Ein neues Lied wir heben an. Ein Protestsong Martin Luthers[1]
Von Martin Rössler
Wer Revolution machen will, muß erst zum Prediger werden; wer Revolution gemacht hat, muß nachher ihr Prediger bleiben. (Werner Jetter, Homiletische Akupunktur, Göttingen 1976, S. 62)
Die alten Propheten hatten in Israel vieles zu schelten: den Konsum, die Bestechlichkeit und die Habgier, die Hoffnung aufs Militär und das Geplärr der Choräle. – In Zeiten der Glaubenskämpfe trieb die Beschimpfung des Publikums kräftige Blüten. – Die Beschimpfung des Publikums ist zuletzt auf die Protestsänger übergegangen (ebd. S. 112f.).
Ein Lied fällt ganz offensichtlich aus dem Rahmen der drei Dutzend Kirchenlieder Luthers: Ein neues Lied wir heben an. Es ist bei weitem das längste Lied, vor allem aber bezieht es sich wie kein anderes direkt und ausschließlich auf ein zeitgeschichtliches Ereignis. Deshalb bereitet die Datierungsfrage kaum Probleme: es kann nur als Reaktion auf dieses Ereignis entstanden und alsbald bekannt geworden sein. Und da kein anderes Lied Luthers nachweislich früher veröffentlicht wurde, kann man es mit hoher Wahrscheinlichkeit für sein dichterisches Erstlingswerk halten. Ein „Gelegenheitsgedicht“ steht also am Anfang und löst eine weitere Betätigung auf diesem Gebiet aus.
Um so strittiger ist die Gestaltung und Bedeutung dieses Liedes. Die Vermutungen der Interpreten gehen in die verschiedensten Richtungen. je nach dem sie die Gesamtpersönlichkeit Luthers beurteilen. In der „hinreißenden Kraft“, in diesem „Wurf von solcher dichterischen Vollendung“ spricht sich der „Drang seiner tiefbewegten Seele“ aus (Fr. Spitta. S. 277); zweckfrei, nach außen absichtslos faßt der Dichter seine individuellen, biographisch bedingten Gefühle in Wort und Ton und befreit sich auf diese Weise von den bedrängenden und beklemmenden Eindrücken. Ist es richtig oder auch nur hilfreich. Luthers Liedkunst in Analogie zu Motiven und Initiativen der großen Dichtkunst zu deuten? Oder: Luther hat das Dichten ausprobiert, und siehe da. er „wußte, daß er dichten konnte“ (W. Lucke. WA 35, S. 75). Hatte er nicht schon sein Sprach- und Gestaltungsvermögen in zahlreichen Schriften, Predigten und Bibelübersetzungen unter Beweis gestellt und darin auch Beifall und Selbstbestätigung gefunden? Es bedurfte dieser handwerklichen Etüden nicht.
Der entscheidende Impuls zu einem derartigen Lied wird in der Erkenntnis der Wirkung, nicht in der Entwicklung der Person liegen. Luther hat in jener Zeit das Medium der gereimten Publizistik entdeckt. nicht nur in pragmatischer, sondern in grundsätzlicher Hinsicht. Seine Vorrede zum September-Testament von 1522 dokumentiert dies eindrücklich: „… Denn Evangelien ist ein griechisch Wort und heißt auf deutsch: gute Botschaft, gute Mär, gute Neuzeitung, gut Geschrei, davon man singet, saget und fröhlich ist …“ (WA DB 6,2). Er löst den Begriff „Evangelium“ aus dem technisch-theologischen und kirchlich-institutionellen Verständnis und stellt ihn in den breiten Zusammenhang der mitteilenden Kommunikation: nicht nur ein Inhalt ist gemeint, sondern eine adäquate Redeform für eine wichtige Nachricht, die es hinauszurufen gilt. Von hier aus ist es fast zwangsläufig, daß Luther auf die literarische Gattung des ..Zeitungsliedes“ trifft.
Ein Zeitereignis, der Märtyrertod seiner Glaubensgenossen, fordert ein „Zeitlied“ heraus, das die „Neuzeitung“ veröffentlicht. Und da der Bericht kritisch wertend ausgeformt ist. nimmt es die Züge eines Protest- oder Agitationsliedes an: Ein neues Lied wir heben an. In der weiteren Entwicklung wird das Zeitungslied zum Medium, das die „gute Neuzeitung“, das entscheidende Heilsgeschichtsereignis, nämlich den Ratschluß Gottes zur Erlösung, weitersagt; zum Motor der Proklamation des Wortes, für das die Märtyrer in den Tod gegangen sind: Nun freut euch, lieben Christen gmein (EKG 239). „Zeitpsalmen”. d.h. in Abgrenzung gegen die altgläubige Papstkirche und die sich formierende Schwärmerbewegung gestaltete Psalmdichtungen werden sich angeschlossen haben: Ach Gott, vom Himmel sieh darein (EKG 177) und Aus tiefer Notschrei ich zu dir (EKG 195). Eine solche Zielsetzung abseits der approbierten Weisen des geistlichen Singens steht in der Liedgeschichte ziemlich einzig da.
Nur hat Luther selbst die Bemühung nicht lange und konsequent genug weitergeführt. Schon bald, dokumentiert in Formula missae (WA 12.218, Dezember 1523) und im Brief an Georg Spalatin (WAB 3,220, Ende 1523/Anfang 1524), sieht er die primäre Aufgabe des Liedes in anderen Bereichen: im gottesdienstlich-rituellen Gebrauch als lobende und lehrende Äußerung der Gemeinde, als kirchenjahrszeitlich oder katechetisch geordnete Christusverkündigung. Er übersetzt alte Hymnen, erweitert einstrophige Leisen, bearbeitet spätmittelalterliche Vorlagen; ein Vorgang der Sammlung und Sichtung, der Redaktion und Adaption der Väterstimmen setzt ein. Manche Impulse der Erstschöpfungen wirken weiter, manche Ansätze in ihnen werden aber überlagert.
