Hans Ferdinand Fuhs, Die Vision von der Auferweckung Israels: Ezechiel 37,1-14 (1988): „Das ist kein billiger Trost, nicht blo­ßer Appell zur Hoffnung wider alle Hoffnung. Das Ausmaß des Verder­bens, in das sein Volk durch eigene Schuld geraten ist, sieht Ezechiel vermutlich deutlicher und realisti­scher als manche seiner Leidensge­nossen. Ja, das Volk Jahwes ist tot. Die Klage der Gemeinde besteht zu Recht. Aber warum stößt ihre Klage ins Leere, verharrt sie in Resignation? Warum hat die kla­gende Gemeinde den Adressaten ih­rer Klage vergessen oder verloren?“

Im Hinblick auf die anstehende Pfingstpredigt eine Auslegung von Ezechiel 17,1-14 von Hans Ferdinand Fuhs:

Die Vision von der Auferweckung Israels: Ezechiel 371-14

Von Hans Ferdinand Fuhs

1Die Hand des Herrn legte sich auf mich, und der Herr brachte mich im Geist hinaus und versetzte mich mitten in die Ebene. Sie war voll von Gebeinen. 2 Er führte mich ringsum an ihnen vorüber, und ich sah sehr viele über die Ebene verstreut liegen; sie waren ganz aus­getrocknet. 3 Er fragte mich: Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden? Ich antwortete: Herr und Gott, das weißt nur du. 4 Da sagte er zu mir: Sprich als Prophet über diese Gebeine, und sag zu ihnen: Ihr ausgetrockneten Gebeine, hört das Wort des Herrn! 5 So spricht Gott, der Herr, zu diesen Gebeinen: Ich selbst bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig. 6 Ich spanne Sehnen über euch und umgebe euch mit Fleisch; ich überziehe euch mit Haut und bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig. Dann werdet ihr erkennen, daß ich der Herr bin. 7 Da sprach ich als Prophet, wie mir befohlen war; und noch während ich redete, hörte ich auf einmal ein Geräusch: Die Gebeine rückten zusammen, Bein an Bein. 8 Und als ich hinsah, waren plötzlich Sehnen auf ihnen, und Fleisch umgab sie, und Haut überzog sie. Aber es war noch kein Geist in ihnen. 9 Da sagte er zu mir: Rede als Prophet zum Geist, rede, Menschensohn, sag zum Geist: So spricht Gott, der Herr: Geist, komm herbei von den vier Winden! Hauch diese Erschlagenen an, damit sie lebendig werden. 10 Da sprach ich als Prophet, wie er mir befohlen hatte, und es kam Geist in sie. Sie wurden lebendig und standen auf – ein gro­ßes, gewaltiges Heer. 11 Er sagte zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Jetzt sagt Israel: Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, un­sere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren: 12 Deshalb tritt als Prophet auf, und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern her­auf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel. 13 Wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole, dann werdet ihr erkennen, daß ich der Herr bin. 14 Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig, und ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, daß ich der Herr bin. Ich habe gesprochen, und ich führe es aus – Spruch des Herrn.

371 Im Geist, wörtlich: »im Geist Jahwes«; geprägte Wendung, vgl. 115 und b-rwḥ ‚Ihjm (1124).

372 Und ich sah, wörtlich: »und siehe«.

375 Zu diesen Gebeinen: erläuternde Glosse.

3710 Und standen auf, wörtlich: »und stellten sich auf die Füße«.

3712 Mein Volk: fehlt in G, S; sekundäres Interpretament im Horizont der Bundesverheißung 20ff.

3713 Die Erkenntnisformel steht am Anfang des Satzes und bildet den Abschluß des vorausgehenden Zusammenhangs. – mein Volk: vgl. 3712.

371-28 Das beherrschende Thema dieses Abschnitts ist die Erneuerung des Volkes Israel als freies und unbedingtes Geschenk Jahwes. Dies wird unter verschiedenen Aspekten entfaltet: Befreiung und Wiedervereinigung, Präsenz des messianischen Königs, Reinigung von Schuld und neuer Gehorsam, neuer Bund und Gegenwart Gottes inmitten seines Volkes. Wie immer die verschiede­nen Exilstheologen Erneuerung auch verstehen und darstellen, sie sind sich darin eins, daß sie in jeder Hin­sicht Geschenk neuen Lebens aus dem Tod ist, von der Ezechiel in sei­ner großen Vision 1-14 kündet.

