Der polnische Schriftsteller Tadeusz Borowski (1922-1951) veröffentlichte schon 1946 seine Überlebnisse im Konzentrationslager Auschwitz in Briefform unter dem provozierenden Titel „U nas w Auschwitzu …“, auf Deutsch „Bei uns in Auschwitz“. Auch wenn Borowski sich nach dem Krieg in Polen stalinistischer Huldigungen verschrieben hatte – er starb im Juli 1951 nach einem Selbsttötungsversuch –, hat Imre Kertész in seiner Nobelvorlesung 2002 in Stockholm „die klaren, selbstquälerisch gnadenlosen Erzählungen Tadeusz Borowskis“ anerkennend erwähnt.
Bei uns in Auschwitz … (U nas w Auschwitzu …, 1946)
Von Tadeusz Borowski
I.
… und so bin ich also schon im Pflegerkurs. Man hat uns ausgewählt, uns paar Männer aus all den vielen von Birkenau, und jetzt werden wir geschult, fast so gut wie die Doktoren. Wir sollen wissen, wieviel Knochen der Mensch hat, wie das Blut kreist, was ein Bauchfell ist, wie man den Bandwurm bekämpft und die Parasiten, wie man keimfrei den Blinddarm operiert und wozu ein Ödem gut ist.
Eine wahrhaft edle Aufgabe haben wir: Wir werden unsere Kollegen kurieren, die das »böse Schicksal« mit Krankheit straft, mit Apathie oder die keine Lust mehr haben, weiterzuleben. Wir – ausgerechnet wir paar Männer von den vielen Tausenden aus Birkenau – sollen die Sterblichkeit im Lager mindern und den Lebensmut der Gefangenen heben. Das sagte jedenfalls der Lagerarzt schon im Wegfahren, fragte uns noch nach unserem Beruf, und als ich ihm sagte: »Student«, hob er erstaunt die Brauen:
»Was haben Sie studiert?«
»Literaturgeschichte«, sagte ich bescheiden.
Er nickte enttäuscht mit dem Kopf, stieg in seinen Wagen und fuhr davon.
Dann marschierten wir auf einer sehr schönen Straße nach Auschwitz, sahen das weite Land, irgendjemand teilte uns irgendwo ein, als Gastpfleger im Krankenhausblock, glaube ich, aber ich habe mich nicht übermäßig dafür interessiert, weil ich mit Staschek (weißt Du, das ist der, der mir die braune Hose schenkte) ins Lager ging, ich – um jemanden zu finden, der Dir diesen Brief bringen sollte, und Staschek zum Küchenblock und zum Magazin, um ein Stück Weißbrot zum Abendessen zu organisieren, ein Stück Margarine und wenigstens eine Wurst, weil wir zu fünft sind.
Ich fand natürlich keinen, denn ich bin schon ein »Millionär«, und hier gibt es lauter alte, niedrige Nummern, und mich sieht man nur von oben herab an. Aber Staschek versprach, den Brief über seine Verbindungen wegzuschicken, nur dürfe er nicht allzu lang sein, weil »es doch langweilig sei, jeden Tag an sein Mädchen zu schreiben«.
Sobald ich also gelernt habe, wieviel Knochen ein Mensch hat und was ein Bauchfell ist, werde ich Dir hoffentlich sagen können, was Du gegen Deine Pyodermie[1] machen kannst und was Deine Bettnachbarin mit ihrem Fieber anfangen soll. Ich fürchte nur, dass ich – auch wenn ich weiß, wie man einen Ulcus duodeni[2] behandelt – immer noch nicht imstande sein werde, für Dich ein Tiegelchen mit Wilkinson-Salbe[3] zu klauen, weil es im Augenblick in ganz Birkenau kein Gramm Krätzesalbe gibt. Bei uns haben wir die Kranken mit Pfefferminztee begossen und dabei die Krätze beschworen, allerdings mit Worten, die man leider nicht wiederholen kann.
Und was »Kampf dem Tod« anbelangt: ein Prominenter aus meinem Block erkrankte, es ging ihm schlecht, er fieberte, sprach immer öfter vom Sterben. Eines Tages rief er mich zu sich. Ich setzte mich zu ihm ans Bett.
»Ich war doch bekannt im Lager, nicht wahr?« fragte er und sah mir unruhig in die Augen.
»Wer könnte dich jemals vergessen«, sagte ich unschuldig.
»Schau«, sagte er und wies mit der Hand auf die Fensterscheiben, die der Feuerschein gerötet hatte.
Es brannte, dort, hinter dem Wald.
»Weißt du, ich möchte allein liegen. Nicht mit den anderen zusammen. Nicht auf dem Haufen. Verstehst du?«
»Hab keine Angst«, sagte ich herzlich. »Ich werde dir sogar ein Bettlaken geben. Und mit den Totenträgern werde ich auch reden.«
Er drückte mir schweigend die Hand. Aber es klappte nicht. Er wurde wieder gesund und schickte mir aus dem Lager ein Stück Margarine. Ich schmiere mir damit die Schuhe ein, weil sie aus Fischen gemacht ist. So habe ich zu der Minderung der Sterblichkeit im Lager beigetragen. Aber Schluss damit, das ist zu sehr aus dem Lager.
Und es ist beinahe einen Monat her, dass ich keine Post von zu Hause habe …
II.
Herrliche Tage für uns: kein Appell, keine Pflichten. Das ganze Lager ist angetreten, und wir stehen am Fenster, halb hinausgelehnt, Zuschauer aus einer anderen Welt. Die Menschen lächeln uns zu, wir lächeln zurück, man nennt uns: »die Kollegen aus Birkenau«, halb mitleidig, weil unser Schicksal so schäbig ist, halb beschämt, weil das der anderen so gnädig ist. Der Ausblick aus dem Fenster ist ganz harmlos, das »Kremo«[4] sieht man nicht. Die Leute sind in Auschwitz verliebt, stolz sagen sie »bei uns in Auschwitz …«
Übrigens haben sie Grund genug, stolz zu sein. Versuche doch, Dir Auschwitz vorzustellen: Nimm den Warschauer Pawiak[5], diesen riesigen Gefängniskasten, dazu Serbien, beides mal achtundzwanzig, dann stelle das Ganze so dicht zusammen, dass zwischen den einzelnen Pawiaks nur schmale Lücken bleiben, jage zweimal Stacheldraht um das Ganze, baue von drei Seiten eine hohe Mauer auf, belege den Schlamm mit festen Pflastersteinen, pflanze hier und da ein anämisches Bäumchen – und setze einige zigtausend Leute da hinein, die seit Jahren im Lager saßen, phantastische Qualen litten, die schlimmste Zeit überlebten und die jetzt messerscharfe Bügelfalten haben und beim Gehen die Hüften wiegen – wenn Du das alles getan hast, wirst Du begreifen, warum diese Menschen für uns nur ein mitleidiges Lächeln haben, für uns aus Birkenau, wo es nur Pferdebaracken aus Holz gibt, keinen einzigen gepflasterten Gehsteig und statt Bädern mit heißem Wasser – vier Krematorien.
Vom »Pflegerheim« aus – der Betonboden erinnert an ein Gefängnis, außerdem gibt es viele, allzu viele dreistöckige Pritschen –, hat man eine prächtige Aussicht auf die Straße draußen, in der Freiheit. Ab und zu geht ein Mensch vorbei, manchmal fährt ein Wagen vorüber, ein Leiterwagen, und manchmal kommt jemand geradelt – sicher ein Arbeiter, der nach Hause fährt. Noch weiter, ganz weit entfernt (Du hast keine Ahnung, wieviel Raum in so einem kleinen Fenster Platz findet; nach dem Krieg – wenn ich überlebe – möchte ich in einem hohen Haus wohnen, mit Fenstern aufs Feld), sind ein paar Häuser und dann ein dunkler Wald. Die Erde ist schwarz und muss feucht sein. Wie in Staffs Sonetten »Spaziergang im Frühling«[6], weißt Du noch? Doch bei uns im Pflegerhaus gibt es auch durchaus zivile Sachen: Ein riesiger Kachelofen steht da, mit farbigen Majolika-Kacheln, wie sie bei uns im Lager gelegen hatten. Dieser Ofen hat ausgesprochen klug angeordnete Bratroste: Außen sieht man sie nicht, aber man könnte ein Schwein darauf braten. Auf den Pritschen »kanadische« Decken, mollig wie Katzenfell. Weiße, faltenlose Bettlaken. Und auf dem Tisch eine Tischdecke, aber nur für die Feiertage und zum Essen.
Unter dem Fenster führt ein von Birken eingesäumter Weg vorbei – der Birkenweg. Schade, dass es Winter ist und die kahlen Zweige »weinend« herabhängen wie ausgefranste Besen und dass der Rasen unter ihnen im Schlamm erstickt ist – genau wie draußen, in der »anderen« Welt jenseits des Weges, nur dass man ihn hier mit Füßen treten muss.
Abends, nach dem Appell, spazieren wir den Birkenweg auf und ab. Gemächlich, würdevoll schreiten wir dahin, grüßen mit einem Kopfnicken Bekannte. An einer Kreuzung steht ein geschnitzter Wegweiser. Die Schnitzerei stellt zwei Gestalten dar, die nebeneinander auf einer Bank sitzen und miteinander flüstern, und eine dritte beugt sich zu ihnen herab und hält lauschend ein Ohr hin. Das Ganze ist eine Warnung: Jedes deiner Worte wird belauscht, kommentiert und hingebracht, wohin es gehört. Hier weiß jeder von jedem alles: was und von wem er organisierte, wen er verriet und mit bloßer Hand erwürgte, und jeder lächelt, sobald du über jemanden ein gutes Wort sagst.
Stell Dir also Pawiak vor, mal soundso viel, ein paarmal mit Stacheldraht umwickelt. Nicht wie in Birkenau, wo auch die Wachttürme auf hohen Pfählen stehen, wie Störche auf dünnen, langen Beinen; wo die Lampen nur an jedem dritten Pfosten hängen; wo der Stacheldraht nur einfach ist, dafür aber so viele Abschnitte hat, dass man sie gar nicht zählen kann.
Hier ist es anders: die Lampen leuchten von jedem zweiten Pfosten, und die Türme sind solide untermauert, der Stacheldraht zweifach gezogen und außerdem noch die Mauer. Wir promenieren auf dem Birkenweg, angetan mit unseren Zivilkleidern – die einzigen fünf Menschen in ganz Auschwitz, die keine Streifen tragen.
Wir gehen den Birkenweg entlang, glattrasiert, frisch und unbekümmert. Grüppchen bilden sich, man bleibt stehen, oft vor dem zehnten Block, in dem hinter Gittern und schalldicht vernagelten Fenstern Mädchen sitzen – Versuchskaninchen; aber den größten Andrang gibt es vor der Schreibstube, nicht weil dort der Konzertsaal ist, die Bibliothek und das Museum, sondern ganz einfach deswegen, weil im ersten Stock der Puff untergebracht wurde. Was ein Puff ist, schreibe ich Dir ein andermal. Heute kannst Du ruhig ein bisschen neugierig sein …
Du weißt gar nicht, wie sonderbar es ist, Dir zu schreiben, Dir, die ich so lange nicht mehr gesehen habe. Dein Bild verschwimmt in meiner Erinnerung und lässt sich auch bei großer Konzentration nicht mehr zurückrufen. Eigenartig, wie klar und deutlich ich Dich im Traum sehe! Weißt Du, ein Traum ist nicht wie ein Bild, sondern wie ein Erlebnis, man empfindet den Raum, und man fühlt die Schwere der Gegenstände und die Wärme Deines Körpers … Es fällt mir schwer, Dich zu sehen, wie Du jetzt auf einer Pritsche liegst, das Haar abgeschnitten nach dem Typhus. Ich erinnere mich an Dich noch vom Pawiak her: an das hochgewachsene, schöne Mädchen mit dem leichten Lächeln und den traurigen Augen. Im Gestapogebäude hast Du mit geneigtem Kopf dagesessen, ich sah nur Dein dunkles Haar, das sie jetzt abgeschnitten haben.
Das ist das Stärkste, was mir aus der anderen, der fernen Welt geblieben ist: Dein Bild, obwohl ich mich kaum noch daran zu erinnern vermag. Deshalb schreibe ich Dir lange Briefe: Das sind meine abendlichen Gespräche mit Dir, wie damals in der Skaryszewskastraße. Und deshalb sind meine Briefe so behaglich, so heiter. Ich habe mir viel Heiterkeit bewahrt, und ich weiß, dass auch Du sie nicht verloren hast. Trotz allem. Trotz Gestapo und gesenktem Kopf, trotz Typhus und Lungenentzündung und – kurzgeschorenem Haar.
Und die Menschen … Schau, diese Leute haben eine schreckliche Schule hinter sich, die Schule des Lagers, so wie es am Anfang war, des Lagers, von dem man sich heute Legenden erzählt. Jeder von ihnen wog damals knapp dreißig Kilo, man schlug sie, sie wurden für die Gaskammern ausgewählt. Verstehst Du jetzt, warum sie heute in lächerlichen, taillierten Sakkos herumlaufen, warum sie sich beim Gehen in den Hüften wiegen und nichts als Lobeshymnen für Auschwitz haben?
