Joseph Wittig, Fußspuren Gottes: „Euch, ihr jungen Freunde, sage ich auch: ‚Es war alles natür­lich in meinem Leben, alles einfach, alles selbstverständlich und alltäglich. Aber eben das Natürliche und das Selbstverständliche und das Einfache und das Alltägliche, das sind die Fußspuren des lebendigen Gottes in meinem Leben und in jeglichem Men­schenleben.’“

Fußspuren Gottes

Von Joseph Wittig

Junge Freunde begehrten von mir, daß ich ihnen von den Fußspuren Gottes in meinem Leben erzähle. Als ich von diesem Begehren hörte, wurde eine Freude wach in meiner Seele; und diese Freude hatte einen Klang wie der letzte Satz des latei­nischen Pfingstevangeliums: „In unserer Muttersprache hörten wir von den Großtaten Gottes reden!“ In einem einzigen Augen­blicke zog mein ganzes Leben an mir vorüber, und es war wie eine Lichterprozession in den Abenddunkeln einer Vergangen­heit, die ihren ganzen hellen Tag lang unter der Sonne Gottes dahingegangen war. Da funkelte und leuchtete es überall auf, und Lichtlein für Lichtlein in goldenem Schein drängte sich vor, als wolle es in meine Hand kommen, damit ich es euch zeige.

So ist es mir ja schon oft ergangen, und ich habe diese Licht­lein keck ergriffen und habe sie in meine Bücher hineingesetzt, so daß diese leuchteten wie Christbäume zur Weihnachtszeit oder wie die Lichterringe auf den Geburtstagstischen.

Heute ist es, als ob es anders wäre. Als ob schon der erste Hauch des Wortes, mit dem ich die wunderbare Schau des ge­segneten Augenblicks zu schildern beginnen möchte, die auf­leuchtenden Lichter zu verlöschen drohte!

Ich komme von der akademischen Gotteswissenschaft her, in der man ziemlich ungeniert die göttlichen Dinge in den Bereich wissenschaftlicher Untersuchung und Abhandlung zieht. Da gilt es als eine Selbstverständlichkeit, daß man auch reden kann, wenn man erkannt und erfahren hat. Ich weiß zwar von einem Pfarrer, der mitten in der Predigt für immer verstummt ist, aber ich weiß von keinem akademischen Lehrer der Gotteswissen­schaft, dem die Sprache versagt hätte, obwohl er so sehr vieles über unaussprechliche Dinge reden mußte. Und so habe ich wohl auch schon zuviel geredet und geschrieben über das, was so hauchzart schimmert und leuchtet, so daß es sich jetzt zurück­zieht oder verlöscht, sobald ich es in Worte fassen will.

Es ist immer gleich zuviel gesagt oder zuviel geschrieben. Wohl weiß ich, daß oft das kühnste Wort nicht kühn genug und das umfangreichste Buch nicht umfangreich genug ist, um die große Höhe, Tiefe und Weite einer göttlichen Erkenntnis auszu­messen, aber es muß schier jede Behauptung, die sich zu Gott hinwagt, wieder zurückgenommen werden auf die Ebene des Menschlichen, ehe sie gilt. Der da gesagt hat: „Ich und der Vater sind eins“, hat auch gesagt: „Der Vater ist größer als ich.“

Ich habe von den Fußspuren des lebendigen Gottes in meinem Leben soviel erzählt, daß manche ganz verzagt wurden und meinten, ihr eigenes Leben sei ganz arm oder ganz leer an sol­chen leuchtenden Zeichen. „Ja du“, sagten sie mir, „ja du hast eine so glückliche Jugend, ein so glückliches Mannesalter gehabt. Wir aber sind leer ausgegangen und können uns nur trösten an dem Lichte, das über deinem Leben war!“ Da habe ich also zuviel gesagt und zuviel geschrieben. Ich hatte gemeint, wenn ich das Wenige erzähle, was mir in meinem Leben geworden ist, würden die anderen das Viele erkennen, was ihnen geworden ist, und wir würden in gemeinsamem Lobpreis Gottes für das Wenige und für das Viele dankbar sein. Da habe ich aber das Wenige so erzählt und mit einem so hellen Schein, daß es das Ebensoviele und Mehrere bei anderen verdeckte und verdun­kelte mit seinem Schein.

