Abraham Joshua Heschel über die Bibel und die Welt (God in Search of Man, 1955): „Die Bibel ist die ewige Bewegung des Geistes, ein Meer an Bedeu­tung, dessen Wogen an dem jä­hen und steilen Felsufer menschlicher Schwäche emporbranden und dessen Echo bis in die Ausweglosigkeit menschlichen Kampfes mit der Verzweif­lung hineindringt.“

Bibel und Welt

Von Abraham Joshua Heschel

Ist die Bibel eine Illusion?

Wir haben über den Begriff der Prophetie gesprochen und uns mit dem An­spruch der Propheten auseinandergesetzt. Wir müssen uns nun der Bibel selbst zuwenden. Die Bibel ist keine abstrakte Idee, keine spirituelle Mög­lichkeit. Sie ist mehr als ein Anspruch, den Menschen, die irgendwann ein­mal lebten, erhoben haben. Die Bibel ist eine immer gegen­wärtige Realität; und gerade angesichts der Bibel wollen wir erneut das Problem der propheti­schen Inspiration erörtern.

Wo fanden die Propheten die Quelle für den Strom innerer Erkenntnis, der in die Bücher der Bibel geleitet worden ist? Wer hat ihnen gegeben, was sie uns weitergeben können? War es ein Einfall ihres eigenen Herzens, der die geistliche Dunkelheit der Welt erhellen kann?

Die Antwort der Propheten ist immer die gleiche: »Das Wort Gottes hat meine Zunge ver­sengt.« Dürfen wir solchen Anspruch ignorieren, herab­mindern oder achselzuckend beiseite schieben?

Wir sehen uns einem unausweichlichen Tatbestand gegenüber: Eine auser­lesene Schar von Männern, Mose, Nathan, Elia, Amos, Jesaja und Jeremias erheben den Anspruch, ein Wort von Gott selbst vernommen zu haben. Wenn dieser Anspruch falsch ist, sind wir da nicht verpflichtet, sie als Schwindler zu verurteilen, die den menschlichen Geist mehr als 3000 Jahre lang in die Irre geführt haben?

Der Charakter der Bibel ist ein höchst verwirrendes Problem; sie ist zu wichtig, als daß sie sich beiseite schieben ließe. Beunruhigender als das per-[181]sönliche Problem – ob wir nämlich bereit sind zu glauben – ist die objektive Frage: Ist biblische Prophetie eine Illusion? Die Bejahung dieser Behaup­tung hat schwerwiegende Folgen. Die Frage ist nämlich nicht nur, ob wir an Offenbarung glauben können, sondern auch, ob wir an die Leugnung der Offenbarung glauben können.

Ist Gott überall abwesend?

Man mag vielleicht mit dem Gedanken spielen, die Bibel sei ein Buch wie viele andere, und der Bericht vom Sinai sei ein Märchen. Aber bei solchem Spiel könnten wir unsere Verpflich­tung, unsere Bindung an Gott, verspie­len.

Untersuchen wir also, was eine solche Bestreitung mit sich bringt. Wenn Mose und Elia den Willen Gottes nicht erkennen konnten, wer dann? Wenn Gott nicht in der Bibel zu finden ist, wo sollten wir Ihn dann suchen?

Die Frage nach der Bibel ist die Frage nach der Welt. Sie ist die alles ent­scheidende Frage. Wenn Gott mit den Propheten nichts zu tun hatte, dann hat Er mit der Menschheit nichts zu tun. Und wenn Gott auch nur das Ge­ringste mit den Propheten zu tun hatte, dann waren sie weder Lügner noch Schwindler.

Aber wir Philister bestehen weiter auf intellektuellen Klischeevorstellungen und setzen unser eigenes Leben als Modell und Maßstab dessen, was Pro­pheten möglicherweise erreichen konnten. Wir stellen den Worten der Pro­pheten unsere Behauptung entgegen, daß Gott niemals ein menschliches Ohr erreicht und daß Er sich nicht herablassen werde, ein Wort im Geist des Menschen zu entzünden. Aber das ist der Grundsatz von Dummköpfen: Was uns nicht erreichbar ist, das ist auch für andere nicht möglich. Doch nicht der Durchschnitts­mensch ist das Maß. Wir untersuchen ja nicht, was der Mensch erreichen kann. Wir unter­suchen etwas, in dem die Kraft Got­tes wirksam wurde. Nicht wir haben zu verlangen, daß Gott sich unseren Maßstäben anpassen muß. Unsere banalen Theorien dürfen nicht das letzte Wort haben bei diesem gewaltigen Problem. Es gibt viele Dinge zwischen Gott und den Menschen, von denen unsere Gelehrten sich nichts träumen lassen. Entscheidet die Psycholo­gie über die Gültigkeit der mathematischen Gesetze? Geht die Geschichte den Weg, den ihr die Logik angibt?

