Paul Ricœur über das Symbol und die zweite Naivität (seconde naïveté): „Die zweite Naivität ist nicht die erste Naivität; sie ist post-kritisch und nicht prä-kritisch; sie ist eine gelehrte Naivität (La seconde naïveté n’est pas la première naïveté ; elle est post-critique et non point pré-critique ; c’est une docte naïveté).“

Über das Symbol und die zweite Naivität (seconde naïveté)

Von Paul Ricœur

Das Symbol ist in diesem Sinne der konkrete Moment dieser Dialektik, aber keineswegs ihr unmittelbarer Moment. Das Konkrete ist immer der Höhepunkt der Vermittlung oder die erfüllte Vermittlung. Die Rückkehr zum einfachen Hören von Symbolen ist die „Belohnung nach einem Gedanken“. Das Konkrete der Sprache, an das wir durch eine mühsame Annäherung grenzen, ist die zweite Naivität, von der wir immer nur eine Grenz- oder besser gesagt eine liminale Kenntnis haben.

Die Gefahr für den Philosophen (ich sage für den Philosophen und nicht für den Dichter) besteht darin, zu schnell zu kommen, die Spannung zu verlieren, sich im symbolischen Reichtum, in der Fülle des Sinns zu verwässern. Ich verleugne die Problembeschreibungen nicht; ich sage weiterhin, dass Symbole aufgrund ihrer Bedeutungsstruktur, aufgrund der ihnen immanenten Bewegung der Sinnverweisung, zur Interpretation aufrufen. Aber die Erklärung dieser Verweisbewegung erfordert die dreifache Disziplin der Entmachtung, der Antithetik und der Dialektik. Man muss das Symbol dialektisieren, um nach dem Symbol zu denken; erst dann wird es möglich, die Dialektik in die Interpretation selbst einzuschreiben und zum lebendigen Wort zurückzukehren. Es ist diese letzte Phase der Wiederaneignung, die den Übergang zur konkreten Reflexion darstellt . Indem die Reflexion zum Hören der Sprache zurückkehrt, geht sie in die Fülle des einfach gehörten Wortes über.

Ich möchte nicht, dass man die Bedeutung dieser letzten Episode missversteht: Diese Rückkehr zum Unmittelbaren ist keine Rückkehr zum Schweigen, sondern zum Wort, zur vollen Sprache. Nicht einmal zum anfänglichen, unmittelbaren Wort mit dem dicken Rätsel, sondern zu einem Wort, das durch den gesamten Prozess der Bedeutung instruiert wird. Deshalb beinhaltet diese konkrete Reflexion keinerlei Zugeständnisse an das Irrationale, an den Erguss. Die Reflexion kehrt zum Wort zurück und bleibt immer noch Reflexion, d. h. Intelligenz des Sinns; die Reflexion wird hermeneutisch; nur so kann sie konkret werden und Reflexion bleiben. Die zweite Naivität ist nicht die erste Naivität; sie ist post-kritisch und nicht prä-kritisch; sie ist eine gelehrte Naivität.

Quelle: Paul Ricoeur, De l’interprétation. Essai sur Sigmund Freud, Le Seuil, 1965.

Hier der Text als pdf.

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