Entwurf zum Lobpreis der Musik (Encomion musices, 1538)
Von Martin Luther
Allen liebhabern der freien Kunst Musica / wünsch ich Doctor Martinus Luther, Genad und Fried von Gott dem Vater und unserm HERRN Christo etc.
Ich wolt warlich das alle Christen den theuren / warden hohen schatz / die lieben Musicam meine ich / so Gott uns Menschen gegeben / ja lieb und werdt hielten / den es ist ein solch / herlich Kleinot / das ich nicht weis wo ichs nemen soll / Davon / wie sichs gebüret zu reden.
Ist doch nichts auff Erden / das nicht seinen klang hat / und seine zal / ja auch die Lufft / so doch unsichtbar und unbegreifflich ist / wenn man darein schlegt mit einem stabe / so klinget sie.
Das also diese edle Kunst in allen Creaturen ihr bildnus hat. Ach wie eine herrliche Musica ists / damit der Allmechtige HERR im Himel seinen Sangmeister / die liebe Nachtigal / sampt jren jungen Schülern / und so viel tausand mal vögel in der Lufft / begnadet hat / do ein jedes geschlecht seine eigene ahrt und Melodey / seine herrliche süsse stim und wünderliche Coleratur hat / die kein Mensch auff Erden Erlangen noch begreiffen kan.
Der liebe David hat solches mit gröβern verwundern im Geist angeshehn / do er spricht im 104. Psalm: An demselben sizten die Vogel des Himmels / und singen unter jren zweigern
Und uber das alles hat er die Menschen mit dieser Kunst noch höher begnadet / das nichts dargegen zurechnen ist / wenn eines Menschen stimm erklingt.
Die Heydniche Philosophi haben sich hefftig bemüht zuerforschen / wie doch des Menschen Zunge also wunderlich die gedancken ds Hertzens / beide mit reden und singen dargeben möge / aber sie habens nicht können ergründen / ja e sist noch keiner so weit kommen / der da hette können ausgrunden das abc. Von der Musica / Nemlich das unter allen sichtbarn Creaturen / der Mensch allein die freude seines hertzens also darthun kan / wenn er lacht / und dagegen / wenn er betrübet ist / das er weinet.
In summa die edle Musica ist nach Gottes wordt / der höchste Schatz auff Erden. Sie regiret alla Gedanken / sinn / hertz und muth.
Wilstu einen betrübten frölich machen / einen frechen wilden Menschen zeumen das er gelinde werde / einem zaghafftigen einen muth machen / einen hoffertigen demütigen / und dergleichen / was kann besser dazu dienen / denn diese hohe / theure / werde und edle kunst. Der heilige Geist ehret sie selbst / unnd helt sie hoch / do er zeuget wie der böse Geist von Saul gewichen sey / wenn David auff der Harffen schluge. Item da der Prophet Elisa weissagen solte / befahl er man solte jm ein spielman her bringen, der auff der Harffen schlüge. Daher auch nicht die lieben Veter und Propheten / ohn ursach gewolt haben / das bey der Kirchen die Musica alzeit bleiben solt / daher sind kommen so viel geseng und Psalmen.
Und ist diese theure gabe allein den Menschen geben / das er sich dobey erinner er sey dazu geschaffen / das er Gotte loben und preisen sol.
Auch sihet man in dieser Kunst / die grosse unaussprechliche / unbegreiffliche und unerforschliche weisheit Gottes / das die eine stimme jhrer art nach fein gerate und einfeltig her gehet / und die andern so wunderbarlichen auff allen örtern /daneben und umbher spielen / freundlich einander / begenen / und sich gleich hertzen und lieblichen umbfangen / das / wer jm ein wenig nach dencket / und es nicht für ein unaussprechliches wunderwerck des Herrn helt / der ist nicht werdt / das er ein Mensch heist / und solte nichts anders hören / denn wie der Esel schreiet unnd wie die Saw gruntztet.
Darumb last uns in diesem thewren geschöpff / den Schöpfer erkennen und ihr nicht misbrauchen / noch dem Teuffel damit dienen / sondern Gott der HERREN damit loben und preisen. Die sie aber misbrauchen / zu sauffen / schwelgen / leichtfertigkeit und unzucht / die bezeugen damit das sie noch ins Teuffelsreich sein welcher ist ein feind Gottes, der natur und alles des / so Gott gemacht und gut heist: Hiemit wil ich euch allen Gott dem Herrn bevolen haben.
Wittenberg 1538.
Veröffentlicht als Vorwort zu Wolfgang Figulus: Cantionem Sacrarum […] primi tomi decas prima (Frankfurt an der Oder: Eichhorn, 1575). (“Cum praefatione germanica […] Martini Lutheri ante non impressa”). RISM A/I F 721.
Walter Blankenburg, (Überlieferung und Textgeschichte von Martin Luthers ‚Encomion musices‘, Lutherjahrbuch 39, 1972, S. 80-104) hat stichhaltig nachgewiesen, dass das deutschsprachige Vorwort zu Wolfgang Figulus’ Cantionem sacrum . . . primi tomi decas prima (Nürnberg, 1575) keine neue Übersetzung von Luthers lateinischsprachigem Vorwort zu Symphoniae iuncundae atque adea breves quattuor vocum (1538 gedruckt von Rhau) darstellt, sondern vielmehr Luthers eigener deutschsprachiger Entwurf ist.
Hier Luthers deutsch- bzw. lateinsprachiges Vorwort im Vergleich.