Brief an Frau N. N. in Württemberg (1968)
Von Karl Barth
14 Tage vor seinem Tod schrieb Karl Barth in Sachen Seelsorge folgenden Brief:
Basel, den 26.11.1968
Liebe Frau N. N.!
Da Sie die Entscheidung hinsichtlich eines Besuches in Basel mir — Sie schreiben sogar: ganz mir — überlassen, äußere ich hiemit meine Meinung: Es wäre, wenn nicht notwendig, so doch sicher gut, wenn Sie einmal herüberkämen, um mir sowohl von Ihrem «großen Kummer» wie von der «Problematik Ihres Unglaubens» offen und ausführlich Bericht zu erstatten. Ich würde Ihnen dann aufmerksam und ausgiebig zuhören und, was ich kann, dazu sagen. Sicher nicht als «Repräsentant einer Glaubenswelt» — ein schreckliches Wort für eine Sache, die es so gar nicht gibt, und schon gar nicht als «konventionelle Glaubensweit»!
Ich verspreche Ihnen:
1) daß ich Ihnen gegenüber keine [andere] Voraussetzung machen würde als die, daß auch Sie eine Bewohnerin des Hauses des Vaters sind, welches bekanntlich viele Wohnungen umschließt, und
2) daß ich auch diese Voraussetzung gut und gerne für mich behalten kann, Sie jedenfalls auf keinen Fall damit bedrängen würde.
Damit habe ich den Schwarzen Peter der «Entscheidung» wieder an Sie zurückgegeben und bin unterdessen
mit freundlichem Gruß
Ihr Karl Barth
Quelle: Karl Barth, Briefe 1961-1968, hrsg. v. Jürgen Fangmeier und Hinrich Stoevesandt (GA V. 6), Zürich: Theologischer Verlag Zürich 1979, S. 526f.