Johann Philipp Gabler, Von der richtigen Unterscheidung der biblischen und der dogmatischen Theologie und der rechten Bestimmung ihrer beider Ziele (De justo discrimine theologiae biblicae et dogmaticae, regundisque recte utriusque finibus, oratio, Altdorf 1787): „Die biblische Theologie besitzt historischen Charakter, überliefernd, was die heiligen Schriftsteller über die göttlichen Dinge gedacht haben; die Dogmatische Theologie dagegen besitzt didaktischen Charakter, lehrend, was jeder Theologe kraft seiner Fähigkeit oder gemäß dem Zeitumstand, dem Zeitalter, dem Orte, der Sekte, der Schule und anderen ähnlichen Dingen dieser Art über die göttlichen Dinge philosophierte.“

Von der richtigen Unterscheidung der biblischen und der dogmatischen Theologie und der rechten Bestimmung ihrer beider Ziele.
Rede, gehalten am 30. März 1787, für das Amt eines ordentlichen Professors der Theologie an der Universität Altdorf[1]

Von M. Johann Philipp Gabler

Magnifizenz, Rektor der Hochschule (Akademie);
Edelster Herr, Präfekt dieser Stadt und des Landes;
Sehr erfahrene, am höchsten zu verehrende Herren,
sehr geschäftige, hochbedeutende,
hervorragende und hochberühmte Professoren aller Fakultäten,
beste Gönner, verbundenste Kollegen;
Und du, sowohl durch Herkunft als auch durch den Adel der Tugend bestens
ausgezeichnete Schar der Studierenden;
Sehr verehrte und vortreffliche Hörer aller Fakultäten!

Daß die heiligen Bücher, besonders des Neuen Testaments, jene einzige und leuchtendste Quelle sind, aus der jede wahre und sichere Erkenntnis der christlichen Religion zu schöpfen ist, und jenes heilige Palladium, zu dem wir bei der so großen Zweifelhaftigkeit und Wechselhaftigkeit der menschlichen Wissenschaft einzig unsere Zuflucht nehmen müssen, wenn wir nach einer festen Einsicht in das göttliche Wesen streben und wenn wir eine sichere und zuverlässige Hoffnung auf das Heil annehmen wollen: Das freilich, hochangesehene Zuhörer, bekennen alle einstimmig, die zu der heiligen Gemeinde der Christen gezählt werden. – Aber woher kommen bei dieser Übereinstimmung die so zahlreichen Meinungsverschiedenheiten in der Religion selbst?

[19] Woher die so unseligen Abspaltungen von Gruppen? Freilich geht diese Uneinigkeit aus von der Dunkelheit, die an etlichen Stellen der heiligen Schrift selbst herrscht; freilich von jener schlimmen Angewohnheit, seine eigenen Ansichten und Urteile in diese Bücher hineinzulegen, oder sogar von der sklavischen Methode, sie zu interpretieren [gemeint ist wohl: die von der Dogmatik versklavte Methode der Interpretation]; freilich daher, daß man nicht auf den Unterschied zwischen Religion und Theologie achtet; schließlich daher, daß die Einfachheit und Leichtigkeit der biblischen Theologie schlecht vermischt ist mit dem Scharfsinn und der Strenge der dogmatischen Theologie.

In der Tat, daß die heilige Schrift an vielen Stellen, ob wir nun den Text kritisch betrachten oder den Inhalt selbst, nicht selten von größtem Dunkel bedeckt wird, das freilich brauche ich nicht mit vielen Worten zu zeigen; denn es spricht die Sache selbst, und auch so viele erfolglose Arbeiten der Interpreten schreien zum Himmel. Dafür gibt es mehrere Gründe, bald vom Wesen und der natürlichen Beschaffenheit der Dinge her, die in diesen Büchern überliefert sind, bald von der Ungewöhnlichkeit der Wörter und dem allgemeinen Redestil her, bald von der Art und Weise der Zeiten und Sitten her, die von denen der unseren sehr verschieden sind, bald schließlich aus der Unfähigkeit vieler, diese Bücher, sei es aus der alten Gewohnheit im ganzen, sei es aus dem für jeden Schriftsteller charakteristischen Sprachgebrauch heraus richtig zu interpretieren. Diese Gründe aber alle im einzelnen anzuführen, darauf kommt es an dieser Stelle allerdings nicht an, da es ja sowieso offenbar ist, daß aus dieser Dunkelheit der heiligen Schrift, woher jene auch immer gekommen sein mag, unbedingt eine große Zahl verschiedener Meinungen entstehen mußte. – Dieses unglückliche Schicksal unserer Religion förderte auch noch jenes unheilbringende Unternehmen vieler, den Verfassern der heiligen Schrift selbst leichtfertig jeweils ihre eigenen, selbst die unwichtigsten Meinungen unterzuschieben. Natürlich bemühen diese Leute sich, ihre leichtfertigen Ansichten durch die Autorität der Verfasser der heiligen Schrift zu stützen: Es ist ja überhaupt von Wichtigkeit, den eigenen menschlichen Hirngespinsten gewissermaßen einen Heiligenschein umzulegen. Doch nicht nur von denen darf man annehmen, daß sie der heiligen Schrift in dieser Weise Gewalt antun, von denen wir wissen, daß sie von der Fähigkeit, richtig zu interpretieren, völlig verlassen sind, sondern wir merken ja auch, daß oft die scharfsinnigsten, in diesen Dingen erfahrensten Exegeten daran scheitern, daß sie die Gesetze richtiger Interpretation außer acht lassen und zu sehr ihren eigenen Einsichten nachgeben. Wir meinen aber auch nicht, daß schließlich diejenigen in angemessener und rechter Weise aus der heiligen Schrift ihre eigenen Lehren ermitteln, die die Worte der heiligen Schrift selbst verwenden: [21] Es geschieht nämlich häufig, daß sie, wenn sie bei den Wörtern stehenbleiben und nicht den Sprachgebrauch, der den Verfassern der heiligen Schrift zu eigen ist, beachten, eher irgendeine andere als die richtige Meinung der Verfasser wiedergeben. Denn wenn sie, um dieses eine Beispiel zu bringen, Metaphern mit einem Stäubchen abschnippen, wo die Sache auf allgemeine Begriffe zurückzuführen ist, dann freilich bringen dieselben Leute, die überzeugt sind, einen Sinn aus der heiligen Schrift herauszulesen, eben diesen erst hinein.[2]

