Reinhold Schneider, Das Friedensreich der Toten. Zu Allerheiligen – Allerseelen (1945): „Es dunkelt früh, und die verlassene Trümmermasse baut sich zusammen zur Totenstadt, über die der Turm gebietet. Und wieder ist ein Tag über den Garten gegangen, und es ist nichts geschehen, als daß der Teppich der Blätter noch dichter wurde und die Zweige sich ein wenig mehr gelichtet haben. Die Stunden glitten hin wie der Flug der Vögel, der keine Spuren läßt.“

Das Friedensreich der Toten. Zu Allerheiligen – Allerseelen

Von Reinhold Schneider

In der Nacht, gegen Morgen, breitete sich der Nebel über den Mond; die Blätter rieseln wie Regen von den Zweigen, fremde Vogelstimmen, denen das Dämmer lieber ist als der Tag, ru­fen, als wollten sie von vergessenen Gräbern sagen, und ver­stummen dann bald. Denn das Licht kommt nun doch und verteilt sich durch den Dunst über das Tal: lange braucht es, bis die gelben Wipfel der Pappeln sich durchgekämpft haben und zu leuchten beginnen, noch länger, bis das Licht in den Garten hinter dem Hause fällt, wo die Häher wie blaue Blitze hingleiten unter den Edelkastanien über dem gefallenen Laub und dann und wann ein traumhafter grüngoldener Schimmer vom Gefieder des Spechtes den Stämmen folgt. Aber der Him­mel verdunkelt sich wieder, und die Gedanken ziehen, wie so oft jetzt, in die Kindheit zurück. Diese Tage, da die Vollen­deten die Toten grüßen, sind wohl die schönsten des Jahres gewesen; der Park breitete sich zwischen das Leben und die Welt, und der große Friede der Toten strahlte herein und war stärker als die Schwermut früher Jahre. Ein Bogen des Frie­dens spannt sich von jenen Tagen her über ein ganzes Dasein und unsägliches Geschehen bis zu diesem Tag; es ist, als sei das Gebirge überschritten mit den Felsenschluchten seines Grauens; Land leuchtet herauf, kein irdisches mehr, aber er­füllt von den sich entschleiernden Verheißungen der Erde. Das Friedensreich der Toten ist in diesen Tagen in der Über­macht, und die Kerzen, die ihnen brennen, sind von höherer Leuchtkraft als der Sonnenglanz des Jahres.

Der Nebel wird dichter; jetzt wird er den Turm umspinnen, der der Stadt und dem Lande geblieben ist, gleichsam die Sichtbarkeit ihrer Seele – und als ein mächtiges Zeichen, das Seelen erwecken, erheben will; und nun wird sich der Nebel auch über die Trümmer legen und sie verhüllen, die doch im Sommer, wenn das Licht sich ausschüttete und der letzte Weinstock auf dem Berge leuchtete, ihre verklärten Tage hat­ten. Die Stadt ist sehr seltsam geworden seit dem Abend ihres Untergangs; es ist eigentlich keine irdische Stadt mehr, und wer in ihr lebt oder auch nur sie durchschreitet, der hat die Grenze der Erde erreicht. Die hochragenden Brandmauern sprechen und wiederholen ein sonderbares Wort: »Geh nicht zurück. Nicht wieder in das Leben hinein! Hier ist das Ende. So zerfällt euer Tun und Werk. Nun haftet nicht mehr, ver­liert euch nicht mehr. Wir sind die Tore der anderen Welt. Bleibet, lebet nun an den Toren und tut alles im Bewußtsein jenes Zerstörungstages, der wie ein Bild und Zeichen des kom­menden letzten Tages war. Hier, an den Toren, müßte die Liebe mächtiger, die Zuversicht fester, der Glaube schon ge­borgen sein. Denn es ist offenbar geworden, wer Herr ist, vor wem ihr leben und handeln sollt und in wessen Händen der Friede ruht und das Schwert. Ihr habt in das Feuer gesehen, vergeßt es nicht und wirkt kein Werk mehr, in dem nicht ein Keim der Ewigkeit ist, die Hinwendung zu eurem König, des­sen schreckliche Majestät ihr erstes Leuchten vorausgesandt hat in eure schuldverhüllte Welt. Lebt an den Toren und hal­tet das Herz frei vom Gifte der Not! Die Stadt eures Lebens ist zum Schatten geworden. Wie bald kann er fallen, und ihr steht vor der Wahrheit selbst!«

