Von Abraham Joshua Heschel
Ist die Bibel eine Illusion?
Wir haben über den Begriff der Prophetie gesprochen und uns mit dem Anspruch der Propheten auseinandergesetzt. Wir müssen uns nun der Bibel selbst zuwenden. Die Bibel ist keine abstrakte Idee, keine spirituelle Möglichkeit. Sie ist mehr als ein Anspruch, den Menschen, die irgendwann einmal lebten, erhoben haben. Die Bibel ist eine immer gegenwärtige Realität; und gerade angesichts der Bibel wollen wir erneut das Problem der prophetischen Inspiration erörtern.
Wo fanden die Propheten die Quelle für den Strom innerer Erkenntnis, der in die Bücher der Bibel geleitet worden ist? Wer hat ihnen gegeben, was sie uns weitergeben können? War es ein Einfall ihres eigenen Herzens, der die geistliche Dunkelheit der Welt erhellen kann?
Die Antwort der Propheten ist immer die gleiche: »Das Wort Gottes hat meine Zunge versengt.« Dürfen wir solchen Anspruch ignorieren, herabmindern oder achselzuckend beiseite schieben?
Wir sehen uns einem unausweichlichen Tatbestand gegenüber: Eine auserlesene Schar von Männern, Mose, Nathan, Elia, Amos, Jesaja und Jeremias erheben den Anspruch, ein Wort von Gott selbst vernommen zu haben. Wenn dieser Anspruch falsch ist, sind wir da nicht verpflichtet, sie als Schwindler zu verurteilen, die den menschlichen Geist mehr als 3000 Jahre lang in die Irre geführt haben?
Der Charakter der Bibel ist ein höchst verwirrendes Problem; sie ist zu wichtig, als daß sie sich beiseite schieben ließe. Beunruhigender als das per-[181]sönliche Problem – ob wir nämlich bereit sind zu glauben – ist die objektive Frage: Ist biblische Prophetie eine Illusion? Die Bejahung dieser Behauptung hat schwerwiegende Folgen. Die Frage ist nämlich nicht nur, ob wir an Offenbarung glauben können, sondern auch, ob wir an die Leugnung der Offenbarung glauben können.
Ist Gott überall abwesend?
Man mag vielleicht mit dem Gedanken spielen, die Bibel sei ein Buch wie viele andere, und der Bericht vom Sinai sei ein Märchen. Aber bei solchem Spiel könnten wir unsere Verpflichtung, unsere Bindung an Gott, verspielen.
Untersuchen wir also, was eine solche Bestreitung mit sich bringt. Wenn Mose und Elia den Willen Gottes nicht erkennen konnten, wer dann? Wenn Gott nicht in der Bibel zu finden ist, wo sollten wir Ihn dann suchen?
Die Frage nach der Bibel ist die Frage nach der Welt. Sie ist die alles entscheidende Frage. Wenn Gott mit den Propheten nichts zu tun hatte, dann hat Er mit der Menschheit nichts zu tun. Und wenn Gott auch nur das Geringste mit den Propheten zu tun hatte, dann waren sie weder Lügner noch Schwindler.
Aber wir Philister bestehen weiter auf intellektuellen Klischeevorstellungen und setzen unser eigenes Leben als Modell und Maßstab dessen, was Propheten möglicherweise erreichen konnten. Wir stellen den Worten der Propheten unsere Behauptung entgegen, daß Gott niemals ein menschliches Ohr erreicht und daß Er sich nicht herablassen werde, ein Wort im Geist des Menschen zu entzünden. Aber das ist der Grundsatz von Dummköpfen: Was uns nicht erreichbar ist, das ist auch für andere nicht möglich. Doch nicht der Durchschnittsmensch ist das Maß. Wir untersuchen ja nicht, was der Mensch erreichen kann. Wir untersuchen etwas, in dem die Kraft Gottes wirksam wurde. Nicht wir haben zu verlangen, daß Gott sich unseren Maßstäben anpassen muß. Unsere banalen Theorien dürfen nicht das letzte Wort haben bei diesem gewaltigen Problem. Es gibt viele Dinge zwischen Gott und den Menschen, von denen unsere Gelehrten sich nichts träumen lassen. Entscheidet die Psychologie über die Gültigkeit der mathematischen Gesetze? Geht die Geschichte den Weg, den ihr die Logik angibt?
Der Ort der Bibel in der Welt
Welches ist der Ort der Bibel in der Welt des Geistes? Womit sollen wir die Bibel vergleichen?
