Thomas Merton: „In Christus“ leben heißt, in einem genauso großen Geheimnis leben, wie es die Menschwerdung ist. Es ist etwas ganz Ähnliches. Denn so wie Christus in seiner einen Person die beiden Naturen von Gott und Mensch in sich vereint, so wohnt er auch in uns und vereint uns innerlich mit sich selbst, wenn er uns zu seinen Freunden macht. Indem er in uns wohnt, wird er sozusagen unser höheres Selbst, denn er hat unser innerstes Selbst mit sich selbst vereint und in eins gesetzt.

In Christus leben

Von Thomas Merton

Jeder Christ macht sich eine Vorstellung von Gott und von seiner Menschwerdung. Christus-Nachfolge aber meint mehr als nur Christus-Nachahmung.

So wie ein Vergrößerungsglas die Strahlen der Sonne auf einen kleinen Hitzepunkt konzentriert, der ein trockenes Blatt oder ein Stück Papier in Brand setzen kann, sammelt das Geheimnis Christi im Evangelium die Strahlen des Lichts und Feuers Gottes auf einen Punkt, der den Geist des Menschen entflammt. Zu diesem Zweck wurde Christus in die Welt geboren, lebte und starb darin, kehrte vom Tod wieder und stieg zu seinem Vater im Himmel auf: „damit wir Gott in sichtbarer Gestalt erkennen und davon zur Liebe des Unsichtbaren hingerissen werden“, wie es in der Präfation der Weihnachtsmesse heißt. Durch das Brennglas seiner Inkarnation konzentriert er die Strahlen seiner göttlichen Wahrheit und Liebe derart, dass wir spüren, wie gewaltig sie brennt, und der Mensch Christus vermittelt den Menschen jegliche mystische Erfahrung.

Denn in Christus wurde Gott Mensch. In ihm sind Gott und Mensch nicht mehr getrennt, nicht mehr weit voneinander entfernt, sondern untrennbar eins, unvermischt und dennoch unzertrennbar. Von daher wird jedem aus der Frau geborenen Menschen und jedem Nachfahren Adams in Christus auf der menschlichen Ebene alles Göttliche und Übernatürliche zugänglich. Was göttlich ist, das ist jetzt in Christi Liebe Teil unserer eigenen Natur geworden. Wenn wir deshalb ihn empfangen und mit ihm in Freundschaft vereint werden, schenkt er als unser Gott und zugleich unser Bruder uns das göttliche Leben, das jetzt auf unserer menschlichen Ebene auch das unsrige sein kann. Insofern wir wie Christus und daher seine Brüder und Schwestern sind, werden wir durch Adoption selbst Söhne und Töchter Gottes.

Gott ist überall. Seine Wahrheit und Liebe durchdringen alles, so wie das Licht und die Hitze der Sonne unsere Atmosphäre durchdringen. Aber genau wie die Strahlen der Sonne nicht schon an sich irgendetwas in Brand setzen, so berührt auch Gott nicht ohne Christus unsere Seelen mit dem Feuer der übernatürlichen Erkenntnis und Erfahrung. Doch das Brennglas seines Menschseins sucht sich gut darauf vorbereitete Geister aus, die vom Licht und der Wärme Gottes getrocknet sind und sich vom kleinen Hitzepunkt der Gnade des Heiligen Geistes mühelos in Brand setzen lassen.

Der normale Weg zur Kontemplation ist der Glaube an Christus, der aus dem sorgfältigen Betrachten seines Lebens und seiner Lehre entsteht. Aber gerade weil uns jede Erfahrung Gottes durch Christus zukommt, heißt das nicht unbedingt, dass jeder Kontemplative immer unvermeidlich durch den Christus zur Kontemplation gelangt, wie er womöglich in unserer Vorstellungskraft existiert. Denn die Vorstellungskraft ist nur eines der Mittel, mit denen wir uns den Gegenstand unseres Glaubens vor Augen halten können. Wir müssen uns nicht ständig anstrengen, uns Christus so vorzustellen, wie er nach unserer Meinung ausgesehen hat oder ausgesehen haben müsste. Denn in Wirklichkeit kann niemand ganz sicher sein, wie er genau ausgesehen hat.

