Von Helmut Gollwitzer
Am 9. Juni 1944 trägt Theodor Haecker in seine »Tage- und Nachtbücher« ein: »Freitag. Vormittag gegen 10 Uhr. Im Keller. Sprengbombe. Zerstörung des Hauses und meiner Wohnung. Beispiellose Verwüstung. Manche gute Menschen, Helfer, Tröster durch ihr Sein und ihr Tun! Scholl!« Im Augenblicke des Verlustes dessen, woran sein Herz hing, seiner Bücher, seiner Manuskripte und Kunstwerke, denkt er an die Geschwister Scholl und ihre Freunde, und sie sind ihm »Helfer, Tröster durch ihr Sein und Tun« – sie, die vor über einem Jahr Hingerichteten.
Sie und all die anderen, die in jenen Blutjahren ihr Leben im aktiven Widerstand einsetzten und opferten, wollten mehr. Sie wollten die Mörder stürzen und dem Morden ein Ende machen. Das war ihnen nicht beschieden. Zu wenige waren sie, zu unüberwindlich war diese Mischung von Verängstigung und Verblendung, diese Unterwerfungsbereitschaft der Mehrzahl der Deutschen, noch im Siegesrausch feig und erst recht in der sich ankündigenden Niederlage. »Es gehört mehr Mut dazu, eine abweichende Meinung offen auszusprechen, als aufrecht durchs Maschinengewehrfeuer zu stürmen«, hörte ich Theodor Haecker vor dem Kriege einmal in einem Vortrag sagen, und die Kriegsjahre haben mir das fast täglich bestätigt. Die sich auf Befehl dem Tode in seinen grausamsten Formen täglich aussetzten, waren zu feige, etwas gegen den Befehl zu tun, auch nur den wahren Charakter des Befehlssystems genauer ins Auge zu fassen und ihm abzusagen, zuerst in den Gedanken und dann in der Tat. Immer wieder klagen diese jungen Leute der »Weißen Rose« über ihre Isolation, und wie eine Erlösung ist es jedesmal, inmitten der feig-gläubigen Masse Denkende und also Gleich-Denkende zu treffen.
Aber sie waren zu wenige, darum konnte es nicht gelingen, und recht behielten die Argumente derer, die sie warnten, weil der Nazismus nicht, wie es freilich eine wahre, großartige und folgenreiche Revolution des deutschen Volkswesens gewesen wäre, von innen stürzbar sei, sondern nur von außen, wie es dann auch geschehen ist. Haben die, die recht behielten, auch recht gehabt? War das Opfer nutzlos?
Hätten sie besser das Unternehmen unterlassen oder rechtzeitig aufgegeben? Im nachhinein ist es leicht, ihnen dankbar zu sein, daß sie nicht aufgaben und dann mit so tapferem Zeugnis sterben. Was aber hätten wir damals ihnen geraten? In den Diskussionen über das Widerstandsrecht nach 1945 haben konservative Theologen und Juristen die These vertreten, Verschwörung zum Sturz eines Unrechtsregimes sei nur dann sittlich gerechtfertigt, wenn man umfassend informiert sei, wenn man sicherstellen könne, daß es danach besser werde, und wenn man zu 51% mit Erfolg rechnen könne. Das war zur moralischen Freisprechung auf die Attentäter vom 20. Juli 1944 gemünzt, verurteilte aber zugleich die vielen namenlosen kleinen Leute, die wegen solcher Widerstandshandlungen wie die der »Weißen Rose« unter Hitlers Henkerbeil geschleppt wurden, der Anmaßung, der sinnlosen und selbstzerstörerischen Auflehnung oder gar des blinden Fanatismus. Nichts davon gilt, und das ist einer der Gründe, weshalb man für den Film, zu dem dieses Buch gehört, dankbar sein muß. Diese hingerichteten Einzelkämpfer, Bürgerliche, Kommunisten und hier diese Studenten, wollten freilich mehr, als sie vermochten, und ihre Mittel