Karl Barth, Vom Gebet (Kirchliche Dogmatik III/3, 1950): „So besteht das Intimste des christlichen Gebetes, das dann gewiß auch das Intimste des ganzen christlichen Verhaltens ist, eben darin, daß der Christ bitten darf und tatsächlich bittet.“

Vom Gebet

Von Karl Barth

Und nun noch die Relation des Gehorsams zum Gebet. Daß gerade der christliche Gehorsam das Gebet in sich hat, bedeutet zunächst dies, [300] daß ja eben das Gebet die intimste und kräftigste Form der christlichen Tat ist. Alle Arbeit kommt erst lange nachher und ist christliche Arbeit, aktive christliche Gerechtigkeit, Tun des Willens Gottes, Ausübung der dem Christen zugewiesenen Funktion in der Nachfolge Jesu, im Dienst und in der Ausführung der göttlichen Reichsgedanken nur in dem Maß, als das Alles aus dem Gebet kommt, im Gebet seine eigentliche, seine Urform hat. Was kann denn der Christ, wenn er im Gehorsam handeln will, anderes tun, als das, was er tut, wenn er betet: Gott Lob und Dank sagen, sich selbst in seiner Schwachheit und Sünde vor Gott ausbreiten, sich mit Allem, was ihn bewegt, nach ihm ausstrecken und ihm anbefehlen, der allein seine Hilfe ist, um ihm dann erst recht wieder Lob und Dank zu sagen? Das ist der christliche Gehorsam in nuce. Darin geschieht das Eine Notwendige, was vom Christen verlangt ist, der einzige Dienst, zu dem er gefordert ist. Denn alles Übrige ist in diesem Einen beschlossen. Daß das Gebet eine Erholung und innere Kräftigung des Christen sei, ein «Atemholen der Seele» und dergleichen, ist in bestimmten Grenzen schon wahr. Es darf aber nicht vergessen werden: eben das Gebet ist auch das eigentliche Werk des Christen. Und die größte christliche Geschäftigkeit wäre doch nur Müßiggang, wenn etwa dieses eigentlichste christliche Werk nicht geschehen sollte, wogegen, wenn nicht Alles täuscht, gerade die tätigsten Arbeiter, Denker und Kämpfer im Dienste Gottes in der Welt zugleich – und offenbar zuerst die tätigsten Beter gewesen sind und dieses Tun offenbar nicht als Zeitverlust angesehen haben. Darüber hinaus ist dann allerdings weiter zu sagen, daß den Christen ja eben das Problem des Gehorsams wie vor die Erlaubnis und die Notwendigkeit zum Glauben so auch an den Ort versetzt, wo sein Wollen und Tun, wenn es echt ist, wenn es aus dem Glauben kommt, in dieses besondere Wollen und Tun, ins Gebet übergehen, in ihm endigen und neu anfangen muß. Daß er das Licht und die Kraft zu echtem Gehorsam hat, das kann er doch von sich aus niemals so einfach voraussetzen. Und er hat ja auch den Glauben, in welchem er allein gehorsam sein kann, auch nicht nur so zur Hand, daß er sich bloß einen Ruck zu geben brauchte, um nun eben aufs neue zu glauben und dann im Glauben aufs neue gehorsam zu sein. Er hat es ja gerade im Glauben direkt mit dem freien, majestätischen Gott selber zu tun. Nun, im Gebet stellt er sich diesem Gott, dem er in seinem Tun sicher immer wieder auszuweichen im Begriff steht, dem er sich wirklich immer wieder stellen muß, um echt und kräftig zu glauben und dann auch getrost und tapfer gehorchen zu dürfen. Im Gebet macht er Gebrauch von der Freiheit, dem Vater, der zu ihm geredet hat, selber Antwort zu geben – anders ausgedrückt: dem Vater, von dessen Güte er herkommt, seinerseits entgegenzugehen – noch anders ausgedrückt: dem großen Staunen darüber, daß dieser sein Vater und er sein Kind ist, unmittelbaren, natürlichen [301 Ausdruck zu geben. Das Gebet ist in allen seinen Gestalten dieses Antworten, dieses Entgegengehen, dieser unmittelbare Ausdruck der Wahrheit der Situation, in der der Christ sich als Christ befinden darf. Indem er betet, stellt er sich an den Ort, wo der Glaube und im Glauben dann auch der Gehorsam immer wieder mit dem Anfang anfangen darf. Als diese primitive Bewegung ist das Gebet als Grund alles anderen Tuns im Gehorsam beschlossen, selber der Gehorsamsakt sondergleichen, dem alle anderen entspringen müssen.

3. Vom Gebet. — Wir nannten es soeben eine primitive Bewegung. In der Tat: es handelt sich bei dieser dritten Gestalt des christlichen Verhaltens um die einfache Grundform der beiden ersten. Das Gebet ist das Erste sowohl im Glauben wie auch im Gehorsam. Glauben heißt im Grunde Beten und Gehorchen heißt im Grunde auch Beten. Dennoch geht es hier wirklich um eine wohl zu unterscheidende dritte Gestalt des christlichen Verhaltens, der wir nun als solcher eine besondere Betrachtung zuwenden müssen. Denn damit, daß wir es als im Glauben und im Gehorsam eingeschlossen als deren Grundform verstehen, ist dem Wesen des Gebetes gerade in unserem besonderen Zusammenhang noch nicht genug getan.

