Edmund Schlink, Thesen über Theologie und Naturwissenschaften (1947): „Wie die Religionsgeschichte und Philosophie kann auch die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften für die Theologie eine Hilfe sein, die Verborgenheit des Wortes im Fleisch, d. h. die Verborgenheit der Offenbarung in Vorstellungsinhalten der Weltbilder menschlicher Geschichte immer wieder aufs Neue zu erkennen.“

Thesen über Theologie und Naturwissenschaften

Von Edmund Schlink

I.

1. Die Theologie bezeugt aus Grund der Heiligen Schrift und unter Voraussetzung des in der Kirche wirkenden Heiligen Geistes die Offenbarung Gottes, des Schöpfers, Erlösers und Neuschöpfers.

2. Die Naturwissenschaften erforschen unter Voraussetzung der menschlichen Vernunft und ihrer Umwelterfahrung die empirische Wirklichkeit der Natur.

3. Beide Aufgaben sind grundsätzlich verschieden.

II.

1. Die Naturwissenschaften können als solche zu keiner wahren Gotteserkenntnis gelangen und erkennen darum weder die außermenschliche Natur als Gottes Schöpfung, noch das Wesen des Menschen als des Geschöpfes, des Sünders und des zum Glaubensgehorsam Berufenen.

2. Die Naturwissenschaften können nur Ablaufe und Gesetzmäßigkeiten der Natur, aber nicht das Ganze der Natur nach Ursprung, Sinn und Ziel erkennen.

3. Der Naturwissenschaftler bleibt auf die Dauer nicht bei der empirischen Feststellung von Abläufen und Gesetzmäßigkeiten stehen, sondern drängt hin zu abschließenden Weltanschauungen. Diese weltanschaulichen Systeme haben teil am Irrweg der natürlichen Religion. Sie machen nicht nur blind für die Offenbarung Gottes in seinem Wort, sondern auch für die empirische Wirklichkeit.

4. Der Glaube an die Offenbarung Gottes in seinem Wort macht den Naturwissenschaftler frei für eine streng sachgebundene Forschungsarbeit.

5. Indem die Naturwissenschaft mit ihren exakten Ergebnissen und Arbeitshypothesen Forschung bleibt und auf weltanschauliche Systembildung und Lehre verzichtet, anerkennt sie ohne Aussagen über Gott die Offenbarung Gottes im Wort.

III.

1. Die Theologie kann nicht die Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften vorwegbestimmen, sie kann aus Grund der Offenbarung Gottes in seinem Wort z. B. keine Aussagen über den Atombau, über Mutationen oder über die Funktionen der Drüsen machen.

2. Die Offenbarung Gottes im Wort geschah unter Verwendung und Durchbrechung vorwissenschaftlicher bzw. mythischer Naturvorstellungen des Vorderen Orients z. Z. der Entstehung der betretenden biblischen Texte. Aus Grund dieser Offenbarung macht die Theologie weithin in der Sprache der Sage Aussagen über Ursprung, Sinn und Ziel der Natur als Ganzes.

3. Die Theologie ist in ständiger Gefahr zu vergessen, daß Gottes Wort das Licht auf unserem Wege, göttlicher Zuspruch und Anspruch, aber nicht ein Mittel ist, durch das der Mensch sich gegen Gott und die Wirklichkeit der Welt sichern kann. Gottes Wort ist das Licht aus unserem Wege, kein Lexikon aller möglichen Wissensinhalte. Der Kirche ist daher die Herrschaft über die Naturwissenschaften untersagt.

4. Wie die Religionsgeschichte und Philosophie kann auch die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften für die Theologie eine Hilfe sein, die Verborgenheit des Wortes im Fleisch, d. h. die Verborgenheit der Offenbarung in Vorstellungsinhalten der Weltbilder menschlicher Geschichte immer wieder aufs Neue zu erkennen.

5. Nicht in der Hineinnahme naturwissenschaftlicher Ergebnisse, sondern in der Offenhaltung des Raumes der naturwissenschaftlichen Forschung erweist sich die Theologie als Mitte der universitas literarum.

IV.

1. Von Theologen und Naturwissenschaftlern fordert Gott in gleicher weise den Glauben an seine Offenbarung im Wort. Beide sind ihm für ihre wissenschaftliche Arbeit Rechenschaft schuldig.

2. Die Lehraussagen der Theologie und die exakten Ergebnisse der Naturwissenschaften können einander nicht widersprechen. Widersprüche können nur zwischen naturwissenschaftlichen Hypothesen und der Lehre der Kirche, sowie durch Irrtümer und weltanschauliche Übergriffe von beiden Seiten her entstehen.

3. Der rechte Gebrauch der Ergebnisse der Naturwissenschaften n Technik, Medizin und Pädagogik setzt die ständige und ausdrückliche Bezugnahme auf Görres Wort voraus, das allein Wesen und An ¬trag des Menschen und den Sinn menschlicher Gemeinschaft enthüllt. Diese Bezugnahme darf nicht stumm bleiben, sondern muß im Bekenntnis zu dem dreieinigen Gott geschehen.

Quelle: Evangelische Theologie 7 (1947), S. 93f.

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