Der Ort der Bibel in der Welt

Welches ist der Ort der Bibel in der Welt des Geistes? Womit sollen wir die Bibel verglei­chen?

Soll das Buch, das behauptet: »Anmut ist trügerisch und Schönheit ist nich­tig«, seiner ästhe­tischen Vollkommenheit wegen gepriesen werden? Man-[182]che ehren die Bibel als Litera­tur[1], als sei ein solcher Vergleich das höchste Lob und Literatur der Gipfel geistiger Realität.

Was hätte Mose, was hätte Jesaja zu solchem Lob gesagt? Vielleicht das glei­che, was Einstein gesagt hätte, wenn man das Manuskript seiner Relativi­tätstheorie der schönen Handschrift wegen gepriesen hätte. Höchstens ein Kind würde behaupten, das Wesen des Ozeans bestünde in seiner Schönheit oder die Bedeutung der Sterne liege in ihrem zauberischen Glanz.

Seit dem neunten Jahrhundert haben Muslime in der »Schönheit des Koran« und »in der Unübertrefflichkeit des Koranstils« den Beweis sei­nes göttlichen Ursprungs gesehen. Die Nicht-Muslime haben den Vorzug einer solchen Behauptung nie begriffen. Es ist aber bezeichnend, daß die ästhetische Qualität der Bibel niemals als Beweis für das Dogma von der Offenbarung gegolten hat. Wie hätten Juden und Christen bis in die jüngste Zeit hinein nicht sehen sollen, daß die Bibel formal den höchsten Ansprüchen genügt, daß Gedanken nie schöneren Ausdruck gefunden ha­ben, daß kein Mensch je ein Werk geschaffen hat, das an tiefer unver­gänglicher und oft überwältigender Schönheit mit ihr verglichen werden könnte?

Wir alle verlangen nach Schönheit und dürsten nach edlem Ausdruck. Schönheit und Adel des Ausdrucks unterschiedlichen Grades kann man in der ganzen Welt finden. Aber braucht die Seele nichts weiter als Schönheit und edlen Ausdruck? Die Seele, so glauben wir, braucht Heiligung; um dies Ziel zu erreichen, müssen wir uns an die Bibel wenden. Es gibt viel Litera­tur, aber es gibt nur eine Bibel.

Die Bibel antwortet auf die Frage, wie man das Leben heiligen kann. Und wenn wir sagen, wir fühlen die Notwendigkeit zu Heiligung nicht, beweisen wir damit nur, daß die Bibel unentbehrlich ist. Denn die Bibel lehrt uns, nach Heiligung zu verlangen. [183]

Was die Bibel getan hat

Was haben die Propheten für die Situation des Menschen getan? Wir wol­len versuchen, uns nur einige unter vielen Dingen ins Gedächtnis zu ru­fen.

Die Bibel hat dem Menschen seine Unabhängigkeit von der Natur und seine Überlegenheit über die äußeren Umstände gezeigt und hat ihn aufgerufen, die erschreckenden Folgen einfa­cher Handlungen zu erkennen. Nicht nur die Sterne, auch die menschlichen Taten wandeln eine Bahn, die einen Ge­danken Gottes entweder widerspiegelt oder ihn verkehrt. Das Maß unserer Wertschätzung für die Bibel wird darum bestimmt durch den Grad unserer Empfin­dungsfähigkeit für die Würde, die menschliches Tun in Gottes Au­gen hat. Die Einsicht in die Tragweite, die menschliches Leben für Gott hat, ist die unmißverständliche Botschaft der Bibel. Die Bibel hat die Illusion des Menschen, er sei allein, zunichte gemacht. Sinai brach das kosmische Schweigen, das unser Blut in Verzweiflung gerinnen läßt. Gott ist für unser Schreien nicht taub; Er ist nicht nur ein Modell, sondern eine Kraft; und unser Leben ist eine Antwort, kein Selbstgespräch.

Die Bibel zeigt den Weg Gottes mit dem Menschen und den Weg des Men­schen mit Gott. Sie berichtet sowohl von der Klage Gottes über die sündigen Menschen als auch von dem Auf­schrei des geschundenen Menschen, der Gerechtigkeit von Gott fordert.

Ihre Seiten bewahren die Erinnerung daran, wie unsagbar abgestumpft und widerspenstig der Mensch ist; wie er fähig ist, auf ungeheuerlichste Weise seine eigene Verdammnis zuwege zu bringen; wie er aber auch gewiß sein darf, daß Gottes Barmherzigkeit größer ist als alles Übel.