Ja, so ist es … Wir promenieren den Birkenweg entlang, elegant in unseren Zivilanzügen. Aber was hilft uns das alles, wenn wir doch Millionäre sind! Hundertdreitausend, hundertneunzehntausend, Jammer, nichts als Jammer. Schade, dass wir es nicht geschafft haben, eine kleinere Nummer zu erwischen. Jemand im gestreiften Anzug kommt heran, siebenundzwanzigtausend, alte Nummer, schwindlig kann man davon werden. Ein ganz junger Bengel mit dem leicht getrübten Blick eines Onanisten und dem vorsichtigen Gang eines Tieres, das Gefahr wittert.
»Kollegen, woher kommt ihr?«
»Aus Birkenau, Kollege.«
»Aus Birkenau?« Er sah uns kritisch an. »Und da seht ihr so gut aus? Dort ist es doch schrecklich … Wie konntet ihr das bloß aushalten?«
Witek, mein langer Freund, ein brillanter Musiker, zupfte sich die Manschetten zurecht und sagte:
»Ja, Konzertflügel hatten wir allerdings nicht, aber aushalten konnte man’s schon.«
Die alte Nummer sah ihn wie durch einen Nebelschleier an: »Wir fürchten uns vor Birkenau …«
III.
Die Kurse schleppen sich langsam dahin, wir warten noch auf die Pfleger aus der Umgebung: Janina, Jaworzu, Buna. Auch die Pfleger aus Gleiwitz und Mysłowice sollen kommen, das sind etwas abgelegene Lager, die noch zu Auschwitz gehören. Vorerst haben wir ein paar hochtrabende Reden des schwarzen Kursleiters gehört; so ein kleines, vertrocknetes Männchen, unser kleiner Adolf, kam erst kürzlich aus Dachau und ist bis oben mit Kameradschaft vollgepumpt.[7] Er will die Gesundheit im Lager durch die Ausbildung von Pflegern verbessern, die Sterblichkeit dadurch mindern, dass er uns das menschliche Nervensystem erklärt.
Der kleine Adolf ist ein ungewöhnlich sympathischer Bursche und augenscheinlich nicht von dieser Welt, aber er ist ein Deutscher, und als solcher versteht er nicht den Zusammenhang zwischen den Begriffen und der Welt der Erscheinungen; sagt »Kameraden« und denkt wirklich und wahrhaftig, Kameradschaft sei hier möglich. Auf dem Lagertor besagen kunstvoll verflochtene Buchstaben: »Arbeit macht frei!« Vielleicht glauben sie tatsächlich daran, die SS-Männer und die deutschen Gefangenen. Die, die mit Luther, Fichte, Hegel und Nietzsche großgeworden sind. Da es also im Augenblick keine wirklichen Kurse gibt, bummele ich im Lager herum und sammele neue Eindrücke. Eigentlich bummeln wir zu zweit, manchmal zu dritt: Staschek, Witek und ich. Staschek meistens um den Küchenblock herum, ewig auf der Suche nach jemandem, dem er einmal etwas gegeben hat und der jetzt an der Reihe wäre, etwas dagegen zu leisten. Gegen Abend beginnt dann die Prozession. Sonderbare Typen kommen zu uns, mit unguten, tückischen Augen, aber mit freundlichem Grinsen in den glattrasierten Visagen, und fischen allerlei Dinge unter den knappsitzenden Jacken hervor: Einer bringt ein Stück Margarine, der andere ein Stück Weißbrot aus dem Krankenrevier, noch ein anderer hält uns eine lange Wurst hin, sein Freund hat Zigaretten. Sie schmeißen alles auf die untersten Pritschen und verschwinden wie im Film. Wir teilen die Beute auf; was noch fehlt, wird aus unseren Päckchen dazugetan, dann kochen und braten wir in unserem Kachelofen mit den schönen, farbigen Majolika-Kacheln.
Witek hat keine Ruhe. Ihn zieht es zu dem Fortepiano. Der schwarze Kasten steht im Konzertsaal, im gleichen Block, wo der Puff ist, aber es ist verboten, während der Arbeitszeit zu musizieren, und nach dem Appell spielen die Musiker, die auch jeden Sonntag Sinfoniekonzerte geben. Da muss ich übrigens auch einmal hin.
Gleich gegenüber dem Konzertsaal haben wir eine Tür mit der Aufschrift »Bibliothek« entdeckt, aber Eingeweihte behaupten, die sei nur für Reichsdeutsche und es gäbe dort nichts als ein paar Krimis. Ich konnte mich leider nicht selbst überzeugen, weil die Tür ewig verschlossen ist. Neben der Bibliothek, auch noch im Kulturblock, ist die Politische Abteilung und ein Stück weiter – das Museum. Dort werden die Bilder aufbewahrt, die man aus den Briefen herausgeholt hat, sonst nichts. Schade, der Platz würde sich hervorragend zur Aufbewahrung der halbgebackenen menschlichen Leber eignen, die mein griechischer Freund angeknabbert hatte und für die er fünfundzwanzig auf den nackten Arsch bekam.
Doch das Wichtigste ist oben, im ersten Stock. Das ist der Puff. Da sind Fenster, die sogar im Winter halb offenstehen. In den Fenstern sieht man – nach dem Appell – Frauenköpfe in allen Farben und Schattierungen, und aus den blauen, rosafarbenen und hellgrünen (die Farbe mag ich am liebsten) Schlafröcken tauchen Arme auf, die weißer sind als Meerschaum. Fünfzehn Köpfe, glaube ich, und dreißig Arme, die alte Madame nicht mitgezählt, deren schwerer, epischer, legendärer Busen die Köpfe, Nacken, Arme und so weiter bewacht. Madame pflegt nicht am Fenster zu stehen, dafür amtiert sie wie ein Zerberus an der Pufftür.
Um den Puff herum drängt sich die Lagerprominenz. Wenn es zehn Julias gibt, so kommen auf sie mindestens tausend Romeos, und bei Gott nicht die schlechtesten. Um jede Julia gibt es hier Gedränge und harte Konkurrenz. Die Romeos stehen in den Fenstern der gegenüberliegenden Blocks, schreien, signalisieren mit den Armen und locken. Der Lagerälteste gehört dazu, der Lagerkapo, die Ärzte aus dem Spital, die Kapos von den einzelnen Kommandos. Manche Julia hat einen festen Verehrer, und außer Beteuerungen der ewigen Liebe, außer Versprechungen eines besseren, glücklicheren, gemeinsamen Lebens nach dem Lager, neben Streit und Vorwürfen hört man auch konkrete Gespräche, die sich vorwiegend mit Seife, Parfüm, seidenen Höschen und Zigaretten beschäftigen.
Eine gewisse Solidarität verbindet die Menschen hier; es gibt keinen unlauteren Wettbewerb. Die Mädchen in den Fenstern sind zwar reizend, aber, wie Goldfische im Aquarium, unerreichbar.
So sieht der Puff von außen aus. Hinein kommt man nur über die Schreibstube, und zwar mit einer Karte, die man als Belohnung für gute und fleißige Arbeit bekommt. Wir, Gäste aus Birkenau, haben allerdings auch hier den Vortritt, aber wir lehnten ab, weil wir die roten Wimpel der »Politischen« tragen; sollen die Kriminellen haben, was ihnen zusteht. Mag es Dir auch leidtun, mein Bericht muss ein Bericht aus zweiter Hand bleiben, selbst wenn er sich auf so verlässliche Zeugenaussagen und so alte Nummern stützt wie Pfleger M. (fast schon ehrenhalber) aus unserem Block, dessen Nummer dreimal kleiner ist als die letzten zwei Zahlen meiner Nummer. Verstehst Du? Einer von den Gründern! Darum watschelt er auch wie eine Ente und trägt breite Hosen mit Zwickeln, vorn mit Agraffen[8] zusammengehalten. Abends pflegt er fröhlich zu sein. Er galoppiert in die Schreibstube, stellt sich auf, und sobald eine der »zugelassenen« Nummern aufgerufen wird und nicht da ist, schreit er »Hier!«, grabscht nach dem Passierschein und trabt zu Madame. Er drückt ihr ein paar Päckchen Zigaretten in die fetten Pranken, sie unterzieht ihn einer ganzen Reihe vornehmlich hygienischer Behandlungen, und der frischgespritzte Pfleger jagt mit großen Sätzen die Treppe hinauf. Im Gang spazieren die Julias aus dem Fenster, die Schlafröcke nachlässig um den Körper gewickelt. Hie und da kommt eine an den Pfleger heran und fragt so nebenbei: »Welche Nummer haben Sie?«
»Acht«, sagt er und schaut sicherheitshalber auf seine Karte.
»Ach, das bin ich nicht, das ist die Irma, die kleine Blondine«, haucht sie, etwas enttäuscht, und schwebt davon, zum Fenster hin.
Und der Pfleger geht zu der Tür mit Nummer acht. Schnell liest er noch den Anschlag, der besagt, dies und jenes Vergnügen ist verboten, sonst gibt es Bunker, das und das ist erlaubt (einzeln aufgezählt), und soundso viel Minuten darf man bleiben. Er schickt einen Stoßseufzer zum ›Judas‹ hin, durch den manchmal die Kolleginnen hineinlinsen, ab und zu mal die Madame und manchmal der Kommandoführer vom Puff oder sogar der Lagerführer selbst. Der Pfleger schließt die Tür, legt eine Packung Zigaretten auf den Tisch, dann … Ach so, er bemerkt noch, dass auf dem Nachttischchen zwei Packungen englische Zigaretten liegen. Dann erst kommt es, und … danach geht der Pfleger wieder hinaus und steckt zerstreut die zwei Packungen englische Zigaretten ein. Draußen wird er wieder desinfiziert, und anschließend erzählt er uns glücklich und fröhlich jede Einzelheit.
Ab und zu versagt die Desinfektion, und als Folge davon brach kürzlich im Lager eine Epidemie aus. Der Puff wurde gesperrt, sämtliche Nummern wurden geprüft, amtlich vorgeladen und behandelt. Da aber der Handel mit den Passierscheinen eine breit angelegte Aktion ist, wurden auch diejenigen behandelt, die keine Behandlung brauchten. Ja, so ist das Leben. Außerdem machten die Mädchen aus dem Puff auch Ausflüge ins Lager. Nachts kletterten sie aus ihren Fenstern und zogen los, als Männer verkleidet, zu Trinkgelagen und Orgien. Leider missbilligte der Posten vom Wachtturm in der Nachbarschaft die Ausflüge der Damen, und das Vergnügen fand ein jähes Ende.
Anderswo gibt es auch Frauen: im zehnten Block, dem Versuchsblock. Dort werden sie künstlich befruchtet (so sagt man jedenfalls), man impft ihnen Typhus ein, Malaria, chirurgische Eingriffe werden dort probiert. Ich habe den Mann, der es tut, flüchtig gesehen: Er trug einen grünen Jägeranzug, einen Tirolerhut mit Sportabzeichen, sein Gesicht sah aus wie das eines gutmütigen Satyrs. Anscheinend ein Universitätsprofessor.
Die Frauen sind mit Gittern und Brettern gegen die Außenwelt geschützt. Aber es kommt recht häufig vor, dass einer einbricht und die Frauen befruchtet, und zwar keineswegs künstlich. Der alte Professor muss dann ganz schön wütend sein.
Verstehe bitte: die Menschen, die so etwas tun, sind keineswegs abnormal. Das ganze Lager, sobald es gegessen und geschlafen hat, spricht nur von Frauen, das ganze Lager träumt von Frauen, das ganze Lager ist hinter Frauen her. Der Lagerälteste wurde zum Straftransport geschickt, weil er durchs Fenster in den Puff gekrochen war. Ein neunzehnjähriger SS-Mann erwischte den Kapellmeister, einen würdigen, fetten, älteren Mann, und ein paar Ärzte in unmissverständlichen Positionen mit Frauen, die in die Ambulanz gekommen waren, um sich Zähne ziehen zu lassen. Der SS-Mann zögerte nicht, mit dem Knüppel, den er gerade in der Hand hielt, entsprechende Portionen auf entsprechende Körperteile zu verabreichen. So ein Ereignis ist keine Blamage: Sie hatten einfach Pech.
Im Lager wächst die Frauenpsychose. Deswegen werden die Frauen aus dem Puff wie normale Frauen behandelt, man spricht mit ihnen von Liebe und vom häuslichen Glück. Zehn Frauen gibt es im Puff, und das Lager hat einige zigtausend Insassen.
Deswegen reißt sich jeder darum, nach Birkenau zu kommen, ins Frauen-KZ. Diese Menschen sind krank. Und denke Dir: Es gibt nicht nur Auschwitz. Es gibt Hunderte großer Lager. Weißt Du, woran ich denke, während ich Dir das alles schreibe?
Es ist später Abend; ein Schrank trennt mich von dem großen Schlafsaal, in dem die Kranken stöhnen, und ich sitze in dem winzig kleinen Zimmer, unter dem dunklen Fenster, in dessen Scheibe sich mein Gesicht spiegelt, der lichtgrüne Schirm der Lampe und die weiße Karte, die vor mir auf dem Tisch liegt. Franz, der Junge aus Wien, mochte mich schon am ersten Abend – und ich sitze jetzt an seinem Tisch, seine Lampe leuchtet mir, und auf seinem Papier schreibe ich Dir. Und doch schreibe ich nichts von dem, worüber wir heute mit Franz geredet haben: deutsche Literatur, Schuld, romantische Philosophie, Probleme des Materialismus.