Einssein in der Liebe

Das Was in Christus ist weit weniger wichtig als das Wer. Das Was mag vorstellbar sein oder auch nicht. An das Wer – die geheimnisvolle, unaussprechliche göttliche Person – rühren wir dank der Gnade und Liebe direkt und unmittelbar, also ohne Bilder (oder wenn man will, auch mit ihnen, aber das ist dann weniger direkt) und ohne schlussfolgerndes Denken. Das wahre Geheimnis der christlichen Agape (Liebe) ist diese Fähigkeit, die die Person des Wortes uns verliehen hat, indem sie zu uns gekommen ist. Es ist die Fähigkeit zu einem direkten und ein- fachen Kontakt mit ihm, und zwar nicht nur als einem Gegenstand, einem zu sehenden oder vorgestellten „Etwas“, sondern auf dem Weg des über den Einzelnen hinausgehenden (transsubjektiven) Einsseins in der Liebe, bei dem nicht ein Objekt mit einem Subjekt vereint wird, sondern in dem zwei Subjekte ein Einswerden erfahren.

Von daher können wir in der Liebe sozusagen in unserem eigenen Herzen das innerlichste persönliche Geheimnis des Geliebten erfahren. Tatsächlich hat Christus uns seine Freundschaft geschenkt, damit er auf diese Weise in unsere Herzen eingehen und in ihnen in Form der persönlichen Gegenwart wohnen kann, nicht als Gegenstand, nicht als Etwas, sondern als ein Wer. So ist Er, der ist, in den Tiefen unseres eigenen Wesens gegenwärtig als unser Freund und als unser anderes Selbst. Das ist das Geheimnis des Wortes, das kraft seiner Menschwerdung und unserer Eingliederung in die Kirche als sein mystischer Leib in uns wohnt.

Diese persönliche Anwesenheit Christi, des Wortes, in unseren Seelen ist das, was ich als seine „Sendung“ bezeichne.

Nicht unser Vorstellungsvermögen, sondern unser Glaube schenkt uns das übernatürliche Leben. Der Glaube rechtfertigt uns, der Glaube führt uns zur Kontemplation. „Mein Gerechter lebt aus dem Glauben“ (Röm 1,17), nicht aus der Vorstellungskraft. Die Vorstellungskraft kommt nur beiläufig ins Spiel. Wer seine Vorstellungskraft aufbieten muss, um sich an den Christus zu erinnern, an den er glaubt, tue das ruhig und setze sie ein. Aber wenn ein Mensch seinen Glauben an ihn lebendig halten kann, ohne ständig darauf aus sein zu müssen, sich ein Bild von ihm zu machen, dann ist das viel besser: Sein Glaube wird dann einfacher und reiner.

Manchen Menschen fällt es ganz leicht, sich in ihr Inneres zu kehren und in ihrer Vorstellungskraft ein einfaches Bild Christi zu finden. Das ist dann ein leichter Einstieg ins Gebet. Aber anderen gelingt das nicht so gut. Im Gegenteil: Die Anstrengung, die das kostet, erfüllt ihren Kopf mit lauter Problemen und störenden Gedanken, die das Gebet unmöglich machen. Trotzdem kann ihnen gleichzeitig einfach der Name Jesu oder ein allgemeiner, nicht genauer ausgeprägter Gedanke an Christus genügen, um ihren Glauben ständig mit einem einfachen und liebevollen Andenken an ihn zu beschäftigen, der in unseren Seelen wirklich anwesend ist, dank des Geschenks seiner persönlichen Liebe und dank seiner göttlichen Sendung.

Dieses liebevolle Empfinden seiner Nähe ist etwas viel Wirklicheres und Wertvolleres als alles, was wir nur mit unseren inneren Sinnen zustande bringen können. Denn das Bild von Jesus, das wir vielleicht in unserem Vorstellungsvermögen haben, bleibt immer nur ein bloßes Bild, während die Liebe, die seine Gnade in unseren Herzen entstehen lässt, uns mit ihm, wie er wirklich ist, in lebendige Verbindung bringen kann. Jesus selbst lässt diese Liebe in uns aufbrechen, und das mittels eines direkten und persönlichen Einwirkens seines Willens.

Die Gestalt Christi in mir

Wenn er unsere Seele mit seiner Liebe berührt, beeinflusst er uns direkter und innerlicher, als ein äußerer Gegenstand unsere Augen oder unsere anderen Sinne bewegt und beeinflusst. Im Übrigen halten wir nur aus dem Grund Betrachtungen über Jesus und stellen ihn uns innerlich vor, weil wir uns damit auf diesen innigeren Kontakt mit ihm mittels der Liebe vorbereiten wollen. Wenn daher seine Liebe in uns zu brennen beginnt, besteht ganz bestimmt keine strenge Notwendigkeit mehr, noch weiter unsere eigene Vorstellungskraft zu betätigen. Manche mögen das gern weiterhin tun, andere nicht, oder andere haben keine Wahl, als das eine oder andere zu tun. Wir müssen gebrauchen, was immer uns hilft, und vermeiden, was uns im Weg steht.

