Reinhold Schneider, Wie der Herr. Das Kreuz besteigen (1943): „In der Zeit des Leidens soll das Leben enden, daß wir bisher gelebt; wir sol­len eingehen in Christi Tod; nur dieser Tod wird uns weiter­tragen. Berührt das Licht uns wieder, so können wir nicht mehr sein, was wir waren. Das, was wir unser eigen nannten, wird dann verzehrt sein; wir konnten den großen Sieg vorbe­reiten durch unsern Entschluß zum Kreuze; aber siegen wer­den nicht mehr wir. Siegen kann und wird nur der Herr.“

Wie der Herr. Das Kreuz besteigen (1943)

Von Reinhold Schneider

»Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt, jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen wer­den — und einmal von der Erde ›erhöht‹, werde ich alles an mich ziehen.« (Joh 12, 31-32)

Auf einer alten Darstellung sehen wir den Herrn selbst das Kreuz besteigen. Er läßt sich nicht binden, nicht zwingen; er erhöht sich am Kreuz der Schande und des Todes, um dann, wie er verheißen (Joh 12, 32), die Welt an sich zu ziehen, noch einmal das Seine in Besitz zu nehmen. Der alte Meister hat in diesem Bilde gewiß nicht nur eine persönliche Auffas­sung gestaltet; er hat die Vorstellung gegeben, die seine Zeit vom Leiden des Herrn hatte, zugleich aber die überzeitliche Wahrheit selbst, die wir uns so leicht verschleiern lassen von Bildern tatlosen Leidens. Gewiß wurde der Herr von der Ge­walt gefangengenommen und zum Tode geführt; aber unter diesem Geschehenlassen besteht die Wirklichkeit seines Ent­schlusses und Willens fort. Der Herr gab sich in den Tod, um den Tod zu besiegen; er tat das Äußerste in königlicher Freiheit; er war der göttlichen Macht gewaltig an einer jeden Stelle seines Leidenswegs; unter der Passion seines Opfers geschieht immer aufs neue ein Akt seines Willens zur Hingabe und Erlösung. Seine heilige Einsicht bestimmte seiner Liebe diesen Weg; die ganze Furchtbarkeit der Verspottung und Erniedrigung, der Lästerung derer, die am Kreuze vorüber­gingen, ihre Häupter schüttelten und dem Sohne Gottes rie­ten, doch sich selber zu helfen und herabzusteigen (Mk 15,32), die Schmähung der Mitgekreuzigten und die Macht der Stun­de, da der Erlöser den Vater fragte, warum er ihn verlassen: dieses ganze Leiden unseres Herrn fordert von uns, daß wir uns die Freiheit seines Entschlusses immer wieder vergegen­wärtigen. Er war und blieb der König in einem jeden Augen­blick, sein Leiden war das Mysterium seines Königtums, durch welches Mysterium das Königtum sich aufs neue ent­hüllen sollte. Es war das Geheimnis der Macht, die so stark war, daß sie sich ihrer selbst begeben konnte. Christus hatte seine Auferstehung angekündigt, lange ehe er sich zum Tode führen ließ als das einzige Zeichen, das dem bösen und ehe­brecherischen, nach Zeichen lüsternen Geschlechte gegeben werden sollte (Mt 12, 39); die Auferstehung sollte über das Ärgernis hinaus, das auch die Jünger in der Nacht der Ge­fangensetzung nehmen würden, der letzte Erweis der Gött­lichkeit werden (Mk 14, 27). Der Sieg war gewiß, aber der Tod verlor darum seine Schrecken nicht, so daß der Herr in Gethsemani unter dem Schatten des kommenden Todes be­gann »zu zittern und sich zu entsetzen« (Mk 14, 33). Der Sieg und das Leiden, der Entschluß und das Opfer, die Macht des Weltkönigs und die Auslieferung an die stumpfe Macht der Welt bestanden nebeneinander fort in ihrer ganzen Gewalt. Aber wir wagen nicht weiter zu gehen. Das Kreuz ist von einer Wolke umhüllt, vor der unsere Ehrfurcht sich beugen soll. Niemand ermißt das ganze Leiden des Sohnes; indem wir die furchtbare Frage des Gekreuzigten an den Vater verneh­men, ist es uns, als ob uns die Ahnung noch eines andern Leidens streifen sollte, das durch die Höhen des Himmels gegan­gen ist, aber keinem Worte scheint es erlaubt zu sein, an dieses Leiden zu rühren. Wir, die wir tief unter dem Kreuze stehen als Nachfolgende, wollen daran denken, daß eine Freiheit und ein Wille in einem Leiden sein kann, das unter der Ge­walt der Welt geschieht und keine Freiheit zu gewähren scheint. Diese Freiheit ist der Entschluß, das Leiden anzu­nehmen für den Herrn und nur für ihn. Die Verherrlichung Christi ist die Bestimmung einer jeden Zeit, eines jeden Le­bens, eines jeden Werkes von Menschenhand; sie ist das eine, unabänderliche, von Gott gegebene Thema der Geschichte, die diesem Thema freudig oder zögernd, und wie es den An­schein haben könnte, oftmals widerwillig, oft auch auf ge­heimnisvoll-verborgene Weise, aber doch unter einem undurchbrechlichen Gesetze entspricht. Die Gesetze der irdi­schen Ordnung, des Geschehens auf Erden können ein Leiden ohne Maß verhängen, und doch ist in diesem Leiden selbst, in dem Geschehenlassen noch nicht der Sinn und Wert des Leidens; sie beginnen erst dann aufzuleuchten, wenn den Ge­horsam und die Ergebung ein erster Schimmer der Liebe er­reicht, das erste schüchterne Ja an den Herrn, das erste Ver­langen, ihm nahezukommen, ihm, wenn auch auf eine noch so unzulängliche Weise, ähnlich zu werden.