Das geht wohl meistens so, wenn Gottes Nähe und Wirksam­keit in einem einzelnen Menschenleben oder in einem einzelnen Lande oder Landstriche oder in einer einzelnen geschichtlichen Zeit mit der Kunst des Wortes oder auch mit der Kunst der Farbe, des Stifts, des Pinsels und des Meißels zur Darstellung kommt. Wie oft hörte ich schon vor religiösen Bildern oder nach Lesungen aus Bibel, Geschichte und Legende das Wort des Be­dauerns, der Resignation und des Selbsttrostes: „Bei uns, in un­serer Zeit, in unserem Lande ist es halt nicht so!“ Und die Men­schen, die durch das erzählende Wort oder Bildwerk näher an Gott und reicher an Gott werden sollen, werden ferner von Gott und ärmer an Gott und ergeben sich darein.

Selbst das Evangelium, wenn es nicht mit allerkühnster Glau­benskraft und Entschiedenheit aus dem Altertum in unsere Zeit, aus dem Heiligen Lande in unser Land, in unsere Stadt, in unser Dorf, aus dem Leben geschichtlicher Persönlichkeiten in unser Leben hineingesetzt wird mit all seinem wunderbaren Inhalt, vermag die Gefahr nicht zu umgehen, daß sein helles Licht den still und unerkannt durch unsere Zeit und unser Land und unser Leben schreitenden und wirkenden Gott verdeckt und verdun­kelt, obwohl es wie kein anderes Buch auf dieser Erde eine Schule ist, in der wir die immerwährende Nähe und Wirksam­keit Gottes erfahren können. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ — nicht nur der Weltzeit, sondern auch der geographischen Welt, also auch im letzten Winkel der Welt, in der letzten, noch im tiefen Wald und Gebirg verborgenen An­siedlung! So steht es geschrieben im Evangelium, und doch hört man so oft reden: „Ja wenn Jesus noch auf Erden wäre! Ja wenn ich Jesus wäre oder einer seiner Apostel!“

Es spricht sich in solchen Worten eine tiefe Demut aus. Das ist wahr. Und wenn Demut das Endziel des Evangeliums wäre, so wäre dieses Ziel in solcher Frömmigkeit erreicht. Aber das Evangelium will nicht ein demütiges Zurückbleiben hinter Jesus. Es ist die Jesusschule einer Baumschule ähnlicher als einer Lehr­schule: Was darin wachsen soll, das sind Jesusnaturen.

Darum ist das Evangelium, wenigstens in erster Zeit, sehr vor­sichtig und zurückhaltend, wenn es auf Dinge zu sprechen kommt, die eine Kluft zwischen Jesus und den anderen Men­schen zu begründen scheinen könnten, auf die Wesenskonsti­tution Jesu, hinter der alle anderen Menschen unendlich weit Zurückbleiben müssen. Ich meine die Gottheit Jesu im Sinne der kirchlichen Theologie. Wohl flammt auch dieses Licht im Evangelium auf; es geht nicht anders: was Licht ist, muß sich als Licht zeigen. Und es flammt besonders stark im letzten der vier Evangelien auf, in dem das Leben Jesu eine einzige leuch­tende Spur des lebendigen Gottes auf der Erde ist. Aber gerade dieses Evangelium ermutigt die Menschen, auch hinter dem als Gott erkannten Jesus nicht in falscher Demut zurückzubleiben. Der es nach kirchlicher Tradition geschrieben, sucht die Men­schen mit Jesus zu Höchstem emporzureißen, das freilich auch ihm noch verhüllt ist: „Geliebte, wir sind jetzt Kinder Gottes! Es ist nur noch nicht offenbar worden, was wir dereinst sein werden!“