Weißt Du, woran ich denke, wenn ich Dir schreibe? Ich denke an die Skaryszewskastraße. Ich blicke aus dem Fenster, sehe mein Gesicht, das sich in der Scheibe spiegelt, sehe die dunkle Nacht hinter dem Fenster und die jähen Blitze der Scheinwerfer von den Wachttürmen, die Fragmente der Gegenstände, die plötzlich erstrahlen. Ich schaue und denke an unsere Skaryszewskastraße. Ich erinnere mich an den Himmel, blass und erloschen, an das ausgebrannte Haus gegenüber und an das Fenstergitter, das dieses Bild in Stücke schneidet.
Ich denke daran, wie sehr ich mich nach Deinem Körper sehnte, und möchte lachen, wenn ich mir vorstelle, welchen Krach es gegeben haben muss, als sie uns verhaftet und neben meinen Büchern und Gedichten auch Deine Parfümfläschchen gefunden hatten und Deinen Morgenmantel, rot wie der Brokat auf Velazquez’ Bildern (ich habe den Morgenmantel sehr geliebt – darin hast Du immer am schönsten ausgesehen –, obwohl ich es Dir nie gesagt habe).
Ich denke daran, wie reif Du warst, wieviel guten Willen und – verzeih, dass ich es Dir erst jetzt schreibe – wieviel andächtige Hingabe Du in unsere Beziehung gebracht hast, wie freudig Du in mein Leben kamst, in das kleine Zimmer ohne Wasser, in meine Abende mit kaltem Tee, mit den halbverwelkten Blumen, mit meinem Hund, der jeden biss, mit der Petroleumlampe meiner Eltern.
Daran denke ich, und habe nur ein glückseliges Lächeln für all die hochtrabenden Reden von Moral, Recht, Tradition und Pflicht … Oder wenn sie jegliche Verweichlichung und jede Sentimentalität verpönen und mit geballter Faust das Zeitalter der Härte predigen. Ich lache und denke, dass ein Mensch immer wieder einen anderen Menschen finden wird – durch Liebe. Und dass Liebe das Wichtigste und das Dauerhafteste ist, was es im Leben eines Menschen gibt.
Daran denke ich und erinnere mich an meine Zelle im Pawiak. In den ersten Wochen konnte ich nicht begreifen, dass es einen Tag ohne Buch geben sollte, ohne den Lichtkreis der Abendlampe, ohne ein Blatt Papier, ohne Dich …
Aber sieh, was die Gewohnheit vermag: Ich ging in meiner Zelle auf und ab, und der Rhythmus meiner Schritte formte sich zu Versen. Einen dieser Verse habe ich meinem Zellengenossen in seine Bibel geschrieben, aber von den anderen weiß ich noch einen, den für meine Freunde in der Freiheit:
Freunde in Freiheit; mit meinem Gefangenenlied grüße ich euch, damit ihr wisst, ich bin nicht verzweifelt gegangen. Weil ich weiß: meine Liebe bleibt und meine Poesie, und, solange ihr lebt, die Erinnerung meiner Freunde.
IV.
Heute ist Sonntag. Vor dem Mittagessen waren wir spazieren, sahen uns von oben den Versuchsblock mit den Frauen an (sie steckten die Köpfe durch die Gitter, genau wie die Kaninchen meines Vaters, das weißt Du doch noch, grau waren sie, mit einem heruntergeklappten Ohr), danach haben wir uns den SK-Block[9] angesehen (unten im Hof ist die schwarze Mauer, vor der früher mal die Menschen erschossen wurden, heute machen sie es leiser und diskreter – im Krematorium). Wir erblickten ein paar Zivilisten: zwei verängstigte Frauen in Pelzmänteln und einen Mann mit zerknittertem, übernächtigtem Gesicht. Ein SS-Mann begleitete sie – hab keine Angst –, sie wurden nur in die hiesige Arrestzelle gebracht, vorübergehend, es ist im SK-Block. Die Frauen betrachteten erstaunt die Menschen in den gestreiften Anzügen und die eindrucksvollen Lagereinrichtungen: die hohen Häuser, den doppelten Stacheldraht, die Mauer hinter den Drähten, die soliden Wachttürme. Wenn sie wüssten, dass die Mauer zwei Meter tief in die Erde reicht – so sagt man wenigstens –, damit sie nicht untergraben werden kann! Wir lächelten ihnen zu, weil es doch eine Komödie ist: Ein paar Wochen brummen sie, und dann sind sie frei. Es sei denn, man könnte ihnen wirklich nachweisen, dass sie Schwarzhandel getrieben haben. Dann allerdings wandern sie ins Krematorium. Diese Zivilisten sind komische Leute. Sie reagieren beim Anblick des Lagers wie die Wildschweine beim Anblick einer Feuerwaffe. Sie verstehen nichts vom Mechanismus unseres Lebens und wittern dahinter etwas Unwahrscheinliches, etwas Mystisches, etwas, was über menschliche Kräfte geht.
Weißt Du noch, wie Du Dich überrascht hingesetzt hast, als man Dich verhaftete? Du hast es mir selbst geschrieben. Ich habe damals bei Maria den ›Steppenwolf‹ gelesen (die hatte auch alle möglichen Bücher), aber ich weiß nicht mehr genau, wie es alles war.
Heute sind wir mit dem Unwahrscheinlichen, dem Mystischen, auf du und du. Das Krematorium gehört zu unserem täglichen Brot, es gibt Tausende Fälle von Phlegmonen[10] und Tuberkulose, wir wissen, was Wind und Regen ist, Sonne und Brot und Rübensuppe und Arbeit, wir wissen, wie man es macht, dass man nicht erwischt wird, wir kennen Unfreiheit und Obrigkeit, weil wir – sozusagen – gut Freund mit der Bestie sind, und daher sehen wir die von draußen ein bisschen herablassend an, wie ein Gelehrter einen Laien, wie ein Geweihter den Profanen.
Versuche einmal, den täglichen Geschehnissen ihre Alltäglichkeit zu nehmen, denke Dir die Ungläubigkeit weg und den Ekel und die Verachtung, und dann finde für das Ganze eine philosophische Formel. Für Gas und Gold, für Appelle und den Puff, für die Zivilisten und die alten Nummern.
Hätte ich Dir gesagt, damals, als wir beide in meiner kleinen Kammer tanzten, unter der orangefarbenen Lampe, nimm eine Million Menschen, nimm zwei Millionen Menschen oder drei Millionen und töte sie, aber so, dass niemand etwas davon erfährt, selbst die Getöteten nicht, nimm einige hunderttausend Menschen gefangen, brich ihr Solidaritätsgefühl, hetze einen Menschen auf den anderen Menschen und … Du hättest mich glatt für verrückt erklärt und wahrscheinlich sogar aufgehört, mit mir zu tanzen. Ich hätte es natürlich niemals gesagt, auch dann nicht, wenn ich damals schon ein Lager gekannt hätte, denn damit hätte ich die Stimmung verdorben.
Und hier, schau: zuerst eine gewöhnliche Scheune, weiß gestrichen und – darin werden Menschen vergast. Dann vier größere Gebäude – zwanzigtausend, wie ein Kinderspiel. Ohne Zauber, ohne Giftmischerei, ohne Hypnose. Ein paar Kerle, die den Verkehr regeln, damit es keine Stauungen gibt, und die Menschen fließen dahin wie Wasser aus dem aufgedrehten Wasserhahn. Das alles geschieht unter ein paar blutarmen Bäumchen eines schütteren, verqualmten Waldes. Gewöhnlich bringen schwere Lastwagen die Menschen heran, kehren um wie auf einem Fließband und bringen neue. Ohne Zauber, ohne Giftmischerei, ohne Hypnose.
Wie kommt es, dass keiner aufschreit, niemand einem ins Gesicht spuckt, niemand sich auflehnt? Wir ziehen unsere Mützen vor den SS-Männern, wenn sie fertiggezählt haben und aus dem Wald zurückkommen, wir gehen mit ihnen in den Tod und – nichts! Wir hungern, wir stehen im Regen, man nimmt uns unser Liebstes. Siehst Du, das ist die Mystik. Das ist die sonderbare Macht eines Menschen über einen anderen. Die wilde Überrumpelung, die keiner brechen kann. Und die einzige Waffe, die wir haben, ist unsere Zahl – wir sind zu viele, die Kammern fassen uns nicht.
Oder noch anders: einen Spatenstiel in die Gurgel, und hundert Menschen pro Tag. Oder Suppe aus Brennnesseln, Brot mit Margarine, danach ein junger SS-Mann mit einem zerknitterten Papierchen in der Pranke, eine Nummer, in den Arm tätowiert, und dann ein Laster, einer von denen … Weißt Du, wann man zum letzten Mal die »Arier« ins Gas geschickt hat? Am elften April; und weißt Du, wann wir ins Lager gekommen sind? Am neunundzwanzigsten April. Was wäre wohl aus Deiner Lungenentzündung geworden, wenn wir drei Monate früher gekommen wären?
… ich weiß, dass Deine Freundinnen, die mit Dir zusammen auf der Pritsche liegen, sich über meine Worte wundern werden. »Du hast doch gesagt, Dein Tadek sei ein gemütlicher, heiterer Bursche. Und da schau mal, was er für düstere Sachen sagt.« Bestimmt sind sie mir böse. Aber man kann doch reden über das, was um uns herum geschieht. Wir sind es doch nicht, die das Böse leichtfertig und unverantwortlich heraufbeschwören, wir stecken doch mittendrin …
… siehst Du, wieder ein später Abend nach einem Tag voll sonderbarer Ereignisse.
Nach dem Mittagessen habe ich mich auf den Weg gemacht, zum Boxkampf, in die große Waschraumbaracke, in der früher vergast wurde. Wir wurden ohne weiteres hineingelassen, obwohl die Baracke bereits zum Bersten voll war. Im großen Warteraum hatte man den Ring errichtet. Flutlicht von oben, der Richter (nebenbei bemerkt ein polnischer Olympia-Richter) da, die Boxer von internationalem Ruhm, aber alles nur Arier, Juden dürfen nicht auftreten. Und die Menschen – dieselben Menschen, die Tag für Tag den anderen Zähne einschlagen, die selbst manchmal zahnlose Kiefer haben –, die begeistern sich für Czortek, für Walter aus Hamburg und für irgendeinen Bengel, den man im Lager bis zur großen Klasse trainiert hat. Heute noch erzählt man sich bei uns von der Nummer 77, einem Mann, der hier die Deutschen klopfte, wie er wollte, und der sich im Ring für alles rächte, was den anderen draußen angetan wurde. Der Saal war blau von Zigarettenqualm, und die Boxer trommelten aufeinander los, was das Zeug hielt. Zwar nicht fachmännisch, dafür aber mit umso größerem Aufwand.
»Der Walter«, sagt Staschek, »schau nur hin. Auf dem Kommando legt er den Muselmanen mit einem Schlag um, wenn er will, und hier – drei Runden und nichts. Hat auch noch eins in die Fresse gekriegt. Offenbar zu viel Zuschauer, was?«
Zuschauer waren wirklich viele, zusammengepfercht bis zum Ersticken, und wir – schön bequem in der ersten Reihe. Natürlich – Gäste.
Gleich nach dem Boxkampf bin ich zur Konkurrenz gegangen – zum Konzert. Ihr dort, in Eurem Birkenau, Ihr habt überhaupt keine Ahnung, welche Wunder an Kultur man hier, ein paar Kilometer von den Krematorien, erleben kann. Stelle Dir nur vor: Sie spielen die Ouvertüre zum ›Tancred‹[11] und danach etwas von Berlioz[12] und noch irgendwelche Finnischen Tänze von einem Kerl, dessen Name zu viele aaa’s hat. So ein Orchester gibt es in ganz Warschau nicht! Aber lass mich der Reihe nach erzählen, und höre gut zu, es lohnt sich. Also zuerst kam ich aus dem Waschraum, freudig erregt, und ging gleich in den Block, in dem auch der Puff ist. Direkt unter dem Puff ist der Konzertsaal. Es war ziemlich voll und laut hier, die Zuhörer standen an den Wänden entlang, die Musiker stimmten ihre Instrumente, jeder saß dort, wo es gerade Platz gab, verstreut über den ganzen Saal. Gegenüber dem Fenster ist ein kleines, erhöhtes Podium, der Küchenkapo (zugleich Kapellmeister) kletterte da hinauf, die Kartoffelschäler und der Kerl von der Rollwaage (das habe ich vergessen, die Musiker schälen sonst Kartoffeln und bedienen die Loren) fingen an zu spielen. Ich konnte mich gerade noch zwischen das Fagott und die zweite Klarinette setzen, und schon ging’s los. Ich hockte also auf dem unbesetzten Stühlchen der ersten Klarinette und gab mich ganz dem Lauschen hin. Du würdest es nie für möglich halten, wie mächtig ein dreißigköpfiges Orchester in einem großen Zimmer klingt! Der Kapellmeister schwang seinen Taktstock sehr gemäßigt, damit er nicht mit der Hand gegen die Wand käme, dazwischen drohte er mit geballter Faust jedem, der falsch spielte. Bei den Kartoffeln werden sie es ja kriegen! Aus einer Ecke dröhnte die Trommel, aus der anderen Ecke tönten die Timpani[13], beide taten, was sie konnten, um alles noch zu retten. Das Fagott übertönte alles, vielleicht deswegen, weil ich dicht daneben saß. Nur noch die Timpani waren zu hören. Die fünfzehn Zuhörer (mehr Leute gingen nicht hinein) lauschten mit sachkundiger Hingabe und belohnten die Musiker mit sparsamem Applaus … Irgendjemand nannte unser Lager »Betrugslager« – das Lager der Schwindler. Eine dünne Hecke neben dem weißen Haus, der Vorplatz wie in einem Dorf, Tafeln mit der Inschrift »Bad« – das reicht schon, um Millionen Menschen zu täuschen, bis zum Tod. Ein bisschen Boxen, magere Rasenstreifen vor den Blocks, zwei Mark monatlich für die fleißigsten Häftlinge, Senf in der Kantine, wöchentliche Entlausung und die ›Tancred‹-Ouvertüre reichen, um die ganze Welt zu täuschen – uns auch. Die draußen meinen zwar, es sei abscheulich, aber doch nicht so abscheulich, dass man es nicht aushalten könnte – wo es doch Boxen gibt, Rasenstreifen und Decken auf den Pritschen … Auch der Brotkanten trügt, den man sich besorgen muss, damit man am Leben bleibt.