Indem wir diesem Ja, dieser Liebe uns nähern, machen wir eine Entdeckung. Je größer die Schmerzen und die Entbeh­rungen sind, je drückender die Sorgen und die Bangnis, je düsterer die Trauer, um so entschiedener ringen sie dieses Ja uns ab. Wenn uns die Not von allen Seiten umengt, wissen wir keine andere Hilfe mehr, als zu rufen: Ich will diesen Schmerz! Denn ich will dir nahekommen; jetzt, da ich gefan­gen und gefesselt bin, will ich dich. Erbarme dich meiner und mache mich frei, daß ich ein Bekenntnis zu dir und ein Zeuge deines Reiches, deiner Königsmacht werde, hier, an dieser Stelle, wo nicht mehr Worte sprechen, sondern das Leiden und das gläubige Tragen allein. Ich will zu dir ans Kreuz, zu dir hinauf. Ziehe mich empor! Auf Erden ist kein Raum mehr. Aber du hast den Ort erstritten, wo alle Menschennot gültig und bestanden wird für die Ewigkeit. – Denn es ist, wie der heilige Franz von Sales sagte, besser, mit dem Herrn am Kreuze zu hangen als das Kreuz zu betrachten. Diese Mög­lichkeit, das Bessere zu erlangen, kann uns aber nie und von keiner Macht der Welt genommen werden. Sie ist das Eigen­tum unserer unverlierbaren Freiheit.

Der Herr hat sich aus den Völkern sein Volk gebildet in de­nen, die an ihn glauben, und er bildet und sammelt dieses Volk fort und fort, durch alle Stunden der Geschichte. Ist der Wille, hinaufzusteigen zum Kreuze, nicht das Letzte, was er von seinem Volke verlangt: eine Tat, die im Gnadenreiche geschieht und auch, wenn sie unsichtbar bleibt, gewiß nicht ohne geschichtliche Wirkung ist? Sein Volk gelangt vor das Kreuz; es kann nicht anders sein; dies ist ja die Stunde der Gnade, der Vollendung, der entscheidenden Tat, da sein Volk vor das Kreuz gelangt. Jetzt kann dieses Volk der Gläu­bigen freien Willens leiden für ihn; es kann sühnen. Die höch­sten und wohl auch entscheidenden Vorgänge des geschichtli­chen Lebens: das Hereinwirken des Gnadenreiches in das irdische Geschehen sind in ihrer ganzen Bedeutung unerforschbar. Im ewigen Leben, am Tage des Gerichtes, werden wir erkennen, auf welche Weise diejenigen, in denen die Kraft Christi lebte, das Geschehen auf Erden durchdrungen, Gefahren überwunden, die Verdammnis abgewendet, das Stürzende noch einmal gehalten haben. Es geschah nicht um den Dank der Welt oder um weltlichen Ruhm und weltliche Güter und Pflichten, aber zum Heile der Welt ist es gesche­hen. Ist die Zeit der Passion herangerückt, so kommt alles darauf an, daß einige hinaufsteigen zum Kreuz, zu sühnen, zu versöhnen, eine Frist zu erringen, in der sich die Gnade der Menschen erbarmt; eine Frist, da die Menschen sich wie­der bereiten, die Gewalt der Wahrheit aufzunehmen und ihr zu leben. Aus eigener Kraft vermöchten auch diese wenigen eine solche Tat nicht zu tun; aber der Herr hat sie getan; seine Macht lebt auf Erden, in seinem Wort und Sakrament; aus dieser Macht können sich Menschen ans Kreuz geben für ihre Brüder. Dieser Wille führt vielleicht auf den Pfad der Schan­de; aber die Schande des Kreuzes ist die verhüllte Glorie des andern Reichs.

