De divitiis – Über den Reichtum. Radikale Reichtumskritik in der Alten Kirche in der Übersetzung von Andreas Kessler: „Es scheint dir also gerecht, dass der eine vor Überfluss überquillt, der andere aber selbst an dem für den täglichen Gebrauch Nötigen Mangel leidet? Dass dieser aufgrund massloser Fülle erleichtert wird, jener aber aus Mittellosigkeit dahinsiecht? Dass dieser mit wertvollen und grossartigen und über die Notwendigkeit natürlichen Masses hinausgehenden Speisen vollgestopft wird, während jener nicht einmal durch wertlose Nahrung gesättigt wird?“

In seinem Buch Der Schatz im Himmel. Der Aufstieg des Christentums und der Untergang des römischen Weltreichs (Klett-Cotta, 2017) stellt Peter Brown in Kapitel 19 die anonyme pelagianische Abhandlung De divitiis – Über den Reichtum ausführlich vor. Entstanden um 410 n.Chr. bietet sie wohl die radikalste Reichtumskritk in der Alten Kirche. Andreas Kessler hat in seiner Dissertationsschrift Reichtumskritik und Pelagianismus. Die pelagianische Diatribe de divitiis den lateinischen Text ins Deutsche übersetzt:

Über den Reichtum (De divitiis)

1,1 Wundern würde ich mich darüber, dass die Gedanken gewisser Menschen derart von der Liebe irdischer Begierde gefangen und besessen sind, dass sie meinen, weltliche Güter schadeten niemandem, wenn ich mich nicht daran erinnerte, dass dies ein Laster des Menschengeschlechts ist: dass es das dem Übrigen gegenüber für besser hält, was es selber liebt und mit voller Überzeugung das als höchstes Gut bestimmt, von dessen Liebe und aus dessen Umarmung es in keiner Weise weggebracht werden kann. Auch bringt es die Eigenart menschlichen Fehlverhaltens mit sich, dass der Mensch, gefangen durch irgendein Laster, dieses bei den anderen für ein grosses Gut hält, obwohl er nach dem Urteil des eigenen Gewissens genau weiss, dass es ein Übel ist. Die Macht des verkehrten und durch die Liebe zum Übel entstellten Verstandes ist nämlich so gross, dass er weder dem eigenen noch einem fremden Urteil beipflichtet und lieber gegen das Gewissen aller wie sogar gegen sein eigenes auftritt, als das zu bekämpfen, was er mit übermässiger Leidenschaft liebgewonnen hat.

1,2 Es gibt sodenn drei Laster, die mit gewaltigem Ungestüm vordrängen und in einer Weise von den Flammen der Begierde entzündet werden, dass sie kaum gelöscht und beruhigt werden können: Völlerei nämlich sowie Habsucht und Geschlechtslust. Wer auch nur einem dieser Laster verfallen ist, stürzt gleichsam vom Berg des Lichts und des Lebens kopfüber in haltlosem Trudeln in Tod und Finsternis, so dass er kaum mehr durch irgendwelche Zügel der Bildung oder Haltetaue der Wissenschaften zurückgehalten werden kann.

1,3 Und obgleich alle diese drei Laster schlimm genug sind, sind sie untereinander zudem derart verwandt und verknüpft, dass sie kaum aus ihrer gegenseitigen Verbindung losgerissen oder von ihr getrennt werden können. Es ist nämlich äusserst schwierig, dass ein den Genüssen der Völlerei Frönender die Habsucht oder die Geschlechtslust besiegt, da die eine ihm Trost bietet, die andere ihm aber zur Unterstützung dient. Die Völlerei ist nämlich ohne die Geschlechtslust in einem Masse einsam, wie sie ohne die Habsucht verlassen ist. Die Habsucht selbst wird in gewisser Weise schal erscheinen, wenn sie nicht der Völlerei und der Geschlechtslust dient. Aber auch die Geschlechtslust wird in keiner Weise bestehen können, wenn ihr nicht durch die Völlerei, die ihrerseits durch die Habsucht Bestand hat, Hilfe zukommt. Derart – wie wir gesagt haben – bedürfen diese drei Laster einander, dass sie voneinander getrennt und gesondert kaum existieren können.

1,4 Dennoch werden die Völlerei oder die Geschlechtslust leichter als die Habsucht besiegt, weil jene beiden, wenn sie einmal befriedigt wurden, offenbar etwas Abstossendes an sich haben, diese aber, sowie sie nicht befriedigt werden kann, ihren Liebhabern niemals abscheulich vorkommt. Vielmehr, desto mehr sie von denen geliebt wird, umso grösser wird sie und – vergiftet zusammen mit ihren Liebhabern – wächst sie heran. Die Begierde gleicht nämlich dem Feuer, als dessen Nahrung der Reichtum weltlicher Dinge gilt. Gib dem Feuer Nahrung, es wird zu einer ungeheuren Flamme anwachsen. Gib der Habsucht, was ihr nicht gehört, sie wird zu einem noch grösseren Feuer der Begierde emporwachsen. Schliesslich wirst du bei vielen die Völlerei und die Geschlechtslust niedergestreckt finden, die Habsucht aber haben selbst jene, die sie tadeln, kaum je endgültig besiegt. Daraus kann man ersehen, wie die Habsucht ihre Liebhaber im Griff hält, die ja selbst diejenigen sich zu unterwerfen müht, die bereits begonnen haben, sie zu hassen. Was also wundert es, wenn die Habsucht von ihren Verehrern schamlos verteidigt wird, ist doch deren Macht so gross, dass sie manchmal zum Teil selbst über jene Herr bleibt, die sie zu verwünschen begonnen haben?

2 Aber irgendeiner wird sagen: „Wenn du zu Beginn über den Reichtum zu sprechen begonnen hast, warum bist du zur Habsucht übergegangen?“ Als ob es etwas anderes sei, habsüchtig zu sein, etwas anderes, Reichtum haben zu wollen! So wie einer nämlich aus Habsucht nach Reichtum strebt, so besitzt er ebenso wegen dem Reichtum auch die Habsucht – wenn überhaupt ein Habsüchtiger besitzt und nicht vielmehr besessen wird -, und der Reichtum kann solange aufrechterhalten werden, wie er sozusagen von seiner Mutter, d.h. der Habsucht, beschützt wird. Der Habsüchtige ist nämlich nicht jener, welcher von dem, was er hat, recht freigiebig den Bedürftigen zukommen lässt. Und wer bereits begonnen hat, sein Hab und Gut freigiebig zu verteilen, wird allmählich nichts Überflüssiges besitzen, und wer nichts Überflüssiges besitzt, wird auch nicht mehr reich sein können, weil der für reich gilt, der über eine überflüssige Fülle an Besitz verfügt; weshalb, wie einer aufhört, habsüchtig zu sein, auch aufhört, reich zu sein.

3 „Aber jener“, wirst du sagen, „ist habsüchtig, der fremden Besitz an sich reisst, nicht aber jener, der seinen eigenen Besitz verwahrt.“ Wieviele aber gibt es, die auf diese Weise ihr Eigentum besitzen, ohne vorher fremdes Eigentum begehrt zu haben? Wird nämlich irgendeiner vom Armen zum Reichen, ist dies ohne das Verlangen nach fremdem Eigentum nur schwer möglich. Es ist ziemlich unsinnig, wenn du jemanden vor dem Besitz von Vermögen für habsüchtig hältst, wenn er begehrt, und ihn frei von Habsuchst wähnst, wenn er bereits zu besitzen begonnen hat. Macht es einen Unterschied, wenn du den nach Unzucht Trachtenden der Begierde bezichtigst, bevor er sie verübt, und ihn von der Begierde frei wähnst, wenn er bereits all das zu verüben begonnen hat, was vor der Tat als Vergehen gilt? Überlege, worin das Vergehen wohl liegt! Es ist mir unbegreiflich, wie du die Tat einer Sache verteidigst, woran nur zu denken du ja für unentschuldbar hältst, und aus welchem Grund die Frucht jener Tat unschuldig sein soll, deren Blüten aus einem Vergehen erwachsen sind.

4,1 Doch gelten diese Überlegungen vielleicht als blosse Argumente, wenn sie nicht durch göttliche Autorität beglaubigt werden. So höre denn, wie der selige Apostel in dieser Sache denkt, beziehungsweise was er als „habsüchtig sein“ definiert. Er sagt: „Die, welche reich werden wollen, fallen in Versuchung und in die Stricke des Teufels und in viele unnötige wie schädliche Begierden, welche die Menschen in den Untergang und die Verzweiflung stürzen. Die Wurzel aller Übel ist nämlich die Habsucht.“ Im Willen nach Reichtum hat er – wenn ich mich nicht irre – die Habsucht definiert. Dieser Wille ist aber sowohl bei jenen zu veranschlagen, die noch nicht reich sind und es zu werden wünschen, als auch bei denen, die es bereits sind und darin zu verharren begehren. Denn wenn du darauf bestehst, dass lediglich in jenen der Wille nach Reichtum vorhanden ist, die wünschen, vom Armen zum Reichen zu werden, frage ich dich, ob jene, die bereits reich sind, sein wollen, was sie sind, oder begonnen haben, nicht mehr reich sein zu wollen. Wenn sie wollen, ist in ihnen nämlich der aus der Begierde stammende Wille nach Reichtum vorhanden, und auch sie selbst werden dem apostolischen Urteil unterliegen. Wenn sie aber nicht reich sein wollen, welche Notwendigkeit drängt sie zu sein, was sie nicht sein wollen, oder weshalb sind sie reich, wenn sie es nicht sein wollen? Und wenn sie entschieden nicht reich sein wollen, warum geben sie sich nicht Mühe, aufzuhören zu sein, was sie nicht wollen? Wenn sie nämlich wirklich keinen Reichtum besitzen wollen, weshalb sagen sie sich nicht von ihm los oder verteilen ihn oder bemühen sich in irgend einer Weise, sich seiner zu entledigen? Oder, wenn einer ihren Reichtum wegnehmen möchte, warum verhindern sie es, warum leisten sie Widerstand, ja, warum verteidigen sie den Reichtum sogar mit der Autorität weltlicher Richter, da sie doch, wenn sie ihn wirklich nicht haben wollen, Dank sagen müssten, wenn einer sie von unfreiwilligem Reichtum befreit, ist es doch eine höchste Wohltat, das nicht zu haben, was du wider deinen Willen besitzest. Wenn jemand an seinem Körper aus Leiden an irgendeiner Krankheit ein faules Glied hat, so glaube ich, dass, wenn es amputiert wird, er das gerne akzeptiert und nicht auf den Arzt wütend ist, wenn er jenes Glied entweder abbrennt oder abschneidet, das für sich selber sowohl nichts nützt, wie auch die gesunden Glieder durch seine Nähe entzündet. Und so sind die, welche keinen Reichtum haben wollen, denen zum Dank verpflichtet, die einem diesen Reichtum wegnehmen, und sie sollen sich darüber nicht aufregen. Oder wenn sie sich aufregen und nicht wollen, dass ihnen der Reichtum weggenommen wird, ist dies ein offensichtliches Anzeichen des Willens nach Reichtum, was durch die verbissene Verteidigung ebendieses Reichtums bestätigt wird. Jeder verschmäht nämlich das zu verlieren, was er liebt. So nehme ich also die neue und reichlich unglaubliche Tatsache wahr, dass gewisse Leute nicht reich sein wollen und es dennoch sind, obgleich es doch viel leichter ist, einen freiwillig Armen, als einen gegen seinen Willen Reichen zu finden.

4,2 Doch darauf wirst du vielleicht gleich sagen: „Etwas anderes ist werden wollen, etwas anderes sein wollen.“ Welcher Unterschied besteht zwischen werden wollen und sein wollen? Ich meine, dass jener, der werden will, noch nicht ist, jener aber, der sein will, bereits ist. Wie denn? Ist anzunehmen, dass jener, der werden will, schuldig ist und frei von Schuld derjenige, der es erwiesenermassen bereits ist, wenn einzig in der Begierde und nicht auch im Besitz selbst ein Vergehen liegt? Also müssen sich diejenigen, die reich zu sein begehren, beeilen, schneller zu sein, als was sie begehren, weil sie gemäss dieser Definition solange der Schuld unterliegen werden, wie sie noch nicht sein werden, was sie zu werden begehren. Aber sobald sie begonnen haben zu sein, fangen sie an, nicht mehr werden zu wollen, sondern sein zu wollen; und da sie bereits begonnen haben, nicht mehr werden, sondern sein zu wollen, werden sie von jenem Urteil freigesprochen, aufgrund dessen gemäss gewissen Leuten die, welche reich werden wollen, solange für schuldig befunden werden, wie sie es nicht geworden sind. Und wenn dieser Definition Zustimmung entgegengebracht wird, müssen sich alle, die fremdes Eigentum an sich reissen – wie ich bereits vorher erinnert habe – beeilen, dass sie das Höchstmass an Reichtum erreichen. Sie sollten wissen, dass sie dann erst schuldig sein werden, wenn sie nicht geworden sind, was sie werden wollen. Wenn diese Beweisführung vielleicht bei den Menschen etwas gilt, welchen das äusserst häufige, mit einem Wortschwall und bunten Argumentierereien ausgeschmückte rhetorische Täuschungsmanöver mit Hilfe einer dialektischen, schmeichlerischen Rede als Wahrheit ausgegeben wird und die Überzeugung geschaffen wird, dass der Besitz jenes Vermögens unschuldig ist, dessen Anstreben ein Vergehen ist, so gilt diese Beweisführung aber nicht bei Gott, wo die Verschlagenheit halsbrecherischer Redekunst nichts gilt, sondern wo die reine Einfachheit der Wahrheit gilt, und wo die Festlegung des göttlichen Urteils aufgrund seiner Autorität herrschen wird. Wenn auf der Basis dieses Urteils selbst jene zu bestrafen sind, in denen allein der Wille zu sündigen vorhanden war, sind diejenigen umso härter zu bestrafen, die ihre schlechte Absicht durch die Tat eingelöst haben.

5,1 „Also ist der Reichtum schlecht?“, wirst du fragen. Zuerst überlege, was Reichtum ist und erfasse dann als kluger Verwalter seine Eigenschaft. Das Menschengeschlecht wird nämlich in diese drei ökonomischen Klassen eingeteilt: in Reichtum, Armut und Suffizienz. Denn jeder Mensch ist entweder als Reicher oder Armer oder über das Lebensnotwendige Verfügender einzuschätzen. Reichtum ist – soviel die Schwachheit meines Verstandes zu erkennen vermag – mehr zu haben, als lebensnotwendig ist, Armut hingegen bedeutet, das Lebensnotwendige nicht zu haben, das Lebensnotwendige aber, das den mittleren Platz des Masses zwischen den anderen beiden innehält, bedeutet, nicht mehr als nötig zu besitzen.

5,2 Damit du nicht meinst, dass dies meine eigene Definition ist und sie als Urteil menschlicher Vernunft für verwerflich hältst, höre, was der heilige Geist in der Person der Weisheit sagt: „Gib mir weder Reichtum noch Armut, sondern versorge mich ausreichend mit dem Notwendigen“, und sieh ein, dass wir die oben vorgenommene Definition nicht von einem auf eigener Anmassung basierenden Urteil, sondern aus der Autorität göttlichen Geistes hergeleitet haben. Und er, der nicht reich noch arm zu sein begehrte, sondern forderte, dass er in ausreichender Weise mit dem Lebensnotwendigen versorgt werde, hat deutlich und klar genug gezeigt, dass, was das lebensnotwendige Auskommen über- beziehungsweise unterschreitet, teils dem Reichtum teils der Armut zuzuweisen ist. Wenn es sich tatsächlich so verhält, warum scheint es dir gut zu sein, mehr als das zu haben, was genügt? Nicht was der Habsucht genügt, meine ich, sondern der Natur. Der Habsucht kann nämlich nie Genüge getan werden, möge sie auch, übermütig wie sie ist, die ganze Welt besitzen. Je stärker nämlich die Begierde wächst, umso mehr häuft sich deren verderbliche Materie an. Ich nehme an, dass du gelesen oder beim Vorlesen gehört hast: „Was auch immer überflüssig ist, ist vom Schlechten.“ Und wenn du es nicht gelesen hast oder wenn du es gelesen hast, meinst, dass sich das auf ein anderes Gebiet bezieht, so beurteile in sicherer Weise das Wesen des Reichtums danach, dass der rechtschaffene und weise Mann ihn dermassen verschmäht, dass er mittels Gebeten sogar fordert, er möge ihm verweigert werden. Überlege sodenn, was für ein Gut es ist, von dem der Kluge fordert, dass es ihm nicht gegeben werde.