Wir haben es, soweit wir es bis dahin berührten, als jene Reihe von Akten beschrieben – Lob und Dank, Eingeständnis und Buße, Bitte und Fürbitte, wieder Lob und Dank – aus der Ferne gesehen eines neben oder nach dem Anderen. Diese Sicht war nicht unrichtig. Sie ist aber nicht genügend. Was dem Gebet in dieser Sicht fehlt, ist die Mitte, nämlich das, was es im Unterschied zum Glauben und zum Gehorsam nun eben zum Gebet macht. Es könnte in dieser Sicht gewissermaßen verschwinden in jenen zwei ersten Gestalten des christlichen Verhaltens. Es hat und ist aber eine eigene Gestalt, die dann als solche die beiden anderen nicht weniger in sich schließt, als sie selber in ihr eingeschlossen ist. Jene Reihe von Akten, als die wir das Gebet vorläufig beschrieben haben, hat nämlich tatsächlich eine Mitte: einen bestimmten Akt, der das Ganze konstituiert, von dem die Anderen herkommen und dem sie entgegeneilen, von dem her auch sie erst ihren Sinn und ihre Kraft empfangen.

Man würde dem, was im christlichen Gebet geschieht, nicht gerecht, wenn man dieses Geschehen etwa ganz auf den Nenner des Lobens und Dankens, oder umfassender gesagt: der Anbetung bringen würde. Das könnte sich von daher allerdings nahelegen, daß wir das Gebet ja von jenem großen Staunen hergeleitet haben, das auch dem Glauben und dem Gehorsam zugrunde liegt: dem Staunen des Christen angesichts der Situation, in die er sich durch das Wort Gottes versetzt findet, in der er als Christ existieren darf. Aus diesem Staunen ergibt sich in der Tat sehr schlicht: die Anbetung dessen, der diese Situation geschaffen hat [302] und der sie als Herr bestimmt und regiert, die demütige Verwunderung vor ihrem Geheimnis, das Loben, Preisen und Rühmen Gottes angesichts dessen, daß er sich und als was er sich in seinem Wort dem Menschen zuwendet und offenbart, die Beugung vor seiner unermeßlichen Größe, der Dank für seine unfaßbare Wohltat, das Lob seiner Herrlichkeit und unverdienten Güte. Aber eben die durch das Wort Gottes geschaffene Situation des Christen und so auch sein durch sie hervorgerufenes Staunen und so auch seine daraus folgende Anbetung Gottes haben eine ganz bestimmte Richtung und Farbe, ein ganz bestimmtes Woher und Wohin, die es uns nun doch verbieten, hier Halt zu machen, bzw. das Wesen des Gebetes gerade hier zu suchen. Die christliche Situation ist ja nicht abstrakt die der Begegnung eines Großen mit einem Kleinen, eines Hohen mit einem Niedrigen, der Majestät mit der Kreatur, des Heiligen mit dem Unheiligen. Sie ist das auch; sie ist es aber in einer sehr konkreten Form. In ihr unterscheidet sich das christliche Staunen in dieser Situation von irgend einer Verwunderung, in der es auch ein müßiges Gaffen sein könnte. In ihr unterscheidet sich auch die christliche Anbetung von irgend einem Blick in eine ferne Höhe, von der Verehrung irgend eines Numinosen, aber auch – mehr religiös als christlich und mehr ästhetisch als religiös – die sterile Verehrung eines bloßen Entsetzens oder die eines bloßen Entzückens sein könnte. Gerade das Spezifische der christlichen Anbetung käme nicht zu seinem Recht, wenn wir das Gebet gewissermaßen systematisch als Anbetung, als Loben und Danken verstehen wollten. So gewiß dieses Element nicht fehlen kann! So gewiß das Gebet sogar praktisch hier beginnen und hier endigen wird. Die sachliche Ordnung, das sachliche Wesen des Gebetes aber ist nicht von hier aus zu verstehen.

Man würde dem christlichen Gebet aber auch dann nicht gerecht, wenn man es ganz auf den Nenner der Beichte, bzw. der Buße bringen wollte. Das Staunen des Christen angesichts seiner Situation hat zweifellos auch diese Seite und Komponente. Es ist auch Erkenntnis und Anerkennung des Gerichts, unter das der Mensch da zu stehen kommt. Und so kann es nicht anders sein, als daß das christliche Gebet auch das ist: Bekenntnis der eigenen Ohnmacht, Unfähigkeit und Unwürdigkeit, der ganzen Verlorenheit, in der der Mensch sich selbst vor dem Angesichte Gottes entdecken muß, Vorweis seiner gänzlich leeren Hände als der einzigen Gabe, als des einzigen Opfers, das er Gott darzubringen, das er vor ihm auszubreiten hat. Christlich beten heißt: sein ganzes Elend vollständig und vorbehaltlos als solches eingestehen und bei Gott anmelden. Christlich beten heißt: auf alle Illusionen über sich selbst verzichten und sich zu seiner ganzen Bedürftigkeit offen bekennen. Wer das nicht täte, der würde gewiß nicht beten. Der Pharisäer im Tempel, dessen Herz scheinbar voll Lob und Dank war, der aber eben das nicht getan hat, hat nicht gebetet. [303] Der Durchgang durch diese Erniedrigung ist da unvermeidlich, wo nicht auch die Anbetung Gottes eine Selbsttäuschung und Gott gegenüber ein Blendwerk sein soll. Aber es würde wieder nicht angehen, das Gebet nun etwa von da aus verstehen zu wollen. Die christliche Situation ist ja wieder nicht abstrakt die dieser Niedrigkeit des Menschen vor Gott, obwohl diese auch zu ihr gehört. So ist auch das christliche Staunen nicht abstrakt dieses Erschrecken des Menschen vor sich selbst, obwohl und indem dieses auch in ihm enthalten ist. Und so kann sich auch das christliche Gebet nicht in dieser Selbstdemütigung des Menschen vor Gott erschöpfen. Es hat auch in diesem Akt, dessen Art ihm nicht fehlen darf, einen besonderen Charakter, eine bestimmte Richtung und Absicht, in der es von irgend einem Jammer, der auch bloß jämmerlich sein könnte, von irgend einer Selbsterniedrigung, die auch die der Müdigkeit, der Verzweiflung oder der Skepsis sein könnte, unterschieden ist. So gewiß der Weg des Gebetes auch durch diesen Engpaß führt, so gewiß es die Buße in sich schließt, so gewiß wäre es nicht sinnvoll, sein Wesen von daher verstehen zu wollen. Das kurze Gebet des Zöllners im Tempel war freilich ein Bußgebet, aber in seinem entscheidenden Gehalt nun eben doch mehr und etwas Anderes als das.

