Bekenntnis zur Unfreiheit des Willens (De servo arbitrio, 1525)
Von Martin Luther
Ich bekenne gewiß von mir: Wenn es irgendwie geschehen könnte, wollte ich doch nicht, daß mir der freie Wille gegeben wird, oder daß etwas in meiner Hand gelassen wird, wodurch ich zum Heil streben könnte, nicht allein deswegen, weil ich in so viel Anfechtungen und Gefahren, gegenüber so vielen ankämpfenden Dämonen nicht standhalten und jenen [den freien Willen] nicht zu behalten im Stande wäre, da ein Dämon mächtiger ist als alle Menschen und kein einziger Mensch gerettet würde, sondern weil ich, auch wenn keine Gefahren, keine Anfechtungen, keine Dämonen da wären, dennoch gezwungen sein würde, fortwährend aufs Ungewisse hin mich abzumühen und Lufthiebe zu machen [vgl. 1. Kor 9,26]; denn mein Gewissen würde, wenn ich auch ewig lebte und wirkte, niemals gewiß und sicher sein, wieviel es tun müßte, um Gott genug zu tun. Denn bei jedem vollbrachten Werk bliebe der beunruhigende Zweifel zurück, ob es Gott gefalle oder ob er etwas darüber hinaus verlange, so wie es die Erfahrung aller Werkgerechten beweist und ich zu meinem großen Unglück so viele Jahre hindurch genügend gelernt habe.
Aber nun [vgl. Röm 3,21], da Gott mein Heil meinem Willen entzogen und in seinen Willen aufgenommen hat und nicht auf mein Werk oder Laufen hin, sondern aus seiner Gnade und Barmherzigkeit verheißen hat [vgl. Röm 9,16], mich zu erretten, bin ich sicher und gewiß, daß er treu ist und mir nicht lügen wird [vgl. Nurn 23,19; 1. Kor 1,9; Tit 1,2; 2. Tim 2,13; Hebr 6,18], ferner mächtig und gewaltig ist, daß keine Dämonen und keine Widerwärtigkeiten imstande sein werden, ihn zu überwältigen oder mich ihm zu entreißen. ‘Niemand’, sagt er, ‘wird sie aus meiner Hand reißen, weil der Vater, der sie mir gegeben hat, größer ist als sie alle’ [Joh 10,28f]. So geschieht es, daß, wenn nicht alle, doch einige und viele gerettet werden, wo hingegen durch die Kraft des freien Willens überhaupt niemand errettet würde, sondern wir alle miteinander verloren gingen. So sind wir auch gewiß und sicher, daß wir Gott gefallen, nicht durch das Verdienst unseres Werkes, sondern durch die Gunst seiner Barmherzigkeit, die uns verheißen ist und, wenn wir weniger tun oder böse handeln, daß er es uns nicht zurechnet, sondern väterlich vergibt und bessert. Das ist der Ruhm aller Heiligen in ihrem Gott [vgl. Sir 1,11 Vulgata].
Wenn [dich] aber das empört, daß es schwierig ist, die Güte und Gerechtigkeit Gottes zu wahren, da er ja die, die es nicht verdient haben, verdammt, d.h. solche Gottlose, die in Gottlosigkeit geboren auf keine Weise sich selbst helfen können, daß sie nicht gottlos sind, bleiben und verdammt werden und durch die Notwendigkeit ihrer Natur gezwungen werden, zu sündigen und verloren zu gehen, wie Paulus sagt: ‘Wir waren alle Kinder des Zorns wie die anderen’ [Eph 2,3], da sie von Gott selbst aus dem durch die Sünde des einen Adam verderbten Samen als solche geschaffen sind, so ist hier Gott zu ehren und zu fürchten als der, der zuhöchst gütig ist an denen, die er als zuhöchst Unwürdige rechtfertigt und selig macht; und man muß wenigstens etwas seiner göttlichen Weisheit überlassen, auf daß geglaubt werde, er sei gerecht, wo er uns ungerecht zu sein scheint. Wenn nämlich seine Gerechtigkeit derartig wäre, daß sie durch menschliches Fassungsvermögen als gerecht beurteilt werden könnte, so wäre sie durchaus nicht göttlich und in nichts von der menschlichen Gerechtigkeit unterschieden. Aber da Gott einziger und wahrer Gott ist, ferner völlig unbegreiflich und der menschlichen Vernunft unzugänglich, so ist es angemessen, ja vielmehr notwendig, daß auch seine Gerechtigkeit unbegreiflich ist. So wie auch Paulus ausruft und sagt: ‘O welch eine Tiefe des Reichtums beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!’ [Röm 11,33.]
