Jüngst hat Sabine Rückert in der Sonderausgabe der ZEIT „Die 100 besten Bücher“ die Lutherbibel besprochen und sie abschließend mit folgenden Worten gepriesen: „Doch unterm Strich ist die Bibel ein Buch mit Oberlicht. Obwohl das Leben ein einziger negativer Gottesbeweis zu sein scheint, finden sich die biblischen Gestalten nicht damit ab. Ja dieses Buch (das Milliarden Menschen »heilig« ist) hat ein Oberlicht. Es macht Angst – und es überwindet die Angst.“ Auch Ralf Frisch kommt in seinem Zeitzeichen-Beitrag „Mehr Licht!
Warum Karl Barths Theologie aktueller denn je ist“ vom August 2023 auf das Oberlicht zu sprechen: „Viele virtuose und voluminöse Erzeugnisse und Ausdrucksformen theologischer Reflexion und kirchlicher Verkündigung sind Theologie ohne Oberlicht. Sie folgen den Diskursregeln. Sie flanieren geistreich und souverän durch Kultur- und Lebenslandschaften. Weil sie selbst Oberlicht zu sein meinen, fehlt ihnen das göttliche Oberlicht nicht.“
Die theologische Metapher vom „Oberlicht“ geht wohl auf Karl Barths zweiten Römerbriefauslegung von 1922 zurück, wo er in Auslegung von Römer 4,17b Folgendes schreibt:
Vom Oberlicht der Geschichte. Auslegung zu Römer 4,17b (Der Römerbrief, 1922)
Von Karl Barth
V 17b Abraham ist unser aller Vater (4, 16) vor Gott, an den er glaubte: der die Toten lebendig macht und das Nicht-Seiende anspricht als Seiendes.
„Vor Gott, an den er glaubte“, ist Abraham unser aller Vater. Nie ist die Geschichte, nie die geschichtliche Persönlichkeit des Menschen ganz ohne dieses ungeschichtliche Oberlicht: „vor Gott, an den er glaubte“. In diesem Oberlicht verliert sich die Vereinzelung des Einzelnen, die Vergangenheit des Gewesenen, die Entlegenheit des Fernen, die Getrenntheit des Besonderen, die Zufälligkeit des Persönlichen. In diesem Oberlicht erscheint die Gleichzeitigkeit, die einheitliche Wichtigkeit und Würde alles Geschehens. In diesem Oberlicht gesehen redet die Geschichte als überlegene Meisterin mit dem Leben (historia vitae magistra). Um dieses Oberlichts willen, nur um seinetwillen, lauschen wir der Stimme der Geschichte. „Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt, um mit der Vernichtung dieser Atmosphäre wieder zu verschwinden … Wo finden sich Taten, die der Mensch zu tun vermöchte, ohne vorher in jene Dunstschicht des Unhistorischen eingegangen zu sein? … Sollte einer imstande sein, diese unhistorische Atmosphäre, in der jedes große geschichtliche Ereignis entstanden ist, in zahlreichen Fällen auszuwittern, so vermöchte ein solcher vielleicht als erkennendes Wesen sich auf einen überhistorischen Standpunkt zu erheben, … er wäre davon geheilt, die Historie von nun an noch übermäßig ernst zu nehmen; hätte er doch gelernt, an jedem Menschen, an jedem [117] Erlebnis, unter Griechen oder Türken, aus einer Stunde des ersten oder des neunzehnten Jahrhunderts, die Frage sich zu beantworten, wie und wozu gelebt wird“ (Nietzsche). Mythisch oder auch mystisch nennt die Ängstlichkeit des linearen Denkens dieses Oberlicht der Geschichte, die „unhistorische Atmosphäre“ des Lebens, wir aber möchten gerade auf der kritischen „Linie, die das Übersehbare, Helle von dem Unaufhellbaren und Dunklen scheidet“ (Nietzsche), die ungeschichtliche, d. h. aber ur-geschichtliche Bedingtheit aller Geschichte, das Licht des Logos aller Geschichte und alles Lebens erkennen. „Vor Gott, an den er glaubt,“ ist Abraham unser aller Vater. Glaube als absolutes Wunder, als reiner Anfang, als ursprüngliche Schöpfung, d. h. aber die unbekannte Bezogenheit bekannter Hergänge und Zustände auf den unbekannten Gott, das ist das Erkenntnisprinzip und die zeugende Kraft der Gestalt Abrahams, das Erkenntnisprinzip und die zeugende Kraft der Geschichte (als Geschehen und als Gesicht und Bericht vom Geschehenen). Daß Abraham „unser Vater nach dem Fleische“ ist (4, 1), das bewährt und erfüllt sich nicht wiederum im Fleische, im Anschaulichen, sondern in dem Unanschaulichen, daß er unser aller Vater ist vor Gott.