Bleibt das Gebet als Bitte. Und es fragt sich, ob Anbetung, Buße und Bitte (ohne daß das Ganze des Gebetes eben in der Bitte sein Zentrum hätte) gleich wichtig, gleich dringlich, gleich charakteristisch, in der Gleichordnung, in der wir sie vorläufig ins Auge gefaßt hatten, eine Reihe bilden, deren Ende dann wieder auf ihren Anfang zurückführen würde. Das mag praktisch in der Tat so sein. Sachlich ist es nicht so. Das Wort «Gebet» selbst dürfte in allen Sprachen dagegen sprechen: es redet nun einmal gerade vom Bitten als von dem, was dieses Geschehen konstituiert; es weist nun einmal darauf hin, daß es in diesem Geschehen wohl auch um Anbetung und Buße, aber nicht in erster Linie darum, sondern in erster Linie um ein an Gott sich wendendes Bitten, Suchen und Anklopfen, um ein Gott unterbreitetes Wünschen, Begehren, Verlangen geht. Aber auch die Wirklichkeit des Gebetes spricht entschieden nicht nur gegen eine Vorordnung jener anderen Elemente, sondern auch gegen ihre Gleichordnung mit der Bitte. Wer wirklich betet, der kommt zu Gott, der geht ihn an, der redet zu ihm, weil er etwas bei ihm sucht, etwas von ihm möchte und erwartet, etwas von ihm zu erlangen hofft, was er nötig hat, was er von einem Anderen als von Gott nicht zu erlangen, was er aber eben von Gott bestimmt zu erlangen hofft. Ohne Gott anzubeten, zu danken und zu loben und ohne sein eigenes Elend offen vor ihm auszubreiten, kann er mit seiner Bitte nicht zu ihm kommen. Aber daß er damit, mit seiner Bitte, zu Gott kommt, das macht ihn zum Beter. Leiden nicht alle anderen Theorien vom Gebet, wie schön und tief sie auch gemeint seien und klingen mögen, an der [304] gewissen Künstlichkeit, in der man an diesem einfachen konkreten Sachverhalt vorbeigeht und sich in Höhen und Tiefen verliert, wo sich der wirkliche Beter, der eben schlicht ein Bittender ist, nun einmal nicht befindet? Gegen jene Unterordnung oder auch Gleichordnung spricht aber schließlich entscheidend der Text des Herrengebetes, das nun einmal in seiner Substanz schlicht und klar in einer Reihe von Bitten besteht, lauter Bitten, in denen die Elemente der Anbetung und der Buße wahrhaftig zu ihrer Ehre kommen, die denn auch tatsächlich mit der Anbetung beginnen und endigen, die aber an sich und als solche weder Adorationen noch Konfessionen, sondern eben schlichte Bitten sind. Es dürfte, wenn man das Wesen des Gebetes verstehen will, geboten sein, sich an das Unser Vater zu halten. Und gerade in unserem Zusammenhang, im Blick auf Gottes Vorsehung und Weltherrschaft und auf das christliche Verhalten ihr gegenüber, ist es darum nötig, im ganz Besonderen vom Gebet zu reden, weil Beten in erster Linie – und alles Andere beherrschend und in sich schließend – das heißt: Bitten.