5,3 „Aber Armut“, wirst du sagen, „wollte er auch nicht haben, er, der dringend fordert, dass auch sie ihm weggenommen werde. Deshalb musst du mich, den du überzeugen willst, gemäss seiner Weisheit zu leben, ebensosehr von der Not der Armut wie von der Begierde nach Reichtum abbringen, und du musst mich nur zu dem verpflichten, was – wie du hingewiesen hast- derjenige forderte, dass es ihm gegeben werde, dessen Besonnenheit du mir als Beispiel vorschlägst.“ Allerdings ist bei einem Vergleich mit jenen, welche die Fülle des Reichtums lieben und sich nicht fürchten, Überflüssiges zu besitzen, obwohl sie viele ihrer Brüder bedürftig sehen, jener zu loben, der das Überflüssige den Bedürftigen gibt und gemäss der Lehre des Alten Testaments mit der Menge des Lebensnotwendigen zufrieden ist. Aber jener ist eines grösseren Lobes würdig, der nicht nur die Gebote des Alten Testaments, sondern auch die des Neuen Testaments erfüllen will, zumal dies unser Herr und Erlöser sowohl mit seinem Wort, als auch mit seinem Beispiel lehrte: mit seinem Wort, indem sagte er: „Jeder, der nicht auf alles verzichtet, was er besitzt, kann nicht mein Schüler sein.“; mit seinem Beispiel, indem er – wie wir gelesen haben – gemäss seiner angenommenen Menschennatur so arm gewesen ist, dass er nichts Eigenes besass, wo er sein Haupt darauflegen konnte. Über ihn legt auch der selige Apostel Zeugnis ab, indem er sagt: „Er ist deshalb arm geboren worden, damit er reich sei, so dass ihr durch seine Armut bereichert werdet.“ Womit er sagen wollte, dass wir dann am reichlichsten mit himmlischem Reichtum zu versehen sein werden, wenn wir gemäss dem Beispiel Christi irdischen Reichtum verschmäht haben, so dass in uns jenes Wort des seligen Johannes vollumfänglich in Erfüllung gehe: „Wer sagt, dass er in Christus seinen Halt habe, der muss auch so auftreten wie jener aufgetreten ist.“

6,1 Aber all das oben Erwähnte haben wir nicht in der Absicht gesagt, dass wir jenen Reichtum für tadelnswert halten, der ohne irgendeine Sünde erworben und für gute Werke ausgegeben wird, durch den den Besitzenden keine Notwendigkeit oder Gelegenheit zur Sünde entsteht, sondern jenen Reichtum, der entweder durch eine schlechte Tat erworben wird oder der den Nutzniessern oft Gelegenheiten zu schlechten Taten eröffnet oder dessen Werke der Barmherzigkeit keine Frucht tragen und der seinen Besitzern dermassen mit widerwärtiger Speichelleckerei schmeichelt, dass sie lieber an irdischen Gütern reich sein wollen, als sich auf das Geschenk des himmlischen Erbes zu freuen. Ich bitte dich sorgfältig abzuwägen: wieviel Anmassung und wieviel Stolz liegen denn vor, dass wir dort reich werden wollen, wo wir wissen, dass Christus arm gewesen ist und für uns irgendeine Herrschaftsmacht beanspruchen, wo jener die Gestalt der Knechtschaft angenommen hat, wie geschrieben steht: „Erkennet denn in euch, was ihr auch in Christus erkennt, der obwohl in göttlicher Gestalt, es nicht als Raub betrachtete, Gott gleich zu sein, sondern sich vielmehr selbst verleugnet hat, indem er die Gestalt eines Sklaven annahm.“ Gewiss ist es so, dass wer sich Christ nennt, behauptet, ein Schüler Christi zu sein. Wer ein Schüler Christi ist, muss aber den Beispielen des Lehrers in allem folgen, so dass die Gestalt wie auch die Lehre des Lehrers gleichviel in der äusseren Erscheinung wie in der Lebensweise des Schülers ihre Entsprechung finde.

6,2 Welche Gestalt Christi kann in einem solchen Reichen sein? Welche Ähnlichkeit mit Christus hat ein in dieser Weise Begüterter? Welcher Vergleich ist zwischen Bedürftigkeit und Überfluss möglich? Welche Übereinstimmung gibt es zwischen Stolz und Demut? Was ist ähnlich zwischen dem, der nichts hat und dem, der Überflüssiges besitzt? Ich will nicht mehr über materiellen Besitz reden; wir wollen sehen, ob der Reiche in seinen Sitten irgendeine Ähnlichkeit mit Christus hat, ich sehe nämlich nichts Ähnliches. Jener geschwollen, dieser niedrig, jener stolz, dieser demütig, jener aufbrausend, dieser sanft, jener jähzornig, dieser geduldig, jener ruhmsüchtig, dieser verwehrt sich jeglichen Ruhm, jener verabscheut die Armen, dieser umarmt sie, jener tadelt sie, dieser lobt sie. Die Reichen pflegen manchmal aufgrund ihrer ehrgeizigen und stolzen Gesinnung, mit der sie für sich den ganzen Ruhm der Welt begehren, weltliche Machtpositionen anzustreben und in jenem Gericht zu sitzen, vor dem stehend Christus vernommen wurde. Oh, welch unerträgliche Vermessenheit menschlichen Stolzes! Sieh den Sklaven sitzen, wo der Herr gestanden hat, und wo jener verurteilt wird, urteilt dieser. Was ist, Christ? Was ist, Schüler Christi? Dies ist nicht die Gestalt deines Lehrers. Jener steht demütig vor dem Gericht, während du – getragen von stolzer Erhabenheit – zu Gericht hoch über den Stehenden sitzest, um womöglich über einen Armen zu richten. Du befragst, jener ist verhört worden. Du verurteilst, jener wurde dem Urteil des Richters unterworfen. Du masst dir an, ein Urteil auszusprechen, und er, obwohl unschuldig, nimmt es wie ein Schuldiger an. Er hat gesagt, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, dein gieriger Ruhm nach weltlicher Herrschaft ist aber dermassen, dass du sie entweder mit ungeheuer viel Geld kaufst, oder sie dir durch die unwürdige und mühsame Knechtschaft der Kriecherei verdienst. Und du glaubst, dass du von Gott erhalten hast, was du mit dem durch Ungerechtigkeit erworbenen Geld kaufst, oder dir als unwürdiger Klient durch häufige Begrüssung verdienst, indem du den Kopf bis auf den Erdboden beugst und Herr zu dem sagst, den du verspottest, weil sich jener Ehrenhändler genauso über dich lächerlich macht. Und bisweilen rühmst du dich, ein Ehrenmann genannt zu werden, während jene wirkliche Ehre nicht durch Geld noch durch unwürdigen Dienst erworben, sondern durch sittlichen Lebenswandel erlangt wird. Unter deinen Augen wird der Körper eines Menschen, der dir von Natur aus gleich ist, mit der Bleipeitsche geschlagen, mit Stockschlägen gebrochen, mit Haken zerrissen oder mit Feuer zu Asche verwandelt. Und fromme Augen ertragen diesen Anblick und christliches Empfinden hält es aus, dabei zuzuschauen und nicht nur zuzuschauen, sondern, kraft seiner mächtigen Stellung, die Foltern des Scharfrichters zu verhängen. Vor einem Zuschauer bei einer Folterung graut es mir schon genug, was soll ich über den noch sagen, der Solches befiehlt? Nun überlege mit mir, weltlicher Richter: Es ist mir unerklärlich, durch welche Seelenhärte du unberührt und frei von diesem Leiden bleibst, das ein dir von Natur aus gleicher erduldet, oder wie der Schmerz eines menschlichen Körpers nicht das Empfinden menschlichen Geistes durchdringt. Bald darauf bleibt jedem Christen eine so grosse Sorge, dass er nicht einmal schlafen kann, solange er die religiöse Pflicht nicht an jenem vollzieht, der auf dein Geheiss durch die Grausamkeit unterschiedlicher Strafen und vielfältiger Folter zu Grunde gerichtet wurde. Und es überkommt ihn grosse Furcht vor dem letzten Gericht, wenn er ihm gegenüber keine Barmherzigkeit übt. Und du, auf dessen Befehl hin jener dies erlitten hat, fürchtest dich nicht? Manchmal befiehlst du, dass sogar Unschuldige ins Gefängnis geworfen werden, nur weil du von Gefühlen von Gunst oder Missgunst bewegt wirst, und du kommst dir gross vor, wenn dein eigener Schmerz gerächt wird. Die Christen andererseits überkommt grosse Sorge und grosse Furcht vor dem göttlichen Unwillen, wenn sie den im Gefängnis Hockenden nicht aufsuchen. Aber du, der diese Gefangennahme veranlasst hast, erfreust dich eines überaus ruhigen Gewissens. Es genügt nicht, das Grauen, die Schläge, die Verliesse, die Dunkelheit des Kerkers und die engen Fesseln der Ketten aufzuzählen: Unter einem Richter treten notwendigerweise so viele Todesstrafen ein, wie es überhaupt Strafen gibt. Und da erwächst andererseits den Christen vielfache Angst, der religiösen Pflicht nachzukommen, weil sie sich selbst – gewissermassen unter Vorenthaltung eines Begräbnisses – von Vögeln und wilden Tieren im ihnen verwandten Körper zerfleischt und zerrissen sehen. Und du, nachdem du dies als Verteidiger des Reichtums und Händler von Ehrenämtern zugelassen hast, liegst unbekümmert auf wertvolle Teppiche gelehnt zurück, so als würde eine triumphale Beute zu Füssen gelegt. Du nimmst die Gäste durch die Schilderung in Beschlag, wen du durch welche Grausamkeit zerstückeln oder durch welche Todesart töten liessest und in Anwesenheit des Volkes zu Boden warfst. Und falls einer deiner Gäste von dieser Erzählung erschreckt würde, sagst du, dass du den Gesetzen unterworfen seist, während du dich kurz vorher rühmtest, Hörer des Evangeliums zu sein und – wie das Gerücht herumbot – als dessen Verfechter gemäss dem Gesetz Christi zu leben.

6,3 Ich frage dich: Was ist der Grund, dass unter denen, die mit demselben Christennamen benannt werden und durch dieselbe feierliche Verpflichtung zu derselben Religion gezählt werden, ein so grosser Unterschied besteht, dass die einen von solch gottloser Grausamkeit ergriffen sind, dass sie sich nicht fürchten, zu unterdrücken, zu rauben, zu foltern und letztlich zu töten, die anderen aber von einem so grossen religiösen Pflichtgefühl erschüttert werden, dass sie fürchten, denen gegenüber unbarmherzig zu sein, welche die andern ohne Furcht getötet haben? Was das ist, dass es unter Menschen derselben Religion eine solche Verschiedenheit verursacht, muss durch sorgfältige Prüfung erwogen werden. Ist denn nicht allen, die sich Christen nennen, dasselbe Gesetz des Christentums anheim gegeben worden? Oder werden sie vielleicht in doppelter Weise und von verschiedenen Vorschriften zusammengehalten? Werden auf die eine Weise die einen notwendigerweise zu Werken der Barmherzigkeit und religiöser Pflicht angehalten, auf die andere Weise die anderen zu Taten der Grausamkeit und Gottlosigkeit freigegeben? Oder wird etwa denen ein laueres Höllenfeuer bereitet, die gerne Grausamkeit vollstrecken, ein heisseres aber jenen, die notwendigerweise ihre religiöse Pflicht ausüben? Durch das Apostelwort wissen wir, dass wir ein einziger Körper sind, und wenn wir sicher ein Körper sind, müssen wir Werke der Einheit vollbringen. Es darf in einem Volk keine so grosse Verschiedenheit geben. Wir wollen die Schriften erforschen und, was eher aufrechtzuerhalten ist, mittels vorsichtigem und sorgfältigem Verstand prüfen, und wir wollen eines von beiden wählen, so dass wir entweder barmherzig sind, oder – was das Ohr erschreckt – in offen bekannter Grausamkeit leben, wenn dies förderlich ist.

7,1 Warum sich der Vortragstext in diese Richtung entwickelt hat – Leser pass auf! Wenn ich mich nicht täusche, sprachen wir über die Reichen, die – trunken vor übermässigem Geiz – ein verkehrter Wille zu all den gottlosen und grausamen Spielen verleitet, an die wir weiter oben erinnert haben. Daher tadelt und sogar verurteilt der alles voraussehende Gott nicht zu Unrecht in fast allen Schriften die Begierde nach Reichtum, die er – die Quelle des Wissens – ganz deutlich als Ursache menschlichen Fehlverhaltens offenbart. Wie der gute Arzt, der aufgrund der Kenntnis seiner Kunst weiss, dass entweder Honigmelonen, Wassermelonen, Feigen, Äpfel oder welche Kernobstarten auch immer die Ursachen der Krankheit sind, diese Früchte vor dem Kranken mit aller möglichen Härte tadelt und durch seinen Tadel das Ziel verfolgt, den Patienten zum Ekel vor diesen Früchten zu bringen, im Wissen, dass jener geheilt werden kann, wenn er erst einmal auf die Gelegenheiten der Krankheit verzichtet, so verurteilt der überaus kundige Arzt unserer Seelen überall die Begierde nach Reichtum, die er als Gelegenheit zur Sünde erkannt hatte, und er will uns vor dem Schädlichen abschrecken, im Wissen, dass wir leichter von den Sünden weggebracht werden, wenn uns die Ursache zum Sündigen fehlt. Deshalb sagt er in den Psalmen: „Hofft nicht auf die Ungerechtigkeit und begehrt nicht nach Raub. Wenn der Reichtum im Überfluss vorhanden ist, haftet nicht mit dem Herzen daran!“

7,2 Einer wird hierzu sagen: „Es scheint, dass er an dieser Stelle nicht allgemein, sondern im besonderen vor einem nicht anzustrebenden Reichtum vorgewarnt hat, nämlich vor jenem Reichtum, der mittels Ungerechtigkeit und Raub erworben wird.“ Doch welch anderer Ursprung ist gerade dem Reichtum eigen als Raub und Ungerechtigkeit? Dies kann ich in der Folge ohne weiteres beweisen, da wir wissen, dass fast alle, die wir darin beobachten, wie sie von Armen zu Reichen werden, dies nicht ohne irgendwelche Ungerechtigkeit oder Raub werden können.

7,3 „Werden nicht auch jene von Armen zu Reichen“, wirst du sagen, „die dies bekannterweise aufgrund verwandtschaftlicher Erbfolge sind und die geradezu ‚von Geburt an Reiche‘ genannt werden können?“ Zwar können jene scheinbar ihren Reichtum nicht mittels Ungerechtigkeit, sondern aufgrund äusserst gerechter Erbschaft besitzen. Aber ich sprach nicht so sehr über den Besitz des Reichtums, als über dessen Ursprung, der meiner Meinung nach schwerlich nicht aus irgend-einer Ungerechtigkeit herrühren kann.

7,4 „Woher weisst du“, wirst du sagen „auf welche Weise jener Reichtum seinen Anfang genommen hat, von dem du nicht weisst, wann er begonnen hat?“ Von der Gegenwart her kenne ich die Vergangenheit und aus dem, was ich sehe, erkenne ich auch, was ich nicht gesehen habe. Wenn du mich fragen würdest, wie vor tausend Jahren die Menschen gezeugt wurden oder die Zugtiere oder das Kleinvieh oder was auch immer aus der vielfältigen Tierwelt, so würde ich antworten: so oder so aus dem Akt der Zeugung. Und wenn du mich fragtest: „Woher weisst du das?“, würde ich antworten: Ich folgere die Vergangenheit aus der Gegenwart, weil ich sicher bin, dass jede Sache, deren Ursprung ich jetzt sehe, auch denselben Ursprung gehabt hat, als ich ihn noch nicht sah.

7,5 „Also ist Reichtum Ungerechtigkeit?“ Ich sage nicht, dass er für sich selbst eine Ungerechtigkeit ist, doch glaube ich, dass er sehr wohl aus Ungerechtigkeit stammt. Und wenn du mit mir nicht mit zornigem, sondern mit friedlichem Geist diskutieren möchtest und dabei jene Sache, von deren Liebe du bereits ergriffen bist, nicht mit feindseligem Eifer zu verteidigen suchtest, sondern – unter Ablegung jeglicher verkehrter Absicht – mit versöhntem und ruhigen Geist der Vernunft der Wahrheit zuhören möchtest, so würde ich dir vielleicht beweisen, dass es ein Unrecht ist, gerade den Reichtum mit solch grosser Hartnäckigkeit zu bewahren.

8,1 Es scheint dir also gerecht, dass der eine vor Überfluss überquillt, der andere aber selbst an dem für den täglichen Gebrauch Nötigen Mangel leidet? Dass dieser aufgrund massloser Fülle erleichtert wird, jener aber aus Mittellosigkeit dahinsiecht? Dass dieser mit wertvollen und grossartigen und über die Notwendigkeit natürlichen Masses hinausgehenden Speisen vollgestopft wird, während jener nicht einmal durch wertlose Nahrung gesättigt wird? Dass dieser – durch eitelste Hoffnung angetrieben – mit Marmor geschmückte Häuser besitzt, während jener nicht einmal durch den Besitz eines wenigstens kleinen Hüttchens weder die Kälte einzudämmen, noch sich vor der Hitze zu schützen vermag? Dass dieser unzählige Güter und unermessliche Landstriche sein eigen nennt, während sich jener nicht einmal des eigenen Besitzes eines Stückchen Bodens zum Draufsitzen erfreut? Dass jener sich mit Gold, Silber, Edelsteinen und Überfluss an allen Dingen bereichert, jener von Hunger, Durst, Nacktheit und Mangel an allem aufgerieben wird? Dazu kommt noch, dass – woher könnte ein grösserer Verdacht auf Ungerechtigkeit derartigen Reichtums bestehen? – wir die Schlechten am meisten an Reichtum überfliessen, die Guten aber an der Mittellosigkeit der Armut leiden sehen?

8,2 „Was denn?“, sagst du, „ist der Reichtum nicht von Gott?“ Was auch immer eine gerechte Verteidigung wird erhalten können, ist von Gott. Zieht aber etwas die Ursache irgendeiner Ungerechtigkeit auf sich, ist es nicht von Gott, weil von jedem Verdacht auf Ungerechtigkeit frei sein muss, was auch immer auf Gott als Urheber bezogen wird. Zuerst muss also bewiesen werden, dass im Reichtum keine Ungerechtigkeit besteht, und erst dann darf man glauben, dass er von Gott stammt. Sicherlich bekennen wir Gott als gleichmässig und gerecht, ja sogar als Quelle aller Gleichheit und Gerechtigkeit. Ich frage erstens: Welches Verständnis von Gerechtigkeit, welcher Fall von Gleichheit erlaubt es, dass der eine durch Überfluss erleichtert, der andere durch Mittellosigkeit erdrückt wird? Und wenn wir zu wissen meinen, dass aufgrund eines Gottesurteils die einen reich, die anderen aber arm sind, warum sehen wir manchmal, dass das Gegenteil eintrifft, und dass sich die Zustände sehr oft in mannigfaltiger Verschiedenheit verändern? Wieviele kennen wir denn, die reich waren und nun arm sind, und wieviele sehen wir, die einst arm waren und reich geworden sind! Doch wenn sie dies von Anfang an aufgrund eines Gottesurteils so gewesen wären, hätten sie durch keine Gegenaktion ins Gegenteil verändert werden können. Ich bitte dich deshalb, nachdem du jeglichen feindseligen Eifer aufgegeben und die Verteidigung jener Sache, die du liebst, verworfen und abgelegt hast, dass du mit klarem und ehrlichem Verstand bedenkst, was ich sage, und dass du die Kraft meiner Worte überprüfst, nicht als Verteidiger deiner Sache, sondern als Erforscher der Wahrheit.

