, den sie ihm selbst gemacht hat – ist das nicht der unverkennbarste Keim des Aberglaubens? Ist es nicht der bare Götzendienst? Seht, das ist es, liebe Freunde, was gewiss, wenn ihm nicht Einhalt getan wird, in etwas Unvernünftiges endet. Aber weit entfernt, dem Einhalt zu tun, habe ich die deutlichsten Spuren, dass ihr dem Kinde sogar die Bibel gebt. Ich will hoffen, nicht ganz frei hin zum eigenen Gebrauch; aber sei es, dass ihr darin lest in ihrer Gegenwart, oder dass die Mutter ihr daraus erzählt – immer gleichviel. Das Mythische muss ihre Fantasie locken, und wunderlich verworrene sinnliche Bilder müssen sich festsetzen, neben denen hernach kein gesunder Begriff Platz finden kann; ein geheiligter Buchstabe steht auf dem Thron, in den die ungezügelte Willkür, die das Kind gängelt, hineinlegt, was nie darin lag. Das Mirakulöse ohnehin nährt den Aberglauben unmittelbar, und der Unzusammenhang begünstigt jede Täuschung der eigenen Schwärmerei und jeden Betrug eines angelernten Systems. Wahrlich, zu einer Zeit, wo sich die Prediger sogar rühmlich beeifern, auf der Kanzel die Bibel möglichst entbehrlich zu machen, diese den Kindern wieder in die Hände geben, für welche sie niemals gemacht war – dies ist das Ärgste; und es wäre diesen Büchern, um sie mit ihren eigenen Worten zu strafen, besser, dass ein Mühlstein an ihren Hals gebunden und sie im Meer versenkt würden, da es am tiefsten ist, als wenn sie den Kleinen zum Ärgernis gereichen. Wie soll es nun werden, wenn sie die heilige Geschichte mit den anderen Feenmärchen in sich aufnimmt? Welche Gefahren entstehen nicht daraus, wenn das Herz an einem solchen Glauben hängt, das Leben durch einen solchen geordnet werden soll, der keine andere Wahrheit hat als diese, zumal wie bedenklich für das andere Geschlecht. Ein Knabe hilft sich eher heraus und findet noch zur rechten Zeit einen festeren Boden; oder wäre es recht arg mit ihm geworden, so lasse man ihn nur ein Jahr Theologie studieren – das heilt ihn gewiss.

„Ich muss nur,“ sagte Eduard, nachdem er wohl abgewartet hatte, ob auch die Rede zu Ende wäre, „unsern Leonhardt gegen euch verteidigen, die ihr ihn noch nicht genau kennt, damit seine Rede euch nicht ruchloser erscheine, als sie gemeint war. Er ist eigentlich gar nicht so tief in den Unglauben versunken und hat mit unsern Aufklärern, zu denen er sich gesellt, wenig gemein. Nur ist er noch nicht ganz auf dem Reinen mit sich selbst in dieser Sache und mischt deshalb Scherz und Ernst immer so wunderlich, dass nicht jeder beides soll voneinander sondern können. Wollten wir aber alles für Ernst nehmen, so würde er uns gewiss nicht wenig auslachen. Ich will mich also lediglich an den Scherz halten, lieber Freund; für den Ernst ist das vorhin Gesagte genug. Lass dir daher erzählen und erschrick nicht zu sehr. Ja, das Mädchen hört wirklich manches aus der Bibel recht genau, wie es dasteht. So war ihr auch Josef nur als der Pflegevater Christi vorgestellt worden – es ist wohl schon ein Jahr und länger her, was ich jetzt erzähle – und als ihr auf die Frage, wer denn sein rechter Vater gewesen sei, die Mutter antwortete, er habe keinen anderen gehabt als Gott, meinte sie, Gott wäre ja ihr Vater auch, aber sie möchte mich deshalb nicht missen, und es gehöre das wohl schon zum Leiden Christi, keinen rechten Vater zu haben, denn es sei eine gar herrliche Sache um einen solchen. Wobei sie mich liebkoste und mit meinen Locken spielte. Du siehst daraus, wie streng sie schon an die Dogmatik hält, und welche vorzügliche Anlage sie hat, für den Glauben an die jungfräuliche Empfängnis zur Märtyrerin zu werden. Ja noch mehr, sie nimmt wirklich die heilige Geschichte in etwas wie ein Märchen. Denn wie sie sich aus diesen die Idee ausbildet, wenn in einzelnen Momenten schon das Mädchen die Oberhand gewinnt über das Kind, so zweifelt sie auch wohl bisweilen an dem Einzelnen und Faktischen in jener und fragt, ob das auch buchstäblich zu verstehen sei. Du siehst, es ist arg genug, und sie ist nahe an der allegorischen Erklärung einiger Kirchenväter.“

„Ich muss nur“, sagte Eduard, nachdem er wohl abgewartet hatte, ob auch die Rede zu Ende wäre, „unseren Leonhardt gegen euch verteidigen, die ihr ihn noch nicht genau kennt, damit seine Rede euch nicht ruchloser erscheint, als sie gemeint war. Er ist eigentlich gar nicht so tief in den Unglauben versunken und hat mit unseren Aufklärern, zu denen er sich gesellt, wenig gemein. Nur ist er noch nicht ganz auf dem Reinen mit sich selbst in dieser Sache und mischt deshalb Scherz und Ernst immer so wunderlich, dass nicht jeder beides voneinander sondern kann. Wollten wir aber alles für Ernst nehmen, so würde er uns gewiss nicht wenig auslachen.

Ich will mich also lediglich an den Scherz halten, lieber Freund; für den Ernst ist das vorhin Gesagte genug. Lass dir daher erzählen und erschrick nicht zu sehr. Ja, das Mädchen hört wirklich manches aus der Bibel recht genau, wie es dasteht. So war ihr auch Josef nur als der Pflegevater Christi vorgestellt worden — es ist wohl schon ein Jahr und länger her, was ich jetzt erzähle — und als ihr auf die Frage, wer denn sein rechter Vater gewesen sei, die Mutter antwortete, er habe keinen anderen gehabt als Gott, meinte sie, Gott wäre ja ihr Vater auch, aber sie möchte mich deshalb nicht missen, und es gehöre wohl schon zum Leiden Christi, keinen rechten Vater zu haben, denn es sei eine gar herrliche Sache um einen solchen. Wobei sie mich liebkoste und mit meinen Locken spielte. Du siehst daraus, wie streng sie schon an die Dogmatik hält und welche vorzügliche Anlage sie hat, für den Glauben an die jungfräuliche Empfängnis zur Märtyrerin zu werden. Ja, noch mehr, sie nimmt wirklich die heilige Geschichte in etwas wie ein Märchen. Denn wie sie sich aus diesen die Idee ausbildet, wenn in einzelnen Momenten schon das Mädchen die Oberhand gewinnt über das Kind, so zweifelt sie auch wohl bisweilen an dem Einzelnen und Faktischen in jener und fragt, ob das auch buchstäblich zu verstehen sei. Du siehst, es ist arg genug, und sie ist nahe an der allegorischen Erklärung einiger Kirchenväter.“

„Der Scherz macht mir ordentlich Mut, auch ein Wörtchen dreinzureden“, sagte Karoline, „und so möchte ich eingestehen: Sie habe freilich den Heiligenschein um das Christkindlein gemacht, und sie werde bald selbst Kinder und Mütter zeichnen, malen und wo möglich modellieren, allen heidnisch gesinnten Künstlern zum Trotz und Ärgernis. Denn sie kritzelt schon jetzt oft solche Skizzen beim Schreiben und Lesen, also schon halb gedankenlos, was offenbar nur umso ärger katholisch ist. Aber im Ernst glaube ich, wir sind nur umso sicherer vor beidem. Denn bei den Herrnhutern hält man nichts auf Bildwerke, dort wird es ihr also zu unkünstlerisch sein. Und was das Katholische betrifft, so sagt ihr ja immer, die Besten, die von uns zu jener Kirche übertraten, täten es deshalb, weil sie dort einen festen Verein der Religion mit den Künsten anträfen, der bei uns fehle. Hat sich nun Sofie diesen Verein schon gemacht auf ihre eigene Weise, so wird sie kein Bedürfnis fühlen, sich an jenen anzuschließen, in dem die Kunst oft so wunderlich und geschmacklos auftritt.“

„Ei“, sagte Leonhardt, scheinbar heftig, „wenn sogar die Mädchen mich verwirrt machen wollen, so muss ich es ja wohl werden über und über. Und meinetwegen mag sie lieber katholisch werden mit ihrer Anwendung der Künste auf die Religion, denn ich mag das gar nicht. Ich bin als Christ sehr unkünstlerisch und als Künstler sehr unchristlich. Ich mag die steife Kirche nicht, die uns Schlegel in seinen auch etwas steifen Stanzen geschildert hat, noch auch die armen, bettelnden, erfrorenen Künste, welche froh sind, ein Unterkommen zu finden. Wenn diese nicht ewig jung, reich und unabhängig für sich leben, sich ihre eigene Welt bildend, wie sie sich die alte Mythologie unstreitig gebildet haben, so verlange ich keinen Teil an ihnen. Ebenso die Religion, wie wir sie nehmen, kommt mir schwach vor und verdächtig, wenn sie sich erst auf die Künste stützen will.“

„Sieh dich vor, Leonhardt“, sagte Ernst, „dass sie dich nicht zur Unzeit an deine eigenen Worte erinnern. Hast du uns nicht neulich noch auseinandergesetzt, dass Leben und Kunst ebenso wenig ein Gegensatz wären wie Leben und Wissenschaft, dass ein gebildetes Leben recht eigentlich ein Kunstwerk wäre, eine schöne Darstellung, die unmittelbarste Vereinigung des Plastischen und Musikalischen? Nun werden sie sagen, du wollest also auch nicht, dass das Leben bei der Religion unterkommen solle oder sich von ihr begeistern lasse, und sie sollte also nirgends sein als in Worten, wo ihr sie bisweilen braucht aus allerlei Ursachen.“

„Das wollen wir nicht sagen“, entgegnete Ernestine. „Es ist ohnehin des müßigen Streites längst genug, der uns andere langweilt, weil wir das reine Vergnügen am Streiten nicht mit euch teilen können.“

„Und wir sind ja offenbar einig“, fügte Eduard hinzu, „wenigstens in dem wohltuenden Gefühl, welches sich in unserem heutigen Leben so besonders ausdrückt. Denn was ist die schöne Sitte der Wechselgeschenke wohl anders als reine Darstellung der religiösen Freude, die sich, wie Freude immer tut, in ungesuchtem Wohlwollen, Geben und Dienen äußert, und hier noch besonders das große Geschenk, dessen wir uns alle gleichmäßig erfreuen, durch kleine Gaben abbildet? Je reiner diese Gesinnung im Ganzen hervortritt, umso mehr ist unser Sinn getroffen. Und um deswillen, liebe Ernestine, waren wir so ergetzt von deiner Anordnung dieses Abends, weil du unseren Weihnachtssinn so recht ausgedrückt hast: das Verjüngtsein, das Zurückgehen in das Gefühl der Kindheit, die heitere Freude an der neuen Welt, die wir dem gefeierten Kinde verdanken — das alles lag in dem dämmernden Schein, in der grünen, blumigen Umgebung, in dem aufgehaltenen Verlangen.“

„Ja gewiss“, sagte Karoline, „ist, was wir in diesen Tagen fühlen, so rein die fromme Freude an der Sache selbst, dass mir ordentlich leid tut, was Ernst vorhin äußerte, sie könnte durch irgendeine frohe Begebenheit oder Erwartung des äußeren Lebens erhöht werden. Aber es war ihm wohl auch nicht recht ernst damit. Und was die Bedeutsamkeit unserer kleinen Gaben anlangt, so haben sie ihren Wert insofern gar nicht durch das, worauf sie sich beziehen, sondern nur überhaupt dadurch, dass sie sich auf etwas beziehen, dass die Absicht, zu erfreuen, darin liegt, und der Beweis, wie bestimmt uns das Bild jedes lieben Freundes dabei vorgeschwebt hat. Mein Gefühl wenigstens unterscheidet jene höhere, allgemeinere Freude sehr bestimmt von der lebhaftesten Teilnahme an dem, was euch allen, ihr lieben Freunde, begegnet oder bevorsteht; und ich möchte eher sagen, diese wird durch jene erhöht. Wenn das Schöne und Erfreuliche zu einer Zeit vor uns steht, wo wir uns des Größten und Schönsten aufs innigste bewusst sind, so teilt sich dieses jenem mit, und in Beziehung auf das große Heil der Welt bekommt alles Liebe und Gute eine größere Bedeutung. Ja, ich fühle es noch klar, wie ich es schon einmal erlebt habe, dass auch neben dem tiefsten Schmerz jene Freude ungehindert in uns aufblüht und dass sie ihn reinigt und besänftigt, ohne von ihm gestört zu werden, so ursprünglich ist sie und unmittelbar in einem Unvergänglichen gegründet.“