Sie wären aber nicht unbegreiflich, wenn wir in allem es fassen könnten, weshalb sie gerecht sind. Was ist der Mensch im Vergleich zu Gott? Wieviel ist es, was unsere Macht vermag im Vergleich zu seiner Macht? Was ist unsere Stärke im Vergleich zu seinen Kräften? Was ist unser Wissen, verglichen mit seiner Weisheit? Was ist unser Wesen im Vergleich zu seinem Wesen? Kurzum, was ist alles unsrige im Vergleich zu dem seinigen? [Vgl. Jes 55,8f; Hi 38-41; Ps 8,5.] Wenn wir also bekennen, wie auch die Natur lehrt, daß menschliche Macht, Stärke, Weisheit, Wesen und alles, was zu uns gehört, ganz und gar nichts ist, wenn es mit göttlicher Macht, Stärke, Weisheit, Wissen und Wesen verglichen wird, was ist das für eine Verkehrtheit bei uns, daß wir allein Gottes Gerechtigkeit und Gericht angreifen und durch unser Urteil uns so viel anmaßen, daß wir das göttliche Urteil begreifen, beurteilen und bewerten wollen? Weshalb sagen wir nicht gleicherweise auch hier: Unser Urteil ist nichts, wenn es mit dem göttlichen Urteil verglichen wird? Befrage die Vernunft selbst, ob sie nicht als überführte gezwungen ist zu bekennen, daß sie töricht und vermessen ist, wenn sie nicht Gottes Urteil unbegreiflich sein läßt, da sie sonst zugibt, daß alles andere Göttliche unbegreiflich ist. Freilich, in allem anderen gestehen wir Gott die göttliche Majestät zu, allein bei seinem Gericht sind wir bereit, sie zu verneinen, und können einstweilen nicht glauben, daß er gerecht sei, obwohl er es uns verheißen hat, daß er es sein werde, wenn er seine Herrlichkeit offenbart haben wird, so daß wir alle es dann sehen und greifen sollen, daß er gerecht gewesen ist und es noch ist.
Ich will ein Beispiel zur Bestärkung dieses Glaubens geben und um jenes scheele Auge [vgl. Mt 20,15] zu ermutigen, das Gott der Ungerechtigkeit für verdächtig hält. Siehe, so leitet Gott diese körperliche Welt in äußerlichen Dingen, daß, wenn du das Urteil der menschlichen Vernunft ansiehst und ihm folgst, du gezwungen bist zu sagen, entweder daß kein Gott ist, oder daß er ungerecht ist, wie jener [Poet] sagt: ‘Ich werde oft von dem Gedanken beunruhigt, daß es keine Götter gibt’. Denn siehe, wie glücklich leben die Bösen, wie unglücklich dagegen die Guten; was die Sprichwörter und die Erfahrung, die Mutter der Sprichwörter, bezeugen: ‘Je größer der Schalk, desto besser das Glück’. ‘In den Hütten der Gottlosen’, sagt Hiob [Hi 12,6], ‘herrscht Überfluß’. Und Psalm 72 [73,12] klagt, daß die Sünder in der Welt Überfluß an Reichtum haben. Ich bitte dich, ist es nicht nach dem Urteil aller sehr ungerecht, daß die Bösen glücklich und die Guten unglücklich gemacht werden? [Vgl. Ps 37,7.] Aber so bringt es der Lauf der Welt mit sich. Hier sind auch die höchsten Geister darauf verfallen zu verneinen, daß Gott sei, und zu ersinnen, daß das Glück alles blindlings treibe, wie z.B. die Epikuräer und Plinius. Ferner denkt Aristoteles, daß jenes sein erstes Sein, damit er es vom Elend befreie, nichts von den Dingen sehe als sich allein, weil er glaubt, es sei ihm sehr beschwerlich, so viele Übel und so viele Ungerechtigkeiten zu sehen.