Die Arbeitszeit trügt, während der man weder sitzen noch reden noch ausruhen darf. Betrug ist jede Schaufel Erde, die wir – nicht ganz voll – auf den aufgeschütteten Wall heben.
Sieh Dir das alles an, und verliere nicht den Mut, wenn es Dir schlecht geht.
Denn es könnte ja sein, dass wir einmal darüber berichten müssen, dass wir einmal den Lebenden Rechenschaft abgeben müssen und dass wir uns zur Verteidigung der Toten erheben müssen.
Früher einmal marschierten wir im Kommando ins Lager zurück. Und ein Orchester spielte dazu schmissige Märsche. Dann kamen DAW[14] und andere Kommandos und warteten vor dem Tor; zehntausend Männer. Gerade in dem Augenblick rollten Lastwagen vom Frauen-KZ herüber und brachten nackte Frauen. Die Frauen rangen die Hände und riefen:
»Helft uns! Rettet uns! Wir werden vergast! Hilfe!«
Und sie fuhren an uns vorüber – an zehntausend schweigenden Männern. Kein Mensch rührte sich, keine Hand hob sich. Weil die Lebenden immer recht haben und die Toten nie.
V.
Zuerst waren wir im Kurs. Das heißt, im Kurs sind wir eigentlich schon lange, nur habe ich Dir nie etwas darüber geschrieben, weil er oben im Dachgeschoß stattfindet, wo es ziemlich kalt ist. Wir sitzen auf organisierten Stühlen und haben jede Menge Spaß, hauptsächlich mit großen Modellen des menschlichen Körpers. Die Neugierigen schauen zu, wie das Ganze aussieht, aber Witek und ich spielen mit dem Schwamm und fechten mit den Linealen, und unser kleiner Adolf wird langsam verrückt. Er fuchtelt mit den Händen und faselt von Kameradschaft und Lager. Wir setzen uns also still in die Ecke, Witek holt das Foto seiner Frau aus der Tasche und fragt mich leise:
»Ich möcht wissen, wieviel Männer er eigentlich in Dachau umgebracht hat. Sonst hätte man ihn nicht hierher versetzt. Könntest du ihn erwürgen?«
»Hm – hübsche Frau hast du. Wie bist du zu einem so hübschen Mädchen gekommen?«
»Das war so. Einmal waren wir spazieren. Du weißt, wie das ist. Alles grün, schmaler Seitenweg, ringsherum nur Wald. Wir gehen dicht aneinandergeschmiegt, und da stürzt plötzlich ein SS-Hund aus dem Wald …«
»Nun mach mal einen Punkt! Das war doch in Pruszkόw, nicht in Auschwitz.«
»Doch, tatsächlich ein SS-Hund. Nebenan war eine Villa, und der SS-Mann hatte sie beschlagnahmt. Und das Vieh raste auf das Mädel los! Was hättest du getan? Ich schnappte mir den Revolver, ballerte auf den Köter los, dann packte ich das Mädchen bei der Hand und sagte: ›Komm, schnell!‹ Und Irene steht wie angewachsen, macht große Augen und fragt mich: ›Woher hast du denn das?‹ Ich konnte sie gerade noch rechtzeitig wegbekommen, von der Villa her kamen schon Stimmen. Wir liefen über die Felder wie zwei Hasen. Ich brauchte ewig, um Irene zu erklären, dass man in meinem Beruf ohne ein Schießeisen nicht auskäme.«
Zwischendurch erzählt einer der vortragenden Doktoren etwas über Schleimhäute und sonstiges Zeug, was der Mensch drinnen hat, und Witek berichtet unbekümmert weiter:
»Ich bekam Streit mit meinem Freund. Er oder ich, dachte ich. Er dachte ebenso, ich kannte ihn gut. Ich schlich ihm nach, drei Tage lang, und meine einzige Sorge war, ob mir jemand im Rücken saß. Abends auf der Chmielnastraße habe ich ihn endlich erwischt, aber leider nicht so getroffen, wie ich hätte treffen müssen. Am nächsten Tag kommt er an, die Hand in der Schlinge, und schaut mich von unten an. ›Bin gestolpert‹, sagt er.«
»Und du?« frage ich, weil es eine äußerst aktuelle Geschichte war.
»Nichts. Ich wurde ja gleich eingesperrt.«
Schwer zu sagen, ob sein Freund nachgeholfen hatte oder nicht, aber Witek gab sich nicht geschlagen. Noch auf dem Pawiak war er Pipel[15] bei Kronszmidt: das ist der, welcher mit einem Ukrainer zusammen die Juden folterte. Kannst Du Dich an die Keller im Pawiak erinnern? Die eisernen Böden? Auf diesen Böden mussten die Juden robben, hin und zurück, nackt, nach dem Baden, wenn sie richtig erhitzt waren. Hast Du jemals Soldatenstiefel von unten gesehen? Weißt Du, wieviel Nägel in jeder Sohle sitzen? Kronszmidt stieg den robbenden Juden mit solchen Stiefeln auf die Rücken und ließ sich herumfahren. Für uns Arier war es etwas leichter. Robben musste ich zwar auch, aber über einen anderen Boden, und keiner ließ sich von mir spazierenfahren. Wir hatten nur Gymnastik. Jeden zweiten Tag eine Stunde. Eine Stunde lang: um den Hof herumlaufen, hinlegen, auf die Hände stützen. Gute Turnübung, wie auf der Schule.
Meine persönliche Bestleistung: sechsundsiebzigmal aufstützen und Schmerzen bis zur nächsten Stunde. Aber die schönste Übung, die ich überhaupt kenne, ist das Gesellschaftsspiel »Flieger in Deckung«. Man stellt sich auf, zu zweit, dicht hintereinander, so dass die Brust des einen den Rücken des anderen berührt, auf den Schultern eine Leiter, die man aber nur mit einer Hand festhalten kann. Auf das Wort »Flieger in Deckung« lassen sich alle Mann zu Boden fallen, ohne die Leiter von den Schultern zu verlieren. Lässt einer los, stirbt er unter dem Knüppel oder wird von den Hunden zu Tode gehetzt. Dann klettert ein SS-Mann auf die Leiter und spaziert auf und ab über die Sprossen, immer wieder auf und ab. Schließlich müssen sich die Männer wieder erheben und wieder fallen lassen, ohne die Reihe durcheinanderzubringen.
Siehst Du, das alles klingt so unwahrscheinlich: kilometerweit Purzelbäume schlagen – wie in Sachsenhausen[16], stundenlang über den Boden rollen, Hunderte von Kniebeugen machen, ganze Tage und Nächte lang unbeweglich auf einer Stelle stehen, monatelang in einem Betonsarg sitzen, im Bunker, oder an den Händen festgebunden auf einem Pfosten aufgehängt werden oder an einem Draht, den man zwischen zwei Stühlen gespannt hat, man springt wie ein Frosch oder kriecht wie eine Schlange auf dem Boden herum, man trinkt ganze Eimer Wasser, bis man ertrinkt, erduldet Tausende von Schlägen, verteilt von tausend verschiedenen Menschen mit tausend verschiedenen Stöcken, Peitschen, Knüppeln, Ruten – und sieh mal, ich höre atemlos zu, wenn man mir Berichte aus Gefängnissen erzählt, die kein Mensch kennt, die irgendwo in der Provinz liegen: Małkinia, Suwałki, Radom, Puławy, Lublin – eine unheimlich entwickelte Foltertechnik, und ich weigere mich zu glauben, dass diese Erfindung dem menschlichen Kopf entsprang wie einst die Minerva dem Kopf des Jupiter. Ich kann diese plötzliche Mordlust nicht verstehen, die man offenbar bei allen Betrachtungen über Atavismus übersehen hat.
Und noch etwas: der Tod. Man hat mir von einem Lager erzählt, wo jeden Tag neue Transporte ankamen, ich weiß nicht mehr, wieviel Menschen pro Tag. Das Lager hatte eine bestimmte Zuteilung von Portionen, ich weiß nicht mehr, wieviel, vielleicht drei-, vielleicht viertausend, und der Lagerkommandant wollte nicht, dass seine Leute Hunger hatten. Jeder Häftling musste seine Portion bekommen. Auf diese Weise waren jeden Tag soundso viele Menschen im Lager zuviel. Jeden Abend wurde in jeder einzelnen Baracke gelost, entweder mit Karten oder mit Würfeln, die aus Brot geknetet waren. Diejenigen, auf die das Los fiel, gingen am nächsten Tag nicht zur Arbeit. Um die Mittagszeit brachte man sie aus dem Lager hinaus, und sie wurden erschossen.
Und mitten in diesem Massenatavismus steht ein Mensch aus einer anderen Welt, einer, der konspiriert, damit es keine Verschwörungen mehr gebe, der stiehlt, damit es keinen Raub mehr gebe unter Menschen, einer, der mordet, damit Menschen nicht mehr gemordet würden.
Witek war so einer, ein Mensch aus einer anderen Welt, und dabei Pipel von Kronszmidt, dem schlimmsten Henker von Pawiak. Jetzt sitzt er neben mir und lauscht andächtig, wenn man ihm erzählt, was ein Mensch drinnen hat und wie man es mit Hausmitteln wieder zurechtbastelt, wenn dieses Etwas kaputtgeht. Dann gab es einen Zwischenfall. Der Doktor wandte sich an Staschek, das ist der, der ein wahres Wunder im Organisieren ist, und befahl ihm, etwas über die Leber zu sagen. Staschek sagte etwas über die Leber, aber es war falsch.
Der Doktor sagte:
»Sie antworten auf meine Frage sehr dumm. Außerdem könnten Sie aufstehen.«
»Ich sitze im Lager, also kann ich auch im Kurs sitzen«, sagte Staschek und wurde rot. »Und außerdem, hören Sie auf, mich zu beleidigen.«
»Schweigen Sie, Sie sind im Kurs.«
»Sicher, das könnte Ihnen so passen, dass ich schweige. Weil ich sonst etwas darüber ausplaudern könnte, was Sie im Lager gemacht haben.«
Daraufhin fingen wir anderen an, auf unsere Tische zu hämmern, und der Doktor rannte davon. Unser Adolf kam, hielt uns eine lange Rede von seiner Kameradschaft, dann gingen wir zurück in unseren Block, ausgerechnet mitten im Verdauungssystem. Staschek machte sich sofort auf die Beine, zu seinen zahlreichen Freunden, damit ihm der Doktor keine Knüppel zwischen die Beine werfen konnte. Staschek hat einflußreiche Freunde im Lager, dem Doktor dürfte es schwerfallen, ihm eins auszuwischen. Das einzig Wichtige aus der Anatomielehre: Wer eine gute Rückendeckung hat, dem kann nicht viel passieren. Und der Doktor sollte lieber aufpassen, seine Position ist nicht die allerbeste: Er hat Chirurgie an den Kranken studiert. Wie viele er für die Wissenschaft zu Tode geschnitten hat und wie viele er aus Unkenntnis unter die Erde brachte, ist schwer zu sagen. Aber sicher eine ganze Menge, denn im Krankenrevier herrscht immer Gedränge, und das Leichenhaus ist immer voll.
Du wirst beim Lesen sicher glauben, ich hätte die Welt draußen, bei uns zu Hause, schon ganz vergessen. Ich schreibe und schreibe nur vom Lager, von den kleinen Episoden aus dem Lager, und suche nach deren Sinn, als gäbe es keine andere Welt mehr, als hätte es nie eine andere Welt gegeben, als wartete nichts mehr auf uns …
Kannst Du Dich noch an unser Zimmer erinnern? Die Thermosflasche, die Du mir gekauft hast? Sie war zu groß – ein Liter Inhalt – und ging nicht in meine Tasche, und am Ende, sehr zu Deiner Empörung, wanderte sie unters Bett. Und weißt Du noch, damals, das Sieb in Zoliborz, als Du mich den ganzen Tag über telefonisch auf dem laufenden hieltest? Wie die Leute aus den Straßenbahnen herausgeholt wurden, und wie Du eine Haltestelle zuvor ausgestiegen warst, wie sie einen Wohnblock umstellten und Du durch den Hinterausgang entwischen konntest? Bis zur Weichsel bist Du damals gelaufen. Und wie Du mir gesagt hast, als ich damals über den Krieg klagte, über die Barbarei und über die Generation der Idioten, zu der wir heranwuchsen:
»Denk an die, die im Lager sind. Wir vergeuden nur unsere Zeit, und sie leiden.«
Es war viel Naivität in dem, was ich damals sagte, es war kindisch und selbstsüchtig. Aber ich glaube doch, dass wir unsere Zeit nicht vergeudet hatten. Trotz allem, was der Krieg mit sich brachte, lebten wir in einer anderen Welt. In einer Welt, die vielleicht erst kommen wird. Verzeihe, wenn meine Worte zu kühn sind. Vielleicht sitzen wir hier, damit diese neue, andere Welt einmal kommen kann. Oder glaubst Du, dass wir auch nur einen einzigen Tag im Lager säßen, wenn wir nicht die Hoffnung hätten, dass diese neue Welt einmal kommt und dass die Menschenrechte wieder zurückkehren zu den Menschen? Die Hoffnung ist es, die den Menschen befiehlt, gleichgültig in die Gaskammer zu gehen; die sie davon abhält, Aufruhr zu planen; Hoffnung macht sie tot und stumpf. Hoffnung befiehlt den Müttern, sich von ihren Kindern loszusagen, den Frauen, sich für ein Stück Brot zu verkaufen, den Männern, Menschen zu töten. Die Hoffnung treibt sie dazu, um jeden weiteren Tag des Lebens zu kämpfen, weil es gerade der kommende Tag sein könnte, der die Freiheit bringt. Vielleicht nicht einmal die Hoffnung auf eine neue, bessere Welt, sondern nur noch die Sehnsucht nach einem Leben, in dem es wieder Ruhe und Frieden gibt. Noch nie war die Hoffnung stärker als der Mensch, aber noch nie hat sie soviel Böses heraufbeschworen wie in diesem Krieg, wie in diesem Lager. Man hat uns nicht gelehrt, die Hoffnung aufzugeben. Deswegen sterben wir im Gas.