„Auch ich“, sagte Eduard, „der ich nach Ernsts voriger Schätzung leicht der heute am wenigsten Beglückte sein würde unter uns, fühle ein frohes Übermaß von reiner Heiterkeit in mir, die mir gewiss auch alles übertragen würde, was begegnen möchte. Es ist eine Stimmung, in der ich das Schicksal herausfordern könnte, oder, wenn das frevelhaft klingt, mich ihm wenigstens mutig stellen möchte auf jede Forderung; und eine solche Fassung ist doch einem jeden zu wünschen. Ich glaube aber, das volle Bewusstsein und den rechten Genuss derselben verdanke ich auch zum Teil unserer Kleinen, die uns vorhin zur Musik führte. Denn jedes schöne Gefühl tritt nur dann recht vollständig hervor, wenn wir den Ton dafür gefunden haben; nicht das Wort — dies kann immer nur ein mittelbarer Ausdruck sein, nur ein plastisches Element, wenn ich so sagen darf —, sondern den Ton im eigentlichen Sinne. Und gerade dem religiösen Gefühl ist die Musik am nächsten verwandt. Man redet so viel darüber hin und her, wie man dem gemeinsamen Ausdruck desselben wieder aufhelfen könnte; aber fast niemand denkt daran, dass leicht das Beste dadurch geschehen möchte, wenn man den Gesang wieder in ein richtigeres Verhältnis setzte gegen das Wort. Was das Wort klar gemacht hat, muss der Ton lebendig machen, unmittelbar in das ganze innere Wesen als Harmonie übertragen und festhalten.“

„Das wird wohl auch niemand leugnen“, fügte Ernst hinzu, „dass nur auf dem religiösen Gebiet die Musik ihre Vollendung erlangt. Die komische Gattung, die allein als reiner Gegensatz existiert, bestätigt dies eher, als sie es widerlegt; eine ernste Oper aber kann man doch kaum machen ohne eine religiöse Basis, und dasselbe möchte von jedem höheren Kunstwerk von Tönen gelten; denn in den untergeordneten Künsteleien wird niemand den Geist der Kunst suchen.“

„Diese nähere Verwandtschaft“, sagte Eduard, „liegt wohl mit darin, dass nur in der unmittelbaren Beziehung auf das Höchste, auf die Religion und eine bestimmte Gestalt derselben, die Musik, ohne an ein einzelnes Faktum geknüpft zu werden, doch Gegebenes genug hat, um verständlich zu sein. Das Christentum ist ein einziges Thema in unendlichen Variationen dargestellt, die aber auch durch ein inneres Gesetz verbunden sind und unter bestimmte allgemeine Charaktere fallen. Es ist auch gewiss wahr, was jemand gesagt hat, dass die Kirchenmusik nicht des Gesanges, wohl aber der bestimmten Worte entbehren könnte. Ein Miserere, ein Gloria, ein Requiem — wozu sollen ihm die einzelnen Worte? Es ist verständlich genug durch seinen Charakter und erleidet keine wesentliche Veränderung, wenn die Worte mit anderem ähnlichem Inhalt, sofern sie nur ebenso sangbar sind und der Musik gemäß gegliedert, in derselben oder einer anderen Sprache vertauscht werden; ja, niemand wird sagen, es sei ihm etwas Großes entgangen, wenn er die untergelegten Worte auch gar nicht vernommen hat. Darum müssen beide fest aneinanderhalten, Christentum und Musik, weil beide einander verklären und erheben. Wie Jesus vom Chor der Engel empfangen ward, so begleiten wir ihn mit Tönen und Gesang bis zum großen Halleluja der Himmelfahrt; und eine Musik wie Händels Messias ist mir gleichsam eine kompakte Verkündigung des gesamten Christentums.“

„Ja überhaupt“, fügte Friederike hinzu, „der frömmste Ton ist es, der am sichersten ins Herz dringt.“

„Und die singende Frömmigkeit“, stimmte Karoline bei, „ist es, die am herrlichsten und geradesten zum Himmel aufsteigt. Nichts Zufälliges, nichts Einzelnes hält beide auf. Ich erinnere mich bei dem, was Eduard sagt, an etwas unlängst Gelesenes; ihr werdet gleich raten, wem es angehört. ‚Nie über einzelne Begebenheiten‘, so lauten etwa die Worte, ‚weint oder lacht die Musik, sondern immer nur über das Leben selbst.‘“

„Wir wollen in Jean Pauls Namen hinzufügen“, sagte Eduard, „die einzelnen Ereignisse seien für sie nur durchgehende Noten, ihr wahrer Inhalt aber die großen Akkorde des Gemüts, die wunderbar und in den verschiedensten Melodien wechselnd sich immer doch in dieselbe Harmonie auflösen, in der nur Dur und Moll zu unterscheiden ist, männliches und weibliches.“

„Seht,“ fiel Agnes ein, „hier kommen wir wieder auf meine vorige Rede. Das Einzelne, das Persönliche, sei es nun Zukunft oder Gegenwart, Freude oder Leid, kann einem Gemüt, das sich in frommen Stimmungen bewegt, so wenig geben oder nehmen wie etwa durchgehende Noten, die nur leichte Spuren zurücklassen, den Gang der Harmonie beeinflussen.“

„Höre, Eduard,“ fiel Leonhardt hastig ein, „es wird mir zu arg mit eurer Schule, welche die Wirklichkeit des Lebens ganz verleugnet, und dich muss ich darüber anklagen.“ Er fuhr halb leise fort: „Leidest du wohl, dass Agnes so sprechen kann, sie, die in der schönsten und seligsten Hoffnung lebt?“

„Warum nicht?“ antwortete sie selbst. „Ist nicht eben auch hierbei das Persönliche zugleich das Vergängliche? Ist nicht ein Neugeborenes den meisten Gefahren ausgesetzt? Wie leicht wird die noch unstete Flamme auch von dem leisesten Wind ausgeweht! Aber die Mutterliebe ist das Ewige in uns, der Grundakkord unseres Wesens.“

„Und so ist es dir gleichgültig,“ fragte Leonhardt, „ob du dein Kind bilden kannst zu dem, was dir vorschwebt, oder ob es dir in der ersten dürftigen Periode des Lebens wieder entrissen wird?“

„Gleichgültig?“ entgegnete sie. „Wer sagt das? Aber das innere Leben, die Haltung des Gemüts, wird nicht dadurch verlieren. Und glaubst du denn, die Liebe geht auf das, wozu wir die Kinder bilden können? Was können wir bilden? Nein, sie geht auf das Schöne und Göttliche, das wir in ihnen schon glauben, das jede Mutter aufsucht in jeder Bewegung, sobald sich nur die Seele des Kindes äußert.“

„Seht, ihr Lieben,“ sagte Ernestine, „mit diesem Sinn ist wieder jede Mutter eine Maria. Jede hat ein ewiges göttliches Kind und sucht andächtig darin die Bewegungen des höheren Geistes. Und in solcher Liebe bringt kein Schicksal eine schmerzliche Zerstörung, noch keimt darin das verderbliche Unkraut der mütterlichen Eitelkeit. Mag der Alte weissagen, dass ein Schwert durch ihre Seele gehen wird, Maria bewegt die Worte nur in ihrem Herzen. Mögen die Engel sich freuen und die Weisen kommen und anbeten: sie überhebt sich nicht, sondern bleibt immer in der gleich andächtigen und demütigen Liebe.“

„Wenn ihr nur nicht alles so lieblich ausdrücken würdet, dass man es nicht entkräften kann!“ sprach Leonhardt. „Es wäre wohl viel dagegen zu sagen. Sonst, wenn das alles so recht vorhielte, wahrlich, ihr wäret die Heldinnen dieser Zeit, ihr lieben idealistischen Schwärmerinnen mit eurer Verachtung des Einzelnen und Wirklichen, und man sollte bedauern, dass eure Gemeinde nicht stärker ist und dass ihr nicht lauter tüchtige, schon waffenfähige, wehrhafte Söhne habt. Ihr müsst die rechten christlichen Spartanerinnen sein. Darum achtet ja auf eure Worte und haltet, was ihr versprecht; es können euch harte Prüfungen bereitet sein, dass ihr sie gut besteht. Die Anstalten sind schon gemacht. Ein großes Schicksal geht unschlüssig auf und ab in unserer Nähe mit Schritten, unter denen die Erde bebt, und wir wissen nicht, wie es uns erfassen kann. Dass sich dann nur nicht das Wirkliche mit stolzer Übermacht für eure demütige Verachtung rächt!“

„Lieber Freund,“ antwortete Ernst, „die Frauen werden hierin wohl schwerlich hinter uns zurückstehen. Und die ganze Probe ist, wie mir dünkt, für sie nicht viel. Was uns aus der Ferne als ein großes Bild häuslichen Elends erscheint, zerfällt in der Nähe in viele Kleinlichkeiten, das Große daran verschwindet, und was den Einzelnen trifft, sind wiederum nur einige dieser Kleinigkeiten, erleichtert überdies durch die Ähnlichkeit mit dem, was allen rundum begegnet. Was uns Männer bewegen muss in diesen Angelegenheiten, ist nicht das, was von Nähe und Ferne abhängt, sondern gerade das, was nicht in das unmittelbare Gebiet der Frauen fällt und sie nur durch uns und um unsertwillen aufregen kann.“

Softe war unterdessen größtenteils am Instrument gewesen, um sich mit ihren neuerworbenen Schätzen vertraut zu machen, von denen sie einen Teil noch nicht kannte, und auch von dem Bekannten manches gern gleich als Eigentum begrüßen wollte. Jetzt eben hörte man sie besonders laut aus einer Kantate einen Choral singen:

„Der uns den Sohn geschenkt zum ew’gen Leben,
Wie sollt uns der mit ihm nicht alles geben?“

An welchen sich eine prächtige Fuge anschloss:

„Wenn ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erden.“

Als sie dies geendet hatte, verschloss sie das Instrument und kam in den Saal zurück. „Sieh da,“ sagte Leonhardt, der sie kommen sah, „unsere kleine Prophetin! Ich will doch gleich hören, inwiefern sie schon zu euch gehört. Sage mir, Kleine,“ redete er sie an, indem er ihr die Hand hinüberreichte, „du bist doch gewiss lieber lustig als traurig?“

„Ich bin jetzt wohl eben keines von beiden,“ antwortete sie.

„Doch nicht lustig nach so vielen schönen Geschenken? Das macht gewiss die ernsthafte Musik! Aber du hast nicht recht verstanden, was ich meinte; ich fragte, zum Überfluss freilich, welches von beiden du überhaupt lieber wärest, lustig oder traurig?“

„Ja, das ist schwer zu sagen,“ erwiderte sie, „ich bin beides nicht außerordentlich gern; aber am liebsten immer das, was ich jedes Mal bin.“

„Das verstehe ich nun wieder nicht, kleine Sphinx, wie meinst du das?“

„Nun,“ sagte sie, „ich weiß weiter nichts, als dass Lustigkeit und Traurigkeit bisweilen gar wunderlich durcheinandergehen und sich streiten, und das macht mich ängstlich, weil ich wohl merke, wie mir Mutter auch gesagt hat, dass dabei allemal etwas Verkehrtes oder Falsches im Spiel ist, und darum mag ich es nicht.“

„Also,“ fragte er weiter, „wenn du nur eines von beiden ganz bist, so ist es dir einerlei, ob fröhlich oder traurig?“

„Je bewahre, dann bin ich ja eben gern, was ich bin, und was ich gern bin, ist mir ja nicht gleichgültig.“

„Ach Mutter,“ fuhr sie fort, zu Ernestine gewendet, „hilf mir doch! Er fragt mich da so wunderlich aus, und ich kann mich gar nicht hineinversetzen, was er eigentlich will. Lass ihn lieber die Großen fragen, hier werden ihm ja bessere Reden stehen.“

„In der Tat,“ sagte Ernestine, „ich glaube nicht, Leonhardt, dass du viel weiter mit ihr kommen wirst; sie ist eben noch gar nicht in dem Geschick des Vergleichens mit ihrem Leben.“

„Lass dich diesen Versuch nicht abschrecken,“ tröstete ihn Ernst lächelnd, „es bleibt immer eine schöne Kunst, das Katechisieren, und die man vor Gericht so gut braucht wie irgendwo. Auch lernt man, mischt immer einer etwas dabei, wenn es nicht ganz verkehrt angefangen wird.“

„Sollte sie aber kein Gefühl darüber haben,“ sagte Leonhardt, den spöttischen Ernst vermeidend, zu Ernestine gewendet, „ob ihr wohler ist im lustigen Zustand oder im traurigen?“

„Wer weiß,“ entgegnete jene, „was meinst du, Sofie?“

„Ich weiß es ja wahrlich nicht, Mutter; mir kann in beiden sehr wohl sein, und eben jetzt war mir, auch ohne dass ich eins von beiden bin, außerordentlich wohl. Nur mit seinen Fragen macht er mir Angst, weil ich es nicht anzustellen weiß, alles, was vorbei ist, so zusammenzusuchen.“ Und damit küsste sie der Mutter die Hand und begab sich an das entgegengesetzte Ende des Saales ins Dunkel, wo nur noch einige der Lampen schimmerten, zu ihren Weihnachtsgeschenken.

