Adrienne von Speyr, Fragmente über das Kreuz Christi: „Am Kreuz zeigt der Herr nicht nur, dass er seine Gnade auf alle sichtbar fließen lässt, auf alle, die das Kreuz umstehen, aber auch alle, die schon früher im Alten Bund den Glauben besaßen, die seine Verheißungen so aufnahmen, wie er sie gab, und die bereit blieben, die Erfüllung dann zu erleben, wann er sie ihnen schenken wollte — sondern er zeigt auch, dass er alles, was sie für ihn geleistet haben, brauchen kann. Daß er also nicht bloß für die Sünden leidet, sondern in einem geheimnisvollen Mitleiden mit allen Glaubenden steht.“

Fragmente über das Kreuz Christi

Von Adrienne von Speyr

Das Thema der Passion Jesu Christi übersteigt das Thema dieses Heftes »Menschliches Leiden und Heilen« und gibt ihm gleichzeitig dessen unent­behrlichen transzendenten Abschluß: dort wo die Effizienz des Heilens auf­hört, führt nur noch die unerforschliche Fruchtbarkeit des Kreuzes weiter. Und es gibt, wie die nachfolgenden Fragmente zeigen, eine sowohl allgemeine wie besondere Einladung an die Menschen, irgendwie, fern oder nah, dabeizusein. Hier wurde jemand sehr dringend und wirksam eingeladen, an dieser Passion teilzunehmen, Jahrzehnte lang, immer wieder. Aus den zahlreichen, alle Aspekte des Mysteriums umkreisenden Äußerungen A. v. Speyrs hier nur eine kleine Auswahl. »Heilen« ist nun ersetzt durch eine den Leidenden notwendig unerkennbare »Fruchtbarkeit«, die Verwandlung an einer un­greifbaren Stelle in »Heil«. Voraussetzung für die Möglichkeit dieser Wand­lung ist die Gottessohnschaft Jesu im Sinn des neutestamentlichen Glaubens und dem der alten Konzilien, die das »Für uns« der Passion ernstnehmen und nachfolgend die von Paulus gezeigte Möglichkeit eines »Aufleidens dessen, was am Leiden Christi noch fehlt«, das heißt: was Christus uns gnädig an seinem allgenügsamen Leiden mitzuleiden erlaubt.

In der Passion der Gottmenschen wird die Sünde der Welt erlitten (Text 3), wird aber auch das an sich sinnlos scheinende Weltleid miteinbezogen (Text 4). Die Passion ist nur im Licht des trinitarischen Gottgeheimnisses deutbar: Der Sohn bietet sich ewig für das Heilsein der Welt an, der Vater »erlaubt« ihm, das göttliche Feuer in ein Leidensfeuer zu verwandeln (Text 1), in die­sem Feuer brennend läßt ihn der Geist über alles Maß hinaus aushalten (Text 5), im Gemeinsam-Leiden von Leib und Geistseele wird die ewige Existenz des Menschen erlitten und grundgelegt (Text 7). Die Passion ist ferner nur ekklesiologisch verstehbar: wir sind miteingeladen ins Leiden (Text 2), und wo sich innerkirchlich ein ausgesprochenes Passionsleiden er­eignet, muß die Kirche ihm beistehen in einer Analogie dazu, wie der Geist dem Sohn beistand (Text 6).

1. Gottes Feuer als Leiden

Das Leiden am Kreuz ist Ausdruck der innergöttlichen Liebe. Gott hat diesen Ausdruck gewählt, um uns das Geheimnis seiner Liebe zu zeigen; um sich offenbaren zu können, leidet die Liebe.

