Gerhard Friedrich, Zion in der Bibel: „Christus ist der Eckstein in Zion. Wer auf ihn gegründet ist, wird im Gericht nicht zu­schanden. War Sinai der unnahbare Berg der Furcht und des Zitterns, so ist der Berg Zions der Ort der Gnade und der fest­lichen Freude.“

Zion in der Bibel

Von Gerhard Friedrich

Die Bedeutung des Namens ist umstritten. Zion kann die Burg, vielleicht aber auch der kahle Hügel heißen. Mit dieser Unklarheit hängt es zu­sammen, daß man nicht weiß, ob ursprünglich die Burg Zion geheißen hat und der Name der Festung dann auf den Berg übertragen ist, oder ob umgekehrt der Berg zuerst mit diesem Namen genannt wurde und die geographische Bezeichnung später auf die Ortschaft übergegangen ist. Auch über die Lage des Zion, welche Erhebung in dem Hügelgelände so hieß, gehen die Meinungen auseinander. Wahr­scheinlich handelt es sich um den Berg im Südosten der Stadt. In biblischer Zeit bezeichnet der Ausdruck Verschiedenes.

1. Der Zion gehörte ursprünglich nicht zu dem von den israelitischen Stämmen in Besitz genomme­nen Gebiet, sondern er war lange Zeit in den Händen der Jebusiter. In den Büchern von 1. Mose bis 1. Sam. findet sich der Name nicht, erst 2. Sam. 5,7 wird die Burg Zion erwähnt, die als unein­nehmbar gilt, so daß die Jebusiter prahlen, Lahme und Blinde können einen Angreifer vertreiben (2. Sam. 5,6). David erobert diese Burgfeste (2. Sam. 5,7; 1. Chr. 11,5), baut sie aus und macht sie zu seiner Residenz. Die Burg Zion erhält offiziell den Namen „Stadt Davids“ (2. Sam. 5,9; 1. Kön. 8,1; 1. Chr. 11,7; 2. Chr. 5,2). Da sie weder Juda noch Israel angegliedert wird, gehört sie direkt zum Könighause. Sie verstärkt die Macht und die Unabhängigkeit des Königs.

2. Während man unter Zion zunächst den süd­östlichen Hügel verstand, auf dem die Burg lag, wurde dieser Name dann auch auf den nördlich ge­legenen, die Burg überragenden Hügel, ausgedehnt, auf dem sich wahrscheinlich schon in vorisraelitischer Zeit eine heidnische Kultstätte befunden hatte. Als der Zion zur Davidsburg wurde, holte David die Lade in seine neue Hauptstadt und stellte sie in diesem alten Heiligtum auf (2. Sam. 6), und Salomo baut dort seine Residenz und den Tempel. So wird der Tempelberg in ganz besonderer Weise der Berg Zion. Er ist der Wohnsitz Gottes (Jes. 8,18; 18,7; Ps. 9,12; 74,2; 76,3), der heilige Berg (Ps. 2,6; Joel 4,17), der Berg Jahwes (Jes. 2,3), den er sich selbst als Wohnstatt und Ruhe­stätte erwählt hat (Ps. 132,13 f). Auf ihm werden die Opfer dargebracht (1. Makk. 5,54). Von Zion aus spricht Gott mit der Sprache des Gerichtes (Am. 1,2); von Zion kommt er aber auch dem Volke Israel zu Hilfe (Ps. 14,7; 20,3; 53,7).