Versuchen wir es, das nun auch sachlich zu verstehen: Was ist das eigentlich und primär Erstaunliche in der christlichen Situation? Doch nicht dies, daß Gott so groß, heilig und reich – und doch auch nicht dies, daß der Mensch ihm gegenüber so klein, unwürdig und arm ist! Daß Beides dem Christen unübersehbar deutlich und höchst erstaunlich wird, das ist doch nur das Komplement des eigentlich und primär Erstaunlichen: daß eben der große, heilige und reiche Gott durch sein Wort dem kleinen, unwürdigen, armen Menschen so nahe tritt. Ja, gewiß: so nahe, daß der Mensch, indem er ihn erkennt, nur anbeten und, indem er sich selbst erkennt, sich selbst nur preisgeben kann. Aber doch vor allem: so nahe – in die Nähe des Vaters zum Kinde, so daß der Mensch sich ihm gegenüber nun in der Nähe des Kindes zum Vater finden darf. Diese Nähe ist es doch, was hier im Grunde zu bestaunen ist, und Alles, was hier in der Höhe und in der Tiefe auch zu bestaunen ist, folgt doch erst daraus. Das und nur das ist doch auch das spezifisch Christliche in der christlichen Situation. Das ist doch der Inhalt des Wortes Gottes, durch das sich der Christ in seine besondere Situation versetzt findet. Das ist doch der Inhalt der Offenbarung Gottes in Jesus Christus, deren Bezeugung der Auftrag der christlichen Gemeinde ist, in deren Erkenntnis und Bekenntnis der Christ Christ ist: Glied dieser Gemeinde, Teilnehmer an ihrem Glauben und mitverantwortlich für ihren Dienst in der Welt. Dazu ist doch der Sohn Gottes als Mensch geboren worden, dafür ist er am Kreuz gestorben, das ist das Licht seiner Auferstehung: Diese unmittelbare Nähe zwischen Gott und dem Menschen als zwischen dem Vater und dem Kinde, dem Kinde und dem Vater. Wenn der Christ betet, dann tut er das, was als Antwort auf das Werk und Wort des Sohnes Gottes getan werden muß. Er macht dann [305] den nächstliegenden Gebrauch von der Freiheit, die ihm durch dieses erstaunliche in Jesus Christus geschaffene Faktum gegeben ist. Diese nächstliegende Antwort wird aber gewiß nicht darin bestehen, daß er sich über die Herrlichkeit Gottes hohe und über seine eigene Erbärmlichkeit tiefe Gedanken und daß er dann auch die entsprechenden Bewegungen macht. Sie wird vielmehr darin bestehen, daß er sich an den ihm so nahe gekommenen Gott, indem er ihm selbst so nahegebracht ist, in der Absicht wendet, daß er ihm gebe, daß er von ihm das empfange, was er in seiner Situation nötig hat – das empfange, was (wie er in dieser seiner Situation wohl sieht) eben nur Gott ihm geben kann, was ihm aber (wie er in dieser seiner Situation ebenfalls wohl weiß) eben Gott ihm tatsächlich geben will und wird. Dies ist ja die Freiheit seiner Situation: er sieht die Majestät Gottes sehr wohl, er sieht auch sich selbst und was ihm fehlt und was gegen ihn zu sagen ist, er braucht sich aber über Beides keine Sorgen zu machen. Er braucht sich nicht zu fürchten, Gott damit zu nahe zu treten, daß er, der Kleine, der Unwürdige, der Arme allen Ernstes etwas, ja Vieles, ja Alles von ihm haben möchte. Und er braucht sich nicht zu fürchten, sich selbst damit zu überheben, daß er ihn, den Großen, den Heiligen, den Reichen eben auf das anredet, was er von ihm haben möchte. In Jesus Christus ist ja das geschehen und in Gottes Wort ist das auch ausgesprochen, was diese doppelte Furcht überflüssig macht. Der Christ darf bitten. Das Geheimnis, daß Gott des Menschen Vater, der Mensch Gottes Kind ist, ist ihm offenbar. Und so bittet er eben. So sagt er eben das, was diesem Geschehen und dieser Offenbarung von seiner Seite entspricht. So nimmt er eben Gott so, wie er sich der Welt und nun gerade ihm gegeben und erwiesen hat: als den Helfer, den Geber, den Erretter, als die Quelle aller Güter, aller Kraft, aller Erleuchtung, aller Hoffnung, kurz: alles dessen, was ihm selbst abgeht, was aber der ihm so nahe gekommene, der ihm so verbundene Gott offenbar nicht für sich behalten, sondern gerade ihm zukommen lassen will. Es ist wahr: Gott läßt sich an sich nicht nehmen. Aber wie, wenn er sich selbst gibt? Dann ist es eben doch noch wahrer, daß er sich auch nehmen läßt. Und Gott läßt sich nichts nehmen: von allem, was sein ist – und Alles ist sein – gar nichts: das ist auch wahr. Aber wie, wenn er dem Menschen Alles, was sein ist, eben damit geben will, daß er sich selbst ihm gibt? Ist es dann nicht noch wahrer, daß er sich von ihm, aus seiner Hand, Alles nehmen läßt? Der Christ darf nehmen; denn Gott gibt ihm: sich selber und Alles, was sein ist. «Der seines eigenen Sohnes nicht verschonte, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?» (Röm. 8, 32). Und so besteht das Intimste des christlichen Gebetes, das dann gewiß auch das Intimste des ganzen christlichen Verhaltens ist, eben darin, daß der Christ bitten darf und tatsächlich bittet. Es ist von ferne keine [306] Frechheit darin, kein Vergessen der Distanzen, kein eigenmächtiges Überspringen des Gegensatzes von Hüben und Drüben, Oben und Unten, es ist auch von ferne keine Selbstsucht darin, wenn der Christ betet. Er tut damit vielmehr das, was der Situation, in die er durch Gottes Wort versetzt ist, entspricht und gerecht wird, was ihm in dieser Situation nicht nur erlaubt, sondern geboten ist, weil er offenbar gerade dazu in diese Situation versetzt ist, um eben das zu tun. Man bemerke, wie er ja eben damit auch den wahrhaftigsten Akt des Lobes und Dankes und also der Anbetung und wieder eben damit auch den wahrhaftigsten Akt der Buße vollzieht. Eben damit macht er doch Gott groß und sich selbst klein, daß er als Bittender vor ihn tritt. Das eben will doch Gott von ihm. So eben will er ihn haben. Eben damit wird er doch Gottes eigenem Verhalten ihm gegenüber gerecht. Eben das ist doch der wahrhaftige Gottesdienst: daß der Mensch nehmen will und nimmt, wo Gott gibt, daß er also bittet, sucht und anklopft, um es wirklich zu empfangen. Dieses Empfangen ist das christliche Gebet in seinem zentralen Charakter als Bittgebet. Es stammt gerade in dieser Gestalt nicht aus der Willkür des Christen, wie denn die ganze ihm gegebene Freiheit keine Willkürfreiheit ist. Es stammt vielmehr aus dem, was der Christ von Gott empfängt: aus dem ihm eben damit gegebenen Gebot. Es ist als Bittgebet der menschliche Vollzug dieses Empfangens. Es ist wirklich die Urform des christlichen Gehorsams. Aber dieser Satz ist nun umzukehren: die Urform des christlichen Gehorsams besteht eben darin, daß der Mensch Gott auf Grund dessen, was er für ihn ist und hat, nicht für zu groß und sich selbst nicht für zu klein halte, als daß er dieses Bitten wagen dürfte, daß er Gott vielmehr für so gnädig und so mächtig und sich selbst für so real von Gott angenommen hält, daß er eben dies – nicht irgendwie wagen muß, sondern als natürlichste, notwendigste Lebensäußerung tun darf: als Bittender zu ihm zu kommen.