Jeder von uns macht sich eine Vorstellung von Christus, die beschränkt und unvollständig bleibt. Sie ist nach unserem eigenen Maß geschneidert. Wir neigen dazu, uns einen Christus nach unserem eigenen Bild zu formen, eine Projektion unserer eigenen Strebungen, Sehnsüchte und Ideale. Wir finden in ihm das, was wir finden wollen. Damit sehen wir ihn nicht nur als Inkarnation Gottes, sondern auch als Inkarnation aller Dinge, auf die hin derzeit unsere Gesellschaft und wir als Teil dieser Gesellschaft leben.

Natürlich besteht die Vollkommenheit darin, Christus nachzuahmen und ihm in unserem eigenen Leben Gestalt zu geben. Aber es genügt nicht, dass wir nur den Christus nachahmen, den uns unsere eigene Vorstellungskraft vor Augen hält. Wir lesen ja auch die Evangelien nicht bloß dazu, um ein Bild oder eine Vorstellung von Christus zu bekommen, sondern dabei wollen wir in die Worte der Offenbarung eindringen und über sie hinaus im Glauben eine lebendige Beziehung mit dem Christus knüpfen, der als Gott in unseren Seelen wohnt.

Die Aufgabe, Christus in uns Gestalt werden zu lassen, können wir nicht einfach durch eigenes Bemühen lösen. Das geht auch nicht einfach so, dass wir uns in die Evangelien vertiefen und uns dann Mühe geben, unsere daraus gewonnenen Einsichten in die Praxis umzusetzen – obwohl wir auch das tun sollten –, sondern wir müssen uns immer von der Gnade führen lassen und uns ganz dem Heiligen Geist ausliefern.

Wenn wir dem Leben Christi auf die Weise in uns Gestalt geben wollen, dass wir uns nur von unseren eigenen Vorstellungen, Einschätzungen und Anstrengungen leiten lassen, kommt am Ende bloß eine Art frommer Karikatur heraus, die letztlich jeden, dem wir begegnen, abschrecken wird, weil sie reichlich steif und künstlich, ja tot ist.

Der Geist Gottes muss uns lehren, wer Christus ist. Er muss Christus in uns Gestalt geben und uns in Christus verwandeln. In Christus verwandelt zu werden, ist ja nicht bloß eine individuelle Angelegenheit: Es gibt nur einen Christus, nicht viele. Er ist nicht aufgeteilt. Christus zu werden bedeutet für mich, in das Leben des ganzen Christus einzutreten, in den mystischen Leib, der aus dem Haupt und seinen Gliedern besteht, aus Christus und allen, die ihm durch seinen Geist einverleibt sind.

Christus nimmt in den Seelen aller, die ihn lieben, von sich aus mittels der Gnade und des Glaubens Gestalt an, und zugleich zieht er sie alle zusammen an sich selbst, um sie in sich eins werden zu lassen: „damit sie zu Einem vollendet seien“ (Joh 17,23). Und der Heilige Geist, der das Leben dieses einen Leibes ist, wohnt im ganzen Leib und in jedem seiner Glieder, sodass der ganze Christus Christus ist und jeder Einzelne Christus ist.

Wenn wir also in unserem Herzen die Regungen und Einstellungen haben wollen, die Christus auf Erden hatte, dann müssen wir nicht unsere eigene Vorstellungskraft, sondern den Glauben befragen. Wir müssen den Schritt hinein in die Finsternis der inneren Entblößung gehen, von unserer Seele alle Bilder abstreifen und in uns Christus mittels seines Kreuzes Gestalt annehmen lassen.

„In Christus“ leben heißt, in einem genauso großen Geheimnis leben, wie es die Menschwerdung ist. Es ist etwas ganz Ähnliches. Denn so wie Christus in seiner einen Person die beiden Naturen von Gott und Mensch in sich vereint, so wohnt er auch in uns und vereint uns innerlich mit sich selbst, wenn er uns zu seinen Freunden macht. Indem er in uns wohnt, wird er sozusagen unser höheres Selbst, denn er hat unser innerstes Selbst mit sich selbst vereint und in eins gesetzt. Von dem Augenblick an, in dem wir seine Liebe zu uns durch Glauben und Liebe erwidern, dürfen wir dank einer übernatürlichen Vereinigung unserer Seelen mit seiner uns einwohnenden göttlichen Person an seiner göttlichen Sohnschaft und Natur teilhaben. Damit wird ein „neues Wesen“ ins Dasein gesetzt. Ich werde ein „neuer Mensch“, und dieser neue Mensch, der spirituell und mystisch eine einzige Identität ist, ist zugleich Christus und ich selbst.