Wenn die Zeit der Passion gekommen ist, so verstehen wir auch den Zorn des Herrn über die Menschen, die wohl die Wetterzeichen des Himmels zu deuten wußten, aber nicht die Zeichen der Zeit. »Wenn es Abend geworden ist, saget ihr: es wird schön Wetter werden, denn der Himmel ist rot. Und am Morgen saget ihr: Heute wird stürmisches Wetter sein, denn der Himmel ist rötlich und trüb. Die Gestalt des Him­mels könnet ihr also beurteilen; aber in die Zeichen der Zeit könnet ihr euch nicht finden« (Mt 16, 2-4). Hinter den Wetterzeichen der Erde flammen die Zeichen der Ewigkeit, die Wetterzeichen des Gerichts. Die Zeit des großen Leidens ist da: es ist die Zeit, da das Beispiel des Herrn wieder voll­zogen werden, da seine Tat hineindringen will in die Ge­schichte. Es ist die Zeit der Liebe, die sich unter das Gesetz der Wahrheit stellt; die Zeit des Opfers, da das Leiden des Herrn Macht gewinnen will über die Seinen zum Heile aller: derer, die ihn suchen, und derer, die sich von ihm gewendet haben und ihn auf das furchtbarste entbehren, ohne es zu wissen. Der Herr kann dort nicht geleugnet werden, wo er lebt im Tun und Sein der Menschen, wo sein Leben zur Ge­stalt menschlichen Lebens wird. Das Angebot der Geschichts­zeit ist das Morgenrot der Passion; wenn die Völker gebeugt werden von der Gewalt der Schicksale und der Tod sie be­schattet, dann müssen einige die Kraft finden, willentlich einzugehen in die Passion, und vielleicht können die Völker dann auch ihr Leiden als eine Nachfolge der Passion erfahren. Die Not will gewonnen werden für die Ewigkeit; sie will ihren Sinn empfangen aus der Beziehung zum Herrn und sei­ner Tat. Aber nur das Beispiel der Gläubigen hilft zu diesem Siege; es stellt diese Beziehung her. Und noch die Trauer der Einsamsten und die bange Verlassenheit der Gefangenen kön­nen zum Siege und zur Verherrlichung werden; sie bedürfen allein des schweren, gnadenhaften Entschlusses, die Last em­porzuheben zum Kreuz. Wenn das Wort des Apostels gilt: nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir, dann müßte es auch zur Wahrheit werden, daß nicht wir trauern, sondern daß unsere Trauer zu einem Teile der Trauer Christi wird: dieser Trauer, die in der Todesnacht bestanden wurde und diese Nacht durchbrach.

Doch wir wollen uns in der Zeit der Passion des Auferste­hungstages noch nicht getrosten; er kommt, wir wissen es; jetzt aber ist die Zeit des Leidens; sterben wir nicht mit dem Herrn, so werden wir nicht mit ihm auferstehen. »Immer tragen wir das Hinsterben Jesu an unsern Körpern umher, damit auch das Leben Jesu an unsern Körpern offenbar werde« (2 Kor 4, 10), und »denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott« (Kol 3, 3). In der Zeit des Leidens soll das Leben enden, daß wir bisher gelebt; wir sol­len eingehen in Christi Tod; nur dieser Tod wird uns weiter­tragen. Berührt das Licht uns wieder, so können wir nicht mehr sein, was wir waren. Das, was wir unser eigen nannten, wird dann verzehrt sein; wir konnten den großen Sieg vorbe­reiten durch unsern Entschluß zum Kreuze; aber siegen wer­den nicht mehr wir. Siegen kann und wird nur der Herr. Und vielleicht sollen auch die Völker eingehen in seinen Tod, wis­send und willentlich und ohne sich das Furchtbare dieses Todes zu verschleiern. Dann werden die Völker wieder auf­erstehen als sein Volk, als die geeinten Träger seines bis zum Ende der Zeiten streitenden Reiches. Mit den Schmerzen allen sollen wir auch die Toten vor das Kreuz tragen; der Held, der den Tod bezwungen, will uns zu Helden im letzten Sinne machen: Wir sollen trauern für ihn und in unserm Leid das seine begreifen. Dann wird er leben in uns; die Zeit der Pas­sion ist die große Zeit seiner Wiederkehr; mit ihr will ein neu­er Tag seiner Macht, seines Handelns in der Geschichte be­ginnen. So steht die Passionszeit in Gottes Plan, und wir würden uns an der Geschichte und ihrem Sinn versündigen, wenn wir uns den Zeichen dieser Zeit verschließen wollten. In der Passion will die Geschichte sich wenden: die Geschich­te unserer Seele und die Geschichte der Welt. Den Weg der Wende hat der König erschlossen, da er emporstieg zum Kreuze und die Menschen keine Hoffnung mehr hatten als sein Leiden und seinen Tod.

Quelle: Reinhold Schneider, Gesammelte Werke, Bd. 9: Das Unzerstörbare. Religiöse Schriften, Frankfurt a.M.: Insel, 1978, S. 399-405.

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