Über dieses Bitten muß man sich also klar zu werden versuchen, wenn man das Wesen des Gebetes verstehen will. Aber nun sind wir, gerade um uns darüber klar zu werden, zu einem sehr merkwürdigen Weg, einem scheinbaren Umweg, genötigt. Man kann sich nämlich über dieses Bitten nur klar werden, wenn man sich zuerst über die ihm entsprechende Erhörung klar geworden ist. Sie geht ihm nämlich, so hart das auch klingen mag, sachlich voran. Sie begründet es. Sie macht es zum wirklichen Bitten: zum Bitten des christlichen Gebetes und damit zu dieser dritten und für das Ganze so entscheidenden Gestalt des christlichen Verhaltens. So haben wir es ja eben schon ausgesprochen: das Gebet stammt aus dem, was der Christ empfängt; es ist nichts als der menschliche Vollzug dieses Empfangens, die unmittelbare Lebensäußerung dessen, der staunend vor dem steht, was Gott für ihn ist und tut – nicht zuerst staunend vor Gottes Majestät in seinem Gegensatz zu ihm, nicht zuerst staunend vor [307] seiner eigenen Niedrigkeit im Gegensatz zu Gott, sondern zuerst staunend vor der Tatsache, daß Gott für ihn ist und handelt. Davon müssen wir ausgehen. Von da aus und nur von da aus wird es verständlich, daß das Gebet dem Menschen gerade als Bitte erlaubt und damit geboten ist und also mit dem Glauben und dem Gehorsam zusammen und, beide in sich schließend, ein integrierendes Moment des ganzen christlichen Verhaltens bildet.

Es gibt eine große Gabe alles dessen, was der Mensch nötig, und zwar in der Weise nötig hat, daß er es nur von Gott empfangen, daß nur Gott es ihm geben kann. Es gibt eine große Erhörung aller wirklichen, der legitimen und notwendig an Gott gerichteten Bitten. Diese eine große göttliche Gabe und Erhörung ist Jesus Christus. Er ist es darum, weil es in ihm geschehen ist, daß Gott sich der Welt und des Menschen angenommen und eben damit der Welt und dem Menschen die Fülle alles Guten zugewendet hat. Im Blick auf ihn, in und mit seiner Erwählung zum Mittler ist ja das All und ist der Mensch schon geschaffen. Indem er als Gottes Sohn und Wort selbst Fleisch, Mensch, Kreatur wurde, hat Gott sich dem All und in der Mitte des Alls dem Menschen verbündet, verpflichtet, sich mit ihm solidarisch gemacht, hat er seine Errettung schon vollzogen, seine eigene ewige Herrlichkeit ihm schon zugewendet. In ihm hat Gott sich persönlich zum Herrn, Hüter und Helfer, zur Hoffnung des Alls und des Menschen gemacht. In ihm, in diesem seinem geliebten Sohn, in diesem seinem Wort, das ein Wort des Heils und des Friedens ist, beherrscht er alles Geschehen: erhält er es, begleitet er es, regiert er es. Indem Jesus Christus da ist, ist der Welt schon geholfen, ist Alles schon da, dessen die Kreatur und inmitten der ganzen Kreatur der Mensch bedürftig ist. Indem er da ist, ist der Name dessen, von dem alles herkommt, zu dem alles hingeht, der Alles bewegt, ausgesprochen, offenbart, proklamiert als der Name des Gottes, der der Welt Heiland ist, der nicht ohne und nicht gegen, sondern ganz und gar für sein Geschöpf ist und tätig ist. So ist er die eine große Gabe und Erhörung, in der Alles, was wir empfangen und erbitten können, nicht nur beschlossen, sondern uns schon gegeben, schon für uns gegenwärtig und vorhanden ist.