Soll das Buch, das behauptet: »Anmut ist trügerisch und Schönheit ist nichtig«, seiner ästhetischen Vollkommenheit wegen gepriesen werden? Man-[182]che ehren die Bibel als Literatur[1], als sei ein solcher Vergleich das höchste Lob und Literatur der Gipfel geistiger Realität.
Was hätte Mose, was hätte Jesaja zu solchem Lob gesagt? Vielleicht das gleiche, was Einstein gesagt hätte, wenn man das Manuskript seiner Relativitätstheorie der schönen Handschrift wegen gepriesen hätte. Höchstens ein Kind würde behaupten, das Wesen des Ozeans bestünde in seiner Schönheit oder die Bedeutung der Sterne liege in ihrem zauberischen Glanz.
Seit dem neunten Jahrhundert haben Muslime in der »Schönheit des Koran« und »in der Unübertrefflichkeit des Koranstils« den Beweis seines göttlichen Ursprungs gesehen. Die Nicht-Muslime haben den Vorzug einer solchen Behauptung nie begriffen. Es ist aber bezeichnend, daß die ästhetische Qualität der Bibel niemals als Beweis für das Dogma von der Offenbarung gegolten hat. Wie hätten Juden und Christen bis in die jüngste Zeit hinein nicht sehen sollen, daß die Bibel formal den höchsten Ansprüchen genügt, daß Gedanken nie schöneren Ausdruck gefunden haben, daß kein Mensch je ein Werk geschaffen hat, das an tiefer unvergänglicher und oft überwältigender Schönheit mit ihr verglichen werden könnte?
Wir alle verlangen nach Schönheit und dürsten nach edlem Ausdruck. Schönheit und Adel des Ausdrucks unterschiedlichen Grades kann man in der ganzen Welt finden. Aber braucht die Seele nichts weiter als Schönheit und edlen Ausdruck? Die Seele, so glauben wir, braucht Heiligung; um dies Ziel zu erreichen, müssen wir uns an die Bibel wenden. Es gibt viel Literatur, aber es gibt nur eine Bibel.
Die Bibel antwortet auf die Frage, wie man das Leben heiligen kann. Und wenn wir sagen, wir fühlen die Notwendigkeit zu Heiligung nicht, beweisen wir damit nur, daß die Bibel unentbehrlich ist. Denn die Bibel lehrt uns, nach Heiligung zu verlangen. [183]
Was die Bibel getan hat
Was haben die Propheten für die Situation des Menschen getan? Wir wollen versuchen, uns nur einige unter vielen Dingen ins Gedächtnis zu rufen.
Die Bibel hat dem Menschen seine Unabhängigkeit von der Natur und seine Überlegenheit über die äußeren Umstände gezeigt und hat ihn aufgerufen, die erschreckenden Folgen einfacher Handlungen zu erkennen. Nicht nur die Sterne, auch die menschlichen Taten wandeln eine Bahn, die einen Gedanken Gottes entweder widerspiegelt oder ihn verkehrt. Das Maß unserer Wertschätzung für die Bibel wird darum bestimmt durch den Grad unserer Empfindungsfähigkeit für die Würde, die menschliches Tun in Gottes Augen hat. Die Einsicht in die Tragweite, die menschliches Leben für Gott hat, ist die unmißverständliche Botschaft der Bibel. Die Bibel hat die Illusion des Menschen, er sei allein, zunichte gemacht. Sinai brach das kosmische Schweigen, das unser Blut in Verzweiflung gerinnen läßt. Gott ist für unser Schreien nicht taub; Er ist nicht nur ein Modell, sondern eine Kraft; und unser Leben ist eine Antwort, kein Selbstgespräch.
Die Bibel zeigt den Weg Gottes mit dem Menschen und den Weg des Menschen mit Gott. Sie berichtet sowohl von der Klage Gottes über die sündigen Menschen als auch von dem Aufschrei des geschundenen Menschen, der Gerechtigkeit von Gott fordert.
Ihre Seiten bewahren die Erinnerung daran, wie unsagbar abgestumpft und widerspenstig der Mensch ist; wie er fähig ist, auf ungeheuerlichste Weise seine eigene Verdammnis zuwege zu bringen; wie er aber auch gewiß sein darf, daß Gottes Barmherzigkeit größer ist als alles Übel.