standen in einem deprimierenden Mißverhältnis zu ihrem Ziele, dem Sturze Hitlers und der Seinen. Das wußten sie aber selbst, sie waren alles andere als blind. Der Befehl des Gewissens war stärker. Wenigstens nicht nichts zu tun, wenigstens einen eigenen Beitrag zu leisten zur Befreiung des blinden, feigen, verführten, gezwungenen und geliebten Volkes und zum Ende des Mordens, in der Hoffnung, das könne sich summieren, immer mehr andere aufrütteln und so die Befreiung von innen bewirken, diesem Befehl des Gewissens, dieser »Pflicht zum Widerstand« konnten sie sich nicht mehr entziehen. Es ging ihnen, sagt später einer ihrer Mitverschwörer, beim Risiko ihres Lebens »nicht nur darum, nur Zeugnis abzulegen« – und nun ist ihnen doch nicht mehr beschieden gewesen. Eben das aber macht ihr Handeln zu einer Herausforderung an uns. Es wurde zum Zeugnis, und wir, die Überlebenden und die Nachlebenden, sind dessen Adressaten. Zur Verstärkung der Herausforderung soll der Film dienen, ein Spielfilm, ein Veranschaulichungsmittel also, dessen Stärke ist, uns in das damalige Geschehen, soweit das möglich ist, hineinzuziehen, und dessen Schwäche ist, daß es den Abstand der Zeit nur scheinbar und deshalb auch immer mit Nicht-Übereinstimmungen, die den, der einiges davon miterlebt hat, zu Zwischenrufen reizen, überbrücken kann. Wie unmöglich ist es z. B., den heute Lebenden zu vermitteln, welcher außerordentlichen sittlichen und intellektuellen (beides gehörte und gehört zusammen!) Anstrengungen es bedurfte, sich als junger Mensch aus selbstverständlich nationaldenkender Familie zu dem Satz durchzuringen: »Der Krieg muß verloren werden«? Wie kann verständlich gemacht werden, wieviel verschüttete Widerstandsgewalt in der zunächst nur in verbürgerlichter Gestalt übernommenen christlichen Tradition entdeckt und als unentbehrlicher Trost fürs Handeln – und nicht fürs untätige Abwarten! – wirksam wurde? Aber dennoch ist es gut, daß der Versuch dieses Films gemacht wurde, damit das Zeugnis uns erreicht. Wozu es uns herausfordert, ist rasch erkannt, sobald erkannt ist, daß nichts vom Damaligen vergangen ist. Hitler – und alles, was dieser Name umfaßt – war nicht, wie wir hofften, eine einmalige, schreckliche Verirrung, mit seinem Sturze überstanden; er war nur ein Anfang. Die Barbarisierung der Menschheit ging weiter. »Hitler in uns« ist nicht vergangen und nicht »Hitler um uns«. In den staatlichen Foltersystemen und Konzentrationslagern, in den Massenschlächtereien, in der »Abschreckung durch das Gleichgewicht des Schreckens« lebt Hitlers Geist weiter. Man kann nicht den Widerstand gegen Hitler ehren und eine Politik, die Geist von seinem Geiste ist, bejahen.
Das Zeugnis der »Weißen Rose« ist klar:
- Jeder muß mit dem falschen, menschenmörderischen Geiste brechen und darum schon mit allen Vorstellungen und Überlieferungen, die diesen Geist damals zum Siege kommen ließen.
- Die Pflicht zum Widerstand ist nicht von der Aussicht auf Erfolg abhängig.
- Es ist nicht wahr, daß man nichts tun konnte und daß man nichts tun kann. Jeder konnte damals etwas tun. Jeder kann heute etwas tun: für das Leben, gegen den Tod.
Quelle: Michael Verhoeven/Mario Krebs, Die Weiße Rose. Der Widerstand Münchner Studenten gegen Hitler. Informationen zum Film, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1982, S. 5-8.