Und nun ist Jesus Christus keine einsame Gestalt und Erscheinung. Nun gehören, in und mit ihm erwählt, zu ihm auch die Seinigen, die er durch den Geist seines Wortes zum Glauben an ihn und durch den Glauben zum Gehorsam gegen ihn berufen will. Nun ist er von Ewigkeit her das Haupt seines Leibes. Nun hat er diesen Leib in seiner geschichtlichen Gestalt hervorgerufen durch die Botschaft seiner Propheten und Apostel, nun ist dieser sein Leib die Gemeinde, seine, die christliche Gemeinde, sein Volk. Nun hat er sich diesem Volk zum Herrn geschenkt und als solchen offenbar gemacht. Nun hat er sich ihm als der, der er ist, erwiesen, damit es inmitten der Schöpfung ein Zeugenamt und einen Zeugendienst [308] gebe, damit auch vor seiner Erscheinung vor Allen und für Alle und bis zu dieser seiner letzten Erscheinung hin sein Licht leuchte in dieser Welt, damit die Erinnerung an Gottes Liebe und die Hoffnung auf sie eine konkrete Stätte und einen konkreten Gehalt habe. Und nun ist er in dieser Absicht diesem seinem Volk gegenwärtig. Nun ist in ihm also jene eine große göttliche Gabe und Erhörung diesem Volk vor Augen. Nun ist also diesem Volk der Name dessen nicht unbekannt, der der Anfang und das Ende aller Dinge, der Herr alles Geschehens ist. Nun darf es also in ihm seinen und der ganzen Welt Schöpfer, Erhalter und Regenten als den Heiland real und persönlich in seiner Mitte haben, anschauen, in seiner Gesellschaft leben, an ihn sich halten, seiner sich getrösten. Nun lebt also dieses Volk, durch die Taufe für ihn geboren und zu ihm versammelt und im Abendmahl durch ihn und für ihn genährt, durch sein Wort immer wieder gerufen, erhalten, erleuchtet und geführt, im Angesicht der göttlichen Gabe und Erhörung, die in ihm Ereignis ist. Nun fehlt also diesem seinem Volk von seinem Herrn her gar nichts. Es ist in ihm schon im Besitze der ganzen von Gott seinem Geschöpf zugedachten und zugewendeten Gnade und verborgenen Herrlichkeit. Es hat in ihm seine Heimat, sein Bürgerrecht, sein Erbteil schon gefunden: im Himmel, ja über allen Himmeln, in der unmittelbaren Nähe des Thrones Gottes, ja Gottes selber. Es blickt von ihm her schon zurück und herunter auf alles jetzt noch nicht Geordnete, noch nicht Gelöste, noch nicht Befreite, auf alle jetzt noch wirksame Störung, Behinderung, Verwirrung und Verwüstung im Weltlauf, auf alle Dunkelheit, die uns die väterliche Regierung und Bestimmung, unter der er steht, jetzt noch verhüllen will und tatsächlich verhüllt. Es sieht sie in ihm jetzt schon ohne Hülle. Es lebt in ihm jetzt schon von der ganzen Güte, Weisheit und Vollkommenheit dieser Regierung. Es atmet in ihm jetzt schon am Herzen Gottes. Das wäre ja nicht die christliche Gemeinde, die, indem sie um ihren Herrn Jesus Christus weiß, nicht um dieses «jetzt schon» wüßte, die in aller Ohnmacht und Unvollkommenheit ihrer geschöpflichen Existenz nicht auch – immer im Blick auf ihren Herrn, immer im Glauben und durch den Glauben, im Gehorsam gegen ihn – tatsächlich lebte in diesem «jetzt schon», in der vollen Gegenwart, im vollen Empfang der göttlichen Gabe und Erhörung. Wie könnte und würde sie sein Zeuge, das von ihm angezündete Licht in der Finsternis sein, wenn sie darum nicht wüßte, darin nicht lebte, wenn sie nicht gerade dies zu bezeugen hätte? Es kann immer nur an ihr liegen – und es sollte dann wirklich nicht mit irgendwelchen Beteuerungen eines demütigen Realismus oder einer realistischen Demut verdeckt oder gerechtfertigt werden, wenn sie anders dran ist, wenn sie der Welt von der geschehenen und vorhandenen vollen göttlichen Gabe und Erhörung nichts oder nur etwas Schüchternes zu sagen hat, wenn sie dieser Sache wohl auch für sich selber nicht so recht sicher ist. Die lebendige christliche [309] Gemeinde ist gerade dieser Sache ganz und unbedingt sicher. Sie verkündigt sie mit lauter und nicht mit gebrochener Stimme.

Und nun ist der Christ, an dessen Verhalten wir hier interessiert sind, ein Glied dieser christlichen Gemeinde, des Leibes Jesu Christi, seines Volkes. Nun gilt also Alles, was im Blick auf Jesus Christus und im Zusammenhang mit ihm von der christlichen Gemeinde gesagt ist, gerade für ihn persönlich. Er persönlich ist ja auf Jesus Christus getauft und darf im Abendmahl seinen Leib und sein Blut, ihn selbst empfangen, um von ihm und mit ihm zu leben. Er persönlich darf ja sein Wort hören, um es für sich persönlich wahr sein zu lassen. Er persönlich ist ja auch verantwortlich gemacht für den Auftrag der Gemeinde in der Welt. Gerade für ihn ist also Jesus Christus der, der er ist, ist der Name Gottes, des Schöpfers des Himmels und der Erde, offenbar gemacht, ist dieser Gott als Heiland und also als der gnädige Herr und Hüter und Helfer, als ganze Hoffnung gegenwärtig auf dem Plane. Gerade er darf also in dieser Welt leben, an dem Geschehen dieser Welt teilnehmen in voller Kenntnis dessen, daß Gott sich ihrer angenommen, endgültig zu ihr Ja gesagt, sich mit ihr verbündet, sich ihr verpflichtet und solidarisch gemacht, sie in seinen Dienst genommen hat. Gerade für ihn als Christ, d. h. als persönlichen Kenner des prophetischen, priesterlichen und königlichen Amtes Jesu Christi, ja in seiner Zugehörigkeit zu seiner Gemeinde als Teilnehmer an diesem Amt, ist das Weltgeschehen offenkundig und greifbar ein nicht sich selbst überlassenes, sondern ein von Gott erhaltenes, begleitetes und regiertes, und zwar zum Guten, zum Heil, ein in Güte und Barmherzigkeit erhaltenes, begleitetes und regiertes, ein der ewigen Herrlichkeit entgegenführendes Geschehen. Gerade er hat es in dem Herrn der Gemeinde, der als solcher auch sein Herr ist, mit der auch für ihn jetzt schon auf den Plan geführten, ihm jetzt schon sichtbaren und greifbaren einen großen göttlichen Gabe und Erhörung zu tun. Was hätte er nicht, was könnte ihm fehlen, da er ihn haben darf? Was könnte ihn in seinem Leben als Christ und Mensch stören, behindern, verwirren oder gar zunichte machen, da er mit ihm, in seiner Gesellschaft leben darf? Welches von seinen Bedürfnissen fände er in ihm nicht schon gestillt, welche seiner Nöte in ihm nicht schon behoben, welche Hilfe in ihm nicht schon bereit, welchen Trost, den er je und je braucht, in ihm nicht schon ausgesprochen, welche Weisung, auf die er wartet, in ihm nicht schon gegeben? In ihm ist auch er schon droben, schon am Ziel, kann und darf auch er zurückblicken und herunterblicken auf allen Jammer als einen schon gestillten Jammer, auf alle Klagen als auf solche, denen schon Recht widerfahren ist, auf alle Fragen als auf solche, auf die, wie sie ihn auch interessieren, brennen und aufregen mögen, schon Antwort gegeben ist. Man sage nicht, das sei zu viel behauptet und zu hoch geredet! Es kann hier jede Formulierung immer nur insofern zu weit gehen und zu hoch greifen, als der [310] Christ noch nicht oder nicht mehr Christ ist: nur sofern er sich heimlich vom Leibe Christi, von seiner erwählten und berufenen Gemeinde, oder eben diese seine Gemeinde und dann natürlich auch sich selbst von Jesus Christus trennt, statt sie und sich selbst von ihm her zu sehen und zu verstehen. Er sollte das, wenn er es denn schon tut, wenigstens nicht als Ehrlichkeit ausgeben, sondern als seine eigene Schwachheit erkennen. In der Ehrlichkeit, die er sich selbst als Christ schuldig ist, wird er gerade diese Trennungen nicht vollziehen, wird er sich über sich selbst vielmehr nur in der Hinsicht verwundern und entsetzen, daß er offenbar immer und immer noch nicht realisiert hat, in welcher Fülle ihm die göttliche Gabe und Erhörung gegenwärtig und nahe ist, in welcher Freudigkeit er von ihr Gebrauch machen dürfte, in welcher Dankbarkeit er sich dazu bekennen müßte.