„Das hat sie uns doch deutlich gezeigt,“ sagte Karoline, halb leise, „welches der Kindersinn ist, ohne den man nicht ins Reich Gottes kommen kann; eben dies, jede Stimmung und jedes Gefühl für sich hinnehmen und nur rein und ganz haben wollen.“

„Wohl,“ sprach Eduard, „nur dass sie kein bloßes Kind ist, und dies also auch nicht der ganze Kindersinn, sondern sie ist ein Mädchen.“

„Nun ja,“ fuhr Karoline fort, „es sollte auch nur für uns gelten, und ich wollte nur sagen, die Klagen, die man so häufig hört von jüngeren und älteren, zumal auch an diesen Tagen der Kinderfreude, dass sie sich nun nicht mehr so freuen könnten wie in ihren Kinderjahren, rühren gewiss nicht von denen her, die eine solche Kindheit gehabt haben. Nur gestern noch musste ich mich wundern über die Verwunderung von einigen, denen ich behauptete, ich wäre jetzt noch ebenso lebhafter Freude fähig, nur mehrerer.“

„Ja, und die Arme,“ scherzte Leonhardt, „wird manchmal eben von jener Art für eitel gehalten, wenn sie nichts tut, als sich recht kindlich über etwas mädchenhaftes freuen. Aber lass es gut sein, schönes Kind, diese Widersacher sind dafür diejenigen, denen die Natur eine zweite Kindheit ans Ende des Lebens gesetzt hat, damit ihnen doch, wenn sie dieses Ziel erreichen, noch ein letzter Labetrunk aus dem Becher der Freude zuteilwird, zum Schluss der langen, kläglichen, freudeleeren Zeit.“

„Dies ist wohl ernsthafter und tragischer als scherzhaft,“ sagte Ernst. „Ich wenigstens weiß kaum etwas Schauderhafteres, als wie der große Haufen der Menschen, da sie die ersten Gegenstände der kindischen Freude notwendig verlieren müssen, hernach aus Unfähigkeit, höhere zu gewinnen, der schönen Entwicklung des Lebens gedankenlos und von Langeweile gequält – ich weiß nicht, soll man sagen zuschauen oder beiwohnen, denn auch das ist noch zu viel für ihre reine Untätigkeit – bis endlich aus dem Nichts wieder eine zweite Kindheit entsteht, die sich aber zu der ersten verhält wie ein widriger Zwerg zu einem schönen, lieblichen Kinde, oder wie das unstete Flattern einer verlöschenden Flamme zu dem um sich greifenden, vielfach sich verwandelnden Schein einer eben entzündeten.“

„Nur gegen eines,“ sprach Agnes, „möchte ich wieder eine Einwendung niederlegen. Müssen denn die ersten kindlichen Gegenstände der Freude in der Tatverloren gehen, damit man die höheren gewinnt? Sollte es nicht eine Art geben, diese zu gewinnen, ohne jene fahren zu lassen? Fängt denn das Leben mit einer reinen Täuschung an, in der gar keine Wahrheit ist, nichts Bleibendes? Wie soll ich das eigentlich verstehen? Beruhen die Freuden des Menschen, der zur Besinnung über sich und die Welt gekommen ist, der Gott gefunden hat, wenn es doch dabei ohne Streit und Krieg nicht abgeht, auf der Vertilgung nicht etwa des Bösen, sondern des Schuldlosen? Denn so bezeichnen wir doch immer das Kindliche oder auch das Kindische, wenn ihr lieber wollt. Oder muss die Zeit mit ich weiß nicht welchem Gift die ersten ursprünglichen Freuden des Lebens schon vorher getötet haben? Und der Übergang aus dem einen Zustand in den anderen ginge doch auf jeden Fall durch ein Nichts?“

„Ein Nichts kann man es wohl nicht nennen,“ fiel Ernestine ein, „aber es scheint doch, und sie gestehen es auch selbst ein, dass die Männer, man möchte wohl sagen die besten am meisten, zwischen der Kindheit und ihrem besseren Dasein ein wunderliches, wüstes Leben führen, leidenschaftlich und verworren. Es sieht auf der einen Seite aus wie eine Fortsetzung ihrer Kindheit, deren Freuden auch eine heftige und zerstörende Natur zeigen, auf der andern aber gestaltet es sich auch zu einem unsteten Treiben, einem unschlüssigen, immer wechselnden Fahrenlassen und Ergreifenwollen, wovon wir nichts verstehen. Bei unserem Geschlecht vereinigt sich beides unmerklicher miteinander. In dem, was uns in den Spielen der Kindheit anzieht, liegt schon unser ganzes Leben, nur dass sich, wie wir erwachsen, allmählich die höhere Bedeutung von dem und jenem offenbart; und auch wenn wir Gott und die Welt nach unserer Weise verstehen, drücken wir unsere höchsten und süßesten Gefühle immer zugleich auch in jenen lieblichen Kleinigkeiten aus, in jenem milden Schein, der uns in den Tagen der Kindheit mit der Welt befreundete.“

„So hätten,“ sagte Eduard, „Männer und Frauen auch in der Entwicklung des Geistigen, auch wenn es doch in beiden dasselbe sein muss, ihre abgesonderte Weise, um sich durch gegenseitiges Erkennen auch hierin zu vereinigen.“

„Ja, es mag wohl sein, und es spricht mich recht klar an, dass der Gegensatz des Unbewussten und des Besonnenen in uns Männern stärker hervortritt, und sich während des Überganges in jenem unruhigen Streben, jenem leidenschaftlichen Kampf mit der Welt und sich selbst offenbart. Dagegen in eurem ruhigen und anmutigen Wesen die Stetigkeit beider und ihre innere Einheit ans Licht tritt, und heiliger Ernst und liebliches Spiel überall eins sind.“

„Allein,“ entgegnete Leonhardt scherzhaft lächelnd, „so waren, wunderbar genug, wir Männer christlicher als die Frauen. Denn das Christentum redet ja überall von einem Umkehren, einer Veränderung des Sinnes, einem Neuen, wodurch das Alte soll ausgetrieben werden. Welches alles, wenn die vorige Rede wahr ist, ihr Frauen, wenige Magdalenen abgerechnet, gar nicht nötig hättet.“

„Aber Christus selbst,“ erwiderte Karoline, „hat sich doch nicht bekehrt. Eben deshalb ist er auch immer der Schutzherr der Frauen gewesen, und während ihr euch nur über ihn gestritten habt, haben wir ihn geliebt und verehrt. Oder was könntest du dagegen einwenden, wenn wir nun erst den rechten Sinn hineinlegten in das abgebrauchte Sprichwort, dass wir immer Kinder bleiben; dagegen ihr erst umkehren müsst, um es wieder zu werden?“

„Und was uns so nahe liegt,“ fügte Ernst hinzu, „was ist die Feier der Kindheit Jesu anderes als die deutliche Anerkennung der unmittelbaren Vereinigung des Göttlichen mit dem Kindlichen, bei welcher es also keines Umkehrens weiter bedarf? Auch hat schon Agnes dies vorher geäußert, als die allgemeine Ansicht aller Frauen, dass sie in ihren Kindern, wie die Kirche es in Christus tut, schon von der Geburt an das Göttliche voraussetzen und es aufsuchen.“

„Ja, eben dieses Fest,“ sagte Friederike, „ist der nächste und beste Beweis, dass es sich mit uns wirklich so verhält, wie Ernestine vorher beschrieben hat.“

„Wie so?“ fragte Leonhardt.

„Weil man hier“, antwortete sie, „in kleinen, aber doch weder unkenntlichen noch vergessenen Abschnitten der Natur unserer Freude nachgehen kann, um zu sehen, ob sie mehrere plötzliche Verwandlungen erfahren hat. Man bedürfte kaum uns aus das Gewissen zu fragen, denn die Sache spricht selbst für sich. Es ist offenbar genug, dass überall Frauen und Mädchen die Seele dieser kleinen Feste sind, am meisten geschäftig dabei, aber auch am reinsten empfänglich und am höchsten erfreut. Wenn sie nur Euch überlassen wären, würden sie bald untergehen; durch uns allein werden sie zu einer ewigen Tradition. Könnten wir aber nicht die religiöse Freude auch für sich allein haben? Und würde dem nicht auch so sein, wenn wir sie erst späterhin als etwas Neues gefunden hätten? Aber bei uns hängt jetzt noch alles so zusammen wie in den früheren Jahren. Schon in der Kindheit legten wir diesen Geschenken eine besondere Bedeutung bei; sie waren uns mehr als das Nämliche zu einer anderen Zeit gegeben. Nur dass es damals eine dunkle, geheimnisvolle Ahndung war, was seitdem allmählich klarer hervorgetreten ist, was uns aber immer noch am liebsten unter derselben Gestalt vor Augen tritt, und das gewohnte Symbol nicht will fahren lassen. Ja, bei der Genauigkeit, mit welcher uns die kleinen schönen Momente des Lebens in der Erinnerung bleiben, könnte man stufenweise dieses Hervortreten des Höheren nachweisen.“

„Wahrlich“, sagte Leonhardt, „lebhaft und gut ausgeführt, wie Ihr es könntet, müsste das eine schöne Reihe kleiner Gemälde geben, wenn Ihr uns Eure Weihnachtsfreuden mit ihren Merkwürdigkeiten beschreiben wolltet, und auch wer in den unmittelbaren Zweck nicht mit besonderer Teilnahme einginge, würde sich daran erfreuen.“

„Wie artig er zu verstehen geben will, dass es ihn langweilen würde!“, rief Karoline aus.

„Freilich“, sagte Ernestine, „so wäre es zu kleinlich, auch für den, der sich noch frauendienerischer anstellen wollte, wie für den, der wirklich noch mehr Sinn für die Sache hätte. Aber wer einzeln etwas Merkwürdiges dieser Art zu erzählen weiß, in Bezug auf unsere Unterredung, der tue es, und schließe sich einem solchen Zuge aus meiner frühen Kindheit an, den ich Euch erzählen will, wenn auch vielleicht Einige schon darum wissen sollten.“

Friederike stand auf und sagte: „Ihr wisst, ich pflege nicht so zu erzählen; ich will aber etwas anderes tun, was Euch Vergnügen macht. Ich werde mich an das Instrument setzen und Eure Erzählungen fantasieren. So hört Ihr ja auch etwas von mir und mit Eurem feineren und höheren Ohr.“

Ernestine begann. „Zu Weihnachten waren dem fröhlichen Feste allerlei trübselige Umstände vorhergegangen, die sich nur kurz zuvor ziemlich glücklich aufgelöst hatten. Es war daher weniger und bei weitem nicht mit so viel Liebe und Fleiß als gewöhnlich für die Freude der Kinder gesorgt worden. Dies war eine günstige Veranlassung, um einen Wunsch zu befriedigen, den ich schon ein Jahr früher, aber vergeblich, geäußert hatte. Damals nämlich wurden noch in den späten Abendstunden die sogenannten Christmetten gehalten und bis gegen Mitternacht unter abwechselnden Gesängen und Reden vor einer unsteten und nicht eben andächtigen Versammlung fortgesetzt. Nach einigen Bedenklichkeiten durfte ich wohlbegleitet von dem Kammermädchen der Mutter zur Kirche fahren. Ich weiß mich nicht leicht einer so gelinden Witterung an Weihnachten zu erinnern wie damals. Der Himmel war klar und doch der Abend fast lau. In der Gegend des fast schon verlöschenden Christmarktes trieben sich große Scharen von Knaben umher mit den letzten Pfeifen, Piepvögeln und Schnurren, die um einen wolfeilen Preis losgeschlagen wurden, und liefen lärmend auf den Wegen zu den verschiedenen Kirchen hin und her. Erst ganz in der Nähe vernahm man die Orgel und wenige unordentlich begleitende Stimmen von Kindern und Alten. Ungeachtet eines ziemlichen Aufwands von Lampen und Kerzen wollten doch die dunklen, altersgrauen Pfeiler und Wände nicht hell werden, und ich konnte nur mit Mühe einzelne Gestalten herausfinden, die jedoch nichts Erfreuliches darboten. Noch weniger konnte mir der Geistliche mit seiner quäkenden Stimme einige Teilhabe einflößen; ich wollte schon ganz unbefriedigt meine Begleiterin bitten, zurückzukehren, und sah mich nur noch einmal überall um. Da erblickte ich in einem offenen Stuhl, unter einem schönen alten Monument, eine Frau mit einem kleinen Kinde auf ihrem Schoß. Sie schien des Predigers, des Gesanges und alles um sie her wenig zu achten, sondern nur in ihren eigenen Gedanken tief versenkt zu sein, und ihre Augen waren unverwunden auf das Kind gerichtet. Es zog mich unwiderstehlich zu ihr, und meine Begleiterin musste mich hinführen. Hier hatte ich nun auf einmal das Heiligtum gefunden, das ich so lange vergeblich gesucht hatte. Ich stand vor der edelsten Bildung, die ich je gesehen habe. Einfach gekleidet war die Frau, ihr vornehmer großer Anstand machte den offenen Stuhl zu einer verschlossenen Kapelle; Niemand hielt sich in der Nähe und dennoch schien sie auch mich nicht zu bemerken, da ich dicht vor ihr stand. Ihre Miene schien mir bald lächelnd, bald schwermütig, ihr Atem bald freudig zitternd, bald frohe Seufzer schwer unterdrückend, aber das Bleibende von dem allen war freundliche Ruhe, liebende Andacht, und herrlich strahlte diese aus dem großen, schwarzen, niedergesenkten Auge, das mir die Wimpern ganz verdeckt hätten, wenn ich etwas größer gewesen wäre. So schien mir auch das Kind ungemein lieblich, es regte sich lebendig, aber still, und schien mir in einem halb unbewussten Gespräch von Liebe und Sehnsucht mit der Mutter begriffen. Nun hatte ich lebendige Gestalten zu den schönen Bildern von Maria und dem Kinde; und ich vertiefte mich so in diese Fantasie, dass ich halb unwillkürlich das Gewand der Frau an mich zog, und sie mit bewegter, sehr bittender Stimme fragte: „Darf ich wohl dem lieblichen Kinde etwas schenken?“ und so leerte ich auch schon einige Händchen voll Näschereien, die ich zum Trost in aller eventuellen Not mitgenommen hatte, auf seine Bedeckung aus. Die Frau sah mich einen Augenblick starr an, zog mich dann freundlich zu sich, küsste meine Stirn und sprach: „Oh ja, liebe Kleine, heute gibt ja Jedermann, und alles um eines Kindes willen.“ Ich küsste ihre um meinen Hals gelegte Hand und ein ausgestrecktes Händchen des Kleinen und wollte schnell gehen; da sagte sie: „Warte, ich will dir auch etwas schenken; vielleicht dass ich dich einmal daran wiedererkenne.“ Sie suchte umher und zog aus ihren Haaren eine goldene Nadel mit einem grünen Stein, die sie an meinem Mantel befestigte. Ich küsste noch einmal ihr Gewand und verließ schnell die Kirche mit einem vollen, über alles seligen Gefühl. Es war Eduards älteste Schwester, jene herrliche tragische Gestalt, die mehr als irgendjemand auf mein Leben und mein inneres Sein gewirkt hat. Sie wurde bald die Freundin und Führerin meiner Jugend, und obwohl ich nichts als Schmerzen mit ihr zu teilen gehabt habe, zähle ich doch meine Verbindung mit ihr zu den schönsten und wichtigsten Momenten meines Lebens. Auch Eduard stand damals als ein herangewachsener Knabe hinter ihr, aber ohne auch nur von mir bemerkt zu werden.“