Wer Antwort auf die sehr bedrängende Frage sucht, was das Leben eigentlich sei, der wird in der Bibel die Antwort finden: Es ist die Bestimmung des Menschen, Partner zu sein, aber nicht Herr. Es gibt eine Aufgabe, ein Gebot und einen Weg: Die Aufgabe heißt Erlösung; das Gebot heißt, Gerechtigkeit üben und Erbarmen lieben; der Weg ist das Geheimnis, zugleich menschlich und heilig zu sein. Wenn die Verzweiflung uns zu ersticken droht, wenn die Weisheit der Wissenschaft und der Glanz der Kunst uns vor der Angst und dem Gefühl der Vergeblichkeit nicht retten können, bietet uns die Bibel die einzige Hoffnung an: Die Geschichte ist ein Umweg für die Schritte des Messias.
Kein Wort, das wissender wäre
Kein Wort der Welt ist wissender, aufschlußreicher und unentbehrlicher; dies Wort ist beides: streng und gnädig, herzzerreißend und heilend. Es gibt keine andere so universale Wahrheit: Gott ist Einer; keine trostvolleren Gedanken: Er ist im Leiden bei uns; keine so überwältigende Verantwortung: Sein Name kann geheiligt werden. Ein Plan für die Zeit: von der [184] Schöpfung zur Erlösung; Wegweiser längs des Weges: der siebente Tag; ein Opfer: Zerknirschung des Herzens; eine Utopie: wenn doch alle Menschen Propheten wären! Die Erkenntnis: der Mensch lebt durch seine Treue; seine Heimat ist in der Zeit, sein Wesen liegt im Tun. Ein so kühner Maßstab: ihr sollt heilig sein; ein so unerhörtes Gebot: liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Eine so erhabene Tatsache: menschliche und göttliche Leidenschaft können im Einklang stehen. Und ein so unverdientes Geschenk: die Fähigkeit, zu bereuen.
Die Bibel ist das höchste Privileg der Menschheit. Sie ist weit weg und ganz nah; kategorisch in ihren Forderungen und voll Mitleid in ihrem Verstehen der menschlichen Situation. Kein anderes Buch liebt und achtet das Leben des Menschen so sehr. Keine erhabeneren Gesänge über seine wahre Lage und seine Herrlichkeit, über seine Ängste und Freuden, sein Elend und sein Hoffen sind je verfaßt worden. Nirgendwo ist sein Bedürfnis nach Führung und die Gewißheit seiner letzten Erlösung so klar dargestellt worden. Die Bibel hat die Worte, welche die Schuldigen aufschrecken, und die Verheißung, welche den Verlassenen aufrichtet. Und wer nach einer Sprache sucht, um sein tiefstes Anliegen auszusprechen, um zu beten, der findet sie in der Bibel.
Die Bibel ist kein Ende, sondern ein Beginn; ein Modellfall, und kein Roman. Die Tatsache, daß sie in bestimmte historische Situationen eingebettet ist, steht ihrer ewigen Gültigkeit nicht entgegen. Nichts in ihr ist unecht oder abgedroschen. Sie ist kein Heldenepos, sondern jedermanns Geschichte zu allen Zeiten und allen Orten. Ihr Thema ist die Welt, die ganze menschliche Geschichte. Sie enthält das Modell für den Aufbau einer vereinten Menschheit und zugleich die nötigen Hinweise, wie man eine solche Einigung herstellen kann. Sie zeigt Völkern den Weg und dem einzelnen. Immerfort wirft sie die Saat der Gerechtigkeit und des Mitleids aus, Echo für Gottes lauten Ruf an die Welt und schneidendes Schwert, das den Panzer der menschlichen Herzensträgheit durchstößt.
Die Einmaligkeit der Bibel
Wenn ein großer Dichter erscheint, bietet er keinen Beweis dafür an, daß er ein Dichter ist. Seine Dichtung spricht für sich selbst und erzeugt in uns die Kraft, seine neuartige und ungewöhnliche Sicht vom Leben anzuerkennen, auch wenn wir geltende Vorstellungen aufgeben müssen. Wir identifizieren sein Werk nicht mit Hilfe vorgefaßter Begriffe. Der Genius identifiziert sich selbst.
Die Bibel hat es nicht nötig, ihre Einzigartigkeit zu beweisen. Durch alle Zeiten hindurch hat sie Macht über den Geist des Menschen ausgeübt, nicht, weil sie das Etikett »Wort Gottes« trug und den Menschen durch Dogmen nahegebracht wurde, sondern weil in ihr ein Feuer brennt, das Seelen entzündet. Wenn sie ohne dieses Etikett, ohne diesen Ruf auf uns [185] gekommen wäre, so wäre unsere Verwunderung über ihre Kräfte sogar noch größer.
