Wie die Luther-Bibel 2017 in der Übersetzung von Matthäus 18,6 die Betroffenen sexueller Gewalt in der Kirche zu Mittätern macht: „Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, …“

Wie die Luther-Bibel 2017 in der Übersetzung von Matthäus 18,6 die Betroffenen sexueller Gewalt in der Kirche zu Mittätern macht

Im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch innerhalb der Kirche bzw. der Gemeinde hat Jesu Wort an seine Jünger im Evangelium nach Matthäus ein besonderes Gewicht: „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde. Wehe der Welt wegen der Ärgernisse! Es muss zwar Ärgernisse geben; doch wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt!“ (Matthäus 18,6f par Mk 9,42 Einheitsübersetzung 2016)

Mit diesen Worten verdammt Jesus jeden übergriffigen Machtmissbrauch gegenüber Schutzbefohlenen („die Kleinen“) auf das Schärfste (der Katapontismos war als Strafe im Judentum verpönt!). Das missbräuchliche Geschehen wird ausschließlich den „Mächtigen“ zugeschrieben. Demzufolge wird in der Zürcher Bibel skandalísē mit „zu Fall bringt“ übersetzt; in der NRSV heißt es „put a stumbling block before“.

In seinem Kommentar zur Parallelstelle in Markus 9,42 schreibt Klaus Berger diesbezüglich: „Jedes einzelne Gemeindeglied ist so kostbar, so heilig, dass man das ganze Heil riskiert, wenn man es aufgrund von Wort oder Tat hinausdrängt. Denn das ist der Sinn von »Ärgernis geben«. Auch hier sind Jesus und Paulus (1 Kor 8.10) ganz einig. Das Schlimmste ist, wenn ein Christ dem anderen der Grund zum Austreten aus der Gemeinde wird. Die Verantwortung der Christen für den Glauben des anderen Christen wird daher von Jesus enorm hoch eingeschätzt. Salz ist unersetzbar (vgl. Mt 5,13f). Der Ursprung der Verbindung von »Kleinen« und Ärgernis liegt wohl in der Form, die Sach 13,7 in Mk 14,27 bietet. Parallel zu den Schafen stehen in Sach 13,7 die »Kleinen«. Nach Mk 14,27 werden sie alle straucheln/Ärgernis nehmen. Warum gelten dem Ärgernis die schärfsten Sanktionen? Offenbar gilt: Wer andere hinausdrängt, greift Gott physisch an, und die Heiligen als Ort der Gegenwart Gottes sind um Gottes willen vor Abspaltung zu bewahren. Denn jede Gemeinde bildet ganz real die Einheit Gottes ab.“ (Kommentar zum Neuen Testament, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 2011, S. 178f.)

Was nun die neue Luther-Bibel 2017 aus Jesu Mahnung gemacht hat, ist höchst problematisch. Ohne Anhalt an Luthers eigener Übersetzung bzw. an anderen deutschsprachigen Übersetzungen (auch nicht Luther 1984) heißt es stattdessen: „Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, …“ Und genau das ermöglicht eine fatale Praxis sexuellen Missbrauchs: Der Täter macht in seiner Übergriffigkeit Schutzbefohlene selbst zu „Bösewichten“ und hüllt damit die Betroffenen bzw. Opfer eigener Verfehlung in das Verschweigen eines angeblich gemeinsamen Bösen ein.

Hier der Text als pdf.

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