Ein anderer, und zwar gewichtiger Grund für die Uneinigkeit liegt in der Nichtbeachtung des Unterschieds zwischen Religion und Theologie; denn wenn das, was in den Bereich der Theologie gehört, andere auf die Religion selbst beziehen, erkennen wir leicht, daß hier ein für schärfste Meinungsverschiedenheiten sehr geräumiges Gebiet ist, wobei diese umso unheilvoller sind, je unwilliger jeder das, was er auf die Religion selbst bezieht, sich entreißen läßt. Daß aber zwischen Religion und Theologie ein großer Unterschied besteht, hat nach ERNESTI, SEMLER, TELLER, SPALDING, TÖLLNER und anderen jüngst TITTMANN[3] hervorragend gezeigt, ein verehrungswürdiger Mann. Es ist nämlich, um mit den Worten des hocherhabenen Herrn zu reden, die Religion eine göttliche Lehre, die schriftlich überliefert ist; sie lehrt, was jeder Christ wissen, glauben und tun muß, um in diesem und im zukünftigen Leben Seligkeit zu besitzen. Die Religion ist also eine gewöhnliche und einleuchtende (durchschaubare) Wissenschaft; aber die Theologie ist eine subtile, ausgeformte, mit vielen anderen Wissenschaften in Verbindung stehend, und zwar ist sie nicht nur aus der heiligen Schrift, sondern auch anderswoher, aus dem Umkreis der Philosophie besonders und der Geschichte, entnommen: Und sie ist daher eine durch menschliche Fähigkeit und Verstand ausgebildete Disziplin, aus sorgfältiger und ständiger Beobachtung entstanden, die vielfache Wechselbeziehungen mit den übrigen Disziplinen erfahren hat: Denn sie behandelt nicht nur Dinge, die in den Bereich der christlichen Religion gehören, sondern setzt auch alles, was immer in irgendeiner Weise damit verbunden ist, recht sorgfältig und auch recht ausführlich auseinander, und schließlich schafft sie Raum für dialektische Gründlichkeit und Strenge. Aber diese große Fülle an Literatur und Geschichte umfaßt die Volkstümlichkeit der Religion nicht.

[23] Diese betrüblichen Meinungsverschiedenheiten nährte schließlich und wird leider noch länger nähren jenes unselige Bemühen, völlig verschiedene Dinge zu vermischen, zum Beispiel die Einfachheit der sogenannten Biblischen Theologie mit dem Scharfsinn der Dogmatischen Theologie, obwohl man doch wie mir scheint, die eine von der anderen genauer, als es freilich bis heute von den meisten zu geschehen pflegt, unterscheiden muß. – Welcher notwendige Grundsatz freilich für diese Unterscheidung festzulegen ist oder welche Verfahrensweise einzuhalten ist: Das eben ist es, was ich bei mir beschlossen habe, ganz kurz in dieser meiner Rede auseinanderzusetzen, soweit es mit meinen schwachen Kräften möglich ist und wenn es überhaupt geschehen kann. – Ich bitte also heftig um Ihre Gnade, A. O. O. H., und bitte inständigst Sie alle einzeln mit der gebührenden Hochachtung, so wie ich es mehr von Herzen überhaupt nicht könnte, daß Sie mir, während ich rede, Ohren und Sinn gewogen zeigen und mir, der ich allzu zaghaft wichtige Dinge entwerfe, durch Ihre freundliche Geneigtheit Mut einflößen.

