Martin Luther über das Kreuz als Prüfstein der Liebe (Auslegung zu Galater 5,14, 1519): „Die Natur liebt, lobt, tut wohl und segnet nur, solan­ge man ihr nicht wehe tut. Wo du sie aber verwundest oder ihrem Willen widerstrebst, tut die Natur sogleich ihr eigentliches Werk: ihre Liebe schwindet dahin und wandelt sich in Hass, Geschrei, Bos­heit usw. Denn sie hing am Schein, nicht an der Wahrheit; sie lieb­te die äußere Stellung und Erscheinung, nicht die Sache selbst; ihre Freundschaft galt nicht dem Nächsten, sondern des Nächsten Gütern und Besitztum.“

Über das Kreuz als Prüfstein der Liebe. Auslegung zu Galater 5,14 (1519)

Von Martin Luther

Das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« (Galater 5,14)

Die Natur ahmt die Gnade mächtig nach, aber nicht wei­ter als bis zum Kreuz. Vom Kreuz jedoch wendet sie sich völlig ab, ja sie empfindet hier völlig entgegengesetzt und leistet der Gnade feindseligsten Widerstand. Unter Kreuz aber verstehe ich Widerwär­tigkeit. Denn die Natur liebt, lobt, tut wohl und segnet nur, solan­ge man ihr nicht wehe tut. Wo du sie aber verwundest oder ihrem Willen widerstrebst, tut die Natur sogleich ihr eigentliches Werk: ihre Liebe schwindet dahin und wandelt sich in Hass, Geschrei, Bos­heit usw. Denn sie hing am Schein, nicht an der Wahrheit; sie lieb­te die äußere Stellung und Erscheinung, nicht die Sache selbst; ihre Freundschaft galt nicht dem Nächsten, sondern des Nächsten Gütern und Besitztum. Aber »die Liebe höret nimmer auf, sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie duldet alles« (1.Kor 13,7f). Sie liebt gleicher­weise den Feind wie den Freund, auch wandelt sie sich nicht, selbst wenn der Nächste sich gewandelt hat. Wie nämlich der Nächste immer der Nächste bleibt, mag er auch noch so sehr sich ändern, so bleibt die Liebe immer Liebe, mag sie noch so sehr gekränkt werden oder Entgegenkommen finden.

Darum ist das Kreuz die Bewährung und der sogenannte »Prüf­stein« der Liebe; bei ihm hast du keinen Grund mehr zu der Be­hauptung, die Liebe sei eine geheime Seelenbeschaffenheit und du könnest nicht wissen und spüren, ob du deinen Nächsten liebst. Wenn du unter dem Kreuz spürst, dass du eine liebevolle Zuwen­dung bewahrst, so darfst du nicht zweifeln, dass du über die natürli­che Art hinaus bist und Christus dich mit der Liebe beschenkt hat. Wenn du aber bitter wirst, dann erkenne darin deine natürliche Art und trachte nach der Liebe. Die natürliche Liebe möchte es süß und geruhig haben, ja bei ihr wird die Freundschaft, – wie der Dichter [Ovid] sagt –, dadurch erprobt, dass sie Nutzen bringt; sie sucht das Ihre und ist darauf aus, das Gute nur immer in Empfang zu nehmen. Die christliche Liebe dagegen ist eine tapfere Liebe: sie harrt aus mitten in aller Bedrängnis, bei ihr wird die Freundschaft dadurch erprobt, dass sie selbst Dienste leistet; sie sucht das, was des andern ist und ist nicht zu nehmen, sondern zu geben bereit. Ja, die wahre Lie­be teilt das Gute aus und nimmt das Übel für sich, der fleischliche Sinn aber nimmt das Gute für sich und teilt das Übel aus oder geht ihm wenigstens aus dem Weg.

Hüte dich auch vor denen, welche den Gedanken vertreten, ein Gebet oder irgendein Werk geschehe in der Liebe auch dann, wenn es ohne jede Beziehung auf den Nächsten geschehe; es müsse nur aus jener innerlich gegenwärtigen und verborgenen Beschaffenheit der Seele hervorgehen. Eine ganz plumpe, ja äußerst verderbliche Auffassung ist das! Vielmehr geschieht dein Beten erst dann in der Liebe, wenn liebevolle Zuwendung zum Bruder, sei es nun Freund oder Feind, dich treibt für ihn zu beten. Erst dann redest du gut [vom Nächsten] in der Liebe, wenn du dem Verleumder widerstehst aus keinem anderen Grund, als weil du den Bruder, sei es Freund oder Feind, ins Herz geschlossen hast und es daher nicht ertragen kannst, dass sein Ruf besudelt werde, – wohlgemerkt, keineswegs aus Hoffnung auf Ruhm oder Freundschaft, sondern aus lauterem Wohlwollen, womit du ihm Gutes wünschest. So tust du auch alles Übrige nur dann in der Liebe, wenn du dabei rein nur auf das siehst, was für deinen Nächsten gut und vorteilhaft ist, ganz gleich, mag er sein, wer er will, Freund oder Feind.

Sieh, diese Unterweisung wird dich lehren, wie weit du bist im Christenstand. Hieran wirst du erkennen, welche du liebst und wel­che du nicht liebst, wie weit du vorwärts oder rückwärts kommst; denn wenn du einen einzigen hast, zu dem du keine liebevolle Zu­neigung verspürst, dann »bist du schon nichts« (1.Kor 13,2), auch wenn du Wunder tätest. Kurz, nach dieser Regel wirst du selbst ohne Lehrmeister unterscheiden lernen zwischen »Werken« und »guten Werken«. Dann wirst du selbst deutlich sehen: Dem Nächsten gegen­über gut gesinnt sein, gut von ihm reden, gut an ihm handeln und dein ganzes Leben so einrichten, dass es ein Dienst am Nächsten in der Liebe ist, wie der Apostel soeben gesagt hat, – das ist besser, als wenn du alle Kirchen für alle Welt bautest und besäßest die Verdienste sämtlicher Klöster und tätest die Wunderwerke von al­len Heiligen zusammen, — und es fehlte dir doch das Eine, dass du dadurch dem Nächsten dienen wolltest….

Auslegung zu Galater 5,14 aus der Vorlesung über den Galaterbrief von 1519, übersetzt von Immanuel Mann (1898–1981). Vgl. WA 2, 578-580.

Quelle: Martin Luther, Kommentar zum Galaterbrief, hrsg. v. Wolfgang Metzger, Calwer Luther-Ausgabe, Bd. 10, München-Hamburg 1968, S. 230-232.

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