Warum die Rede von Dämonen mitunter Menschen deren Würde lässt: „Das Paradoxe ist, dass die Rede von einer dämonischen Besessenheit einem psychiatrisch erkrankten bzw. suchtkranken Menschen dessen personale Würde zukommen lässt. Wo Menschen die Kontrolle über sich verlieren und schadhaft gegenüber sich oder anderen handeln, vermag die Zuschreibung an einen Dämon Untaten von der jeweiligen Person unterscheiden: Es ist nicht sie selbst, sondern eine unheilvolle Wirkmacht von außen in sie eingedrungen, die sie das machen lässt. Die passive, also erlittene Krankheit hingegen kann nicht als Handlungsträger von Selbstzerstörung oder Fremdbeschädigung plausibilisiert werden. Ohne ‚Dämonisierung‘ fällt die Untat auf den jeweiligen Menschen zurück. ‚Wie krank kann man nur sein …‘ heißt es, wenn Kranksein das Personsein vereinnahmt hat.“

Warum die Rede von Dämonen mitunter Menschen deren Würde lässt

Das wäre eine eigene Untersuchung wert, warum Martin Luther in seiner Bibelübersetzung die Dämonen ausgelassen hat und stattdessen dem Teuf(f)el einen Plural geschenkt hat. So übersetzt er in seinem „Septembertestament“ von 1522 Markus 1,32-34:

„Am abent aber, da die sonne vnter gangen war, brachten sie zu yhm allerley krancken vnd besessene, 33 vnd die gantze statt versamlet sich fur der thur, 34 vnd er halff vielen krancken mit mancherley seuchenn beladen, vnnd treyb viel tewffel aus, vnd lies die teuffel nit reden, denn sie kenneten yhn.“

Sowohl vom griechischen Text wie auch von der Vulgata her ist in Vers 34 von daimonia, als von „Dämonen“ die Rede. Luther vermeidet in seiner Bibelübersetzung (auch in der Ausgabe 1545) konsequent die Rede von Dämonen und spricht eben von „Teufeln“. Die Revisionen der Luther-Bibel sind bis 1984 „dämonenfrei“ gehalten, erst Luther 2017 bringt die Dämonen zur Sprache.

Man mag dies für eine philologische Spitzfindigkeit halten, aber die Gleichsetzung von Dämonen mit Teufeln ist hochproblematisch, wenn es um Besessenheit geht. In der Luther-Bibel 1545 heißt es bezüglich des besessenen Geraseners im Markus 5,14f:

„14 Vnd die Sewhirten flohen / vnd verkündigten das in der Stad vnd auff dem Lande. Vnd sie giengen hinaus / zusehen was da geschehen war / 15 vnd kamen zu Jhesu / vnd sahen den / so von den Teufeln besessen war / das er sass vnd war bekleidet / vnd vernünfftig / vnd furchten sich.“

Eine Teufelsbesessenheit schreibt das Böse so in menschliches Leben ein, dass Mitmenschen kaum mit einem „Besessenen“ sympathisieren können. Bei Dämonen hingegen ist von einer exogenen zerstörerischen Unheilsmacht die Rede, die nicht teuflisch zu sein hat.

Das Paradoxe ist, dass die Rede von einer dämonischen Besessenheit einem psychiatrisch erkrankten bzw. suchtkranken Menschen dessen personale Würde zukommen lässt. Wo Menschen die Kontrolle über sich verlieren und schadhaft gegenüber sich oder anderen handeln, vermag die Zuschreibung an einen Dämon Untaten von der jeweiligen Person unterscheiden: Es ist nicht sie selbst, sondern eine unheilvolle Wirkmacht von außen in sie eingedrungen, die sie das machen lässt. Die passive, also erlittene Krankheit hingegen kann nicht als Handlungsträger von Selbstzerstörung oder Fremdbeschädigung plausibilisiert werden. Ohne „Dämonisierung“ fällt die Untat auf den jeweiligen Menschen zurück. „Wie krank kann man nur sein …“ heißt es, wenn Kranksein das Personsein vereinnahmt hat.

Besinnt man sich auf den ursprünglichen Wortsinn des griechischen daimon als „Zuteiler“, eingedenk dass es auch eine eudaimonia als Glückseligkeit geben kann, sind Dämonen eben keine fratzenhaften Unwesen, wie sie auf gotischen Tafelbildern mit der Versuchung des heiligen Antonius dargestellt worden sind.

In Trauerpredigten bei Suizidanten oder Suchttoten rede ich mitunter von einer dämonischen Macht, der die betreffende Person nicht gewachsen war. So behält für mich die Verstorbene ihr menschliches Ansehen auch im trostlosen Tod.

Hier der Text als pdf.

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