Schau doch, wie originell die Welt ist, in der wir leben: Wie wenig Menschen es in Europa gibt, die noch nie einen anderen Menschen getötet haben. Und wie wenig Menschen es gibt, die nicht ein anderer umbringen möchte!
Und wir sehnen uns nach einer Welt, in der es wieder Liebe unter Menschen gibt, wir möchten uns von unseren Instinkten ausruhen. Offenbar ist es das Recht der Liebe und der Jugend.
P.S.
Aber zuerst, weißt Du, möchte ich dem einen oder dem anderen die Gurgel durchschneiden, nur so, einfach um die Lagerpsychose loszuwerden, um den Lagerkomplex zu überwinden, den Komplex des ewigen Mützeziehens, des ohnmächtigen Zusehenmüssens, wenn wehrlose Menschen erschlagen und gemordet werden, den Komplex der Angst. Ich fürchte, wir werden das alles nie wieder los. Ich weiß nicht, ob wir es überleben, aber ich wünsche, dass wir einmal wieder soweit sind, dass wir die Dinge beim richtigen Namen nennen, wie es mutige Menschen tun.
VI.
Seit ein paar Tagen ist für unsere Mittagsunterhaltung gesorgt: Aus der Baracke »Für Deutsche« kommt eine Menschenkolonne herausmarschiert und geht singend einige Male ums Lager. Sie singen »Morgen in die Heimat«, der Lagerälteste dirigiert und schlägt mit seinem Stock den Takt.
Das sind die Kriminellen, auch »Freiwillige« genannt. Alle grünen Wimpel hatte man herausgeholt, und die leichteren müssen an die Front. So einer, der seine Frau und seine Schwiegermutter umgebracht hat und den Kanarienvogel hinausließ, damit das arme Vögelchen nicht im Käfig darben muss, hat es besser; der bleibt hier. Vorläufig sind sie noch alle zusammen.
Vorerst wird ihnen das Marschieren beigebracht, und man wartet, ob sie sich in die Gemeinschaft einfügen werden oder nicht. Die Gemeinschaft hat es ihnen offenbar angetan, sie geben sich jede Mühe. Kaum ein paar Tage sind sie hier zusammen, und schon haben sie das Magazin erbrochen, eine Menge Päckchen geklaut, die Kantine zu Kleinholz geschlagen und den Puff demoliert (was zur Folge hatte, dass der Puff zum allgemeinen Bedauern wieder geschlossen wurde). – Warum, sagen sie vollkommen vernünftig, sollen wir uns schlagen lassen und die Köpfe den SS-Männern hinhalten? Und wer wird uns die Stiefel putzen, wenn es uns hier so gut geht? Vaterland hin, Vaterland her, auch ohne uns geht es zum Teufel, und wer wird uns an der Front die Schuhe putzen, und wer weiß, ob es dort junge Burschen gibt?
Da gehen sie nun, eine ganze Horde, und singen »Morgen in die Heimat«. Alles berühmte Totschläger, einer bekannter als der andere: Seppel[17], der Schreck aller Dachdecker, der unbarmherzig bei Schnee und Regen arbeiten lässt und einen für einen einzigen falsch eingetriebenen Nagel vom Dach herunterwirft; Arno Böhm[18], Nummer 8, ein langjähriger Blockleiter, Kapo und Lagerkapo, der jeden Stubenältesten erschlug, wenn er ihn dabei erwischte, dass er Tee verkaufte, der jedes Wort, das man nach dem abendlichen Gong sagte, mit fünfundzwanzig Hieben bestrafte; derselbe, der seinen alten Eltern in Frankfurt rührende – wenn auch kurze – Briefe von Abschied und Wiedersehen schrieb. Wir kennen sie alle, einen wie den anderen: Der dort war auf der DAW, der da bei der Buna, jener ein Bieronkel, aber als er krank war, kroch er zum Blockleiter und bettelte um Tabak, bis man ihn einmal erwischte und so verprügelte, dass er halbtot ins Lager kam, wo er dann irgendein unglückliches Kommando in seine diebischen Klauen bekam. Und andere gehen mit, bekannte Päderasten, Alkoholiker, Rauschgiftsüchtige, Sadisten, und ganz am Schluss marschiert Kurt, elegant gekleidet, schaut herum, kommt aus dem Tritt und singt nicht. Na ja, denke ich, schließlich hat er Dich ja für mich gefunden, hat meine Briefe zu Dir hingetragen, ich laufe also schnell nach unten, packe ihn am Hals und sage:
»Kurt, sicher hast du Hunger, komm doch mit nach oben, du Krimineller-Freiwilliger« – und ich zeige ihm unser Fenster. So gegen Abend kam er dann, gerade recht zum Essen, das wir in unserem herrlichen bunten Kachelofen gekocht hatten. Kurt ist sehr nett (es klingt exotisch, ist aber nicht anders zu sagen) und kann gut erzählen. Er wollte ursprünglich Musiker werden, aber sein Vater, ein reicher Kaufmann, warf ihn aus dem Haus. Kurt fuhr nach Berlin, traf dort ein junges Mädchen, Tochter eines anderen reichen Kaufmanns, die beiden lebten zusammen. Kurt schrieb kleine Artikel für Sportzeitungen, dann wurde er für einen Monat eingesperrt, weil er sich mit einem von den »Stahlhelm«-Leuten geprügelt hatte, und traute sich dem Mädchen nicht mehr unter die Augen. Er besorgte sich einen Sportwagen und fing an, Devisen zu schmuggeln. Irgendwann bei einem Spaziergang traf er sein Mädchen wieder, durfte sich aber nicht zu erkennen geben. Er fuhr nach Österreich und Jugoslawien, wiederholte diese Fahrten immer häufiger, bis sie ihn eines schönen Tages erwischten, und weg war er. Und weil er bereits vorbestraft war (jener unglückliche Monat von damals zählte ja), kam er aus dem Knast direkt ins KZ und kann nun auf das Kriegsende warten.
Der Abend neigt sich herab, im Lager haben sie den Appell schon hinter sich. Wir sitzen um den Tisch herum und erzählen. Man redet überall: auf dem Weg nach Hause, während der Arbeit, abends auf der Pritsche, beim Antreten zum Appell. Wir erzählen uns Geschichten, wir erzählen aus unserem Leben. Heute sprechen wir über das Lager, vielleicht, weil Kurt bald weggeht.
»Ja, man weiß ja draußen eigentlich nicht richtig Bescheid über das Lager. Ein paar Gerüchte über unnütze Arbeit, zum Beispiel Asphaltieren und Wiederaufreißen. Und natürlich, dass es schrecklich ist. Die Leute flüstern. Aber man interessiert sich kaum dafür. Man weiß doch, dass man nicht mehr herauskommt, wenn man einmal drin ist.«
»Ja, wärest du vor zwei Jahren gekommen, hätte dich längst der Wind aus dem Schornstein getragen«, sagte Staschek, das Organisationstalent.
Ich hob die Schultern.
»Oder auch nicht. Dich hat er auch nicht hinausgetragen. Aber etwas anderes: In dem Pawiak traf ich einen aus Auschwitz.«
»Offenbar zur Verhandlung gekommen.«
»Ja. Wir fragten ihm Löcher in den Bauch. Aber er sagte nichts – als hätte er Wasser im Mund. Nur das eine sagte er: ›Kommt, dann werdet ihr sehen‹ Und jetzt – was soll ich euch erzählen? Kindermärchen?«
»Hast du Angst vor dem Lager gehabt?«
»Hab ich. Wir fuhren zeitig los, vom Pawiak zum Bahnhof brachten sie uns mit Lastwagen. Die Sonne schien uns in den Rücken. Schlimm. Das hieß, wir fuhren nach Westen. Nach Auschwitz. Im Affentempo wurden wir in die Waggons verladen, und los! Sechzig Mann im Waggon, nach dem Alphabet abgezählt, es war nicht mal gedrängt.«
»Hast du deine Sachen mitgenommen?«
»Klar habe ich das. Ein Plaid, eine Morgenjacke von meiner Braut und zwei Bettlaken.«
»Trottel. Hättest du es bloß deinen Kollegen zurückgelassen. Hast du nicht gewusst, dass sie dir alles abnehmen?«
»Ja, schade drum. Dann haben wir aus der Wand alle Nägel herausgeholt, die Bretter herausgenommen, und hurra! Aber auf dem Dach war ein Maschinengewehr, die ersten drei waren sofort weg. Der letzte hatte den Kopf hinausgestreckt, und die Kugel traf ihn in den Hals. Der Zug hielt sofort an, und wir nichts als in die Ecke. Lärm, Gebrüll, Hölle! Warum Fluchtversuche? Feiglinge! Erschlagen wird man uns! Und Flüche, aber was für Flüche!«
»Schlimmer konnten sie auch nicht sein, als sie im Frauenlager sind.«
»Stimmt. Aber auch so waren sie schlimm genug. Und ich saß unter einem ganzen Knäuel Menschen ganz tief am Boden. Gut, dachte ich. Wenn sie schießen, bin ich wenigstens nicht der erste. Es war wirklich gut, denn sie schossen tatsächlich. Eine ganze Serie jagten sie in den Haufen, zwei waren tot und einer an der Hüfte verletzt. Und dann los, hinaus, ohne Gepäck. Na, denke ich, jetzt ist es vorbei. Ich dachte an die Morgenjacke, schade darum, weil ich meine Bibel darin hatte, und außerdem, es war doch ein Geschenk von meiner Braut.«
»Das Plaid[19] war doch auch von deiner Braut?«
»Ja. Um das tat es mir auch leid. Aber mitnehmen konnte ich nichts, weil sie mich die Treppe hinuntergeworfen hatten. Ihr habt keine Ahnung, wie groß die Welt ist, wenn man aus einem zugesperrten Waggon hinausfliegt! Der Himmel ist so hoch …«
»… und blau …«
»Eben, blau, und die Bäume duften, umarmen möchte man sie. Ringsherum die SS-Männer, jeder ein Maschinengewehr in den Pranken. Vier Mann wurden zur Seite geführt, uns andere jagten sie in den zweiten Waggon. Jetzt waren wir Hundertzwanzig, drei Tote und ein Verletzter. Beinahe wären wir erstickt. Es war so stickig heiß, dass das Wasser von der Decke tropfte, buchstäblich. Kein Fenster, nichts, alles fest vernagelt. Wir schrien nach Luft und Wasser, aber sobald sie schossen, wurden wir schnell wieder ruhig. Dann fielen wir einer nach dem anderen um und lagen auf dem Boden herum wie gestochene Schweine. Zuerst zog ich meinen Sweater aus, dann zwei Hemden. Ich war nass, der Schweiß rann mir am Körper herunter. Langsam lief mir das Blut aus der Nase. In den Ohren brauste es. Ich sehnte mich nach Auschwitz, denn das bedeutete frische Luft. Als die Tür an der Rampe aufging, habe ich mit dem ersten Atemzug wieder meine ganze Kraft zurückbekommen. Es war eine klare, kalte Aprilnacht. Ich spürte die Kälte nicht, obwohl ich mein nasses Hemd angezogen hatte. Jemand legte mir von hinten den Arm um den Hals und küsste mich. ›Bruder‹, flüsterte er. In der Dunkelheit, die schwarz und tief über der Erde lag, glitzerten die Lichter des Lagers wie lange Schnüre. Darüber peitschte eine rötliche, unruhige Flamme die Nacht. Das Dunkel schien zum Feuer hinzudrängen. Es war, als loderte es direkt am Himmel, hoch über der Erde. ›Krematorium‹, flüsterte es durch unsere Reihen.«
»Mensch, kannst du aber übertreiben, man merkt gleich, dass du ein Dichter bist«, bemerkte Witek anerkennend.