Warum übersteigt die Bibel alles vom Menschen Geschaffene? Warum hält kein Werk den Vergleich mit ihr aus? Warum gibt es keinen Ersatz für die Bibel, keine Parallele zu ihrer Wirkungsgeschichte? Warum müssen sich alle, die den lebendigen Gott suchen, an sie wenden?
Man stelle die Bibel neben eines der wirklich großen Bücher, die menschliches Genie geschaffen hat, und man wird beobachten, um wieviel kleiner sie werden im Vergleich mit ihr. Die Bibel sorgt sich nicht um literarische Form, nicht um Schönheit der Worte, aber ihre absolute Erhabenheit tönt durch all ihre Seiten. Ihre Verse sind so monumental und gleichzeitig so schlicht, daß jeder, der versucht, mit ihr zu wetteifern, entweder einen Kommentar schreibt oder sie karikiert. Sie ist ein Werk, dessen Wert wir nicht abschätzen können. Kein Senkblei der Gelehrsamkeit kann ihre Tiefe ausloten, keine kritische Analyse jemals ihr Wesen erfassen. Andere Bücher kann man schätzen, messen, vergleichen. Die Bibel kann man nur preisen. Ihre Erkenntnisse übersteigen unsere Maßstäbe. Es gibt nichts Größeres.
Trifft es nicht zu, daß die Bibel das einzige Buch auf der ganzen Welt ist, welches unersetzlich bleibt, das einzige Buch, ohne das unsere Vergangenheit und unsere Zukunft gleichermaßen dunkel, sinnlos und unerträglich wären? Niemand kann ihren Platz beanspruchen, niemand ihre Rolle übernehmen. Sie ist über jedes Lob erhaben.
Wie kann man das erklären?
Andere Bücher kann man zu erklären suchen. Wer die Bibel erklären will, macht sich nur lächerlich.
Man gebrauche seine Einbildungskraft und versuche, ein Buch zu entwerfen, das die Bibel übertrifft. Man wird alsbald zugestehen müssen, daß die Kraft des Geistes nie über die Bibel hinausgereicht hat. Wo ist der Mensch, der ihrem Wert Ausdruck geben könnte? Bemüht man sich, sie zu würdigen, so muß man entdecken, daß der Geist dieser Aufgabe nicht gewachsen ist. Die Bibel ist kein Buch, sie ist der Gipfel alles dessen, was es an Geist auf Erden gibt.
Unser Herz setzt aus, wenn wir über ihre überwältigende Größe nachsinnen. Sie ist das einzige auf der Welt, das wir mit dem Wort Ewigkeit in Verbindung bringen können, ja, das einzige, das ewig ist. Das ewige Buch! Die Erde mag vielleicht nicht der wichtigste Planet, unser Äon nicht der einzige sein. Aber in dieser Welt, in diesem Äon ist die Bibel das unzerstörbare Gefäß des Geistes.
Wie sollen wir diese unfaßbare Tatsache fassen? Wann und woher ist sie aufgetaucht? Was alles mußte zusammenkommen, damit dieses unvergleichliche Wunder geschah? Wenn Gott schwieg, als Mose lebte, wenn [186] Gott nicht sprach, als Mose hörte, dann war Mose jemand, der größer war als alles Menschliche, dann ist der Ursprung der Bibel nicht ein Geheimnis, sondern ganz und gar dunkel.
Die Allmacht der Bibel
Die Allmacht Gottes ist nicht immer wahrnehmbar, aber die Allmacht der Bibel ist das große Wunder der Geschichte. Wie Gott wird auch diese Bibel oft mißbraucht und von unsauberen Geistern verdreht. Aber ihre Widerstandskraft gegen die boshaften Angriffe ist grenzenlos. Ihre Kraft und Wahrhaftigkeit ist unter dem Rost und den Schlägen von Streit und Dogma aus zwei Jahrtausenden sichtbar; trotz aller Theologie verblaßt sie nicht, noch bricht sie unter dem Mißbrauch zusammen. Die Bibel ist die ewige Bewegung des Geistes, ein Meer an Bedeutung, dessen Wogen an dem jähen und steilen Felsufer menschlicher Schwäche emporbranden und dessen Echo bis in die Ausweglosigkeit menschlichen Kampfes mit der Verzweiflung hineindringt.
