Philipp Melanchthon, Rektor, an die Studenten.
Wer auch immer du bist, der du diesem literarischen Orden angehörst und Schüler unserer Schule bist, durch dieses Edikt befehlen wir dir, zur Versammlung zu kommen, um die schulischen Gesetze zu hören, die in der ersten Stunde verlesen werden. Aus diesen sollst du sowohl deinen Charakter formen als auch eine Methode für dein Studium entwickeln. Denn es ist nicht nur unbürgerlich, das Recht der Stadt, in der du lebst, nicht zu kennen, sondern auch eine Schande, die von einem sehr religiösen Magistrat zum Wohle der Allgemeinheit erlassenen Gesetze zu missachten. Es war jedoch der Wunsch der Verfasser dieser Gesetze, sowohl für die Studien der Jugend als auch für den öffentlichen Frieden zu sorgen. Den Übeltätern drohen Strafen, während die Guten, obwohl sie von sich aus ihre Pflicht erfüllen, dennoch ermahnt werden, weiter so zu handeln. Bekannt ist nämlich das Sprichwort: „Ein scharfer Gaul wird von sich aus nach Ehren streben, doch treibst du ihn an, so wird er umso stärker laufen.“
Gesetze für die Studenten.
I. Jeder, der sich zum Zwecke des Studiums hier einfindet, soll zunächst seinen Namen beim Rektor registrieren lassen. Denn der Rektor kann den öffentlichen Studien nicht dienen, wenn sich der junge Mann ihm nicht anvertraut hat.
II. Und da die jugendliche Altersstufe weder über Studien noch über Charakter richtig urteilen kann, soll der Rektor denjenigen, der sich anmeldet, wenn es die Umstände erfordern, sofort einem der Pädagogen anvertrauen, der ihm eine feste Methode des Studiums vorschreibt. Denn es gibt keine schädlichere Seuche, als ohne feste Methode zu lernen und ohne Ziel zu handeln. Der Pädagoge soll außerdem angeben, welche Vorlesungen zu besuchen sind und wie der Stil und die Sprache zu üben sind. Denn wie niemand das Malen erlernt hat, ohne den Pinsel in die Hand zu nehmen, so wird auch niemand die Literatur gründlich erlernen, ohne sich durch Schreiben und Lernen zu üben.
III. Nachdem die philosophischen Disputationen, die früher eine nicht zu verachtende Gelegenheit zur Übung der jungen Leute boten, an Bedeutung verloren haben, haben wir beschlossen, dass monatlich zweimal deklamiert wird, teils von den Professoren der Rhetorik und Grammatik, teils von den jungen Leuten nach dem Ermessen des Rhetors. Die Declamationes der Jugendlichen werden vom Professor der Rhetorik überprüft und verbessert. Wer sich hierbei der Arbeit in den Wissenschaften entzieht, wird auf Anordnung des hochberühmten Fürsten, des Gründers der Akademie, aus der Universität ausgeschlossen. Und weil die Erkenntnis der Natur und der Mathematik für die menschlichen Angelegenheiten von großer Notwendigkeit ist, wünschen wir, dass ebenfalls monatlich disputiert wird, entweder von den Professoren der Physik und Mathematik oder von anderen, die die Professoren für diese Aufgabe als geeignet erachten.