Wer Antwort auf die sehr bedrängende Frage sucht, was das Leben eigent­lich sei, der wird in der Bibel die Antwort finden: Es ist die Bestimmung des Menschen, Partner zu sein, aber nicht Herr. Es gibt eine Aufgabe, ein Gebot und einen Weg: Die Aufgabe heißt Erlösung; das Gebot heißt, Gerechtig­keit üben und Erbarmen lieben; der Weg ist das Geheimnis, zugleich menschlich und heilig zu sein. Wenn die Verzweiflung uns zu ersticken droht, wenn die Weis­heit der Wissenschaft und der Glanz der Kunst uns vor der Angst und dem Gefühl der Ver­geblichkeit nicht retten können, bietet uns die Bibel die einzige Hoffnung an: Die Geschichte ist ein Umweg für die Schritte des Messias.

Kein Wort, das wissender wäre

Kein Wort der Welt ist wissender, aufschlußreicher und unentbehrlicher; dies Wort ist beides: streng und gnädig, herzzerreißend und heilend. Es gibt keine andere so universale Wahrheit: Gott ist Einer; keine trostvolleren Gedanken: Er ist im Leiden bei uns; keine so überwältigen­de Verantwor­tung: Sein Name kann geheiligt werden. Ein Plan für die Zeit: von der [184] Schöpfung zur Erlösung; Wegweiser längs des Weges: der siebente Tag; ein Opfer: Zerknir­schung des Herzens; eine Utopie: wenn doch alle Menschen Propheten wären! Die Erkennt­nis: der Mensch lebt durch seine Treue; seine Heimat ist in der Zeit, sein Wesen liegt im Tun. Ein so kühner Maßstab: ihr sollt heilig sein; ein so unerhörtes Gebot: liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Eine so erhabene Tatsache: menschliche und göttliche Leidenschaft können im Einklang stehen. Und ein so unverdientes Geschenk: die Fähig­keit, zu bereuen.

Die Bibel ist das höchste Privileg der Menschheit. Sie ist weit weg und ganz nah; kategorisch in ihren Forderungen und voll Mitleid in ihrem Verstehen der menschlichen Situation. Kein anderes Buch liebt und achtet das Leben des Menschen so sehr. Keine erhabeneren Gesänge über seine wahre Lage und seine Herrlichkeit, über seine Ängste und Freuden, sein Elend und sein Hoffen sind je verfaßt worden. Nirgendwo ist sein Bedürfnis nach Führung und die Ge­wißheit seiner letzten Erlösung so klar dargestellt worden. Die Bibel hat die Worte, welche die Schuldigen aufschrecken, und die Verhei­ßung, welche den Verlassenen aufrichtet. Und wer nach einer Sprache sucht, um sein tiefstes Anliegen auszusprechen, um zu beten, der fin­det sie in der Bibel.

Die Bibel ist kein Ende, sondern ein Beginn; ein Modellfall, und kein Ro­man. Die Tatsache, daß sie in bestimmte historische Situationen eingebettet ist, steht ihrer ewigen Gültigkeit nicht entgegen. Nichts in ihr ist unecht oder abgedroschen. Sie ist kein Heldenepos, sondern jedermanns Ge­schichte zu allen Zeiten und allen Orten. Ihr Thema ist die Welt, die ganze menschliche Geschichte. Sie enthält das Modell für den Aufbau einer ver­einten Menschheit und zugleich die nötigen Hinweise, wie man eine solche Einigung herstellen kann. Sie zeigt Völkern den Weg und dem einzelnen. Immerfort wirft sie die Saat der Gerechtigkeit und des Mitleids aus, Echo für Gottes lauten Ruf an die Welt und schneidendes Schwert, das den Panzer der menschlichen Herzensträgheit durchstößt.

Die Einmaligkeit der Bibel

Wenn ein großer Dichter erscheint, bietet er keinen Beweis dafür an, daß er ein Dichter ist. Seine Dichtung spricht für sich selbst und erzeugt in uns die Kraft, seine neuartige und unge­wöhnliche Sicht vom Leben anzuerkennen, auch wenn wir geltende Vorstellungen aufgeben müssen. Wir identifizieren sein Werk nicht mit Hilfe vorgefaßter Begriffe. Der Genius identi­fiziert sich selbst.