8,3 Sicher, wenn Gott erlaubt hätte, dass in allem Ungleichheit sei, hätte er diese Verteilung gegenüber allen Wesen seiner Schöpfungen vorgenommen. Er hätte nicht erlaubt, dass im Grossen gleich sind, die er im Kleinen verschieden gewollt hatte, und weder würden diejenigen die Schätze des Himmels, der Erde oder irgendeines Elementes in gleicher Weise geniessen, die in allem ungleich sein sollten. Bedenke also, auf welche Weise dem Menschengeschlecht jene Elemente dienen, die nicht auf menschliches Geheiss, sondern durch Gottes Urteil verteilt werden, und beurteile entweder vom Vielen her das Wenige oder erkenne aus dem Grösseren das Kleinere. Schau, ob vom Geschenk dieser Luft der Reiche reichlicheren Gebrauch macht als der Arme, ob er die Hitze der Sonne mehr oder weniger spürt, oder wenn Regen auf den Boden fällt, ob grössere Tropfen über dem Acker des Reichen als über dem Acker des Armen herabfallen, ob die funkelnden Lichter des Mondes oder der Sterne den Reichen mehr als den Armen zur Seite stehen. Siehst du also nicht, dass wir all das, was nicht in unserer Macht ist, sondern wir vom verteilenden Gott erhalten, mit den übrigen Menschen in gleicher Weise haben, und nur das überaus ungerecht und ungleich besitzen, was kraft der verliehenen Urteilsfreiheit zur Prüfung der Gerechtigkeit in unsere Gewalt gegeben wurde? Reden wir nicht mehr davon, sondern gehen wir zu den Einrichtungen der Religion selbst über und überlegen, ob wohl dort hinsichtlich der Beschaffenheit der menschlichen Gattung irgendeine Ungleichheit entdeckt werden kann. Wir wollen sehen, ob ein anderes Gesetz den Reichen, ein anderes den Armen gegeben wurde, ob diese durch die eine und jene durch die andere Taufe wiedergeboren werden, ob sie nicht dieselbe Vergebung der Sünden und Heiligung der Gerechtigkeit erhalten, ob nicht alle mit dem einen Geist beschenkt werden, ob sie sich nicht von derselben Altargemeinschaft nähren und durch die Heiligung desselben Trankes gestillt werden. Wenn sich sowohl in den fleischlichen wie in den geistigen Dingen die genau gleiche Güte des Verteilergottes dem menschlichen Geschlecht gegenüber findet, beginnt bereits klarer zu werden, dass jene Ungleichheit, die hinsichtlich des Reichtums besteht, nicht der göttlichen Freigebigkeit, sondern der menschlichen Ungleichheit angerechnet werden muss. Warum sollte Gott denn im Kleineren Ungleiche wollen, die er im Grösseren als Gleiche geschaffen hat? Ist der etwa nicht würdig, das Irdische gleichmässig mit Dir zu empfangen, der Himmlisches ohne Unterschied erlangt? Ich glaube nämlich, dass der heilige Geist allen irdischen Ehren wie dem Reichtum vorzuziehen ist. Und glaubst du, dass derjenige unwürdig ist, zusammen mit dir Kleineres zu besitzen, der würdig ist, Grösseres zu besitzen?

8,4 Auch Folgendes bitte ich gerade dich, der du glaubst, dass Reichtum von Gott vergeben wird, mir zu beantworten: Welchen, glaubst du, gibt er den Reichtum, den Guten oder den Schlechten? Wenn den Guten, warum besitzen ihn Schlechte? Wenn den Schlechten, warum besitzen ihn auch Gute? Und wenn sowohl den Guten und den Schlechten, warum besitzen die meisten Guten und Schlechten keinen Reichtum? Wenn du aber sagen würdest, dass den Guten der Reichtum von Gott, den Bösen aber vom Teufel gegeben wird, würde ich zuerst fragen, warum nicht alle Guten das Geschenk Gottes geniessen. Zudem würde ich hinzufügen, dass es nichts Grosses ist, wenn Gott den Guten das zu geben scheint, was der Teufel den Schlechten verschaffen kann.

9,1 „Ist es also nie vorgekommen“, wirst du fragen, „dass Gott jemandem Reichtum übertragen hat?“ Manchmal sicher, aber nicht immer, noch etwa allen, noch von Anfang an. Wenn ich mich nicht irre, haben wir gelesen, dass Abraham als erster von Gott reich gemacht wurde. Wenn vor Abraham, der als erster von Gott reich gemacht wurde, keiner reich war, so besteht kein Zweifel, dass der Beginn des Reichtums von Gott herkommt. Doch was, wenn nicht nur wenige, sondern vielmehr sehr viele reich gewesen sind? Denn die Schrift erwähnt Könige und Machthaber, die vor Abraham reich gewesen sind. Also ist der Beginn des Reichtums nicht von Gott, wenn nicht derjenige der erste Reiche ist, den wir als ersten von Gott Reichgemachten kennen.

9,2 Also sagst du mir: „Was spielt es für eine Rolle, ob als erster oder letzter, solange klar ist, dass er von Gott reich gemacht wurde?“ Natürlich spielt es eine Rolle, weil jenes als wahres Gut zu bestimmen ist, das von Gott den Anfang nahm, jenes aber kann also nicht als Gut gelten, dessen Beginn nicht auf der Gunst Gottes, sondern durch menschliche Vermessenheit bestimmt wird, obwohl dies nach bereits sich fest verwurzelter widerrechtlicher Aneignung offensichtlich von Gott gewissen Leuten unter bestimmten Umständen gewährt wurde: Wie der König Israels, von dem wir gelesen haben, dass er zuerst nicht so sehr aufgrund Gottes Willens, sondern aufgrund der Verworfenheit des Volkes eingesetzt wurde, obwohl danach auch der Wille Gottes dazugekommen ist, da er die Ungerechtigkeit menschlicher Schwäche lieber mit sanfter Nachsicht korrigieren, als mit gerechter Härte bestrafen will; wie die Opfer, die die Söhne Israels in Aegypten den Göttern darzubringen gewohnt waren und danach Gott zu opfern geheissen wurden, nicht weil Gott weder am Blut noch am Fleisch der Tiere Gefallen findet, der anderswo sagt: „Denn werde ich das Fleisch der Stiere essen und das Blut der Böcke trinken?“, sondern damit er allmählich das schwache und durch viele Taten der Ungerechtigkeit degenerierte Volk mittels der Einsetzung seiner Vorschriften forme. Er wollte nicht, dass sie die angenommene und über eine lange Zeitspanne gefestigte Gewohnheit völlig wegwerfen, sondern sie nach und nach zum Guten wandeln, um dann einmal zu sagen: „Wozu sind deine Opferlämmer? Denn ich habe dich nicht dazu gemacht, damit du dich mit Weihrauch abmühst, oder dass du mir mit Silber das Opfer kaufst, noch habe ich das Fett deiner Opfertiere begehrt.“ Denn als Stärkere können sie nun begreifen, was sie als Schwächere bis jetzt nicht zu hören imstande gewesen waren. Auf ähnliche Weise muss nun, so glaube ich, der Reichtum Abrahams verstanden werden: Gott hat seinem Diener, den er als den einzigen Gläubigen auf der ganzen Welt gefunden hatte, das gewährt, was die menschliche Vermessenheit bereits für sich widerrechtlich angeeignet hatte und für das höchste Gut hielt, damit die Gläubigen dadurch Verstand und Sinne von den Göttern weg auf Gott hin wenden mögen, der, wie sie sahen, seinem Verehrer so schnell wie leicht das übertrug, was jene für das Höchste hielten.

9,3 Ganz zu schweigen davon, dass in jener Zeit alles bildhaft geschah, wie der Apostel sagt: „Dies nämlich ist ihnen in Bezug auf uns bildhaft widerfahren. Und also muss nun keinem von uns von neuem durch Gott den Schöpfer während des Schlafes die Gattin aus einer Rippe geformt werden, noch muss eine Konkubine ausser der Ehefrau hinzugenommen werden, noch sind vier Ehefrauen auf einmal zu halten, weil die seitliche Rippe Adams in eine Frau verwandelt wurde (in der vielmehr die Kirche Christi vorgebildet war, entstanden aus dem Schlaf seines Leidens, gleichsam dem Blut der verletzten Seite), oder weil Abraham neben seiner Frau eine Konkubine gehabt hat (in denen beiden, wie wir durch das Wort des Apostels wissen, vielmehr das Bild beider Testamente gewesen ist), oder weil Jakob – wie man sagt – gleichzeitig vier Frauen sein eigen nannte (vielmehr muss in diesen Frauen die Lehre von der Vierheit des Evangeliums begriffen werden, durch dessen keusches Verlangen nach Fruchtbarkeit mittels der zwölf Patriarchen des Neuen Testaments eine unzählbare Vielheit an geistlichem Nachwuchs entsprang, oder es wurde die geistige Hochzeit der vier durch den Glauben an Christus verbundenen Völker, d.h. der Juden, Heiden, Samaritaner und Sadduzäer vorgebildet). Wenn nämlich diese Dinge im Moment des Eintreffens der Wahrheit jener Sache, deren Bild sie trugen, aufhören und nicht mehr auszuführen sind, obwohl ihre einstmalige Existenz bekannt war, warum sollen wir nicht glauben, dass auch im Reichtum Abrahams etwas Verborgenes steckte, und dass das Bild irgendeiner später eintreffenden Wahrheit zum Zeitpunkt ihres Eintreffens notwendigerweise zu wirken aufhören wird? Schliesslich, was bezeugt die Schrift über ihn? Achte darauf, was Gott ihm gesagt hat!: „Geh von deinem Land und deiner Verwandtschaft und deinem Elternhaus weg und gehe in das Land, das ich dir bezeichnen werde.“ Und danach erst erzählt dieselbe Schrift, dass er reich wurde. Also ist er durch Gott reich geworden, der wegen Gott arm war. Arm wurde er nämlich, indem er Verwandtschaft und Heimat verliess, was aus dem Grund geschah – und wer könnte daran zweifeln, ausser dem, der das nicht lesen will – damit gezeigt werde, dass der in Zukunft durch Gott himmlischen Reichtum erlangen kann, der wegen Gott in der Gegenwart arm sein wollte, indem er seinen ganzen Besitz verachtete.

9,4 Was wir von Abraham gesagt haben, dies ist ebenso von anderen zu verstehen. Denn wenn du möchtest, dass ich zu den Beispielen des David, Salomon oder zu anderen auffordere, die zu jener Zeit, wie wir lesen, reich gewesen sind, so werde ich dich auch zu ihrer übrigen Lebensform auffordern, die, – wenn sie dir nun schon wegen der Notwendigkeit der anderen Zeit und des Neuen Testaments nicht vollumfänglich zu befolgen schickt – sich dir vielleicht auch in der Frage des Reichtums nicht schicken wird. Denn wenn du glaubst, Reichtum sei deshalb anzustreben, weil wir durch die Schrift wissen, dass die heiligen Abraham, David und Salomon reich gewesen sind, so bezeugt dieselbe Schrift auch noch vieles andere über sie. Sie berichtet nämlich, dass jene fleischlich beschnitten wurden, dass sie die Feier des Sabbats begingen, dass sie das Neumondfest, das Laubhüttenfest und andere Feierlichkeiten des Gesetzes beobachteten. Zudem berichtet die Schrift, dass (wie wir über Salomon lesen) sie mehrere Frauen und unzählige Konkubinen hatten. Also musst auch du alles gemäss ihrer Sitte entsprechend tun, wenn nach ihrem Beispiel Reichtum anzustreben ist. Doch wenn du glaubst, dass diese Bräuche damals aus irgendeinem zeitlich begrenzten verborgenen Sinn vorgebildet wurden und solange ausgeführt werden mussten, wie die Wahrheit der Sache, die verborgen vorgebildet war, noch nicht eingetroffen war, warum denkst du über den Reichtum nicht gleich, umso mehr du ja weisst, dass fast alles, was bei den Alten geschehen ist, bildhaft geschehen ist?

9,5 Wie aber lässt sich rechtfertigen, dass der, dem befohlen wurde, dem Beispiel Christi zu folgen, lieber der Lebensform und der Gestalt des hl. Abraham sowie Davids und anderer alttestamentlicher Gestalten folgt? Ich frage dich: Durch wessen Tod wurdest du erneuert? Durch wessen Blut und wessen Leiden wurdest du befreit? Wer hat sich für dein Heil niederträchtigste, schmähliche Lästerreden angehört? Wer hat deine Schwächen auf sich genommen oder hat die Ursachen deiner Sorgen und unheilbaren Wunden beseitigt? Krank und schon vom Tod umnachtet, welchen Arzt hast du gebraucht? Wessen Haupt wurde für die Dornen deiner Sünden mit den Stacheln der Dornenkrone zerstochen? Wessen Gesicht mit Speichel geschändet? Wessen Kinn wurde von den Fäusten der Juden geschlagen? Wer hat die Peitschenhiebe ertragen, damit nicht du für ewig geschlagen wirst? Wer wurde mit Essig und Galle getränkt? Wer wurde an den Kreuzesbalken gehängt? Wer hat die Schande des Kreuzes für dein verfluchtes und schändliches Leben ertragen? Durch wessen Wunde wurden deine Wunden geheilt? Wer hat dich vom Tod zum Leben zurückgeführt? Wer hat dich von der Unterwelt zum Himmel zurückgerufen? Kein Patriarch, kein Prophet, noch irgend ein anderer Heiliger, sondern Jesus Christus, der Herr. Er ist nämlich unsere Hoffnung, er ist unser Heil, er ist unsere Vergebung. Ihn müssen wir nachahmen, ihm müssen wir nachfolgen. Ihm verdanken wir unser ganzes Leben, von ihm hängt ab, dass wir sind, was wir sind. Denn es ist reichlich ungerecht, dass wir – indem wir jene Person, die all das zu unserem Heil ertragen hat, verachten und verschmähen – lieber denen nachfolgen wollen, die für uns nichts solches gelitten haben, auch wenn sie zu ihrer Zeit bekanntlich Gott gefallen haben. Der selige Apostel Petrus sagt: „Deshalb ist Christus für euch gestorben, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Spuren folget.“ Seinen Spuren nämlich, nicht denen irgend eines anderen. Als er in Begleitung von drei Schülern auf einen Berg gestiegen war und dort plötzlich Moses und Elias erschienen, die bildhaft das Gesetz und die Propheten repräsentierten, da ertönte den Aposteln vom Himmel die Stimme des Vaters: „Dies ist mein geliebter Sohn. Hört ihm zu!“ Das heisst: „Ihr sollt euch nicht an Früheres erinnern und an Altes denken. Seht das Neue, das ich euch zuvor für die Zukunft versprochen hatte, nun habe ich es geoffenbart.“ Ihm sollt ihr zuhören,sagt er, weder Moses noch Elias, von denen die Einhaltung der jüdischen Zeremonien gepredigt wurde, die zur Zeit Christi aufzuhören bestimmt waren, sondern jenem, von dem das Gesetz und die Propheten versprochen hatten, dass er kommen werde und umso mehr gehört werden müsse; der nicht gekommen ist, das Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Denn er erfüllt das Gesetz, indem er es als das wahre Gesetz offenlegt. Das wahre Gesetz aber legt er offen, als er durch seine Person dem ein Ende machte, was jenes Gesetz vorausgesagt hatte, dass es aufhören werde. Aus dem alten Gesetz hat er das neue Gesetz geschaffen und das Neue Testament aus dem Alten Testament erlassen, so dass er die Voraussagen der Propheten und des Gesetzes immer mehr erfüllte, von denen geschrieben steht: „Vom Zion geht das Gesetz aus und das Wort des Herrn von Jerusalem.“ Und andernorts: „Ich werde ihnen ein neues Testament geben, nicht nach der Art des Testamentes, das ich ihren Vätern übertragen habe.“ Aus all dem ist zu ersehen, dass wir nicht mehr die Nachahmer der alttestamentlichen Gestalten, sondern jene Christi sein müssen und nicht den Vorschriften des Alten Testamentes, sondern denen des Neuen gehorchen müssen.

10,1 Worin also müssen wir Christus nachahmen? In der Armut, wenn ich mich nicht irre, nicht im Reichtum, nicht in stolzer Selbstüberschätzung, sondern in Demut, nicht im nicht zu begehrenden Ruhm der Welt, sondern in dessen Verachtung. Und welche Vorschriften des neuen Testamentes müssen befolgt werden? Zuerst jene, durch die mittels Verachtung des Reichtums die Gelegenheit zur Sünde entzogen wird. Deshalb wirst du auf die Tatsache stossen, dass der Herr denen, die ihm zu folgen begehrten und sich ihm als seine Schülerschaft anboten, zuerst nichts als die Verachtung des Reichtums und der Welt vorschrieb, sowie er damals dem, der sich ihm zu folgen anbot, zeigte, wie er ihm folgen müsse, indem er sagte: „Die Wölfe haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, der Menschensohn hat aber keinen Platz, worauf er sein Haupt legen kann.“ Das heisst: Siehe, ob du solch ein Schüler sein kannst, sodass du einem solchen Lehrer zu folgen vermagst! Schneller folgt nämlich der Arme dem Armen, denn der Reiche, gefangen durch Widerwillen, weist diese Nachfolge ab. Nun höre die falsche Allegorie auf, wo die Wahrheit gelehrt wird, und wo nicht die Gunst des Lesers, sondern die Wirkung auf denselben gesucht wird und nicht das Talent des Schreibenden offenbar wird, sondern die Aufrichtigkeit der Sache verkündet wird.