Friederike schien den Inhalt gekannt zu haben, so genau begleitete ihr Spiel die anmutige Erzählung und brachte jedes Einzelne gleich in Übereinstimmung mit dem Gesamteindruck des Ganzen. Als Ernestine geendet hatte, bog jene nach einigen fantastischen Gängen in eine schöne Kirchenmelodie ein. Sofie, die sie erriet, lief hin, um ihre Stimme hinzuzufügen, und sie sangen zusammen die schönen Verse von Novalis:

„Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt;
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht,
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.“

„Mutter“, sagte Sofie, als sie zurückkam, „jetzt schwebt mir alles recht lebendig vor, was du mir je von Tante Kornelie erzählt hast, und von dem schönen Jüngling, den ich noch gesehen habe, und der so heldenmütig und so vergeblich für die Freiheit gestorben ist. Doch lass mich die Bilder herholen; wir kennen sie wohl alle, aber ich meine, wir müssen sie gerade jetzt betrachten.“ — Die Mutter nickte, und das Kind holte zwei noch nicht gerahmte Gemälde von Ernestines Pinsel. Beide stellten ihre Freundin und den Schmerzenssohn dar. Das eine, wie er zu ihr zurückkehrt aus der Schlacht, verwundet, aber mit Ruhm bedeckt; das andere, wie er Abschied von ihr nimmt, um als eines der letzten Opfer der blutdürstigsten Zeit zu fallen.

Leonhardt unterbrach die schmerzlichen Erinnerungen, die sich nur in einzelnen wehmütigen Worten Luft machten, indem er zu Agnes sagte: „Erzähle uns etwas anderes, Kind, und mache uns dadurch von beidem los, von dem stechenden Schmerz sowohl, der gar nicht in unsere Freude gehört, als auch von dem Mariendienst, in den uns die Mädchen dort eingesungen haben.“

„Nun wohl“, antwortete Agnes, „so will ich etwas weniger Bedeutendes, vielleicht aber dafür recht Fröhliches erzählen. Ihr wisst, vor dem Jahr waren wir an diesem Fest alle zerstreut, und ich schon seit mehreren Wochen bei meinem Bruder, um Luisens erster Niederkunft hilfreich beizustehen. Der heilige Abend wurde auch dort nach unserer Sitte von versammelten Freunden und Freundinnen begangen; Luise war zwar vollkommen wieder hergestellt, ich hatte mir aber doch nicht nehmen lassen, alles zu ordnen, und zu meiner Freude herrschte auch unter allen ganz die reine Heiterkeit und die frisch aufgeregte Liebe, die sich an diesem allgemeinen Festtag unter guten Menschen überall einstellt; und wie sie sich unter Geschenken und Freudenbekundungen in das muntere Gewand des Scherzes und der freien, spielenden Kindlichkeit kleidet, so war sie auch unter uns. Plötzlich erschien im Saal die Wärterin mit ihrem Kleinen, ging beschauend um die Tische herum und rief mehrere Male hintereinander halb scherzhaft, halb weinerlich: ‚Hat denn niemand dem Kinde etwas geschenkt? Haben sie denn das Kind ganz vergessen?‘ Wir versammelten uns bald um das kleine, niedliche Geschöpf, und im Scherz und Ernst entsponnen sich allerlei Reden darüber, wie man ihm bei aller Liebe noch keine Freude machen könne und wie recht es wäre, dass wir alles, was ihm eigentlich gehörte, der Mutter zugewendet hätten. Der Wärterin wurde nun alles gezeigt und auch dem Kleinen vorgehalten: Mützchen, Strümpfchen, Kleider, Löffelchen, Näpfchen; aber weder Glanz und Klang des edlen Metalls, noch die blendende oder durchsichtige Weiße der Zeugnisse schienen seine Sinne zu rühren. ‚Ja, so ist es, Kinder!‘, sagte ich zu den anderen, ‚er ist noch ganz an seine Mutter gebunden, und auch diese kann ihm heute noch nichts anderes als das gleiche tägliche Gefühl der Befriedigung erregen. Sein Bewusstsein ist noch mit dem ihrigen vereinigt, in ihr wohnt es, und nur in ihr können wir es pflegen und erfreuen.‘

„Aber wir sind doch alle recht verschämt gewesen“, sang ein liebenswürdiges Mädchen an, „dass wir nur so auf den gegenwärtigen Augenblick gedacht haben. Steht denn nicht das ganze Leben des Kindes vor der Mutter?“ Mit diesen Worten forderte sie von mir meine Schlüssel ab, mehrere andere zerstreuten sich gleichfalls mit der Versicherung, bald wieder da zu sein, und Ferdinand redete ihnen zu, zu eilen; denn er habe auch noch etwas für den Kleinen vor. „Ihr erratet wohl nicht, was?“ sagte er zu uns Zurückbleibenden. „Ich will ihn gleich taufen, ich wüsste keinen schöneren Augenblick dazu als diesen; besorgt das Nötige, ich will auch wieder da sein, wenn unsere Freunde zurückkehren.“ So schnell wie möglich kleideten wir das Kind in das Niedlichste, was unter den Geschenken vorhanden war, und wir hatten kaum geendet, als die Weggegangenen sich mit allerlei Gaben wieder einstellten. Scherz und Ernst waren darin wunderlich gemischt, wie es bei jeder Vergegenwärtigung der Zukunft nicht anders sein kann. Zeuge zu Kleidungsstücken für seine Knabenjahre, nicht nur, sondern gar für seinen Hochzeitstag; ein Zahnstocher und ein Uhrband mit dem Wunsch, dass man von ihm sagen möge, in besserem Sinne, was von Churchill gesagt wurde: „Wenn er am Uhrband spielt, wenn er in Zähnen stochert, kommt ein Gedicht heraus“; zierliches Papier, worauf er den ersten Brief an ein geliebtes Mädchen schreiben sollte; Lehrbücher für die Anfangs­gründe in allerlei Sprachen und Wissenschaften; auch eine Bibel, welche ihm überreicht werden sollte, wenn ihm der erste Unterricht im Christentum erteilt würde; ja, sein Oheim, der gerne Karikaturen macht, brachte sogar als das erste Erfordernis eines künftigen Zierbildes, wie er sich auf Campisch ausdrückte, eine Brille und ruhte nicht, sie musste den großen, hellen, blauen Äuglein vorgehalten werden. Viel wurde gelacht und gescherzt, aber Luise behauptete ganz ernsthaft, die Brille ausgenommen — denn er musste ja wohl ihre und Ferdinands tüchtige Augen haben — sehe sie ihn doch nun ganz lebendig und mit bestimmter Gestalt und Zügen gewiss als profetisch, in allen den Zeiten und Verhältnissen vor sich, auf welche die Geschenke hindeuteten. Vergeblich neckte man sie damit, wie altfränkisch er sich wahrscheinlich ausnehmen würde, wenn er wirklich jedes Geschenk durch Gebrauch ehren wollte, und wie man besonders das Papier vor dem Gelbwerden hüten müsse. Endlich kamen wir überein, vor allen den Geber der Bibel zu loben, die er doch am sichersten würde gebrauchen können. Ich machte sie auf den Schmuck des Kleinen aufmerksam; aber niemand suchte etwas Besonderes darin, sondern nur dieses, dass er ihre Gaben auf recht würdige Weise in Empfang nehmen sollte. Alle waren daher nicht wenig verwundert, als Ferdinand in voller Amtskleidung hereintrat, und zugleich der Tisch mit dem Wasser gebracht wurde. „Wundert euch nicht zu sehr, liebe Freunde“, sagte er. „Bei Agnesens Bemerkung vorher fiel mir sehr natürlich der Gedanke ein, den Knaben noch heute zu taufen. Ihr sollt sämtlich Zeugen dabei sein, und auch dadurch euch aufs Neue als teilnehmende Freunde seines Lebens unterzeichnen. Ihr habt ihm Gaben dargebracht“, fuhr er fort, nachdem er das Einzelne unter mancherlei fröhlichen Bemerkungen betrachtet hatte, die auf ein Leben hindeuten, wovon er noch nichts weiß, „wie auch Christus Gaben dargebracht wurden, die auf eine Herrlichkeit hinwiesen, wovon das Kind noch nichts wusste. Lasst uns ihm nun auch das Schönste, Christus selbst, zueignen, obwohl es ihm jetzt noch keinen Genuss und keine Freude gewähren kann. Nicht in der Mutter allein oder in mir wohnt jetzt noch für ihn die Kraft des höheren Lebens, das in ihm selbst noch nicht sein kann, sondern in uns allen, und aus uns allen muss es ihm dereinst zuströmen, und er muss es in sich aufnehmen.“ So versammelte er uns um sich, und fast unmittelbar aus dem Gespräch ging er in die heilige Handlung über. Mit einer leisen Anspielung auf die Worte „Wer mag wehren, dass diese getauft werden?“, sprach er sich darüber aus, wie eben dies, dass ein christliches Kind von Liebe und Freude empfangen werde und immer umgeben bleibe, die Bürgschaft leiste, dass der Geist Gottes in ihm wohnen werde; wie das Geburtsfest der neuen Welt ein Tag der Liebe und Freude sein müsse, und wie beides vereinigt recht dazu auserlesen sei, ein Kind der Liebe auch zur höheren Geburt des göttlichen Lebens einzuweihen.

Als wir nun alle dem Kinde die Hände auflegten, nach der dortigen guten alten Sitte, so war es, als ob die Strahlen der himmlischen Liebe und Freude sich auf dem Haupt und Herzen des Kindes als einen neuen Brennpunkt vereinigten, und es war gewiss das gemeinschaftliche Gefühl, dass sie dort ein neues Leben entzündeten, und so wiederum nach allen Seiten ausstrahlen würden. „Also wieder das Vorige“, unterbrach Leonhardt, „nur gleichsam ein umgekehrtes, negatives Christkindlein, in welches der Heiligenschein einströmt, nicht aus.“

„Ganz herrlich hast du das getroffen, lieber Leonhardt“, antwortete Agnes, „ich konnte es so schön nicht sagen. Nur die Mutter, deren Liebe den ganzen Menschen im Kinde sieht, und diese Liebe ist es eben, die ihr den englischen Gruß zuruft, sieht auch den himmlischen Glanz schon aus ihm herausstrahlen, und nur auf ihrem prophetischen Angesicht bildet sich jener schöne Widerschein, den in unbewusstem kindlichen Sinn Sofie dargestellt hat. Und weshalb ich euch gerade diesen Abend wiedergegeben habe, das wirst du nun auch besser und schöner sagen, als ich es kann, wenn du es auch überhaupt nur sagst. Denn ich weiß mit Worten nicht zu beschreiben, wie tief und innig ich damals fühlte, dass jede heitere Freude Religion ist, dass Liebe, Lust und Andacht Töne aus einer vollkommnen Harmonie sind, die auf jede Weise einander folgen und zusammenschlagen können. Und wenn du es recht schön machen willst, so nimm dir nur vor, zu spötteln; dann kommt dir das Wahre gewiss wider deinen Willen, wie vorher.“

„Warum sollte ich?“ antwortete Leonhardt. „Du hast ja selbst angegeben, wie du es ausgedrückt haben willst, nämlich nicht mit Worten, sondern in Musik. Aber Friederike hat nur selbst gehört, wie es scheint, und uns gar nichts zu hören gegeben, nicht einmal dein Symbol, wovon du jetzt so entzückt bist, den einfachen Hauptakkord; wie mag das zugehen?“

„Ja!“, sagte Friederike, „es ist leichter, eine Geschichte wie die vorige unmittelbar zu begleiten, zumal wenn man etwas davon weiß“, fügte sie lächelnd hinzu. „Aber ich glaube, überdies geht meine Kunst weniger verloren an euch, wenn ich der Geschichte erst folge; und wenn du willst, soll sie dir jetzt gleich gespielt werden.“ Sie fantasierte mit eingewebter Melodie einiger heiterer, klarer Kirchenmelodien, die aber wenig mehr gehört wurden, und sang dann, um wieder mit ihrem Lieblingsdichter zu enden, nach einer derselben zerstreuten Strophen des Liedes „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt“, diejenigen natürlich, die dem weiblichen Sinn die verständlichsten sein mussten. Und wo eine Lücke blieb, wusste sie diese mit Harmonien auszufüllen, welche die innige Ruhe, die tiefe Lust ausdrückten, von der sie ergriffen war und die sie darstellen wollte.