Selbstverständlich kam Ein neues Lied wir heben an auch in die Gesangbücher. In Johann Walters Geistlichem Gesangbüchlein hat es schon 1524 die Gestalt des aktuellen Zeitungsliedes abgestreift; es ist ein kunstvolles Chorlied in polyphonem Satz geworden, ein Stück ehrfürchtiger, verklärender Heldenverehrung. Es blieb noch geraume Zeit in den lutherischen Liedsammlungen: ein berichtender Rückblick auf die bewegte Frühzeit, aber nicht mehr Modell für eine Reaktion von Singen und Sagen bei ähnlichen Ereignissen.
Ich möchte hier in einer eingehenden Einzelanalyse dem Charakter dieses Liedes Luthers, dem Gehalt in der so ungewöhnlichen Gestalt nachspüren und einige Fragen und Folgerungen für das Kirchenlied anfügen.
Am 1. Juli 1523 wurden auf dem Marktplatz in Brüssel, jenem herrlichen, zu allen Zeiten vielbesuchten und -bewunderten Platz, zwei Augustinermönche öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr Bekenntnis zur evangelischen Lehre mußten sie mit dem Leben bezahlen — die ersten Märtyrer der jungen reformatorischen Bewegung.
Schon früh fand der weitbekannte Mönch und Gelehrte Martinus in den Niederlanden interessierte Anhänger und eifrige Verfechter. 1519 trat der Antwerper Augustinerprior Jakob Spreng für Luthers Lehre ein. Die Versuche der katholischen Fakultät in Löwen, mit gelehrten Disputationen im Universitätsbetrieb die reformatorischen Gedanken einzudämmen, fruchteten nicht viel. Die staatliche Macht schaltete sich ein: am 8. 5. 1521 erließ Kaiser Karl V. das Wormser Edikt, das diese Ketzerei verbot und Luther einen Teufel in Menschengestalt nannte; am 23. 4. 1522 setzte er in den Niederlanden die Inquisition ein. Jakob Spreng und dann sein Nachfolger Heinrich von Zutphen wurden gefangengenommen und mit dem Tod bedroht. Aber mit der Gewalt wuchs der Bekennermut: die Ordensbrüder ließen sich nicht einschüchtern; unter ungeheuerem Zulauf des Volkes predigten sic weiterhin, was sie als rechte biblische Lehre erkannt hatten. Der Staat griff zu stärkeren Mitteln. Am 6. 10. 1522 wurde das Augustinerkloster in Antwerpen zerstört, der Altar aus dem angeblich entweihten Gotteshaus der Statthalterin Margarete von Parma übergeben; sämtliche Mönche wurden eingekerkert. Als ihnen die Theologen aus Löwen eröffneten, es bleibe ihnen bloß der Widerruf oder der Ketzertod, gaben alle bis auf drei Mönche klein bei. Einer erbat sich Bedenkzeit, die zwei anderen wurden dem berüchtigten Dominikaner-Ketzermeister Hochstraten vorgeführt – er hatte sich im Prozeß gegen Reuchlin schon einen gefürchteten Namen gemacht. Das Ergebnis der Verhandlung war jener Scheiterhaufen auf dem Marktplatz in Brüssel.
Dieses gleichermaßen schauerliche wie übliche Ereignis blieb alles andere als eine Winkelsache. Sehr schnell verbreitete sich die Kunde: schon am 30. Juli 1523 erschien eine lateinische Flugschrift, „Historia de duobus augustinensibus“, verbunden mit zwei Briefen von Augenzeugen vom 10. und 14. Juli; alsbald folgten deutsche Übersetzungen; Empörung einerseits über das gewalttätige Ketzergericht. Verwunderung andererseits über die mutige Standhaftigkeit der beiden Zeugen.
Die Nachricht kommt auch nach Wittenberg. Luther ist zutiefst erschüttert, in vielen Briefen beschäftigt ihn dieses Geschehen. Da „hat er angefangen, innerlich zu weinen und hat gesagt: ‚Ich vermeint, ich sollte ja der erste sein, der um dieses heiligen Evangeliums wegen sollte gemartert werden; aber ich bin des nit würdig gewesen!‘“ (WA 12.74), schreibt sein Chronist Johannes Keßler über diese Tage. Luthers Voten reichen von Trauer bis zum Trotz, vom Zweifel bis zur Zuversicht, daß dieses standhafte Bekenntnis nicht wirkungslos bleiben werde. Aus diesen Gedanken und Gefühlen heraus schreibt er an die evangelischen Christen in den Niederlanden einen Offenen Brief, der schon Anfang August die Druckerei verlassen hat. Im Manuskript beginnt er feierlich in lateinischer Sprache, streicht dann die schon geschriebenen Worte aus und fängt noch einmal deutsch an; eine möglichst breite Öffentlichkeit soll in einer Flugschrift seine Stellungnahme lesen können. Er fügt ein Verhandlungsprotokoll bei. und so wird sein Schreiben eine eigenartige Mischung aus Trostbrief und Aktenstück, aus Lobgesang und Verfahrenskritik.