Atmen des Geistes

Die Sprache des Neuen Testaments und die Lehre der Kirche erklären dies dem Verstand des Gläubigen so, dass dieses spirituelle Einssein meines Wesens mit Christus in einem „neuen Menschen“ das Werk des Heiligen Geistes sei, des Geistes der Liebe, des Geistes Christi. Die Einheit der zwei Naturen, der göttlichen und der menschlichen, in der einen Person des Wortes, also in Christus, ist eine vollkommene und unzerstörbare Einheit. Die Einheit meiner Seele mit Gott in Christus hingegen hat nicht diesen unzertrennbaren Charakter. Sie ist im Gegenteil eine nicht notwendige, hinzugefügte (akzidentelle) Einheit – aber dennoch ist sie mehr als nur eine moralische Einheit oder eine Übereinstimmung zweier Herzen.

Das Einssein des Christen mit Christus besteht nicht nur aus einer Ähnlichkeit der Neigung und des Empfindens und der gegenseitigen Übereinstimmung im Denken und Wollen. Es ist von einer radikaleren, geheimnisvolleren und übernatürlichen Qualität. Es ist ein mystisches Einssein, in dem Christus selbst die Quelle und das Prinzip des göttlichen Lebens in mir wird. Um ein Bild aus der Heiligen Schrift zu gebrauchen: Christus „atmet“ auf göttliche Weise in mir und gibt mir dabei seinen Geist.

Die ständig neue Mitteilung des Geistes an die Seele lässt sich mit unserem natürlichen Atem vergleichen, der Augenblick um Augenblick unser körperliches Leben erneuert. Das Geheimnis des Geistes ist das Geheimnis der selbstlosen Liebe. Wir empfangen ihn in der „Inspiration“, der „Einhauchung“ der Liebe, die leise in uns einzieht, und wir geben ihn an andere weiter, wenn wir mit unserer Liebe auf sie zugehen. Unser Leben in Christus ist dann ein Leben sowohl des Empfangens als auch des Gebens: Wir empfangen im Geist von Gott, und im gleichen Geist wenden wir unsere Liebe wieder auf dem Weg über unsere Brüder und Schwestern Gott zu.

Thomas Merton (1915 – 1968) amerikanischer Trappistenmönch und Priester, bedeutender Mystiker und spiritueller Schriftsteller. Dieser Beitrag ist dem Buch „Christliche Kontemplation“ entnommen (Claudius Verlag, München 2010).

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  1. Thomas Merton: „In Christus“ leben heißt, in einem genauso großen Geheimnis leben, wie es die Menschwerdung ist. Es ist etwas ganz Ähnliches. Denn so wie Christus in seiner einen Person die beiden Naturen von Gott und Mensch in sich vereint, so wohnt er auch in uns und vereint uns innerlich mit sich selbst, wenn er uns zu seinen Freunden macht. Indem er in uns wohnt, wird er sozusagen unser höheres Selbst, denn er hat unser innerstes Selbst mit sich selbst vereint und in eins gesetzt.

    Kein Mensch ist Gott selbst.

    Von Thomas Merton

    Jeder Christ macht sich eine Vorstellung von Gott und von seiner Menschwerdung.

    Gott kann sich der Mensch nicht vorstellen.

    Christus-Nachfolge aber meint mehr als nur Christus-Nachahmung.

    Aus der Seele, im Unbewussten kommt die Richtungsweisung durch den Traum.

    So wie ein Vergrößerungsglas die Strahlen der Sonne auf einen kleinen Hitzepunkt konzentriert, der ein trockenes Blatt oder ein Stück Papier in Brand setzen kann, sammelt das Geheimnis Christi im Evangelium die Strahlen des Lichts und Feuers Gottes auf einen Punkt, der den Geist des Menschen entflammt.

    Der Geist ist so alt wie die Menschheit selbst.
    Zu diesem Zweck wurde Christus in die Welt geboren, lebte und starb darin, kehrte vom Tod wieder und stieg zu seinem Vater im Himmel auf: „damit wir Gott in sichtbarer Gestalt erkennen und davon zur Liebe des Unsichtbaren hingerissen werden“, wie es in der Präfation der Weihnachtsmesse heißt. Durch das Brennglas seiner Inkarnation konzentriert er die Strahlen seiner göttlichen Wahrheit und Liebe derart, dass wir spüren, wie gewaltig sie brennt, und der Mensch Christus vermittelt den Menschen jegliche mystische Erfahrung.

    Die absolute Wahrheit ist im Unbewussten in allen Menschen.

    Denn in Christus wurde Gott Mensch. In ihm sind Gott und Mensch nicht mehr getrennt, nicht mehr weit voneinander entfernt, sondern untrennbar eins, unvermischt und dennoch unzertrennbar.