Die biblische Theologie besitzt historischen Charakter, überliefernd, was die heiligen Schriftsteller über die göttlichen Dinge gedacht haben; die Dogmatische Theologie dagegen besitzt didaktischen Charakter, lehrend, was jeder Theologe kraft seiner Fähigkeit oder gemäß dem Zeitumstand, dem Zeitalter, dem Orte, der Sekte, der Schule und anderen ähnlichen Dingen dieser Art über die göttlichen Dinge philosophierte. Jene, da sie historisch argumentiert, ist, für sich betrachtet, sich immer gleich (obwohl sie selbst, je nach dem Lehrsystem, nach dem sie ausgearbeitet wurde, von den einen so, von den anderen anders dargestellt wird): Diese jedoch ist zusammen mit den übrigen menschlichen Disziplinen vielfältiger Veränderung unterworfen: Was ständige und fortlaufende Beobachtung so vieler Jahrhunderte übergenug beweist. Denn wie sehr unterscheiden sich die Kirchen der Gelehrten schon von den ersten Anfängen der christlichen Religion, wie viele Systeme nennen die Kirchenväter, je nach der Verschiedenheit von Zeit und Landschaft (Himmel)! Denn die Geschichte der Theologie lehrt auch, daß sowohl Chronologie als auch Geographie zu ihr gehören. Wie groß ist die Diskrepanz der scholastischen Theologie des Mittelalters, das von dichtem Dunkel der Barbarei bedeckt ist, von dieser alten Disziplin! Aber auch nachdem das Licht der Lehre des Heils aus dieser Dunkelheit aufgetaucht war, war die ganze Diskrepanz in der theologischen Disziplin nicht völlig aufgehoben, nicht einmal in der gereinigten Kirche selbst, um die Parteien der Sozinianer und Arminianer zu übergehen. Denn, um in der lutherischen Kirche zu bleiben, die Lehre eines CHEMNITZ und GERHARD ist eine, eine andere die von CALOV, eine andere die von MUSÄUS und von BAIER, eine andere die von BUDDEUS, eine andere die von PFAFF und von MOSHEIM, eine andere die von BAUMGARTEN, eine andere die von CARPOV, eine andere die von MICHAELIS und HEILMANN, eine andere die von ERNESTI und ZACHARIÄ, eine andere die von TELLER, [25] eine andere die von WALCH und CARPZOV, eine andere die von SEMLER, eine andere schließlich die von DÖDERLEIN. Aber die heiligen Schriftsteller sind wirklich nicht so wandlungsfähig, daß dieselben diese verschiedene Gestalt und Form der theologischen Disziplin anziehen könnten. Das freilich soll von mir nicht so gemeint sein, daß alles in der Theologie für unsicher und zweifelhaft gehalten werden soll oder daß alles bloß dem menschlichen Willen erlaubt sein soll; sondern nur so viel möchten diese Worte ausrichten, daß wir das Göttliche vom Menschlichen sorgfältig unterscheiden, daß wir eine gewisse Unterscheidung der Biblischen und der Dogmatischen Theologie festsetzen und nach Ausscheidung von dem, was in den heiligen Schriften allernächst an jene Zeiten und jene Menschen gerichtet ist, nur diese reinen Vorstellungen unserer philosophischen Betrachtung über die Religion zugrundelegen, welche die göttliche Vorsehung an allen Orten und Zeiten gelten lassen wollte, und so die Bereiche der göttlichen und menschlichen Weisheit sorgfältiger bezeichnen. So endlich wird unsere Theologie sicherer und fester, und so wird sie selbst vom heftigsten Angriff der Feinde nichts weiter zu fürchten haben. Diesen Bereich hat freilich mit Erfolg ein Buch des verstorbenen (seligen) ZACHARIÄ[4] behandelt: Wie viel es aber ist, was er anderen zum Verbessern, richtiger Definieren und Erweitern überlassen hat, brauche ich kaum zu erwähnen. Die ganze Sache aber läuft darauf zurück, daß wir teils in richtiger Weise ein rechtes Maß bei vorsichtiger Darstellung der Vorstellungen der heiligen Autoren einhalten, teils deren dogmatischen Gebrauch und deren Grenzen richtig festsetzen.

Das erste also ist in dieser außerordentlich wichtigen Sache, daß wir die heiligen Vorstellungen sorgfältig sammeln, und, wenn sie in der heiligen Schrift nicht ausdrücklich genannt sind, dann muß man sie selbst aus miteinander verglichenen Stellen entsprechend zusammenfügen. Damit dies umso erfolgreicher vonstatten geht und nicht irgendetwas aufs Geratewohl oder nach Belieben getan wird, ist freilich vielfache Vorsicht und Umsicht nötig. Vor allem wird Folgendes zu beachten sein: In diesen heiligen Büchern sind nicht die Ansichten eines einzigen Mannes enthalten und auch nicht die desselben Zeitalters oder derselben Religion. Die heiligen Schriftsteller sind freilich alle heilige Männer und durch göttliche Autorität geschützt; aber sie beziehen sich nicht alle auf dieselbe Form der Religion: Die einen sind Lehrer der alten und als solchen grundlegenden Lehrform, die Paulus selbst mit der Bezeichnung bezeichnet; die anderen sind Lehrer der neueren und besseren christlichen Lehrform.