Aus diesem Sendschreiben sollte man einige Sätze gut im Ohr behalten. „Martinus Luther, Prediger in Wittenberg, allen lieben Brüdern in Christo, so in Holland, Brabant und Flandern sind, samt allen Gläubigen in Christo Gnade und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesu Christo. – Lob und Dank sei dem Vater aller Barmherzigkeit, der uns zu dieser Zeit wiederum sehen läßt sein wunderbares Licht, welches bisher um unser Sünd willen verborgen gewest … Aber nu ist die Zeit wiederkommen, daß wir der Turteltauben Stimm hören und die Blumen aufgehen in unserm Land. Welcher Freude, mein Liebsten, ihr nicht alleine teilhaftig, sondern die vornehmsten worden seid, an welchen wir solche Freude und Wonne erlebt haben. Denn euch ists für aller Welt geben, das Evangelium nicht alleine zu hören und Christum zu erkennen, sondern auch die ersten zu sein, die um Christus willen jetzt Schänd und Schaden, Angst und Not, Gefängnis und (Ge)fährlichkeit leiden: und nu so voller Frücht und Stärk worden, daß ihrs auch mit eigenem Blut begossen und bekräftigt habt … Gott gelobt und in Ewigkeit gebenedeit. daß wir erlebt haben, rechte Heiligen und wahrhaftige Märtyrer zu sehen und zu hören, die wir bisher so viel falscher Heiligen erhebt und angcbctct haben! Wir hier oben sind noch bisher nicht würdig gewesen. Christo ein solchs teures, wertes Opfer zu werden, wiewohl unser Glieder viel nicht ohn Verfolgung gewesen und noch sind. Darum, mein Allerliebsten, seid getrost und fröhlich in Christo, und laßt uns danken seinen großen Zeichen und Wundern, die er angefangen hat. unter uns zu tun! Er hat uns da frisch neue Exempel seins Lebens fürgebildet. Nu ists Zeit, daß das Reich Gotts nicht in Worten, sondern in der Kraft stehe;… denn Christi Kreuz muß Lästerer haben. Aber unser Richter ist nicht ferne, der wird ein ander Urteil fällen: das wissen wir und sinds gewiß … Amen.“ (WA 12,77-79)
Soweit das Sendschreiben. Und dann greift Luther noch einmal zur Feder. Genügt ihm der Brief nicht? Will er die furchtbaren Fakten noch härter erzählen und seine Hoffnung noch begründeter darstellen? Will er durch ein anderes Medium eine noch größere Öffentlichkeit erreichen? Viele Motive werden Zusammentreffen. Auf jeden Fall schildert und deutet Luther die Ereignisse zur gleichen Zeit in einem Lied, verfaßt in gereimter Sprache, verbunden mit einer ad hoc erfundenen Melodie, verbreitet wohl als Flugblatt, singend weitergetragen von Markl zu Markt.
Ein bewegtes und bewegendes „Zeitungslied“ will Luther schreiben, nichts mehr und nichts weniger; noch mehr als im Sendbrief hofft er in einen publizistischen Prozeß eingreifen zu können. Auf diese Weise wird das aktuelle Ereignis, die Ungeheuerlichkeit des Unrechts und die Evidenz des Evangeliums, laut veröffentlicht und bleibt lange in aller Mund. Es gibt unzählige Beispiele dieser literarischen Gattung, die Luther aktuell parodieren und seinem Anliegen dienstbar machen kann. z.B. „Nun will ich aber heben an / von dem Tannhäuser zu singen. / und was er Wunders hat getan / mit Venus, der edlen Minne“. Alle typischen Stilelemente treten schon in der Eingangsstrophe zutage. Ein Berichtlied muß logisch und klar aufgebaut sein; nichts zu viel und nichts zu wenig, Gefühl und Verstand in guter Balance. Ein Zeitungslied muß um sein Publikum werben, mit neuen und interessanten Nachrichten locken: darum immer wieder das Stichwort „neu“! Mit einer feststehenden Formel wird die Muse um ein gutes Gelingen der Verse angerufen: „das walte Gott!“ Das Thema wird stichwortartig angekündigt, der Ort der Handlung genannt; es handelt sich ja um ein Ereignis in Raum und Zeit; hier wird nicht fabuliert oder fantasien. Und so beginnt Luther als „Bänkelsänger“:
(1) Ein neues Lied wir heben an,
des walt Gott, unser Herre,
zu singen, was Gott hat getan
zu seinem Lob und Ehre.
Zu Brüssel in dem Niederland
wohl durch zween junge Knaben
hat er sein Wundennacht bekannt,
die er mit seinen Gaben
so reichlich hat gezieret.
Die Hauptpersonen der Handlung werden vorgestellt; Anlaß und Ausgang des Ereignisses, von dem des Näheren erzählt wird, werden pauschal vorweggenommen. All das ergibt sich folgerichtig, wenn eine Nachricht in die Gattung des Zeitungsliedes eingeht. Aber Luther vermag sofort seine besonderen Akzente zu setzen. Er hebt den ganzen Konflikt, den er schildern will, in eine theologische Dimension: hier geht es letztlich um eine Gottestat, nicht um eine Heldentat; hier ist Gottes Lob und Ehre im Blick, nicht Menschenruhm. In der offensichtlichen Ohnmacht der Bekenner zeigt Gott seine Macht: er schenkt das Wunder des bewahrten und bewährten Glaubens, Deshalb muß man reden, singen, schreien!
Für ein Zeitungslied sind viele aktuellen Einzelheiten wichtig, besonders die Namen. Auch wenn es sich um Gottes Tat handelt, gibt es Akteure, in denen sein Wille erlebend und erleidend zum Ausdruck kommt: Johannes Esch (oder Johann van den Eschen), dem Luther seinen Namen Johannes = Gott ist gnädig deutet und mit Recht beilegt, und sein klösterlicher Bruder Henricus Vos (oder Hendrik Voes), der durch das lobende Prädikat eines rechten Christen gekennzeichnet wird, der nichts schuldig bleibt. In diesen Zeugen sieht Luther, nachdem er seinen ersten Schmerz überwunden hat, die Kennzeichen des Christenlebens exemplarisch vorgezeichnet: Trübsal hier in der Welt, dort die Krone des ewigen Lebens (Apk 2,10). Sie haben sich an das Wort gehalten, für das es sich zu leben und zu sterben lohnt: Gottes Wort, das Evangelium – Luthers Inbegriff des Wirkens Gottes auf Erden. Fundament und Instrument seiner Herrschaft; er wird es in diesem Lied noch deutlicher auslegen. Und darum kann er den beiden, die den Tod erlitten haben, den rühmenden Ehrentitel „Märtyrer“ anerkennen.
(2) Der Erst recht wohl Johannes heißt,
so reich an Gottes Hulden,
sein Bruder Henrich nach dem Geist
ein rechter Christ ohn Schulden:
von dieser Welt geschieden sind,
sie han die Kron erworben,
recht wie die frommen Gotteskind
für sein Wort sind gestorben,
sein Märt(y)rer sind sie worden.