„Nun aber“, sagte Karoline, „wirst du dir auch einen Übergang bahnen müssen zu den Tönen der Wehmut, wenn ihr anders nicht mit der reinen Freude enden, sondern auch von mir eine Zeichnung haben wollt in den Rahmen um dieses schöne Fest. Denn es ist mir so zu Mute, euch zu erzählen, wie ich das Fest im vorigen Jahr beging bei meiner teuren Charlotte. Freilich ist eigentlich nichts zu erzählen dabei, es ist nur ein Beitrag zu der Art, wie ihr Charlotten kennt aus anderen Erzählungen und aus ihren Briefen, und ihr müsst euch an alles erinnern, was ihr schon von ihr wisst. Dort ist unter den Erwachsenen die witzige Gewohnheit, sich unerkannt zu beschenken. Durch die größten Umwege und auf die sonderbarste Art lässt jeder dem anderen seine Gabe zukommen, wo möglich sie selbst noch unter etwas weniger Bedeutendes verhüllend, sodass der Empfänger sich bisweilen schon gefreut oder gewundert hat und doch das Rechte noch nicht gefunden hat. Vielerlei muss also hier ersonnen werden, und das glücklich ausgedachte ist oft nicht ohne vielfältige und lange Vorbereitungen ins Werk zu richten. Charlotte aber hatte schon seit mehreren Wochen das Leiden einer unerklärlichen und nur umso ängstlicheren Krankheit ihres Lieblings, ihres jüngsten Kindes, zu tragen. Der Arzt konnte lange Zeit so wenig Hoffnung geben wie nehmen; aber Schmerz und Unruhe raubten je länger, je mehr dem kleinen Engel die Kräfte, und so war nichts anderes als seine Auflösung zu erwarten. Unter Freunden und Freundinnen wurden alle Zurüstungen, die Mutter durch sinnreiche Einfälle oder mutwilligen Scherz zu überraschen, mit innigem Bedauern unterbrochen; ja, niemand wollte es wagen, auch nur durch eine einfache Gabe ihre Aufmerksamkeit von dem Gegenstand ihrer Liebe und ihres Schmerzes ablenken zu wollen; man verschob alles auf eine günstigere Zeit. Fast unaufhörlich trug sie das Kind auf ihren Armen umher; keine Nacht legte sie sich ordentlich nieder, nur am Tage zu Zeiten, wenn das Kind ruhiger schien, und wenn sie es mir oder einer anderen zuverlässigen Freundin übergeben konnte, vergönnte sie sich eine sparsame Ruhe. Indes versäumte sie nicht die Angelegenheiten des Festes, so sehr wir sie oft baten, sich nicht durch den Kontrast ihrer Sorgen noch mehr zu erschöpfen. Selbst etwas zu arbeiten war ihr freilich unmöglich, aber sie sann und ordnete an; und oft überraschte sie mich aus ihrem tiefsten Schmerz heraus.“

Es war bald eine Frage, ob dies oder jenes besorgt sei, bald ein neuer Gedanke zu einer kleinen Freude. Lustigkeit oder Mutwillen war freilich eigentlich in keinem, allein das ist auch überhaupt nicht ihre Art. Nirgends aber wurde das Sinnige und Bedeutsame vermisst, die ruhige Anmut, die alle ihre Handlungen bezeichnete. Ich weiß noch, als ich ihr einmal fast missbilligend meine Bewunderung äußerte, dass sie mir sagte: „Gutes Kind, es gibt keinen schö­neren und auch keinen schicklicheren Rahmen für einen großen Schmerz, als eine Kette von kleinen Freuden, die man anderen bereitet. So ist dann alles in der Fassung, in der es zeitlebens bleiben kann, und warum sollte man nicht gleich in dieser sein wollen?“ In allem, was die Zeit verwischt, und das tat sie doch allem Heftigen und Einseitigen, ist auch etwas Unreines.

Wenige Tage vor Weihnachten konnte man ihr einen inneren Kampf anmerken. Sie, fast allein, hatte sich immer noch nicht von dem hoffnungslosen Zustand des Kindes überzeugt. Jetzt hatte sein Aussehen und seine Schwäche sie besonders ergriffen. Das Bild des Todes stand auf einmal ganz bestimmt vor ihr. Tief in sich gekehrt ging sie wohl eine Stunde mit allen Zeichen der innersten Bewegung, das Kind in den Armen, auf und nieder. Dann sah sie es eine Weile mit einem wehmütig erheiterten Gesicht, wie zum letzten Mal an, beugte sich zu einem langen Kuss auf seine Stirn nieder, reichte mir dann gestärkt und mutig die Hand und sagte: „Nun habe ich es überstanden, liebe Freundin! Ich habe den kleinen Engel dem Himmel wiedergegeben, von dem er gekommen ist; ich sehe nun ruhig seiner Auflösung entgegen, ruhig und gewiss; ja, ich kann wünschen, ihn bald verscheiden zu sehen, damit die Zeichen des Schmerzes und der Zerstörung mir das Engelsbild nicht trüben, das sich tief und für immer meinem Gemüt eingeprägt hat.“

Am Morgen des Festabends versammelte sie die Kinder um sich und fragte sie, ob sie heute ihr Fest feiern wollten, es wäre alles bereitet und hing ganz von ihnen ab; oder ob sie warten wollten, bis Eduard begraben und die erste Stille und der erste Schmerz vorüber wären. Sie äußerten einstimmig, dass sie sich doch an nichts freuen könnten, aber der kleine Bruder lebe ja noch und könne auch wohl nicht sterben.

Nachmittags übergab mir Charlotte das Kind und legte sich zur Ruhe. Und indem sie einen langen, erquickenden Schlaf schlief, aus dem ich mir vorgenommen hatte, sie nicht zu wecken, was auch geschehen möge, entstand in dem fast schon sterbenden Körper unter heftigen Krämpfen, die ich für die letzten hielt, eine Krise, die dem herbeigerufenen Arzt zugleich das Übel und die Heilung verriet. Nach einer Stunde befand sich das Kind auffallend besser, und man sah deutlich, dass es auf dem Wege der Genesung war. Eilig schmückten die Kinder das Zimmer und das Lager des Kleinen festlich aus. Die Mutter trat herein und glaubte, wir wollten ihr nur den Anblick der Leiche verschönern. Das erste Lächeln des Kindes schimmerte ihr entgegen, als sie auf sein Lager blickte; wie eine schon halb erstorbene Knospe, die sich nach einem wohltätigen Regen wieder hebt und sich aufschließen will, so schien es ihr unter den Blumen hervor.

„Wenn es keine trügerische Hoffnung ist“, sagte sie, uns alle umarmend, nachdem sie den Hergang vernommen hatte, „so ist es eine andere Wiedergeburt, als die ich erwartet hatte. Ich hatte gehofft und gebetet“, fuhr sie fort, „dass das Kind sich in diesen festlichen Tagen aus dem irdischen Leben erheben möchte. Es rührte mich wehmütig und versüßend, einen Engel zum Himmel zu senden, zu der Zeit, wo wir die Sendung des größten an die Erde feiern. Nun kommen mir beide zugleich unmittelbar von Gott geschenkt. Am Feste der Wiedergeburt der Welt wird mir der Liebling meines Herzens zu einem neuen Leben geboren. Ja, er lebt, es ist kein Zweifel daran“, sagte sie, indem sie sich zu ihm beugte und doch kaum wagte, ihn zu berühren, und ihrer Hand ihre Lippe aufzudrücken. „Bleibe er auch so ein Engel“, sagte sie nach einer Weile, „geläutert durch die Schmerzen, wie durch den Tod hindurchgedrungen und zu einem höheren Leben geheiligt. Er ist mir ein vorzügliches Gnadengeschenk, ein himmlisches Kind, weil ich ihn schon dem Himmel geweiht hatte.“

Karoline musste noch manches genauer erzählen von dieser Geschichte sowohl als von der herrlichen, seltenen Frau, der sie mit einer besonders frommen Verehrung zugetan ist. Leonhardt hörte mit einem ganz eigenen Interesse zu und wurde fast verdrießlich, als Ernst ihn fragte: „Aber findest du nicht auch hier wieder das Vorige? Gleichsam eine umgekehrte Maria, die mit dem tiefsten Muttertöten, mit dem Stabat Mater anfängt und mit der Freude auf das göttliche Kind endet?“

„Oder auch nicht umgekehrt“, sagte Ernestine. „Denn Mariens Schmerz musste doch verschwinden in dem Gefühl der göttlichen Größe und Herrlichkeit ihres Sohnes; so wie auf der anderen Seite, bei ihr, anfing bei ihrem Glauben und ihren Hoffnungen alles, was ihm äußerlich begegnete, nur als Leiden, als Entäußerung erscheinen zu können.“

Hier wurde das weitere Gespräch unterbrochen durch eine lustige Streifpartie von einigen Bekannten, die teils selbst keinem bestimmten Kreise angehörten, teils in unstetem Sinne ihre eigene Freude schneller erschöpft hatten und nun umherzogen, um hier und da zu schauen, wie man sich erfreut und beschenkt habe. Um willkommenere Zuschauer zu sein und auch überall einen freundlichen Cicerone zu finden, kündigten sie sich als Weihnachtsknechte an und teilten die auserlesensten Kleinigkeiten für den Gaumen unter Kindern und Mädchen aus. Sofie wurde schon mit dem gewöhnlichen Zeremoniell, erst nach der Artigkeit der Kinder zu fragen, verschont und gab sich dafür den Ankömmlingen sehr flink und gefällig her. Sie erneuerte schnell die Erleuchtung und war eine ebenso beredte Kastellanin wie neugierige Fragerin nach allem, was jene schon anderwärts gesehen hätten. Indes wurde eine flüchtige Mahlzeit herumgereicht, die Hinzugekommenen eilten weiter und wollten sich durch einige von der Gesellschaft verstärken. Dies aber ließ Eduard nicht zu; sie müssten, sagte er, noch lange beieinander bleiben, und überdies werde Josef noch ganz sicher erwartet, der auch das Versprechen erhalten hatte, er solle sie noch alle finden.

Als nun jene sich wieder entfernt hatten, sagte Ernst: „Gut, wenn es denn beschlossen ist, dass wir noch die Nacht hier erwarten wollen im Gespräch und bei den Gläsern, so meine ich, wir sind den Frauen eine Erwiderung schuldig, damit sie auch umso williger bei uns bleiben. Zwar das Erzählen ist nicht die Gabe der Männer, und ich wüsste am wenigsten, wie ich mir selbst so etwas anmuten sollte. Aber was meint ihr, Freunde, wenn wir nach englischer Weise, um nicht zu sagen nach griechischer, und die uns doch auch nicht ganz fremd ist, einen Gegenstand wählten, über welchen jedem obläge, etwas zu sagen? Und zwar einen solchen und so, dass wir dabei die Gegenwart der Frauen in keinem Sinne vergessen, sondern es für das Schönste achten, von ihnen erstattet und gelobt zu werden.“

Dem stimmten alle bei, und die Frauen freuten sich, weil sie dergleichen lange nicht gehört hatten.