[27] Deshalb können die heiligen Schriftsteller, wie sehr sie auch mit gleicher Achtung wegen der göttlichen Autorität, die ihren eigenen Schriften eingedrückt ist, von uns zu verehren sind, doch nicht alle, wenn wir auf den dogmatischen Gebrauch achten, auf dieselbe Stufe gestellt werden. Aber daß überhaupt die Theopneustie in jedem heiligen Mann die eigene Kraft des Verstandes und das Maß der natürlichen Einsicht in die Dinge nicht zerstört hat, das bedarf gar nicht vieler Worte. Schließlich da, jedenfalls an dieser Stelle, nur das untersucht werden soll, welche Ansicht jeder dieser Männer über die göttlichen Dinge gehabt hat, und da dies ohne Rücksicht auf die göttliche Autorität aus ihren Büchern selbst erkannt werden kann, möchte ich freilich meinen, es sei, damit wir nicht den Anschein erwecken, etwas, das irgendeiner Beweisführung bedarf, wie schon Anerkanntes anzunehmen, in dieser ersten Untersuchung, wo es nicht wichtig ist, mit welcher Autorität die Männer geschrieben haben, sondern was für eine Ansicht sie vertreten haben, überhaupt besser, diesen Punkt der göttlichen Inspiration völlig zu übergehen und ihn erst dann wieder zu behandeln, wo über den dogmatischen Gebrauch der biblischen Vorstellungen gehandelt wird. – Unter diesen Umständen müssen wir, wenn wir nicht erfolglos arbeiten wollen, die einzelnen Perioden der alten und neuen Religion, die einzelnen Autoren und schließlich die einzelnen Redeformen, die jeder je nach Zeit und Ort gebraucht hat, trennen; ob es das historische, didaktische oder poetische Genus ist. Wenn wir diesen geraden, wenn auch beschwerlichen und zu wenig angenehmen Weg verlassen, irren wir notwendigerweise irgendwie in unsichere Abwege ab. Man muß folglich sorgfältig die Vorstellungen der einzelnen Schriftsteller eifrig sammeln und jeweils an ihrem Ort einordnen: Die der Patriarchen, die des Mose, David und Salomo, der Propheten, und zwar jedes einzelnen, Jesaja, Jeremia, Ezechiel, Daniel, Hosea, Sacharja, Haggai, Maleachi und der übrigen; und aus vielen Gründen dürfen die apokryphen Bücher zur Benutzung nicht verachtet werden: Danach aus der Epoche des Neuen Testaments die Vorstellungen Jesu, des Paulus, des Petrus, des Johannes und des Jakobus. Diese Aufgabe wird vor allem in zwei Teilen [Arbeitsgängen] gelöst: Der eine besteht in der richtigen Interpretation der Stellen, die sich hierauf beziehen; der andere im sorgfältigen Vergleich der Vorstellungen aller heiligen Autoren untereinander.

[29] Der erstere Teil freilich enthält die meisten Schwierigkeiten.[5] Denn man muß dabei nicht nur Rücksicht nehmen auf den Sprachgebrauch, bald auf den allgemeinen, der im Neuen Testament sowohl Hebräisch-Griechisch als auch die griechische Volkssprache jener Zeit ist, bald aber auf den, der jedem Schriftsteller eigen ist, und besonders auf eine Bezeichnung, die an einer bestimmten Stelle allein vorkommt, sei es, daß sie ausführlicher ist, sei es, daß sie knapper ist, wobei zugleich die Rücksicht auf diese Verschiedenheit hinzukommt und, wenn es möglich ist, jene allgemeine Vorstellung erklärt wird, in der mehrere Bedeutungen desselben Wortes zusammenkommen.[6] Aber auch die Bedeutung und der Sinn eines Satzes selbst muß erfaßt werden; auch, welches die Grundbedeutung eines Wortes ist und welche ihm nur angefügt wurde. Denn die Vorsicht des Übersetzers darf nicht innehalten bei der ersten Bedeutung, die einem Worte zugrundeliegt, sondern er muß auch zur Sekundärbedeutung weitergehen, die von dem Zeitalter, von der Auffassung oder vom Sachgebiet her mit dem Wort verbunden ist und aus eben diesem Grunde zu den wichtigeren Begriffen zu ziehen ist. – Ferner muß man den eigentlichen oder nicht eigentlichen Gebrauch eines Wortes beachten; darin allerdings werden vor allem Fehler gemacht: Daß wir bei den Topoi hängenbleiben und so neue Dogmen aufstellen, an die nicht einmal die Autoren gedacht haben. Das kommt oft vor, nicht nur bei den poetischen oder prophetischen Büchern, sondern auch in den Schriften der Apostel, wo dieser uneigentliche Gebrauch der Wörter zurückzuführen ist auf die Fülle des Talents oder auf die gewöhnliche Ausdrucksweise der Gegner oder auf den für die ersten Leser vertrauten Gebrauch eines Wortes.[7] Das macht hier sehr viel aus, wenn wir mehrere Gedanken ein und desselben Autors, z. B. des Paulus, sorgfältig miteinander vergleichen und beim Vergleich des Inhalts und der Wörter viele Stellen, die denselben Sinn haben, der verschieden ausgedrückt ist, auf diese eine Vorstellung und Sache zurückführen: Was jüngst hervorragend bewiesen und gezeigt hat MORUS[8], dessen Name eine Aussage ist [wohl: für sich selbst spricht]. [31] – Endlich muß man gut unterscheiden, ob der Apostel mit seinen eigenen oder mit den Worten anderer spricht; ob er vorhat, irgendeine These nur aufzuzeigen oder aber zu beweisen; und wenn er das will, ob er den Beweis aus der inneren Natur und Beschaffenheit der Heilslehre selbst zieht oder aus den Aussprüchen der Bücher der alten Lehrform (= des Alten Testaments), und zwar angepaßt an das Verständnis der ersten Leser. Denn obgleich die Sätze der Apostel unser Vertrauen so verdienen, daß wir leicht irgendeinen Beweis ihrer selbst entbehren könnten, so verlangten doch die ersten Leser Beweise, und zwar ihrem Verständnis und Urteil angepaßt. Es liegt also viel daran, ob der Apostel irgendeine Meinung vorlegt wie einen Teil der christlichen Lehre oder ob vielmehr jene an die Bedürfnisse jener Zeit angeglichen und anstelle der Prämissen, wie die Logiker sagen, anzusehen sind. Wenn wir uns aber richtig an dieses alles halten, dann erst werden wir die wahren heiligen Vorstellungen, die jedem Autor vertraut waren, herausholen; freilich nicht alle (dafür wäre in den Büchern, die auf uns gekommen sind, kein Platz), sondern nur jene, die die Gelegenheit oder das Bedürfnis zu schreiben aus den Herzen der Autoren selbst herausgepreßt hatte, nichtsdestoweniger aber genügend viele, und zwar nicht selten von der Art, daß die übrigen, die übergangen worden sind, nicht schwer von da gesammelt werden können, wenn sie ein einzigartiges, deutlich gezeigtes Prinzip der Meinungen aufstellen oder wenn sie durch irgendeine notwendige Konsequenz mit ihnen verbunden sind: Diese Sache jedoch erfordert viel Vorsicht.