10,2 So auch an einer anderen Stelle: „Geh, verkaufe alles was du hast und gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel erhalten, und komm, folge mir nach!“ Du siehst, dass auch diesem die Erlaubnis, den Grad der Vollkommenheit anzustreben, nicht eher gegeben wurde, als bevor er sich von all seinem Besitz losgesagt und ihn den Armen verteilt hat. Du wirst sagen: „Ihm wurde befohlen, die Sünden zu verkaufen“. Und wo wird er einen so dummen Käufer finden, ausser vielleicht einen, der genauso denkt? Ich weiss nicht, wer etwas zu einem Preis kaufen würde, was selbst umsonst zu besitzen schwer zu ertragen ist. „Aber der Teufel“, sagst du, „ist der Käufer.“ Ich frage: Welchen Preis erhält der Verkäufer von jenem oder welchen Armen wird er geben, was er vom Teufel erhalten hat? „Aber dies wird vom Volk der Juden gesagt, wofür jener Jüngling als Bild galt.“ Ist vielleicht nur das Volk Israel reich oder konnte allein ihm Reichtum schaden oder steht nur ihm allein der Ruhm des Himmelreichs zu? Du sagst: „Es war reich an Gesetzesvorschriften; also wird es angehalten, die Gebote des Gesetzes aufzugeben.“ Und auch da frage ich nach dem Käufer oder warum wird ihm befohlen, zu einem festgesetzten Preis zu verkaufen, was es umsonst erhalten hatte. So erörtern, so argumentieren, so streiten jene, die lieber auf ihrem Reichtum schlafen als die Gebote Christi einzuhalten und die das Geld mehr lieben als den Ruhm der Himmelsherrschaft.

10,3 Desgleichen sagt derselbe Herr an anderer Stelle: „Wer nicht auf alles verzichtet, was er besitzt, kann nicht mein Schüler sein.“ Und was wirst du nun dazu sagen? „Ich glaube, die Vorschrift meint, dass man den Sünden absagen muss, nicht dem Reichtum.“ Und kann sich einer aller Sünden entledigen, bevor er zur Schule Christi gehört? Oder wenn er es kann, was ist ihm durch das Lehramt Christi noch weiter zu vermitteln oder worin wird er seiner Lehre bedürfen, der schon durch sich allein gerecht geworden ist? Aber ich frage danach, ob die Sünden besessen werden oder besitzen? Wenn sie besessen werden, könnte der Eindruck erweckt werden, dass über sie gesagt werden könnte: „Jeder, der nicht auf alles verzichtet, was er besitzt, kann nicht mein Schüler sein.“ Wenn sie aber besitzen, so erlaubt es kein Grund, dass von den Besitzern verstanden wird, was vom Besessensein gesagt wird. Doch damit deutlicher klar wird, dass die Sünden vielmehr besitzen als besessen werden, höre den Herrn selbst, der sagt: „Jeder, der sündigt, ist ein Sklave der Sünde.“ Der Sklave aber besitzt meines Wissens nicht, sondern wird besessen. Da dies so ist, ob ihr Reichen es wollt oder nicht, muss diese Stelle notwendigerweise auf die weltlichen Güter hin verstanden werden.

10,4 Aber sobald aufgrund eindeutiger Darlegung feststand, dass dies nicht von den Sünden, sondern vom weltlichen Reichtum gesagt wurde, pflegen sich die Reichen einem anderen Verständnis der Schriftstelle zuzuwenden, indem sie sagen: „Dies ist tatsächlich auf irdischen Besitz hin zu verstehen, aber nicht immer, nicht für alle, sondern gesondert für bestimmte Leute und bestimmte Zeiten, d.h. für die Apostel, die notwendigerweise dem Herrn durch verschiedene Gebiete folgen mussten und für jene Zeit, in der zunächst die Anfänge der christlichen Religion keimten und der heftige Sturm der Verfolgung die Gläubigen dermassen erschütterte, dass sie nicht innerhalb ihrer Grenzen bleiben und ihren Besitz behalten konnten. Deshalb war es für die dem Ansturm der Verfolgungen Ausweichenden notwendig, all ihr Hab und Gut zu verkaufen, um es nicht durch die Notwendigkeit der Flucht völlig zu verlieren. Heute jedoch, da dank des gnädigen Herrn fast alle Menschen Christen sind und selbst Könige und Machthaber ihren Nacken unter dem Joch Christi halten, die Zeiten friedlich und ruhig sowie vor jeder Bedrohung durch Verfolgungen sicher sind, ist es nicht nötig, dass irgendjemand sein Hab und Gut verschenkt oder verkauft, weil dies damals nicht so sehr ein Prinzip der Religion als vielmehr die Notwendigkeit der Verfolgung erforderte.“ Oh du erfindungsreicher Geist der Habsucht! Es fehlt ihm nicht an Antworten, um seinen geliebten Reichtum nicht aufzugeben! Aber dass dem nicht so ist, wird mittels klarer und deutlicher Beweisführung feststehen.

10,5 Um aber auf jenes erste Argument zu antworten, mittels dem sie verstehen wollen, dass allein den Aposteln gesagt wurde, ihr ganzes Hab und Gut aufzugeben, frage ich: Als jener Jüngling herantrat, der den Herrn um Rat gefragt hat, durch welche Verdienste der Güte er sich den Lohn des ewigen Lebens erwerben könne, war da etwa die Zahl der Apostel bereits voll, als das gesagt wurde? Ich glaube doch schon. Warum also wird auch ihm gesagt: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe alles, was du hast und gib den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und nun komm und folge mir“, wenn allein die Apostel dies verwirklichen mussten? Oder freilich jene, die in den Apostelakten all ihr Hab und Gut verkauften, und die einen den Verkaufserlös zu Füssen der Apostel legten, die anderen von sich aus den Armen alles gaben: Warum wollten sie das tun, wenn sie gewusst hatten, dass dies nur die Apostel tun müssen? Oder wenn sie aus Unwissenheit das Gesagte allgemein verstanden, was nur für bestimmte Fälle befohlen worden war, hätte ihre Unwissenheit durch das Wissen der Apostel ebenso belehrt werden müssen, wie der Umstand der Unwissenheit autoritativ für die Nachwelt hätte verhindert werden müssen. Was denn, dass dies nicht nur nicht verboten, sondern darüberhinaus mit einem gewissen Lobpreis der Nachwelt zur Nachahmung aufgeschrieben wurde? Wenn andere dies nicht tun dürften, müsste es fürs erste ebenso verhindert werden, wie es durch keine schriftliche Überlieferung der Nachwelt zum Nacheifern aufbewahrt werden dürfte.

10,6 Warum wurden Ananias und Sapphira wegen Hinterziehung eines Teils ihres Geldes mit dem Tode bestraft, wenn sie nicht einmal das hätten preisgeben müssen, was sie preisgegeben haben? Das mussten sie nämlich nicht preisgeben, wenn sie gewusst hatten, dass dies nur den Aposteln zu tun vorgeschrieben ist. Du wirst sagen: „Weil sie gelogen haben.“ Und was macht es für einen Sinn, dass der Apostel sich über eine überflüssige Sache Sorgen zu machen beliebte, oder warum hat er ihre Lüge mit einer solch harten Strafe vergolten? Denn in dem Mass, wie eine Lüge bezüglich einer nicht dringenden Sache als unbedeutend behandelt werden müsste, dürfte auch Wahrheit nicht eingefordert werden. Es ist sodenn besser, nicht zu vollenden, was du gar nicht erst hättest beginnen dürfen.

10,7 Und wenn nur die Apostel dieses Gebot befolgen mussten, warum fordern sie selbst später auch andere dazu auf, nach seinem Beispiel zu leben und verkünden in fast all ihren Briefen sowohl die Verachtung des Reichtums wie der ganzen Welt, so wie wir lesen, wie der selige Paulus an die Korinther schrieb: „Seid meine Nachahmer, sowie ich ein Nachahmer Christi bin!“; und auch: „Ich will, dass alle Menschen so sind wie ich selbst.“ Was er vergeblich tut, wenn das weder geschehen konnte noch musste. Denn es musste nicht geschehen, wenn das nur den Aposteln befohlen wurde. Und wenn er sagt: „Ich will, dass ihr ohne Sorgen seid“, glaube ich, dass er damit die erwähnte Verachtung des Reichtums gemeint hat; wer immer ihn besitzt, kann nicht ohne gewaltige Sorge sein. Und dann fährt er folgendermassen fort: „Wer ohne Frau ist, überlegt, was dem Herrn gebührt, wie er dem Herrn gefalle, wer aber mit einer Frau ist, überlegt, was dieser Welt gebührt, wie er seiner Frau gefalle.“ Siehe, wie er gewünscht hat, dass du von der Sorge um diese Welt frei bist, sodass er nicht einmal wollte, dass du darüber nachdenkst. Dies beteuert und sagt er auch den Philippern: „Seid nicht besorgt, sondern in jedem Gebet und jeder Anrufung Gottes sollen eure Bitten mit der Kraft der Gnade bei Gott bekannt werden.“ Ich befrage das Gewissen der Reichen, ob sie sich überhaupt keine Sorgen wegen ihres Reichtums machen, ob sie darob in keiner Weise beunruhigt sind, ob sie niemals wegen des Reichtums von den Pflichten des Psalmensingens, Betens, Lesens oder irgendeiner göttlichen Handlung abgehalten werden, ob sie frei sind von der Unruhe der Prozesse und Streitereien, ob sie niemals gegen das Gebot des Herrn und seines Apostels gezwungen werden, weltliche Gerichte anzugehen, ob nie wegen Besitzrechten oder Gutsgrenzen oder aus irgendeinem Grund böswillige Anklagen erhoben werden, durch die sie sowohl vom Dienst für den Herrn abgebracht werden, als auch notwendigerweise die Gebote des göttlichen Gesetzes übertreten.

10,8 Deshalb sagt auch der selige Apostel Johannes: „Liebt nicht die Welt und nicht das, was in der Welt ist. Wenn einer die Welt liebt, ist in ihm nicht die Liebe des Herrn, denn alles, was in der Welt ist, ist Begierde des Fleisches und der Augen und weltlicher Ehrgeiz, der nicht vom Vater stammt, sondern aus der Begierde der Welt. Und die Welt und ihre Begierde wird vergehen; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit, sowie auch Gott in Ewigkeit bleibt.“ Ich bitte dich, mit Klugheit und wachem Verstand die Kraft dieser Worte genau abzuwägen. „Ihr sollt nicht“, sagt er, „die Welt lieben, und das was in ihr ist.“ Wie wird etwas nicht geliebt, das mit grosser Gier besessen oder begehrt wird? Niemand hält nämlich das mit Gier fest oder strebt nach dem, was er nicht liebt: „Wenn er aber die Welt liebt, ist die Liebe des Herrn nicht in ihm.“ Was konnte er mehr sagen, als dass in denen die Liebe Gottes nicht ist, in denen die Liebe der Welt ist?

10,9 „Also“, wirst du sagen, „ist der Reichtum nicht von Gott? Wer hat sodenn Gold und Silber gemacht? Wer hat der Schöpfung wertvolle Steine beigefügt? Auf wessen Befehl wurde die Erde gegründet oder auf wessen Anordnung hat sie alles hervorgebracht? Etwa nicht auf Gottes Anordnung?“ Wer wird dies leugnen, ausser er ist dumm oder gottlos? Dennoch wird nicht jeglicher Reichtum deshalb als von Gott zu sein gelten, weil es seine Sachen sind, die auf einem Haufen zusammengetragen Reichtum genannt werden. Ich nämlich nenne Reichtum, wie schon weiter oben definiert wurde, nicht Gold, nicht Silber, nicht irgendein anderes Geschaffenes, sondern die überflüssige Fülle an nicht notwendigem Besitz. Ob dieser Reichtum von Gott stammt, der notwendigerweise für die Quelle der Gerechtigkeit und Gleichheit gehalten wird, überlasse ich deinem Urteil. Es steht nämlich fest, dass Gott das oben Erwähnte mit allem zusammen schuf, aber nicht, damit der eine durch unendliche Fülle an Besitz reich werde, der andere aber mit äusserster Armut zu kämpfen habe, sondern damit alle in gleichem Mass und mit gleichem Recht besitzen sollen, was der Urheber der Gleichheit gewährt hatte.

10,10 Auch der selige Petrus stimmt dem oben Gesagten zu, wenn er sagt: „Der uns durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend gerufen hat, wodurch er uns die grössten und herrlichen Zusagen geschenkt hat, damit ihr dadurch zu Teilhabern an der göttlichen Natur werdet, indem ihr die Vergänglichkeit jener Begierde flieht, die in der Welt ist.“ Ich meine, dass daraus ganz klar hervorgeht, dass nicht nur die Apostel den weltlichen Besitz verachten mussten, indem jene nachher auch die übrigen dazu auffordern und sie lehren, dasselbe zu tun und nach seinem Beispiel zu leben, sich des Herrenwortes erinnernd, in dem steht: „Geht und lehrt alle Völker, tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch aufgetragen habe.“ Und andernorts: „Was ich euch sage, sage ich allen.“

11,1 Die Verteidiger des Reichtums mögen nun diese Urteile darauf hin prüfen, ob er, der alles, was er den Aposteln befohlen hatte, auch den übrigen zu befolgen auftrug, wohl einzig bezüglich des Reichtums nachsichtig war. Du sagst vielleicht: „Das Gebot wurde aufgrund der damals schwierigen Lage befohlen, weil die ihr Hab und Gut nicht behalten können, die den unablässigen Verfolgungswellen ausweichen mussten.“ Zuerst werde ich fragen, wo du wohl so etwas gelesen hast oder welche Schriftstelle dir bezeugt hat, dass die Gläubigen zu jener Zeit aufgrund von Flucht oder Verfolgung all ihren Besitz veräussert hatten? Oder wie war es möglich, dass in Jerusalem und anderen Städten Kirchen eingerichtet wurden, wenn alle ihr Hab und Gut aufgeben mussten? Es fehlt noch, dass du sagst, dass sie von Auswärtigen gegründet wurden, und dass die Verfolger die Fremden mehr schonten als die eigenen Bürger.

11,2 Aber – darin will ich dir zustimmen – es mag durchaus so sein, dass die Flüchtlinge genötigt waren, die Besitzungen, die Häuser, und was es sonst an irgendwelchen unbeweglichen Gütern geben konnte, aufzugeben, weil sie jene Güter nicht quer durch verschiedene Gebiete herumschleppen konnten. Konnte denn aber nicht Geld auf sich getragen oder mitgeführt werden oder hinderte das Geld die Flüchtenden in irgendeiner Beziehung, da doch einer in der Not zu flüchten oder auszuwandern desto ausdauernder ist, je sorgloser er aufgrund einer grossen Menge Geldes ist? Doch wenn sie Häuser, Äcker oder irgend etwas anderes veräusserten, warum legten sie den Verkaufserlös den Aposteln zu Füssen nieder, den sie doch eher als Fluchtmittel hätten aufbewahren müssen, wenn sie all ihr Hab und Gut unter Fluchtzwang veräussert hatten?

11,3 Aber es ist gut, dass der alles vorauswissende Herr auch noch die aus allzu grosser Liebe zur Habsucht im Entstehen begriffene verschlagene Deutung vorausgesehen hat und durch eine seiner Gottheit entsprechende, äusserst wirksame Rede ihr Argumentationsgerüst völlig zerstört hat, als er nicht nur denen, die viele Besitzungen haben, sondern auch denen, die Geld haben, durch ein überaus schwierig einzulösendes Vergleichsbeispiel den Eintritt ins Himmelreich verwehrt hat. Wenn er dies aufgrund von Flucht und Verfolgung gesagt hatte, hätte er wenigstens Geldbesitz zugestehen müssen, dank dessen Hilfe der Flüchtende sicher in die Fremde aufbrechen würde.

11,4 Was aber gibt das für einen Sinn, dass sie wollen, dass gewisse seiner Schüler reich gewesen sind, während sie fest behaupten, dass andere wegen der Verfolgung nichts besitzen konnten? Wie kann das miteinander in Einklang gebracht werden? Entweder waren nämlich einige reich und schienen denn auch nicht mehr wegen der Verfolgung all ihren Besitz zu veräussern, da es anderen erlaubt war, Eigentum zu besitzen. Oder wenn wegen der Verfolgung alle ihr Hab und Gut notwendigerweise aufgeben mussten, wie konnten da einige reich sein? Man muss sodenn an einer von beiden Erklärungen festhalten, weil beide nicht gleichzeitig stimmen können. Entweder waren sie nämlich reich, und die Verfolgung zwang niemanden zur Aufgabe seines Besitzes oder, wenn sie jemanden zwang, zwang sie alle und es konnte keine Reichen geben.

11,5 „Und wie kommt es“, wirst du sagen, „dass wir lesen, dass der Zöllner Zachäus und Josef von Arimathäa reich gewesen sind?“ Das ist dein Problem, der du in einer anderen Abhandlung behauptest, dass nicht aus Hingabe zur Religion, sondern wegen der Schwierigkeit der Zeit alle ihr Hab und Gut veräussern mussten. Ich nämlich, sowie ich leugne, dass zu jener Zeit irgendeiner der Schüler Christi reich gewesen ist, damit sein Ausspruch nicht trügerisch erscheine, durch den bestimmt wird, dass allein die seine Schüler sein können, die ihr Hab und Gut verachten, behaupte, dass sie nicht aufgrund von Verfolgung, sondern aus religiösen Motiven ihr Hab und Gut veräussert und verschenkt haben. Aber der Streitpunkt der Verfolgung ist vorher bereits zur Genüge erörtert worden, und dabei wurde überaus deutlich bewiesen, dass die Apostel ihren Besitz nicht wegen der Verfolgung verkauft haben, die dann auch den Kauferlös nicht für sich behielten. Weniges wollen wir jetzt über Josef und Zachäus sagen.