Wenn ich also die Spuren Gottes in meinem Leben so leuch­tend gezeichnet habe, als sei ich besonders privilegiert, also daß die anderen denken müssen, in ihrem eigenen Leben seien keine solche Spuren, weil sie keine so leuchtenden Spuren sehen, und wenn ich die anderen nicht mitreißen konnte zu gleicher Schau über ihr eigenes Leben, so habe ich wohl so schreiben müssen; es war nicht meine Absicht; aber ich habe, menschlich gespro­chen, ein das Ziel verfehlendes Zuviel geschrieben.

Ich möchte darum einem jeden — auch dem, der sich am gott­fernsten und gottärmsten fühlt — ganz offen sagen: Die Spuren Gottes in meinem Leben waren um keine Linie deutlicher und um keinen Schimmer leuchtender als die in deinem und deiner Freunde Leben! Du brauchst nicht zu verzagen, weil ich so reich und du so arm, ich so gottnahe und du so gottfern seiest! Du kennst die photographische Platte, wenn sie belichtet, aber noch nicht entwickelt ist: Sie sieht genau so aus wie eine unbelichtete. Und die Belichteten unterscheiden sich in nichts voneinander, ob sie nun dämmriges oder helles Licht empfangen haben, das küm­merliche Licht einer Grotte oder einer Stube, das sanfte Licht einer Mondnacht, das funkelnde Licht eines Sternenhimmels oder das helle Licht einer sonnigen Landschaft. Ja selbst wenn sie das Licht der Sonne selbst und unmittelbar empfangen haben, unterscheiden sie sich in nichts von denen, die nur Dunkelheiten empfangen haben. Und sie sind auch gleich, ob vor ihnen bei der Belichtung ein Freund oder ein Feind stand, deine Mutter oder deine Braut oder dein Bruder oder ein fremder Gesell, der im rechten Augenblick vorüberging. Sie müssen erst in chemischen Prozessen entwickelt werden; dann erst zeigt sich, was sie für Licht empfangen haben. Siehe, mein Leben ist etwas eher als das deinige in die chemischen Substanzen gekommen, und da zeigt sich, daß ich manches aufgenommen habe, was du auch für dich sehr begehrest. Aber warte nur! Dein Leben ist vielleicht noch viel schöner belichtet!

Eines scheine ich indes vor dir vorauszuhaben, nämlich daß ich das empfangene Licht eher sichtbar machen, eher sehen und sehenlassen konnte oder durfte oder mußte als du. Das braucht aber kein Vorzug zu sein. Wenn der Photograph seinen Ent­wickler probieren will, nimmt er zuerst die Platten, von denen er meint, daß sie am wenigsten gut belichtet sind. Beim Men­schenleben ist es so, daß sein Bild erst in der Ewigkeit vollkom­men offenbar wird. Was sich schon in dieser Zeit zeigt, braucht nicht immer das empfangene Licht zu sein; es kann auch auf­getragenes Licht sein. Wunsch und Willen, vielleicht sogar Eitelkeit und Ruhmsucht kann da manche Linie einzeichnen und manche Farbe auflegen, die zwar vor den Augen der Menschen das Bild herrlich, kühn, fromm, göttlich machen, die aber doch Fälschungen sind und in der chemischen Substanz des Todes und im Lichte der Ewigkeit wieder verschwinden, nicht ohne das endgültige Bild verdorben oder wenigstens verletzt zu haben.

Ich bin mir all dessen so sehr gewiß, daß ich schon viel behut­samer geworden bin, als ich anfänglich war. Es kann sein, daß ich überhaupt aufhören muß, solche Lebensbücher zu schreiben und die Fußspuren Gottes in meinem Leben in Worten zu zeich­nen. Das werde ich daran erkennen, daß es mir nicht mehr gegeben wird.

