Über die biblische Exegese und die Geschichtswissenschaft
Von Karl Barth
Wir sprachen schon von dem Begriff der theologischen Exegese, die die Schrift versteht als Zeugnis von Gottes Offenbarung, d. h. als Hinweis auf ein wirkliches, in der Zeit und im Raum sich vollziehendes Geschehen, freilich ein Geschehen, das unmittelbar begründet ist in der Barmherzigkeit Gottes, der zu uns Menschen reden und an uns Menschen handeln will. [161] Als solches wirkliches, aber in der Barmherzigkeit, im Willen Gottes begründetes Geschehen will der Gegenstand des biblischen Zeugnisses verstanden sein. Beides ist nicht voneinander zu trennen. Es sind sozusagen zwei Ebenen, die sich schneiden. Biblische Exegese kann grundsätzlich nur Auslegung der Texte sein, die die Heilige Schrift bietet. Es kann nicht ihre Aufgabe sein, hinter das Zeugnis dieser Texte zurückgehen zu wollen. Sondern sie wiederholt erklärend, was das Zeugnis als solches sagt, was die Propheten und Apostel bezeugen von den „großen Taten Gottes“. Es gibt nun auch eine andere Art der Betrachtung dieses Geschehens und dieses Zeugnisses von dem Geschehen. Es gibt auch eine untheologische Exegese. Es gibt den großen Versuch der modernen Geschichtswissenschaft. Darunter möchte ich den Versuch verstehen, aus Berichten über vergangenes Geschehen durch tunlichste Ausscheidung alles dessen, was in diesen Berichten der Anteil der Erzähler ist, dasjenige herauszuschälen, was „wirklich“, d. h. was als von Menschen getan und erlebt, nun den Gegenstand der Berichte bildet. Und zwar wird versucht, diesen Gegenstand herauszuarbeiten durch Anwendung der Kategorien der historischen Relation und der historischen Analogie. An ihnen wird der jeweilige Bericht gemessen, sie sind das Kriterium oder doch Wahrscheinlichkeits-Kriterium dafür, wie die Berichte unterschieden und gewertet werden müssen. Je nachdem wird der Bericht dann als Historie oder aber als Mythus, Sage oder Legende bezeichnet. Entspricht der Bericht den Kriterien nicht, dann spricht der Historiker von Mythus, Sage oder Legende. Es geht in der modernen Geschichtswissenschaft um eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die auf einem ganz bestimmt eingeschränkten Wahrheitsbegriff beruht. Die Vorstellung eines in der Geschichte handelnden und in der Geschichte sich bezeugenden Gottes ist unter ihren Kategorien nicht vorgesehen. Trotzdem kann nun kein grundsätzliches Hindernis bestehen, dieses Vorgehen der modernen Geschichtswissenschaft auch auf die Bibel anzuwenden. Die Bibel ist ja auch ein document humain. Das ist nicht zu leugnen und auch die daraus sich ergebenden Konsequenzen sind keineswegs einfach zu beklagen. Warum sollte die geschichtswissenschaftliche Methode nicht auch zur Erforschung und Auslegung der Texte der Schrift [162] ihre ganz bestimmten Dienste leisten können? Auch die theologische Exegese kann von ihr ganz bestimmte Dinge lernen. Und es ist nicht einzusehen, warum diese Methode als solche vor der theologischen Fakultät haltzumachen hätte. Warum sollte sie nicht angewandt werden, um der theologischen Exegese ihre Dienste zu leisten? Nur daß sie nicht den Anspruch erhebe, die Methode für die Exegese zu sein! Sie kann nur ein bestimmtes Verfahren sein, das unter anderen sich auch auf die Bibel anwenden läßt und das gerade in seinem „atheistischen“ Charakter reinigende Dienste tun kann. Die Bibel ist ein menschliches Dokument, mitten in der ganzen Religionsgeschichte. Die moderne Geschichtswissenschaft eröffnet uns eine Möglichkeit, dieses Menschliche als Menschliches und dann gerade so als Zeugnis zu verstehen, wie sie etwa den Reformatoren noch nicht geboten war. – Natürlich erheben sich nun Probleme. Die Methode der modernen Geschichtswissenschaft kann schon darum nicht identisch sein mit theologischer Exegese, weil sie immer die Frage stellen muß nach dem menschlichen Geschehen als solchem. Und wenn es nicht als solches zu erkennen ist, so wird sie mit positiven Aussagen zurückhalten müssen. Ferner: sie darf sich nicht begnügen, Texte auszulegen, sondern muß von den Texten zur Sache vordringen wollen. Der Theologe ist also z. B. einem Kapitel des Matthäus- oder auch Johannesevangeliums gegenüber anders dran als der Historiker. Ihm ist das Entscheidende der