11,6 Wenn du nämlich daraus schliessest, dass Josef – auch nach Annahme des Glaubens an Christus – reich war, weil die Schrift ihn einen Reichen nennt, so wird auch Matthäus ein Zöllner gewesen sein, da er ja nach Annahme des Apostelamtes Zöllner genannt wurde. Aber wir sollten wissen, dass dies eine Gewohnheit der Schrift ist, dass sie gewisse Personen zu sein nennt, was sie waren, so wie sie auch Abigail noch ‚Frau des Nabal Carmelus‘ nennt, nachdem sie nach dem Tod ihres früheren Mannes eine Heirat mit David eingegangen war. Und so nennt die Schrift auch die, welche aus dem Heidentum heraus den Glauben an Christus angenommen hatten, selbst nach ihrer Annahme des Glaubens an Christus Heiden und entsprechend viele andere, an die jetzt zu erinnern zu lange dauert. In derselben Weise also sollen wir glauben, dass auch Josef ein Reicher genannt wird, nicht weil er es war, sondern weil er es gewesen war, damit wir also nicht aufgrund schlechten Schriftverständnisses einen Schüler Christi zu verunglimpfen scheinen. „Und wenn er wirklich nicht reich war“, wirst du sagen, „womit kaufte er soviele Kräuter?“ Ganz zu schweigen davon, dass du nicht von ihm liest, dass er sich Kräuter erworben hat, sondern von Nikodemus, den die Schrift nie einen Schüler Christi nennt, ist der Preis von hundert Pfund Kräutern wahrlich ein grosser Beweis für Reichtum! Das hätte selbst ein Armer leicht haben können, besonders in jener Gegend, in der die Kräuter mit Sicherheit weit billiger verkauft wurden. Aber das Beispiel von Zachäus, mit dem die Verteidigung des Reichtums gestützt werden soll, leuchtet mir nicht ein, da ich bei ihm nicht nur keine Zustimmung für den Reichtum sehe, sondern vielmehr das Gegenteil. Was berichtet denn die Schrift über ihn? Dass, nachdem er den Herrn nicht so sehr in der Herberge seines kleinen Hauses als vielmehr des sehr gläubigen Herzens aufgenommen hatte, er von sich aus, ohne dass eine Lehre ermahnender Aufforderung dazwischenkam, sagte: So, ich gebe die Hälfte meines Besitzes den Armen, und, wenn ich etwas jemandem für Zinsen geliehen habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Daraus wird deutlich, dass er, nachdem er in sich gegangen war, die Hälfte des Besitzes in Berechnung seines Wuchers ausgegeben hat, die andere Hälfte aber, die übriggeblieben war, hat er den Armen verschenkt, um an jener Glückseligkeit teilhaben zu können, die den Armen versprochen ist.

11,7 Denn was sie neben weiteren Argumenten für den Reichtum vorzubringen pflegen, ist, dass die Schüler in der Zeit des Leidens, nachdem sie sich vom Herrn entfernten, zu ihrem Hab und Gut zurückkehrten; so zu argumentieren ist ziemlich ungeschickt, weil dies ihrer Partei nicht nur nicht nützt, sondern ihr vielmehr zum Nachteil gereicht, wenn die, die dem Herrn nicht folgen konnten, ausser sie gaben alles auf, nicht zu ihrem Hab und Gut zurückkehren können, ausser wenn sie den Herrn verlassen. Daraus lässt sich erschliessen, dass die Verachtung des eigenen Besitzes Sache der Gefolgsleute ist, der Wunsch zur Rückkehr zum Besitz aber die der Abtrünnigen. Schliesslich steht geschrieben: „Die Zeit kommt, dass ihr verstreut werdet, jeder in das Seine und mich allein zurücklässt.“ Wenn es Zustimmung findet, dass sie den Herrn verlassen haben, mag es auch Zustimmung finden, dass sie – gemäss dem Verständnis gewisser Leute – angeblich zu ihrem Hab und Gut zurückgekehrt sind. Daher müssen auch wir uns fürchten, dass, wenn wir zu unserem Besitz zurückkehren wollten, wir den Herrn verlassen würden. Dies haben wir abgesehen von der zu treffenden Annahme gesagt, dass die Apostel nicht so sehr zum Ihrigen, d.h. ihren Gütern, zurückkehrten, wie es Gewisse in überaus erzwingender und gewaltsamer Weise zu verstehen wünschen, sondern dass sie in das Ihrige, d.h. in ihre Fluchtorte, verstreut wurden. Denn er hat nicht gesagt, dass ihr ein jeder in eure Besitzungen zurückkehrt, sondern dass ihr verstreut werdet. Wenn ich mich nicht irre, ging es in jener Zeit um Flucht und nicht um irgendeinen Fall von Habsucht oder Begierde. Denn es ist wirklich ziemlich widersinnig zu glauben, gerade sie seien zu ihrem Besitz, den sie nicht mehr hatten, zurückgekehrt, die – so lesen wir – vor der Auferstehung des Herrn aus Angst vielmehr an einem Ort eingeschlossen waren, als dass irgendeiner im eigenen Haus oder auf dem eigenen Besitztum gewohnt hat. Weil selbst wenn sie ihr Hab und Gut wiedererlangen wollten, fehlte dafür der nötige Zeitraum. Denn wieviel Zeit lag zwischen dem Leiden Jesu und der Auferstehung, damit sie glaubwürdigerweise ihr Hab und Gut wiedererlangen oder zu ihrem Besitz zurückkehren konnten? Zumal da bekannt ist, dass ihre Provinz von jenem Ort, an dem der Herr gelitten hat, ungefähr 150’000 Fuss entfernt war, die Provinz Galiläa nämlich, die ohne Zweifel ihre Heimat war, wie wir das in den Apostelakten vom Engel Gesagte lesen: „Männer Galiläas“ oder andernorts: „Sind das nicht alles Galiläer?“

11,8 Auch brauchen die Verteidiger des Reichtums jenes Beispiel, das im Evangelium des seligen Johannes über die Mutter des Herrn enthalten ist: „Und jener Schüler hat sie zu sich aufgenommen.“ Zu sich in sein Besitztum, sagen sie. Erstens frage ich, welches Besitztum konnte ein Fischer in einer fremden Provinz haben, der – wie anzunehmen ist – auch in seiner eigenen Provinz nicht gerade begütert war, selbst wenn er nichts verachtet hätte. Vom rechtschaffenen Johannes, dem Sohn des Zebedäus, wird nämlich gesagt – und die Schrift bezeugt es – dass er den Vater mit den Schiffsnetzen im Stich gelassen hat, um dem Herrn innerhalb der Grenzen Galiläas zu folgen. Doch auf welche Weise, selbst wenn er vorher besessen hatte, was er bereits verachtet hatte, hatte er Besitz? Und wie ist zu verstehen : „Jener Schüler nahm sie bei sich auf“? Natürlich wie seine eigene Mutter, nicht in sein Besitztum. Dies war ihm nämlich vom Herrn geboten worden, dass – bis dass er auferstehe – ihr der einer Mutter gebührende Respekt erwiesen werde und ihr tröstende Hilfe wie von einem eigenen Sohn zukomme. Schliesslich steht geschrieben: „Und Jesus sagte seiner Mutter: Siehe deinen Sohn!“ Er hat nicht gesagt: „Siehe deinen Gastgeber.“ Und dem Schüler wird gesagt: „Siehe deine Mutter. Und jener Schüler hat sie bei sich aufgenommen“, als seine eigene Mutter natürlich, nicht in seinen Besitz, denn es ging nicht um die Notwendigkeit einer Unterkunft, sondern um liebende Hilfe.

12,1 Wir wollen denn zu jener äusserst berühmten Auffassung kommen, mit der die Liebhaber der Welt vernünftig zu argumentieren meinen, indem sie unter dem Vorwand der Frömmigkeit behaupten, die vollkommeneren evangelischen Vorschriften in keiner Weise beobachten zu müssen. Sie sagen nämlich: „Wenn alle ihren Besitz weggeben möchten und für sich ganz und gar nichts übrig lassen, aus welchen Mitteln sind danach die Werke der Nächstenliebe und Barmherzigkeit zu bestreiten, nachdem deren materielle Grundlage zunichte gemacht wurde? Oder wie sind die Armen zu unterhalten, wo denn sind die Gäste unterzubringen, woher das Essen für die Hungernden, die Kleider für die Nackten, die Getränke für die Dürstenden, wenn die materielle Grundlage fehlt?“

12,2 Die sind wirklich von grosser Leidenschaft für Barmherzigkeit und Nächstenliebe erfüllt, deren Sorge mehr den Armen als Gott gilt. Doch gälte ihre Sorge doch auch wirklich den Armen und nicht vielmehr dem Reichtum, den sie unter dem Deckmantel der Armenfürsorge und unter dem dringenden Vorwand der Nächstenliebe zu verteidigen suchen, wobei sie nicht einsehen, dass die einen deshalb bedürftig sind, weil die anderen Überflüssiges besitzen. Beseitige den Reichen und du wirst keinen Armen antreffen! Niemand soll mehr besitzen als zum Leben nötig ist und alle werden soviel haben, wieviel zum Leben nötig ist; denn wenige Reiche sind die Ursache für viele Arme.

12,3 Aber was soll das, dass wir anstreben, was den Vollkommenen nirgends vorgeschrieben ist, während wir nicht tun wollen, was vorgeschrieben ist? Uns wurde nämlich gesagt, dass wir nichts haben sollen. Den Besitzenden aber ist nirgends irgendetwas über Werke der Barmherzigkeit geboten worden. Sehe also ein, wie verkehrt und geradezu widersinnig es ist, dass wir wegen dem, was nicht geboten ist, das zu tun vernachlässigen, was geboten ist, und dem Schein nach erledigen wir ängstlich, was nicht befohlen ist, damit wir nicht in die Tat umsetzen müssen, was befohlen ist.

12,4 Sodenn sagst du: „Wenn ich arm sein werde, aus welchen Mitteln werde ich Almosen spenden?“ Als ob dir irgendwo vorgeschrieben wurde, als Habenichts Almosen zu geben oder im Überfluss Reichtum zu besitzen, um Almosen spenden zu können! Dies hätten denn auch die Apostel dem Herrn antworten müssen, als er die Armen glückselig nannte und als er festlegte, dass die Reichen nicht Besitzer des himmlischen Reiches sein können, hätten sie nicht so sehr an die Vorschrift Christi als an den Reichtum gedacht, der unter dem Vorwand der Armen verteidigt wird.

12,5 Du fragst deshalb: „Wer soll noch Werke der Barmherzigkeit tun, wenn alle in Verachtung ihres Besitzes danach streben, die Stufe der Vollkommenheit zu erklimmen?“ Warum aber solltest du nicht glauben, dass alle sowohl die Stufe der Nächstenliebe wie jene der Vollkommenheit erreichen können, wenn du doch weisst, dass die einzelnen Gläubigen nach und nach in der Zunahme ihres Glaubens Fortschritte machen? Die Kirche besteht ganz klar aus zwei Völkern, die denselben Herrn Christus bekennen, nämlich aus dem der Katechumenen und aus dem Volk jener, die, hervorgegangen aus dem Katechumenat, durch die Heiligung der göttlichen Waschung gereinigt wurden. Denn keiner wird Täufling sein, wenn er vorher nicht Katechumene gewesen ist. Und obwohl es notwendig ist, dass dies zwei Völker sind, eilen sie dennoch beide auf ein Volk hin; und aus dem Grund, dass es zu Beginn ganz klar zwei Völker sind, folgt nicht, dass nicht dennoch alle zu ein und demselben Volk zusammen kommen können und müssen. Warum denkst du nicht auch über die Belange der Barmherzigkeit und Vollkommenheit ähnlich, weil zwar alle zuerst die Stufe der Frömmigkeit erreichen müssen und dennoch nichtsdestoweniger versuchen müssen, den Gipfel der Vollkommenheit zu ersteigen und nicht deshalb die Stufe der Barmherzigkeit auslassen, weil alle zur Vollkommenheit zu gelangen streben, wie sie auch nicht den Grad der Katechumenen auslassen, so sehr sie alle Gläubige sein sollen, weil, wie ich gesagt habe, Schritt für Schritt zum je Vollkommeneren übergegangen wird. Denn, um auch aus dem alltäglichen Leben ein Beispiel zu bringen, so gibt es in den Rednerschulen viele Stufen, und doch laufen alle zu der einen, die die höchste ist, hin. Und die unteren werden also nicht deshalb gänzlich verlassen, weil alle danach streben, zur höchsten zu gelangen.

12,6 Denn du befürchtest, wenn du den Reichtum, ja wenn du alle Güter der Welt verteiltest, dass es dann niemanden mehr gäbe, der Barmherzigkeit übte. Bist du vielleicht der einzige Besitzende auf dieser Welt, so dass du fürchtest, keinen Nachfolger haben zu können? Ich will nicht, dass du deine Habsucht mit dem Grund oder unter dem Vorwand der Barmherzigkeit und der Armen verteidigst. Vollende du vielmehr deine dir eigene Aufgabe, steige von einer niedrigeren zu einer höheren Stufe empor! Dein Platz aber bleibt nicht leer, denn er wird von irgendeinem neulich Getauften oder zum Katechumenat Hinzutretenden neu besetzt werden.

13 Du sagst vielleicht: „Und woher soll ich meinen Lebensunterhalt bestreiten, wenn ich all mein Hab und Gut verachtet habe?“ Jetzt also sehe ich ganz klar den Grund, aus dem heraus der Reichtum wohl so stark verteidigt wird und dem die übrigen Argumente dienen: Der schwache Glaube ist es, den wir vergeblich unter dem Vorwand der Barmherzigkeit zu verschleiern suchen, während wir den Versprechen des Herrn weniger glauben, wenn er sagt: „Denkt nicht daran, was ihr esst oder was ihr trinkt und nicht was ihr euch anzieht. Das nämlich kümmert die Heiden. Euer Vater weiss nämlich, warum ihr all dessen bedürft. Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und das alles wird euch hinzugegeben.“ Er beschämt mit dem Gleichnis der Vögel des Himmels und der Lilien auf dem Feld die Kleinheit unseres Glaubens. Und damit du in deinem gewohnt verkehrten Schriftverständnis nicht glaubst, dass er das nur den Aposteln gesagt hat, fügt er hinzu: „Dies nämlich erstreben die Heiden“, also nicht etwa andere Christen neben den Aposteln. Du glaubst doch gewiss an alles, was dir von göttlicher Stimme verheissen wurde. Du glaubst, dass du – tot und in Staub und Asche aufgelöst – von derselben Asche deines Körpers durch die Gnade der Auferstehung nicht nur im früheren, sondern in einem besseren Zustand wiederhergestellt wirst, nämlich in dem der Unsterblichkeit und Unversehrtheit. Und du glaubst, wenn du dafür würdig sein willst, dass du mit der Herrlichkeit des himmlischen Reiches bereichert wirst. Du glaubst sogar, mit dem Glanz der Sonne geschmückt zu werden. Was gibt es denn Grösseres? All dies zu verschaffen oder die Grundlage des gegenwärtigen Lebens zu gewähren? Wenn die Güter des gegenwärtigen Lebens auch nur einem dieser Jenseitsgüter deutlich unterlegener sind, warum sollst du nicht glauben, dass er dir die weniger grossen erhält, dem du vertraust, dass er dir sogar grössere verschafft? Wer nämlich das, woran wir vorher erinnert haben, verheissen hat, hat ebenfalls versprochen, dass uns, ohne dass wir uns um etwas kümmern, alles im Überfluss zufällt. Wenn wir nicht glauben, was kleiner ist, weiss ich nicht, auf welche Weise wir beweisen können, daran zu glauben, was grösser ist.

14 Du sagst: „Aber es ist verwirrend, dass derjenige von den anderen erhält, der es gewohnt war, anderen zu geben.“ Wenn du die Verwirrung fürchtetest, warum wolltest du dich jenem ausliefern, dessen Geheimnisse für diese Welt voll von Verwirrungen sind? Denn sowohl seine Geburt wie sein Leiden und der ganze Ablauf seines Lebens gemäss der angenommenen Menschenform schafft bei den Ungläubigen nicht wenig Verwirrung. Doch was sagt der Herr über solche?: „Wer mich aber vor den Menschen verwirren wird, den werde ich vor dem Vater verwirren, der im Himmel ist.“ Du siehst also, dass wir nicht so sehr wegen einer Tat der Barmherzigkeit, sondern vielmehr wegen der menschlichen Verwirrung uns schämen, die göttlichen Vorschriften zu befolgen. Wir denken allzu fleischlich und wir lassen uns mehr von der Einsicht des Menschenverstandes als von der göttlichen Kraft führen, weshalb wir schwerwiegend und heftig in die Irre gehen. Wir schämen uns des ganzen Lebens Christi und seiner Apostel und meinen Christen zu sein. Wir schämen uns der Demut, der Armut, der Verachtung der Kleider, der Wertlosigkeit einfacher Speisen, der niedrigen weltlichen Herkunft, der Anfeindungen, der Verhöhnung, der Beschimpfungen, ob fast allem, worüber sich sowohl Christus wie seine Apostel, wie wir wissen, gefreut haben. Dahingegen rühmen wir uns des Stolzes, des Reichtums, der Schönheit der Kleider, der Üppigkeit der Speisen, des weltlichen Adels, der menschlichen und eitlen Lobhudeleien. Und wenn irgendein Armer in der Gestalt Christi zu uns kommen wird, von dem geschrieben steht, dass „er zwar nicht schön aussah und kein Ansehen hatte, sondern sein Gesicht wurde entwürdigt“, so wird er nach jüdischem Brauch angegriffen, wird ausgelacht, er wird verspottet und wie jener, dessen Ähnlichkeit der Form nach er angenommen hat, als Verführer und Treuloser verurteilt. Wenn nun aber einer – obschon ungläubig und in verschiedene schlimmste Verbrechen verstrickt – daherkommt, erhaben in seinem Auftreten und angesehen durch die Würde seiner Kleider, wird er gegen das Verbot des Apostels allen Armen – wie sehr sie auch rechtschaffen leben – vorangestellt und das weltliche Auftreten wird der Lebensform Christi vorgezogen. Und indem wir uns so verhalten, glauben wir, den Geist Christi oder Christus selbst zu haben, wir, die wir uns ob fast allem schämen, worin die Lebensform Christi besteht und uns dagegen ob allem, was zur Ehre der Welt gereicht, rühmen! Wir glauben doch sicher, dass nach Christus die Apostel unsere Lehrer sind. Warum aber schämen wir uns, nach dem Beispiel derer zu leben, deren Schüler zu sein wir bekennen?