Soweit die regelgerechte Einleitung. Der Hörer kann nun wirklich gespannt sein, was das Neuigkeitslied von dem Ereignis im einzelnen zu berichten weiß. Luther hält sich strikt an den Ablauf des Geschehens. In zwei zusammengehörenden Strophen erzählt er kurz die Gefangennahme, dann um so ausführlicher die Inquisitionsmethoden des Verhörs; denn diese will sein Protest aufklären und anprangern. Er erzählt sachlich, fast ohne Beteiligung des eigenen Gefühls; die Fakten sprechen für sich selbst. Aber er deutet und betont natürlich. Den so vordergründig sich abspielenden Machtkampf von Thron und Altar gegen die Andersdenkenden transponiert er in den Machtkampf zwischen Satan und Gott. Sicher vereinfacht er, wenn er die Ereignisse ohne Rücksicht auf ihre historische Verflechtung auf ein faßbares Motto und Motiv bringt. Menschen sind eben Werkzeuge, die sich der einen oder anderen Seite notgedrungen zur Verfügung stellen. Wie in den Märtyrern letztlich Gott selbst handelt und in ihnen seine Sache vertritt, so ist in der Gegenpartei der „alte Feind“ am Werk; die Stichworte werden Jahre später im Lied von der festen Burg wieder auftauchen. Die Bekenner werden entsprechend mit Lob geschmückt, die Gegner mit Spott und Schimpf und Schande belegt. Auch diese plakative Schwarzweiß-Malerei gehört zum Stil des Zeitungsliedes.
Die katholische Fakultät in Löwen hatte sich schon als Hort der altgläubigen Kirche profiliert: 1519 wurden Luthers Ketzereien verdammt, 1520 seine Schriften verbrannt; jetzt bildete sic das geistige Zentrum der Inquisition. „Sophisten“ nennt Luther ironisch jene Professoren, in Anlehnung an die griechische Rednerschule: Meister des kunstvollen, scheinbar logischen Täuschens. Künstler der trügerischen Scheinbeweise. Könner der wirkungsvollen, formalrechtlichen Spiegelfechterei. Alter die Methoden verfangen nicht; Geist steht gegen Geist. Die Bekenner lassen sich von Gottes Wort nicht abdrängen. Vom Geist dieses Wortes sind sie erfaßt; sie schwören auf die Bibel als dem schriftlichen Wort von Gottes Heil, und sie bleiben bei dem. was sich von diesem Wort in ihrem Leben als heilsam erwiesen hat – immer wieder ist das „Wort“ der Streitpunkt der Auseinandersetzung!
(3) Der alte Feind sie fangen ließ,
erschreckt sie lang mit Dräuen (Drohen),
das Wort Gotts er sie (ver)leug(n)en hieß,
mit List auch wollt sie (be)täuben.
Von Löwen der Sophisten viel,
mit ihrer Kunst verloren,
versammlet er zu diesem Spiel;
der Geist sie macht zu Toren,
sie konnten nichts gewinnen.
Fast ein Jahr lang durchleiden die Gefangenen den Kerker mit Folterungen, durchleben den listigen Wechsel von schrecklicher Drohung und süßer Lockung, von Zuckerbrot und Peitsche. Aber die Machthaber verlieren in diesem „Spiel“ von Himmel und Hölle: Gottes Geist, nicht der Menschengeist macht die Künste zunichte. Die Bekenner bleiben unerschütterlich standhaft, gleichsam wie eine Mauer, an der alle Anläufe abprallen. Welch eine Gegenüberstellung: hier die jungen, einfachen Mönche, dort die ehrwürdigen, großen Theologen! Und daß sie mit ihren so bewährten Mitteln nichts ausrichten, das ärgert und erzürnt sie – nein, den „alten Feind“, der Gottes Werk schon im Keim ersticken will.
Aus dem im Sendschreiben mitgeteilten Verhandlungsprotokoll: „Frag: Was sie glauben? Antwort: Die 12 Stück des christlichen Glaubens (das Credo), die biblischen Bücher und evangelischen Schriften. auch ein heilige christliche Kirchen, aber nicht die Kirchen, die sie, die Frager, glauben. – Die ander Frag: Ob sie auch glauben die Gesetz der Konzilien und alten Väter? Antwort: So viel derselben Satzung göttlicher Schrift gemäß und nicht widerwärtig (gegenteilig) sind, glauben sie. – Die dritte Frag: Ob sie auch glauben, daß die tödlich oder verdammlich (ge)funden, die des Papsts und der Väter Gesetz übertreten? Antwort: Sie glauben, daß göttliche Gebot und Verbot und nicht menschliche Gesetz selig machen und verdammen. – Urteil: Daraus haben gedachte Frager, als die. um Übung willen ihrer Bosheit evangelische göttliche Lehre nicht leiden können, obgedachte zween fromme christliche Männer als Ketzer erkannt und der weltlichen Gewalt – wie Christus durch die Juden den Heiden – zum Iod überantwort’, die fürder zum Feuer ungerechtiglich verurteilt worden sind …“ (WA 12,79f.).
(4) Sie sangen süß, sie sangen saur,
versuchten manche Listen;
die Knaben standen wie ein Maur,
verachten die Sophisten.
Den alten Feind das sehr verdroß,
daß er war überwunden
von solchen Jungen, er so groß;
er ward voll Zorn von Stunden,
gedacht sie zu verbrennen.
In den beiden folgenden Strophen beschäftigt sich Luther mit der Exkommunikation, der Ausstoßung der Mönche aus ihrem Orden. Bevor sie als Ketzer verbrannt werden können, muß ihnen die priesterliche Würde und Weihe aberkannt werden.
(5) Sie raubten ihn’ das Klosterkleid,
die Weih sie ihn‘ auch nahmen.
Die Knaben waren des bereit,
sie sprachen fröhlich Amen.
Sie dankten ihrem Vater Gott,
daß sie los sollten werden
des Teufels Larvenspiel und Spott,
darin durch falsche (Ge)bärden
die Welt er gar betrüget.