Der Mensch kann keinen traurigeren Beweis für seine eigene Unempfänglichkeit und Stumpfheit liefern als seine Gefühllosigkeit gegenüber der Bibel. »Ein Schiff, das auf dem Fluß riesengroß aufragt, erscheint winzig, wenn es auf dem Ozean schwimmt.« Die Größe der Bibel wird offenkundiger, wenn man sie im Rahmen der Universalgeschichte studiert, und ihre Hoheit wächst, je vertrauter der Leser mit ihr wird. Unwiderlegbar, unzerstörbar, nie abgenutzt durch die Zeit wandert die Bibel durch die Zeitalter. Ohne Zögern schenkt sie sich allen Menschen, als ob sie jedermann auf Erden gehörte. Sie spricht in jeder Sprache und zu jedem Lebensalter. Sie befruchtet alle Künste, ohne mit ihnen zu konkurrieren. Wir alle leben von ihr, und sie bleibt unangetastet, unerschöpflich und ganz. In 3000 Jahren ist sie nicht um einen Tag gealtert. Sie ist ein unsterbliches Buch. Sie kann nicht der Vergessenheit anheimfallen. Ihre Kraft wird nicht geringer. Tatsächlich steht sie erst ganz am Anfang ihrer Wirksamkeit; die volle Bedeutung dessen, was sie sagt, ist kaum bis an die Schwelle unseres Bewußtseins gedrungen. Wie ein Ozean, auf dessen Grund zahllose Perlen schimmern, die darauf warten, daß man sie entdeckt, muß ihr Geist erst noch entfaltet werden. Obwohl ihre Worte einfach und ihre Sprechweise durchsichtig erscheint, tauchen unausgesetzt neue Bedeutungen und Hinweise auf, von denen man sich nichts träumen ließ. Mehr als 2000 Jahre des Lesens und Forschens haben ihren vollen Sinn noch nicht entfalten können. Noch heute ist es, als sei sie nie angerührt, nie gesehen worden, als hätten wir nicht einmal damit begonnen, sie zu lesen.
Ihr Geist ist mehr, als eine Generation zu ertragen vermöchte. Ihre Worte offenbaren mehr, als wir in uns aufnehmen können. Alles, was wir normalerweise zustande bringen, ist der Versuch, uns einige wenige Zeilen anzueignen, so daß unser Geist wenigstens mit einem Abschnitt eins wird. [187]
Kostbar für Gott
»Alles Fleisch ist wie Gras und all seine Güte wie die Blume des Feldes. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit« (Jes 40,6-8).
Niemals zuvor und niemals seitdem ist ein solcher Anspruch erhoben worden. Und wer will daran zweifeln, daß der Anspruch sich als wahr erwiesen hat? Ist nicht das Wort, das zum Volk Israel gesprochen wurde, bis an alle Enden der Erde gedrungen und angenommen worden als Gottes Botschaft in tausend Sprachen? Warum sind die meisten Religionen vergangen, die nicht aus seinem Samen sproßten, während jede Generation den Geist neu begrüßt, der aus ihr aufwuchs? Wahrlich, unzählige Kulte, Staaten und Reiche sind wie Gras dahingewelkt; zu Millionen sind Bücher begraben; »aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit«. In Zeiten großer Krisen versagen alle – Priester, Philosophen, Naturwissenschaftler allein die Propheten behaupten sich. Weisheit, Lehre und Rat der Bibel stehen mit den höchsten geistigen Leistungen des Menschen nicht in Konflikt, wohl aber eilen sie unseren Verhaltensweisen weit voraus. Den Gedanken der Gleichheit aller Menschen z.B. führen wir dauernd im Mund, aber wie weit sind wir davon entfernt, ihn zu einer unwiderstehlichen Erkenntnis zu machen oder zu einer ehrlichen unauslöschlichen Überzeugung! Die Bibel ist nicht hinter der Zeit zurück; sie ist unseren Bestrebungen um Menschenalter voraus.
Wir sollten versuchen, uns einmal vorzustellen, die Bibel wäre im Wirbelsturm der Geschichte verlorengegangen und Abraham, Mose und Jesaja wären nur als vage Erinnerungen erhalten. Was würde in der Welt fehlen, wie stünde es um die Lage und den Glauben des Menschen, wenn die Bibel nicht erhalten wäre?
