Epistel auf den Sonntag Palmarum, Philipper 2,5-11 (Fastenpostille 1525)
Von Martin Luther
Hier hält uns Paulus abermals das mächtige Exempel des himmlischen ewigen Feuers vor, das ist der Liebe Christi, die uns erzeigt ist, daß er uns auch reize, daß wir Liebe untereinander üben, und treibt solches mit hohen Worten und feierlichen Vermahnungen. Denn er hat wohl gesehen, wie laß und faul die Christen zur Liebe waren. Das macht alles das Fleisch, das dem willigen Geist immer widerstrebt und das Seine sucht und eigene Sekten und Rotten zurichtet. Wiewohl aber vor etlichen Jahren ein Sermon von zweierlei Gerechtigkeit über diesen Text unter meinem Namen ausgegangen ist, so ist doch der Text nicht ausführlich erläutert. Darum wollen wir jetzt denselbigen von Wort zu Wort behandeln.
„Ein jeglicher unter euch sei gesinnet wie Jesus Christus auch war“ (V. 5). Das ist, unter euch Christen, die ihr nun Christus habt und alle Fülle und Genüge an ihm und in ihm, beides zeitlich und ewig, sollt nun nichts andres denken noch für gut achten und euch gefallen lassen; denn wie ihr sehet, wie Christus gegen euch gedacht und für das Beste geachtet hat, nämlich daß er nichts für sich gesucht, sondern alles für euch und um euretwillen getan hat. Also ein jeglicher tue auch demselben Bilde nach alles, was dem andern gut und nütze ist.
„Welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, hielt er’s nicht für einen Raub“ (V. 6). Das ist: Wenn Christus, welcher war ein rechter natürlicher Gott, sich heruntergelassen hat und ist eines jeglichen Knecht worden – wievielmehr sollen wir das tun, die wir gar nichts sind und natürliche Kinder der Sünden und des Todes und des Teufels. Und ob wir’s schon täten und uns tiefer herunterließen als Christus, was doch unmöglich ist, so wär’s doch nichts Sonderliches, sondern eine stinkende Demut gegen Christi Demut gerechnet. Denn wenn sich gleich Christus oder die höchsten Engel im allergeringsten Grade ein Haarbreit demütigen und wenn wir uns tausendmal tiefer unter alle Teufel und Hölle demütigten, so wär’s doch nichts gegen Christus, weil er doch ein unendliches Gut und Gott selbst ist, wir aber arme Kreaturen, nicht einen Augenblick unsres Lebens und Wesens sicher. Ein wie greulich Gericht wird nun über die ergehen, die diesem unaussprechlichen Exempel Christi nicht nachfolgen und sich nicht auch unter ihre Nächsten herunterlassen und ihnen dienen, sondern sich erheben? Es sollte ja billig dies eine Exempel trefflich alle die erschrecken, die in der Höhe und Obrigkeit sitzen; wievielmehr aber die, die sich selbst erheben. Denn wem sollte nicht grauen, obenan zu sitzen oder höher (empor) zu fahren, der da sieht, daß Gottes Sohn sich herunterläßt und vernichtigt?
Diese Worte „göttliche Gestalt“ werden nicht in einerlei Weise erklärt. Etliche meinen, Paulus wolle dadurch das göttliche Wesen und die Natur in Christo verstehen, also daß Christus sei wahrer Gott gewesen, und habe sich doch heruntergelassen. Wiewohl nun das wahr ist, daß Christus wahrer Gott ist, so redet doch Paulus hier nicht von seinem göttlichen heimlichen Wesen. Denn eben dasselbe Wörtlein „morphe“ oder „forma“ braucht er hernach, da er spricht, Christus habe Knechtsgestalt angenommen. Daselbst kann er „Knechtsgestalt“ nicht ein Wesen eines natürlichen Knechts heißen, der von Art eine knechtische Natur an sich hat, weil Christus nicht von Art, sondern aus gutem Willen und aus Gnaden unser Knecht worden ist. Darum kann auch „göttliche Gestalt“ hier nicht eben heißen sein göttlich Wesen. Denn das göttliehe Wesen kann niemand sehen, aber die göttliche Gestalt sah man. Wohlan, wir wollen deutlich davon reden und St. Paulus hell an den Tag bringen.