Auch jetzt vertieft Luther die formale Prozedur zu einer geistig-geistlichen Auseinandersetzung. Es sei ganz gut. wenn den beiden die Amtstracht abgenommen wird; damit sind sie entlassen aus dem Dienst einer Kirche, die sie in der Verquickung von göttlichem Anspruch und weltlicher Gewalt, in der Verwaltung des Evangeliums zur Disziplinierung der Menschen nicht mehr als die Kirche Jesu erkennen können. Aber Priester sind sie geblieben, so argumentiert Luther weiter, ja erst recht wahre Priester geworden. Immer wieder bringt Luther die Sicht des Glaubens gegen allen Augenschein zu Wort; die Hohepriester- Typologie des Hebräerbriefs (Hebr 5,8-10; 10.11-14) bezieht er auf die beiden entblößten Mönche. Ein Priester muß opfern; sein größtes Opfer aber ist, wenn er sich selbst zur Gabe darbringt. Luther sieht diesen Tod aber nicht als heldenmütiges, verdienstliches Selbstopfer, sondern als Mit-Leiden in der Nachfolge des großen Hohepriesters Christus, als Gottes Gnade an der Grenze der menschlichen Möglichkeiten. Das Feuer reinigt von der „Welt“, die sich gegen Gott erhebt; verbrennt den „Menschentand“. der nur der Nichtigkeit und Vergänglichkeit dient und keine letzte Gewißheit gibt; vernichtet die „Möncherei“ und „Heuchelei“, die sich um Selbstgerechtigkeit vor Gott bemüht und darin das Geschenk seiner Gnade verachtet. Indem den Opfern ihre Priesterwürde aberkannt ist. wird ihnen im tiefsten Grund Christi Opfer zugesprochen, und sie sehen wie Stephanus – Urbild eines Märtyrers – den Himmel offen.
(6) Das schickt Gott durch sein Gnad also,
daß sie recht Priester worden,
sich selbst ihm mußten opfern do (da)
und gehn im Christenorden.
der Welt ganz abgestorben sein,
die Heuchelei ablegen,
zu(m) Himmel kommen frei und rein,
die Möncherei ausfegen
und Menschentand hie lassen.
Die Ausführung der Exekution schildert Luther in den beiden nächsten Strophen sehr zurückhaltend. Ganz anders die Augenzeugenberichte in den Flugschriften: sie lassen sich die gräßlichen Einzelheiten nicht entgehen. Luther will nicht mitleidiges Gefühl erwecken, sondern klare Erkenntnis und wirkungsvolle Änderung. Er singt keine schaudererregende Moritat, sondern ein Glaubenslied zu Trost und Trotz der verfolgten Gemeinde. Den beiden Märtyrern wird das Protokoll ihrer Aussagen vorgelegt. Sie müssen es selbst vorlesen und damit öffentlich anerkennen. Und dabei kommt noch einmal die irrsinnige Paradoxie der Anklage heraus, die Luther in voller Absicht überspitzt. Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen, sagt die Schrift (Apg 5,29): wegen dieses theologischen Grundsatzes werden sie von Theologen zum Feuertod verurteilt – welch ein „Irrtum“, welch teuflisches „Larvenspiel“. welch satanische Maskerade!
(7) Man schrieb ihn’ für ein Brieflein klein,
das hieß man sie selbst lesen,
die Stück sie (ver)zeich(ne)n alle drein,
was ihr Glaub war gewesen.
Der höchste „Irrtum“ dieser war:
man muß allein Gott glauben;
der Mensch lügt und trügt immerdar,
dem soll man nichts vertrauen.
Des mußten sie verbrennen.
Der Inquisitor habe ihnen, so berichtet Luther in seinem Sendschreiben, noch ein Angebot gemacht: „… wo sie obgemeldte christliche Wahrheit widerrufen, hab er Gewalt oder Macht, die ledig (frei) zu lassen; hat ihm einer geantwort’: das sind die Wort Pilati (Joh 19.10f.) … und beide öffentlich gesagt: sie danken Gott, daß sie um seines Worts willen sterben sollen. Und solche unschuldige Marter und Tod nicht allein williglich. begierig, fröhlich und beständiglich gelitten, sondern dazu am Ausführen (während der Hinrichtung) christlicher Güter Antwort geben, vermahnet und gelehret, auch mit Gesang der heiligen Psalmen und sonst Gott gelobt und Christum, unsern Herrn …“ (WA 12,80). Vieles mag legendär und tendenziös in Art der Märtyrerakten übernommen sein, aber darin sieht Luther die Haltung eines rechten Christen in der extremsten Grenzsituation beispielhaft vorgezeichnet: der furchtlose Mut angesichts von Folter und Feuer, die unüberwindliche Freiheit aufgrund der rechten Bindung des Gewissens, das christusförmige Leiden für den im Wort erkannten Glauben, das gesungene Gotteslob vor den Toren des Todes. Das wird als „Neuzeitung“ hinausgeschrien und darf nicht totgeschwiegen werden.
(8) Zwei große Feur sie zündten an,
die Knaben sie herbrachten.
Es nahm groß Wunder jedermann,
daß sie solch Pein verachten.
Mit Freuden sie sich gaben drein,
mit Gottes Lob und Singen.
Der Mut ward den Sophisten klein
für diesen neuen Dingen,
da sich Gott ließ so merken.