1-14 Die Vision besteht aus einem hochdramatischen Schauerlebnis1-10, das an eine Seite zu stellen ist mit den großen Visionen 1-3; 8-11; 40-48, und der Deutung 11a, die in einen Verkündigungsauftrag ein­mündet 11b12-14. Dieser scheint nicht einheitlich zu sein (Jahn, Herrmann, anders Zimmerli). 13b rekapituliert 12, während das betonte »mein Geist« in 14 kaum den Lebensgeist von 6.9 meint, sondern die Zusage des Got­tesgeistes nach 3627. Formal weisen die beiden Erkenntnisformeln 13a14 und die Schlußformeln auf spätere Ergänzung hin (vgl. 3636 1722-24 u. ö.) 13b 14 dürften also sekundär sein.

1-11a Die Hand Jahwes kommt über den Propheten (vgl. 13 314 22 81 3322 401). Der unvermittelte Einsatz der Schilderung und die parallele For­mulierung 401 sowie die Datierung der übrigen Visionen lassen vermu­ten, daß ursprünglich eine Zeitan­gabe vorausging, die bei der Redak­tion des Buches ausgefallen ist. Der Eingriff Jahwes reißt Ezechiel aus seiner Alltagswirklichkeit heraus und führt ihn »im Geiste Jahwes«, vgl. 1124 »im Geiste Gottes« (das sind ge­prägte Termini der Sehersprache), auf eine Ebene. Dabei ist kaum an 322f, zu dem hier ein Gegenbild gege­ben ist (Eichrodt), gedacht. Der Ort ist beliebig. Wichtig ist allein, was der Prophet in ekstatischer Entrückung dort schauen muß: ein mit aus­geblichenen Gebeinen übersätes Lei­chenfeld. Vielleicht hat Jer 81-3 das Bild beeinflußt. Wie auch sonst wird Ezechiel in das Visionsgeschehen einbezogen. Jahwe fragt ihn, ob dar­aus Leben entstehen könne. Die Ant­wort (vgl. Offb 714) ist das Bekennt­nis der Ohnmacht des Menschen im Angesicht des Todes, zugleich offen­bart sie das Wissen, daß Jahwe sich zwar allgemein um die Toten nicht kümmert, aber kraft seiner Schöpfer­macht Toten neues Leben zu geben vermag und dies zeichenhaft schon getan hat (1 Kön 1717-24 2 Kön 431-37) In seine Ratlosigkeit hinein trifft Ezechiel Jahwes Auftrag, als bevollmächtigter Bote den Gebeinen ein wirkmächtiges Gotteswort zu verkünden. Es ist, wie an Lebende gerichtet, voll ausgestaltet mit Rede­auftrag, Aufmerksamkeitsruf, Boten­formel und Botenspruch. Auf das Wort des Propheten hin geschieht das Unglaubliche: Es kommt Leben in die ausgedörrten Gebeine und ge­räuschvoll (vgl. 124f 312f 105 432) fü­gen sie sich zu menschlichen Kör­pern zusammen. Ließ das Wort des Propheten einen einzigen Bewe­gungsvorgang erwarten, so wird er dramatisch in zwei Phasen zerdehnt. Das erinnert an Gen 27. So mischt sich in den bewußten Formwillen of­fenbar ein traditionsgeschichtlicher Zwang der Darstellung. Dahinter steht ein dichotomisches Menschen­bild, das den menschlichen Körper und die ihn erfüllende und bewe­gende, nicht greifbare Lebenskraft unterscheidet. Davon weiß noch Koh 320f 127. Das ist aber nicht zu verwechseln mit einem Dualismus, der dem sterblichen Leib eine un­sterbliche Seele gegenüberstellt. So sind denn wie in Gen 27 die mensch­lichen Gestalten zwar in Vollkom­menheit hergestellt, aber es fehlt ih­nen noch die a »Lebenskraft«, um lebendige Menschen zu sein. Daher ergeht an den Propheten im zweiten Auftrag der Befehl, diese a aus den vier Himmelsrichtungen herbei­zurufen und in die leblosen Gestal­ten hineinfahren zu lassen. Dahinter steht die Vorstellung vom Lebens­geist, die in Israel uralt ist und im »Vierwind« des Enuma elisch 4,46 (AOT2 117; ANET 66) ihre Wurzel hat. Der Lebensgeist, der bei den Propheten sonst nicht erwähnt wird, durchweht die ganze Welt (Koh 16 115; vgl. Joh 38) und verleiht auf Gottes Befehl hin aller Kreatur Le­ben, Fruchtbarkeit und Gedeihen. Wenn Jahwe ihn entzieht, sind Tod und Verderben die Folge (Ps 10429f; vgl. Gen 63 17 715 22 Num 1622 2716 Ijob 1012 1210 u.ö.). Diese mehr naturhafte a göttlichen Wirkens ist zu unterscheiden von der aḥ JHWH als der inneren Wesensmacht Genes» die Geschichte und Geschicke von Welt und Mensch lenkt und antreibt.