„Gestalt Gottes“ heißt daher, daß sich einer stellt als ein Gott und auch sich also gebärdet oder sich die Gottheit beilegt und sie sich aneignet. Das geschieht nicht heimlich bei sich alleine, sondern gegenüber anderen, die derselben Gebärden oder Gestalt gewahr werden. Darum könnte man nicht deutlicher davon reden als auf diese Weise: Er gebärdet sich göttlich oder stellt sich als ein Gott, wenn er sich beweist und also redet und tut, was Gott zugehört oder wohl ansteht. Also auch „Knechtsgestalt“ ist, daß sich einer stellt und gebärdet wie ein Knecht gegenüber andren. Daß es auch deutlicher werde geredet „morphe tu dulu“, knechtische Gebärde, oder: der gebärdet sich knechtisch, das ist, er stellt sich also, daß, wer ihn ansieht, der muß ihn für einen Knecht halten. Aus diesem ist klar, daß an diesem Ort nicht von göttlichem Wesen oder knechtischem Wesen äußerlich geredet wird, sondern von den Gebärden und dem Erzeigen des Wesens. Denn wie gesagt ist, das Wesen ist heimlich, aber das Zeichen geschieht öffentlich; und das Wesen ist etwas, aber die Gebärde tut etwas oder ist eine Tat.
Nun zeigt hier St. Paulus dreierlei Weise an, die sich in diesen Gebärden oder Gestalten begibt. Man findet wohl das Wesen ohne die Gebärde, wiederum die Gebärde ohne das Wesen, und zuletzt das Wesen samt der Gebärde miteinander. Wie da, wo sich Gott verbirgt und läßt sich nicht merken, da ist göttlich Wesen, aber keine göttliche Gebärde, wie er tut, wenn er zürnt und seine Gnade entzieht. Aber wenn er sich mit Gnaden erzeigt, da ist beides, das Wesen und die Gebärde. Aber das andre kann er nicht tun, daß er sollte sich gebärden wie ein Gott, und doch nicht so sein oder das Wesen nicht haben; sondern das gebührt dem Teufel und den Seinen zu, die sich an Gottes Statt setzen und stellen sich als Gott, so sie doch nicht Gott sind; wie Ezechiel redet von dem Könige zu Tyrus, daß er sein Herz stellte als ein Herz Gottes, so es doch eines Menschen Herz war (Hes. 28,2).
Also findet man auch dreierlei Weise in knechtischer Gestalt oder Gebärde. Wie wenn einer ein Knecht ist, und stellt sich doch nicht knechtisch, sondern als ein Herr oder Gott, von welchem jetzt gesagt ist, von dem auch Salomon spricht (Spr. 29,21): „Wenn ein Knecht zärtlich gehalten wird, so will er Junker sein.“ Also sind alle Adamskinder: Die wir sollten Gottes Knechte sein, wollen Gott selber sein; wie der Teufel Eva lehrt (1.Mose 3,5): „Ihr werdet wie Gott selber sein.“ Zum andern wenn einer Knecht ist und hält sich wie ein Knecht, als da die frommen und getreuen Knechte vor der Welt tun und vor Gott die rechten Christen tun, die Gott untertan sind und jedermann dienen. Zum dritten wenn einer nicht Knecht ist, und hält sich doch wie ein Knecht, als wenn ein König seinen Knechten diente vor der Welt. Aber für Gott kann und hat’s auch niemand getan denn Christus alleine, wie er selbst sagt im Abendmahl: „Ihr heißet mich Herr und Meister und saget recht, denn ich bin’s. Doch bin ich unter euch als ein Diener“ (Joh. 13,13; Lk. 22,27). Und an einem andern Ort: „Ich bin nicht gekommen, daß ich mir dienen lasse, sondern daß ich diene“ (Mt. 20,28).
