Protest! Ernst Käsemanns Replik zu einem Aufsatz von Jürgen Seim „Zur christlichen Identität im christlich-jüdischen Gespräch“ (1992): „Sollte ein evangelischer Pfarrer nicht laut und unverzagt das Kommen des Gottesreiches in der Fleischwerdung des Gottessohnes, die irdische Erlösung, in Wundern und Zeichen vorweggenommen, zu Ostern und Pfingsten bezeugt, den Anbruch der Freiheit der Kinder Gottes bis hin in Leiblichkeit und als Ärgernis der Welt sichtbar, verkünden? Würde anders das Evangelium in seinem Munde nicht religiöse Utopie und Ideologie werden müssen?“

Protest!

Von Ernst Käsemann

Als Mitbegründer der Gesellschaft für Evangelische Theologie 1940 in Berlin habe ich von Anfang an in der Zeitschrift „Evangelische Theolo­gie“ mitgearbeitet, zunächst sogar ihren Bericht über „Verkündigung und Forschung“ allein herausgegeben. Es schmerzt mich um so mehr, wenn das Organ der radikal bekennenden Kirche ihren ursprünglichen Charakter in einzelnen Beiträgen zu verlieren droht, wie das meiner Mei­nung nach konkret in dem Aufsatz von Jürgen Seim „Zur christlichen Identität im christlich-jüdischen Gespräch“ (EvTh 51, 1991, 458-467) der Fall ist. Herr Seim hätte waghalsige Experimente exegetisch-histori­scher Art, die der Propaganda dienen, besser dem unter uns missionie­renden Juden Lapide überlassen sollen, der etwa „Feindesliebe“ in der Bergpredigt psychologisch in „Entfeindung“ umdeutet oder zu Karfrei­tag im Allgemeinen Deutschen Sonntagsblatt christlichen Lesern einen heute fast unbekannten liberalen Ladenhüter anbietet: Erst Paulus habe die vorwiegend ethische Jesusbotschaft dogmatisch „manipuliert“ und damit die christliche Theologie begründet. Grotesk, theologisch präziser und subjektiv unmißverständlicher behauptet Seim hemmungslos und für mein Empfinden kaltschnäuzig, die Christen hätten ihre Sicht über Gott, den Messias, das Gesetz, die Rechtfertigung dem Judentum „ent­eignet“, also gestohlen. Die jüdische Ablehnung der Messianität Jesu bis zum heutigen Tage wird nicht etwa auf den Skandal des Kreuzes zurück­geführt, sondern darauf, daß Jesus die Erwartung seines Volkes auf die Verwirklichung eines irdischen Gottesreiches enttäuschte. Juden und Christen befinden sich in gleicher Situation, sofern auch wir die Anfrage „betreffend die Unerlöstheit der Welt nicht beantworten können“. Die Juden können Jesus noch nicht als Messias benennen. Unser Glaube wird umgekehrt hier mit dem Warten der irdisch noch Unerlösten auf die kommende Vollendung identifiziert. Sollte ein evangelischer Pfarrer nicht laut und unverzagt das Kommen des Gottesreiches in der Fleisch­werdung des Gottessohnes, die irdische Erlösung, in Wundern und Zei­chen vorweggenommen, zu Ostern und Pfingsten bezeugt, den Anbruch der Freiheit der Kinder Gottes bis hin in Leiblichkeit und als Ärgernis der Welt sichtbar, verkünden? Würde anders das Evangelium in seinem Munde nicht religiöse Utopie und Ideologie werden müssen? Ist die „Ver­gottung Jesu“ wirklich aus dem heidnischen Umfeld des Hellenismus übernommen und so die „eigentliche Gotteslehre“ von der Christologie „aufgesaugt“ worden? Was bleibt dann noch übrig als ein apokalypti­scher Prophet unter anderweitigen, von seiner Sekte „Kyrios“ genannt? Um wenigstens an Paulus zu erinnern und die reformatorische Gesetzes- und Rechtfertigungslehre zu verteidigen, sei noch gefragt, ob für Seim, anders als in Röm 7,7ff, der Sündenfall keine Bedeutung beim Problem der Gesetzesproblematik hat und ob, anders als in Röm 3,23, die Gotteben­bildlichkeit des Menschen bis heute unbestritten sei. Verantwortungs­ethik deshalb dominieren müsse. Seims Verständnis des „solus Christus“ im ersten Artikel der ihm selbst räumlich naheliegenden Barmer Erklä­rung sei nicht mehr ins Spiel gebracht Man darf seinen Gegner nicht überfordern, selbst wenn er überheblich dazu herausfordert.

In summa: Warum hat der Aufsatz, gerade auch in der „Evangelischen Theologie“, nicht den angemesseneren Titel: „Zu einer christlichen Va­riante jüdischer Identität“? Dann ließe sich eine Diskussion über die paulinische Theologie, den reformatorischen Glauben und auch die Barmer Erklärung doch sachlicher und rücksichtsvoller führen, weil keiner, der die Bibel liest und respektiert, ihre Abhängigkeit vom Alten Testament und jüdischer Tradition ernsthaft bestreiten kann, dagegen es zur theolo­gischen Unterscheidung der Geister gehört, ob man solche Abhängigkeit zum entscheidenden Kriterium der Auslegung machen muß oder nicht. Dabei würde sich auch zeigen, ob die von Seim gewünschte rabbinische Kontrolle der Bibelauslegung einem immerhin noch unbeschnittenen Hei­denchristen, wenn nicht Akzeptanz, so doch jüdische Toleranz gewähren würde.

Evangelische Theologie, 52. Jg., Heft 2 (1992), S. 177-178.

Hier der Text als pdf.

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