Die Feuer sind erloschen, aber der Brand schwelt weiter. Mit dem Tode der Märtyrer ist nicht alles aus; es folgen Reaktionen. Meinungen, Überlegungen und Entschlüsse aller Beteiligten: der Richter, der Anhänger, der Mitläufer und Beobachter. Die Inquisitionsbehörde wird angesichts der unerwarteten „neuen Dinge“ unsicher; auch das Kirchenvolk verhält sich offensichtlich anders, als man es von dieser großen abschreckenden Inszenierung eines Schauprozesses erhofft hatte. Also verteidigen nun die Theologen die Rechtmäßigkeit des Verfahrens („ihr Lügen“). Sie beschönigen („schmücken“) die Hinrichtung, die Luther ohne Umschweife „Mord“ nennt. Sie verleumnden („lästern“) die Opfer noch nach dem Tod, weil man ihnen das Prädikat der standhaften Glaubenszeugen nicht gönnen will. Vor allem setzen sie ein Gerücht („falsch Gedicht“) in die Welt, als hätten die Mönche noch vor dem letzten Atemzug widerrufen; sie wären in den Schoß der altgläubigen Kirche zurückgekehrt und hätten für ihre unbußfertige Hartnäckigkeit den Tod zu Recht verdient. Es war tatsächlich ein Gerücht, wie man noch feststellen konnte (O. Clemen); eine glatte Behauptung, indem man sich auf drei Bettelmönche berief, die den Verurteilten neben dem Ketzermeister das letzte Geleit gegeben hatten. Die Macht darf sich auf keinen Fall eine Blöße geben; sie darf die Hingerichteten nicht zu Märtyrern werden lassen – und eben das ist geschehen! Luthers Zeitungslied entlarvt die Winkelzüge; er desillusioniert und protestiert durch die Aufdeckung der Motive.
(11) Noch lassen sie ihr Lügen nicht,
den großen Mord zu schmücken;
sie geben für ein falsch Gedicht,
ihr Gewissen tut sie drücken.
Die Heilgen Gotts auch nach dem Tod
von ihn’ gelästert werden;
sie sagen: in der letzten Not
die Knaben noch auf Erden
sich sollen haben umkehret.
Das Lügengeflecht, die fintenreichen Argumente, sind letztlich vergeblich, darin ist sich Luther sicher, und bringen der Gegenseite nur einen kleinen, augenblicklichen Nutzen. Er sieht den großen Horizont; er kehrt zum „Wir“ der Eingangsstrophe zurück. Fazit aus diesem Ereignis ist für die junge reformatorische Bewegung nicht Furcht vor dem Widerstand, nicht Resignation vor der geballten Macht von Thron und Altar, eher Hoffnung für einen unaufhaltbaren Fortgang. Das wiederentdeckte Gotteswort hat sich als tragfähig erwiesen, wenn Gläubige sogar bereit werden, ihr Leben dafür zu opfern; eher Dank, daß das wiedergekommene Gotteswort in diesem „neuen“ Ereignis eine solch proklamatorische, verkündigende und werbende Kraft entfaltet hat.
(12) Die laß man lügen immerhin,
sie habens kleinen Frommen.
Wir sollen danken Gott darin,
sein Wort ist wieder kommen.
Der Sommer ist hart für der Tür,
der Winter ist vergangen,
die zarten Blumen gehn herfür.
Der das hat angefangen,
der wird es wohl vollenden.
Die letzten Verse klingen überraschend aus. Ein kleines lyrisches Frühlingslied? Ein versöhnlicher Schluß nach dem knallharten Bericht einer ränkereichen Hinrichtung? Wohl kaum. Man hat viel herumgerätselt. Das Bild von den aufgehenden Blumen nennt Luther ja auch in seinem parallelen Sendschreiben; in ihm wird sich seine Hoffnung verdichtet haben. Es ist ein biblisches Bild aus dem Hohen Lied (2,11ff.), ein Text, der als Lesung an Mariae Heimsuchung im Gottesdienst benützt wurde. Am Vorabend eben dieses Festes fand die Verbrennung statt; so könnte Luther auf dieses Bild gestoßen sein (H. Urner). Andere Forscher (J. Kulp, W. Lucke) erinnern an ein ähnliches Volkslied, auf dessen Melodie im 16. Jahrhundert mehr als hundert politische und unpolitische Strophen gesungen worden sind. z.B. „Es geht ein frischer Sommer daher, / da werdt ihr hören neue Mär, / der Schimpf, der will sich machen: / wird über Mönch und Pfaffen gehn, / sie weinen oder lachen.“ So könnte sich Luther in eindeutiger Absicht die Popularität einer Vorlage zunutze gemacht haben.
Jedenfalls bilden diese Verse den Schluß des Zeitungsliedes; daher verstärken sich jetzt wie am Anfang die typischen Stilmerkmale dieser Gattung. Oft fügen die Sänger ein Lob Gottes, einen frommen Wunsch, einen aufmunternden Ausblick an. Luther deutet das Bild allegorisch im Rückblick auf die berichtete Neuigkeit und im Vorblick auf die zukünftige Zeit: Frost und Kälte einer erstarrten Kirche sind in diesem Feuertod vergangen; es sind die ersten zarten Knospen des Glaubens da, die auf einen Sommer des reichen Blühens hinweisen. Oft schließen die Zeitungslieder mit dem Dank für das gelungene Gedicht und setzen den Namen des Dichters gleichsam als Unterschrift in das Lied hinein. Luther stützt sich nicht auf das Gewicht seines Namens. Wie er in dem berichteten Ereignis eine Tat Gottes sieht, von der allerdings mit „neuen“ Zungen zu singen ist. so weiß er über das aktuelle Ereignis hinaus Gott selbst am Werk, der das Angefangene vollenden wird, bis der „ewige Sommer“, der liebe Jüngste Tag anbricht,
In dieser Fassung geht Luthers Lied als Flugblatt aus und auch im Sommer 1524 in die Sammlungen der Erfurter Enchiridien ein. Es hat aber noch eine bezeichnende Nachgeschichte erlebt: im Herbst 1524, in Johann Walters Geistlichem Gesangbüchlein, erscheint es um zwei Strophen erweitert. Luther reagiert also auf neue Informationen, die ihm zu Ohren gekommen sind; er nimmt Stellung zu neuen Strategien der Gegner. Ein Zeitungslied muß offen sein für zeitbedingte Korrekturen, für aktuelle Erweiterungen, für zusätzliche Gesichtspunkte – auch dies eine Folge des Liedtyps, auf den er sich eingelassen hat.