„Wohl“, sprach Leonhardt, „wenn ihr mit solcher Teilnahme in den Vorschlag eingeht, so solltet ihr auch aufgeben, worüber wir zu reden haben, damit nicht unsere Ungeschicktheit etwas allzu Fernes oder Gleichgültiges ergreife. Wenn die anderen derselben Meinung sind“, sagte Friederike, „so wünsche ich nur, es dir nicht allzu sehr zum Verdruss zu tun, wenn ich das Fest selbst in Vorschlag bringe, welches uns hier versammelt hält. Hat es doch so viele Seiten, dass jeder es verherrlichen kann, wie er am liebsten will.“

Niemand setzte sich dagegen, und Ernestine bemerkte: „Jedes andere würde doch fremd sein und gleichsam den Abend zerstören.“

„Wohl denn“, sagte Leonhardt, „nach unserer Gewohnheit werde ich, als der Jüngste, mich nicht weigern dürfen, auch der Erste zu sein. Und ich bin es umso lieber, teils weil die unvollkommene Rede so am leichtesten von einer besseren verweht wird; teils weil ich so am sichersten die Freude genieße, einem anderen den ersten Gedanken vorwegzunehmen.“ Zumal, setzte er lächelnd hinzu, „eure Anordnung die Anzahl der Mitredenden auf eine unsichtbare Weise verdoppelt. Denn ihr werdet morgen die Kirchen schwerlich versäumen, und es würde doch mehr uns zum Verdruss gereichen, als jenen Männern zur Freude, euch aber vielleicht am meisten zur Langeweile, wenn ihr dort wieder das nämliche zu hören hättet. Darum will ich mich auch von dieser Bahn so weit wie möglich entfernen und meine Rede so anheben:“

„Verherrlichen und preisen kann man jedes auf eine zwiefache Weise: einmal, indem man es lobt, ich meine seine Art und innere Natur als gut anerkennt und darstellt, dann aber wiederum, indem man es rühmt, das heißt seine Trefflichkeit und Vollkommenheit in seiner Art heraushebt. Das erste nun möge dahingestellt oder anderen überlassen bleiben, das Fest als solches überhaupt zu loben, inwiefern es gut ist, dass durch gewisse zu bestimmten Zeiten wiederkehrende Handlungen und Gebräuche das Andenken großer Begebenheiten gesichert und erhalten wird. Sollen aber Feste sein, und ist der erste Ursprung des Christentums für etwas Großes und Wichtiges zu achten, so kann niemand leugnen, dass dieses Fest der Weihnachten ein bewundernswürdiges Fest ist; so vollkommen erreicht es seinen Zweck, und unter so schwierigen Bedingungen. Denn wenn man sagen wollte, das Andenken an die Geburt des Erlösers werde weit mehr durch die Schrift erhalten und durch den Unterricht im Christentum überhaupt als durch das Fest, so möchte ich dieses leugnen. Nämlich mir Gebildeten zwar, so meine ich, hätten vielleicht an jenem genug, keineswegs aber der große Haufen des ungebildeten Volkes. Vielmehr, nicht zu gedenken der römischen Kirche, wo ihnen die Schrift wenig oder gar nicht in die Hand gegeben wird, sondern nur auf die Unsrigen Rücksicht genommen, so ist ja offenbar, wie wenig auch diese geneigt sind, die Bibel zu lesen oder auch fähig, sie im Zusammenhang zu verstehen. Und was davon ihrem Gedächtnis eingeprägt wird beim Unterricht, das sind weit mehr die Beweise einzelner Sätze, als die Geschichte; so wie wiederum aus der Geschichte auf diesem Wege weit mehr der Tod des Erlösers ins Andenken gebracht wird, und aus seinem Leben das, was im Einzelnen nachahmenswert und lehrhaft ist, als sein erster Eintritt in die Welt.

Ja, auch in Beziehung auf das Leben des Erlösers möchte ich behaupten, dass die Leichtigkeit, mit der wir an die von ihm verrichteten Wunder glauben, ihren Grund ganz vorzüglich in unserem Feste und den Eindrücken, die es hervorbringt, hat. Denn dass der Glaube an das Wunderbare vielmehr auf solche Weise entsteht als durch Zeugnis oder Lehre, ist offenbar. Oder woher kommt es, dass der gemeine katholische Christ so viel an das abgeschmackte grenzende Wunderbare glaubt von seinen Heiligen, aber sich doch nicht entschließen würde, ähnliches zu glauben, wie man es ihm auch darstellen möchte, von Personen aus einem fremden religiösen oder geschichtlichen Kreis, zumal doch auch die Wunder jener Heiligen mit den Wahrheiten und Anweisungen des christlichen Glaubens gar nicht zusammenhängen? Er glaubt das alles eben den Festen, die den Heiligen zu Ehren begangen werden; denn indem durch diese, was in der bloßen Erzählung gar keine überredende Kraft ausüben würde, in Verbindung tritt mit einer sinnlich kräftigen Gegenwart, bekommt es eine Haltung und befestigt sich immer wieder aufs Neue im Gemüt. Wie denn sich im Altertum gar vielerlei Wunderbares aus grauer Vorzeit sich vorzüglich auf diese Weise erhalten hat und geglaubt worden ist durch Feste, auch solches, wovon Geschichtsschreiber und Dichter wenig oder nichts sagen. Ja, so viel kräftiger ist die Handlung zu diesem Zweck als das Wort, dass nicht selten um festlicher Handlungen und Gebräuche willen, wenn ihre wahre Bedeutung verloren gegangen war, falsche Geschichten nicht nur erdichtet, sondern auch geglaubt worden sind. Ebenso auch umgekehrt, wie wir ja solche Beispiele in der christlichen Kirche selbst haben, wenn man Fabeln ersonnen hat, um das Wunderbare noch mehr zu häufen: so sind diese erst recht geglaubt worden, wenn man ihnen Feste, wie Maria Himmelfahrt ein solches ist, geweiht hat. Wenn sich also das Volk so viel mehr an Handlungen und Gebräuche hält als an Erzählung und Lehre, so haben wir alle Ursache zu glauben, dass zumal unter uns — denn in der katholischen Kirche kommt allem, was sich auf Maria bezieht, weil sie ja immer Jungfrau begrüßt wird, zu Hilfe — der Glaube an das Wunderbare bei der Erscheinung des Erlösers ganz vorzüglich an unserem Fest und seinen lieblichen Gebräuchen haftet. Dieses also und alles, was daran hängt, ist das Verdienst, um dessen willen ich zuerst unser Fest rühme und preise.

Was ich aber ferner sagte, diese Erinnerung sei besonders schwierig zu erhalten gewesen, und deshalb das Verdienst noch umso größer, das meine ich so: Je mehr man überhaupt von einem Gegenstand weiß, umso bestimmter und bedeutsamer lässt er sich auch darstellen, und je notwendiger er mit dem Gegenwärtigen zusammenhängt, desto leichter wird jede Veranstaltung, welche an ihn erinnern soll. Dieses aber fehlt, wie mir scheint, gar sehr bei allem, was zur ersten Erscheinung Christi gehört. Denn das Christentum will ich allerdings als eine starke und kräftige Gegenwart gelten lassen; aber die irdische persönliche Tätigkeit Christi scheint mir weit weniger damit zusammenzuhängen, als von den meisten mehr angenommen als geglaubt wird. Was nämlich die auf ihm beruhende Versöhnung unseres Geschlechtes betrifft, diese knüpfen wir ja alle erst an seinen Tod; und wenn es gleich hieße, wie ich denke, mehr auf einen ewigen Ratschluss Gottes ankommt als auf eine bestimmte einzelne Tatsache, und wir deshalb diese Ideen lieber nicht an einen bestimmten Moment knüpfen, sondern sie über die zeitliche Geschichte des Erlösers hinausheben und symbolisch halten sollten, so ist doch natürlich, dass diese Idee des Andenkens sowohl des Todes Christi, welcher das Zeichen der vollbrachten Versöhnung war, als auch seiner Auferstehung als Bewahrung desselben auf ewig unter den Gläubigen befestigt werden musste. Die letztere war auch deshalb der Hauptgegenstand der ersten Verkündigung, und der Grund, auf den die Kirche gebaut wurde, sodass es vielleicht nicht nötig gewesen wäre, ihr Andenken auch durch die sonntägliche Feier ständig zu wiederholen.

Betrachten wir aber, abgesehen von der Idee der Versöhnung, die menschliche Tätigkeit Christi, deren Gehalt doch nur zu suchen ist in der Verkündigung seiner Lehre und in der Stiftung der christlichen Gemeinschaft, so ist es wunderbar, wie klein der Anteil ist, den man ihm mit Recht zuschreiben kann an der gegenwärtigen Gestalt des Christentums. Bedenkt nur, wie wenig von der Lehre sowohl als den Einrichtungen man auf ihn selbst zurückführen kann, sondern bei weitem das meiste ist anderen und späteren Ursprungs! So sehr, dass, wenn man sich als Glieder einer Reihe denkt: Johannes den Vorläufer, Christus, die Apostel mit Einschluss des Spätlings, dann die ersten Väter, man gestehen muss, das zweite stehe nicht in der Mitte zwischen dem ersten und dritten, sondern Christus jenem Johannes weit näher, als dem Paulus. Ja, es bleibt zweideutig, ob überall nach Christi Willen eine so in sich abgeschlossene und zusammenhaltende Kirche sich bilden sollte, ohne welche unser jetziges Christentum, und mithin auch unser Fest, der Gegenstand meiner Rede, sich gar nicht denken lässt. Darum nun wurde auch das Leben Christi sehr zurückgestellt in der Verkündigung, und wie ja die meisten jetzt glauben, nur teilweise von untergeordneten Personen.

Ja, wenn man das eifrige Bestreben dieser Erzählungen bemerkt, Christus an das alte Königshaus des jüdischen Volkes anzuknüpfen, was doch, ob es sich so verhält oder nicht, ganz unbedeutend ist für den Stifter einer Weltreligion, so muss man gestehen, es wurde auch nur auf untergeordnete Weise erzählt. Christi übernatürliche Geburt aber scheint noch weniger durch Erzählungen allgemein verbreitet worden zu sein, sonst könnte es nicht zeitig so viele Christen gegeben haben, die ihn für einen natürlich erzeugten Menschen hielten, sodass die Wahrheit nur scheint durch unser Fest aus dem Schutt hervorgegangen und wieder herrschend geworden zu sein. Denn die Erzählung für sich würde im Streit der verschiedenen Meinungen nicht ausgereicht haben, indem die Erzähler, wenn sie auf diese Verschiedenheit keine Rücksicht nahmen, auch nichts ausrichten konnten, wenn aber, dann gewissermaßen selbst wieder aus Zeugen und Berichterstattern in Parteien verwandelt wurden. Denn diese Verschiedenheit ist so groß, dass, wie man es nennen will, jede Nachricht oder jede Behauptung die andere aufhebt. Oder kann jemand die Auferstehung behaupten, ohne dass er jedem freistellen muss, den Tod für ungeschehen zu erklären? Was ja nichts anders heißen kann, als dass die spätere Tat, wenn man die Meinung für falsch erklärt, welche man von der früheren gefasst hatte. Ebenso macht wiederum die Himmelfahrt Christi gewissermaßen die Wahrheit seines Lebens verdächtig. Denn das Leben gehört dem Planeten an, und was sich von demselben trennen lässt, kann gar nicht in einem lebendigen Zusammenhang mit ihm gestanden haben. Ebenso wenig bleibt übrig, wenn man die Meinung derer, die Christus einen wahren Leib, oder derer, die ihm eine wahre menschliche Seele absprechen, mit der Meinung derjenigen zusammenstellt, welche ihm gegenteils die wahre Gottheit oder überhaupt das Übermenschliche nicht beilegen wollen. Ja, wenn man bedenkt, dass darüber gestritten wird, ob er jetzt nur auf eine geistige und göttliche, oder außerdem auch auf eine leibliche und sinnliche Weise gegenwärtig sei auf Erden: so kann man leicht beide Parteien darauf führen, ihr gemeinschaftlicher verborgener Sinn sei der, dass Christus ehedem nicht auf eine andere und eigentlichere Art zugegen gewesen sei und gelebt habe auf Erden und unter den Seinigen, als auch jetzt noch.

Kurz, das erfahrungsmäßige und geschichtliche von dem persönlichen Dasein Christi ist durch die Verschiedenheit der Meinungen und Lehren so schwankend geworden, dass, wenn unser Fest vorzüglich als der Grund des gleichmäßig erhaltenen Glaubens anzusehen ist, es dadurch umso mehr verherrlicht wird und eine Kraft beweist, die nahe an das oben Erwähnte grenzt, dass nämlich durch solche Gebräuche bisweilen die Geschichte selbst erst gemacht worden ist. Was aber dabei am meisten zu bewundern ist und uns zum Vorbild zugleich und zur Beschämung für vieles andere dienen kann, ist dieses, dass offenbar das Fest selbst seine Geltung größtenteils dem Umstande verdankt, dass es in die Herzen eingeführt worden ist und unter die Kinder. Dort nämlich sollten wir Mehreres befestigen, was uns wert und heilig ist, und als Vorwurf und übles Zeichen ansehen, dass wir es nicht tun. Dieses also wenigstens wollen wir festhalten, wie es uns überliefert worden ist, und je weniger wir wissen, worin die wunderbare Kraft liegt, umso weniger auch nur das Mindeste daran ändern. Wir wenigstens, ist auch das Meiste davon bedeutungsvoll. Denn wie ein Kind der Hauptgegenstand desselben ist, so sind es auch hier die Kinder vornehmlich, welche das Fest, und durch das Fest wiederum das Christentum selbst heben und tragen. Und wie die Macht die historische Wiege des Christentums ist, so wird auch das Geburtsfest desselben in der Nacht begangen; und die Kerzen, mit denen es prangt, sind gleichsam der Stern über der Herberge und der Heiligenschein, ohne welchen man das Kind nicht finden würde in der Dunkelheit des Stalls und in der sonst unbestirnten Nacht der Geschichte. Und wie es dunkel ist und zweifelhaft, was wir bekommen haben an Christi Person und von wem: so ist auch jene Sitte, die ich aus der letzten Erzählung kennengelernt habe, die schönste und am meisten symbolische Art der Weihnachtsgeschenke. Dies ist meine ehrliche Meinung, auf welche ich euch jetzt auffordere, die Gläser ertönen zu lassen und sie auf ein ewiges Fortbestehen unseres Festes zu leeren; wofür ich Eures Beifalls so gewiss bin, dass ich hoffe, dadurch alles gut zu machen und abzuwaschen, was euch etwa frevelhaft erschienen ist in meiner Rede.