Text als solcher, während jener, abstrahierend vom Text, danach fragen wird, „wie es gewesen ist“. Kollisionen zwischen theologischer Exegese und Geschichtswissenschaft liegen dann nicht vor, wenn die Geschichtswissenschaft den Inhalt eines Textes als historisch anerkennt. Anders ist die Sache gelagert, wenn der Historiker von „Sage“ oder „Legende“ sprechen zu müssen meint. Ich würde doch denken, daß kein Grund vorliegt für den Theologen hier zu protestieren. Die beiden Begriffe meinen ja doch offenbar zunächst nur dies, daß es hier um Berichte von einem Geschehen geht, das als menschliches Geschehen problematisch ist, das vom menschlichen Denken unter Anwendung der Kategorien der Relation und der Analogie, also unter Voraussetzung jenes eingeschränkten Wahrheitsbegriffs aus schwer oder „unmöglich“ vorstellig zu machen ist. Wären doch die Theologen des 19. Jahr-[163]hunderts nicht ihrerseits der historischen Denkweise erlegen, sondern schlicht bei der Weisheit der Väter geblieben: „Es steht geschrieben! „ dann würde die ganze Situation zwischen Exegese und Geschichtswissenschaft nicht in der Weise schwierig geworden sein. Der Protest des Theologen kann, genau genommen, erst da einsetzen, wo der Historiker vom „Mythus“ redet. Einem als „Mythus“ zu verstehenden Bericht liegt in keinem Sinn ein Geschehen zugrunde, auch nicht ein als geschehen „Gesagtes“. Sondern hier handelt es sich um ein Phantasiegebilde des Menschen, eine Spekulation über Gott und Mensch. Mit der Einführung des Begriffs des Mythus muß die Theologie ihre Voraussetzung angegriffen sehen. Hier kann sie die historische Methode nur abweisen. Das Gespräch zwischen Exegese und Geschichtswissenschaft kann sich ja trotzdem fortsetzen; bekanntlich finden die interessantesten Gespräche oft da statt, wo man nicht mehr zueinander redet! Der Theologe mag dann den Historiker etwa danach fragen, ob er nicht vielleicht darum in der Bibel Mythen finde, weil er selber ein allzu mythischer Denker sei, wie ja kaum je ein Denken so mythisch gewesen ist wie das des 19. und 20. Jahrhunderts usw.
Wir dürfen uns nicht wundern, in der Bibel dauernd Texten zu begegnen, die dem Wahrheitsbegriff der Geschichtswissenschaft nicht standzuhalten vermögen, sondern die der Historiker eben nur als „Sage“ oder „Legende“ wird bezeichnen können. Aber gerade diese Texte machen uns darauf aufmerksam, daß es in der Bibel zwar wohl um ein Geschehen, aber eben um das Geschehen der großen Taten Gottes geht. Qualiter? totaliter aliter als jedes andere Geschehen! Mehr ist dann nicht zu sagen und ich werde mich wohl hüten z. B. zur Jungfrauengeburt auch nur ein Wort hinzuzufügen zu dem, was da steht. Eine Erklärung, ein Sichtbarmachen im historischen Sinn, das dürfte hier ausgeschlossen sein.
Und nun wurde mir aus Ihren Reihen in diesem Zusammenhang konkret die spezifisch holländische Frage gestellt: ob die Schlange im Paradies „wirklich“ gesprochen habe? -Ich würde mich entschieden dagegen wehren, diesen Vorgang mit „Mythus“ zu bezeichnen. Ich kann ihn andererseits aber auch nicht im Sinne der Geschichtswissenschaft als „historisch“ bezeichnen, denn eine sprechende Schlange – nun ja, das kann ich mir [164] (von allen Andern abgesehen!) so wenig vorstellen, wie sonst jemand. Aber ich möchte wohl die lieben Freunde der sprechenden Schlange fragen, ob es nicht besser wäre, sich daran zu halten, daß das nun einmal „geschrieben steht“ und also sich für das zu interessieren, was die Schlange gesprochen hat? Es scheinen mir sehr wichtige und bedeutungsvolle Worte zu sein, die ich auf keinen Fall in der Bibel missen möchte. Die Schlangenrede ist ja die Einladung an den Menschen, sich Gott gegenüberzustellen mit der gerade für das Problem der theologischen Exegese so bedeutsamen Frage: Sollte Gott gesagt haben? Wo diese Frage gehört wird, da muß man meinen, zu sein wie Gott, da muß von der Frucht gegessen werden. Da steht der Mensch schon reflektierend über dem Worte Gottes und wird ihm dann sicher nicht gehorsam sein. Sowohl das kritische wie auch das apologetische Darüberstehen wäre zu unterlassen. Daß wir es nicht unterlassen, das beweist sehr handgreiflich: Die Schlange hat wirklich gesprochen, jawohl!
Quelle: Karl Barth, Credo, München: Chr. Kaiser, 1935, S. 160-164.