Die Bibel hat es nicht nötig, ihre Einzigartigkeit zu beweisen. Durch alle Zeiten hindurch hat sie Macht über den Geist des Menschen ausgeübt, nicht, weil sie das Etikett »Wort Gottes« trug und den Menschen durch Dogmen nahegebracht wurde, sondern weil in ihr ein Feuer brennt, das Seelen entzündet. Wenn sie ohne dieses Etikett, ohne diesen Ruf auf uns [185] gekom­men wäre, so wäre unsere Verwunderung über ihre Kräfte sogar noch größer.

Warum übersteigt die Bibel alles vom Menschen Geschaffene? Warum hält kein Werk den Vergleich mit ihr aus? Warum gibt es keinen Ersatz für die Bibel, keine Parallele zu ihrer Wirkungsgeschichte? Warum müssen sich alle, die den lebendigen Gott suchen, an sie wen­den?

Man stelle die Bibel neben eines der wirklich großen Bücher, die menschli­ches Genie ge­schaffen hat, und man wird beobachten, um wieviel kleiner sie werden im Vergleich mit ihr. Die Bibel sorgt sich nicht um literarische Form, nicht um Schönheit der Worte, aber ihre absolute Erhabenheit tönt durch all ihre Seiten. Ihre Verse sind so monumental und gleichzeitig so schlicht, daß jeder, der versucht, mit ihr zu wetteifern, entweder einen Kommentar schreibt oder sie karikiert. Sie ist ein Werk, dessen Wert wir nicht abschätzen können. Kein Senkblei der Gelehrsamkeit kann ihre Tiefe ausloten, keine kritische Analyse jemals ihr Wesen erfassen. Andere Bü­cher kann man schätzen, messen, vergleichen. Die Bibel kann man nur prei­sen. Ihre Erkenntnisse übersteigen unsere Maßstäbe. Es gibt nichts Größe­res.

Trifft es nicht zu, daß die Bibel das einzige Buch auf der ganzen Welt ist, welches unersetz­lich bleibt, das einzige Buch, ohne das unsere Vergangen­heit und unsere Zukunft gleicher­maßen dunkel, sinnlos und unerträglich wären? Niemand kann ihren Platz beanspruchen, niemand ihre Rolle über­nehmen. Sie ist über jedes Lob erhaben.

Wie kann man das erklären?

Andere Bücher kann man zu erklären suchen. Wer die Bibel erklären will, macht sich nur lächerlich.

Man gebrauche seine Einbildungskraft und versuche, ein Buch zu entwer­fen, das die Bibel übertrifft. Man wird alsbald zugestehen müssen, daß die Kraft des Geistes nie über die Bibel hinausgereicht hat. Wo ist der Mensch, der ihrem Wert Ausdruck geben könnte? Bemüht man sich, sie zu würdi­gen, so muß man entdecken, daß der Geist dieser Aufgabe nicht gewachsen ist. Die Bibel ist kein Buch, sie ist der Gipfel alles dessen, was es an Geist auf Erden gibt.

Unser Herz setzt aus, wenn wir über ihre überwältigende Größe nachsinnen. Sie ist das einzi­ge auf der Welt, das wir mit dem Wort Ewigkeit in Ver­bindung bringen können, ja, das einzige, das ewig ist. Das ewige Buch! Die Erde mag vielleicht nicht der wichtigste Planet, unser Äon nicht der einzige sein. Aber in dieser Welt, in diesem Äon ist die Bibel das unzer­störbare Ge­fäß des Geistes.

Wie sollen wir diese unfaßbare Tatsache fassen? Wann und woher ist sie aufgetaucht? Was alles mußte zusammenkommen, damit dieses unver­gleichliche Wunder geschah? Wenn Gott schwieg, als Mose lebte, wenn [186] Gott nicht sprach, als Mose hörte, dann war Mose je­mand, der größer war als alles Menschliche, dann ist der Ursprung der Bibel nicht ein Ge­heimnis, son­dern ganz und gar dunkel.

Die Allmacht der Bibel

Die Allmacht Gottes ist nicht immer wahrnehmbar, aber die Allmacht der Bibel ist das große Wunder der Geschichte. Wie Gott wird auch diese Bibel oft mißbraucht und von unsauberen Geistern verdreht. Aber ihre Wider­standskraft gegen die boshaften Angriffe ist grenzenlos. Ihre Kraft und Wahrhaftigkeit ist unter dem Rost und den Schlägen von Streit und Dogma aus zwei Jahrtausenden sichtbar; trotz aller Theologie verblaßt sie nicht, noch bricht sie unter dem Mißbrauch zusammen. Die Bibel ist die ewige Bewegung des Geistes, ein Meer an Bedeu­tung, dessen Wogen an dem jä­hen und steilen Felsufer menschlicher Schwäche emporbranden und dessen Echo bis in die Ausweglosigkeit menschlichen Kampfes mit der Verzweif­lung hineindringt.