    Gott ist in allen Dingen, in allen Kreaturen, in allem Sein.

    Von daher wird jedem aus der Frau geborenen Menschen und jedem Nachfahren Adams in Christus auf der menschlichen Ebene alles Göttliche und Übernatürliche zugänglich.

    Wir sind Natur in der Natur.

    Was göttlich ist, das ist jetzt in Christi Liebe Teil unserer eigenen Natur geworden.

    Das göttliche Böse muss der Mensch akzeptieren, der Mensch ist ihm ausgeliefert.

    Wenn wir deshalb ihn empfangen und mit ihm in Freundschaft vereint werden, schenkt er als unser Gott und zugleich unser Bruder uns das göttliche Leben, das jetzt auf unserer menschlichen Ebene auch das unsrige sein kann.

    Demut zu allem Sein.

    Insofern wir wie Christus und daher seine Brüder und Schwestern sind, werden wir durch Adoption selbst Söhne und Töchter Gottes.

    Die Seele ist uns allen gemein.

    Gott ist überall. Seine Wahrheit und Liebe durchdringen alles, so wie das Licht und die Hitze der Sonne unsere Atmosphäre durchdringen.

    Gott selbst ist das Unahbare.

    Aber genau wie die Strahlen der Sonne nicht schon an sich irgendetwas in Brand setzen, so berührt auch Gott nicht ohne Christus unsere Seelen mit dem Feuer der übernatürlichen Erkenntnis und Erfahrung.

    Die neue Einsicht kommt dem Menschen durch den Traum.

    Doch das Brennglas seines Menschseins sucht sich gut darauf vorbereitete Geister aus, die vom Licht und der Wärme Gottes getrocknet sind und sich vom kleinen Hitzepunkt der Gnade des Heiligen Geistes mühelos in Brand setzen lassen.

    Der Geist weht wo er will.

    Der normale Weg zur Kontemplation ist der Glaube an Christus, der aus dem sorgfältigen Betrachten seines Lebens und seiner Lehre entsteht.

    Jesus hat sich nicht um seine Schattenseite bemüht.

    Aber gerade weil uns jede Erfahrung Gottes durch Christus zukommt, heißt das nicht unbedingt, dass jeder Kontemplative immer unvermeidlich durch den Christus zur Kontemplation gelangt, wie er womöglich in unserer Vorstellungskraft existiert.

    Jeder hat sein Tun und Lassen vor sich selbst zu verantworten.

    Denn die Vorstellungskraft ist nur eines der Mittel, mit denen wir uns den Gegenstand unseres Glaubens vor Augen halten können. Wir müssen uns nicht ständig anstrengen, uns Christus so vorzustellen, wie er nach unserer Meinung ausgesehen hat oder ausgesehen haben müsste. Denn in Wirklichkeit kann niemand ganz sicher sein, wie er genau ausgesehen hat.

    Jedes Gesicht, trägt das göttliche in sich.

    Einssein in der Liebe

    Wichtig ist, die universelle, unteilbare und absolute Menschenwürde zu akzeptieren.

    Das Was in Christus ist weit weniger wichtig als das Wer.

    Wer jedermann ist, der prüfe sich selbst, tagtäglich in der Schattenarbeit.

    Das Was mag vorstellbar sein oder auch nicht. An das Wer – die geheimnisvolle, unaussprechliche göttliche Person – rühren wir dank der Gnade und Liebe direkt und unmittelbar, also ohne Bilder (oder wenn man will, auch mit ihnen, aber das ist dann weniger direkt) und ohne schlussfolgerndes Denken.

    Das Denken soll vereint mit allen Sinnen das Bessere tagtäglich zu wagen.

    Das wahre Geheimnis der christlichen Agape (Liebe) ist diese Fähigkeit, die die Person des Wortes uns verliehen hat, indem sie zu uns gekommen ist.

    Es gibt zur Menschlichkeit viele Vorbilder, das eigene Leben fordert den ganzen Menschen heraus.

    Es ist die Fähigkeit zu einem direkten und ein- fachen Kontakt mit ihm,

    Der Glaube, dass dem so ist braucht eine Innere Entsprechung.

    und zwar nicht nur als einem Gegenstand, einem zu sehenden oder vorgestellten „Etwas“, sondern auf dem Weg des über den Einzelnen hinausgehenden (transsubjektiven) Einsseins in der Liebe,

    Das subjektive Erleben ist jedem auf seine Art gegeben.

    bei dem nicht ein Objekt mit einem Subjekt vereint wird, sondern in dem zwei Subjekte ein Einswerden erfahren.