»Wir gingen ins Lager, die Toten trugen wir mit. Hinter mir hörte ich das schwere Atmen der vielen Menschen, und ich glaubte, auch meine Braut ginge hinter mir her. Jeden Augenblick ertönte ein dumpfer Schlag. Knapp vor dem Tor traf mich ein Bajonett am Schenkel. Es tat nicht weh, ich spürte nur die plötzliche Wärme. Das Blut floss mir am Schenkel herab auf die Wade. Nach einigen Schritten versagten die Muskeln, ich begann zu hinken. Der SS-Mann, der uns eskortierte, stach noch auf ein paar andere vor mir ein, und als wir durch das Gittertor ins Lager marschierten, sagte er:
›Hier könnt ihr euch gut erholen.‹
Das war Donnerstagnacht. Und am Montag marschierte ich mit zum Arbeitskommando, sieben Kilometer vom Lager weg. Telegraphenmaste tragen. Das Bein schmerzte wie tausend Teufel. Aber Erholung gab’s, und zwar mächtig!«
»Sei doch ruhig«, mahnte Witek. »Die Juden haben es noch schlimmer. Da brauchst du dir gar nichts einzubilden.«
Die Meinungen gingen auseinander, sowohl über die Transporte als auch über die Juden.
»Juden«, gelang es Staschek endlich, zu Wort zu kommen. »Lass doch die Juden. Wirst sehen, die machen an Euch noch ein großartiges Geschäft mit ihrem Lager. Sie sind überall, im Krematorium, im Getto, und für eine Schüssel Rüben verkaufen sie die eigene Mutter. Eines Tages treten wir morgens zum Arbeitskommando an, neben uns Sonderkommando, Kerle wie Bullen, Freude strahlt ihnen aus den Augen, was denn sonst? Neben mir mein Freund Mojsze. Er aus Mlava, ich aus Mlava, ihr wisst doch, wie es ist, Freunde und Geschäftspartner, man kennt sich, man hat Vertrauen zueinander. ›Was ist, Mojsze?‹ frage ich. ›Was machst du für ein Gesicht?‹ – ›Ach‹, sagt er, ›Bilder hab ich gekriegt, von zu Hause.‹ – ›Na und? Ist doch gut?‹ – ›’n Dreck ist gut‹, sagt er, ›meinen Vater hab ich in den Schornstein geschickt!‹ – ›Das ist doch nicht möglich!‹ – ›Und ob das möglich ist. Er kam mit dem Transport und sah mich vor der Kammer, wie ich die Leute hineinjagte. Er warf sich mir an den Hals, fing an, mich zu küssen und zu fragen, was denn werden sollte, dass er hungrig sei, weil sie zwei Tage nichts zu essen bekommen hätten. Und da brüllt der Kommandoführer los, ich sollte nicht herumstehen, ich sollte arbeiten! Was sollte ich tun! ›Geh, Vater‹, sag ich, ›geh baden, und dann werden wir reden, du siehst doch, dass ich jetzt keine Zeit habe.‹ Und Vater ging, hinein in die Kammer. Und die Bilder habe ich nachher aus der Tasche herausgezogen. Sag mir jetzt, wieso es gut ist, dass ich Bilder von zu Hause habe?‹«
Wir lachten. Eigentlich gut, dass zurzeit keine Arier vergast werden. Alles, nur das nicht.
»Früher hat man sie auch vergast«, sagte einer der hiesigen Pfleger, der sich immer zu uns setzt. »Ich bin schon ewig lange hier, ich habe viel miterlebt. Wie viele Freunde und Bekannte durch meine Hände gegangen sind! Man kann sich gar nicht mehr an all die Gesichter erinnern. Das übliche – die Masse. Aber an einen Fall erinnere ich mich immer noch, den werde ich wahrscheinlich bis zu meinem letzten Tag nicht vergessen. Damals war ich Pfleger in der Ambulanz. Die Behandlungen, die ich machte, waren nicht allzu sanft, für Etepetete hatten wir bekanntlich niemals Zeit. Man stochert ein bisschen herum, in der Hand oder auf dem Buckel oder sonst wo, Verband darauf und los! Der Nächste! Man guckt sich das Gesicht gar nicht an. Keiner bedankt sich, es gibt ja auch nichts zu bedanken. Aber einmal habe ich irgendeine Phlegmone behandelt, und da sagt jemand nachher an der Tür: ›Spasibo[20], panie Pfleger.‹ Ich drehe mich um, so ein mageres, mickriges Gestell, kaum dass sich der Kerl auf den geschwollenen Beinen halten kann. Ich habe ihn besucht, brachte ihm eine Schüssel Suppe. Die Phlegmone hatte ihn am Schenkel erwischt, dann bildete sich eine eitrige Fistel. Der arme Kerl litt schreckliche Qualen. Jammerte und sprach von seiner Mutter. ›Sei ruhig‹, sagte ich ihm, ›wir haben doch alle eine Mutter und weinen nicht.‹ Ich tröstete ihn, so gut ich konnte, weil er Angst hatte, er würde niemals zurückkommen. Was konnte ich ihm schon geben? Eine Schüssel Suppe, ab und zu mal ein Stück Brot. Ich versteckte den Tolek, solange es ging, aber schließlich fanden sie ihn doch, und er wurde vorgemerkt. Ich ging gleich zu ihm. Er fieberte. Zu mir sagte er: ›Das macht nichts, dass ich ins Gas muss. Wahrscheinlich musste es so sein. Aber wenn der Krieg vorbei ist und du überlebst …‹ – ›Das weiß ich doch nicht, Tolek, ob ich überleben werde.‹ – ›Doch, du wirst überleben‹, sagte er hartnäckig. ›Und nachher, nach dem Krieg, fährst du zu meiner Mutter. Nach dem Krieg gibt es keine Grenzen und keine Staaten, es gibt keine Lager, und die Menschen werden sich nicht mehr gegenseitig umbringen. Dies ist das letzte Gefecht‹, sagte er nachdrücklich, ›hörst du, das letzte Gefecht!‹ – ›Ja, ich höre‹, sagte ich. ›Dann fährst du zu meiner Mutter und sagst ihr, ich sei umgekommen. Damit es keine Grenzen mehr gibt und keinen Krieg. Und keine Lager. Wirst du es ihr sagen?‹ – ›Werde ich.‹ – ›Merk dir: meine Mutter wohnt in Dalniewostocznyj Kraj, Stadt Chabarowsk, Leo-Tolstoi-Straße, Nummer fünfundzwanzig. Wiederhole!‹ Ich wiederholte. Ich ging zum Blockleiter, dem Grauen, der ihn noch von der Liste streichen konnte. Der Blockleiter klebte mir eine in die Visage und schmiss mich raus. Tolek ging ins Gas. Ein paar Monate später kam der Blockleiter weg, mit einem Transport. Vor der Abfahrt bat er um Zigaretten. Ich hetzte alle auf, keiner durfte ihm etwas geben. Er bekam nichts. Vielleicht war es schlecht von mir, denn er fuhr zum Fertigmachen, nach Mauthausen. Und die Adresse von Tolkas Mutter weiß ich heute noch: Dalniewostocznyj Kraj, Stadt Chabarowsk, Leo-Tolstoi-Straße, Nummer fünfundzwanzig …« Wir schwiegen. Kurt fragte etwas beunruhigt, was denn los sei, denn er verstand kein einziges Wort unseres Gesprächs. Witek übersetzte es ihm:
»Wir sprechen vom Lager und darüber, ob die Welt jemals besser sein wird. Könntest auch du was sagen.«
Kurt sah uns lächelnd an und sprach langsam, damit wir alle verstehen konnten:
»Ich werde es ganz kurz sagen. Als ich in Mauthausen war, wurden dort zwei Flüchtige eingefangen, ausgerechnet am Heiligen Abend. Ein Galgen wurde aufgestellt, gleich neben dem großen Weihnachtsbaum. Das ganze Lager stand Appell, als sie gehenkt wurden. An dem Christbaum brannten die Lichter. Der Lagerführer trat vor, drehte sich zu den Häftlingen um und kommandierte:
›Häftlinge, Mützen ab!‹
Wir nahmen die Mützen ab. Der Lagerführer hielt seine traditionelle Weihnachtsansprache:
›Wer sich wie ein Schwein benimmt, wird wie ein Schwein behandelt. Häftlinge, Mützen auf!‹
Wir setzten unsere Mützen auf.
›Auseinander gehen!‹
Wir gingen auseinander«, schloss Kurt.
Wir rauchten schweigend. Jeder dachte an seine eigenen Sorgen.
VII.
Wenn plötzlich die Barackenwände einstürzten, hingen Tausende von zusammengepferchten Menschen, die sich auf den Pritschen zusammendrängen, in der Luft. Der Anblick wäre grausamer als die schlimmsten mittelalterlichen Bilder des Jüngsten Gerichts. Es gibt nichts, was einen Menschen mehr erschüttert als der Anblick eines anderen Menschen, der auf seinem Stückchen Pritsche schläft, auf dem Platz, den er braucht, weil er auch Fleisch hat. Das Fleisch haben sie bis zum äußersten ausgenutzt: eine Nummer eintätowiert, um das Hundehalsband zu sparen; nachts geben sie so viel Schlaf, dass der Mensch tagsüber arbeiten kann; tagsüber so viel Zeit, dass er essen kann. Und so viel Essen, dass er nicht unproduktiv verrecken kann. Es gibt nur einen Platz, auf dem man leben kann: das Stück Pritsche, wo man liegt. Der Rest gehört dem Lager, dem Staat. Aber auch dieses Stück gehört dir nicht, ebenso wenig wie dir dein Hemd und dein Spaten gehört. Wirst du krank, nimmt man dir alles: deinen Anzug, deine Mütze, das hineingeschmuggelte Halstuch, das Taschentuch. Stirbst du, reißen sie dir die goldenen Zähne heraus, die sie schon vorher im Lagerbuch eingetragen hatten. Dann verbrennen sie dich, und mit deiner Asche düngt man die Felder und legt Teiche trocken. Es stimmt zwar, dass sehr viel Fett, Knochen und Fleisch beim Einäschern verlorengeht. Aber sonst macht man aus Menschen Seife, aus Menschenhaut Lampenschirme, aus den Knochen Korallen. Wer weiß, vielleicht brauchen sie alle diese Dinge zum Export, wenn sie erst einmal alle die Neger erobert haben?
Wir arbeiten unter der Erde und über der Erde, unter dem Dach und im Freien, im Regen, mit dem Spaten und an der Lore, im Steinbruch und am Förderband. Wir schleppen Zementsäcke, stapeln Ziegelsteine, legen Eisenbahnschienen, schaufeln Erde, treten sie fest … Wir legen die Grundsteine zu einer neuen, abscheulichen Zivilisation. Jetzt erst habe ich den Wert der Antike entdeckt. Welch abscheuliches Verbrechen sind doch die ägyptischen Pyramiden, die antiken Tempel, die griechischen Denkmäler! Wieviel Blut haben wohl die römischen Wege getrunken, wieviel Blut ist in die Grenzwälle eingesickert, in die Gebäude der Städte! Die Antike, in der man dem Sklaven das Zeichen seines Eigentümers auf die Stirn brannte, in der die Flucht mit Kreuzigung bestraft wurde. Die Antike, die nichts als eine große Verschwörung der Freien gegen die Sklaven war!
Du weißt, wie sehr ich Plato geliebt habe. Erst heute weiß ich, dass er log. Denn die irdischen Dinge spiegeln keine Ideale wider, in ihnen verbirgt sich schwere, blutige Arbeit der Menschen. Wir, wir haben Pyramiden gebaut, wir brachen Marmor für Gotteshäuser, und wir zertrümmerten die Steine für die Straßen des Imperators, wir haben die Galeeren gerudert und die Pflüge geschleppt – während sie ihre geistreichen Dialoge und Dramen schrieben, während sie ihre Intrigen mit dem jeweiligen Vaterland zu rechtfertigen versuchten, während sie um Grenzen und Demokratien ihre Kriege führten. Wir waren dreckig und starben. Sie waren die Ästheten und diskutierten.
Eine Schönheit, die mit dem Unrecht erkauft ist, das man den Menschen angetan hat, ist keine Schönheit. Es gibt keine Wahrheit, wenn sie die Unterdrückung verschweigt. Und eine Gerechtigkeit, die Unterdrückung zulässt, ist keine Gerechtigkeit.
Was weiß die Antike von uns? Sie kennt die listigen Sklaven aus den Schriften des Terentius und Plautus, sie kennt die Volkstribune – denke an Gracchus – und einen einzigen Sklaven, den Spartakus.
Sie waren es, die Geschichte machten, aber wir kennen Mörder wie Scipio oder Advokaten wie Cicero oder Demosthenes. Wir sind hingerissen, wenn wir über die Ausrottung der Etrusker hören oder von der Vernichtung Karthagos lesen, wir begeistern uns für Verrat, Raub und Eroberung. Das römische Recht! Heute gibt es auch ein Recht!
Was wird die Welt von uns wissen, wenn die Deutschen siegen? Große Fabriken werden entstehen, Autostraßen werden gebaut, riesige Häuser und Denkmäler, deren Spitzen die Wolken berühren werden. Unsere Hände werden jeden einzelnen Ziegelstein berühren, jede einzelne Schiene werden wir mit unseren Schultern heben, jede Betonplatte. Unsere Familien werden gemordet, Kranke, Alte. Und unsere Kinder auch.
Von uns wird niemals jemand etwas erfahren. Dichter, Advokaten, Philosophen und Priester werden uns verschweigen. Sie werden eine Schönheit schaffen, eine neue Gerechtigkeit, eine neue Wahrheit. Eine neue Religion wird entstehen.
Vor drei Jahren hat es hier noch Dörfer und kleine Siedlungen gegeben. Felder waren hier, Feldwege und Bäume voller Früchte säumten die Straßen. Menschen haben hier gelebt, nicht besser und nicht schlechter als andere auch.