Vor einiger Zeit schickte ich einem fernen Freunde, den wir noch nicht von Angesicht gesehen hatten, eine Photographie aus unserem Hause und schrieb, wie man das so tut, dahinter: „Ganz links, das bin ich; daneben mein Freund X; die junge Frau mit dem Kinde ist mein Weib mit meinem Söhnlein Johan­nes Raphael; daneben eine Freundin von ihr; und dann noch meine Nichte Liesel. Und — wenn Du genau zuschaust, wirst Du auch merken, daß der Herrgott unter uns ist.“ Und der Freund schrieb zurück: „Das habe ich wohl auch gesehen, daß der Herr­gott mit Euch ist!“

Da haben wir uns beide, der Freund und ich, sicherlich nicht angelogen und haben auch keinen Scherz miteinander getrieben. Sowohl ich, als ich dies schrieb, wie mein Freund, als er so ant­wortete, spürte einen starken Einbruch des alten, durch das Christentum besonders verklärten Glaubens an die Allgegen­wart und Hiergegenwart Gottes, und in diesem Lichteinbruch des Glaubens erkannten wir sie auf dem Bilde. Beim Photographieren selbst aber hatte ich wohl kaum daran gedacht.

Da kam mir kurze Zeit später in einer Nacht wohl zwischen Schlaf und Schlaf der Satz ein: „Wenn ich an Gott denke, ist er bei mir gewesen.“ Ich suchte mich zu erinnern, ob ich diesen Satz irgendwo gelesen hätte. Aber ich konnte mich nicht ent­sinnen. Die Worte waren freundlich zu mir, und meine Seele freute sich auch wirklich über sie. Aber ich begann mit ihnen zu streiten: Ein Gewesensein gebe es für Gott nicht; Gott sei immer bei mir; wenn ich an ihn denke, sei er nicht nur dage­wesen, sondern auch noch da! Die Worte entgegneten mir: „Sei doch froh und laß dir die Freude nicht verkümmern, daß er da­gewesen, denn du denkst an Gott!“

Viele Tage und Nächte wollten mir diese Worte nicht aus dem Sinne. Ich brachte sie in Zusammenhang mit einigen Stro­phen aus dem Stundenbuche von Rainer Maria Rilke:

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.

Hinter den Dingen wachse als Brand,
daß ihre Schatten ausgespannt
immer mich ganz bedecken.

Laß dir alles geschehen: Schönheit und Schrecken!
Man muß nur gehen: kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.
Gib mir die Hand.

Die Worte sagten mir, daß sie ungefähr so verstanden werden wollten wie dieses Gedicht, soweit es überhaupt verstanden werden kann. Das Gedicht sagt von Gott, daß er zum Menschen spricht nur ehe er ihn schafft, d. h. ehe er ihm ein bewußtes Da­sein gibt. „Cogito, ergo sum“ schloß ein großer Philosoph: Das Denken ist das erste und untrügliche Zeugnis vom Sein. Also Gott spricht zu dem Menschen nur, ehe er ein Denkender ist. Dann steht er schweigend im Schatten der erkannten und be­dachten Dinge.

Ich fand auch eine alte Postkarte, die irgend jemand an irgend jemanden nach einem Besuch dieses Irgendjemand geschrieben hat. Da stand darauf: „Wenn du bei uns bist, da ist nur lauter Glück bei uns; da kommt man gar nicht zu Verstände; da weiß man gar nicht, was man hat. Erst wenn du wieder fort bist und wieder alles vorbei ist, da kommt einem alles ein; da erkennt man erst, was man gehabt hat; da sieht man erst den Stuhl und den Tisch, wo es jetzt so leer ist; und da muß man fortwährend denken, und die Gedanken wollen dich fortwährend gegen­wärtig machen, daß du wieder bei uns wärest. Und auch das Auge will mittun: Es sieht bald deinen karierten Rock, bald deinen blauen Schlips, meist dies und solches, hier und da auch einmal einen Moment dein liebes blaues Auge. Und das Gefühl: Es ist immer so, als ob du im Zimmer sein müßtest, aber immer so hinter uns oder ganz beiseits, so daß wir uns ordentlich um­drehen nach dir. So haben wir dich lieb in der Gegenwart, ob­wohl dein Besuch leider schon der Vergangenheit angehört.“