Aus diesem allen ist nun St. Pauli Meinung klar. Denn er will also sagen: Christus war in göttlicher Gestalt, das ist, er hatte das Wesen samt den Gebärden. Denn er nahm solche göttliche Gebärden nicht an, wie er die Knechtsgestalt annahm, sondern er war, er war, sag ich, drinnen. Auf dem Wörtlein „war“ liegt der ganze Nachdruck: daß er das göttliche Wesen hatte mitsamt der göttlichen Gestalt, als wollt er sagen: Man findet viele, die da göttliche Gestalt annehmen und sich unterwinden; sie sind aber nicht drinnen. Wie der Teufel, der Antichrist und Adams Kinder tun, das heißt dann sacrilegium (Röm. 2,22), daß man die Gottheit raubt. Denn ob sie’s jetzt auch nicht für einen Raub halten, so ist’s doch ein Raub göttlicher Ehre und wird auch dafür gehalten vor Gott und allen Engeln und Heiligen, auch von ihrem eignen Gewissen. Christus aber, weil er’s nicht „raubt“, sondern drinnen war und es von Natur und mit dem Wesen hatte, hielt er’s nicht für einen Raub. Er konnte es auch nicht für einen Raub halten, weil er des gewiß war, daß er drinnen das Wesen hatte und es ihm angeboren war; sondern er hielt es für sein natürlich ewig Eigentum.
So preiset nun Paulus mit diesen Worten Christi natürliche Gottheit und seine Liebe gegen uns. Und er trifft daneben alle die, die sich Gottes Gestalt annehmen, und sind’s doch nicht; wie wir alle sind, solange wir des Teufels Glieder sind. Als wollt er sagen: Jedermann will Gott sein und die Gottheit rauben, die sie nicht haben, und halten’s auch für einen Raub; ja, sie müssen’s auch für einen Raub halten; denn ihr Gewissen bezeugt’s ihnen ja und muß es bezeugen, daß sie nicht Gott sind. Und ob sie gleich solches Zeugnis ihres Gewissens verachten und nicht darnach tun – dennoch steht’s da, und ihr Gewissen hält’s gewißlich dafür, es sei nicht recht, sondern ein frevler Raub. Aber der einige Mann Christus, der die göttliche Gestalt nicht annahm, sondern der drinnen war und dem sie gebührt und der ein Recht dazu hatte von Ewigkeit – derhalben er’s nicht für einen Raub hielt noch halten konnte, daß er Gott gleich war –: dennoch demütigte er sich und nahm knechtische Gestalt an, die ihm nicht gebührt. Damit er wie mit einem gewaltigen Exempel und doch freundlich und lieblich zur knechtischen Gestalt diejenigen herunterrisse, die in der knechtischen Gestalt (von Natur) waren und knechtisch Wesen hatten, und doch nicht darinnen sein wollten, sondern nach göttlicher Gestalt griffen, darinnen sie nicht waren noch das Wesen haben mochten.
Daß nun dieser feine Text von etlichen nicht ohne weiteres verstanden ist, macht, daß sie nicht achthaben auf St. Pauli Weise zu reden, sondern auf ihre eigne Weise, nach welcher St. Paulus sollte also geredet haben: Christus war als ein rechter Gott geboren und hat es nicht geraubt. Nun er aber das Wort „er war in göttlicher Gestalt“ braucht, so lautet’s schier, als habe er sich nur wie ein Gott gestellt. In der griechischen und lateinischen Sprache achtet man nicht so groß auf das Wörtlein „er war“, welches St. Paulus setzt gegen das Wörtlein „er nahm an“. Denn Christus nahm wohl knechtische Gestalt an, er war aber nicht drinnen. Gleichwie wir widersinnig tun und nehmen göttliche Gestalt an, und sind doch nicht drinnen. Wiederum knechtische Gestalt „nehmen wir nicht an“; denn wir sind doch drinnen. So äußert sich Christus der göttlichen Gestalt, darinnen er war, und nimmt knechtische Gestalt an, darinnen er nicht ist. Wir aber entäußern uns der knechtischen Gestalt, darinnen wir sind, und nehmen an oder unterwinden uns göttlicher Gestalt, darinnen wir nicht sind.