    Die eigene Schattenseite mit dem Bewusstsein verbinden.

    Von daher können wir in der Liebe sozusagen in unserem eigenen Herzen das innerlichste persönliche Geheimnis des Geliebten erfahren.

    Die Seele ist das Zentrum des Seins.

    Tatsächlich hat Christus uns seine Freundschaft geschenkt, damit er auf diese Weise in unsere Herzen eingehen und in ihnen in Form der persönlichen Gegenwart wohnen kann, nicht als Gegenstand, nicht als Etwas, sondern als ein Wer.

    Das Wer meint wie das Man niemanden.

    So ist Er, der ist, in den Tiefen unseres eigenen Wesens gegenwärtig als unser Freund und als unser anderes Selbst.

    Gott ist das ganz andere.

    Das ist das Geheimnis des Wortes, das kraft seiner Menschwerdung und unserer Eingliederung in die Kirche als sein mystischer Leib in uns wohnt.

    Die Kirche ist ein Gebäude, die Seele umfasst alles.

    Diese persönliche Anwesenheit Christi, des Wortes, in unseren Seelen ist das, was ich als seine „Sendung“ bezeichne.

    Das Unbewusste ist Tag und Nacht, in jedem Menschen auf Sendung.

    Nicht unser Vorstellungsvermögen, sondern unser Glaube schenkt uns das übernatürliche Leben.

    Die Natur braucht unsere Wertschätzung.
    Der Glaube rechtfertigt uns, der Glaube führt uns zur Kontemplation. „Mein Gerechter lebt aus dem Glauben“ (Röm 1,17), nicht aus der Vorstellungskraft.

    In der Vorstellung scheint alles möglich.

    Die Vorstellungskraft kommt nur beiläufig ins Spiel. Wer seine Vorstellungskraft aufbieten muss, um sich an den Christus zu erinnern, an den er glaubt, tue das ruhig und setze sie ein.

    Jesus war ein Mensch wie jeder andere.

    Aber wenn ein Mensch seinen Glauben an ihn lebendig halten kann, ohne ständig darauf aus sein zu müssen, sich ein Bild von ihm zu machen, dann ist das viel besser: Sein Glaube wird dann einfacher und reiner.

    Die Keuschheit, das reine, neben vielem anderen.

    Manchen Menschen fällt es ganz leicht, sich in ihr Inneres zu kehren und in ihrer Vorstellungskraft ein einfaches Bild Christi zu finden.

    Wer sucht der findet.

    Das ist dann ein leichter Einstieg ins Gebet.

    Selbst denken ist Gebet.

    Aber anderen gelingt das nicht so gut.

    Ich kann den anderen nicht wissen.

    Im Gegenteil: Die Anstrengung, die das kostet, erfüllt ihren Kopf mit lauter Problemen und störenden Gedanken, die das Gebet unmöglich machen.

    Gedanken kommen quer auf den Menschen zu, ob er will oder nicht.

    Trotzdem kann ihnen gleichzeitig einfach der Name Jesu oder ein allgemeiner, nicht genauer ausgeprägter Gedanke an Christus genügen, um ihren Glauben ständig mit einem einfachen und liebevollen Andenken an ihn zu beschäftigen,

    Der Würde an die Nächsten tagtäglich schenken.

    der in unseren Seelen wirklich anwesend ist,

    dem muss nicht so sein

    dank des Geschenks seiner persönlichen Liebe und dank seiner göttlichen Sendung.

    Ein Ahn kann nichts für uns tun.

    Dieses liebevolle Empfinden seiner Nähe ist etwas viel Wirklicheres und Wertvolleres als alles, was wir nur mit unseren inneren Sinnen zustande bringen können.

    Wir sind nicht der Herr in unserem Hause.

    Denn das Bild von Jesus, das wir vielleicht in unserem Vorstellungsvermögen haben, bleibt immer nur ein bloßes Bild, während die Liebe, die seine Gnade in unseren Herzen entstehen lässt, uns mit ihm, wie er wirklich ist, in lebendige Verbindung bringen kann. Jesus selbst lässt diese Liebe in uns aufbrechen, und das mittels eines direkten und persönlichen Einwirkens seines Willens.

    Das was ein Mensch zur Tat will liegt in seiner Verantwortung.

    Die Gestalt Christi in mir

    Jesus war mir nie ein Ereignis.

    Wenn er unsere Seele mit seiner Liebe berührt,

    In meiner Seele kommt Jesus nicht vor

    beeinflusst er uns direkter und innerlicher, als ein äußerer Gegenstand unsere Augen oder unsere anderen Sinne bewegt und beeinflusst.