IV. Der Rektor wird es keinesfalls zulassen, dass irgendeiner der unerfahrenen jungen Männer, die nicht selbst für sich sorgen können, ohne einen festen Lehrer herumirrt, der ihn zu den besten Studien hinführt und daran gewöhnt. Denn sie leisten Gott wenig angenehmen Dienst, wenn sie, obwohl sie in einer verantwortlichen Position sind, die Jungen willkürlich irren lassen. Und Gott hat den Jungen auferlegt, den Ratschlägen und der Autorität der Weisen zu gehorchen. Wenn sich also jemand weigern sollte, sich auf Anordnung des Rektors einem Lehrer anzuvertrauen, und wenn es das Alter und die Gerechtigkeit erfordern, soll er aus der Stadt verwiesen werden. Vor allem aber werden sie darauf achten, dass sie richtig sprechen lernen, was eine Angelegenheit von solcher Bedeutung ist, dass sie aus den Schriften des vergangenen Jahrhunderts beurteilt werden kann; als nämlich die Kunst des richtigen Sprechens vernachlässigt wurde, geschah es, dass sie auch über alle menschlichen Angelegenheiten unüberlegter urteilten. Die übrigen, in diesem Zusammenhang relevanten Angelegenheiten werden die Lehrer in den Schulen sorgfältig erläutern.
Gesetze zu den Sitten der Jugendlichen.
I. Diejenigen, die durch Frömmigkeit und Liebe von den Lastern abgehalten werden, bedürfen unserer Gesetze nicht, sondern Frömmigkeit wird durch die Kenntnis der Heiligen Schriften gefördert, und Menschlichkeit und Zivilisation werden sie durch die Werke der alten Redner und Dichter lernen; uns sind diejenigen zur Erziehung anvertraut, die eher durch Prügel als durch Vernunft oder Frömmigkeit gezügelt werden möchten.
II. Wir verlangen von den Jugendlichen Anstand und Bescheidenheit, die sie sowohl durch angemessenes Verhalten als auch durch ehrbare Kleidung zeigen sollen. Denn die Fehler im Verhalten und in der Kleidung sind Werkzeuge größerer Schändlichkeit. Wir befehlen außerdem, dass sie den Vornehmeren Ehre erweisen, denn dies verdient die Tugend, und dass sie niemandem Schaden zufügen. Es ist insgesamt barbarisch, Türen aufzubrechen, Gärten zu verwüsten, zu huren, zu schlemmen, den Ruf anderer durch Schmähschriften zu verletzen, durch tumultartige Geschrei die Ruhe der Stadt und das Wohl der Bürger zu stören. Da all diese Dinge durch die Gesetze der Kaiser mit dem Tod bestraft werden, können sie in einer Stadt, die der Wissenschaft und den Künsten gewidmet ist und die sich durch ihren Namen zur Menschlichkeit und Sanftmut bekennt, in keiner Weise geduldet werden. Solche Vergehen werden nach dem Ermessen des Rektors bestraft.
III. Damit der öffentliche Zustand ruhiger sei, hat der Fürst das Tragen von Waffen vollständig verboten, wodurch sowohl lange Schwerter als auch Dolche und Hessische Waffen untersagt sind; daher werden wir gegen diejenigen, die mit einer Waffe angetroffen werden, streng vorgehen.
Hier der lateinischsprachige Text:
Philippus Melanchthon Rector Studiosis.
Quisquis es huius literarii ordinis, nostraeque scholae alumnus, hoc te edicto iubemus in concionem venire, ut scholasticas leges audias, quae hora prima recitabuntur. Ex quibus et mores compares, et rationem instituendorum studiorum petas. Est enim non modo incivile ius civitatis, in qua versere, ignorare, sed flagitium etiam, contemnere quae a religiosissimo Magistratu publicae utilitatis causa constituta sunt. Fuit autem in votis, harum legum conditoribus, ut et iuventutis studiis, et publicae tranquillitati recte consulerent. Improbis supplicium minantur, bonos, tametsi ii ultro officium faciant, hortantur tamen, ut sui similes esse pergant. Notum enim illud est
Acer et ad palmae per se cursurus honores,
Si tamen horteris, fortior ibit equus.
De studiis Leges.
I. Quisquis studiorum causa se hic confert, primum omnium apud Rectorem nomen suum profiteatur. Neque enim potest consulere publicis studiis Rector, nisi ei se commendarit iuvenis.