Also stößt sie auch, daß er spricht: „Christus hielt es nicht für einen Raub, daß er Gott gleich wäre“, welches lautet, als sei es nicht als ein sonderlich Ding von Christus geredet. Sintemal auch der Teufel und die Seinen, die immer wollen Gott gleich sein, halten’s nicht für einen Raub, obgleich ihr Gewissen es ihnen bezeugt. Aber bei St. Paulus gilt solch Wörtlein „halten“ oder „achten“ gar viel; nämlich soviel: aufs allergewisseste sein; wie er spricht Röm. 3,28: „Wir halten’s, daß der Mensch ohne Werke gerecht werde allein durch den Glauben“, und 1.Kor. 7,40: „Ich halt’s, daß ich auch Geist habe.“ Aber also mögen die Gottlosen nicht tun, daß sie es nicht für einen Raub halten sollten, wenn sie Gottes Gestalt (zu rauben) sich unterwinden. Denn sie wissen’s ja, das ist, sie halten’s und müssen’s halten, daß sie nicht Gott sind. Aber Christus hielt’s nicht und konnt’s auch nicht halten. Das ist, er war dessen gewiß, daß er Gott gleich wäre, und raubte es nicht. Derhalben führt Paulus solche Rede nicht um Christi willen, sondern wie gesagt ist, daß er diejenigen nebenher treffe, die Gottes Gestalt sich unterwinden, wo doch ihr Gewissen hält, daß sie es nicht sind, sondern rauben’s, auf daß er damit anzeige, wieweit Christus ein andrer Mann sei als sie und wie er mit gutem Recht in Gottes Gestalt sei, welches sie rauben.
Solche Rede führt er aber nicht, da er von der knechtischen Gestalt redet, darinnen Christus nicht war, und die er doch annahm. Da lautet es, als raube Christus, das nicht sein ist. Und hie sollte Paulus sagen: Er hielt’s nicht für einen Raub, daß er knechtische Gestalt annehme. Was konnte er’s droben sagen, da er nichts nahm, sondern in göttlicher Gestalt war? Ja dazu derselbigen sich ledig und fremd macht? Aber es verhält sich also, daß, wer Knecht wird, der nimmt nichts und kann nichts nehmen, sondern er gibt nur von sich, auch sich selbst zu eigen. Darum hat’s hier keinen Sinn, daß jemand sollte rauben oder für einen Raub halten. Wiederum, in der göttlichen Gestalt geht’s also zu, daß man nichts gibt, sondern nimmt; darum kann man hier „rauben“ und da findet man die, die es für einen Raub halten. Aber Christus ist nicht also. Er „raubt“ hier nicht, hält’s auch „nicht für einen Raub“, wie andre tun, sondern ist „drinnen“, und die Gestalt ist sein und ist ihm angeboren.