Nun begreife ich, sagte Friederike, warum er sich so wenig zur Wehr gesetzt hat gegen unsere Aufgabe, der ungläubige Schalk, da er im Sinne hatte, so ganz gegen ihren eigentlichen Sinn zu reden. Ich möchte darauf dringen, dass er in namhafte Strafe genommen würde, zumal gerade ich die Aufgabe ausgesprochen habe, und man wohl sagen kann, er habe mich lächerlich gemacht durch seine Art der Ausführung. – Du hast wohl recht, sagte Eduard, aber es möchte schwer sein, ihm beizukommen: denn er hat sich recht sachwalterisch vorgestellt durch seine Erklärung und durch die Art, wie er das Herabsetzende zusammengefügt mit der Absicht des Erhebens, die er doch an die Spitze stellen musste.

„Sich sachwalterisch vorstellen“, sagte Leonhardt, ist wohl nichts Übles, und warum soll ich nicht jede Gelegenheit wahrnehmen, mich in den erlaubten und anständigen Teilen meiner Kunst zu üben? Übrigens durfte ich den Frauen nicht widersprechen, und sie konnten sich nichts Besseres oder anderes versehen zu der Denkungsart, die ich offen genug bekenne. Allein sachwalterisch verfahren habe ich übrigens gar nicht, da ich ja nicht einmal die kleinste Gunstbewerbung an die Richterinnen angebracht habe in der Rede. – Auch das Zeugnis muss man dir geben, sagte Ernst, dass du uns Vieles erlassen hast, was noch anzuführen gewesen wäre, sei es nun, dass es dir nicht bei der Hand war oder dass du es unterlassen hast, um die Zeit zu schonen und nicht zu gelehrt und unverständlich vor den Frauen zu reden.

– Ich meines Teils, sagte Ernestine, wollte ihn auch schon loben, wie redlich er darin Wort gehalten hat, was er versprach, sich möglichst von dem zu entfernen, was wir vielleicht morgen an den öffentlichen Andachtsorten hören könnten. – Wohl an, sagte Karoline, wenn es nicht möglich ist, ihn geradezu vor Gericht zu ziehen, so wird es darauf ankommen, ihn zu widerlegen. Und wo ich nicht irre, steht es an dir, Ernst, zu reden und die Ehre unserer Aufgabe zu retten.

„Ich gedenke“, sagte Ernst, „das Letzte zu tun, ohne das Erste; und vermöchte auch meines Teils nicht, beides miteinander zu verbinden. Sondern die Widerlegung würde mich abziehen zu anderen Gegenständen, und ich könnte dann selbst straffällig werden. Auch ist dem an freiem zusammenhängendem Sprechen von Ungewohntem nichts schwerer, als dabei der Gedankenreihe eines anderen zu folgen.“

„Was ich sagen will“, fuhr er nun fort, „darauf wusste ich nicht zu unterscheiden, ehe du sprachst, Leonhardt, ob es ein Loben sei oder ein Rühmen. Jetzt aber weiß ich, dass es nach deiner Weise ein Rühmen ist. Denn auch ich will das Fest preisen als ein vortreffliches in seiner Art. Das Loben aber, dass die Art und der Begriff selbst auch etwas Gutes sei, will ich nicht, wie du es tatest, dahingestellt sein lassen, sondern viel mehr voraussehen. Nur dass deine Erklärung eines Festes mir nicht genügt, wie sie denn überhaupt nur für dein Bedürfnis ausgerichtet und einseitig war; meines aber ist ein anderes, und ich bedarf der anderen Seite. Du nämlich sahst nur darauf, dass jedes Fest ein Gedächtnis von irgendetwas ist; mir aber liegt daran, von was? Demnach sage ich, dass nur zu dessen Gedächtnis ein Fest gestiftet wird, durch dessen Vorstellung eine gewisse Gemütsstimmung und Gesinnung in den Menschen erregt werden kann; und dass dieses in dem ganzen Gebiet einer solchen Anordnung und in einem lebhaften Grade erfolge, darin besteht die Vorzüglichkeit eines jeden Festes.

Die Stimmung aber, welche unser Fest hervorbringen soll, ist die Freude; und dass es diese weit verbreitet und lebhaft erregt, liegt so klar vor Augen, dass nichts darüber zu sagen wäre, als was jeder selbst sieht. Nur dies eine ist die Schwierigkeit, die ich zu beseitigen habe, dass man sagen könnte, es sei keineswegs das eigentliche und wesentliche des Festes, was diese Wirkung tut, sondern nur das Zufällige, nämlich die Geschenke, welche gegeben und genommen werden. Wie unrichtig nun dieses ist, muss hier doch gezeigt werden. Denn gebt den Kindern dasselbe zu einer anderen Zeit, so werdet ihr nicht den Schatten einer Weihnachtsfreude damit hervorlocken, bis ihr etwa auf den entgegengesetzten Punkt kommt, nämlich den, wo ihr ein besonderes persönliches Fest gefeiert wird.

Mit Recht glaube ich, nenne ich dies einen entgegengesetzten Punkt, und gewiss wird niemand leugnen, dass die Geburtstagsfreude einen ganz anderen Charakter hat als die Weihnachtsfreude, jene ganz die Innigkeit, die das Beschlossensein in einem bestimmten Verhältnis erzeugt, diese ganz das Feuer und die rasche Beweglichkeit eines weitverbreiteten allgemeinen Gefühls. Hieraus geht nun hervor, dass keineswegs die Geschenke an sich selbst das Erfreuende sind, sondern nur weil schon ein Grund da ist, sich zu freuen, wird auch geschenkt, und so verbreitet sich das Eigentümliche der Weihnachtsfreude, welches eben in dieser großen Allgemeinheit besteht, freilich auch auf die Geschenke, sodass in einem großen Teil der Christenheit, so weit die schöne alte Sitte noch reicht, jeder mit dem Zubereiten eines Geschenkes beschäftigt ist; und in diesem Bewusstsein liegt ein großer Teil des Zaubers, der sich Aller bemächtigt.

Denkt euch, dass eine einzelne Familie diesen Gebrauch festhielte, während alle anderen an demselben Orte ihn schon hätten fahren lassen; so würde der Eindruck bei weitem nicht mehr derselbe sein. Aber das gemeinsame Bereden Vieler, das Arbeiten im Wettstreit auf die bestimmte festliche Stunde, und draußen der allen offene und für eine große Menge berechnete Christmarkt, der sich in jedem Geschenk abspiegelt mit seiner Erleuchtung, die wie schimmernde Sternchen auf der Erde umher glänzt in der Winternacht, dass der Himmel davon widerscheint, das gibt den Gaben ihren eigentümlichen Wert. Und was so allgemein ist, kann schon um deswillen nicht willkürlich ersonnen oder verabredet worden sein, sondern es muss einen gemeinschaftlichen inneren Grund haben, sonst könnte es weder so gleichmäßige Wirkung tun, noch auch überhaupt fortbestehen, wie wir ja an vielen neueren Versuchen zur Genüge gesehen haben. Dieser innere Grund aber kann kein anderer sein, als dass die Erscheinung des Erlösers die Quelle aller anderen Freude in der christlichen Welt ist, weshalb nichts anderes verdienen kann, ebenso gefeiert zu werden. Denn einige freilich, an welche ich nicht erinnern kann, ohne sie zugleich deshalb anzuklagen, haben die allgemeine Freude von diesem Fest wegverlegt auf Neujahr, auf den Tag, an welchem vorzugsweise der Wechsel und Gegensatz in der Zeit vorgestellt wird. Denn wenn auch viele hierin nur unverständigerweise gefolgt sind, und es ungerecht wäre, zu behaupten, dass überall, wo man sich zu Neujahr beschenkt statt Weihnachten, wenig Anteil genommen werde an dem eigentlich Christlichen in unserem Leben, so hängt doch diese abweichende Sitte offenbar genug mit einer solchen Zurücksetzung zusammen, und es geziemt vorzüglich denen, welche der inneren Haltung ermangeln und nur in diesem Wechsel leben, sich auch den Tag zum besonderen Freudentag zu machen, welcher der Erneuerung des Vergänglichen geweiht ist.

Für uns andere aber, die wir dem Wechsel der Zeit zwar auch unterworfen sind, aber nicht in dem Vergänglichen zu leben begehren, bleibt die Geburt des Erlösers das einzige allgemeine Freudenfest, weil es nämlich für uns kein anderes Prinzip der Freude gibt als die Erlösung, in der Entwicklung von dieser wiederum die Geburt des göttlichen Kindes der erste helle Punkt ist, nach welchem wir keines anderen warten und unsere Freude noch länger verschieben können. Daher hat auch kein besonderes Fest mit diesem allgemeinen eine solche Ähnlichkeit, als das der Kindertaufe, durch welche den Kleinen das Prinzip der Freude in dem göttlichen Kinde angeeignet wird. Und daher der besondere Reiz jener anmutigen Erzählung, in welcher uns beides vereinigt erschien.

Ja, Leonhardt, wir mögen uns anstellen, wie wir immer wollen, hier ist kein Entrinnen. Das Leben und die Freude der ursprünglichen Natur, wo jene Gegensätze gar nicht vorkommen zwischen der Erscheinung und dem Wesen, der Zeit und der Ewigkeit, ist nicht die unsrige. Und dachten wir uns dieses in einem, so dachten wir uns eben diesen als Erlöser, und er musste uns anfangen als ein göttliches Kind. Wir selbst hingegen beginnen mit dem Zwiespalt, und gelangen erst zur Übereinstimmung durch die Erlösung, die eben nichts anderes ist, als die Aufhebung jener Gegensätze, und eben deshalb nur von dem ausgehen kann, für den sie nicht erst aufgehoben werden mussten. Gewiss, das wird niemand leugnen, dies ist die eigentliche Natur dieses Festes, dass wir uns des innersten Grundes und der unerschöpflichen Kraft eines neuen ungetrübten Lebens bewusst werden, dass wir in dem es seinen Keime desselben zugleich seine schönste Blüte, ja seine höchste Vollendung anschauen. Wie unbewusst es auch in vielen sei, in nichts anderes lässt sich das wunderbare Gefühl auflösen, als in diese zusammengedrängte Anschauung einer neuen Welt. Diese ergreift einen jeden, und der Urheber derselben wird in tausend Bildern auf die verschiedenste Weise dargestellt, als die aufgehende, wiederkehrende Sonne, als der Frühling des Geistes, als der König eines besseren Reiches, als der treueste Götterbote, als der lieblichste Friedensfürst.

Und so komme ich doch dazu, Leonhardt, dich zu widerlegen, eben indem ich dir beistimme, und die verschiedenen Ansichten, von welchen wir ausgegangen sind, vergleichend zusammenstelle. Mögen die historischen Spuren seines Lebens, wenn man die Sache in einem niedrigeren Sinne kritisch betrachtet, noch so unzureichend sein, das Fest hängt nicht daran, sondern wie an der Notwendigkeit eines Erlösers, so an der Erfahrung eines gesteigerten Daseins, welches auf keinen anderen Anfang als diesen zurückzuführen ist. Noch weniger Spuren findest du oft von dem Faden, an welchen man eine Kristallisation hat anschließen lassen, aber auch die kleinste reicht hin, um dir zu beweisen, dass er da war. So ist es auch wirklich Christus gewesen, dessen Anziehungskräften diese neue Welt ihre Gestaltung verdankt, und wer, wie du doch auch geneigt bist, das Christentum für eine kräftige Gegenwart anerkennt, für die große Form des neuen Lebens, der heiligt dieses Fest, nicht wie man das Unverstandene nicht zu verletzen wagt, sondern indem er es vollkommen versteht, auch alles Einzelne darin, die Geschenke und die Kinder, die Nacht und das Licht.

Und mit dieser kleinen Verbesserung, von der ich wünsche, dass sie auch dir gefallen möge, wiederhole ich deine Aufforderung und wünsche oder vielmehr weissage dem schönen Feste auf ewig die frohe Kindlichkeit, mit der es uns jedes Mal wiederkehrt, und allen, die es feiern, die rechte Freude an dem wiedergefundenen höheren Leben, aus welcher allein alle seine Lieblichkeiten aufblühen.

„Ich muss dir abbitten, Ernst“, sagte Agnes. „Ich hatte nämlich gefürchtet, ich würde dich gar nicht verstehen; dem ist aber nicht so gewesen, und du hast es recht schön bestätigt, dass wirklich das Religiöse das Wesen des Festes ist. Nur scheint es freilich nach dem, was vorhin ausgemacht wurde, als ob uns Frauen weniger Freude zuteilwerden müsste, weil jenes Unwesen sich weniger in uns offenbart. Allein auch das kann ich mir wohl zurechtlegen.“

„Recht leicht“, sagte Leonhardt. „Man könnte eben nur kurzweg sagen, dass es so anschaulich wie möglich ist, dass die Frauen sich alles leicht einverleiben und nach wenigem Genuss streben, dass aber, wie ihr innerstes Leiden der Schmerz ist, so auch ihre Freude Mitfreude ist. Nur mögt ihr sehen, wie ihr mit der heiligen Autorität zurechtkommt, die ihr niemals verlassen wollt, und die so offenbar den Frauen als die ersten Urheber alles Zwiespaltes und aller Erlösungsbedürftigkeit zuteilt. Wer, wenn ich Friederike wäre, ich wollte Ernst doch den Krieg machen, dass er der Taufe so leichtsinnig, ohne Erwägung seiner eigenen Umstände, den Vorrang eingeräumt hat vor der Trauung, die doch auch ein schönes und freudiges Sakrament sein soll, hoffe ich.“

„Antworte ihm nicht, Ernst“, sagte Friederike, „er hat sich schon selbst geantwortet.“

„Wie das?“, fragte Leonhardt.