Darin liegt auch ein Geheimnis von Zeit und Überzeit. Wir sind gewohnt, in der Zeit zu lieben, mit den Mitteln unserer Natur, und irgendwo auch zweck- und zeitgebunden. Und wenn es um Gott geht, passen wir ihm unsere zeitliche Liebe notdürftig an. Wir wissen im Glauben, daß er eine unendlich größere Liebe ist und hat als wir, und doch versuchen wir, ihn um jeden Preis in die Kategorien unserer Liebe einzuzwängen. Ihn so zu lieben, wie es uns gegeben ist: lau und auf Zeit. Und wenn wir einmal zu leiden haben, haben wir nichts Eiligeres zu tun, als uns zu trösten: es wird vorübergehen. Ja wir sind überrascht, wenn es nicht schnell vergeht, noch überraschter, wenn in uns das Leiden die Liebe überdauert. Dann messen wir. Messen die Zeiten gegeneinander ab und die Stärke der Ereignisse: Leiden oder Liebe. Wenn aber Gott in die Welt kommt, um für uns zu leiden, nimmt er die Maße der Ewigkeit mit; er stellt sich mit der Kraft ewiger Liebe dem Kreuz zur Ver­fügung und erfährt als Mensch ein ungemessenes Leiden, wie es seiner Gott­heit und seiner göttlichen Liebe entspricht. Nicht der Anlaß des Kreuzes, die Sünde, bestimmt das Leidensmaß, sondern der Wille Gottes, uns zu seiner unendlichen Liebe hin zu erlösen.

Würde Gott seine Liebe als reines Feuer auf die Welt bringen, so würde er vielleicht ein paar wenige finden, die von der Sünde noch nicht ganz ver­härtet sind und sich seinem Feuer ausliefern würden. Aber sein Plan ist, alle zu erlösen. Und dies kann er nicht durch Übertragung des Liebesfeuers von Mensch zu Mensch; er muß sein Feuer in Leiden verwandeln. Aber weil er selber ganz rein ist und an ihm nichts zu verzehren ist, nimmt er als Brenn­stoff die Sünde der Welt in sich hinein und verbrennt sie in sich selber, in der Menschennatur, die der Vater ihm geschenkt hat, und leidet an jedem Einzelnen von uns.

Dieses Leidensfeuer, in dem er die Erfahrung der Sünde gemacht hat, kann er künftig, als Feuer und Liebe zugleich, überall anwenden, wo Menschen zu reinigen sind: in der Beichte, in der Eucharistie, und auch dort, wo die Men­schen selber nicht mehr wirken können, im Fegfeuer. Er ist das Feuer, das er auf die Erde zu werfen gekommen ist, aber es hat zwischen Himmel und Erde die Verwandlung ins Leiden durchgemacht. Es wird ihm zweimal ge­schenkt: er bekommt es, um es auf die Erde zu werfen, und er gewinnt es zurück aus Leiden und Tod, um das Reinigungswerk in allen Menschen zu vollenden. Er verwandelt sich oder läßt sich vom Vater verwandeln, um durch alle seine Zustände – Menschwerdung, Leiden, Tod, Auferstehung, Gericht – den einen Auftrag der Erlösung zu Ende zu führen. In seinen Verwandlungen wird die Liebe zum Leiden: er erprobt das Feuer zunächst an sich selber, um dann die Menschen durch sein Feuer vom Leiden zur Liebe führen zu können. (In: Albrecht, Theologie des Katholischen I, 97 f.)

