Wenn Vertragen der Vergeltung weicht
In Genesis 21,22-32 wird von einem Streit um einen Wasserbrunnen (Beerscheba = „Schwurbrunnen“) erzählt, den Abraham mit Abimelech hatte und in Genesis 26 zwischen Isaak und Abimelech eine Neuauflage hatte. Beide Konflikte wurden jeweils durch einen gemeinsamen Vertrag einvernehmlich beendet.
Sich vertragen können setzt voraus, dass man dem anderen etwas zuzugestehen und dem eigenen Handeln Verbindlichkeit aufzuerlegen weiß. Vernünftigerweise ist ein gegenseitiges Vertragen angesagt, aus dem sich in aller Regel Kooperationsgewinne für die daran Beteiligten ergeben.
Wo jedoch infolge einer ökonomischen (bzw. demographischen) Verlustdynamik Kooperationsgewinne nicht länger zu erwarten bzw. zu erlangen sind, nimmt die ‚Verträglichkeit‘ innerhalb einer Gesellschaft ab. Sieht man sich in Sachen Wohlstand ungerechterweise auf der Verliererseite, wächst der resonante Thymos – zorngewaltige Seelenenergie, die auf Beharrung, Vergeltung und Genugtuung aus ist. Gewinnt dieser die Überhand über eine kommunikative Vernunft, geht die gegenseitige Vertrags- bzw. Kooperationsfähigkeit verloren. Dass damit jedoch die Verlustdynamik beschleunigt wird, vermag man nicht einzusehen. Gesellschaftlich wie auch weltpolitisch scheint dies gegenwärtig der Fall zu sein.