Über Taufen und Sonntagsandachten im Herbst 1945 (Ostpreußisches Tagebuch)
Von Hans Graf von Lehndorff
Unter den Menschen, die ich besuche, sind einige, die bereits aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt sind, teils aus Lagern in Ost- und Westpreußen, teils aber auch schon aus Rußland selbst. Die meisten von ihnen sind Todeskandidaten. Zwei ältere Männer, Brüder und gemeinsame Besitzer eines Hofes hart an der Passarge, kamen mit einigen Stunden Abstand aus Rußland, wahrscheinlich mit demselben Transport, gänzlich ausgetrocknet und innerlich erstarrt. Der eine starb schon nach wenigen Tagen, der andere einen Monat später.
In ähnlicher Weise erstarrt ist auch ein junges Mädchen, das aus einem Lager am Eismeer zurückgekommen ist. Sie sitzt noch am Tisch und man kann sich mit ihr unterhalten. Ganz kalt und hart berichtet sie von dem, was ihr widerfahren ist, nicht zuletzt von Seiten der eigenen Landsleute. Es klingt, als spräche jemand, der schon gestorben ist.
An manchen Tagen mache ich meinen Rundgang auch nach der entgegengesetzten Seite, mehr nach Westen und Norden, zu den herrlich am Waldrand gelegenen, sich im See spiegelnden Orten Rapatten und Dlusken, und dann über Wönicken, Pupken, Worleinen um den Eissingsee herum nach Pulfhick. In all diesen Orten ist die Bevölkerung wiederum rein evangelisch. Ich finde ein paar Kinder, die noch nicht getauft sind, und nehme die Gelegenheit wahr, dieses nachzuholen. Das geschieht jedesmal im Rahmen einer kleinen Feier, an der sich auch die Nachbarn beteiligen. Bei dieser Praxis ist mir manches über das Wesen der Taufe als Sakrament und über das seltsame Verhältnis, das wir zu ihr haben, durch den Kopf gegangen. Besonders bezeichnend fand ich die Antwort einer Frau, deren Kind schon fast zwei Jahre alt war, auf meine Frage, ob es schon getauft sei. «Nein», sagte sie, «geimpft ist es, aber getauft nicht.»
Durch diese kleinen Feiern ermutigt, beschließe ich, in der leerstehenden kleinen Langgüter Kirche Sonntagsandachten zu halten. Die erste geht mit Genehmigung des Kommandanten und unter Aufsicht eines bewaffneten Postens am Totensonntag vor sich. Ich spreche davon, daß wir uns diesmal von dem Gedanken an die Toten und Vermißten und an unseren eigenen Tod durch Gottes Wort losreißen lassen wollen, um an das Leben und an diejenigen zu denken, die uns erhalten geblieben sind und mit denen wir Zusammenleben dürfen. Und daß wir dankbar sein wollen für alles, was wir unverdientermaßen noch unser Eigen nennen dürfen. Es sind auch viele Frauen aus anderen Dörfern gekommen, und sie bitten mich, auch bei ihnen Andachten zu halten.
Quelle: Hans Graf von Lehndorff, Ostpreußisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945-1947, München: Biederstein, 1961, S. 201f.