3. Jerusalem und Zion sind ursprünglich zwei verschiedene Größen gewesen. Das geht aus Stellen wie 2. Kön. 14,20 hervor, wo es von Amasja zuerst heißt, daß er in Jerusalem begraben wurde. Dann wird diese Aussage noch näher lokalisiert: bei seinen Vätern in der Davidsburg. Auch Jes. 10,12 wird zwischen Zion und Jerusalem unterschieden (vgl. Sach. 8,3). In 1. Makk. ist Zion eindeutig die Be­zeichnung des Berges, auf dem sich das Heiligtum befindet (1. Makk. 4,37 f; 7,33). Etwas anderes da­gegen ist die Davidsstadt (1. Makk. 1,33[35]; 7,32; 14,36), in der die Syrer hausen, und Jeru­salem (1. Makk. 1,35[37]; 12,36; 14,36). Im Ge­gensatz dazu gibt es dann eine ganze Reihe von Stellen, in denen Burg, Tempel und Stadt mit dem gemeinsamen Namen Zion zusammengefaßt werden. Zion ist eine Stadt der Gerechtigkeit, eine treue Stadt (Jes. 1,26 f), eine Stadt Gottes (Ps. 87,2 f), die Stadt des großen Königs (Ps. 48,3). In Jes. 30,19 wird vom Volk in Zion, das in Jerusalem wohnt, gesprochen, Ps. 87,5 von den Menschen, die dort geboren werden, Jes. 3,16, von den hoffärtigen Töchtern Zions, Am. 6,1 von den Stolzen in Zion. Mit den Bergen Zion (Ps. 133,3; vgl. 87,1) ist das Hügelgelände von Jerusalem gemeint. Daß Zion und Jerusalem gleichgesetzt wer­den, kann man besonders deutlich an den poetischen Stücken des AT sehen. Im parallelismus memborum der hebräischen Poesie tritt oft Jerusalem für Zion und Zion für Jerusalem ein: „der Rest von Jerusalem und die Entronnenen vom Berge Zion“ (2. Kön. 19,31); „den Namen des Herrn in Zion preisen, sein Lob in Jerusalem verkündigen“ (Ps. 102,22); „preise, Jerusalem, den Herrn, lob­singe, Zion, deinem Gott“ (Ps. 147,12); „das Gesetz geht von Zion, das Wort des Herrn von Jerusalem aus“ (Jes. 2,3); „der Schmutz der Tochter Zion und die Blutschuld Jerusalems“ (Jes. 4,4); „der Berg der Tochter Zion und der Hügel Jerusalems“ (Jes. 10,32); „Feuer in Zion und Ofen in Jerusalem“ (Jes. 31,4). „Zion habe ichs verkündigt, Jerusalem einen Freudenboten gegeben“ (Jes. 41,27). „Ziehe deine Stärke an, Zion, kleide dich herrlich, Jerusalem“ (Jes. 52,1). „Zion ist zur Wüste, Jerusalem zur Einöde geworden“ (Jes. 64,10). „Zion wird zum Feld umgepflügt, Je­rusalem zum Trümmerhaufen“ (Jer. 26,18). Jahwe wird brüllen von Zion und aus Jerusalem seine Stimme erschallen (Am. 1,2; Joel 4,16). Be­sonders häufig werden die Ausdrücke „Tochter Zion“ und „Tochter Jerusalem“ synonym gebraucht (Sach. 4,4; Zeph. 3,14; 2. Kön. 19,21; vgl. Klgl. Jer. 2,10.13; Jes. 37,22). Wie die letzten Stellen zeigen, wird nicht nur von Zion oder vom Berge Zion ge­sprochen, sondern auch von der Tochter Zion (Ps. 9,15; Jes. 1,8; Jer. 4,31; 6,2.23; Mi. 4,8; Mt. 21,5; Joh. 12,15), der Jungfrau Tochter Zion (Jes. 37,22; Klgl. Jer. 2,13), ferner von den Töchtern Zions (Jes. 3,16), den Söhnen Zions (Ps. 149,2; Joel 2,23), den Einwohnern Zions (Jes. 12,6), den Gefangenen Zions (Jes. 1,27; 52,2; Ps. 126,1), der Freudenbotin Zions (Jes. 40,9).

4. Da Jerusalem die Hauptstadt des ganzen Landes und der Tempel das Heiligtum für das ganze Volk ist, wird Zion auch zur Bezeichnung für das ganze Volk. Die Synonymität von Zion und Juda tritt wieder im Parallelismus der Glieder deutlich hervor. „Hast du Juda ganz verworfen? Ist deine Seele Zions überdrüssig geworden?“ (Jer. 14,19). „Es freut sich der Berg Zion, und die Töchter Judas frohlocken“ (Ps. 48,12; vgl. 97,8). „Gott wird Zion helfen und die Städte Judas aufbauen“ (Ps. 69,36). „Er er­wählte den Stamm Juda, den Berg Zion“ (Ps. 78,68). Genau so kann von Israel und Zion gesprochen werden: „Israel freue sich … Die Söhne Zions seien fröhlich“ (Ps. 149,2). „Jauchze, Tochter Zion; juble, Israel“ (Zeph. 3,14). Besonders anschaulich wird die Auswechselbarkeit der Namen Zion, Juda, Israel in Klgl. Jer. 2,1 ff. Der Dichter kann von der Tochter Zion, Israel, Jakob, der Tochter Juda sprechen und meint damit immer dasselbe. Röm. 9,33 zitiert Paulus Jes. 28,16: „Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes“ und bezieht das Wort auf ganz Israel (Röm. 9,31). Das Wort Jes. 59,20: „Es wird kommen der Erlöser für Zion“ legt Paulus Röm. 11,26 so aus: „Ganz Israel wird ge­rettet werden.“