Da ist es doch, als ob ein Hauch den Schleier ein wenig bei­seite wehte, der über dem tiefsten Geheimnis unserer Theologie und unserer bewußten Gotteserfahrung liegt. Gott war bei uns, wenn wir an ihn denken; er ließ uns das Denken als wirkliches „Andenken“ zurück, als seine Spur, an der wir spüren können in unserer Gegenwart, in der uns seine Gegenwart eine Vergangenheit ist. Ließ uns auch zurück ein träumendes Schauen, vor dem manchmal etwas wie vom Kleide Gottes auftaucht, ganz selten auch ein Angesehenwerden, wie vom Auge Gottes. Und das Gefühl, als müßte er noch da sein, der in Wahrheit dasein muß und sich nur hinter seinem Andenken verbirgt. Gottes Spuren sind Schleier, die er uns zurückläßt, damit wir etwas von ihm haben, und hinter denen er sich verbirgt.

Das Seltsame ist: Sie tragen nicht sein Bild und sind doch ein Andenken an ihn. Das Denken trägt nicht Gottes Bild und kann es auch nicht hervorbringen, und ist doch ein Andenken an ihn.

Ich bekam einmal als kleiner Junge von der sehr ehrwür­digen, gütigen, sanften Klosterschwester Oberin Scholastika im Schlegler Krankenhause ein buntes, bebildertes Taschentüchlein „zum Andenken“. Die greise Klosterfrau war immer eine Frie­denspredigerin und suchte auch dem kleinen, nicht immer fried­fertigen Jungen Sanftheit und Friedfertigkeit anzuerziehen. Vor allem hielt sie ihn dazu an, täglich ein Vaterunser zu beten, daß er nie Soldat und Krieger werde. Ich dachte dabei: Hoffentlich gehört das „Gegrüßt seist du Maria“ nicht auch noch dazu, denn da wäre es mir zu lang. Lieber schon Soldat werden als garzu­lange beten! So war das Bild der Schwester Scholastika. Auf dem Taschentüchlein aber war das Bild von der Schlacht bei Katzbach, herrlich anzusehen für einen Jungen, und im Oval das Bild des kriegerischen „Fürst Blücher“, eines, wie mir schien, begeistern­den Vorbildes echter Männlichkeit, auf die ich schon in der Zeit meiner ersten Hosen sehr viel gegeben hatte.

Also hatte dieses „Andenken“ ein ganz anderes Bild als das Bild, an das ich stets das Andenken bewahren sollte. Fürst Blücher und die Schlacht an der Katzbach hatten mit der stillen, sanften Schwester Scholastika nichts zu tun, und doch waren sie mir lange Zeit ein Andenken an sie. So mag auch unser Den­ken an Gott und was wir uns mit seiner Hilfe vorstellen, oft gar nicht viel mit Gott zu tun haben, und doch ist es sein An­denken und seine Spur.

„Wenn ich an Gott denke, so war er bei mir“, so hießen jene Worte, die aus Nacht und Schlaf emportauchten. Ich kann nun ruhig gestehen: Alles, was ich an Gotteserfahrung oder Gottes­begegnung in den leuchtenden Farben deutschen Sinnes und deutscher Sprache geschildert habe, trug im Augenblicke der Erfahrung und Begegnung keineswegs das Bild und den Stempel Gottes an sich, war vielmehr meist etwas rein Menschliches und Natürliches, zufällig manchmal etwas Kirchliches, manchmal sogar ein übermütiges Bubenstück oder eines der vielen Allo tria, an denen mein Leben nach Aussage eines Freundes und Kollegen sehr reich sein soll. Meist kein Gedanke dabei an Gott oder Göttliches. Niemand hätte ahnen können, daß das Vorkommnis je auf Gott bezogen werden würde, sowenig wie Fürst Blücher ahnte, daß er einst ein Andenken an die Schwester Scholastika werden könnte.