Der Mensch kann keinen traurigeren Beweis für seine eigene Unempfäng­lichkeit und Stumpf­heit liefern als seine Gefühllosigkeit gegenüber der Bi­bel. »Ein Schiff, das auf dem Fluß riesengroß aufragt, erscheint winzig, wenn es auf dem Ozean schwimmt.« Die Größe der Bibel wird offenkundi­ger, wenn man sie im Rahmen der Universalgeschichte studiert, und ihre Hoheit wächst, je vertrauter der Leser mit ihr wird. Unwiderlegbar, unzer­störbar, nie abgenutzt durch die Zeit wandert die Bibel durch die Zeitalter. Ohne Zögern schenkt sie sich allen Menschen, als ob sie jedermann auf Er­den gehörte. Sie spricht in jeder Sprache und zu jedem Lebensalter. Sie be­fruchtet alle Künste, ohne mit ihnen zu konkurrieren. Wir alle leben von ihr, und sie bleibt unangetastet, unerschöpflich und ganz. In 3000 Jahren ist sie nicht um einen Tag gealtert. Sie ist ein unsterbliches Buch. Sie kann nicht der Vergessenheit anheimfal­len. Ihre Kraft wird nicht geringer. Tat­sächlich steht sie erst ganz am Anfang ihrer Wirksam­keit; die volle Bedeu­tung dessen, was sie sagt, ist kaum bis an die Schwelle unseres Bewußt­seins gedrungen. Wie ein Ozean, auf dessen Grund zahllose Perlen schimmern, die darauf warten, daß man sie entdeckt, muß ihr Geist erst noch entfaltet werden. Obwohl ihre Worte einfach und ihre Sprechweise durchsichtig er­scheint, tauchen unausgesetzt neue Bedeutungen und Hinweise auf, von denen man sich nichts träumen ließ. Mehr als 2000 Jahre des Lesens und Forschens haben ihren vollen Sinn noch nicht entfalten können. Noch heute ist es, als sei sie nie angerührt, nie gesehen worden, als hätten wir nicht einmal damit begonnen, sie zu lesen.

Ihr Geist ist mehr, als eine Generation zu ertragen vermöchte. Ihre Worte offenbaren mehr, als wir in uns aufnehmen können. Alles, was wir norma­lerweise zustande bringen, ist der Ver­such, uns einige wenige Zeilen anzu­eignen, so daß unser Geist wenigstens mit einem Ab­schnitt eins wird. [187]

Kostbar für Gott

»Alles Fleisch ist wie Gras und all seine Güte wie die Blume des Feldes. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit« (Jes 40,6-8).

Niemals zuvor und niemals seitdem ist ein solcher Anspruch erhoben wor­den. Und wer will daran zweifeln, daß der Anspruch sich als wahr erwiesen hat? Ist nicht das Wort, das zum Volk Israel gesprochen wurde, bis an alle Enden der Erde gedrungen und angenommen wor­den als Gottes Botschaft in tausend Sprachen? Warum sind die meisten Religionen vergangen, die nicht aus seinem Samen sproßten, während jede Generation den Geist neu begrüßt, der aus ihr aufwuchs? Wahrlich, unzählige Kulte, Staaten und Reiche sind wie Gras dahingewelkt; zu Millionen sind Bücher begraben; »aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit«. In Zeiten großer Krisen versagen alle – Priester, Philosophen, Naturwissenschaftler allein die Propheten behaupten sich. Weisheit, Lehre und Rat der Bibel stehen mit den höchsten geistigen Leistun­gen des Menschen nicht in Konflikt, wohl aber eilen sie unseren Verhaltensweisen weit vor­aus. Den Gedanken der Gleichheit aller Menschen z.B. führen wir dauernd im Mund, aber wie weit sind wir davon entfernt, ihn zu einer unwiderstehlichen Erkenntnis zu ma­chen oder zu einer ehrlichen unauslöschlichen Überzeugung! Die Bibel ist nicht hinter der Zeit zurück; sie ist unseren Bestrebungen um Menschenal­ter voraus.

Wir sollten versuchen, uns einmal vorzustellen, die Bibel wäre im Wirbel­sturm der Geschich­te verlorengegangen und Abraham, Mose und Jesaja wä­ren nur als vage Erinnerungen erhal­ten. Was würde in der Welt fehlen, wie stünde es um die Lage und den Glauben des Men­schen, wenn die Bibel nicht erhalten wäre?