Sie ist der Urquell höchsten Strebens des abendländischen Menschen. Sie hat mehr menschliche Heiligkeit und mitleidende Liebe auf den Plan gerufen, als wir überhaupt begreifen können. Fast alles, was edel und gerecht ist, floß aus ihrem Geist. Eine Unzahl kostbarer Dinge im Leben des einzelnen und der Völker haben hier ihren Ursprung, empfingen von da ihre Gestalt. Die Bibel ist ein Buch, das nicht nur für den Menschen, sondern auch für Gott denkbar köstlich ist. Sie ist frei von jedem Hauch von Eigeninteresse, sei es einer Klasse oder eines Volkes; frei von jeglichem Ansehen der Person, sei es nun Mose, der größte der Propheten, sei es David, der am meisten verehrte König; unbefangen ist sie und ohne falsche Ergebenheit irgendeiner Institution gegenüber, sei es der Staat Israel oder der Tempel in Jerusalem. Sie hat nicht die Absicht, eine Geschichtsdarstellung zu geben, sie will vielmehr von der Begegnung Gottes mit dem Menschen auf der Ebene des konkreten Lebens berichten. Unvergleichlich wichtiger als alle Schönheit und Weisheit, die sie unserem Leben schenkt, ist die Weise, in der sie dem Menschen das Verständnis für Gottes Willen erschließt und ihm zeigt, daß Heiligkeit durch Gerechtigkeit, durch Einfalt der Seele und durch die rechte Wahl erlangt wird. Vor allem aber verkündet sie unermüdlich, daß Gottesdienst ohne Gerechtigkeit gegen Menschen Götzendienst ist, und sie macht uns klar, daß ebenso, wie Gott das Problem des Menschen ist, so der Mensch das Problem Gottes.
Heiligkeit in Worten
Die Bibel ist Heiligkeit in Worten. Für den Menschen unserer Tage ist nichts so vertraut und so abgegriffen als Worte. Sie sind von allen Dingen das Billigste, das am meisten Mißbrauchte und am geringsten Geachtete. Sie sind Gegenstand ständiger Erniedrigung. Wir alle leben in ihnen, fühlen in ihnen, denken in ihnen. Weil wir aber ihre Würde, ihre Macht und ihr Gewicht nicht mehr respektieren, werden sie verwahrlost, flüchtig – eine Handvoll Staub[2]. Wenn wir vor der Bibel stehen, deren Worte wie Wohnungen sind, aus Felsgestein gebaut, dann können wir die Tür nicht finden.
Mancher mag sich fragen: Warum wurde uns Gottes Licht in der Gestalt der Sprache gegeben? Wie soll man verstehen, daß das Göttliche in so zerbrechlichen Gefäßen wie Konsonanten und Vokalen enthalten sein soll? Diese Frage verrät die Sünde unserer Zeit: Wir schätzen das Medium gering, das die Lichtwellen des Geistes trägt. Was sonst in aller Welt würde Menschen über die Entfernung von Raum und Zeit zueinanderführen können? Alle irdischen Dinge sterben, nur Worte sterben nie. Sie haben so wenig Materie und so viel Bedeutung.
Die Bibel handelt nicht von der Gottheit, sondern von der Menschheit. Wenn wir mit Menschen über Menschendinge sprechen, in welcher Sprache sollte man reden, wenn nicht in der Sprache des Menschen? Und doch ist es, als habe Gott diesen hebräischen Wörtern Seine Macht eingehaucht, und die Wörter wurden zu einer stromführenden Leitung, aufgeladen mit Seinem Geist. Bis zum heutigen Tag sind sie Bindestriche zwischen Himmel und Erde.
Welches andere Medium hätte man als Träger des Göttlichen nehmen sollen? Bilder, auf den Mond gemalt? Statuen, in die Rocky Mountains gemeißelt? Was stimmt denn nicht mit der menschlichen Ahnenreihe des biblischen Wortschatzes?
Wäre die Bibel ein Tempel, der an Hoheit und Glanz der großartigen Einfachheit ihrer gegenwärtigen Gestalt gleich käme – die meisten Menschen wären von diesem Zeichen göttlicher Würde überwältigt worden. Aber der Mensch hätte Gottes Werk mehr verehrt als Gottes Willen – und genau das wollte die Bibel verhindern.
Geradeso, wie es unmöglich ist, Gott ohne die Welt zu erfassen, so ist es unmöglich, Seinen Willen ohne die Bibel zu erfassen. [189]
Wenn Gott lebt, dann ist die Bibel Seine Stimme. Nichts anderes ist so würdig, als Offenbarung Seines Willens zu gelten. Es gibt keinen anderen Spiegel auf der Welt, der Seinen Willen und Seine Führung so untrüglich widerspiegelt. Wenn der Glaube an die Immanenz Gottes in der Natur verständlich ist, dann ist der Glaube an die Immanenz Gottes in der Bibel zwingend.