„Nun offenbar“, entgegnete Ernestine, „indem du von den eigenen Umständen sprachst. Aber deinesgleichen merkt es immer nicht, wenn ihr das liebe Ich einmischt. Ernst unterschied das aber wohl, und wird dir gewiss sagen, dass jenes sich mehr der Geburtstagsfreude nähert als der Weihnachtsfreude.“

„Oder“, fügte Ernst hinzu, „wenn du etwas Christliches dazu haben willst, dass es mehr Karfreitag und Ostern ist als Weihnachten. Nun aber lasst uns das vorige beiseite stellen und hören, was uns Eduard sagen wird.“

Dieser fing darauf so an zu reden.

Es ist schon von einem Besseren als ich bei einer ähnlichen Gelegenheit angemerkt worden, dass die Letzten am übelsten daran sind, wo über einen Gegenstand, welcher es auch sei, auf diese Weise geredet wird. Und nicht etwa nur, als ob ihnen die Früchte Herren wegnähmen, was zu sagen war – wiewohl Ihr beiden auch in dieser Hinsicht Euch wenig um mich bekümmert habt, dass Ihr etwa Einzelnes herausgenommen hättet, um mir anderes Einzelnes übrig zu lassen – sondern vornehmlich, weil den Hörenden von jeder Rede wieder eigene Nachklänge zurückbleiben, die also einen immer zunehmenden Widerstand bilden, den der Letzte am schwersten zu überwinden hat. Daher muss ich mich nach einer Hilfe umsehen und was ich sagen will, an etwas Bekanntes und Liebes anlehnen, damit es leichteren Eingang finde. Wie nun Leonhardt gar oft die mehr äußerlichen Lebensbeschreibungen Christi im Sinne gehabt hat, um bei ihnen das Geschichtliche aufzusuchen, so will ich mich an den mystischen unter den Büchern halten, bei dem gar wenig von einzelnen Begebenheiten vorkommt, ja auch kein Weihnachten äußerlich, in dessen Gemüt aber eine ewige kindliche Weihnachtsfreude herrscht. Dieser gibt uns die geistige und höhere Ansicht unseres Festes. Er hebt aber so an, wie Ihr wisst: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, als des eingeborenen Sohnes vom Vater.“ So sehe ich am liebsten den Gegenstand dieses Festes, nicht ein Kind so und so gestaltet und aussehend, von dieser oder jener geboren, da oder dort; sondern das Fleisch gewordene Wort, das Gott war und bei Gott. Das Fleisch aber ist, wie wir wissen, nichts anderes als die endliche, beschränkte, sinnliche Natur; das Wort dagegen ist der Gedanke, das Erkennen, und das Fleischwerden desselben ist also das Hervortreten dieses ursprünglichen und göttlichen in jener Gestalt. Was wir so nach feiern, ist nichts anderes als wir selbst, wie wir zusammen sind, das heißt die menschliche Natur, oder wie ihr es sonst nennen wollt, angesehen und erkannt aus dem göttlichen Prinzip. Warum wir aber Einen ausstellen müssen, in welchem sich die menschliche Natur allein so darstellen lässt, und warum gerade diesen Einen, und auch bei ihm schon in die Geburt diese Einerleiheit des Göttlichen und Irdischen setzen, nicht als eine spätere Frucht des Lebens, das wird hieraus erhellen. Was ist der Mensch an sich anderes, als der Erdgeist selbst, das Erkennen der Erde in seinem ewigen Sein und in seinem immer wechselnden Werden? So ist auch kein Verderben in ihm und kein Abfall, und kein Bedürfnis einer Erlösung. Der Einzelne aber, wie er sich anschließt an die anderen Bildungen der Erde, und sein Erkennen in ihnen sucht, da doch ihr Erkennen allein in ihm wohnt, dieser ist das Werden allein, und ist im Abfall und Verderben, welches ist die Zwietracht und die Verwirrung, und er findet seine Erlösung nur in dem Menschen an sich. Darin nämlich, dass eben jene Einerleiheit ewigen Seins und Werdens des Geistes, wie er sich auf diesem Weltkörper offenbaren kann, in Jedem selbst aufgeht, so dass jeder alles Werden und auch sich selbst nur in dem ewigen Sein betrachtet und liebt, und insofern er als ein Werden erscheint, auch nichts anderes sein will, als ein Gedanke des ewigen Seins, noch in einem anderen ewigen Sein will gegründet sein, als in dem, welches einerlei ist mit dem immer wechselnden und wiederkehrenden Werden. Darum findet sich zwar in der Menschheit jene Einerleiheit des Seins und Werdens ewig, weil sie ewig als der Mensch an sich ist und wird; im Einzelnen aber muss sie, wie sie in ihm ist, auch werden als sein Gedanke, und als der Gedanke eines gemeinschaftlichen Tuns und Lebens, in welchem eben jenes unserem Weltkörper eignende Erkennen nicht nur ist, sondern auch wird. Nur wenn der Einzelne die Menschheit als eine lebendige Gemeinschaft der Einzelnen anschaut und erbaut, ihren Geist und Bewusstsein in sich trägt und in ihr das abgesonderte Dasein verliert und wiederfindet, nur dann hat er das höhere Leben und den Frieden Gottes in sich. Diese Gemeinschaft aber, durch welche so der Mensch an sich dargestellt wird oder wiederhergestellt, ist die Kirche. Sie verhält sich also zu allem Übrigen, was Menschliches um sie her und außer ihr wird, wie das Selbstbewusstsein der Menschheit in den Einzelnen zur Bewusstlosigkeit. Jeder also, in dem dieses Selbstbewusstsein aufgeht, kommt zur Kirche. Darum kann Niemand wahrhaft und lebendig die Wissenschaft in sich haben, der nicht selbst in der Kirche wäre, sondern ein solcher kann die Kirche nur äußerlich verleugnen, nicht innerlich. Wohl aber können in der Kirche sein, die nicht die Wissenschaft in sich haben; denn sie können jenes höhere Selbstbewusstsein in der Empfindung besitzen, wenn auch nicht in der Anschauung. Welches eben der Fall bei den Frauen ist, und zugleich der Grund, warum sie sich um so inniger und ausschließender der Kirche anhangen. Diese Gemeinschaft nun ist als ein Werdendes auch ein Gewordenes, und als eine Gemeinschaft der Einzelnen ein durch Mitteilung derselben Gewordenes, und wir suchen also auch einen Punkt, von dem diese Mitteilung ausgegangen ist, wiewohl wir wissen, dass sie von jedem wieder selbsttätig ausgehen muss, auf dass der Mensch an sich auch in jedem Einzelnen sich gebäre und gestalte. Jener aber, der als der Anfangspunkt der Kirche angesehen wird, als ihre Empfängnis, so wie man die erste am Pfingsttage frei und selbsttätig ausbrechende Gemeinschaft der Empfindung gleichsam die Geburt der Kirche nennen könnte, jener muss als der Mensch an sich, als der Gottmensch, schon geboren sein, er muss das Selbsterkennen in sich tragen und das Licht der Menschen sein von Anfang an. Denn wir zwar werden wiedergeboren durch den Geist der Kirche. Der Geist selbst aber geht nur aus vom Sohn, und dieser bedarf keiner Wiedergeburt, sondern ist ursprünglich aus Gott geboren. Das ist der Menschensohn schlechthin. Auf ihn war alles frühere Vorbedeutung, war auf ihn bezogen, und nur durch diese Beziehung gut und göttlich; ja in ihm feiern wir nicht nur uns, sondern alle, die da kommen werden, so wie alle, die gewesen sind, denn sie waren nur etwas, so fern er in ihnen war und sie in ihm. In Christo sehen wir also den Geist nach Art und Weise unserer Erde zum Selbstbewusstsein in dem Einzelnen sich ursprünglich gestaltet. Der Vater und die Brüder wohnen gleichmäßig in ihm und sind Eins in ihm, Andacht und Liebe sind sein Wesen. Darum sieht jede Mutter, die es fühlt, dass sie einen Menschen geboren hat, und die es weiß durch eine himmlische Botschaft, dass der Geist der Kirche, der heilige Geist in ihr wohnt, und die deshalb gleich ihr Kind mit ganzem Herzen der Kirche darbringt, und dies zu dürfen als ihr Recht fordert, eine solche sieht auch Christus in ihrem Kinde, und eben dies ist jenes unaussprechliche, alles lohnende Muttergefühl. Ebenso aber auch jeder von uns schaut in der Geburt Christi seine eigene höhere Geburt an, durch die nun auch nichts anderes in ihm lebt, als Andacht und Liebe, und auch in ihm der ewige Sohn Gottes erscheint. Darum bricht das Fest hervor wie ein himmlisches Licht aus der Nacht. Darum ist es ein allgemeines Pulsieren der Freude in der ganzen wiedergeborenen Welt, das nur die für eine Zeitlang kranken oder gelähmten Glieder nicht fühlen. Und eben dies ist die Herrlichkeit des Festes, die Ihr auch von mir wolltet preisen hören; aber wie ich sehe, sollte ich nicht der Letzte sein. Denn der langerwartete Freund ist ja nun auch da.

Josef nämlich war während dieser Rede gekommen, und so leise er auch hereintrat und sich niedersetzte, doch von Eduard bemerkt worden. Keineswegs, sagte er, als ihn Eduard so aufrief: sondern du sollst gewiss der Letzte gewesen sein. Ich bin nicht gekommen, Reden zu halten, sondern mich zu freuen mit Euch; und Ihr kommt mir, dass ich es ehrlich sage, wunderlich und fast töricht vor, dass Ihr dergleichen treibt, wie schön es auch mag gewesen sein. Aber ich merke es schon, Euer schlechtes Prinzip ist wieder unter Euch, dieser Leonhardt, der denkende, reflektierende, dialektische, überverständige Mensch, in den Ihr wahrscheinlich hineingeredet habt, denn für Euch hättet Ihr es gewiss nicht gebraucht und wäret nicht darauf verfallen; ihm aber hilft es doch nicht. Und die armen Frauen haben sich das so müssen gefallen lassen! Bedenkt nur, welche schönen Töne sie Euch würdig gesungen haben, in denen alle Frömmigkeit Eurer Reden weit inniger gewohnt hätte, oder wie anmutig, aus dem Herzen voll Liebe und Freude, sie mit Euch hätten plaudern können; was Euch anders und besser würde bewegt und erquickt haben, als sie durch diese feierlichen Reden sind angeregt worden. Ich meinesteils kann heute damit gar nicht dienen. Alle Formen sind mir zu steif, und alle Reden zu langweilig und kalt. Der sprachlose Gegenstand verlangt oder erzeugt auch mir eine sprachlose Freude; die meinige kann wie ein Kind nur lächeln und jauchzen. Alle Menschen sind mir heute Kinder, und sind mir eben deshalb nur umso lieber. Die ernsthaften Falten sind einmal ausgeglättet, die Zahlen und die Sorgen stehen ihnen einmal nicht an der Stirn geschrieben, das Auge glänzt und lebt einmal, und es ist eine Ahnung eines schönen, neuen und anmutigen Daseins in ihnen. Auch ich selbst bin ganz ein Kind geworden, zu meinem Glück. Wie ein Kind den kindischen Schmerz erstickt, und die Seufzer zurückdrängt und die Tränen einsaugt, wenn ihm eine kindische Freude gemacht wird, so ist mir heute der lange, tiefe, unvergängliche Schmerz besänftigt, wie noch nie. Ich fühle mich einheimisch und wie neugeboren in der besseren Welt, in welcher Schmerz und Klage keinen Sinn mehr haben und keinen Raum. Mit frohem Auge schaue ich auf alles, auch auf das tiefverwundete. Wie Christus keine Braut hatte als die Kirche, keine Kinder als seine Freunde, kein Haus als den Tempel und die Welt, und doch das Herz voll himmlischer Liebe und Freude: so scheine auch ich mein Leben eben danach zu trachten. So bin ich umhergegangen den ganzen Abend, überall mit der herzlichsten Teilnahme an allen Kleinigkeiten und Spielen, und habe alles geliebt und angelacht. Es war ein langer, liebkosender Kuss, den ich der Welt gab, und jetzt sollte meine Freude mit Euch der letzte Druck der Lippe sein. Ihr wisst, wie Ihr mir die Liebsten seid von allen. Kommt denn, und das Kind vor allen Dingen mit, wenn es noch nicht schläft, und lasst mich Eure Herrlichkeiten sehen, und lasst uns heiter sein und etwas Frommes und Fröhliches singen.

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