Danach muß ich nun schließlich zum anderen Teil meiner Aufgabe übergehen, nämlich zu einem sorgfältigen und nüchternen Vergleich der verschiedenen Teile, die jedem der beiden (Lehr) Formen (= Altes und Neues Testament) zugesprochen werden, miteinander. Deshalb müssen wir die einzelnen Meinungen –wobei MORUS, der bedeutende Mann, die Fackel voranträgt – den allgemeinen Vorstellungen unterordnen, besonders denen, die, an der oder jener Stelle der heiligen Schrift ausgedrückt, gelesen werden, doch unter der Bedingung, daß für je ihr Zeitalter, je ihre religiöse (Lehr-) Form, je ihre Provinz (Gebiet) und für jeden Geist jeweils die Vorstellungen feststehen; und es soll nicht miteinander vermischt werden, was aus irgendeinem Grunde voneinander getrennt ist. Wenn diese Vorsichtsmaßregel außer acht gelassen wird, muß notwendigerweise der Vorteil (der Verwendung) von allgemeinen Vorstellungen zum größten Schaden für die Wahrheit werden und die ganze Mühe beim genauen Herausarbeiten der Meinungen der einzelnen Autoren, die vorher aufgewendet worden ist, unnütz machen und zerstören. Wenn aber dieser Vergleich mit Hilfe der allgemeinen Vorstellungen so vollzogen wird, daß jedem das Seine unangetastet bleibt und deutlich auf der Hand liegt, in welchem Punkt die einzelnen gut zusammenpassen oder sich wiederum unterscheiden, dann endlich wird die Gestalt der reinen, nicht mit anderen vermischten Biblischen Theologie erfreulich sein, [33] und dann endlich werden wir ein solches System der Biblischen Theologie haben, wie es TIEDEMANN mit Erfolg von der stoischen Philosophie geschaffen hat.

Nachdem also diese Meinungen der göttlichen Männer aus den heiligen Schriften sorgfältig gesammelt, passend geordnet, vorsichtig auf Allgemeinbegriffe (= allgemeine Vorstellungen) zurückgeführt und genau miteinander verglichen sind, dann kann mit Nutzen eine Untersuchung über ihren dogmatischen Gebrauch und über die richtige Bestimmung der Grenzen der beiden Theologien, der Biblischen und der Dogmatischen, angestellt werden. Bei dieser Bezeichnung ist besonders zu untersuchen, welche Meinungen sich auf die bleibende Form der christlichen Lehre beziehen und so uns selbst angehen; und welche nur für die Menschen eines bestimmten Zeitalters oder einer bestimmten Lehrform gesagt sind. Es steht nämlich bei allen fest, daß nicht der gesamte Inhalt der heiligen Schriften für Menschen jeder Art bestimmt ist; sondern daß ein großer Teil von ihnen eher für ein bestimmtes Zeitalter, einen bestimmten Ort und eine bestimmte Art von Menschen nach dem Ratschluß Gottes selbst verbindlich gemacht worden ist. Wer, frage ich, bezieht wohl die mosaischen Riten, die schon von Christus abgeschafft worden sind, wer die Weisungen des Paulus, daß die Frauen sich in der heiligen Gemeindeversammlung verhüllen sollen, auf unsere Zeit? Die Vorstellungen der mosaischen Lehrform also, die weder von Jesus und seinen Aposteln noch von der Vernunft selbst her bestätigt werden, können von keinem dogmatischen Nutzen sein. Mit gleicher Methode muß man eifrig untersuchen, was in den Büchern des Neuen Testaments von den Vorstellungen und Notwendigkeiten der ersten christlichen Welt gesagt ist und was auf die bleibende Heilslehre zu beziehen ist; was in den Aussprüchen der Apostel wahrhaft göttlich und was zufällig und rein menschlich ist. – Und an dieser Stelle schließlich greift sehr gelegen die Untersuchung nach Art und Weise der Theopneustie ein. Dieser Sachverhalt, der allerdings sehr schwierig ist, wird, jedenfalls nach meiner Meinung, weniger richtig aus den Worten der Apostel gelehrt, in denen sie einen gewissen göttlichen Hauch erwähnen, weil nicht nur diese einzelnen Stellen viel Dunkelheit und Doppeldeutigkeit an sich haben, sondern weil wir uns auch davor hüten müssen, wenn wir uns mit Vernunft, weder voreilig noch begierig, mit diesen Dingen beschäftigen wollen, daß wir diese Meinungen der Apostel nicht über die zulässigen Grenzen hinaustragen, besonders weil nur die Wirkungen, nicht die Ursachen der Dinge mit den Sinnen wahrgenommen werden. Aber nach meinem Urteil allerdings muß die ganze Sache allein aus exegetischer Beobachtung durchgeführt werden, und zwar aus ständiger und sorgfältiger, und dieselbe muß dabei verglichen werden mit den deutlichen Versprechen unseres Retters für diese Angelegenheit: [35] Dadurch wird endlich mit Sicherheit festgestellt, ob überhaupt alle Meinungen der Apostel, welcher Art und Weise sie auch immer sind, wahrhaft göttlich sind, oder ob eher einige, die sich jedenfalls in keiner Weise auf das Heil beziehen, von deren Geist selbst hinterlassen werden.