2. Einladung zum Mitleiden

»Meine Seele ist betrübt bis zum Tod.« Es ist die Seele der angenommenen Menschennatur Jesu, die Seele, die er seinen Jüngern immer wieder öffnet, auf die er aber jeweils nur wie auf Umwegen hingewiesen hat. Den entschei­denden Ausdruck seiner Seele hatten sie in seiner Lehre, in seinen Wundern, in seiner Liebe zu ihnen und zu allen Menschen. Auf die volle Menschlich­keit seiner Seele konnten sie aus seinen Taten, seinem Verhalten schließen. Jetzt aber enthüllt er ihnen, daß seine Seele voll ist von Traurigkeit, über­füllt davon bis an den Rand des Todes. Indem er es ausspricht und nicht für sich behält, ladet er die Jünger ein, an seiner Traurigkeit teilzunehmen. Er öffnet sie ihnen wie ein Geheimnis, stellt sie ihren Blicken aus, damit sie in seinem Sinn, im Sinn des Neuen Bundes, im Sinn des Kreuzes als des Ge­schenks an den Vater mit ihm Gemeinschaft haben und, so gut sie es können, in dem Seinen verharrten. Noch einmal, bevor er sich zurückzieht, will er sich hingeben, gleichsam die eucharistische Hingabe vervollkommnend. Wohl geht er in die Einsamkeit, um mit dem Vater allein zu sein, aber nicht bevor er ihnen seine Seele gezeigt und sie gebeten hat, zu bleiben und mit ihm zu­sammen zu wachen, das gleiche zu tun wie er, über eine geringe Entfernung hinweg mit ihm vereint zu sein in der Traurigkeit und Beängstigung, die seine Seele füllt. Es sollte das christliche Gebet der Begleitung sein. Hätte er diese Forderung unterlassen und seine Seele nicht geöffnet, so könnte die eucharistische Vereinigung als eine zeitlich und inhaltlich begrenzte erschei­nen. Er hätte sich ihnen in einem bestimmten Zustand preisgegeben, andere Zustände aber für sich behalten. Aber durch die Kommunion wurden sie eingeladen, an seinen sämtlichen Zuständen teilzunehmen und ihr Gebet in das seine hineinzustellen in einer bisher ungeahnten Weise. Es ist das Mit­einander und Ineinander der Kirche, das die Distanz überwindet: nicht nur die räumliche, nicht nur die der Personen, auch die inhaltliche: er wird »etwas» beten, sie werden »etwas« beten, aber in der Verschiedenheit des Stoffes berühren sich die Akte und gehen ineinander.

»Wacht mit mir« … Indem er sie bittet, mit ihm zu wachen, gibt er ihnen die Möglichkeit, auf Grund der Müdigkeit in eine bestimmte Form der Trauer zu gelangen, wodurch ihr Gebet dem seinen – von fern – angeglichen wird … An dieser Forderung des Herrn wird für die ganze Kirche deutlich, daß christliche Askese die Leidenszeit des Herrn begleiten soll. (Zu Mt 26, 38, in: Passion nach Matthäus, 43 ff.)

3. An die Sünde genagelt

Sie kreuzigen ihn. Er bekommt diese heiligen Wundmale, die von den Men­schen als Schandmale gedacht sind, als ein unauslöschliches Zeichen, an dem jedermann erkennen kann, daß dieser Leib als der Leib eines Verbrechers behandelt worden ist. Er wird sich von diesen Schandmalen nicht mehr tren­nen wollen, sie mitnehmen in seine Ewigkeit. Man wird ihm immer an­sehen, daß er ein Gekreuzigter war. Die Nägel sind das Zeichen der in ihn eindringenden Sünde. Sie verursachen in ihm einen Schmerz, der wohl zu­nächst der angemessene physische Schmerz dieser Wunde ist, aber ohne an­gebbare Grenzen darüber hinausgeht (sofern in den Nägeln die Sünde ist), auf ihrer Bahn von Haut zu Haut nichts freiläßt, sondern restlos von ihm Besitz ergreift und ihn an sich festnagelt. Durch die Sünde der Welt, die die konkrete Form dieser Nägel annimmt, wird er festgebannt, unbeweglich ge­macht, in eine vollständige Passivität versetzt. Die Annagelung ist der An­fang dieser Phase der Passion, die nur noch aus Ertragen, Erdulden, Ge­schehenlassen besteht. Die ihn annageln und schon andere gekreuzigt haben, erkennen diese Hingabe und verstehen sie nicht. (Zu Mt 27, 35 in: Passion nach Matthäus, 156.)