Sie ist der Urquell höchsten Strebens des abendländischen Menschen. Sie hat mehr mensch­liche Heiligkeit und mitleidende Liebe auf den Plan geru­fen, als wir überhaupt begreifen können. Fast alles, was edel und gerecht ist, floß aus ihrem Geist. Eine Unzahl kostbarer Dinge im Leben des einzelnen und der Völker haben hier ihren Ursprung, empfingen von da ihre Gestalt. Die Bibel ist ein Buch, das nicht nur für den Menschen, sondern auch für Gott denkbar köstlich ist. Sie ist frei von jedem Hauch von Eigeninteresse, sei es einer Klasse oder eines Volkes; frei von jeglichem Ansehen der Per­son, sei es nun Mose, der größte der Prophe­ten, sei es David, der am mei­sten verehrte König; unbefangen ist sie und ohne falsche Erge­benheit ir­gendeiner Institution gegenüber, sei es der Staat Israel oder der Tempel in Jerusalem. Sie hat nicht die Absicht, eine Geschichtsdarstellung zu geben, sie will vielmehr von der Begegnung Gottes mit dem Menschen auf der Ebene des konkreten Lebens berichten. Unver­gleichlich wichtiger als alle Schönheit und Weisheit, die sie unserem Leben schenkt, ist die Weise, in der sie dem Menschen das Verständnis für Gottes Willen erschließt und ihm zeigt, daß Heiligkeit durch Gerechtigkeit, durch Einfalt der Seele und durch die rechte Wahl erlangt wird. Vor allem aber verkündet sie unermüdlich, daß Gottesdienst ohne Gerechtigkeit gegen Menschen Götzendienst ist, und sie macht uns klar, daß ebenso, wie Gott das Problem des Menschen ist, so der Mensch das Problem Gottes.

Heiligkeit in Worten

Die Bibel ist Heiligkeit in Worten. Für den Menschen unserer Tage ist nichts so vertraut und so abgegriffen als Worte. Sie sind von allen Dingen das Billigste, das am meisten Mißbrauch­te und am geringsten Geachtete. Sie sind Gegenstand ständiger Erniedrigung. Wir alle leben in ihnen, fühlen in ihnen, denken in ihnen. Weil wir aber ihre Würde, ihre Macht und ihr Ge­wicht nicht mehr respektieren, werden sie verwahrlost, flüchtig – eine Handvoll Staub[2]. Wenn wir vor der Bibel stehen, deren Worte wie Wohnungen sind, aus Felsgestein gebaut, dann können wir die Tür nicht finden.

Mancher mag sich fragen: Warum wurde uns Gottes Licht in der Gestalt der Sprache gege­ben? Wie soll man verstehen, daß das Göttliche in so zerbrech­lichen Gefäßen wie Konso­nanten und Vokalen enthalten sein soll? Diese Frage verrät die Sünde unserer Zeit: Wir schät­zen das Medium gering, das die Lichtwellen des Geistes trägt. Was sonst in aller Welt würde Menschen über die Entfernung von Raum und Zeit zueinanderführen können? Alle ir­dischen Dinge sterben, nur Worte sterben nie. Sie haben so wenig Materie und so viel Bedeutung.

Die Bibel handelt nicht von der Gottheit, sondern von der Menschheit. Wenn wir mit Men­schen über Menschendinge sprechen, in welcher Spra­che sollte man reden, wenn nicht in der Sprache des Menschen? Und doch ist es, als habe Gott diesen hebräischen Wörtern Seine Macht eingehaucht, und die Wörter wurden zu einer stromführenden Leitung, aufgeladen mit Sei­nem Geist. Bis zum heutigen Tag sind sie Bindestriche zwischen Himmel und Erde.

Welches andere Medium hätte man als Träger des Göttlichen nehmen sol­len? Bilder, auf den Mond gemalt? Statuen, in die Rocky Mountains gemei­ßelt? Was stimmt denn nicht mit der menschlichen Ahnenreihe des bibli­schen Wortschatzes?

Wäre die Bibel ein Tempel, der an Hoheit und Glanz der großartigen Ein­fachheit ihrer gegenwärtigen Gestalt gleich käme – die meisten Menschen wären von diesem Zeichen göttlicher Würde überwältigt worden. Aber der Mensch hätte Gottes Werk mehr verehrt als Gottes Willen – und genau das wollte die Bibel verhindern.