Vor Gott, „der die Toten lebendig macht und das Nicht-Seiende anspricht als Seiendes“. Dadurch unterscheidet sich der Glaube als Erkenntnisprinzip und zeugende Kraft der Geschichte vor aller Hinterweltlichkeit des Mythus und der Mystik. Ihm handelt es sich nicht um eine jener Überhöhungen, Vertiefungen und Bereicherungen des Diesseits durch das Jenseits einer „innern“ oder auch „höhern“ Welt, nicht um eine jener kosmisch-metaphysischen Verdoppelungen, Verdrei- oder Versiebenfachungen des gegebenen Bestandes unsres Lebens und Daseins, sondern um den letzten und einzigartigen, weil übergangslosen Kontrast des Lebens zum Tode, des Todes zum Leben, des Seienden zum Nicht-Seienden, des Nicht-Seienden zum Seienden. Jenseitiges Leben und Sein ist für ihn das, was von diesseitigen Leben und Sein aus nur Tod und Nicht-Sein, und wiederum diesseitiges Leben und Sein das, was vom jenseitigen Leben und Sein aus nur Tod und Nicht-Sein heißen kann. Im Oberlicht dieser kritischen Linie haben wir die Gestalt Abrahams gesehen. Ein Übergang, eine Entwicklung, ein Aufstieg, oder gar Aufbau von hier nach dort ist grundsätzlich ausgeschlossen. Denn das hierseitige Anheben solcher Bewegung kann von „dort“ aus nur Tod und Nicht-Sein bedeuten. Und das dortseitige Endigen solcher Bewegung ist von hier aus gesehen nichts als Tod und Nicht-Sein. Es bleibt zwischen diesen [118] beiden rein negativen Möglichkeiten nur die Unmöglichkeit des „Minus mal Minus gleich Plus“: die Beziehung beider Negationen aufeinander, die Aufhebung der einen durch die andre als ihrer beider Sinn und Kraft, ihre überlegene ursprüngliche Position. Die „Lebendigen“ müssen sterben, damit die „Toten“ lebendig gemacht werden, das „Seiende“ muß als Nicht-Seiendes erkannt sein, damit das Nicht-Seiende als Seiendes angesprochen werden kann. Das ist die Unmöglichkeit der Erkenntnis, die Unmöglichkeit der Auferstehung, die Unmöglichkeit Gottes, des Schöpfers und Erlösers, in welchem „Diesseits“ und „Jenseits“ eins sind. Eben die Beziehung auf diese Unmöglichkeit ist Abrahams Glaube, der darum selber als jenes Unmögliche und Ungeschichtliche (und zugleich als das allein Ermöglichende, Geschichte begründende!) in völliger Unanschaulichkeit am Rande der Genesishistorie auftaucht (in dieser Historie immer nur als Krisis und darum in den Formen des Mythus und der Mystik darstellbar), wie es am Rande der Philosophie Platos, am Rande der Kunst Grünewalds und Dostojewskis, am Rande der Religion Luthers aufgetaucht ist. Erkenntnis, Auferstehung, Gott ist keine zufällige, keine bedingte, keine an den Gegensatz von hier und dort gebundene, sondern die reine Negation und darum das Jenseits des „Diesseits“ und des „Jenseits“, die Negation der Negation, die das Jenseits für das Diesseits und das Diesseits für das Jenseits bedeutet, der Tod unsres Todes und das Nicht-Sein unsres Nicht-Seins. Er „macht lebendig“, er „spricht an“ und – „ihm leben sie alle“. Eben dieser Gott und die Umkehrung aller Dinge in ihm („Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“) ist Abrahams Glaube, das Oberlicht (vom ungeschaffnen Lichte) der Genesishistorie, der Logos aller Geschichte.
Karl Barth, Der Römerbrief, München: Chr. Kaiser. 1922, S. 116-118.