Es wurde ein Kind, nicht ein Schnitzwerk
Von Joseph Wittig
Ich schreibe diese Zeilen am „Christ heiligen Abend“. Mit Weib und Kindern stehe ich anbetend vor der Nachbildung des Stalles und der Krippe, in der die Jungfrau Maria den vom Heiligen Geiste empfangenen und in dieser Nacht geborenen Gottessohn bettete. Alle meine Vorfahren, soweit menschliches Gedächtnis zurückreicht, standen so an diesem Abend Jahr für Jahr anbetend vor der „Krippe von Bethlehem“. Und sie glaubten, daß das in heiliger Nacht von der Jungfrau geborene Kind „wahrer Mensch und wahrer Gott“ sei. Sie waren alle kluge Männer mit kritischem Geiste, denn sie waren alle Zimmerleute, als welche nur kluge Männer mit prüfendem Blick für Maß und Winkel, gerade Linie und rechte Gehrung brauchbar sind und auch in großer Höhe auf schmalem Brett noch schwindelfrei bleiben können, die sich also nichts vormachen lassen, aber auch vor großer und gefährlicher Höhe nicht zurückschrecken. Es ist viel zu wenig, wenn ich sage: sie glaubten an das Wunder der Heiligen Nacht. Sie glaubten nicht nur, sondern sie wußten darum, wie wenn es ihnen in besonderer Weise geoffenbart worden wäre. Und sie wußten nicht nur darum, sondern fühlten sich von innen heraus gezwungen, es darzustellen, nicht in dichterischem Wort, sondern in künstlerischem Schnitzwerk und belebender Mechanik. Sie schufen wohl alle für ihr Haus eine bewegliche Weihnachtskrippe, die das Wunder inmitten einer lebensvoll bewegten Welt, zwischen den Straßen der Welt und den Viehwegen und Viehtrieben der Gebirge darstellte. Und nicht nur dies: Sie taten ihre ganze Liebe in ihr Werk, und es ist ein Wunder, daß sie Kinder kriegten, da doch ihre ganze Liebe nicht in den Schoß ihrer lieben Frauen, sondern in die Kunst und Bewegung ihres Werkes einging. Sie liebten ihre Frauen, aber ihre eigentliche Liebe galt dem „Christkind“, das in der Heiligen Nacht geboren wurde. Sie liebten Gott, aber sie liebten und fanden ihn in diesem Kinde. Sie hatten keinen Gott außer diesem Kinde. Und wenn ein Gott für sie da sein wollte, mußte er in diesem Kinde sein. Und indem sie dieses Kind schnitten und es zum Mittelpunkt einer ganzen bewegten Welt machten, hatten sie nicht das Empfinden, nur eine Abbildung zu schaffen oder eine geschichtliche Szene zu gestalten; sie gebaren das Kind in der Liebe ihres Herzens. Es wurde ein Kind, nicht ein Schnitzwerk.
Quelle: Joseph Wittig, Roman mit Gott, Neuausgabe, Moers: Brendow, 1990, S. 202f.