Aber ich mußte nachher an Gott denken. Nachher kam mii alles ein. Nicht unmittelbar nachher; oft sehr viel später. Und es war von einer Deutlichkeit und Klarheit, daß es mir gar keine Mühe machte, es niederzuschreiben, wie es mir einkam. Ich brauchte ihm keinen frommen Sinn zu geben, denn es gab mir selber seinen frommen Sinn. Ich gab ihm auch keinen from­men Rahmen, etwa in kirchlichem Altgold, sondern wollte es menschlich und natürlich dastehen lassen, wie ich es angetrof­fen. Aber da mancher meiner Freunde und Leser nun doch meinte, es sei etwas Besonderes gewesen und ich also gewisser­maßen privilegiert, so habe ich meiner Freude doch vielleicht etwas göttlichen Glanz hinzugetan, so als ob ich bei dem Vor­kommnis selber etwas von Gott gesehen oder gespürt oder als ob ich wenigstens sehr stark an ihn gedacht hätte. Das wäre eben das Falsche. Schon wenn man sagt: „Das war Gotti“ so ist das schon zu laut. Man muß die Dinge so erzählen können, daß man den Namen Gottes gar nicht nennt, daß aber die Hörer nach­denkend einmütig die Gegenwart und Nähe Gottes spüren, sel­ber aber wiederum nicht allzulaut sagen: „Da war Gott!“ Die Magnalia Dei sind zu preisen, indem man sie weder „Magnalia“ noch „Dei“ nennt, denn man muß ja von ganz kleinen Dingen reden, die einem jeden Menschen an jedem Tage begegnen. Gott offenbart sich in der Schwachheit; das Himmelreich kommt ohne Aufsehen.

Gott erschreckt für gewöhnlich niemanden durch plötzliche Offenbarung seiner Gegenwart. Einer meiner Freunde erzählte mir folgendes: Seine Braut stand wie er selbst im Schuldienst, aber an einem anderen sehr entfernten Orte, so daß er sie außerhalb der Ferien nur selten einmal sehen konnte. Eine alte, mütterliche Frau führte ihm den Haushalt in der Stadt. Eines Abends kam er später, als zu erwarten war, aus dem Dienste. Seine Haushälterin öffnete ihm die Tür in den schon sehr dunk­len Flur. Da öffnete sich aber fast gleichzeitig eine der Stuben­türen, so daß er merkte, daß noch jemand da sei. Die Haushäl­terin suchte ihn rasch noch zurückzudrängen. Da es ihr aber nicht gelang, sagte sie: „Schade, es wäre doch so schön gewesen!“ Da hatte aber schon eine zarte, liebe Hand seine Hand gefunden und ergriffen, und die Stimme der Braut klang an sein Ohr: „Sei nicht böse, ich wollte dich erschrecken!“ Die Haushälterin hatte ihr zugeredet und es erschien ihr selber als eine herrliche Über­raschung, daß sie im Arbeitszimmer ihres Verlobten wartete und sich erst melden wollte, wenn er durch das dunkle Zimmer zu seiner Gaslampe schritte, um sie anzuzünden. Sie wollte ihn nicht, wie sie sagte, erschrecken; sie wollte ihn überraschen, wohl wissend, daß ihm dies eine sehr liebe Überraschung sein werde. Aber im letzten Augenblick versagte dieser Wille und dieses Wissen. Es war etwas anderes in ihr auf­getaucht, das sie zwang, den — menschlich gesprochen — lie­benswürdigen und liebreizenden Plan aufzugeben. Sie konnte nicht erst warten, bis der Verlobte dächte, er sei ganz allein in seinem immer sehr einsamen Arbeitszimmer.