    Die Sinnesvielfalt gibt uns die Orientierung zur Aussenwelt.

    Im Übrigen halten wir nur aus dem Grund Betrachtungen über Jesus und stellen ihn uns innerlich vor,

    Jeder Mensch muss wissen was er tut.

    weil wir uns damit auf diesen innigeren Kontakt mit ihm mittels der Liebe vorbereiten wollen. Wenn daher seine Liebe in uns zu brennen beginnt, besteht ganz bestimmt keine strenge Notwendigkeit mehr, noch weiter unsere eigene Vorstellungskraft zu betätigen.

    Gott bleibt dem Menschen unbekannt.

    Manche mögen das gern weiterhin tun, andere nicht, oder andere haben keine Wahl, als das eine oder andere zu tun. Wir müssen gebrauchen, was immer uns hilft, und vermeiden, was uns im Weg steht.

    Der Kompass des Unbewussten zeigt dem Menschen den Weg.

    Jeder von uns macht sich eine Vorstellung von Christus, die beschränkt und unvollständig bleibt.

    Ich mach mir kein Bild von Jesus, jeder Mensch hat sein eigenes Gesicht.

    Sie ist nach unserem eigenen Maß geschneidert. Wir neigen dazu, uns einen Christus nach unserem eigenen Bild zu formen, eine Projektion unserer eigenen Strebungen, Sehnsüchte und Ideale.

    Ich kann dem Wir nicht wissen.

    Wir finden in ihm das, was wir finden wollen. Damit sehen wir ihn nicht nur als Inkarnation Gottes, sondern auch als Inkarnation aller Dinge, auf die hin derzeit unsere Gesellschaft und wir als Teil dieser Gesellschaft leben.

    Das Leben bleibt mir Geheimnis.

    Natürlich besteht die Vollkommenheit darin, Christus nachzuahmen und ihm in unserem eigenen Leben Gestalt zu geben. Aber es genügt nicht, dass wir nur den Christus nachahmen, den uns unsere eigene Vorstellungskraft vor Augen hält. Wir lesen ja auch die Evangelien nicht bloß dazu, um ein Bild oder eine Vorstellung von Christus zu bekommen, sondern dabei wollen wir in die Worte der Offenbarung eindringen und über sie hinaus im Glauben eine lebendige Beziehung mit dem Christus knüpfen, der als Gott in unseren Seelen wohnt.

    Gott offenbart sich im Traum in jeder Seele.

    Die Aufgabe, Christus in uns Gestalt werden zu lassen, können wir nicht einfach durch eigenes Bemühen lösen. Das geht auch nicht einfach so, dass wir uns in die Evangelien vertiefen und uns dann Mühe geben, unsere daraus gewonnenen Einsichten in die Praxis umzusetzen – obwohl wir auch das tun sollten –, sondern wir müssen uns immer von der Gnade führen lassen und uns ganz dem Heiligen Geist ausliefern.

    Wir müssen gar nichts, das Leben ist uns gegeben.

    Wenn wir dem Leben Christi auf die Weise in uns Gestalt geben wollen, dass wir uns nur von unseren eigenen Vorstellungen, Einschätzungen und Anstrengungen leiten lassen, kommt am Ende bloß eine Art frommer Karikatur heraus, die letztlich jeden, dem wir begegnen, abschrecken wird, weil sie reichlich steif und künstlich, ja tot ist.

    Wer versteinert ist muss sich selbst verstehen lernen.

    Der Geist Gottes muss uns lehren, wer Christus ist. Er muss Christus in uns Gestalt geben und uns in Christus verwandeln.

    Der Mensch muss seine Bestimmung zur Vollendung bringen.

    In Christus verwandelt zu werden, ist ja nicht bloß eine individuelle Angelegenheit: Es gibt nur einen Christus, nicht viele. Er ist nicht aufgeteilt. Christus zu werden bedeutet für mich, in das Leben des ganzen Christus einzutreten, in den mystischen Leib, der aus dem Haupt und seinen Gliedern besteht, aus Christus und allen, die ihm durch seinen Geist einverleibt sind.

    Ich werde mich hüten mehr als das zu sein, zu dem ich bestimmt bin.

    Christus nimmt in den Seelen aller, die ihn lieben, von sich aus mittels der Gnade und des Glaubens Gestalt an, und zugleich zieht er sie alle zusammen an sich selbst, um sie in sich eins werden zu lassen: „damit sie zu Einem vollendet seien“ (Joh 17,23). Und der Heilige Geist, der das Leben dieses einen Leibes ist, wohnt im ganzen Leib und in jedem seiner Glieder, sodass der ganze Christus Christus ist und jeder Einzelne Christus ist.