Und nun ist das christliche Bitten, dessen Sinn wir hier verstehen möchten, sehr schlicht dasjenige Nehmen und Empfangen, das da am Platze ist, wo dem Menschen diese eine große göttliche Gabe und Erhörung in Jesus Christus gegenwärtig und nahe ist. Es geht ja bei dieser Gabe und Erhörung um Gottes Willen nicht nur über, sondern mit seinem Geschöpf, um seinen Bund mit dem Menschen, um seine ihm als einem von ihm verschiedenen, selbständigen Wesen zugewendete Gnade, um sein Werk, das im Menschen nicht einen toten, sondern einen lebendigen Gegenstand hat, um sein Wort, das der Mensch hören und auf das er antworten – alles in allem: um eine Freiheit, in der der Mensch selber leben darf. In dieser Freiheit nimmt und empfängt der Christ das, was Gott für ihn ist und tut: das, was er ihm darreicht. In dieser Freiheit bittet der Christ. Was sollte ihm die ganze große göttliche Gabe und Erhörung, wenn er nicht nähme und empfinge? Sie ist für ihn und also für einen Nehmer und Empfänger bestimmt. Wie sollte er aber diese, die göttliche Gabe und Erhörung nehmen und empfangen als indem er darum bittet? Anders denn als Bittender kann er, das Geschöpf, der Mensch, dieser Sache doch nicht gegenüberstehen. Zugreifen, aneignen, in Gebrauch nehmen und in ihrem Gebrauch fröhlich sein, das kann doch im Verhältnis des Menschen zu dieser Sache nichts Anderes als eben ein beständiges und beständig sich erneuerndes Bitten sein. Wann wäre sie ihm von seiner Seite nicht fremd, neu und unerreichbar? Was könnte er von seiner Seite denn tun, in welcher Spontaneität würde er ihr denn entsprechen können als eben darin, daß er um sie bittet? Indem er um sie bittet, indem er zu Gott sagt: Ich habe nicht – Du hast – So gib mir, was du hast und ich nicht habe! – anerkennt und lobt er Gott als den Geber und lobt er die göttliche Art dessen, was er da nehmen und empfangen darf. Und indem er um sie bittet, erkennt und bekennt er sich selbst als einen ohnmächtigen und unwürdigen Partner Gottes, als einen höchst ungenügenden Nehmer und Empfänger seiner Gabe. [311] Indem er um sie bittet, fürchtet er und liebt er Gott. Und wieder indem er um sie bittet, stellt er sich diesem Gott, so wie nun eben er sich ihm stellen darf und allein stellen kann. Aber eben indem er das tut, und also zu der schon gegebenen und vorhandenen Gabe und Erhörung in das ihr angemessene und darum rechte und fruchtbare Verhältnis tritt, ereignet es sich, daß er sie nehmen und empfangen darf, daß also Gott als Heiland mit ihm zu seinem Ziele kommt. Der Christ bittet: eben damit werden die Tore weit und die Türen in der Welt hoch gemacht, daß der König der Ehren einziehen kann.