Noch einmal wird Luther sehr lebhaft an die Vorgänge in den Niederlanden erinnert. Im Januar 1524 erhält er neue Kenntnisse über die dortigen Verhältnisse, als Jakob Praepositus aus Ostfriesland nach Wittenberg zurückkehrt. Was war denn aus dem dritten Verurteilten, Lambert von Thorn, geworden? Aus nicht ganz geklärten Gründen ist er dem Feuertod entronnen und erneut ins Gefängnis gekommen, am 15. 9. 1528(1) wurde er dann doch noch hingerichtet. Am 19. 1. 1524 aber schreibt ihm nun Luther einen Trostbrief und übermittelt ihm zugleich die Grüße der Antwerper Brüder. In dieser Zeit wird er an dem Lied weitergedacht und -gesungen haben. Da er die starke und stilgemäße Schlußstrophe nicht durch Zusätze entwerten will, kann er die beiden neuen Strophen nur in das Lied einschieben, sinnvollerweise eben an der Stelle (nach Str. 8), wo von den Winkelzügen der Inquisitionsbehörde die Rede ist. Er schaltet einfach erzählerische Partien hintereinander und nimmt dafür einen kleinen Bruch in der Argumentation in Kauf.
Die katholische Fakultät hatte durch den Scheiterhaufen auf dem Brüsseler Marktplatz Einschüchterung in Glaubensfragen und Eindämmung der evangelischen Bewegung erwartet. Aber gerade das Gegenteil war eingetreten: Verwunderung und Bewunderung der Standhaftigkeit. Stütze und Stärke des freiheitlichen Glaubens. Auf die Länge der Zeit mußte anders taktiert werden. Luther hört, wie die geistlichen Behörden nun die Gerichtssache bagatellisieren, die Prozeßursache und die Anklagepunkte verschleiern. Sie bedauern ihr forsches Vorgehen, weil sich der große Effekt nicht einstellt; nun wollen sie lieber alles vertuschen und verheimlichen. Die neuen Strophen Luthers aber machen diesen Plan zunichte: die Richter werden auf ihrer Tat behaftet. Das Bekenntnis des Glaubenstodes läßt sich nicht mehr auslöschen.
(9) Der Schimpf sie nu gereuen hat,
sie wolltens gern schön machen,
sie thurn (dürfen) nicht rühmen sich der Tat,
sie (ver)bergen fast die Sachen.
Die Schand im Herzen beißet sie
und klagens ihm Genossen.
Doch kann der Geist nicht schweigen hie;
des Abels Blut vergossen,
es muß den Kain melden.
Mit zwei Bildern verdeutlicht Luther, was er noch zur Sache sagen will. Einmal mit einem biblischen Bild (Gen 4,10): das Blut Abels schreit gen Himmel und klagt den Mörder Kain an – ein „Brudermord“ ist geschehen! Sodann mit einem Bild aus dem mittelalterlichen Rechtsleben. Eine besonders harte Strafe ist es, wenn einem Hingerichteten das ordentliche Begräbnis verweigert wird. Die Asche soll verstreut werden, damit keine Spur des Gedenkens und Verehrens mehr übrig bleibt. Diese letzte Härte war auch den beiden Märtyrern zugedacht. Aber nun verbreitet sich die Kunde in alle Länder, wie Asche, die der Wind fortweht. Es gibt keine Stelle, in die das Wissen von Gottes Tat eingesargt werden könnte; die ehern gehämmerten Stabreime „kein Bach, Loch. Grub noch Grab“ unterstreichen dies genial in sprachlichem Gewand. Wie Luther einst den Anklagepunkt in eine überspitzte Paradoxie gefaßt hat (Str. 7), so hier die Nachwirkung: im Leben wurden die Zeugen durch den Tod zum Schweigen gebracht, durch den Tod hindurch verkündigen sie nun das Leben des Evangeliums in allen Sprachen, non-verbal und omni-präsent. Luther sieht sein Zeitungslied mit seinen protestierenden und proklamierenden Versen als Verlautbarung dieser stummen Verkündigung. Die Rechnung des „alten Feindes“ ist nicht aufgegangen, er muß noch im Widerstreit dem Lob Gottes dienen. Das Lied hat teil an der Dämonenaustreibung.
(10) Die Aschen will nicht lassen ab,
sie stäubt in allen Landen.
Die (später: hie) hilft kein Bach, Loch, Grub noch Grab.
sie macht den Feind zu Schanden.
Die er im Leben durch den Mord
zu schweigen hat gedrungen,
die muß er tot an allem Ort
mit aller Stimm und Zungen
gar fröhlich lassen singen.
Was bedeutet nun dieses Ein neues Lied wir heben an als Auftakt zu Luthers Liederwerk und dem von ihm ausgehenden Liederfrühling? Zunächst eine überraschende und irritierende Feststellung: wir treffen nicht das an, was wir vielleicht erwartet hatten; keinen Choral in abgezirkelten, feierlichen Schrillen, sondern einen Protestsong in hinreißender Bewegung; keine transzendent religiöse Thematik, sondern einen engagierten Bericht einer sehr irdischen Begebenheit, in konkreten, direkten, harten Worten beschrieben.
Es ist ein Volkslied. Am Anfang und auch später noch bleibt für Luther diese Zielsetzung stilbildend. Er arbeitet mit den allseits bekannten und beliebten Mitteln der Kommunikation des Wortes. Er knüpft an gängigen weltlichen Vorbildern an; er zieht seinen Nutzen aus den typischen Modellen und Formeln, die in den Hör- und Ausdrucksschatz des „Volkes“ eingegangen sind. „Volkslied“ heißt bei Luther aber nicht, daß er harmlos oder belanglos, schnoddrig oder simpel daherreden könnte. Kaum eins seiner Lieder ist so sorgfältig ausgearbeitet wie dieses: so umfangreich im Strophenmaß, um den Erzählstoff unterzubringen – nur noch einmal in einem Psalmlied verwendet er diese neunzeilige Strophe; so glatt im metrischen Wechsel von 8 und 7 Silben, so rein im Endreim: so klar und logisch in der je zwei Strophen umfassenden Gliederung, so folgerichtig ohne Abschweifung im Aufbau. Ein vollendetes Kunstwerk, aber eins, das rasch und leicht aufgenommen werden kann. Denn für das „Volk“ ist es wiederum bestimmt: die neue Information wird schnell verbreitet, die engagierte Deutung gleich mitgeliefert. Der Dichter und Sänger eines solchen Liedes kann mit einer Breitenwirkung, einer Mund-zu-Mund-Propaganda rechnen. Warum hat das Kirchenlied in späteren Zeiten die Berührungsstellen mit dem Volkslied meist hochmütig gemieden und seine Stil- und Sprachmittel elitär verleugnet, sich der steif-gelehrten Humanistendichtung angenähert und aus ihr genährt? Die Lebendigkeit des Kirchenliedes hängt ursächlich mit den Quellen des Volksliedes zusammen.