Auf das bevollmächtigte Wort des Propheten, das wieder aus Redeauf­trag, Anrede Menschensohn, Boten­formel und Botenspruch besteht, be­mächtigt sich die a der Leblosen, die als Erschlagene bezeichnet wer­den – ein Nebenzug des Geschehens, so daß sie sich auf die Füße stellen, d. h. mit neuer Lebenskraft erfüllt sind, vgl. 21f 324 vom Propheten ge­sagt. Die Bezeichnung »großes, ge­waltiges Heer« meint nicht ein zu neuem Kampf erstarktes Israel (dazu 38f), sondern dient als Ausdruck für die unübersehbare Schar, die vor dem visionären Auge des Propheten die Ebene erfüllt. Noch innerhalb der Vision (!) gibt Gott selbst die Deutung des Geschehens. Was der Prophet schaut, ist die Wiederher­stellung des ganzen Hauses Israel. Damit endet die Vision. Sie hat dem Propheten verdeutlicht, was Gott mit den Verbannten, den Überresten sei­nes Volkes vorhat. Sie gibt ihm Gewißheit, daß Gottes Handeln an sei­nem Volk auch im unreinen Land des Exils weitergeht und daß es auf eine Wende zum Heil ge­richtet ist. Das gibt ihm Kraft und Mut für seine schwierige Aufgabe der Ermu­tigung zum Glauben in seiner in je­der Beziehung angefochtenen und entmutigten Exilsgemeinde.

11b-13a Wie aussichtslos sie ihre Lage einschätzt, zeigt das Zitat ihrer Klage 11b. Sie ist wie 3310 dreigliedrig gestaltet und verwendet traditionel­les Wort- und Bildgut der Psalmen­sprache. Zu »vertrockneten Gebei­nen« vgl. Ps 1311 Spr 1722; vom Zu­grundegehen der Hoffnung sprach 195, vgl. Ps 919 Spr 1025 Ijob 813 1419; zu »abgeschnitten sein (vom Land der Lebenden)« vgl. Klgl 354 Jes 538 Ps 886. Dahinter steht die traditio­nelle Auffassung von Leben und Tod. Wie Krankheit oder Feindes­not als Vorboten des Todes gelten, so daß sich der Bedrängte bereits von der Sphäre des Todes umfangen und damit von der Lebensgemein­schaft mit Jahwe abgeschnitten weiß, so bedeutet Leben im unreinen Land Trennung von Jahwe und seiner Le­bensgabe und damit langsames Hin­siechen zum Tod. Im Verständnis der Exulanten ist dieses Absterben bereits so weit vorangeschritten, daß sie sich vom Leben abgeschnitten ohne jede Hoffnung verdorrten To­tengebeinen gleich vorkommen.