    Ich bin Mensch, nur Mensch.

    Wenn wir also in unserem Herzen die Regungen und Einstellungen haben wollen, die Christus auf Erden hatte, dann müssen wir nicht unsere eigene Vorstellungskraft, sondern den Glauben befragen. Wir müssen den Schritt hinein in die Finsternis der inneren Entblößung gehen, von unserer Seele alle Bilder abstreifen und in uns Christus mittels seines Kreuzes Gestalt annehmen lassen.

    Ich trage mein Kreuz.

    „In Christus“ leben heißt, in einem genauso großen Geheimnis leben, wie es die Menschwerdung ist. Es ist etwas ganz Ähnliches. Denn so wie Christus in seiner einen Person die beiden Naturen von Gott und Mensch in sich vereint, so wohnt er auch in uns und vereint uns innerlich mit sich selbst, wenn er uns zu seinen Freunden macht.

    Niemand soll sich in die Bestimmung eines anderen einmischen.

    Indem er in uns wohnt, wird er sozusagen unser höheres Selbst, denn er hat unser innerstes Selbst mit sich selbst vereint und in eins gesetzt. Von dem Augenblick an, in dem wir seine Liebe zu uns durch Glauben und Liebe erwidern, dürfen wir dank einer übernatürlichen Vereinigung unserer Seelen mit seiner uns einwohnenden göttlichen Person an seiner göttlichen Sohnschaft und Natur teilhaben. Damit wird ein „neues Wesen“ ins Dasein gesetzt. Ich werde ein „neuer Mensch“, und dieser neue Mensch, der spirituell und mystisch eine einzige Identität ist, ist zugleich Christus und ich selbst.

    Die patriarchale Vorstellung, die seit Jahrtausenden Botschaften verkündet.

    Atmen des Geistes

    Der Geist atmet nicht, er ist vom Leib abhängig.

    Die Sprache des Neuen Testaments und die Lehre der Kirche erklären dies dem Verstand des Gläubigen so, dass dieses spirituelle Einssein meines Wesens mit Christus in einem „neuen Menschen“ das Werk des Heiligen Geistes sei, des Geistes der Liebe, des Geistes Christi.

    Eine Gemeinschaft tut sich zusammen, um dem Bösen nicht in die Augen zu schauen und zu entgehen.

    Die Einheit der zwei Naturen, der göttlichen und der menschlichen, in der einen Person des Wortes, also in Christus, ist eine vollkommene und unzerstörbare Einheit. Die Einheit meiner Seele mit Gott in Christus hingegen hat nicht diesen unzertrennbaren Charakter. Sie ist im Gegenteil eine nicht notwendige, hinzugefügte (akzidentelle) Einheit – aber dennoch ist sie mehr als nur eine moralische Einheit oder eine Übereinstimmung zweier Herzen.

    Gott ist kein Zufall, der Mensch ist für seine Sittlichkeit verantwortlich.

    Das Einssein des Christen mit Christus besteht nicht nur aus einer Ähnlichkeit der Neigung und des Empfindens und der gegenseitigen Übereinstimmung im Denken und Wollen. Es ist von einer radikaleren, geheimnisvolleren und übernatürlichen Qualität. Es ist ein mystisches Einssein, in dem Christus selbst die Quelle und das Prinzip des göttlichen Lebens in mir wird. Um ein Bild aus der Heiligen Schrift zu gebrauchen: Christus „atmet“ auf göttliche Weise in mir und gibt mir dabei seinen Geist.

    In der Seele ist alles enthalten.

    Die ständig neue Mitteilung des Geistes an die Seele lässt sich mit unserem natürlichen Atem vergleichen, der Augenblick um Augenblick unser körperliches Leben erneuert. Das Geheimnis des Geistes ist das Geheimnis der selbstlosen Liebe. Wir empfangen ihn in der „Inspiration“, der „Einhauchung“ der Liebe, die leise in uns einzieht, und wir geben ihn an andere weiter, wenn wir mit unserer Liebe auf sie zugehen. Unser Leben in Christus ist dann ein Leben sowohl des Empfangens als auch des Gebens: Wir empfangen im Geist von Gott, und im gleichen Geist wenden wir unsere Liebe wieder auf dem Weg über unsere Brüder und Schwestern Gott zu.

    Tag und Nacht redet Gott mit uns, wer Ohren hat zu hören, der höre.

    Thomas Merton (1915 – 1968) amerikanischer Trappistenmönch und Priester, bedeutender Mystiker und spiritueller Schriftsteller. Dieser Beitrag ist dem Buch „Christliche Kontemplation“ entnommen (Claudius Verlag, München 2010).

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