15,1 „Doch für mich ist es besser, vom Eigenen zu leben, als auf Fremdes zu hoffen.“ Soweit es sich auf menschliche Weisheit bezieht, wird dies für besser gehalten, soweit es sich aber auf göttliche Weisheit bezieht, so glaube ich, dass die Apostel besser gewesen sind, die aus Fremdmitteln unterhalten wurden, als die, welche eigenes Hab und Gut besassen.

15,2 „Und wie“, wirst du sagen, „ist die Aussage des Paulus zu verstehen: Erinnert euch des Wortes Jesu! Er sagte nämlich: es ist bei weitem seliger zu geben als zu empfangen?“ Und wie kommt es, dass wir lesen, dass sowohl er selbst wie auch seine Apostel empfangen haben? Waren denn etwa die seliger, die gaben als die, die empfingen? Wenn es bei weitem seliger ist zu geben als zu empfangen: Auch Paulus hat von den Mazedoniern empfangen, wie er selbst bezeugt, indem er sagt: „Denn das, was mir fehlte, haben die Brüder aus Mazedonien ausgeglichen.“ Und wenn es seliger ist zu geben als zu empfangen, sind die Mazedonier im Vergleich zu Paulus für seliger zu halten, die ihm, wie wir wissen, gegeben haben. Was aber sagen wir von jenem Jüngling, dem befohlen wurde, all seinen Besitz wegzugeben, dem der Herr dies tun zu wollen nicht nur nicht befohlen, sondern es ihm vielmehr verboten hätte, damit er nach Aufgabe seines Besitzes nicht nichts mehr zum Geben haben würde, wenn es immer seliger war zu geben als zu empfangen. Man darf denn auch sicher nicht die Lehre Christi verdächtigen, dass sie jene zu einem geringeren Glück angeleitet hätte, die an einem grösseren hätten teilhaben können. Wie ist es denn zu verstehen, das jenem gesagt wird: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe all deinen Besitz“, wenn es seliger ist zu geben als zu empfangen, da doch die Vollkommenheit dort zu sein scheint, wo die grössere Seligkeit ist? Und andernorts sagt der Herr: „Wer nicht auf alles verzichtet, was er besitzt, kann nicht mein Schüler sein.“ Doch wenn es seliger ist, zu geben als zu empfangen, aber der nicht geben kann, – wie gewisse Leute immer wollen – der nicht an Eigentumsbesitz reichlichen Überfluss hat, dann verzichtet der, welcher reichlichen Überfluss hat, nicht auf allen Besitz und wer auf seinen Besitz nicht verzichtet, kann gemäss der Definition des Herrn nicht sein Schüler sein. Was also werden wir sagen? Dass der seliger sein könnte, der nicht Schüler Christi gewesen war, als derjenige, der es sein könnte? Denn wenn man das nicht so verstehen darf, warum hat er es so festgesetzt, dass, wenn einer nicht auf alles verzichtet, nicht sein Schüler sein kann? Denn hätte er gewusst, dass die glückseliger sein werden, die zum Geben haben als die, welche empfangen müssen, hätte er vielmehr die Armen als die Reichen von seiner Schülerschaft ferngehalten. Es war nämlich folgerichtig, dass jene viel eher für Schüler Christi gehalten wurden, die einer höheren Glückseligkeit fähig waren. Denn wenn er vielmehr Arme ausgewählt hat, heisst das, dass jene von grösserer Glückseligkeit sind, die ausgewählt wurden, als die zurückgewiesen wurden.

15,3 Wenn dem so ist, wie ist zu verstehen: „Bei weitem seliger ist zu geben als zu empfangen?“ So wie ich meine, ist das eine Tun dem anderen überlegen, nicht aber die eine Person der anderen, das heisst das Geben ist besser als das Empfangen, nicht der Geber ist besser als der Empfänger. Doch damit klarer wird, was ich meine, will ich ein anderes Beispiel brauchen: Wenn ein Bischof oder Priester von irgendeinem Laien etwas empfängt, ist das Geben jenes Laien besser als das Empfangen des Bischofs oder des Priesters, weil jener, wenn er gibt, etwas Gerechtes tut, von jenen aber, die empfangen, ist nicht anzunehmen, dass sie etwas Gerechtes oder Ungerechtes getan haben. Aber deshalb wird der Laie nicht seliger als der Bischof oder der Priester sein, weil das eine Werk dem anderen überlegen zu sein scheint.

16 Des weiteren, wenn von jenem, der gibt, angenommen werden muss, dass er die höchste Glückseligkeit erreicht, und wenn einer nicht immer wird geben können, ausser er ist begütert, wie ist zu verstehen, dass der Herr häufig die Reichen tadelt und die Armen lobt, wenn jene eines höheren Lobes würdig sind, die von grösserer Glücksseligkeit sind? „Aber er tadelt die schlechten Reichen“, wirst du sagen. Hast du etwa Folgendes gelesen: „Wehe euch schlechten Reichen!“? Oder welche Notwendigkeit bestand, die Bezeichnung „Reichtum“ hinzuzufügen, wenn er nicht vielmehr wegen des Reichtums den Verdammungsspruch aufstellte? Aber wenn er die dem Menschen eigene Schlechtigkeit tadelte, hätte er einfach gesagt: „Wehe euch Schlechten!“ Aber wenn er nicht allgemein die Reichen tadelt, sondern nur die schlechten Reichen, es aber auch gute gäbe, so hätte er sie irgendwo loben müssen. Und so wie du willst, dass er „Wehe euch Reichen!“ von den schlechten Reichen gesagt hat, so hätte er auch von den guten Reichen sagen müssen: „Glücklich die Reichen!“ Er sagt tatsächlich, dass es Selige gibt, aber es sind die Armen, so dass immer deutlicher wird, dass er jene Seite gedemütigt hat, deren Gegenteil er selig nennt. Und hier, glaube ich, wirst du sagen: „Er lobt die guten Armen.“ Warum hat er denn den Titel „Armut“ hinzugefügt, wenn er doch wusste, dass in ihr kein Vorrang des Gutseins bestehen kann. Denn so wie er in seinem Spruch des Tadels den Reichtum nicht genannt hätte, wenn er in ihm nicht irgend etwas Tadelnswertes erkannt hätte, so hätte er in der Predigt über die Seligkeit niemals die Armut genannt, wenn er nicht gespürt hätte, dass sie eine Unterstützerin der Tugend wäre. So als hätten dem Wort Gottes gerade jene Worte in seinen Reden gefehlt, durch deren Titel entweder die Schlechten getadelt oder die Guten gelobt worden wären! Unter Auslassung der Angabe jener Titel, die gemäss gewissen Leuten weder schaden noch nützen können, hätte er gesagt:

„Wehe euch Mördern, Vergewaltigern, Räubern, Götzendienern oder euch dem Laster irgendeines Verbrechens Ausgelieferten!“ Warum hat er, um zu tadeln, unter Auslassung all dieser Verbrechen und Schandtaten allein den Reichtum genannt, so als hätte er gewusst, dass der Reichtum zuweilen die Grundlage aller Schuld ist? Warum nennt er andererseits in den Seligpreisungen unter Auslassung der Angabe aller Tugenden nur die Armut, wenn er nicht wusste, dass sie der Ursprung jeglicher Tugend ist? Und wenn er dabei nicht gegen den Reichtum als solchen loszieht, noch die Armut als solche preisend lobt, so hätte er an irgend einem anderen Ort entweder die Reichen loben oder die Armen tadeln müssen. Wenn er aber allgemein die Reichen tadelt sowie allgemein die Armen lobt, so hat er klar und deutlich genug aufgezeigt, dass, sowie er die Begierde nach Reichtum kraft der Autorität seines Urteils verurteilt hat, er so den Titel „Armut“ gepriesen hat.

17,1 Folgendes füge ich noch hinzu, so dass kein Weiser wird bestreiten können, dass Reichtum schwerlich ohne Arten irgendwelcher Ungerechtigkeiten erworben werden kann. Denn meistens wird der Reichtum mittels dem Eifer der Lüge, der Kunst des Diebstahls, der Treulosigkeit des Betrugs, der Gewalt des Raubs oder der Verwegenheit von Fälschungen erworben; manchmal wird er aber auch durch Plünderung von Witwen oder durch Übertölpelung von Waisenkindern oder durch ungerechte Schenkung oder, was bei weitem grausamer ist, durch das von Unschuldigen vergossene Blut erworben. Wenn dem so ist, was hält uns zur Überlegung an, dass diese Sache, die durch eine so grosse Vielzahl von Verbrechen erworben wird, von Gott als Urheber stammt? Fern, fern von unseren Ansichten sei die Gottlosigkeit eines solchen Gedankens! Gott verbietet nämlich alle die oben erwähnten Handlungen, insofern sie noch nicht begangen, sowie er sie verurteilt, insofern sie ausgeführt wurden. Daher kann unter keinen Umständen die Aussage gelten, dass von Gott der Reichtum aufgebracht wird, der durch jene Handlungen verschafft wurde, die er verbietet.

17,2 „Der Haufen Reichtum“, wirst du sagen „hat sich bei mir aus Erbschaften verschiedener Personen angesammelt.“ Auch dies ist höchst ungerecht, wenn du, unter Ausschluss rechtmässiger Erben, fremde Güter besitzest, die dir nicht ohne irgendeine Betrügerei notwendigerweise mit Gewalt zugebracht werden konnten. Aber sei es so, dass nichts dazwischen kam und die Erbschaft dir aus freiem Willen übertragen wurde. Es gehört sich aber für einen gerechten Mann, nicht annehmen zu wollen, was durch ungerechten Willen gegeben wurde. Auf ungerechte Weise wird nämlich gegeben, was ohne Rücksicht auf die vielleicht armen Eltern einem fremden Erben übertragen wird.

17,3 Daher tadelt und verurteilt der Herr nicht zu Unrecht den überflüssigen Besitz, der die Begierde danach für den Grund sämtlicher Verbrechen hielt. Welcher Weise oder Kluge würde denn bezweifeln, dass die Begierde die Quelle aller Übel ist, die Wurzel der Verbrechen, der Zunder der Verschuldungen, der Stoff von Vergehen, wegen der weder Land noch Meer noch irgendein Ort sicher bewohnt oder ohne Angst passiert wird. Wegen dieser Begierde gibt es also auf dem Wasser Seeräuber, auf den Strassen Wegelagerer, in den Dörfern und Städten Diebe und in jeder Gegend Räuber. Aufgrund dieser Begierde gibt es Hinterlist, Raub, Lügen, Meineid, falsche Zeugenaussage, Betrug, Ruchlosigkeit, Grausamkeiten und was es auch immer an gräulichen Taten geben mag. Wegen dieser Begierde wird täglich die Erde mit dem Blut Unschuldiger befleckt, der Arme ausgebeutet, der Armselige unterdrückt und Witwen und Waisen Schaden zugefügt. Wegen dieser Begierde wird fast jederzeit das göttliche Gesetz verachtet, und gegen den himmlischen Erlass wird durch alle möglichen Arten von Pflichtverletzungen unaufhörlich verstossen. Um dieser Begierde willen wird zuweilen das Schamgefühl zunichte gemacht, die Keuschheit wird bezwungen und die schamlose sexuelle Begierde wütet in unerlaubten Vergnügen. Wegen dieser Begierde werden Morde teils als Wunschgedanken, teils durch Taten begangen. Solange als einer mit übergrosser und ungeduldiger Gier nach dem Besitz von Reichtum drängt, wünscht er seinen Eltern den Tod oder veranlasst ihn gleich selber. Um dieses Reichtums willen wird sogar eine unheilvolle und wirklich nicht freundlich zu nennende Ruchlosigkeit an Übeltaten gelernt, und es wird zu Fertigkeiten aller übermässig schändlichen wie nicht weniger verbrecherischen Künsten vorgedrungen. Durch den Reichtum werden häufig die Sitten zugrunde gerichtet, auch die Seelen der Menschen werden vergewaltigt und die Natur jeder guten Anlage wird verdorben. Überhaupt, wie wenige Reiche gibt es ohne Übermut, Anmassung, Hochmut, Stolz, Dünkel? Wer, wie sehr er auch in Armut sanft, demütig, geduldig, gutmütig und gelassen sein mag, wird durch das Hinzukommen von Reichtum nicht durch Hochmut aufgebläht, durch Stolz übermütig gemacht, durch Ungeduld erschüttert, durch Zorn entflammt oder durch Wut herumgetrieben? Wann ist sich ein Reicher seines Zustandes als Mensch, das heisst seiner Zerbrechlichkeit bewusst? Wann vergisst er sich nicht dermassen, dass er sich nicht einmal für einen Menschen hält? Oder wie meint einer ein Mensch zu sein, der wegen seiner überaus ausgezeichneten und erhabenen hohen Stellung sich weigert, jene zu kennen, die das Schicksal seiner Natur teilen? Und er hält sich für desto besser, je schlechter er ist, da er ja kein Mensch sein will, ist der Unglückliche doch in gewaltige Übel verstrickt und etwa Sklave so vieler Sünden über wieviele Reichtümer er Herr ist. Er weist den Bedürftigen ab, der ihm gegenüber an sittlicher Lauterkeit vielleicht desto reicher sein mag je ärmer er an Reichtumsbesitz ist, und bezüglich der demütigen Gestalt des Armen lässt sich der Reiche nicht einmal durch den Gedanken an seinen Herrn beschwichtigen. Du würdest ihn sagen hören: „Weg mit diesem Ausgestossenen,

Bettler und Niedriggeborenen! Und dieser wagt es in unserer Gegenwart etwas zu sagen und in diesen Lumpen über unsere sittliche Lebensführung zu handeln und in angeblicher Erkenntnis der Wahrheit unsere Gewissen mit einer vernünftelnden Rede aufzuwecken!“ Als ob nur den Reichen erlaubt wäre zu reden und die Erkenntnis der Wahrheit mehr vom äusseren Besitz als von der Erkenntnisfähigkeit abhinge!

18,1 Nicht vergebens also klagt der Herr den Reichtum fast überall an und verurteilt ihn, da er die Begierde nach ihm als Keim aller Verbrechen erkannt hatte. Und nicht zu Unrecht hat er den Reichen, die er in diese Ursache aller Übel verstrickt sah, den Zugang zum Himmelreich durch ein sehr schwierig erfüllbares Vergleichsbeispiel in gewisser Weise verschlossen: „Leichter“, sagte er, „wird ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgehen, als ein Reicher in das Himmelreich.“ Warum ist es noch nötig, über eine so eindeutige Stelle zu streiten, wenn nicht darum, die Reichen zu ermahnen, damit sie wissen, dass sie erst dann Besitzer der himmlischen Herrlichkeit sein werden, wenn sie entweder eine so grosse Nadel fänden, durch deren Öhr hindurchzugehen es dem Kamel möglich wäre, oder ein so kleines Kamel, für das auch die kleinste Nadel eine Durchgangsmöglichkeit böte. Wenn dies also völlig unmöglich ist, wie wird das Wirklichkeit werden, was als noch unmöglicher bezeichnet wird, ausser ein Reicher bemühe sich etwa, nach guter Verteilung seines Besitzes, als Armer oder das Lebensnotwendige Besitzender einzugehen, wo er als Begüterter nicht eintreten konnte?

18,2 Du wirst sagen: „Es ist nicht von einem Kamel die Rede, dem es völlig unmöglich ist, durch ein Nadelöhr zu gehen, sondern von einem camelus, das ist eine Art Seemannsstrick.“ Wahrlich, welch masslose und unerträgliche Verschlagenheit menschlicher Begierde um der Liebe zum Reichtum willen, die sich bis zu Ausdrücken von Stricken versteigt, solange sie nur ja nicht gezwungen wird, den überflüssigen weltlichen Besitz zu verringern! O wie glücklich wäre sie, wenn sie mit so grosser Geistessorgfalt hinsichtlich der Liebe Gottes arbeiten würde. Doch das von irdischen Leidenschaften in Besitz genommene Denken kann die himmlische Liebe nicht empfangen. Dies ist doch das armseligste Argument und es ist dem Reichen überhaupt nicht von Nutzen! Als ob es eher möglich wäre, dass ein so grosses Seil durch das Öhr ginge, als dass das Kamel, und zwar jenes sehr wohlbekannte Tier, hindurchginge. Bisher hast du dir noch wenig den Kopf zerbrochen und noch hast du keine würdige Verteidigung gefunden, durch die du ausserhalb vom himmlischen Stuhl ohne Sorge bestehen könntest. Was hast du mit Schiffen zu schaffen, deren Instrumente ebenso schwer wie massig sind? Die Spitzfindigkeit dieser Beweisführung hätte vielmehr bezüglich dem Wollgewerbe angewendet werden müssen, falls du vielleicht auch dort irgendeinen Faden mit der Bezeichnung ‚camelus‘ fändest. Man muss über die Dummheit solcher Menschen leicht lachen – wie sehr auch ihr Elend zu beweinen ist – , damit sie erkennen, dass bei Gott jene Argumente überhaupt nichts nützen werden, die selbst von den Menschen verhöhnt werden.