So haben wir diesen Text, mein ich, sehr klar (ausgelegt), daß „göttliche Gestalt“ nichts andres ist, denn sich mit Worten und Werken als ein Gott und Herr erzeigen. Und daß solches Christus getan hat mit Wunderzeichen und heilsamen Worten, die die Evangelien enthalten. Nicht wie andre Heiligen, welche nicht das Wesen gehabt haben, sondern er hat daneben auch das göttliche Wesen und Natur gehabt in der göttlichen Gestalt, die er führte. Wiederum ist knechtische oder dienstbare Gestalt, sich mit Worten und mit Werken gegen andre als ein Diener erzeigen. Das hat Christus getan, da er unter den Jüngern gedient und sich für uns gegeben hat – doch auch nicht wie andre Heilige, welche von Natur Knechte sind, sondern (das Dienen) ist eine angenommene Sache bei ihm gewesen, uns zugut und zum Exempel, daß wir auch so tun sollen gegen andre und unsrer „göttlichen Gestalt“ (als Kinder Gottes) uns auch entäußern, wie folgen wird.
So ist nun gewiß, daß St. Paulus hier Christus als einen rechten Gott predigt. Denn wär Christus ein bloßer Mensch und nicht Gott – was wär vonnöten, daß er von ihm sagt, er sei „worden wie ein Mensch“? Desgleichen, er sei „erfunden an Gebärden wie ein Mensch“; desgleichen, er habe „Knechtsgestalt“ angenommen, da er in Gottes Gestalt war? Welchen Sinn hat es, wenn ich von dir oder sonst von einem Menschen redete: Du bist wie ein Mensch und wirst an Gebärden erfunden wie ein Mensch und nimmst eines Knechts Gestalt an? Du würdest wohl denken, ich spottete dein, und wiederum sagen: Es ist gut, daß du mich für einen Menschen hältst; ich dacht, ob ich eine Kuh oder ein Wolf wäre! Bist du toll oder töricht? Ist’s nicht wahr? – So würde man auf solche närrische Rede antworten. Weil denn Paulus kein Narr ist und nicht närrisch redet, so muß wahrlich der Mensch Christus etwas Hohes und Göttliches sein, weil er von ihm sagt, er sei wie ein andrer Mensch worden, so er doch Mensch war. Nämlich daß dieser Mensch Gott war und hätte auch in seinem Menschsein sich auf göttliche Weise gebärden können, hat’s aber nicht getan, sondern sich des enthalten und sich gebärdet, wie ein gewöhnlicher andrer Mensch tut.
Was hier mehr von Christus gesagt ist, ist leicht zu verstehen, nachdem wir wissen, was „Gottes Gestalt“ und „Knechtsgestalt“ ist. Und zwar legt er’s selbst aus, was er „Knechtgestalt“ heißt. Erstlich, daß Christus sich selbst entäußert oder entledigt hat, das ist, er hat sich gestellt, als legte er die Gottheit von sich und wollte derselben nicht brauchen noch sich unterwinden. Nicht daß er die Gottheit hätte und könnte sie ablegen und wegtun, sondern daß er die Gestalt göttlicher Majestät abgelegt und sich nicht als Gott erzeigt hat, wie er doch wahrhaftig war. Wiewohl er auch die göttliche Gestalt nicht also ablegt, daß man sie nicht fühlte oder sähe; denn so wäre keine „göttliche Gestalt“ mehr dageblieben; sondern er nahm sich derselben nicht an und prangte nicht damit wider uns, vielmehr diente er uns damit. Denn er tat Wunderwerke auch im Leiden und am Kreuz bei dem Schächer, da er ihm wie ein Gott das Paradies gab und im Garten die Schar mit einem Worte zurückstieß. Darum spricht Paulus nicht, es habe ihn jemand entäußert, sondern „er hat sich selbst entäußert“. Gleichwie ein weiser Mann, der beides, Weisheit und weisliche Gebärden nicht äußerlich ablegt, und doch so ablegt, daß er damit den Narren dient, die billig ihm dienen sollten. Ein solcher „entäußert sich“ auch selbst mitten in der Weisheit und in der Weisheitsgestalt.