Es ist ein aktuelles Zeitlied, ein zündendes Zeitungslied. Luther will im Medium des gesungenen Wortes in eine Bewegung eingreifen, die ein historisches Ereignis ausgelöst hat. Er tut es zuerst in einem Offenen Brief in Flugblattform. Im poetisch geformten Lied aber kann er dann dasselbe griffiger, pointierter, eben „verdichtet“ sagen und publizistisch eine größere Wirkung erreichen. Er zeigt ein außerordentliches Gespür für die Medien, den aufblühenden Buchdruck und die dadurch wieder angestoßene mündliche Nachrichtenübermittlung. Er benützt die Gattung des Berichtliedes, um sich einseitig und konkret zu äußern; ein Stück gereimter Publizistik, nicht ein Produkt ästhetischer Poesie. Was könnten solche Beispiele für die Aktualität eines Gesangbuches bedeuten? Luther greift aktuelle Fragen auf und transponiert sie in theologische Dimensionen. Er beobachtet Bedrängnis und Unterdrückung und sagt Widerstand und Hoffnung an. Erhört die Probleme der Zeit und der Straße und beantwortet sie mit den Erfahrungen des Glaubens. Wir werden in den Rubriken unsrer Gesangbücher vergeblich nach derartigen Liedern suchen.
Es ist ein Protestlied, und als solches ein Sololied. Hier ist ein einzelner zutiefst erschüttert, und aus dieser Betroffenheit heraus redet er, singt er. Luther übernimmt keine vorhandene Melodie, sondern formt zugleich mit den Worten seine eigene Weise, die er auf der Laute begleitet. So trägt die Melodie ausgesprochen solistische Züge: eine hell schmetternde Fanfare zum Anfang, erzählende Tonwiederholungen; rhythmische Synkopen, die an entscheidenden Stellen das Gleichmaß sprengen; eine reimlose Schlußzeile, die wirkungsvoll in schnellerem Tempo durchgezogen wird. Wie kann ein solch persönlicher Affekt das Lied der Vielen, das Lied der Gemeinde werden? Das ist wohl kaum möglich. Aber hätte sich von einem solchen Beispiel her in der Praxis des kirchlichen Singens nicht viel stärker das Bewußtsein und das Recht des einseitigen, aufrüttelnden, zeitkritischen Sololiedes halten sollen, als es in Wirklichkeit geschah? Luther jedenfalls protestiert, desillusioniert, klärt auf; er holt die Mißstände ans Licht und nennt „Mord“ beim Namen. Er deckt Finten und Listen, Mittel und Methoden der Kirchenoberen auf. um die Kirche wieder in die Nähe Jesu zu führen. Unsre Protestsänger, sofern sie nicht bloß auf der Welle der gängigen und eingängigen Trends schwimmen und ihre scharfen Spitzen nicht einer vermarkteten und vermarktenden Gesellschaft geopfert haben, prangern auch die Mißstände an. Aber gelingt es ihnen ebenso packend wie Luther, darüber hinaus die Zeichen des „Neuen“ zu setzen? Er singt in Glaubensmut und Gottvertrauen; er artikuliert Wirkungen und Hoffnungen, die eine Änderung ermöglichen. Hätten wir hier nicht noch einiges zu lernen?
Beim Aufbruch zu neuen Ufern hat mancher die alten erst richtig entdeckt. (Werner Jetter, Homiletische Akupunktur. Göttingen 1976, S. 41)
Manch einer predigt die ganze Zeit über die Zeit und sagt doch nicht, was an der Zeit ist (ebd. S. 117). – Wo etwas zur Sprache kommt, was an der Zeit ist, begleitet es diese: als helfendes Wort (ebd. S. 120).
Quelle: Hans Martin Müller und Dietrich Rössler (Hrsg.), Reformation und Praktische Theologie. Festschrift für Werner Jetter zum siebzigsten Geburtstag, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1983, S. 216-232.
[1] Materialien zu diesem Lied, in Auswahl aufnotiert: Fr. Spitta, Ein feste Burg ist unser Gott Die Lieder Luthers in ihrer Bedeutung für das evangelische Kirchenlied, Göttingen 1905. – W. Nelle, Martin Luther, die Wittembergische Nachtigall. Leipzig/ Hamburg 1917. – W Lucke, Martin Luthers Werke Bd 35 (WA 35). Weimar 1923 (bei S. 91-97). – J. Kulp. Luthers Leben im Spiegel seiner Lieder. Leipzig 1935. – Chr. Müller. Luthers Lieder. Theologische Auslegungen, Göttingen 1936. – O. Schlisske, Handbuch der Lutherliedcr, Göttingen 1948 (bes. S. 111-124 – recht ungenau!). – W. Stapel, Luthers Lieder und Gedichte. Einleitung und Erläuterungen, Stuttgart 1950. -G. Hahn. Martin Luther, Die deutschen geistlichen Lieder, Tübingen 1967. – G. Hahn. Evangelium als literarische Anweisung. Zu Luthers Stellung in der Geschichte des deutschen kirchlichen Liedes, masch.schriftl. Habilitationsschrift München 1970 (bes. S. 138-141). – Vgl. auch die Faksimile-Ausgaben reformatorischer Gesangbücher.