Friedrich Daniel Schleiermacher, Gott unser Vater auch im Sterben. Karfreitagsbetrachtung: „So lasst uns zu unserm Troste nicht vergessen, dass der Erlöser uns in dieselbe Gemeinschaft mit seinem Vater einweiht, und dass er nur deswegen auch hierin unser Vorbild sein kann, so dass wir derselben festen Zuversicht fähig sind, wie sich denn durch diese der Christ besonders unter­scheiden soll.“

Gott unser Vater auch im Sterben. Charfreitagsbetrachtung

Von Friedrich Daniel Schleiermacher

Lukas 23, 46. Und Jesus rief laut, und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände. Und als er das gesagt, verschied er.

… Hier im irdischen Leben steht von jedem Augenblikk zum andern der Lebenshauch, die Seele des Menschen, in der Hand des Herrn; was sich aus jedem entwikkeln soll und wie, das ist in seiner Ordnung gegründet, und dem Menschen kann nur wohl sein, wenn er diesem ordnenden Herrn befohlen ist und sich ihm in jedem Augenblikk aufs neue befiehlt. Aber eben so, das ist der Gedanke des Erlösers, steht auch am Ende des Lebens, was sich aus diesem Ende entwikkeln soll, in derselben Hand und ist nach den­selben Gesezen geordnet, so daß auch hier aus derselben Hingebung und Empfehlung ihm dieselbe Freudigkeit entstand; und dieselbe Stimmung ihn hinübergeleitete, die uns hier gleichmäßig durch alles hindurchführt. Scheint euch dieses zu viel, nun so bedenkt, daß frei­lich nicht diese ganze tröstliche Weisheit des Herrn schon in jenen Worten aus der früheren unvollkommnen Zeit des alten Bundes liegt, welche der Erlöser hier anführt; sondern Eines, Eines sezt er hinzu, was nicht einheimisch ist im alten Bunde, nämlich das große vielumfassende Wort, Vater! Vater, dieses sezt der Erlöser von seinem eigenen hinzu, Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist. Darin also liegt, so müssen wir wol glauben m. th. Fr., der tiefste Grund dieser heitren Zuversicht, in dem bestimmten Bewußt­sein des Erlösers von seiner innigen Gemeinschaft mit dem himm­lischen Vater. Auch in dem Augenblikk seines Todes fühlt er sich als der Einiggeliebte und Erstgeborne vom Vater. Daher kam ihm unter allen Umständen seines Lebens jene ungetrübte Gleichmäßig­keit der Gemüthsstimmung, die das unverkennbare Zeichen der Göttlichkeit seines Wesens ist; daher war er in keinem Augenblikk aus Furcht der Dinge die da kommen konnten auf eine knechtische Weise befangen, noch durch eine lokkende und glänzende Aussicht je auf eine eitle Weise angeregt, weil es immer in ihm rief Vater, und er sich dabei immer Eines wußte mit dem Vater. Und fragen wir nun nach dem Grunde der gleichmäßigen Stimmung und der festen Zuversicht, mit welcher der Erlöser nun aus dem menschlichen Leben scheidet, nicht anders angeregt als wie andere fromme Ver­ehrer des Herrn von einem wohlverbrachten Abschnitt desselben scheiden, und einem bedeutenden neuen Augenblikk entgegengehen: so dürfen wir auch nicht weiter nach etwas besonderem suchen, sondern die einzig richtige Antwort liegt allein in diesem Worte, welches er zu jenen Worten aus den Psalmen hinzufügt. Er war der Sohn des Vaters; seine Gemeinschaft mit diesem war es, was ihm den Übergang aus dem irdischen Leben in den Zustand seiner Er­höhung nicht eben anders erscheinen ließ, als jeden Wechsel wie er ihm schon oft im Leben vorgekommen war. Dieser Unterschied, der uns Allen so groß erscheint, verschwand ihm nämlich so gänzlich, weil das Eine nicht mehr und nicht weniger ist als das Andere für den, in welchem und mit welchem er allein lebte, und der mit gleicher Weisheit den Zusammenhang des irdischen unter sich und den Zusammenhang alles irdischen mit seinem ganzen unendlichen Reiche geordnet hat.

Wie nun diese feste Zuversicht des Erlösers bei dem Abschiede aus dieser Welt damit unmittelbar zusammenhing, daß er so ganz eingetaucht war in die Gemeinschaft mit seinem Vater, daß ihn der Anblikk des Todes eben so wenig davon scheiden konnte, als irgend etwas in der Mitte dieser irdischen Dinge: so laßt uns zu unserm Troste nicht vergessen, daß der Erlöser uns in dieselbe Gemeinschaft mit seinem Vater einweiht, und daß er nur deswegen auch hierin unser Vorbild sein kann, so daß wir derselben festen Zuversicht fähig sind, wie sich denn durch diese der Christ besonders unter­scheiden soll. Welche Abstufung von der knechtischen Todesfurcht derer, welche nur in ein Dunkel hineinsehen, worin ihnen nichts von dem erscheint, was allein ihre Augen auf sich gezogen hat, von der stumpfen Gleichgültigkeit, die eben so sehr in der Übersättigung des sinnlichen Bewußtseins, als in der Aufreibung der sinnlichen Kräfte gegründet ist, zu der gefaßten Ergebung eines ernsten Gemüthes in ein unbekanntes zwar, aber eben so allgemeines als un­vermeidliches Loos, aber dann noch mehr zu dieser Zuversicht, welche auf der Gemeinschaft mit Gott ruht, vermöge deren der allgemeine Ordner und Herrscher über Alles uns nicht nur ein Wesen außer uns ist dem wir vertrauen, sondern er in uns ist und wir in ihm, und wir also auch unsern Willen von dem seinigen und seinen von dem unsrigen nicht zu trennen vermögen, indem nach der großen Verheißung für den neuen Bund sein Gesez und also auch das Gesez seines Waltens und Ordnens in der Schöpfung so in unser Herz geschrieben ist, daß mit Wahrheit gesagt werden kann, wie es der Erlöser denn sagt, daß der Vater Wohnung mache in unsere Herzen. Hierhin aber, m. g. Fr., giebt es keinen andern Weg, son­dern Christus allein ist der Weg, wie er denn auch sagt, der Vater komme mit dem Sohne, und niemand kenne den Vater als nur der Sohn und wem er ihn offenbaren will. Aber wie er verheißen hat, daß er diejenigen die an ihn glauben nach sich ziehen wolle, wenn er werde erhöht sein von der Erde: so zieht er auch die Seinigen nach sich zu diesem festen und innigen Vertrauen, ja was mehr sagen will, zu dieser gänzlichen Willenseinheit mit dem Vater, in welcher er aus diesem irdischen Leben scheiden konnte, daß wir Alle in demselben Maaß als wir ihm dem Sohne verbunden sind, auch mit derselben einfältigen und kindlichen Zuversicht unsern Geist in die Hände dessen befehlen, dem das geistig lebendige nicht verloren gehen kann, und der wie der alleinige und ewige Herr und Erhalter aller Dinge, so auch der rechte zuverläßige Vater ist über alles was Kind heißt.

Quelle: Friedrich Schleiermacher, Kleine Schriften und Predigen, Bd. 3: Dogmatische Predigten der Reifezeit, ausgewählt und erläutert von Emanuel Hirsch, Berlin: Walter de Gruyter, 1969, S. 342-344.

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