Dann kamen wir. Wir haben die Menschen verjagt, die Häuser zerstört, die Erde planiert und festgetreten. Dann haben wir Baracken aufgestellt, Zäune gezogen, Krematorien errichtet. Mit uns kamen Krätze, Phlegmonen und Läuse.
Wir arbeiten in Fabriken und Gruben. Wir schuften, und jemand heimst den riesigen Gewinn ein.
Denke nur an die hiesige Firma Lenz[21]: sie hat uns die Baracken aufgestellt, das Lager errichtet, unsere Hallen, Bunker, Magazine, Öfen, alles. Das Lager stellte die Menschen zur Verfügung, die SS gab die Mittel. Und als es dann zur Abrechnung kam, griff sich nicht nur Auschwitz an den Kopf, sondern sogar Berlin. Das geht doch nicht an, meine Herren, sagten sie, das ist ganz und gar unmöglich, Sie haben ja Millionen verdient. Mag sein, sagte die Firma Lenz, aber hier sind ja die Rechnungen, sehen Sie doch selbst. Ist alles gut und schön, sagte Berlin, aber so geht es nicht. In Ordnung, schlug die patriotische Firma vor, dann die Hälfte? Dreißig Prozent, versuchte Berlin zu handeln, und dabei ist es dann geblieben. Seit jenem Tage werden alle Rechnungen dieser Firma entsprechend gekürzt. Lenz macht sich weiter keine Sorgen: Wie die meisten deutschen Firmen hat auch sie ihr Stammkapital angehoben. Auschwitz war ihr bestes Geschäft, jetzt wartet sie ruhig das Kriegsende ab, wie andere bekannte Firmen auch. Alle warten sie, die Lieferfirmen für Ziegelsteine, Beton, die Hersteller von Barackenwänden, sogar die, die uns die gestreiften Anzüge machen. Und so wartet auch die große Autofabrik, warten die Grubenbesitzer in Mysłowice, Gleiwitz, Janina und Jaworzno. Derjenige von uns, der es überlebt, wird einmal auf den Lohn für diese Arbeit warten müssen. Nicht mit Geld, sondern mit derselben steinigen Arbeit sollten sie ihn zahlen.
Wenn die Menschen schlafen, kann ich mit Dir reden. Aus der Ferne. Ich sehe in der Dunkelheit Dein ernstes Gesicht, und wenn ich auch weiß, dass mein Hass und meine Bitterkeit Dir fremd sind, so weiß ich doch, dass Du mir aufmerksam zuhörst.
Denn Du bist ein Teil meines Schicksals. Deine Hände eignen sich nicht dazu, einen Spaten zu halten, und Dein Körper ist nicht für die Krätze da. Aber unsere Liebe verbindet uns, und die Liebe zu jenen, die noch am Leben sind. Die für uns leben und in unsere Welt gehören. Die Gesichter unserer Eltern, unserer Freunde, die Umrisse jener Gegenstände, die uns noch geblieben sind. Das gehört noch uns, das können wir noch teilen. Und das Teuerste, was wir haben: Erlebnisse. Und auch wenn wir nur die Bretter der Krankenstube haben, auf denen unser Körper liegt, unsere Gedanken und unsere Gefühle bleiben bei uns. Das ist genug, denn ich habe immer geglaubt, dass die Würde eines Menschen in seinen Gedanken und seinen Gefühlen liegt.
VIII.
Du hast keine Ahnung, wie glücklich ich bin.
Zunächst einmal – der lange Elektriker. Morgen für Morgen gehen wir mit Kurt zu ihm (er ist mit ihm befreundet) und geben ihm unsere Briefe für Dich ab. Der Elektriker hat eine phantastisch alte Nummer – eintausend und etwas –, behängt sich mit Würsten, Säcken mit Zucker, Damenwäsche, und irgendwo in seinem Schuh steckt ein Haufen Briefe. Er ist vollkommen glatzköpfig, und jedes Verständnis für unsere Liebe geht ihm ab. Er feixt über jeden Brief, den ich ihm gebe. Und wenn ich versuche, ihm eine Packung Zigaretten zuzustecken, sagt er:
»Kollege, bei uns in Auschwitz nimmt man nichts für Briefe. Und die Antwort bring ich auch, wenn ich kann.«
Gegen Abend gehe ich wieder zu ihm. Die ganze Prozedur fängt wieder an, diesmal in umgekehrter Reihenfolge: Der Elektriker greift in seinen Schuh, holt eine Karte von Dir heraus, reicht sie mir und feixt. Weil er kein Gefühl für unsere Liebe hat. Und ganz bestimmt mag er auch den Bunker nicht, der ihm als Strafe noch obendrein droht, wenn man ihn erwischt. Weil er viel zu lang ist für den Käfig von anderthalb Metern im Quadrat.
Zunächst also – der lange Elektriker. Dann – die Hochzeit des Spaniers. Der Spanier hat Madrid verteidigt, dann ist er nach Frankreich geflohen, und zuletzt hat man ihn nach Auschwitz gebracht. Der Spanier hatte sich eine Französin angelacht, und sie bekam ein Kind. Als das Kind etwas größer wurde und der Spanier immer noch im Lager saß, fing die Französin ein Mordsgeschrei an, dass sie geheiratet werden wollte. Folge davon: Eine Bittschrift an den Herrn H. persönlich. Herr H, war empört: So eine Unordnung im neuen Europa! Sofort wird geheiratet!
Die Französin mit dem Kind wurde umgehend ins Lager geschleppt, dem Spanier hatten sie die gestreiften Kleider mit Gewalt vom Leib gerissen und ihm einen eleganten Anzug angezogen, der Lagerkapo selbst hatte ihn in der Wäscherei gebügelt, aus den reichen Lagerbeständen wurde dazu eine passende Krawatte ausgewählt, auch noch Socken gebracht, und die Hochzeit konnte stattfinden.
Darauf schritten die Neuvermählten zum Fotografieren: Sie mit einem Hyazinthenstrauß und dem Söhnchen auf dem Arm, er daneben, bei ihr eingehängt. Hinter ihnen das ganze Orchester in corpore, gefolgt von dem wütend schimpfenden SS-Mann aus der Küche:
»Ich zeige euch alle an! Statt Kartoffeln zu schälen, während der Arbeitszeit zu spielen! Ich zeig’s euch schon noch! Meine Suppe steht da ohne Kartoffeln! Könnt mich alle …«
»Ruhe«, versuchten die anderen ihn zu besänftigen. »Das ist doch ein Befehl direkt aus Berlin. Und die Suppe kann auch mal ohne Kartoffeln auf den Tisch kommen!«
Die Aufnahmen von den Neuvermählten waren inzwischen fertig; und die beiden durften sich für die Nacht in den Puff zurückziehen, den man ihnen großzügig zur Verfügung stellte. Die Puffmädchen wurden in die Baracke zehn einquartiert. Am nächsten Tag wurde die Französin zurück nach Frankreich geschickt, und der Spanier marschierte in seinen Gestreiften wieder mit zum Arbeitskommando.
Und im ganzen Lager stolzieren sie herum, als hätten sie einen Stock verschluckt.
»Bei uns in Auschwitz kann man sogar heiraten.«
Zunächst also – und vor allem – der lange Elektriker. Zum zweiten – die Hochzeit des Spaniers. Und zum dritten – unser Kurs geht zu Ende. Erst vor ein paar Tagen endete der Kurs für die Pflegerinnen aus dem Frauenlager. Wir verabschiedeten sie mit Kammermusik. Sie saßen alle an den Fenstern des zehnten Blocks, und aus unseren Fenstern spielten ihnen Teile des Kammerorchesters: die Trommel, das Saxophon und die Geige. Das Schönste ist natürlich das Saxophon: Es weint und lacht und funkelt.
Schade, dass unser Dichter Słowacki kein Saxophon kannte; sicher wäre er ein großer Spieler geworden, schon wegen des Ausdrucksvermögens, über das dieses Instrument verfügt.
Zuerst die Frauen, dann wir. Wir haben uns im Dachgeschoß versammelt, und Dr. Rhode[22], der Lagerarzt (der »anständige«, der keinen Unterschied zwischen Juden und Ariern macht), kam, prüfte uns und dann unsere Verbände, sagte, er sei sehr erfreut und sicher würde jetzt alles bei uns in Auschwitz besser werden, und ging schnell wieder hinaus. Weil es im Dachgeschoß so kalt ist.
Bei uns in Auschwitz nimmt man den ganzen Tag Abschied von uns. Franz, der Junge aus Wien, hielt mir heute seinen letzten Vortrag über den Sinn des Krieges. Ein bisschen stotternd erklärte er mir den Unterschied zwischen denen, die arbeiten, und denen, die zerstören. Und sprach vom Sieg der ersteren und dem Fall der letzteren. Und davon, dass für uns sowohl der Genosse aus unserer Generation in London als auch in Uralsk kämpfe, einer aus Chicago, einer aus Kalkutta, einer vom Kontinent und einer von einer Insel. Von der kommenden Brüderschaft aller schaffenden Menschen. Und ich dachte daran, dass hier, inmitten der Zerstörung und des Todes, wieder einmal ein neuer Messianismus geboren wurde – wie üblich. Dann packte Franz endlich sein Päckchen aus, das er aus Wien bekommen hatte, und wir konnten unseren abendlichen Tee trinken. Dabei sang Franz ein österreichisches Lied, und ich trug Verse vor, die er nicht verstand.
Bei uns in Auschwitz hatten sie mir einige Medikamente und ein paar Bücher mit auf den Weg gegeben. Denke Dir: Gedanken des Angelus Silesius. Und ich bin glücklich, weil es alles so zusammenkam: der lange Elektriker, die Hochzeit des Spaniers und das Ende der Kurse. Und zum vierten: Gestern habe ich Briefe von zu Hause gekriegt. Lange haben sie mich gesucht, endlich haben sie mich gefunden.
Seit zwei Monaten hatte ich keine Nachricht mehr, und ich habe mir wirklich Sorgen gemacht, weil man hier phantastische Gerüchte über die Verhältnisse in Warschau hört. Ich hatte schon angefangen, ganz verzweifelte Briefe zu schreiben, und stell Dir vor: gestern gleich zwei Briefe, einer von Staschek, einer von meinem Bruder.
Staschek schreibt ganz einfach, wie jemand, der versucht, in einer fremden Sprache ein paar herzliche Gedanken zu fassen: »Wir lieben Dich und denken an Dich und an Tuska, Deine Braut. Wir leben, arbeiten und schaffen.«
Sie »arbeiten und leben und schaffen«, nur Andrzej ist tot, und Wacek »lebt nicht«.
Es ist schrecklich, dass ausgerechnet die zwei aus der Generation, die die meiste schöpferische Kraft besaßen, umkommen mussten.
Du weißt, wie sehr ich gerade gegen diese beiden war: gegen ihre imperialistische Konzeption des alles verschlingenden Staates, gegen ihre Unaufrichtigkeit in sozialen Dingen, gegen ihre Theorie der Nationalkunst, gegen ihre verworrene Philosophie, beinahe so verworren wie ihr Meister Brzozowski selbst, gegen ihre dichterische Praxis, die sich an der Mauer der »Avantgarde« den Kopf einrannte, gegen ihren Lebensstil der bewussten und unbewussten Heuchelei.
Und heute, da uns die Schwelle der zwei Welten trennt, jene Schwelle, über die auch wir einmal gehen werden, nehme ich diese Herausforderung an. Heute werfe ich ihnen vor, dass sie sich den suggestiven Ideen des allmächtigen Staates gebeugt hatten, ich nehme ihnen ihre Bewunderung übel, die sie dem Bösen entgegenbrachten, das nicht unser Böses war. Auch noch heute behaupte ich, dass ihre Poesie ohne Ideologie und der Mensch darin abwesend war.
Aber ich sehe ihre Gesichter hinter der Schwelle einer anderen Welt, ich denke an sie, die aus meiner Generation kamen, und ich fühle, dass die Leere um uns herum immer größer wird. Sie sind so lebendig gegangen, so unmittelbar aus dem Schaffen herausgerissen, an dem sie hingen. Sie gingen weg von dieser Welt, in die sie so sehr hineingehörten. Ich begrüße sie, meine Freunde von einer anderen Barrikade. Und wünsche ihnen, dass sie auf einer anderen Welt die Wahrheit und die Liebe finden, die sie auf dieser Welt vergebens gesucht hatten!
… Eva, jenes Mädchen, das so herrlich von Sternen und von Harmonie sprach, die immer wieder sagte, dass »es noch immer nicht so schlimm« sei, auch sie wurde erschossen. Die Leere wird immer größer. Immer mehr gehen weg, die guten und die weniger guten Freunde, und diejenigen, die noch beten können, sollten nicht mehr für den Sinn dieses Kampfes beten, sondern nur noch für das Leben der Geliebten. Ich dachte, dass wir die letzten sein werden. Dass wir in eine Welt zurückkehren, der die schreckliche Atmosphäre, die uns würgt, erspart bleiben werde. Dass nur wir in die Tiefe hinabgestiegen seien. Aber es ist die andere Welt, aus der die Menschen weggehen, herausgerissen aus der Mitte des Lebens, des Krieges, der Liebe.
Wir sind gefühllos wie Bäume und Steine. Und wir schweigen wie gefällte Bäume, wie zerschlagene Steine.