5. Zion bat nicht nur in der historischen Zeit eine politische und kultische Bedeutung gehabt, sondern spielt auch in der eschatologischen Erwartung der Propheten eine hervorragende Rolle. In der End­zeit wird er alle Berge überragen (Jes. 2,2 ff), daß er überall sichtbar ist. Darum werden die Völker aus aller Welt zu ihm strömen, um das Gesetz und das Wort zu hören (V 3). Das schöpferische Gottes­wort wird sie umgestalten, daß sie die Zwistigkeiten begraben und ihre Schwerter umschmieden (V 4). Noch farbenreicher ist das Bild, das Jes. 60,14 vom „Zion des Heiligen in Israel“ entworfen wird. Die Völker und Könige machen sich aus den Weg dort­hin (V 3). Sie bringen den ganzen Reichtum des Meeres und die Schätze der Völker zusammen (V 5). Von Osten kommen die Nomaden auf ihren Kamelen (V 6) und von Westen die Seefahrer auf ihren Schiffen (V 9), um Gott zu huldigen. Darum führen sie mit sich Weihrauch (V 6), unermeßliche Schafherden zum Opfer (V7), Silber und Gold (V9), wertvolles Holz zum Bau des Tem­pels (V 13). Die Stadt ersteht neu (V 10). Die neue Gottesordnung wird Wirklichkeit: „Ich will den Frieden zu deiner Obrigkeit und die Gerech­tigkeit zu deiner Regierung machen. Man wird in deinem Lande nicht mehr hören von Gewalttat, in deinem Gebiet von Bedrückung und Zerstörung. Deine Mauern wirst du Hell nennen und deine Tore Ruhm“ (V 17-18).

Ganz anders ist die Bedeutung des Berges Zion in der Zukunftsschau Joels. An den furchtbaren und schrecklichen Tagen Jahwes, wenn die ganze Natur aus den Fugen geht, die Sonne sich ver­dunkelt und der Mond in Blut sich verwandelt, wenn das Gericht Gottes über die Erde geht, dann werden die Frommen nicht untergehen; denn auf dem Berge Zion wird es für sie Errettung geben (Joel 3,5). Von Zion wird Jahwe seine Stimme erschallen lassen, daß Himmel und Erde er­beben. Aber in dieser Notzeit wird Gott sein Volk nicht vernichten, sondern ihm eine Zuflucht sein (4,16). Gott selbst ist in der Gemeinde anwesend (4,17; 4,21).

Eschatologisch ist auch 1. Petr. 2,6; Hebr. 12,22 und Offb. 14,1 von Zion gesprochen. 1. Petr. 2,6 wird das Wort vom Eckstein in Zion aus Jes. 28,16 zitiert, aber hier bedeutet Zion nicht das Volk Israel wie Röm. 9,33, sondern das Israel Gottes, das neue Jerusalem. Christus ist der Eckstein in Zion. Wer auf ihn gegründet ist, wird im Gericht nicht zu­schanden. Hebr. 12,18-24 stehen sich die beiden Berge Sinai und Zion gegenüber. War Sinai der unnahbare Berg der Furcht und des Zitterns, so ist der Berg Zions der Ort der Gnade und der fest­lichen Freude. Zu ihm gehören die festlichen Scharen der lobenden und anbetenden Engel, die Ge­meinde der Erstgeborenen, worunter wohl die Christen zu verstehen sind, die, obwohl sie noch auf Erden leben, doch schon im Himmel ausgeschrieben sind, der Weltenrichter, der allem Bösen ein Ende bereitet, die verstorbenen Frommen und vor allem Jesus, der Mittler des Neuen Bundes. Auch Offb. 14,1 handelt es sich bei Zion um das himm­lische Jerusalem. Auf dem Berge Zion fleht das Lamm und die 144 000, die zu ihm gehören. Während auf Erden die Christen bekämpft und ver­folgt werden, sammelt Christus die Seinen auf dem Berge Zion um sich (vgl. Joel 3,5), wo sie mit den Engeln das neue Lied des Dankes und der Anbetung zum Preise Christi und der von ihm vollbrachten Errettung singen.

Quelle: Biblisch-theologisches Handwörterbuch zur Lutherbibel und zu neueren Übersetzungen, hrsg. v. Edo Osterloh und Hans Engelland, 2. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1959, S. 723-725.

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