4. Einbeziehung aller Leiden ins Kreuz

Am Kreuz zeigt der Herr nicht nur, daß er seine Gnade auf alle sichtbar fließen läßt, auf alle, die das Kreuz umstehen, aber auch alle, die schon früher im Alten Bund den Glauben besaßen, die seine Verheißungen so auf­nahmen, wie er sie gab, und die bereit blieben, die Erfüllung dann zu erle­ben, wann er sie ihnen schenken wollte — sondern er zeigt auch, daß er alles, was sie für ihn geleistet haben, brauchen kann. Daß er also nicht bloß für die Sünden leidet, sondern in einem geheimnisvollen Mitleiden mit allen Glau­benden steht. In einem Mitleiden, das für ihn zwar keine Erleichterung be­deutet — weil er auch für sie ganz leidet und ihr Leiden durch das seine je­weils aufrundet —, das aber für die Erlösung nicht bedeutungslos bleibt. Er nimmt alle Versuche ihres Glaubens, ihres Leidens und ihrer Bereitschaft auf sich und läßt ihnen vom Kreuz her die volle Gnade zuströmen. Nicht nur die Sünden der ganzen Welt strömen auf das Kreuz zu, um dort getilgt zu wer­den, auch alle Ansätze des Glaubens und Leidens strömen ihm zu, um durch das Kreuz ihre Erfüllung zu finden. Im Kreuz liegt auch ein Dank des Herrn an alle Vorläufer seines Neuen Bundes, und er erzeigt ihnen diesen Dank, indem er ihre Leiden erfüllt und dadurch Hiob und die andern Dulder gleich­sam zu Heiligen des Neuen Bundes macht. Er rundet den Alten Bund in den Neuen auf, weil er schon in seiner Menschwerdung den Alten Bund ganz in sich schloß und durch seine göttliche Gnade erfüllte. (Zu Mt 5, 39, in: Berg­predigt, 122.)

5. Der Leidende und der Zeuge am Kreuz

Der Sohn verharrt im Je-mehr der Bereitschaft, da ihm keine obere Grenze des zu Bewältigenden gezeigt wird. Der Sohn wie der Geist erfüllen jetzt, im Leiden, ihren Auftrag ohne Maß. Der Vater soll zumessen und bestimmen. Der Sohn bleibt im Leiden offen, der Geist ebenso beim Einüben in das Leiden.

Das Gesetz des Leidens fordert irgendwie, daß zwei beteiligt sein müssen: einer, der, so wie er kann, leidet, und einer, der dabei ist, Zeuge ist, verwaltet und vermittelt. Das ist die Rolle des Geistes: daß er immer neu aufdeckt, wofür gelitten werden muß. Der Sohn darf sein Leiden nicht verwalten: diesen Schmerz für das und jenen für etwas anderes erleiden. Sonst käme er selber ins Messen. Deshalb muß der Geist es vorweisen, aber nicht so, daß es dann durch das Leiden stückweise erledigt schiene, sondern nur so, daß im­mer Neues dazukommt. Hierin gleicht es gar nicht einer menschlichen Zu­sammenarbeit. Und vielleicht sollen Sohn und Geist einander in der Passion auch nicht wirklich begegnen, sie sprechen gleichsam nicht die gleiche Sprache; denn wenn der Sohn den Geist immer als den Geist des Vaters erkennen würde, könnte er nicht verlassen sein. Er würde Erleichterung fühlen, würde hoffen. So versteht er zwar die Hinweise des Geistes, sieht aber in seinem eigenen Leiden keine Entsprechung dazu. Es sind wie zwei Ebenen der Wahr­heit: eine im Geist des Zeugen, die andere im Geist des Leidenden. Würden beide Ebenen zusammenfallen, so wäre die ganze Wahrheit des Vaters für den Sohn evident, er würde dann als Gott diesen Menschen Jesus irgendwie dem Leiden überantworten, und mit dem Geist zusammen als ein Zuschauer wirken. Das wäre aber kein gottmenschliches Leiden. So darf der Sohn jetzt nicht auf der Ebene des Geistes stehen, sondern auf der seiner Weltsendung; was er dabei von seinem göttlichen Bewußtsein braucht, wird ihm vom Vater nach den Erfordernissen der Sendung zugemessen.

Am Ende übergibt der sterbende Sohn den Geist in die Hände des Vaters. Der Geist kehrt nicht aus eigenem Antrieb zurück, er wird übergeben. Es ist die letzte Zustimmung des Sohnes zum Kreuz, das der Vater ihm gab. Und es gehört zum Auftrag von Sohn und Geist, daß sie sich am Kreuz trennen.

Solange der Sohn den Geist als Regel bei sich hatte, war er dem Geist gehorsam. Jetzt gehorcht der Geist dem Sohn, indem er in den ungeteilten Gehorsam des Vaters zurückkehrt. Und der Sohn beginnt damit jene Aus­sendung des Geistes, die er nach Ostern vollenden wird: erst ist es Sendung zum Vater, dann zu Kirche und Welt. (In: Theologie des Katholischen I, 96 f.)