Der zweite Brief ist von meinem Bruder. Du kennst die Briefe, die mir Julek schreibt. Und jetzt schreibt er mir, dass sie an uns denken und dass sie alle Bücher und Gedichte aufbewahren …
Wenn ich zurückkomme, werde ich auf meinem Bücherregal ein neues Bändchen finden. »Die Gedichte von Deiner Liebe«, schreibt Julek. Und ich glaube, dass unsere Liebe und meine Gedichte sich hier symbolisch berühren, dass diese Gedichte, die ich nur für Dich geschrieben habe und mit denen man Dich verhaftet hatte, einen fernen Sieg bedeuten. Hat man sie als einen Nachruf an uns herausgegeben? Ich bin dankbar dafür, dass unsere Freunde unsere Liebe als Erinnerung an uns bewahren und dass man uns das Recht darauf zugestanden hat.
Und dann schreibt mir mein Bruder noch von Deiner Mutter: sie denkt an uns und glaubt, dass wir zurückkommen und alle beisammenbleiben, weil es das menschliche Recht sei.
… Kannst Du Dich noch an die erste Karte erinnern, die Du mir geschrieben hast, als wir erst ein paar Tage im Lager waren? Du hast geschrieben, Du seist krank und verzweifelt, weil Du mich ins Lager »gebracht« hättest. Wenn Du nicht gewesen wärst und so weiter. Und weißt Du, wie es wirklich war?
Es war so, dass ich Deinen Anruf von Maria erwartete, wie es verabredet war. Nachmittags war bei mir eine kleine Zusammenkunft – wie immer am Mittwoch –, und ich glaube, ich habe etwas über meine philologische Arbeit geredet, und außerdem, glaube ich, ist die Karbidlampe ausgegangen.
Danach wartete ich auf Deinen Anruf. Ich wusste, Du würdest anrufen, weil Du es versprochen hattest. Du hast nicht angerufen. Ich weiß nicht mehr, ob ich essen ging oder nicht. Wenn ja, dann wartete ich wieder auf Deinen Anruf, saß neben dem Telefon, weil ich Angst hatte, ich würde das Läuten aus dem Nebenzimmer nicht hören. Ich las Zeitungsausschnitte und irgendeine Novelle von Maurois über einen Menschen, der gelernt hat, wie man menschliche Seelen in unvergängliche Behälter einschließt, und der nun seine Seele und die Seele seiner Geliebten für immer aufbewahren will. Leider erwischte er aber die Seelen von zwei Clowns, und seine Seele und die Seele seiner Geliebten lösten sich im All auf. Gegen Morgen schlief ich ein.
Am nächsten Tag ging ich nach Hause, wie immer unterm Arm die Aktentasche, vollgestopft mit Büchern. Ich frühstückte, sagte, ich käme zum Mittagessen zurück, streichelte meinen Hund, erwähnte noch, ich hätte es sehr eilig, und ging zu Deiner Mutter. Deine Mutter war beunruhigt, sie machte sich Sorgen um Dich. Ich fuhr mit der Straßenbahn zu Maria. Lange Zeit sah ich auf die Bäume im Łazienki-Park, die mag ich doch so gern. Über die Puławska-Straße ging ich zu Fuß, um mir ein bisschen Bewegung zu verschaffen. Auf der Treppe lagen haufenweise Zigarettenstummel, und – wenn ich mich richtig erinnere – fand ich Blutspuren. Ich ging zur Tür und läutete, wie es verabredet war. Die Tür ging auf. Ich sah Männer mit Revolvern in den Händen.
Ein Jahr ist seitdem vergangen. Aber ich schreibe es, damit Du weißt, dass es mir nie leidgetan hat, dass wir zusammen sind. Und ich denke auch nie daran, dass es anders sein könnte. Ich denke nur oft an die Zukunft. An das Leben, das wir leben werden, wenn … An die Verse, die ich noch schreiben werde, an die Bücher, die wir zusammen lesen werden, an die Gegenstände, die dann bei uns stehen. Ich weiß, es ist naiv, aber daran denke ich. Sogar unser Exlibris ist mir schon eingefallen. Es ist eine Rose, die man auf ein großes, mittelalterliches Buch mit schweren Beschlägen geworfen hat.
IX.
Nun sind wir wieder zurück. Ich ging zu meinem alten Block, schmierte die Krätzekranken wie üblich mit dem Minztee ein, heute früh haben wir zusammen den Boden geschrubbt. Danach stand ich mit kluger, verständiger Miene neben dem Doktor, der gerade punktierte. Dann klaute ich die zwei letzten Prontosil-Ampullen[23], die wir noch hatten, und schicke sie Dir. Endlich ist es mir gelungen, unseren Barackenfriseur, der eigentlich von Beruf Gastwirt in Krakau war, davon zu überzeugen, dass ich unter allen Literaten der beste Pfleger bin.
Sonst bin ich den ganzen Tag auf den Beinen – damit mein Brief Dich erreicht. Mein Brief für Dich, das sind diese Blätter. Aber damit sie Dich erreichen, müssen sie Beine haben. Darum muss ich mich kümmern. Endlich fand ich ein Paar geeignete Beine – sie stecken in hohen, roten, geschnürten Schuhen, oben tragen sie eine schwarzgeränderte Brille, haben einen dicken Hintern und laufen Tag für Tag hinüber ins Frauenlager, um die männlichen Kinderleichen abzuholen. Das bedeutet, dass sie jeden Tag auch durch unsere Schreibstube gehen müssen, über unser Leichenhaus, und außerdem muss unser Sonderkommando-Mann persönlich seinen Segen dazu geben. Ja, meine Liebe, die ganze Welt steht und fällt mit einer bestimmten Ordnung, oder – weniger poetisch ausgedrückt – Ordnung muss sein.
Diese Beine marschieren also jeden Tag ins Frauenlager und sind mir offenbar wohlgesonnen. Einmal haben mir diese Beine erzählt, dass sie selbst eine Frau im FKL[24] hätten und wüssten, wie schwer das sei. Und meinen Brief nehmen sie mit, einfach so, aus Freundschaft. Mich auch, wenn es sich einmal so ergibt. Zuerst schicke ich also meinen Brief, und wenn ich kann, komme ich selbst. Ein bisschen Reisefieber habe ich jetzt schon. Meine Freunde haben mir geraten, das Plaid zu nehmen und es da hinzulegen, wo es hingehört. Sie haben recht, denn bei meinem Glück und der allgemeinen Stimmung, die im Lager herrscht, platzt die ganze Sache schon bei meinem ersten Ausflug. Wahrscheinlich werde ich mich dann besonderer Fürsorge erfreuen. Vorläufig habe ich ihnen geraten, sich mit peruanischem Balsam gegen Krätze einzuschmieren.
Die Landschaft ist unverändert, nur schlammiger ist es geworden, ich weiß nicht, wieso. Es riecht nach Frühling. Und die Leute ersticken im Schlamm. Vom Wald her duftet es einmal nach Fichten, einmal nach Qualm. Einmal fahren die Laster mit den Fetzen vorbei, einmal die Muselmanen aus Buna. Einmal zur Effektenkammer, einmal mit SS-Männern zur Wachablösung.
Geändert hat sich nichts. Weil gestern Sonntag war, gingen wir ins Lager zur Läusekontrolle. Die Baracken sehen im Winter schrecklich aus! Alles ist dreckig, obwohl man sauber gefegt hat, es riecht schrecklich nach menschlichen Ausdünstungen. Die Baracken sind vollgestopft mit Menschen, aber es gibt keine einzige Laus weit und breit. Die Entlausung dauert ja nicht umsonst ganze Nächte lang. Wir waren schon wieder draußen, und die Kontrolle war beendet, als ein Sonderkommando aus dem Kremo zurückkam. Sie waren verqualmt, das Fett glänzte, sie beugten sich unter den schweren Säcken, die sie heranschleppten. Sie dürfen alles bringen außer Gold, aber davon schmuggeln sie das meiste.
Jeden Augenblick lösten sich kleine Gruppen von der Menge und stürzten zu dem marschierenden Kommando, um sich eines Päckchens zu bemächtigen.
Die Luft bebte von Geschrei und Flüchen. Endlich verschwand das Sonderkommando im Tor der Mauer, die ihren Block von den anderen trennt. Aber unmittelbar darauf machten sich auch die Juden auf den Weg – zu Besuchen, zu geschäftlichen Besprechungen und zum Organisieren.
Einen von ihnen hielt ich an, einen alten Freund von unserem früheren Kommando. Ich wurde damals krank und ging ins Revier. Er hatte mehr »Glück«, er kam zum Sonderkommando. Immer noch besser, als mit dem Spaten umzugehen und dafür eine Schüssel Suppe zu bekommen. Er streckte mit herzlich die Hand entgegen.
»Na, du? Brauchst du etwas? Hast du ein paar Äpfel?«
»Nein, Äpfel habe ich keine«, sagte ich freundlich. »Bist du immer noch nicht tot, Abram? Wie geht’s denn?«
»Ach so, nichts Besonderes. Die Tschechen haben wir vergast.«
»Das weiß ich auch ohne dich. Und wie geht es dir persönlich?«
»Ach, persönlich. Was kann es bei mir schon geben? Blocks und Schornstein und wieder Blocks. Hab ich denn jemanden hier? Ach doch, wenn du etwas Persönliches wissen willst: Eine neue Art der Menschenverbrennung haben wir uns ausgedacht. Interessiert dich das?«
Ich war wirklich neugierig.
»Ja, das machen wir so, dass wir vier Kinder mit langen Haaren nehmen, die binden wir zusammen und zünden die Haare zuerst an. Dann brennt alles von allein und ist gemacht.«
»Ich gratuliere«, sagte ich trocken und ohne Begeisterung.
»Du, Pfleger, bei uns in Auschwitz müssen wir schauen, dass wir ein bisschen Spaß kriegen. Wie sollten wir es sonst aushalten?«
Er steckte die Hände in die Taschen und ging davon, ohne sich von mir zu verabschieden.
Aber das Ganze stimmt nicht; es ist so grotesk wie das ganze Lager und wie die ganze Welt.
Aus dem Polnischen übersetzt von Vera Cerny.
Quelle: Tadeusz Borowski, Die steinerne Welt. Erzählungen, München: Piper, 1963, S. 140-191.
[1] Als Pyodermie bezeichnet man die Infektion der Haut und Hautanhangsgebilde mit Bakterien.
[2] Gutartiges Geschwür in der Wand des Zwölffingerdarms.
[3] Wilkinson Pomade ist eine juckreizlindernde Creme mit Schwefel als Wirkstoff.
[4] Krematorium.
[5] Der Pawiak war von 1835 bis 1944 ein Gefängnis für politische Häftlinge im Zentrum Warschaus.
[6] Leopold Staff (1878-1957) war ein polnischer Dichter, Dramatiker und Literaturübersetzer.
[7] Gemeint ist wohl Benno Adolph (1912-1967 in Iserlohn), der u. a. als Lagerarzt in den Konzentrationslagern Auschwitz, Flossenbürg, Buchenwald, Bergen-Belsen und Neuengamme tätig war. Er wurde nach dem Krieg nicht vor Gericht gestellt, da ehemalige KZ-Häftlinge für ihn aussagten.
[8] Eine Agraffe ist eine hakenartige Schließe an Kleidungsstücken oder Schnürschuhen.
[9] Strafkompanie-Block im KZ Auschwitz.
[10] Phlegmone ist eine durch Bakterien verursachte Entzündung des Bindegewebes.
[11] Tancredi ist eine Oper in zwei Akten von Gioachino Rossini, uraufgeführt 1813 in Venedig.
[12] Louis Hector Berlioz (1803-1869) war ein französischer Komponist und Musikkritiker der Romantik.
[13] Pauken.
[14] Die Deutschen Ausrüstungswerke GmbH (DAW) waren ein SS-Rüstungsunternehmen, das Betriebe in Konzentrationslagern unterhielt, in denen Häftlinge zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.
[15] Als Pipel wurden junge männliche KZ-Häftlinge bezeichnet, die in einem sexuellen Abhängigkeitsverhältnis zu einem Funktionshäftling standen.
[16] Nationalsozialistisches Konzentrationslager von 1936 und 1945 in der Stadt Oranienburg nördlich von Berlin.
[17] Möglicherweise handelt es sich dabei um den Funktionshäftling Josef Joachim Windeck (1903-1977), der 1968 im dritten Frankfurter Auschwitz-Prozess wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe zuzüglich 15 Jahren Haft verurteilt wurde.
[18] Arno Böhm (1913-1962) war ein Funktionshäftling im KZ Auschwitz. Er gehörte zu den ersten 30 Häftlingen gehörte, die im Mai 1940 aus dem KZ Sachsenhausen nach Auschwitz überstellt worden sind.
[19] Als Plaid bezeichnet man relativ dünne, häufig gemusterte Wolldecken.
[20] „Danke“.
[21] Gemeint ist wohl die Firma Schlesische Industriebau Lenz u. Co.-AG aus Kattowitz.
[22] Julius Alfred Werner Rohde (1904-1946) war als Lagerarzt in den Konzentrationslagern Buchenwald, Auschwitz-Birkenau und Natzweiler-Struthof eingesetzt. Er wurde nach dem Krieg hingerichtet.
[23] Unter dem Namen „Prontosil“ wurde Sulfamidochrysoidin als antibakterieller Wirkstoff vermarktet. Nach der Entdeckung von Penicillin im Jahre 1942 verlor er an Bedeutung.
[24] FKL ist die Abkürzung für Frauenkonzentrationslager.