Mein Freund bedauerte selber zuerst, daß seine Braut den hübschen Plan vorzeitig aufgegeben hatte. Dieses Bedauern ging freilich unter in dem Glück eines mehrtägigen unerwar­teten Zusammenseins. Als seine Braut längst wieder abgereisl war, erzählte er mir von jenem Vorkommnis, indem er sagte: „Ich weiß selbst nicht, warum ich dir dies erzählen muß, aber ich muß seit der Abreise meiner Braut fast immerfort daran denken. Es ist mir, als ob ich jetzt etwas wisse, was ich trolz der vieljährigen Bekanntschaft mit dem lieben Mädchen bishei noch nicht gewußt habe. Ich freue mich jetzt darüber mehr und inniger als über alles andere, was ich von ihr an Liebe und Zart heit erfahren habe.“

Wir Menschen sind geneigt, wie jene Haushälterin und wie zuerst auch mein Freund, zu bedauern, wenn das Wesen, dein unsere höchste Liebe gehört, uns gar keine Überraschungen durch plötzliche Offenbarung seiner Gegenwart, Nähe und Wirklichkeit bereitet. Zu bedauern, daß Gott einen Alltag nach dem anderen, eine Selbstverständlichkeit nach der anderen kommen läßt. Mit einer gewissen Traurigkeit denken wir, daß nur an­dere, Heiligere als wir, Auserlesene, Privilegierte, zum Beispiel dieser Joseph Wittig, freudig überraschende Gotteserlebnisse haben oder wenigstens besonders begabt seien, die Spuren des lebendigen Gottes im alltäglichen Leben zu erkennen. Wenn dies so wäre, wenn zum Beispiel ich im Unterschied von anderen Menschen von einer so überraschenden Deutlichkeit der Gottes­erfahrung heimgesucht wäre, so würde dies ja doch bedeuten, daß Gottes Liebe zu mir die Zartheit jener bräutlichen Liebe nicht hat, während seine Liebe zu den anderen Menschen diese Zart­heit hat.

Aber es ist nicht so. Auch in meinem Leben kommt Alltag nach Alltag, Selbstverständlichkeit nach Selbstverständlichkeit. Wohl ist es mir, wenn ich mein Zimmer betrete, manchmal so, als wäre jemand da oder als wäre jemand dagewesen. Wohl bringe ich mein Arbeitszimmer, ehe ich es am späten Abend ver­lasse, so in Ordnung, daß ein anderer in der Nacht am aufge­räumten Schreibtisch arbeiten könnte, und nachher denke ich auch manchmal an Gottes Gegenwart an jedwedem Ort, auch in meinem Arbeitszimmer, und er ist auch überall gegenwärtig, auch in meinem Arbeitszimmer zur Nachtzeit, wenngleich anders, als ich zu denken imstande bin, aber doch nicht in besonderer und deutlicherer Weise als in allen anderen Räumen, in denen Menschen Gottes Willen zu tun gewillt sind. Ich habe mich frei­lich daran gewöhnt, gewissermaßen mit den Augen zu sehen, wie Gottes Schöpferkraft, Gottes Arm, Gottes Hand alle Dinge erhält und zusammenhält und nur ganz langsam zerfallen und verfallen läßt, so wie ein Kind den Sand in der Hand hält und ihn nur ganz langsam zur Erde rinnen läßt. Aber das spielt sich doch nicht nur vor meinem Auge ab, sondern vor jedwedes Menschen Auge.