6. Der Leidende und der Zeuge in der Kirche

»Freut euch vielmehr, daß ihr an den Leiden Christi teilhabt, damit ihr euch jubelnd freut, wenn seine Herrlichkeit offenbar werden wird.«

Wenn Christen erfüllt sind vom lebendigen Wissen um den Herrn, dann können sie für ihn nur Gefühle der Freude und Dankbarkeit hegen. Was er ihnen auch schenken mag, diese Gefühle werden sich nicht verändern, nicht abhängig sein von ihrer eigenen Verwertung der Geschenke. So werden sie sich auch freuen, wenn sie leiden dürfen, vorausgesetzt, daß es wirklich Teilnahme am Leiden des Herrn ist. Er kann uns mitleiden, an seinem eigen­sten Leiden teilnehmen, momentweise sogar die Grenze zwischen seinem und unserem Leiden sich verwischen lassen, so daß wir im Übermaß des Leidens wirklich in seinem Namen, durch ihn, aus der Kraft und in der Liebe, die ihn mit dem Vater eint, leiden. Wir sollen darüber nicht erschreckt sein und uns, mitten in der Nacht des Leidens, der untergründigen Freude des Leidendürfens nicht entfremden lassen. Die Freude kann hinterlegt, sie kann unfühlbar geworden sein, sie muß doch im tiefsten Leiden vorhanden sein, als Freude der Dankbarkeit, die wir so tief im Herrn verankert wissen, daß sie auch dann nicht schwindet, wenn all unsere Kraft des Fühlens durch das Leiden beansprucht wird. Petrus kennt Anfang, Ende, Begrenzung des Lei­dens, und er weiß, daß alles, Anfang, Ende und Maß, innerhalb des Leidens des Herrn eingefaßt bleibt, an der Stelle, die der Herr selber bestimmt und die er seinen Bedürfnissen gemäß und je nach der Hingabe, die wir ihm schenken, festlegt. Der Herr allein verwaltet sein Leiden. Die Kirche hat dabei kein Wort zu sagen. Der Entschluß des Mitleidenlassens liegt aus­schließlich beim Herrn; die Kirche kann höchstens den Leidenden lenken, ihm ein besseres Verständnis des Leidens beibringen. So muß Petrus davon reden, den Sinn des Leidens erklären, die Bereitschaft dazu wecken, schließ­lich zeigen, wie die Kirche über die Frucht mitverfügt. Hat die Kirche hier ein Mitspracherecht, dann soll sie auch selber ein inneres Verständnis für jene Leiden besitzen, die sie dem Herrn wie dem Leidenden gegenüber zur sorgfältigsten Betreuung verpflichten. Wo der Herr auf die Frucht eines Lei­dens wartet, dort soll die Kirche sich befleißen, daß er den vollen Ertrag er­halte; und wo ein Leidender sich hingeben will, dort soll sie sich bemühen, daß er den vollen Ertrag leiste. Und weil die Glaubenden Glieder des Herrn sind, soll das nichtleidende Glied (das die amtliche Kirche vertritt) das lei­dende zu Gott hin öffnen und ihm helfen, das verlangte und erreichbare Höchstmaß auch zu verwirklichen. Geöffnet soll der Leidende werden, damit er in sich mehr Raum habe für das Leiden, das der Herr ihm schenken will. Auch den Herrn sollte man ihm näherbringen, damit er der Forderung Petri, sich auch im Leiden zu freuen, zugänglich bleibe. Damit er wisse, daß er auch das Schwerste in der Freude des Herrn leisten soll, auch wenn er sie jetzt nicht empfindet, und daß die Kirche diese Freude für ihn auf­bewahrt. Die Kirche darf bei solchem Leiden nie bloß Zuschauerin sein. Einen bloßen Zuschauer gibt es in der Kirche überhaupt nicht. Es kann einer das Amt des Schauens haben, der Betrachtung dessen, der leiden muß; aber dieser Auftrag der Schau ist dann nur Teil seines weitergreifenden Amtes, und er führt nur aus, was von ihm verlangt wird.

