Edwin J. Dukes/Adele M. Fielde, Über das Fußbinden in China (Alltagsleben in China, 1892): „Ohne Binden ist ein solcher Fuß ganz unbrauchbar und er bietet einen so schrecklichen und widerlichen Anblick, dass eine Chine­sin freiwillig nicht einmal ihre Leidensgenossen die bloßen Füße sehen lässt.“

Über das Fußbinden in China (1892)

Man braucht zu dem Fußbinden keine eiser­nen oder hölzernen Maschinen, sondern nur lange Streifen von festem elastischem Zeug. Die betreffenden Binden werden auf kleinen Handwebstühlen gewoben; sie sind ungefähr zwei Zoll breit und zehn Fuß lang. Ein Ende des Bands wird an der inneren Seite des Spanns angelegt und von da über die vier kleinen Zehen geführt, dieselben an die Sohle hinunterbiegend; dann geht die Binde unter dem Fuß durch, über den Spann und um die Ferse, zieht Ferse und Zehen näher zusammen, macht auf dem Spann eine Beule und in der Sohle darunter einen tiefen Einschnitt. Man fährt mit dem Umwickeln fort, solange das Band reicht, dessen Binde dann festgenäht wird. Wenigstens einmal monatlich kom­men die Füße mit samt den Binden in einen Eimer mit heißem Wasser, in dem sie eine Weile bleiben. Hierauf löst man die Binden, reibt die abgestorbene Haut weg, drückt den Fuß noch mehr in die gewünschte Form, bestreut ihn mit Alaunpulver und macht dann schnell frische Binden herum. Wenn man mit dem Anlegen der neuen Binden zögert, so kommt der Blutumlauf in den Füßen wieder in Gang und das Binden ist von neuem sehr schmerzhaft. Die Schmerzen sind am geringsten, wenn die Füße so fest und so anhaltend gebunden sind, daß sie durch den Druck der Binden wie abgestorben werden. Nicht selten kommt es vor, daß während des Prozesses das Fleisch faul wird und Teile der Sohle sich ablösen. Oft fallen auch ganze Zehen ab. In diesem Fall wird der Fuß noch viel kleiner und durch monatelanges Leiden wird besondere Ele­ganz erworben. Der Schmerz dauert gewöhnlich ungefähr ein Jahr und nimmt dann allmählich ab. Nach zwei Jahren sind die Füße abgestorben und unempfindlich. Während jenes ersten Jahres schläft das Opfer der Mode nur auf dem Rücken. Die Ärmste liegt stöhnend querüber im Bett und ihre Füße hängen herab, so daß der Rand der Bettstelle die Nerven in der Kniekehle zusammen­drückt, wodurch der Schmerz etwas betäubt wird. Selbst bei dem kältesten Wetter kann das Mädchen sich nicht in eine Decke hül­len, denn sobald die Glieder anfangen warm zu werden, wird auch der Schmerz heftiger. Es soll ein Gefühl sein, als würden einem Nadeln in die Gelenke gestochen. Ein Mädchen kann, solange ihre Füße in Behandlung sind, das Zimmer nicht verlassen. Will sie ein paar Schritte gehen, so legt sie die Knie auf zwei Schemel, so daß die Füße den Boden nicht berühren, und rutscht den Schemel mit den Händen weiter. Wenn der Fuß vollkommen umgestaltet ist, hat er in der Sohle einen Einschnitt so tief, daß man einen Silber­dollar darin verstecken kann. Die vier kleinen Zehen sind so verdreht, daß man ihre Spitzen an der Innenseite des Fußes, unter­halb des Knöchels sehen kann. Die gebrochenen und verrenkten Knochen des Mittelfußes sind da, wo der Spann sein sollte, in eine Masse zusammengepreßt. Der ganze Fuß hat die Gestalt eines Hennenkopfes, dessen Schnabel durch die große Zehe gebildet wird. Vom Knie abwärts sieht man fast nur Haut und Knochen. Ohne Binden ist ein solcher Fuß ganz unbrauchbar und er bietet einen so schrecklichen und widerlichen Anblick, daß eine Chine­sin freiwillig nicht einmal ihre Leidensgenossen die bloßen Füße sehen läßt. Die Füße werden immer mit Alaun bestreut und einge­bunden; aber man hat später kürzere Binden als während der Behandlung. Bei Nacht stecken die Füße in leichten Baumwoll­schuhen, bei Tag in schönen gestickten Abendschuhen mit farbi­gem Absatz. Darüber fällt ein zierliches Höschen, das nur die große Zehe vorsehen läßt, diese hat die Form wie das Kelchblatt einer Feldlilie.

Quelle: Edwin Johnson Dukes/Adele Marion Fielde, Alltagsleben in China. Bilder aus dem chinesischen Volksleben, frei übersetzt von Luise Oehler, Basel: Verlag der Missionsbuchhandlung, 1892, S. 84f.

Hier der Text als pdf.

Hier eine ausführlichere Fassung aus einem Missionsmagazin.

Hier noch eine Fotostrecke von Jo Forell von gebundenen Füßen.

2 Kommentare

  1. Interessant! Leider ist der Text einfach wiedergegeben, ohne ihn zu kommentieren oder einzuordnen. Die Prozedur der Lotusfüße ist schrecklich gewesen. Aber nicht immer war es so schrecklich wie hier geschildert. Und es hat auch nicht alle Frauen in China betroffen. Ich habe mir da mal Gedanken zu gemacht: https://www.bambooblog.de/lotosfuesse/
    Beste Grüße
    Ulrike

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