Die Propheten aber, welche geglaubt haben, daß Gott sei, sind noch mehr wegen der Ungerechtigkeit Gottes angefochten worden, wie Jeremia, Hiob, David, Asaph und andere. Was, meinst du, haben Demosthenes und Cicero gedacht, als sie alles, was in ihrer Macht stand, zu Ende geführt hatten und einen solchen Lohn durch den elenden Untergang [vgl. Ps 49,11] empfangen hatten? Und dennoch wird diese Ungerechtigkeit Gottes, die höchst wahrscheinlich ist und mit solchen Argumenten vorgetragen wird, denen keine Vernunft oder kein Licht der Natur widerstehen kann, sehr leicht durch das Licht des Evangeliums und die Erkenntnis der Gnade aufgehoben, wodurch wir belehrt werden, daß die Gottlosen zwar leiblich in Blüte stehen, seelisch aber zugrunde gerichtet werden [vgl. Ps 73,17-19.27; Ps 37,34-38; Mk 8,34-39 par.]. Und es gibt für diese ganze unlösbare Frage diese kurze Lösung in einem Wörtlein, nämlich: Es ist ein Leben nach diesem Leben, in welchem alles, was hier nicht bestraft und vergolten wird, dort bestraft und vergolten wird, da dieses Leben nichts als der Vorlauf oder vielmehr der Anfang des zukünftigen Lebens ist.
Wenn also das Licht des Evangeliums, das allein im Wort und im Glauben gilt, so viel bewirkt, daß diese in allen Jahrhunderten behandelte und niemals gelöste Frage so leicht beigelegt und richtiggestellt wird, was, meinst du, wird wohl dann sein, wenn das Licht des Wortes und des Glaubens zurücktritt und die Sache selbst und die göttliche Majestät offenbar wird? Oder glaubst du nicht, daß dann das Licht der Herrlichkeit die Frage, welche im Licht des Wortes oder der Gnade unlösbar ist, gar sehr leicht lösen kann, da das Licht der Gnade die im Licht der Natur unlösbare Frage so leicht gelöst hat?
Setze [Gestehe] mir ein dreifaches Licht, das Licht der Natur, das Licht der Gnade, das Licht der Herrlichkeit, wie es eine verbreitete und gute Unterscheidung will. Im Licht der Natur ist es unlösbar, daß das gerecht ist, wenn der Gute unglücklich gemacht wird und es dem Bösen gut geht. Aber das löst das Licht der Gnade. Im Licht der Gnade ist es unlösbar, wie Gott den verdammen kann, der aus allen eigenen Kräften nichts anderes tun kann als sündigen und schuldig sein. Hier sagen sowohl das Licht der Natur wie auch das Licht der Gnade, es sei nicht des elenden Menschen Schuld, sondern des ungerechten Gottes [vgl. Hi 9,24; 40,8], denn sie können nicht anders über Gott urteilen, der den gottlosen Menschen [vgl. die Geschichte Davids] umsonst ohne Verdienst krönt [vgl. Ps 103,4] und einen anderen, der vielleicht weniger gottlos oder wenigstens nicht gottloser ist [vgl. die Geschichte Sauls], nicht krönt, sondern verdammt. Aber das Licht der Herrlichkeit sagt etwas anderes und wird zeigen, daß Gott, dessen Gericht jetzt noch eine unbegreifliche Gerechtigkeit in sich birgt, von gerechtester und offensichtlichster Gerechtigkeit ist, nur, daß wir inzwischen das glauben sollen, erinnert und bestärkt durch das Beispiel des Lichtes der Gnade, welches ein ähnliches Wunder beim natürlichen Licht vollbringt.
Quelle: WA 18, S. 783-785 (deutsche Übersetzung von Bruno Jordahn, bearbeitet von Thomas Reinhuber).
Gott leibt im Unbewussten
ob ich dem will oder nicht