Daß wir leidend uns freuen, heißt, daß wir leidend unser subjektives Leiden in die objektive Frohbotschaft des Herrn hineingeben, wie der am Kreuz hängende Sohn leidet in einer hinterlegten Freude, den Vater durch sein Leiden verherrlichen zu dürfen. Der Sohn wird, zum Vater zurück­kehrend, dort die vollkommene Freude der Verherrlichung des Vaters erle­ben, so wie er uns aus seiner eigenen Freude der Verherrlichung des Vaters heraus die Freude schenkt, wenn seine Herrlichkeit offenbar werden wird. (Zu 1 Petr 4,13, in: Kath. Briefe I, 380 ff.)

7. Kreuzesdurst und Auferstehung

»Jesus sprach: Mich dürstet.« Der Herr ist in der letzten Müdigkeit und Ent­leerung. Die Sünde, die er trägt, ist unendlich schwer, viel schwerer, als er sie sich vorgestellt hatte. Beinah kann man sagen: schwerer als der Vater ge­dacht hat. Als müßte man Mensch sein, um die Größe des Opfers zu fühlen, und nicht nur Mensch sein, sondern es jetzt und hier erleiden, um zu wissen, was es ist. Die ganze Seele des Sohnes bis in ihre verborgensten Falten ist beschäftigt mit diesem Austragen der Sünde, in einer solchen Trauer und Unruhe, daß für nichts anderes mehr Platz bleibt. Das seelische Leiden lenkt ihn aber nicht ab von den Schmerzen des Leibes; er leidet nicht in Teilen seiner selbst, er leidet das Ganze im Ganzen. Dazu gehört sein fürch­terlicher Durst, der ihn überfällt wie die letzte Qual, wie das, was man nicht vorausgesehen hatte, weil alles übrige schon so schwer war, was jetzt hinzu­kommt wie das brennende Mal des göttlichen Je-mehr. Man kann in diesem Durst nicht unterscheiden, was seelisch ist und was leiblich. Erst ist es, als fiele beides wie in zwei Hälften auseinander: die Seele ist mit der Sünde der Welt so beschäftigt, daß sie sich um den Leib nicht kümmern kann; der Leib so todmüde, daß er auf die Seele nicht mehr achtet. Dann ist plötzlich dieser Durst da, gleichzeitig in Leib und Seele, und schmiedet die auseinanderfal­lenden Hälften enger als je zusammen. Die Einheit, die sie bilden, ist die des Nichtmehrkönnens, der Unerträglichkeit.

Und nun ist es, als deute diese seltsame, unnatürliche, aber auch neue, unvermutete Einheit voraus auf die Auferstehung des Fleisches: als müsse innerhalb des seelischen Leidens durch dieses neue Sich-Melden des Leibes, diesen einheitlichen Durst die Seele daran erinnert werden, daß ihr Leib immer da ist, immer mitträgt, ja, nach dem Maß eines Leibes, vollkommen mitzuleiden vermag. Dieser überlasteten Seele kann er einen rechten Dienst der Mitbelastung leisten, indem er den seelischen Durst übernimmt und darin in seiner Endlichkeit etwas vom unendlichen Leidensvermögen der gott­menschlichen Seele des Erlösers zu übernehmen sich fähig zeigt. Von diesem in der Einheit des Durstes ihr verbundenen Teil wird die Seele, wenn sie zum ewigen Leben aufersteht, sich nicht mehr trennen wollen. Und Gott wird ihr diesen Leib im ewigen Leben schenken: als Andenken an die Schöpfungstat des Vaters, an die Inkarnation des Sohnes, aber auch als An­denken an das Zusammenleiden im Kreuz, das die beiden so eng verband, daß eine Trennung fürderhin undenkbar ist. So mächtig ist dieser Durst, daß der Herr ihn auf die Einheit seiner Person bezieht: Mich dürstet! Das ist die Gewähr für die Auferstehung des Fleisches. (Zu Joh 19, 28, in: Passion nach Matthäus 176 f.)

Quelle: Communio. Internationale Katholische Zeitschrift 6 (1977), S. 223-230.

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