Von Karl Rahner
Mit dir will ich reden, und was kann ich da anderes reden als von dir. Denn könnte etwas sein, das nicht schon von Ewigkeit bei dir, in deinem Geist und deinem Herzen Heimat und letzten Grund hätte? Ist also nicht, was immer ich sage, ein Wort über dich? Aber wenn ich mit dir von dir rede, leise und scheu, dann vernimmst du doch wieder ein Wort über mich selber, der ich doch von dir reden will. Denn was könnte ich von dir sagen, als daß du mein Gott, Gott meines Anfangens und Endens, Gott meiner Freude und meiner Not, der Gott meines Lebens bist? Ja, selbst wenn ich dich bekenne als den, der meiner nicht bedarf, der ferne erhaben über allen Tälern steht, in denen sich die Wege meines Lebens dahinschleppen, dann habe ich wiederum dich als den Gott meines Lebens genannt. Denn wärest du der Gott meines Lebens, wenn du nicht mehr wärest als der Gott meines Lebens? Wenn ich dich preise, dich, Vater, Sohn, Geist, wenn ich bekenne das dreimal heilige Geheimnis deines Lebens, das ewig so in den Abgründen deiner Unendlichkeit verborgen ist, daß es keine Spur in deiner Schöpfung hinterläßt, die wir von uns aus deuten könnten – hättest du mir dieses Geheimnis deines Lebens geoffenbart, könnte ich bekennen und lieben dich, Vater, und dich, ewiges Wort des väterlichen Herzens, und dich, Geist des Vaters und des Sohnes, wenn nicht in der Gnade dein Leben mein Leben geworden wäre, wenn du nicht aus Gnade auch als Dreifaltiger der Gott meines Lebens wärest?
Gott meines Lebens! Aber was sage ich denn, wenn ich dich meinen Gott, den Gott meines Lebens nenne? Sinn meines Lebens? Ziel meiner Wege? Weihe meiner Taten? Gericht meiner Sünden? Die Bitterkeit meiner bitteren Stunden und mein geheimstes Glück? Kraft, die meine Kraft mit Ohnmacht schlägt? Schöpfer, Erhalter, Begnadiger, Naher und Ferner? Unbegreiflicher? Gott meiner Brüder? Gott meiner Väter? Gibt es Namen, die ich dir nicht geben müßte? Aber was habe ich gesagt, wenn ich dir alle gegeben? Wenn ich, stehend am Rande deiner Unendlichkeit, hineingerufen hätte in die weglosen Fernen deines Seins alle die Worte zumal, die ich aufgelesen habe in der ärmlichen Enge meiner Endlichkeit? Nie hätte ich dich ausgesagt.
Quelle: Rechenschaft des Glaubens. Karl-Rahner-Lesebuch, hrsg. v. Karl Lehmann und Albert Raffelt, Freiburg i.Br.: Herder, 1979, S. 177.