Sobald alle diese Dinge zugleich richtig beobachtet und sorgfältig festgelegt sein werden, so werden endlich jene Stellen der heiligen Schrift ausgesondert und durchsichtig sein, die – zugleich auch von nicht zweifelhafter Lesart – sich auf die christliche Religion aller Zeiten beziehen und mit deutlichen Worten eine wirklich göttliche Form des Glaubens ausdrücken, „dicta classica“ im wahren Sinn des Wortes, die als Fundament einer gründlichen dogmatischen Untersuchung zugrunde gelegt werden können. Aus diesen allein nämlich können ohne Zweifel jene sicheren und unzweifelhaften allgemeinen Vorstellungen eruiert werden, die allein in der Dogmatischen Theologie Verwendung finden. – Wenn diese allgemeinen Vorstellungen durch sachgerechte Interpretation aus jenen „dicta classica“ herausgearbeitet werden, herausgearbeitet sorgfältig miteinander verglichen werden, verglichen jeweils an ihrem Ort treffend so eingeordnet werden, daß eine brauchbare und taugliche Verknüpfung und Ordnung der wahrhaft göttlichen Lehren zustande kommt, dann ist wahrhaft das Resultat die „Biblische Theologie im engeren Sinn des Wortgebrauchs“ als der, wie wir wissen, der verstorbene (selige) ZACHARIÄ bei der Bearbeitung seines sehr bemerkenswerten Werkes gefolgt ist. Und nachdem diese sicheren Grundlagen der Biblischen Theologie, in diesem engeren Sinn verstanden, auf die Art und Weise, die wir bisher beschrieben haben, gelegt sind, muß endlich die Dogmatische Theologie, wenn wir keinen unsicheren Methoden folgen wollen, aufgebaut werden, und zwar eine unseren Zeiten angemessene. Die Vernunft unseres Jahrhunderts erfordert nämlich, daß wir bald die Übereinstimmung der göttlichen Dogmen mit den Entscheidungen der menschlichen Vernunft genau lehren, bald, daß wir mit möglichst großer Kunst und Geschicklichkeit die einzelnen Kapitel der Lehre so ausarbeiten, daß weder Gründlichkeit, sei es bei der richtigen Einordnung der Stellen, sei es bei richtiger Beweisführung, noch Eleganz in der allgemeinen Gestalt und Form, noch reiche Kenntnisse hinsichtlich menschlicher Weisheit, besonders auch der Geschichtsphilosophie in irgendeinem Teil vermißt werden. – Deshalb soll das System und die Gestalt der Dogmatischen Theologie, da sie ja eigentlich eine „philosophia christiana“[9] ist, verschiedenartig sein im Verhältnis zu der Vielfalt sowohl der Philosophie als auch überhaupt der menschlichen Meinungen von dem, was scharfsinnig, gebildet, geeignet und nützlich, schließlich elegant und anmutig ist: [37] Wobei sie jedoch gleichzeitig in dem so großen Wandel der Wissenschaften selbst Biblische Theologie bleibt, soweit sie natürlich nur behandelt, was die göttlichen Männer über die Dinge, die die Religion betreffen, gedacht haben und was nicht für unsere Meinungen erdacht ist.

Da dies sich so verhält, erkennen wir, A. O. O. H., wie viel wir bei der Vollendung theologischer Disziplinen, jedenfalls wenn wir eine sichere Lehrform anstreben, bis dahin noch tun müssen; aber wir brauchen ja nur den richtigen, sicheren Weg und die richtige, sichere Methode bei deren Ausbildung einzuhalten, die zu dem hohen Gipfel der Vollendung führen, zu dem sie einen emportragen können. Und diesen, wie mir scheint, besseren Weg richtig zu weisen und die geeignete Art, diese Dinge zu behandeln, sorgfältiger zu beschreiben, das war es freilich, was ich mir für meine heutige Rede vornehmen wollte: Mit welchem Erfolg ich dies schließlich getan habe, urteilen Sie jetzt selbst. – Wie Sie gesehen haben, habe ich bei den Dingen selbst nichts zu bestimmen gewagt; und ich werde auch, außer nach Erfahrung (Nutzen) und Beobachtung vieler Jahre, nichts dabei bestimmen: Denn dies ist nicht Aufgabe der Anfänger, sondern der Alterfahrenen. Vielmehr zielte die ganze Rede allein auf die Methode, die Biblische Theologie sicherer und vorsichtiger zu fassen und ihre Grenzen richtiger zu bestimmen: Und ich wollte für andere, die sich eben in diesen Dingen besser auskennen, ein Gewährsmann und Ratgeber sein, damit sie wenigstens den Weg, der von mir beschrieben wurde, einhalten und so vollenden, wozu ich selbst mich nicht gewachsen fühle; sofern nur dies mit Demut und Ehrfurcht gegen Gott, die Religion und die heiligen Schriften und ohne unüberlegte Begier und Eile, Neues zu bringen, geschieht. Man muß allerdings wegen der Reinheit und Heiligkeit der Religion selbst bitten, daß die theologische Wissenschaft, sowohl die biblische als auch die dogmatische, von Tag zu Tag erfreulicher gedeihe!