Geradeso, wie es unmöglich ist, Gott ohne die Welt zu erfassen, so ist es unmöglich, Seinen Willen ohne die Bibel zu erfassen. [189]

Wenn Gott lebt, dann ist die Bibel Seine Stimme. Nichts anderes ist so wür­dig, als Offenba­rung Seines Willens zu gelten. Es gibt keinen anderen Spie­gel auf der Welt, der Seinen Willen und Seine Führung so untrüglich wider­spiegelt. Wenn der Glaube an die Immanenz Gottes in der Natur verständ­lich ist, dann ist der Glaube an die Immanenz Gottes in der Bibel zwingend.

Israel als Beweis

Das Judentum ist keine prophetische Religion, sondern die Religion eines Volkes. Propheten gab es auch bei anderen Völkern. Einmalig aber war der Einbruch der Heiligkeit in das Leben von ganz Israel und der Umstand, daß die Prophetie sich in konkrete Geschichte übersetzt hat und nicht eine per­sönliche Erfahrung einzelner geblieben ist. Die biblische Offenbarung ge­schah nicht zum Besten der Propheten, sondern um Israels und aller Men­schen willen.

In fast allen Kulturen und Religionen hielt man bestimmte Wesen, Dinge, Orte oder Handlun­gen für heilig. Aber die Vorstellung der Heiligkeit eines ganzen Volkes, des Volkes Israel als eines heiligen Volkes, ist ohne Parallele in der Geschichte. Heiligkeit ist das wichtigste Wort der Religionen, und man gebrauchte es nur zur Beschreibung dessen, was man für die unleug­bare Offenbarung einer überraschenden übernatürlichen Eigenschaft bei einem bestimmten Wesen hielt. Nur außergewöhnliche, übernatürliche Geschehnisse im Leben ganz Israels könnten die Bezeichnung »ein heiliges Volk« möglich gemacht haben.

Hätte Israel nie eine Offenbarung empfangen, wäre das Rätsel noch größer. Wie in aller Welt erlangte ein obskures, politisch bedeutungsloses Volk die Kraft, für die Seele aller Menschen des Abendlandes zu sprechen?

Das Wunder Israels, das Wunder des jüdischen Daseins, das Überdauern der Heiligkeit in der Geschichte Israels ist eine ständige Verifizierung des Wun­ders der Bibel. Die Offenbarung an Israel wurde zur Offenbarung durch Is­rael.

Als Friedrich der Große an Christian Fürchtegott Gellert die Frage richtete: »Herr Professor, geben Sie mir einen Beweis für die Wahrheit der Bibel, aber bitte kurz, denn ich habe wenig Zeit«, gab Gellert zur Antwort: »Maje­stät, die Juden.«

Wie man Israels Gewißheit teilen kann

Unsere Haltung zur Bibel ist nicht nur ein Problem des isolierten individuel­len Glaubens. Unsere endgültige Entscheidung müssen wir als Glieder des Volkes Israel treffen. Der Ge­meinschaft mit Israel und seiner fortdauernden Antwort entfremdet – wer könnte die Stimme verstehen? Wir sind nahe dem zu rechtgewiesenen Volk, nahe der Situation, in welcher die Worte ge-[190]sprochen wurden, und nahe sind wir den Propheten. Als Juden sind wir geistliche Zeitgenossen der Propheten.

Nicht die Verwerfung eines Dogmas trennt uns von der Bibel, sondern das Zerreißen des Bandes, welches uns mit dem Volk verbindet, das mit der Stimme lebte.

Unser Problem ist also, wie wir teilhaben können an Israels Gewißheit, daß die Bibel alles enthält, was uns nach Gottes Willen zu wissen nötig ist und worauf wir merken sollen; wie wir ein gemeinschaftliches Gefühl entwickeln können für die Gegenwart Gottes in den Wor­ten der Bibel. Diese Frage ist der kritische Punkt unseres Schicksals; die Antwort darauf führt zu ei­nem neuen Tag oder in die Nacht.

Nicht aufgrund von Beweisen

Wer sich nicht entschließen kann, sich mit der Bibel zu befassen, bis ihn die Gründe für ihre göttliche Würde endgültig überzeugt haben, gleicht einem Menschen, der sich weigert, ein Gemälde zu betrachten, solange er nicht den Namenszug des Künstlers in der Ecke entziffern kann. Er sieht nicht ein, daß es das Werk ist, das den Namenszug legitimiert. Signaturen kann man fälschen, das Kunstwerk muß geschaffen werden. Wir vergessen allzu leicht, daß Gründe wiederum begründet werden müssen, daß es keine end­gültigen oder sich selbst bestätigenden Beweise gibt.