Die Stadt ist auch ein Grab und damit eine heilige Stätte. Die unter den Trümmern liegen, haben alles ehrwürdig, noch teu­rer gemacht. Es gehört zur Würde des Menschen, daß er ein Grab mehr lieben kann als ein Haus, das ihm eigene Unglück mehr als das Glück. So ist auch die Heimat um vieles teurer geworden, seit sie unter ihren gebrochenen Mauern ungezählte Tote birgt. Auch hat das Leid, das wir einen jeden Tag auf­nehmen und hinübertragen in den nächsten Tag, Kronen zu vergeben, wo keine andere Krone zu gewinnen ist. Die Stadt unserer Toten will ein neues, ein völlig anderes Leben von uns. Wir ehren sie nicht, wenn wir sie verschweigen, ihre Bil­der zu verdrängen suchen. Wir wollen sie und unser Leid fest im Herzen behalten, und auch wenn die Trümmer einmal weichen und eine neue Stadt erstehen sollte, so wollen wir uns die Trauer um die alte Stadt bewahren und die keinen Tag vergessen, die erlitten haben, was einem jeden hätte bestimmt sein können, und geopfert und gesühnt haben für alle. Sie sind ein neues Heiligtum der Stadt; Gedächtnis und Gebet müßten das Antlitz der Menschen prägen, die es wagen, über den Grä­bern eine Stadt zu bauen. Dann würde der Turm auch, auf dessen Söller der Engel des Gerichtes steht, sich mit der neuen Stadt verbinden und ihr sein, was er der alten gewesen ist. Die Gebete werden sich um ihn sammeln, und er wird sie empor­tragen in das Licht, ist doch keine Stadt auf Erden, die nicht ein Schatten wäre der himmlischen Stadt, der Wohnung der Vollendeten. Die neue Stadt muß eins werden mit dem Turm, sonst hat sie, hat das Land kein Recht auf ihn: sie muß erfüllt sein von dem Glauben, von der gewaltigen Sicherheit des Em­porstrebens und der Heimkehr, die den Turm errichtet ha­ben. Sie muß sich unter das Gericht stellen, wie es die alte ge­tan hat, als sie die Bilder ewigen Lebens fügte, die den Unter­gang überdauert haben; und sie muß sich den Heiligen anbe­fehlen und der Gnade, die mitten im Schrecken gewaltet hat. Mit den Wohnungen der Lebenden wurden auch die Woh­nungen der Toten zerstört. Es ist auf dem Friedhof draußen, als sei ein gewaltiger Aufbruch geschehen, als hätten die ge­heimnisvollen Gäste plötzlich ihre Stätte verlassen. Einst fiel Kerzenschimmer durch die Fenster der Kapelle auf die vom Nebel benetzten Grabsteine, von Blättern überschütteten Wege. Jetzt brennt keine Flamme mehr; das Dach ist zer­trümmert, da und dort sind Kreuze zerbrochen, Bildwerke verletzt, die Tannen tragen die Spuren des furchtbaren Feu­ers, oder sie liegen hingestreckt auf den aufgewühlten Grä­bern, und das Licht flutet hernieder auf den Rasen, der so lange in undurchdringlichem Schatten geborgen war. Die Tü­ren sind gleichsam offen geblieben; alles weist nach oben, in das andere Reich. Und wenn auch der Aufbruch auf Erden in Entsetzen geschieht, so ist dort oben doch Friede. Und wieder, zaghaft, als wage er die Erde noch nicht zu betreten, neigt sich der Friede herab. Denn die unversehrt gebliebenen Bäume decken mit den sinkenden Blättern die Spuren des Schreckens zu, die Ranken des wilden Weines glühn, und der Efeu, dem keine Gewalt etwas anzuhaben vermochte, umschlingt die ge­brochenen Kreuze und geborstenen Steine mit derselben Lie­beskraft, mit der er sie einst umschlang, ehe sie heimgesucht wurden. Dem Tag der Toten geht ja der Tag der Heiligen voraus; sie stehen vor den Toten mit ihren gewaltigen Schil­dern aus Licht, und vielleicht wird am Tage des Zornes auch der Ärmste noch dem unbekannten Heiligen begegnen, der für ihn gebetet, für ihn sich geopfert hat. – Die Schranke ist gefallen; wir blicken hinüber, und wir wollen fortan den Blick nicht mehr zurückwenden, nicht mehr an die Erde ver­lieren.

Aber es dunkelt früh, und die verlassene Trümmermasse baut sich zusammen zur Totenstadt, über die der Turm gebietet. Und wieder ist ein Tag über den Garten gegangen, und es ist nichts geschehen, als daß der Teppich der Blätter noch dichter wurde und die Zweige sich ein wenig mehr gelichtet haben. Die Stunden glitten hin wie der Flug der Vögel, der keine Spuren läßt. Das Gewebe der Vergänglichkeit ist fortgedie­hen um einen Tag, und wiederum aus größerer Nähe grüßt uns das große Friedensreich der Toten. Dieses Reich ist eins; alle Toten gehören ihm an, und wir wollen seiner gedenken in der Nacht, wenn die Blätter wieder vernehmlich rieseln und der Nebel sein Spiel beginnt um den Mond. Jetzt beten die Glocken in fernen Ländern für die Toten alle, oder die Türme beten stumm wie der unsere, und es dringt zu uns her wie eine mahnende Antwort: Frieden zu halten eingedenk derer, die nicht mehr sind. Die im Schrecken dahingegangen sind oder unter der Gewalt des Unrechts, in der Todesnot der Verfol­gung oder im Blitz der Schlacht, haben kein dringenderes Wort an uns als: eins zu werden hier auf Erden und ihre Grä­ber zu ehren durch den Frieden eines frommen, ehrfürchtigen Lebens. Ein Schimmer vom Glanz des Allerheiligentages fällt auch auf die dunkelste Spur; in einem unaussprechlichen, un­ergründlichen Sinne sind alle geborgen — und auch die Welt wird geborgen sein, wenn sie ihrer nicht vergißt. 

13. 10. 1945

Quelle: Reinhold Schneider, Gesammelte Werke, Bd. 9: Das Unzerstörbare. Religiöse Schriften, Frankfurt a.M.: Insel, 1978, S. 419-423.

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