II. Et quia iuvenilis aetas nec de studiis nec de moribus recte iudicare potest, Rector profitentem nomen suum, si ita poscat res, statim alicui ex paedagogis commendet, qui illi studiorum certam rationem praescribat. Neque enim nocentior pestis ulla est, quam discendi nullam certam rationem sequi, et tanquam sine scopo iaculari. Indicet autem paedagogus, et quas praelectiones audire referat, ac quomodo stylum ac linguam exerceat. Nam sicut pingere nemo didicit, nisi penicillo experiatur manus suas, ita nemo literas perdiscet, nisi se scribendo ac discendo exercuerit.
III. Postquam frigere coeperunt philosophicae disputationes, quae antea exercendorum adulescentium occasio erat non contem¬nenda, statuimus ut singulis mensibus bis declametur, alias a profes¬soribus rhetorices et grammatices, alias ab adulescentibus iuxta rhetoris arbitrium. Declamationes adulescentium a Rhetorices professore recognoscentur ac emendentur. Qua in re, qui suam operam in literis negaverit, is auctoritate illustrissimi principis Academiae fundatoris ab universitate mulctabitur. Et quia naturae mathematumque cognitio perquam necessaria est rebus humanis, volumus, ut itidem singulis mensibus disputent vel phisici ac mathematum professores, vel alii quos ei rei idoneos esse professores iudicaverint.
IV. Nihil minus committet rector, quam ut quisquam iuvenum imperitorum, et qui ipsi sibi consulere nequeunt, erret sine certo praeceptore, qui eum ad optima et invitet et asuefaciat. Nam parum gratum officium deo faciunt, qui quum praesint, errare tamen temere pueros sinunt. Et pueris deus iniunxit, ut prudentium consiliis aucto¬ritatique pareant. Proinde si quis nollet ex Rectoris arbitrio prae¬ceptori sese alicui commendare, si id aetas et iustitia poscat, urbe eiiciatur. Imprimis autem operam dabunt, ut loqui recte discant, quae res quantum habeat momenti aestimari potest ex superioris saeculi scriptis; ubi recte dicendi ratio negligeretur, accidit, ut imprudentius etiam iudicarint de rebus humanis omnibus. Caetera, quae ad hanc partem pertinent, monebunt sedulo praeceptores in scholis.
De Moribus adulescentium Leges.
I. Quos et pietas et amor recte a viciis deterret, iis nihil opus est nostris legibus, sed pietatem alet sacrorum codicum cognitio, et humanitatem civilitatemque veterum oratorum ac poetarum monumenta docebunt; Paedagogia nobis in eos est commissa, qui fustuario malunt, quam aut ratione aut pietate coerceri.
II. Verecundiam et modestiam exigimus ab adulescentibus quam et incessu et vestitu honesto praestabunt. Sunt enim instrumenta maioris turpitudinis incessus ac vestitus vitia. Praecipimus item ut praestantioribus honorem exhibeant, nam hoc virtus meretur, et ne cui damnum dent. Omnino autem barbara sunt fores effringere, hortos depopulari, scortari, commessari, aliorum famam libellis famosis laedere, tumultuosis clamoribus latrocinando tranquillitatem urbis et bonorum perturbare. Quae quum omnia sint Imperatorum legibus capitalia, nullo modo dissimulari possunt in ea civitate, quae quia bonis literis destinata est, ipso titulo profitetur humanitatem et mansuetudinem, Punientur autem huiusmodi rectoris arbitrio.
III. Ut tranquillior esset publicus status, princeps vetuit omnino arma gestari, ubi et gladiis longioribus et pugionibus et hessiacis interdicitur, quare in eos severiter animadvertemus quos deprehenderimus cum telo fuisse.
Quelle: Karl Krafft/Wilhelm Krafft (Hg.), Briefe und Documente aus der Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert nebst Mittheilungen über Kölnische Gelehrte und Studien 13. und 16. Jahrhundert, Bei Gelegenheit des 50jährigen Stiftungsfestes des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums zu Köln, Verlag von Sam. Lucas, Elberfeld 1876, S. 7–10.