Die Bibel ist ihr eigener Zeuge. Das Zeugnis für ihren einzigartigen Ur­sprung ist ein Selbst­zeugnis. Sie hat sich im Laufe der Zeiten als Stimme Gottes erwiesen. Wenn es irgend etwas auf der Welt gibt, dem das Attribut »göttlich« zukommt, dann die Bibel. Es gibt viele Bücher über Gott, die Bi­bel ist das Buch Gottes. Sie erschließt uns Gottes Liebe für den Menschen und öffnet uns die Augen dafür, daß das, was für die Menschheit bedeu­tungsvoll, und das, was für Gott heilig ist, eine Einheit bildet. Und sie lehrt uns, wie das Leben eines ganzen Vol­kes, nicht nur das des Einzelnen, gehei­ligt werden kann. Immer hält sie neue Verheißungen für den Aufrichtigen bereit, wenn er versagt hat; doch die sich von ihr lossagen, beschwören ihr Verderben herauf.

Wir anerkennen das Wort Gottes nicht, weil wir Beweise anführen können: 1 …, 2. …, 3. … Wir glauben ihm, weil unsere glänzenden Ideale vor ihm verblassen, weil selbst unbestreit­bare Beweise geschmacklos erscheinen beim Klang prophetischer Worte. Wir treffen unsere Entschei­dung für die Bibel nicht aufgrund logischer Begründungen, wir entscheiden uns für die Bibel, um für unser Leben einen Sinn zu finden, der allen Ver­nunftgründen erst Festigkeit verleiht.

Aber unsere Einsichten können falsch sein. Ist es nicht denkbar, daß wir alle getäuscht wur­den? Man kann sich in der Tat alles vorstellen; nur dürfen wir nicht vergessen, was diese Möglichkeit impliziert. Leugnet man den göttli­chen Ursprung der Bibel, so heißt das, die ganze Geschichte geistlicher An-[191]strengungen und Errungenschaften im Judentum, im Christentum und im Islam als den Auswuchs einer ungeheuerlichen Lüge zu brandmarken, als den Triumph einer Täuschung, der mehr als 2000 Jahre lang die edelsten Seelen zum Opfer gefallen wären. Doch eine solche Behauptung wäre ein so furchtbarer Schock, daß er Rück­wirkungen haben müßte auf die Möglich­keit selbst, eine solche Behauptung aufzustellen. Wenn die edelsten Seelen so schwach sind, wie können wir den Anspruch erheben, über die Selbsttäu­schung der Propheten etwas zu erfahren? Was würde uns bleiben außer Verzweif­lung? Die Bibel hat ihren Ursprung entweder in einer Lüge oder in einer Tat Gottes. Ist die Bibel eine Lüge, dann ist der Teufel allmächtig, und wir können nicht hoffen, jemals zur Wahrheit zu gelangen. Es gäbe keinen Verlaß auf den Geist, unser Denken selbst wäre sinnlos und unsere Bemü­hungen vergeblich. Abschließend also: Wir akzeptieren die Bibel nicht auf­grund logischer Beweise, denn wenn die Bibel eine Lüge ist, sind alle Ver­nunftgründe Schwindel.

Quelle: Abraham Joshua Heschel, Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums, übersetzt von Ida Maria Solltmann, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 1980, S. 180-191.


[1] Die Theorie, daß die Bibel nur ein Werk der Literatur ist, wurde in der Tat bereits von den Zeitgenossen Eze­chiels behauptet. Der Prophet erhält den Auftrag von Gott, »zum Wald« zu sagen: »Höre das Wort des Herrn! So spricht Gott, der Herr: Siehe, Ich will ein Feuer in dir an­zünden, und es wird jeden grünen Baum in dir verzehren . . . und jedes Angesicht vom Süden bis zum Norden soll davon versengt werden. Und alles Fleisch soll es sehen, daß Ich, der Herr, es angezündet habe, es soll nicht gelöscht werden.« Aber der Prophet wußte, was sein Volk ihm entgegenhalten würde, und er sprach zum Herrn: »Herr, Gott! Sie sagen zu mir: ›Ist er nicht ein Erfinder von Gleichnissen?‹« (Ez 21,1-5).

»Wehe über den Menschen, der die Tora nur als ein Buch von Erzählungen und alltäglichen Geschichten ansieht! Wenn dem so wäre, könnten wir, selbst wir, eine Tora verfassen, die von alltäglichen Dingen handelt und viel großartiger wäre. Nein, die Fürsten der Welt besitzen Bü­cher von größerem Wert, die wir als Modell für die Komposition einer solchen Tora benutzen könnten« (Sohar III, 152a). Eine Würdigung der literarischen Quali­täten der Bibel findet man aber bei Moses Ibn Ezra.

[2] Man’s Quest for God, 25.

Hier der Text als pdf.

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