Zum andern: Er nahm Knechtsgestalt an, und blieb doch Gott und in Gottesgestalt. Das ist, er war Gott, und alle göttlichen Werke und Worte, die er führet, tat er uns zugut und dient uns damit als ein Knecht und läßt sich nicht dafür dienen als ein Herr, wie er billig das Recht hatte, und sucht auch weder Ehre noch Gut drinnen, sondern unser Nutz und Heil. Das war wahrlich ein freiwilliger Dienst, umsonst getan und andern zugut! Aber unaussprechlich ist derselbige Dienst, weil der Diener und Knecht eine unaussprechliche Person ist, die ewiglich Gott ist, dem alle Engel und alle Kreaturen dienen. Wen dies Exempel nicht freundlich zwingt, daß einer dem andern dient, der ist wahrlich billig verdammt und härter denn Stein, finsterer als die Hölle, und hat allerdinge keine Entschuldigung.
Zum dritten: „Er ward wie ein Mensch.“ Durch die Geburt von Maria ward er ein natürlicher Mensch. Aber da hätte er sich in derselbigen Menschheit über alle Menschen erheben können und niemand dienen. Das alles ließ er los und ward wie ein Mensch. Mensch aber mußt du hier verstehen, daß er nicht mehr als ein Mensch ist ohne allen Zusatz. Ohne Zusatz aber so ist kein Mensch, der natürlich über den andren Menschen steht. Verstehe, was Paulus sagen will: Christus ward wie ein andrer Mensch, der weder Reichtum noch Ehre noch Gewalt noch Vorteil vor andern hatte, wie doch viele geboren werden, denen mit der Geburt Gewalt, Ehre und Gut zum Erbe gegeben ist. Aber Christus ist worden und hat sich auch so gehalten, daß keiner so gering ist, wer immer ein Mensch ist; er ist ihm gleich gewesen. So wie Knechte arme Leute sind, nur daß er gesund und ohne leiblich Gebrechen gewesen ist, wie ein natürlicher Mensch sein soll.
Zum vierten: „Und an Gebärden erfunden wie ein Mensch“, das ist, er hat alles gebraucht wie ein andrer Mensch, so Essen, Trinken, Schlafen, Wachen, Gehen, Stehen, Hungern, Dürsten, Frieren, Schwitzen, Müdewerden, Arbeiten, Kleiden, Wohnen, Beten, und alles, wie sonst ein Mensch lebt gegenüber Gott und der Welt. Das alles hätt er lassen können und als ein Gott anders fahren und sich gebärden. Aber weil er war „wie ein Mensch“, wie oben gesagt ist, ließ er’s sich auch gehen wie einem Menschen und nahm’s an wie ein Mensch, der desselbigen bedarf – und zeigte doch daneben seine göttliche Gestalt, darinnen er war.
Zum fünften: „Er demütigte oder erniedrigte sich selbst“, das ist, über das, daß er die Knechtsgestalt damit beweist, daß er war wie ein Mensch und sich’s gehen ließ wie einem Menschen, tat er noch ein Übriges und ward weniger als alle Menschen: er ließ sich herunter und diente allen Menschen mit dem höchsten Gut, daß er seinen Leib und Leben für uns gab.
Zum sechsten: In welcher Knechtsgestalt er sich nicht allein den Menschen unterwarf, sondern auch der Sünde, dem Tod und dem Teufel, und trug solches alles für uns; und litt dazu solchen Tod, der der allerschmählichste war, nämlich am Kreuze, nicht als ein Mensch, sondern als „ein Wurm“ (Ps. 22,7), ja als ein Erzbube über alle Buben. Darinnen verlor er auch die Gunst, Dank und Ehre seiner angenommenen Knechtsgestalt, die er (im Leben) bewiesen hatte, so daß er (im Leiden) also gar zunichte ward.