18,3 Doch du sagst, dass der Herr die schwierige Erfüllbarkeit der oberen Aussage durch die untere Antwort abgeschwächt, beziehungsweise sie vielmehr sogar völlig beseitigt hat, indem er sagt: „Was bei den Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott.“ Sicherlich ist es möglich, nicht nur die Reichen mit all ihren Behinderungen und Lastern in den Himmel aufzunehmen, sondern selbst auch die Kamele. Wenn man auf die Möglichkeit Gottes abstellt, wird sich überhaupt keiner finden lassen, der von seinem Reich endgültig ausgeschlossen ist, da bei Gott nichts für unmöglich gilt. Und wie könnte der erste Satz Gültigkeit beanspruchen? Denn er hätte ja entweder gar nicht gesagt werden dürfen, wenn damit die göttliche Macht eingeschränkt worden wäre, oder wenn er gesagt werden durfte, da konnte sie in keiner Weise eingeschränkt werden.

18,4 Doch bleibt zu deuten, wie das zu verstehen ist, dass bei Gott möglich ist, was bei den Menschen unmöglich schien. Als der Herr sagte, dass weder ein in jeder Beziehung Reicher noch einfach einer, der bloss Geld hat, das Himmelreich erlange, da sind die Schüler, die noch nicht die Fülle des vollkommenen Wissens besassen und bei denen die Reichen bis dahin aufgrund der jüdischen Lehre in hohem Ansehen standen, weil sie den Ruf hatten, mit ihrem grossen Überfluss an Besitz entsprechende Werke der Barmherzigkeit zu tun, da sie noch nicht wussten, dass für ein Übertreter des gesamten Gesetzes gehalten wird, der auch nur ein einziges Gebot übertritt, da sind die Schüler nach dem Anhören des Herrenwortes von verzweifelter Trauer erschüttert worden, besprachen sich untereinander und sagten: „Wenn sogar jenen durch dieses so harte Vergleichsbeispiel der Zugang zum Himmelreich geleugnet wird, denen es durch die Fülle an Reichtum möglich ist, jeglichen Frömmigkeitsdienst zu verrichten, was ist denn von den mittelmässig Begüterten und Armen zu halten, denen keine materielle Grundlage für die Barmherzigkeit zur Verfügung steht?“ Dass sie so gedacht haben, wird aus ihrer Antwort offensichtlich: „Wer also“, fragten sie, „wird gerettet werden können“, so als ob keiner gerettet werden könnte, wenn es die Reichen nicht wurden, geradezu als würde allein in ihnen der Inbegriff des menschlichen Geschlechts bestehen, während die Schar der Armen doch viel zahlreicher ist und unter tausend Bedürftigen kaum ein Reicher erscheint. Deshalb wird ihnen geantwortet: „Was bei den Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott“, das heisst, was dem menschlichen Verstehen unmöglich erscheint, dass einer ohne Überfluss an Reichtum gerettet werden könne, das ist gemäss göttlichem Wissen viel wahrscheinlicher, dem die demütige und heilige Armut viel besser gefällt, als die stolze und sündhafte Verherrlichung des Reichtums; selbst das Gute am Reichtum kann schwerlich ohne Schlechtes sein, solange es nicht so sehr um der Gnade der zu erwerbenden göttlichen Barmherzigkeit willen abgegeben wird, sondern wegen dem zu erlangenden menschlichen Ruhm.

18,5 Du wirst sagen: „Aber der Herr hat den Reichen die Himmelsherrschaft abgeschlagen, nicht den Gewinn des ewigen Lebens, weil vom Leben nicht sogleich ausgeschlossen wird, dem der Besitz der Himmelsherrschaft versagt wird, weshalb sowohl ein ewiges Leben mit Herrschaft wie eines ohne Herrschaft bestehen kann. Jeder nämlich, der herrscht, lebt, aber nicht jeder, der lebt, herrscht.“ Zuerst frage ich dich nach dem Ort jenes Lebens, den du ausserhalb der Grenze der Herrschaft festsetztest, sodenn ob die, welche das Leben ohne Herrschaft haben, gerettet werden können? Du würdest antworten: „Ich glaube, ja.“ Und wie können die Apostel sagen: „Wer also wird gerettet werden können?“, wenn sie wussten, dass dem Reichen nur die Herrschaft versagt wurde? Weshalb klar und deutlich gezeigt wird, dass, wo Herrschaft ist, auch Leben ist, und wo Leben ist, ist auch Heil, und wo immer Heil nicht ist, dort ist weder Leben noch Herrschaft und dass jene, die ausserhalb der Grenzen der Herrschaft sein werden, nicht gerettet sein können.

18,6 Du wirst sagen: „Aber das Volk der Heiden wird Kamel genannt; ihm wird vorausgesagt, obwohl entstellt durch Laster aller Art und nichts Gerades in sich habend, weil es sich in der Art des Kamels dem Glauben Christi unterworfen und unterzogen hat, dass es leichter durch das Nadelöhr – das heisst durch den engen Weg – gehen wird, als der Reiche – das heisst das Volk der Juden – ins Himmelreich.“ Dass unter den Reichen nicht das Volk der Juden verstanden werden kann, darüber haben wir schon weiter oben gehandelt. Ob es nun aber passt, unter dem Kamel das Volk der Heiden zu verstehen, muss untersucht werden. Erstens frage ich, welcher Grund verlangte, dass dieser Sachverhalt durch eine so grosse Verfremdung von Namen verdunkelt wird, oder was hinderte, dass das Heidenvolk mit dem eigenen Namen genannt werde, oder welcher Grund verlangte, dass es mit einem anderen Namen genannt werde. Du sagst, „weil es in der Art des genannten Tieres von der Sünde verschiedener Laster verbogen war.“

Bei den Juden also gab es keine Verderbtheit? Oder wenn es sie gab, warum wurden nicht auch sie selbst mit einem Vergleichsbeispiel gleicher Art bezeichnet? Oder ich möchte wissen, auf welche Weise der Vergleich mit dem Kamel den vom Übel der Sünden behafteten Menschen entsprechen würde. „Weil das Kamel keinen geraden Körper hat“, wirst du sagen. So als gäbe es irgendein Tier, das gleich einer Linie in geradem Verlauf gezeichnet werden könnte und weder irgendeine Krümmung noch eine Biegung im Körperbau hätte, vor allem jenes, das aus der Vielfalt verschiedener Glieder besteht. Und obgleich es vielfach gekrümmt oder gebogen sein mag, ist es seiner Natur nach gerade. Und wenn es etwas hat, das es natürlicherweise besitzt, hat es keinen Mangel. Wenn es keinen Mangel hat, wie könnte es mit dem Menschen verglichen werden, der nicht von Natur aus, sondern aufgrund freien Willens verunstaltet ist? Was aufgrund natürlicher Eigenart gebildet wurde, hat als mangellos zu gelten.

18,7 Du fragst: „Warum also vergleicht der Herr selbst manchmal die Menschen mit Tieren, wie die Kanaanäer mit Hunden, oder Herodes mit einem Fuchs, oder die Apostel mit Schafen oder die Bösen und Pseudopropheten mit Wölfen?“ Dies alles bezieht sich nicht so sehr auf deren Körperhaltung, als vielmehr auf die Ähnlichkeit im Charakter, der auch in diesen Tieren nicht ohne irgendeine Bestimmung des natürlichen Triebes geleitet wird. Aber treffend nennst du Herodes einen Fuchs, die Kanaanäer Hunde oder die anderen mit den entsprechenden Namen, wie sie vom Herrn gerufen wurden. Wo liest du, dass die Heiden Kamele genannt werden, so dass auch du sie so nennen dürftest? Wenn das also nirgends geschrieben steht, wie kannst du es wagen, aufgrund eigener Anmassung zu behaupten, was durch die Autorität keiner Schriftstelle bezeugt wird? Oder durch welche Lesung der Schrift belehrt, hast du gelernt, dass unter dem Nadelöhr der enge Weg verstanden werden müsse? Doch wenn es wirklich so zu verstehen ist, wie tritt das Kamel, das heisst das mit allen sündhaften Vergehen verunstaltete Volk, durch diesen Weg ein, der durch die Autorität des Herrenwortes als der Weg der wenigen Gerechten bestimmt wurde? Entweder wäre das Volk der Heiden durch die Verworfenheit der Laster ein Kamel und, solange es dies wäre, könnte es nicht auf dem engen Weg hineingehen oder, wenn von jeglichem Fehler der Untreue und Verworfenheit befreit, verdiente es, den Pfad des rechten Weges zu beschreiten und könnte nicht mehr Kamel genannt werden.

18,8 Nach Darstellung der Argumente, die gemäss dem Verständnis gewisser Leute dazu bewogen, das Heidenvolk mit dem Namen des vorher genannten Tieres zu benennen, geht hervor, dass das an dieser Stelle genannte Kamel weder gemäss historischer Realität noch gemäss der Trügerei der Allegorie durchs Nadelöhr eintreten kann.

18,9 Was ist sodenn davon zu halten, wenn man glaubt, dass, wo doch das Himmelreich und der enge Weg einander verwandt und verbunden sind, der Retter sie voneinander getrennt hat? Denn wenn das Nadelöhr der enge Weg ist, wird doch nicht etwa ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr gehen als ein Reicher ins Himmelreich.Wenn er sagt, leichter geschehe dieses als jenes, bezeichnet er eine unendliche Differenz, und wenn ein so grosser Unterschied besteht, kann dies nicht vom engen Weg verstanden werden, der dem Himmelreich verbunden, nicht von ihm getrennt ist.

18,10 Es ist zu untersuchen, welcher Beweggrund dazu verleitet, dass die, welche normalerweise fast alles aus dem Alten Testament mit Hilfe einer allegorischen oder mystischen Deutung behandeln und die Vorschriften wie die Handlungen des Neuen Testaments eher in der Einfachheit historischen Verständnisses begreifen, weil ja die Geschehnisse des Alten Testaments die Wahrheit des Neuen Testaments vorgebildet hatten, einzig in der Frage des Reichtums diese Gewohnheit vergessen oder ändern und in verkehrter Ordnung das im Gesetz Geschehene wörtlich und ohne Geheimnis einer bildhaften Deutung zur Verteidigung der Reichen missbrauchen, dagegen sich bemühen, die evangelischen Vorschriften aller historischen Einfachheit und Wahrheit entkleidet mit einer allegorischen Verbrämung zu verschleiern, so als ob nur in dieser Frage das Neue Testament das Bild des Alten Testamentes wäre, obwohl man doch weiss, dass in allem das Alte Testament das Bild des Neuen Testamentes ist. Denn den Reichtum Abrahams, Davids, Salomons und der übrigen wollen sie wörtlich verstehen; wo aber im Evangelium etwas über die Verachtung des Reichtums gelesen wird, strengen sie sich mit typologischer Methode an zu verderben, obwohl, wie wir gesagt haben, es vielmehr ansteht, die Vorschriften des Gesetzes als die der Gnade zu allegorisieren, es sei denn, sie versuchen, auf diese Weise nicht so sehr die Macht der Schriften zu stützen, als vielmehr ihre eigene Lebensweise und sie versuchen durch falsche Auslegung des Gesetzes, mit aller Anstrengung ihrer Spitzfindigkeit zu verteidigen, was sie lieben und ihr Leben nicht so sehr nach den evangelischen Vorschriften zu führen, als den Sinn der evangelischen Vorschriften der Gewohnheit ihres Handelns anzupassen. Sie begehren nämlich nicht so sehr, ihr Leben dem Gesetz, als das Gesetz ihren Gewohnheiten zu unterwerfen. Sie wollen nämlich, dass das Gesetz so sei, wie sie leben, sie wollen nicht so leben, wie es Gesetz ist. Doch von einem solchen Schriftverständnis ist anzunehmen, dass es seinen Urhebern nicht nur nichts bringt, sondern ihnen schadet, weil sie durch dieses Schriftverständnis nicht nur gelehrt werden, Übertreter der himmlischen Gebote, sondern sogar deren Verfälscher zu sein.

19,1 Ich weiss, du sagst: „Zuerst müssen die verschiedenen Vorschriften erfüllt werden, und die Seele muss von jeglichem Schmutz an Ungerechtigkeiten und Schandtaten gereinigt werden, und dann erst muss der Besitz an Reichtum veräussert werden.“ Oh, welches sowohl für den Reichtum wie die Sünde gleichermassen erfundene Argument! Denn wenn gesagt wird, dass jeder erst dann seinen Reichtum aufgeben muss, wenn er alle Gebotsvorschriften befolgt hat, und da es äusserst schwierig ist, dass ein Reicher die gesamten Gesetzesbefehle erfüllt, so wird es so sein, dass er – abgehalten durch die Zwänge und Sorgen des Reichtums – auch die Fülle der Gebote nicht erfüllt, und während er das äusserst schwierig zu Erfüllende abwartet, verachtet er auch den Reichtum nie. Anders lehrte Christus seine Schüler; du wirst darauf stossen, dass er zuerst nichts anderes gelehrt hat, als dass alle Hindernisse der Welt aus dem Weg zu räumen sind, damit die evangelischen Gebote leichter erfüllt werden können. Dies wird besonders an jener Stelle deutlich, an der das Gleichnis des Sämanns des himmlischen Wortes eingeführt wird, worin der Reichtum mit Dornen verglichen wird, die in den Äckern unseres Herzens mit ihren Sorgen und Lüsten dermassen den Samen des Wortes ersticken und ihn fruchtlos machen, wie die Dornen auf dem Ackerfeld die Samen aller Arten unfruchtbar machen oder sie gar nicht erst wachsen lassen. Wenn also unser Herz mit der Erde gleichgesetzt, das Wort jedoch mit den Samen gleichgestellt, der Reichtum aber mit Dornen und Dornbüschen verglichen wird, wer ist für den Bebauer dieses Ackers zu halten? Die Seele, wenn ich mich nicht irre. Was also muss der Bauer auf einem dornenübersäten Acker als erstes tun? Muss zuerst gesät werden und müssen die Dornen erst nachdem der Same Frucht getragen hat ausgerissen werden oder muss der Acker vorher von allem den Samen Entgegenwirkendem zu reinigen und müssen die Samenkörner danach für die guten Früchte gesät werden? Auch wir müssen gemäss diesem Vergleichsbeispiel zuallererst die Dornen des Reichtums ausreissen, damit sie dem guten Samen nicht entgegenwirken können.

19,2 Du sagst vielleicht: „Warum aber soll ich nicht mitsamt dem Reichtum alle Gebote Christi befolgen können?“ Wenn du es kannst, ist anzunehmen, dass der Reichtum dir nicht schadet. Daher musst du zuerst die einzelnen Arten dieser Gebote kennenlernen, und du musst mittels vorsichtiger Untersuchung genau erforschen, ob die Reichen sie auch entsprechend erfüllen können. Uns wird nämlich befohlen, nicht zu lügen, nicht zu fluchen, keinen Meineid zu schwören, sondern nicht einmal rechtens zu schwören, keinem Schlechtes mit Schlechtem zu vergelten, die Feinde zu lieben, für unsere Verfolger und Verleumnder ständig zu beten; es ist uns nicht erlaubt, Gestohlenes zurückzuverlangen, vor weltliche Gerichte zu treten, an den uns Unrecht Tuenden Vergeltung zu üben. Es ist uns auch verboten, mit Ehebrechern, Trinkern, Fluchenden oder Räubern zusammen zu essen. Es ist uns nicht einmal erlaubt, aus unserem Munde auch nur ein müssiges Wort zu sprechen. Was bedarf es da noch etwas über die grösseren Übel zu sagen, da es keinem zweideutig sein kann, dass denen die grösseren Übel nicht erlaubt sind, denen selbst die kleineren zuzulassen verboten sind. Ich bitte dich inständig, dass du mir gemäss dem Zeugnis deines Gewissens antwortest, ob dies alles für einen möglich sei, der in den Netzen des Reichtums verstrickt ist. Jedem erwächst nämlich umso grössere Sorge, je mehr Vermögen an Reichtum er besitzt. Wir kennen viele, die wegen Gott arm und frei von jeglichem Landbesitz sowie durch keine Sachzwänge weltlichen Besitzes gefesselt und so frei von Grundbesitz sind wie Auswärtige und nichtsdestotrotz können sie die Fülle der Gebote kaum erfüllen. Wenn jene es kaum können, was werden die tun, die mit den grossen Sorgen des Reichtums und den unermesslichen Belastungen weltlichen Besitzes besetzt sind? Und damit keiner meine, dass nur einige von den Geboten, an die wir vorher erinnert haben, ausreichen, ohne alle zu befolgen, wird an einer anderen Stelle gesagt: „Wer das ganze Gesetz befolgt hat, aber auch nur in einem Punkt fehlt, ist in allen Punkten schuldig.“ Und damit du nicht glaubst, dass dies nur von den Vorschriften des Alten Testamentes zu verstehen ist, wisse, dass dies Christen gesagt wurde, die bereits die Gebote des Neuen Testamentes erfüllen mussten, da ja die nicht ins Himmelreich eintreten werden, die nicht als Verehrer des früheren Gesetzes zuvor zur Grossartigkeit der grösseren Gerechtigkeit übergegangen sind. Dass aber das Neue Testament Gesetz genannt wird, lehrt der selige Apostel, indem er sagt: „Denen, die ohne Gesetz waren, bin ich wie ein Gesetzloser geworden, obwohl ich nicht ohne das Gesetz Gottes bin, sondern im Gesetz Christi bin.“ Und anderswo: „Tragt einander die Lasten und so erfüllt ihr das Gesetz“.