Es bleibt nun noch, daß ich dem hochzuverehrenden Mann, der dem irdischen Leben schon entrissen ist, dem hochverdienten Theologen dieser Hochschule (Akademie) und Gemeinde, D. Johann August DIETELMAIER, meine Verehrung und Dankbarkeit bezeuge, ich, der ich durch die einzigartige Gunst der sehr illustren Herren Kuratoren unserer Hochschule (Akademie) aus den entferntesten Landstrichen Deutschlands zur öffentlichen Professur der Theologie an dieser berühmten Universität der schönen Wissenschaften berufen und mit so vielen so großen Wohltaten überhäuft wurde. Ich wünsche also nichts mehr, als daß unter der gnädigsten Regierung des hocherhabenen Kaisers JOSEPH II. die berühmte Stadt Nürnberg von Tag zu Tag wachse und gedeihe. – Der höchste Gott sei mit seiner vorausschauenden Fürsorge bei dem hochedlen Senat dieser berühmten Republik, damit der Ausgang der außerordentlich klugen Beratungen höchst erfolgreich sei und daß alle Ratschläge sich zum Heil der hochillustren Herren selbst und zur Erhaltung der hochedlen Geschlechter wenden. – [39] Es erleuchte die göttliche Gnade besonders die hochillustren Kuratoren dieser Universität, meine allergnädigsten Herren, die nicht weniger durch ihren Ruhm als durch den Glanz ihrer Abkunft angesehen sind, die nicht nur dadurch, daß sie mir eine so außerordentlich bedeutende Stelle in der ehrenwerten Theologischen Fakultät gnädig überlassen haben, sondern auch durch die gewaltige Anhäufung von anderen Wohltaten, ebenso wie die hochillustren Landesherren sich mich so sehr verpflichtet haben, daß ich mich mein ganzes Leben lang der Vergeltung dieser Dankesschuld nicht gewachsen fühle. Es erstatte also Gott T. O. M. das, was ich selbst jedenfalls nicht zu erstatten vermag, und er lasse jenen Herren das höchste und am meisten erwünschte Glück in allen Dingen zukommen. Er mache ferner, daß alle Pläne, die sie im Hinblick auf das Wohlergehen unserer Hochschule (Akademie) gefaßt haben, zu einem bei weitem sehr glücklichen Ausgang gelangen. Darauf werde ich in der Tat eifrig hinarbeiten, wobei ich nach Kräften, sofern mir Gott [ein so langes] Leben zugestanden haben wird, die einzelnen Bereiche (Teile) meines Amtes verwalten werde, daß die hochillustren Herren nicht meinen, sie hätten ihre Wohltaten einem Undankbaren erwiesen.

Jetzt wende ich mich an Sie, Magnifizenz, Rektor der Hochschule (Akademie).[10] So groß sind in der Tat Ihre Verdienste mir gegenüber, so große und so einzigartige Zeichen Ihrer besonderen Gunst und Ihres besonderen Wohlwollens haben Sie mir zuteil werden lassen, daß das Andenken an Ihren verehrungswürdigen Namen mir immer besonders heilig sein wird. Einen würdigen Dank freilich für diese so große Gunst, die ich schon in Dortmund erfahren habe, kann Ich ihnen, Magnifizenz, nicht abstatten; wenn aber etwas in mir ist, das mich für die Zukunft auf irgendeine Weise Ihnen empfehlen könnte, so ist dies in der Tat mein frommer Sinn, mit dem ich Sie verehre, der niemals aufhören wird, den höchsten Gott mit heißesten Gebeten anzuflehen, er möge die Wünsche, die er für sie ausgesprochen hat, erfüllt sein lassen: Gott, der Beste und Größte möge Sie, die besondere Zierde und Schmuck unserer Hochschule (Akademie) und meinen besten Gönner, bis in die späten Lebensjahre hinein gesund und unversehrt erhalten und Sie immer mit solch großem Glück beschenken, das mir und allen Gutgesinnten nur reichlichsten Anlaß liefern kann zur Freude und der ganzen Universität zum Dank. – [41] Möge es erlaubt sein, den anwesenden erhabenen Prokanzler dieser Hochschule (Akademie) zu verehren, einen Mann, der sich sowohl um die gesamte Wissenschaft als auch besonders um diese Universität der Wissenschaften bei weitem sehr verdient gemacht hat. Gott gebe, daß er sein Land zum Vorteil der öffentlichen und der wissenschaftlichen Angelegenheiten so lange wie möglich ziert und daß er reichlichste Frucht seiner so hervorragenden Bemühung um die Angelegenheiten des Vaterlandes ernte.