Israel als Beweis
Das Judentum ist keine prophetische Religion, sondern die Religion eines Volkes. Propheten gab es auch bei anderen Völkern. Einmalig aber war der Einbruch der Heiligkeit in das Leben von ganz Israel und der Umstand, daß die Prophetie sich in konkrete Geschichte übersetzt hat und nicht eine persönliche Erfahrung einzelner geblieben ist. Die biblische Offenbarung geschah nicht zum Besten der Propheten, sondern um Israels und aller Menschen willen.
In fast allen Kulturen und Religionen hielt man bestimmte Wesen, Dinge, Orte oder Handlungen für heilig. Aber die Vorstellung der Heiligkeit eines ganzen Volkes, des Volkes Israel als eines heiligen Volkes, ist ohne Parallele in der Geschichte. Heiligkeit ist das wichtigste Wort der Religionen, und man gebrauchte es nur zur Beschreibung dessen, was man für die unleugbare Offenbarung einer überraschenden übernatürlichen Eigenschaft bei einem bestimmten Wesen hielt. Nur außergewöhnliche, übernatürliche Geschehnisse im Leben ganz Israels könnten die Bezeichnung »ein heiliges Volk« möglich gemacht haben.
Hätte Israel nie eine Offenbarung empfangen, wäre das Rätsel noch größer. Wie in aller Welt erlangte ein obskures, politisch bedeutungsloses Volk die Kraft, für die Seele aller Menschen des Abendlandes zu sprechen?
Das Wunder Israels, das Wunder des jüdischen Daseins, das Überdauern der Heiligkeit in der Geschichte Israels ist eine ständige Verifizierung des Wunders der Bibel. Die Offenbarung an Israel wurde zur Offenbarung durch Israel.
Als Friedrich der Große an Christian Fürchtegott Gellert die Frage richtete: »Herr Professor, geben Sie mir einen Beweis für die Wahrheit der Bibel, aber bitte kurz, denn ich habe wenig Zeit«, gab Gellert zur Antwort: »Majestät, die Juden.«
Wie man Israels Gewißheit teilen kann
Unsere Haltung zur Bibel ist nicht nur ein Problem des isolierten individuellen Glaubens. Unsere endgültige Entscheidung müssen wir als Glieder des Volkes Israel treffen. Der Gemeinschaft mit Israel und seiner fortdauernden Antwort entfremdet – wer könnte die Stimme verstehen? Wir sind nahe dem zu rechtgewiesenen Volk, nahe der Situation, in welcher die Worte ge-[190]sprochen wurden, und nahe sind wir den Propheten. Als Juden sind wir geistliche Zeitgenossen der Propheten.
Nicht die Verwerfung eines Dogmas trennt uns von der Bibel, sondern das Zerreißen des Bandes, welches uns mit dem Volk verbindet, das mit der Stimme lebte.
Unser Problem ist also, wie wir teilhaben können an Israels Gewißheit, daß die Bibel alles enthält, was uns nach Gottes Willen zu wissen nötig ist und worauf wir merken sollen; wie wir ein gemeinschaftliches Gefühl entwickeln können für die Gegenwart Gottes in den Worten der Bibel. Diese Frage ist der kritische Punkt unseres Schicksals; die Antwort darauf führt zu einem neuen Tag oder in die Nacht.
Nicht aufgrund von Beweisen
Wer sich nicht entschließen kann, sich mit der Bibel zu befassen, bis ihn die Gründe für ihre göttliche Würde endgültig überzeugt haben, gleicht einem Menschen, der sich weigert, ein Gemälde zu betrachten, solange er nicht den Namenszug des Künstlers in der Ecke entziffern kann. Er sieht nicht ein, daß es das Werk ist, das den Namenszug legitimiert. Signaturen kann man fälschen, das Kunstwerk muß geschaffen werden. Wir vergessen allzu leicht, daß Gründe wiederum begründet werden müssen, daß es keine endgültigen oder sich selbst bestätigenden Beweise gibt.