Es kam wohl auch vor, daß ich mit meiner Arbeit nicht weiter­konnte und sie um Mitternacht liegen ließ und — nicht ganz ohne Vertrauen — sagte: „Jetzt, lieber Herrgott, ist es am besten, du machst allein weiter, sonst muß ich morgen das ganze Zeug in den Ofen stecken!“ — Verzeiht, junge Freunde: Ich weiß, daß ihr euch leicht an solcher Ausdrucksweise stoßt, aber sie ist uns Grafschaftern eigen, und um Mitternacht brauche ich auf fremden Rigorismus keine Rücksicht zu nehmen; hier aber muß ich als ehrlicher Geschichtenerzähler die Worte so wiedergeben, wie sie nun einmal, wenn auch wohl unhörbar, gesprochen worden sind.

Wenn ich mit solchen Worten die steckengebliebene Arbeit dem Herrgott zur Weiterführung überlassen hatte, ging es mir wohl nicht gerade so auffallend wunderbar, wie den Albendorfer Zimmerleuten, denen auch die Dämmerung und die Dunkelheit auf den Hals kamen, ehe es ihnen gelang, den Dachstuhl der neu­erbauten Wallfahrtskirche aus den wohl mehrfach verschnittenen Balken richtig zusammenzukriegen. Die Legende und nach ihr tausend Bilder erzählen, daß über Nacht Engel kamen und den Dachstuhl samt dem Gespärre wunderbar aufsetzten.

Es ging mir nicht einmal immer so wie damals mit dem Bau des Riesengebirges, das ich als Kind mit Lehm und Schlamm er­richten wollte und das nach der vom Mißerfolg verdunkelten Nacht auf einmal als mächtige Schneewand dastand, schimmernd und leuchtend wie die Wand des wirklichen Riesengebirges.

Aber es ging gewöhnlich so, daß ich am anderen Morgen die Arbeit weiterzuführen vermochte, bis sie eines Abends vollen­det war. Ich habe seit vielen Jahren, will nicht sagen: in meinem ganzen Leben, keine einzige Arbeit stecken zu lassen brauchen — außer einer einzigen, und das war in letzter Zeit.

Wenn ich nun die vielen Jahre, in denen ich dem Herrgott meine Arbeiten zur Weiterführung und Vollendung anvertraut habe, in ihrer Gesamtheit überblicke, so zwingt mich freilich die Dankbarkeit zu der Aussage: Ich habe die Hilfe Gottes ganz wundersam verspürt; in der Geschichte meiner Arbeiten sind die Spuren des helfenden Gottes ganz unverkennbar. Nehme ich aber die Fälle einzeln vor, einen nach dem anderen, so ist wiederum gar nichts Wunderbares dabei, sondern nur Alltäg­liches, Selbstverständliches. Der Psychologe wird sagen: „Das war ja ganz natürlich! Der übermüdete und durch allzugroßen Arbeitsehrgeiz in seinen Nerven Zerrüttete hat sich durch Anbefehlung seiner Arbeit an seinen Herrgott für die Nacht Ruhe verschafft und konnte seine Arbeit am anderen Morgen ganz natürlich neugestärkt wieder aufnehmen und nach und nach vollenden.“ Und — weggeblasen ist jede Spur eines helfenden Gottes!

Ich selbst bin gern bereit, dem Psychologen zu antworten: „Selbstverständlich! Das war alles natürlich, und ich habe mir noch nie eingebildet, daß es unnatürlich oder widernatürlich oder außernatürlich oder übernatürlich wäre. Nein, nein!“

Euch, ihr jungen Freunde, sage ich auch: „Es war alles natür­lich in meinem Leben, alles einfach, alles selbstverständlich und alltäglich. Aber eben das Natürliche und das Selbstverständliche und das Einfache und das Alltägliche, das sind die Fußspuren des lebendigen Gottes in meinem Leben und in jeglichem Men­schenleben.“

Quelle: Anca Wittig (Hrsg.), Mit Joseph Wittig durch das Jahr, Leimen/Heidelberg: Marx Verlag, 1973, S. 149-160.

Hier der Text als pdf.

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