Dasselbe erbitte ich für Sie, edelster Herr, Präfekt dieser Stadt und des Landes, bei dem ich nicht weiß, ob ich die Bildung des Geistes oder die Würde des Amtes mehr verehren soll. Sie haben mich, als ich ankam, ja mit so großem Wohlwollen aufgenommen, als ob ich mich schon lange um die Hochschule (Akademie) und Gemeinde gut verdient gemacht hätte, und bis hierher mit so großer Gunst umfangen, daß Sie mich Ihnen eng verpflichtet haben. Gott bewahre Sie mit Ihrem hochedlen Geschlecht so lange wie möglich, und Er überhäufe Sie mit jeder beliebigen Art von Segen.

An Sie wendet sich schließlich meine Rede, hervorragendste und hochberühmte Professoren aller Fakultäten, hochverehrte, hochwillkommene Gönner und Kollegen; und besonders an Sie, meine am höchsten zu verehrenden Herren, die Sie der ehrenwerten Theologischen Fakultät angehören. Seit ich hierher gekommen bin, haben Sie mich mit so großer Freundlichkeit empfangen und sich mir so wohlwollend und kollegial gezeigt, daß ich dieses besonders angenehme Band, das mich mit Ihnen verbunden hat, zum höchsten Glück meines Lebens zähle. Glauben Sie mir bitte, daß ich, wie ich niemals Ihre Wohltaten vergessen werde, ebenso mich außerordentlich glücklich schätzen werde, wenn ich, bei welcher Art meiner Aufgabe auch immer, Ihre Freundschaft auch in Zukunft verdienen und die verdiente Freundschaft bewahren könnte. Gott segne, das bitte ich inständig, Ihre privaten und öffentlichen Angelegenheiten: Er bewahre und stärke Ihre Kräfte über eine sehr lange Reihe von Jahren hin, damit sich diese Hochschule (Akademie) so lange wie möglich zu solchen Männern beglückwünschen kann, die durch Ruf und Verdienst sehr gefeiert sind.

Ihnen schließlich, sehr verehrte Kommilitonen, bekenne ich meine dankbarste Gesinnung für Ihre so große Liebe zu mir, die Sie mir so oft bewiesen haben, und biete Ihnen jede beliebige Art der Aufgaben und Studien gern und dankbar an. Gott unterstütze Ihre wissenschaftlichen Studien, daß Sie, jetzt Hoffnung des Vaterlandes, einst als seine Zierde und Schmuck erstrahlen mögen.

Der höchste Gott gebe, daß diese ganze Universität mehr und mehr blühe und gedeihe!

Ich habe gesprochen.

Übersetzung aus dem Lateinischen durch Otto Merk.

Quelle: Johann Philipp Gabler (1753–1826) zum 250. Geburtstag, hg. v. K.-W. Niebuhr u. C. Böttrich, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2003, S. 17-41 (ungerade Seiten).


[1] De justo discrimine theologiae biblicae et dogmaticae, regundisque recte utriusque finibus, oratio. Altdorf 1787.

[2] Dazu verdient, besonders gelesen zu werden, was der selige ERNESTI, ein unsterblicher Mann, in seiner Abhandlung „Pro grammatica interpretatione librorum sacrorum“ und in: „De vanitate philosophantium in interpretatione librorum sacrorum“, Opusc. Philolog., ed. II, S. 219 ff. und MORUS, ein sehr bedeutender Mann, im Vorwort zu: „De discrimine sensus et significationis in interpretando“, Lipsiae 1777, wahrhaft und gelehrt beobachtet haben.

[3] Progr(amm) de discrimine theologiae et religionis, Vitembergiae 1782.

[4] In dem sehr bekannten Buch, das von ihm betitelt wurde: Biblische Theologie.

[5] Darauf hat in hervorragender Weise hingewiesen der selige ERNESTI in: Commentt. de difficultatibus N. T. recte interpretandi; und in: De difficultate interpretationis N. T., Opusc. philol.‚ ed.II., S. 198ff. und S. 252ff.

[6] Welche Vorsicht bei dieser Untersuchung der Erkenntnis der Bedeutungen eines und desselben Wortes jedenfalls anzuwenden ist, hat der hochbedeutende MORUS im Vorwort zu: De nexu significationum eiusdem verbi, Lipsiae 1776, gelehrt.

[7] f. disp. de discernenda propria et tropica dictione praes. s. v. NOESSELT, Hallae 1763.

[8] Dies hat der bedeutende Mann sowohl in der Abhandlung „De notionibus universis in Theologia“ als auch in „Progr. de utilitate notionum universarum in Theologia“, Lipsiae 1782, behandelt.

[9] Vgl. TOELLNER, Theologische Untersuchungen, St. 1, S. 264 ff.

[10] Das Szepter der Hochschule (Akademie) hält zur Zeit der außerordentlich hervorragende und hochbedeutende GEORG ANDREAS WILL in Händen, ein sehr berühmter Mann, der sich um diese Hochschule (Akademie) als auch um die Angelegenheiten der Stadt Nürnberg überhaupt im höchsten Maße verdient gemacht hat, und der mein bester Förderer ist.

Hier der Text als pdf.

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