19,3 Was also meinen wir damit? Dass der Reichtum Sünde ist? Weit gefehlt! Nicht dass der Reichtum selbst Sünde ist, sondern dass er die Möglichkeit zur Sünde eröffnet, wenn er auf schlechte Weise erworben oder auf ungebührliche Weise besessen wird oder wenn aus Sorge um den Reichtum Sorglosigkeit für die himmlischen Gebote entsteht oder vermehrt die Notwendigkeit von Verbrechen gegeben wird. Deshalb legt der hl. Geist Zeugnis ab und sagt: „Mein Sohn, beschäftige dich nicht mit vielen Dingen und, wenn du reich sein wirst, wirst du nicht frei von Schuld sein“. Also, wie wir weiter oben gesagt haben, bietet der Reichtum Gelegenheit zur Sünde und übermässiger Besitz wird zur Ursache von Vergehen. Eine kluge und religiöse Seele, die ohne Makel irgendeines Vorwurfs zu leben begehrt, muss nicht nur die Sünde, sondern selbst auch die Gelegenheit der Sünde fürchten. „Selig ist“, sagt die Schrift, „wer alles wegen dem Herrn fürchtet“. Die Gelegenheiten der Sünde sind den Gelegenheiten der Krankheit ähnlich. So wie der körperlich Kranke schwerlich die ehemalige Unversehrtheit wiedererlangen wird, wenn er nicht zuerst alle Gelegenheiten wegschafft, welche die Ursachen der Krankheiten herbeiführen, so wird auch die von Krankheit niedergedrückte und am Fieber der Ungerechtigkeiten entzündete Seele der Sünder nur schwerlich genesen, wenn sie vorher nicht sämtliche Gelegenheiten zum Verbrechen abschneidet. Und wie der nach schneller Genesung trachtende verständige Kranke von sich aus genau die Ursachen und Quellen seiner Krankheit untersucht und alles der Gesundheit Entgegengesetzte – so überaus wünschenswert und ergötzlich es für das Vergnügen auch sei – von sich stösst und beseitigt, so muss auch der kluge und weise Mann, der die Genesung eines höheren Gutes, nämlich jenes der Seele, wünscht, alle Gelegenheiten zur Sünde genau bedenken, und, wenn er sie durch vernünftiges Überlegen abgewogen hat, muss er von jeglichem Begehren seiner Seele entschieden fernhalten, und darf auch nicht mehr – mag es auch noch so süss und lieblich sein – lieben wollen, was seinem geistigen Zentrum mit Hilfe der Angenehmheit seines Geschmacks ein tödliches Virus einflösst. Ich will nämlich nicht, dass du mir nunmehr sagst: „Aber Gott hat dieses und jenes geschaffen“, da ja auch die Vielzahl der Apfelsorten sowie das eisige Quellwasser und die sehr lieblichen Weinsorten Geschöpfe Gottes sind, und sie werden den Fiebernden dennoch nicht dargereicht, weil dadurch der Grund einer noch grösseren Entkräftung auftreten kann. Aber was spreche ich von Kranken, wenn dies zu sich zu nehmen auch nicht einmal für die Gesunden zuträglich ist, ausser sie tun es mit dem Mass der Bescheidenheit, weil in jeder Hinsicht schadet, was auch immer über die Notwendigkeit der Natur hinaus in überaus gieriger und unersättlicher Begierde eingenommen wird.

19,4 Doch ich will dir zugestehen, dass du dazu fähig bist, Reichtum (jenen natürlich, der aus rechtmässiger Erbschaft deiner Eltern herrühren würde) in einer Weise zu besitzen, dass du ihn ohne mit der Schuld irgendeines Vergehens beladen besitzest und er dir so zur Grundlage für gute Werke und nicht zum Anlass für Laster dient. Sei es so, dass du von solcher Kraft und Tugend, von solcher Klarheit und Klugheit erfüllt bist, dass du der einzige oder einer der wenigen bist, der du jenen Reichtum zu deinem Vorteil wendest, der dem Heil anderer ewigen Schaden zufügt. Wieviele Menschen von solcher Umsicht und Klugheit, wie du sie zu besitzen scheinst, gibt es denn, dass sie einsehen, dass sie nicht durch Schlechtigkeit nach Reichtum streben dürfen oder den rechtmässig zufallenden Reichtum für Werke der Frömmigkeit und Barmherzigkeit brauchen wollen? Du besitzest mit gutem Recht und in rechter Weise Reichtum, weil du ihn vielleicht auch nicht ungerechterweise erworben hast und also geniesst du ihn gerechterweise. Aber die anderen schauen nicht darauf, woher du den Reichtum wohl hast oder wie du ihn hast, sondern nur, dass du hast, und weil sie sehen, dass du hast, sehen sie nicht, woher oder in welcher Weise du hast. Und da sie allein das nachzuahmen wünschen, was sie sehen, beginnen sie im Guten und Bösen danach zu streben und viele Verbrechen zu begehen, damit sie dir in der Menge an Besitz gleich oder überlegen erscheinen. Und dein Vermögen wird nicht mehr so sehr Mittel zur Tugend als Ursache von Lastern sein. „Aber mir dient der Reichtum zu guten Werken“, sagst du. Nur dir dient er zu guten Werken, den meisten aber dient er zu schlechten Werken. Und ich weiss nicht mehr, ob dir überhaupt irgendetwas Gutes durch das übertragen wird, was die Ursache des Untergangs von vielen ist. Die Gutheit jener Sache ist zu verachten, die viele tötet, während sie vormacht, einem einzigen zu nützen. Wieviel besser tust du daran, wenn du durch die Aufgabe jeglichen Besitzes ein dreifaches Gut verwirklichst: erstens das der Barmherzigkeit, dessen vollkommene Verwirklichung du dann in Anspruch nehmen kannst, wenn du deinen gesamten Besitz verteilt hast; zweitens, dass du, während du dir nichts übrig lässt, nicht nur allen die Möglichkeit zur Sünde entziehst, sondern vielmehr ein Beispiel der Tugend abgibst; drittens, dass du nach Veräusserung des gesamten Besitzes die Stufe der Vollkommenheit erklimmst. Was also sage ich? Dass du auf unsere Ratschläge hin den von deinen sehr frommen Eltern nachgelassenen Reichtum, der dir von den Grosseltern, Urgrosseltern und Ururgrosseltern ohne jegliche Sündenschuld übertragen wurde und ohne Verletzung oder Schmerz erworben wurde, hassen sollst? Weit gefehlt! Ja vielmehr fordere ich dich auf, ihn zu lieben. Alles nämlich, was ein jeder treu liebt, wünscht er nicht in irdischen, sondern in ewigen Besitz zu bekommen. Wenn du dein Eigentum liebst, tue das, womit du es in ewiger Erbschaft zu halten fähig bist. Und wenn du das wirklich anstrebst, übertrage es – solange du Zeit hast – von der Erde in den Himmel, weil, was auch immer auf dieser Welt zurückbleiben wird, mit dem Ende der Welt zu Grunde gehen muss. Was auch immer du Zeit deines Lebens dort hinübergeschafft hast, wirst du ewig besitzen, was auch immer du hier zurückgelassen hast, hast du verloren. Gedenke jenes Schriftwortes, das sagt: „Rechtfertige deine Seele vor dem Untergang, denn in der Unterwelt kann nicht um Speise gefragt werden“. Und anderswo: „Verschaffe dir Gerechtigkeit vor dem Gericht.“ Ich halte jenen Reichen für herrlich und lobenswert und allen dank seiner Weisheit vorzuziehen, der sich im Gedanken an Leben und Tod mässigt und all seinen Reichtum vor sich vorausschickt, andernfalls geht gleichzeitig mit ihm all sein Reichtum unter. Ich meine, dass von einem solchen geschrieben steht: „Der Loskauf der Seele eines Menschen ist sein Reichtum.“ „Doch auf welche Weise“, wirst du fragen, „können irdische Güter in himmlische Gefilde hinübergeschafft werden?“ Zweifelsohne auf jene Weise, von der geschrieben steht: „Geh, verkaufe alles, was du hast und gib den Armen und du wirst den Schatz im Himmel haben.“ Wir müssen uns daran erinnern, dass wir auf dieser Welt gleichsam als Gäste und Heimatlose zu leben haben, wie der selige Apostel sagt: „Als Gäste und Heimatlose enthaltet euch von fleischlichen Begierden.“ So sagt auch ein anderer Apostel: „Solange wir in diesem Körper sind, pilgern wir fern vom Herrn.“ Wenn wir also wie Fremde in dieser irdischen Wohnung sind, so müssen wir die Sitte der Fremden nachahmen. Keiner nämlich, der sich in der Fremde befindet, schafft sich Dinge an oder häuft sie zusammen, die er nicht persönlich in die Heimat bringen kann. Denn niemand, der zu Handelszwecken aus Indien, Arabien oder Aegypten kommt und die Absicht hat, für kurze Zeit in Rom oder irgendeinem anderen Ort zu bleiben, würde sich daselbst Häuser, Besitzungen noch anderen als unbewegliche Güter geltenden Besitz kaufen, er würde nur Gold, Silber, Handelsware oder irgendetwas kaufen, das er in seine eigene Heimat schaffen kann. Deshalb müssen auch wir in dieser Zeit unseres in der Fremde Seins uns nur das wünschen, nur das erstreben und nur das unter vollem Einsatz von Arbeit und Schweiss anschaffen, was gleichzeitig mit uns ins Himmelreich hinübergehen kann und dank dem wir uns am Reichtum ewiger Erbschaft zu freuen vermögen.

20,1 Aber ich darf auch die überaus spitzfindige und geistreiche Feinheit jener nicht übergehen, die sich selbst für religiös halten und die sowohl bei sich selbst wie bei den Unkundigen als Verachter der Welt gelten, weil sie entweder in demütiger Haltung einhergehen oder weil sie sich am Prunk von Besitzungen, Schmuck, Gold, Silber oder irgendeines wertvollen Metalls in keiner Weise ergötzen und nichtsdestotrotz all ihren Besitz in ihren Schatzkästen verborgen halten; und dabei wird vor den Menschen aus eitler Ruhmsucht verachtet, was von der Begierde der Seele besessen wird.

20,2 „Aber ich habe Kinder“, wirst du sagen, „für die ich all mein Hab und Gut zu erhalten begehre“. Warum gibst du also vor, aus Rücksicht auf die Religion verachtet zu haben, was du im Gedanken an die Kinder hortest? Oder warum klatschst du dir Beifall und gefällst dir, so als ob du etwas Neues tun würdest, wenn du deine Kinder als Erben all deines Besitzes einsetzest, was auch den Ungläubigen zu tun Sitte ist? Oder glaubst du vielleicht, dadurch Gott etwas darzubringen, dass du deinen Kindern schneller gibst, was du ihnen ohne Zweifel einst hinterlassen hättest? Was schliessen wir daraus? Dass du deine Kinder vollständig enterben sollst? Weit gefehlt! Aber dass du ihnen nicht mehr hinterlässt als der Natur gemäss nötig ist. Denn was ist das für eine Liebe, wenn du ihnen das zu übertragen beschliessest, was ihnen schadet. Denn auch ihnen kann schaden, was auch dir offensichtlich geschadet hat. Denn entweder hatte dir der Reichtum in keiner Weise geschadet und du gibst vergeblich vor, ihn verachtet zu haben oder wenn er geschadet hat, ist er auch jenen nicht zu übertragen. Keiner nämlich trachtet danach, dass die, die er liebt, besitzen, was er für sich selber als schädlich empfindet. Also, entweder liebst du deine Kinder nicht, wenn du ihnen Verderbliches übertragen willst oder wenn du sie liebst, ist es klar, dass du gewissermassen nicht für verderblich hältst, was du ihnen, die du liebst, zu geben wünschst, sondern wie wir vorher gesagt haben, dass du um des menschlichen Ruhmes willen das als wertlos zu verachten vorgibst, was du im Innersten deiner Seele als höchstes Gut liebst. Denn weder wird uns die glorreiche Brut zahlreicher Nachkommenschaft, noch der über sämtliche Teile der Welt des langen und breiten verteilte, an überaus fruchtbarem Boden reiche und in der Tat weitläufige Besitz noch der überaus prächtige und erhabene Bau mehrerer Häuser, noch die vielfältige und prahlerische Ausgesuchtheit wertvoller Kleidung, noch die ehrgeizige Verherrlichung mittels Ämtern und Ehrenstellungen etwas nützen, wenn uns die letzte Stunde erreicht hat, wenn allen das unsichere Lebensende naht, bei dessen Eintreffen keiner etwas anderes als die Frucht seiner guten und schlechten Taten empfangen wird. Nichts nämlich nützen Gold, Silber und der aus wertvollen Steinen gefertigte funkelnde Schmuck, wenn jener einst von Gott vorherbestimmte Tag rötlich zu schimmern begonnen hat, wenn selbst die Elemente unter Feuer zu bersten angefangen haben. Davon zeugt der Prophet, wenn er sagt: „Gross ist der Tag Gottes, gross und überaus herrlich und wer wird ihm genügen?“ Und der selige Apostel Petrus sagt: „Der Tag des Herrn aber kommt wie ein Dieb, an dem die Himmel mit einen grossen Schlag vergehen, und die Elemente durch die Hitze dahinschmelzen werden. Weil all dies aufzulösen ist, so ziemt es sich euch in rechtschaffenen Taten und Gebeten die Ankunft Gottes zu erwarten und herbeizusehnen, durch den die brennenden Himmel aufgelöst werden und die Elemente durch die Hitze des Feuers verglühen werden.“ So auch der selige Apostel Paulus: „Eine gewisse schreckliche Erwartung vor dem Gericht und vor der Feindschaft des Feuers, die die Gegner verschlingen wird“, vor dessen Macht nicht der Reiche, sondern der Gerechte entkommen wird, wie die Schrift bezeugt: „Ihr Gold und Silber wird sie am Tag des Herrn nicht befreien können.“ Und an einer anderen Stelle: „Die Schätze werden den Ungerechten nicht nützen, die Gerechtigkeit aber befreit vom Tod.“

20,3 Lasst uns rennen, solange Zeit ist, und lasst uns nach Ablegung jeglicher Rechtfertigung von Begierde so schnell wir können uns beeilen, damit uns jener Tag nicht leer und unfruchtbar vorfinde. Wenn wir tatsächlich daran glauben, dass wir mit himmlischem Reichtum zu entschädigen sind und durch die Erhabenheit ewigen Besitzes reich werden, soll uns die Erde im Vergleich zum Himmel widerwärtig sein, und jeder zeitliche und weltliche Besitz soll uns im Vergleich zu jener ewigen Seligkeit gleich einem unbrauchbaren Auswurf an Kot sein. Keiner, der Grosses anstrebt, bewundere das Geringe. Mit Leichtigkeit können wir verachten, was wir sind, wenn wir mit Sicherheit glauben, was wir in Zukunft sein werden. Was nützt es uns, jene Dinge mit grossem Ehrgeiz anzustreben, die auch die schlechten Menschen erhalten können? Wie viele verbrecherische, ungläubige, geile und mit Verbrechen niederträchtiger Missetaten beschmutzte Reiche gibt es! Wenn wir feststellen würden, dass allein Gerechte, Weise, Schamvolle, Unschuldige und Fromme Reichtum haben, müsste jener Reichtum, der nur den Guten zufällt, zu Recht von jedem Weisen mit inbrünstiger Gier begehrt werden. Aber wenn doch feststeht, dass vor allem die Schlechten den Reichtum ausgewählt haben, weiss ich nicht, aus welchem Grund irgendein Weiser besitzen möchte, was er im Besitz von Dummen und Verbrechern sieht.

20,4 „Aber diese Dinge gibt es bei den Armen“, wirst du sagen. Aber niemand begehrt Armut, und leichter kann sich ein Armer von jenen Dingen losmachen als ein Reicher, dem die Armut nicht nur nicht als Zunder zum Verbrechen dient, sondern ihm vielmehr die Möglichkeit für gewöhnlich verweigert, wie die Schrift sagt: „Es gibt Leute, die aus Bedürftigkeit zu stehlen verhindert werden.“ Sieh also zu, was eher zu wählen ist: was verbietet, Verbrechen zu begehen, oder was manchmal zu sündigen nötigt? Denn dass ein Reicher kaum von Verbrechen frei sein kann, ist bereits durch die oben erwähnte Autorität des göttlichen Urteils gezeigt worden. Lasst uns vielmehr jenen Reichtum erwerben, dank dessen Unterstützung wir es verdienen, Partner Christi und seiner Engel zu sein.

20,5 Lasst uns allerdings wohlhabend und reich sein, aber an guten Taten, an rechtschaffenem und gottesfürchtigem Lebenswandel! Erfüllen wir die Schatztruhe unseres Körpers mit dem Gold der Rechtschaffenheit und dem Silber der Gerechtigkeit! Wertvoller als aller Schmuck soll uns die Ehrlichkeit sein! Innerlich, nicht äusserlich wollen wir uns formen, das heisst wir wollen nicht nach dem Schmuck des Körpers, sondern des Geistes streben! Schmücken wir unsere Seele, damit sie auch Gott schön erscheint. Bemalen wir sie mit allen Arten der Gerechtigkeit! Sie wird denn auch genügend geschmückt und schön sein, wenn in ihr der erhabene Ernst der Sitten, die Reinheit des Gewissens, das feste Vertrauen des Glaubens, die Enthaltsamkeit der Mässigung, die Sanftmut der Geduld, die Unversehrtheit der Scham, die Frömmigkeit der Barmherzigkeit, die Demut des Herzens, die Fürsorge der Liebe und die Bewahrerin und Mutter all dieser Arten von Gerechtigkeit, die reine und unversehrte Unschuld ist. Keine Seele ist nämlich für Gott so wunderbar und schön als die, deren Unschuld kräftiger leuchtet als eine Perle. Lasst uns mit grösstmöglichem Scharfsinn nach dem Besitz und dem Schmuck dieses Reichtums suchen, wissend, dass die des Himmelreichs unwürdig sein werden, die nicht ein Festzug dieses ganzen Reichtums begleitet hat.

Übersetzt aus dem Lateinischen von Andreas Kessler.

Quelle: Andreas Kessler, Reichtumskritik und Pelagianismus. Die pelagianische Diatribe de divitiis: Situierung, Lesetext, Übersetzung, Kommentar, Paradosis 43, Freiburg (Schweiz): Universitätsverlag, 1999, S. 243-331.

Hier der Text als pdf.

Und hier der lateinische Text De Divitiis als pdf.

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