Zum siebten: Aber das alles tat er wahrlich nicht, weil wir’s würdig wären oder verdient hätten. Denn wer wollte eines solchen Verdienstes einer solchen Person würdig sein! Sondern (er tat’s), daß er dem Vater gehorsam würde. Hier schließt St. Paulus mit einem Wort den Himmel auf und räumt uns ein, daß wir in den Abgrund göttlicher Majestät sehen und den unaussprechlichen gnädigen Willen und die Liebe des väterlichen Herzens gegen uns schauen, daß wir fühlen, wie Gott von Ewigkeit das gefallen hat, daß Christus, die herrliche Person, das für uns tun sollte und nun getan hat. Wem sollte hier sein Herz nicht vor Freuden zerschmelzen? Wer sollte hier nicht lieben, loben und danken und wiederum auch nicht allein selbst Knecht werden aller Welt, sondern auch gerne weniger und nichtiger als sie werden! So sieht er, daß ihn Gott selbst also teuer geachtet hat und seinen väterlichen Willen durch seines Sohnes Gehorsam so reichlich ausschüttet und beweist. Oh, welche Worte sind es, die an diesem Anfang St. Paulus redet, wie er sicherlich an keinem Ort so redet! Er muß recht entbrannt, fröhlich und begeistert gewesen sein. Das heißt man nämlich, durch Christus zum Vater kommen. Das heißt, niemand kommt zu Christus, der Vater ziehe oder locke ihn denn so trefflich süß und lieblich (Joh. 6,44). Oh, wie viele sind jetzt Prediger des Glaubens, die da meinen, sie wissen alles, und haben von diesen Sachen noch nie etwas gerochen noch geschmeckt! Oh, wie bald werden sie Meister, die doch noch nie sind Jünger geworden! Sie schmecken’s nicht, darum können sie’s auch nicht geben und bleiben unnütze Schwätzer.
„Darum hat ihn auch Gott erhöhet“ (V. 9). Wie er der Allerunterste und aller Teufel Knecht worden ist in Gottes Gehorsam und unserm Dienst, also hat ihn Gott auch wiederum erhöhet, daß er über alle Engel und Kreatur, Tod, Teufel, Hölle Herr sei. Nun hat er sich ganz der knechtischen Gestalt entäußert und sie abgelegt und bleibt hinfort nicht mehr allein in göttlicher Gestalt, sondern wird auch als ein Gott verklärt, gerühmt, gepredigt, bekannt, geehrt und (dafür) gehalten. Wiewohl aber solches alles noch nicht sichtbar ist, wie Paulus 1.Kor. 15 (V. 28) sagt, daß ihm alles untertan sei. Aber es fehlt daran, daß wir’s noch nicht sehen, wie ihm alle Dinge untertan sind. So ist doch das wahr, daß er für seine Person also erhöhet ist und sitzt in voller Macht und Gewalt, so daß alles geschieht, was er will im Himmel und auf Erden. Ob’s wohl wenige glauben, daß solches geschehe um Jesu Christi willen. Dies Geschehnis ereignet sich frei offen vor aller Augen. Der Herr sitzt auch frei da. Aber unsre Augen sind noch blind und finster, die nicht sehen, daß er’s sei und ihm alle Dinge gehorsam sind. Am Jüngsten Tage aber wird’s offenbar werden. Da werden wir sehen, was jetzt schon geht, nämlich wie Christus göttlicher Gestalt sich entäußert hat und ist wie ein Mensch worden usw. Also hat er wiederum die knechtische Gestalt abgelegt und ist wie ein Gott worden, auch als ein Gott mit der Herrlichkeit erfunden und ein Herr über Leben und Tod und ein König aller Ehren.
Das sei genug von dem Text. Denn wie auch wir unsre herrliche Gestalt ablegen und damit andern dienen sollen, ist in andern Postillen oft und reichlich genug gesagt. Denn Gott will, daß einer des andern Knecht sei mit Leib, Gut, Ehre, Geist und Seele, wie sein Sohn uns getan hat.
WA 17 II, S. 237-245.
Quelle: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, hrsg. v. Eduard Ellwein, Bd. 3: Die Briefe an die Epheser, Philipper und Kolosser, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1973, S. 194-202.