Die Bibel ist ihr eigener Zeuge. Das Zeugnis für ihren einzigartigen Ursprung ist ein Selbstzeugnis. Sie hat sich im Laufe der Zeiten als Stimme Gottes erwiesen. Wenn es irgend etwas auf der Welt gibt, dem das Attribut »göttlich« zukommt, dann die Bibel. Es gibt viele Bücher über Gott, die Bibel ist das Buch Gottes. Sie erschließt uns Gottes Liebe für den Menschen und öffnet uns die Augen dafür, daß das, was für die Menschheit bedeutungsvoll, und das, was für Gott heilig ist, eine Einheit bildet. Und sie lehrt uns, wie das Leben eines ganzen Volkes, nicht nur das des Einzelnen, geheiligt werden kann. Immer hält sie neue Verheißungen für den Aufrichtigen bereit, wenn er versagt hat; doch die sich von ihr lossagen, beschwören ihr Verderben herauf.
Wir anerkennen das Wort Gottes nicht, weil wir Beweise anführen können: 1 …, 2. …, 3. … Wir glauben ihm, weil unsere glänzenden Ideale vor ihm verblassen, weil selbst unbestreitbare Beweise geschmacklos erscheinen beim Klang prophetischer Worte. Wir treffen unsere Entscheidung für die Bibel nicht aufgrund logischer Begründungen, wir entscheiden uns für die Bibel, um für unser Leben einen Sinn zu finden, der allen Vernunftgründen erst Festigkeit verleiht.
Aber unsere Einsichten können falsch sein. Ist es nicht denkbar, daß wir alle getäuscht wurden? Man kann sich in der Tat alles vorstellen; nur dürfen wir nicht vergessen, was diese Möglichkeit impliziert. Leugnet man den göttlichen Ursprung der Bibel, so heißt das, die ganze Geschichte geistlicher An-[191]strengungen und Errungenschaften im Judentum, im Christentum und im Islam als den Auswuchs einer ungeheuerlichen Lüge zu brandmarken, als den Triumph einer Täuschung, der mehr als 2000 Jahre lang die edelsten Seelen zum Opfer gefallen wären. Doch eine solche Behauptung wäre ein so furchtbarer Schock, daß er Rückwirkungen haben müßte auf die Möglichkeit selbst, eine solche Behauptung aufzustellen. Wenn die edelsten Seelen so schwach sind, wie können wir den Anspruch erheben, über die Selbsttäuschung der Propheten etwas zu erfahren? Was würde uns bleiben außer Verzweiflung? Die Bibel hat ihren Ursprung entweder in einer Lüge oder in einer Tat Gottes. Ist die Bibel eine Lüge, dann ist der Teufel allmächtig, und wir können nicht hoffen, jemals zur Wahrheit zu gelangen. Es gäbe keinen Verlaß auf den Geist, unser Denken selbst wäre sinnlos und unsere Bemühungen vergeblich. Abschließend also: Wir akzeptieren die Bibel nicht aufgrund logischer Beweise, denn wenn die Bibel eine Lüge ist, sind alle Vernunftgründe Schwindel.
Quelle: Abraham Joshua Heschel, Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums, übersetzt von Ida Maria Solltmann, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 1980, S. 180-191.
[1] Die Theorie, daß die Bibel nur ein Werk der Literatur ist, wurde in der Tat bereits von den Zeitgenossen Ezechiels behauptet. Der Prophet erhält den Auftrag von Gott, »zum Wald« zu sagen: »Höre das Wort des Herrn! So spricht Gott, der Herr: Siehe, Ich will ein Feuer in dir anzünden, und es wird jeden grünen Baum in dir verzehren . . . und jedes Angesicht vom Süden bis zum Norden soll davon versengt werden. Und alles Fleisch soll es sehen, daß Ich, der Herr, es angezündet habe, es soll nicht gelöscht werden.« Aber der Prophet wußte, was sein Volk ihm entgegenhalten würde, und er sprach zum Herrn: »Herr, Gott! Sie sagen zu mir: ›Ist er nicht ein Erfinder von Gleichnissen?‹« (Ez 21,1-5).
»Wehe über den Menschen, der die Tora nur als ein Buch von Erzählungen und alltäglichen Geschichten ansieht! Wenn dem so wäre, könnten wir, selbst wir, eine Tora verfassen, die von alltäglichen Dingen handelt und viel großartiger wäre. Nein, die Fürsten der Welt besitzen Bücher von größerem Wert, die wir als Modell für die Komposition einer solchen Tora benutzen könnten« (Sohar III, 152a). Eine Würdigung der literarischen Qualitäten der Bibel findet man aber bei Moses Ibn Ezra.
[2] Man’s Quest for God, 25.