Damit ist der Entstehungsort des Bil­des, das der Prophet schaut, klar. Es entspringt nicht zeitgeschichtlichen Erinnerungsbildern oder älteren Is­raeltraditionen, auch nicht, worauf die »Erschlagenen« 9 hindeuten könnten, dem Motiv der Feld­schlachtsage, es ist vielmehr die Klage seiner Gemeinde, sind die darin eingefangenen Bilder, die sich, wie auch sonst bei Ezechiel, in der visio­nären Schau zu einem dramatischen Bild verdichten. Die Ermutigung, die der Prophet in der Schau erfahren hat, wird ihm sogleich zum Auftrag. Auf die Klage des Volkes, das sich bereits im Bereich des Todes wähnt, begraben im Exil, soll der Prophet mit dem Verheißungswort Jahwes antworten. Jahwe selbst wird sein Volk aus dem Grab des Exils be­freien und es in sein Land zurück­führen. An dieser neuen Herausfüh­rung und neuen Landgabe werden sie Jahwe als ihren Gott erkennen.

Das ist kein billiger Trost, nicht blo­ßer Appell zur Hoffnung wider alle Hoffnung. Das Ausmaß des Verder­bens, in das sein Volk durch eigene Schuld geraten ist, sieht Ezechiel vermutlich deutlicher und realisti­scher als manche seiner Leidensge­nossen. Ja, das Volk Jahwes ist tot. Die Klage der Gemeinde besteht zu Recht. Aber warum stößt (wie 3310) ihre Klage ins Leere, verharrt sie in Resignation? Warum hat die kla­gende Gemeinde den Adressaten ih­rer Klage vergessen oder verloren? Aus ihrer Gebetstradition ist ihr doch bekannt, was ein Mensch tut, der sich in den Bereich des Todes verstrickt sieht, und an wen er seine Klage richtet. Wenn es denn in die­ser todernsten Lage überhaupt noch eine Hoffnung gibt, dann besteht sie in der Hinwendung zu Jahwe und im Vertrauen auf seine alle menschli­chen Möglichkeiten übersteigende Macht, die aus Tod neues Leben zu schaffen vermag und die Verlorenen zu einer neuen Gemeinschaft mit ihm befreien will.

13b-14 Der Kleine Zusatz führt die Heilszusage 12a-13a weiter. Er wieder­holt zunächst 12 und präzisiert die Gabe des Lebensgeistes 6.9, indem er nach 3627 betont von »meinem Geist« spricht, den Jahwe einhaucht. Zur Neuschöpfung des Volkes muß seine innere Umwandlung aus dem Got­tesgeist hinzukommen, damit das neue Gottesvolk Wirklichkeit wer­den kann.

371-14 ist ein weiterer Höhepunkt atl. Verkündigung. Kein Wunder, daß insbesondere das grandiose Visions­geschehen in der altchristlichen Kunst am häufigsten dargestellt wurde. Viele Kirchenväter haben darin die Vorhersage der kommen­den Totenerweckung gesehen (Ju­stin, Irenaeus, Tertullian, Cyprian. Cyrill von Jerusalem, u. a. – nicht da­gegen Augustinus). Auch die jüdi­sche Tradition scheint die Vision in diesem Sinne verstanden zu haben, wie eine Darstellung auf dem un­teren Fries der Nordwand der Syn­agoge von Dura-Europos (um 245 n. Chr.) zeigt. Wenn man aller­dings in 377a 8b10 einen Einschub aus dem 2. Jh. v. Chr. sieht (Bartelmus. 1985, 366ff), dann wäre die Vorstel­lung von der realen Auferstehung der in den Makkabäerkriegen Gefal­lenen bereits in die Vision eingetra­gen worden. Zu anderen Deu­tungen vgl. bSan 92b. In der christlichen Li­turgie wird der Text, ganz im Sinne des Zusatzes 13b-14, als 1. Lesung im Vorabend von Pfingsten verwandt.

Aber schon in exilisch-frühnachexilischer Zeit ist 1-14 unter verschiedenen Aspekten ausgedeutet und aktualisiert worden.

Quelle: Hans Ferdinand Fuhs, Ezechiel II. 25-48 (NEB), Würzburg: Echter, 1988, S. 206-211.

Hier der Text als pdf.

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