Elazar Benyoëtz über Anne Frank und die namentliche Erinnerung: „Erinnerung ist paradiesischen Ursprungs, sie beginnt beim Namen, mit der Namengebung, mit der Benen­nung. Was mit einem Namen belegt wird, geht in die Erinnerung ein und kann immer wieder in Erinnerung gerufen werden.“

Über Anne Frank und die namentliche Erinnerung

Von Elazar Benyoëtz

In Erinnerung gekleidet,
in Erinnerung gerufen

Man kleidet sich in seine Erinnerungen, die man zum Teil überliefern, im ganzen aber weder vererben noch übertragen kann.

Erinnerungen entstehen um den eigenen Namen her­um und werden ihm zu eigen. Weil man seinen Na­men hat, wird man in Erinnerung gerufen.

Man versinkt auch in seinen Erinnerungen: Das ist das Werk des Vergessens; es geht in Erinnerungen vor sich.

Anne Frank sagte: »Erinnerungen sind mehr als Klei­der.« Wieso mehr?

Erinnerung ist paradiesischen Ursprungs, sie beginnt beim Namen, mit der Namengebung, mit der Benen­nung. Was mit einem Namen belegt wird, geht in die Erinnerung ein und kann immer wieder in Erinnerung gerufen werden.

Es war Adams heilige Beschäftigung, alles, was nackt und bloß in der Schöpfung herumlag oder umherirrte, mit Namen zu belegen, zu beseelen, wortfest zu ma­chen. Göttlich ist das bloß Vorhandene, menschlich — das in Deckung Gebrachte.

Das Herz eines Dinges ist sein Name, der Name eines Menschen — sein nicht zu widerrufender Ruf.

Was uns heute in Erinnerung ruft und hier versammelt, ist der Name Anne Franks, die klar und wahr sagte: Er­innerungen sind mehr als Kleider.

So wars schon im Paradies. Adam hatte noch keine Kleider, als er Geburtshelfer der Erinnerung wurde. Und dabei ist es geblieben: Die erste Kleidung eines Menschen ist der Name, mit dem er bedacht und be­deckt wird; der Name ist die Haut über der Haut.

Alle Taten und Werke stehen im Dienst des Namens, alles, was sich ausdehnt und einprägt. Der ganze Mensch ist sein ganzer Name. Das Wesen verändert sich mit den Namen. Was durch den Namen zum We­sen geworden ist, verändert sich mit dem Namen in seinem Wesen.

Der Name ist verletzlich wie die Haut, doch er altert nicht und schrumpft nicht ein.

»Im Anfang« heißt das erste Buch Mose, »Namen« das zweite, »Er rief« das dritte: Das ist die Reihenfolge, und so entsteht der Sinn.

Alle Wärme kommt von der Erinnerung, Erinnerun­gen aber sind mehr als Kleider.

Anne Frank — dieser Name beleuchtet und erwärmt die Menschen seit fünfzig Jahren.

Man versammelt sich um einen Namen, und es wird Licht.

Die sich nicht erinnern wollen, sind kalte Menschen; sie wollen nicht »mehr Licht«, sondern auslöschen

Quelle: Elazar Benyoëtz, Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche, Zürich-Hamburg: Arche, 2001, S. 197f.

Hier der Text als pdf.

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