Wir tun, um nun auch dieses christliche Bitten als solches zu verstehen, am besten, in derselben Ordnung vorzugehen, in der wir zunächst von Gottes Gabe und Erhörung gesprochen haben. Der zuerst und eigentlich bittende Mensch ist ja auch kein anderer als Jesus Christus selber. Daß nach dem Evangelium er seine Jünger beten lehrte, und zwar indem er ihnen vorbetete, das heißt als Erster mit ihnen betete, das ist von entscheidender sachlicher Bedeutung für den Sinn und Charakter des christlichen Betens. Wie er als Gottessohn selber der gebende, der erhörende Gott war, so als Menschensohn auch selber der bittende Mensch. Wie Gott in ihm für sein Geschöpf eintrat, sich selbst in seinem ganzen Reichtum dem Geschöpf verbündete, hingab und mitteilte, so trat in ihm auch das Geschöpf von seiner Seite in das rechte fruchtbare Verhältnis zu Gott, so war er auch der erste und eigentliche Nehmer und Empfänger von Gottes Gabe. Wie er selber der einziehende König der Ehren war, so wieder er selbst der Mann, der die Tore weit und die Türen in der Welt hoch machte. Er ist die Offenbarung des Namens Gottes, des Heilandsnamens, er auch der Mensch, der diesen Namen heiligt, der dieser Offenbarung entsprechend die Ehre Gottes und die Schande des Menschen bekennt und, indem er beides tut, sich bewährt und erweist als der von Gott erwählte, begnadete, gesegnete, erhöhte und verherrlichte Mensch: als der Mensch für alle Menschen, als der Bringer der Errettung und Träger des Heils des ganzen Menschengeschlechtes. Denn eben das tat doch der Mensch Jesus Christus, worum er uns in der ersten Bitte des Unservaters bitten heißt, daß es geschehen möge: er heiligte den offenbaren Namen Gottes, er verhielt sich Gott gegenüber so, wie der Mensch sich ihm gegenüber, weil er des Menschen barmherziger Heiland ist, verhalten muß. Er gab Gott recht und ließ sich selbst eben damit ins Unrecht setzen. Er bekannte sich zu Gottes Heiligkeit und eben damit zu des Menschen Übertretung und Elend. Er unterwarf sich Gott in der Völligkeit eines freien, liebenden, kindlichen Gehorsams und ließ es sich gefallen, eben damit die Strafe der menschlichen Sünde zu erleiden und um ihretwillen in den Tod gegeben zu werden. Jesus Christus bittet, das heißt er stellt sich Gott als der, der gar nichts hat und auf gar nichts Anspruch hat, der Alles nur zu [312] empfangen, und zwar von Gott zu empfangen hat. Er traut es ihm zu, daß er es von ihm empfangen werde. Er traut es nur ihm, aber er traut es ihm ganz, er traut ihm Alles zu. So lebt er, so verliert er sein Leben und eben so errettet und gewinnt er es. Indem er nur Bittender und sonst gar nichts ist, indem er mit der Heiligkeit Gottes und mit der Übertretung des Menschen in seiner eigenen Person ganz ernst macht, ist er schon erhört, ist sein Leben ein von Gottes Gnade beherrschtes und getragenes, erweist es sich in seiner Auferstehung als ein von Gott gerettetes und verherrlichtes Leben, ist Gottes Zuwendung zum Menschen, ist das dem Menschen von Gott zugedachte Heil, ist die ihm bestimmte und verheißene Herrlichkeit in seiner Person Ereignis und Gegenwart, ist der Mensch in der ganzen Fülle Gottes. Man bemerke: er ist das Alles, indem er bittet, indem er in seinem Tun und Lassen als Mensch ganz und gar nur Bittender ist. Natürlich: er ist als Menschensohn ganz und gar nur Bittender, weil und indem er als Gottessohn selber ganz und gar Gottes Gabe und Erhörung ist. Es ist also Gottes eigene Liebe und Macht, die in der Existenz dieses Menschen, indem sie zu einer einzigen Bitte wurde, zum Durchbruch und zum Siege kam. Gott triumphierte in diesem Menschen. Er tat es aber, indem es geschah, daß dieser Mensch bat und eben damit nahm und empfing, suchte und eben damit fand, anklopfte und eben damit erfuhr, daß ihm aufgetan wurde. Es war also schon das Bitten und also das eigene Sein und Tun dieses Menschen, in welchem Gott triumphierte. Und weil das im Sein und Tun dieses Menschen geschah, darum war es nun doch dieser Mensch, durch den der Name Gottes geheiligt wurde, in welchem die Entsprechung der göttlichen Gabe und Erhörung auf der menschlichen Seite – nicht nur objektiv also, sondern nun auch subjektiv Ereignis und Wirklichkeit wurde. Und darum ist es wirklich dieser Mensch, durch welchen, indem er durch die enge Pforte des reinen Bittens ging, die Tore weit und die Türen in der Welt hoch gemacht wurden. Dieser Mensch hat gebetet. Dieser Mensch hat Gott einfach gebeten um seine unaussprechliche Gabe.

Und nun fahren wir wieder fort: Er ist darin nicht einsam. Er tat das nicht für seine Person. Er bedurfte ja für seine Person weder des Bekenntnisses zu Gottes Ehre noch des Bekenntnisses zur menschlichen Übertretung. Er hat das in seiner Person für Andere, und zwar zunächst für die Seinigen getan: für alle, die an ihn glauben und im Glauben an ihn ihm gehorchen dürfen, weil er selbst sie dazu berufen und ermächtigt hat, weil er sie in dieser Berufung und Ermächtigung in die Welt senden wollte. Gott hat es ja auf die Welt abgesehen, indem sein Sohn Mensch wurde, wie er es schon in ihrer Erschaffung eben darauf abgesehen hatte, daß sein Sohn zu ihrem Heil selbst Mensch werden sollte. Und so ist es auch in dem Bitten des Menschensohnes, in seiner Existenz als der eine große Bittende und in seinem Bitten empfangende [313] Mensch auf die Welt abgesehen. Aber eben weil auf die Welt, darum zunächst auf solche anderen Menschen, die mit dem Gottessohn und Menschensohn bitten können, dürfen und wollen, darum zunächst auf seine Gemeinde als die Versammlung derer die bitten und als solche empfangen dürfen. Denn das ist seine Gemeinde: die Versammlung derer, denen die Augen dafür offen sind, daß Gott es in diesem Einen auf die ganze Welt und nun zunächst gerade auf sie abgesehen hat, und daß in ihm und mit ihm auch sie, die durch sein Wort Versammelten, erwählt sind zum Bitten und so dann auch zum Nehmen und Empfangen und so zu seinen Zeugen der Welt gegenüber. Die christliche Gemeinde erkennt und weiß: dieser Eine hat nicht für sich, er hat in Wahrheit für sie, nämlich dafür, daß sie seine Zeugen seien und als solche sich bewähren möchten, gebetet. Der Gottessohn wurde dazu Menschensohn und ist als Menschensohn dazu durch die enge Pforte des reinen Bittens gegangen, um eben damit der große menschliche Nehmer und Empfänger der göttlichen Gabe und Erhörung an Stelle aller anderen und zu ihren Gunsten zu werden. Zu diesem Nehmen und Empfangen muß es ja kommen. Eben dieses Nehmen und Empfangen übersteigt aber das Können, Dürfen und Wollen aller Menschen. Eben dieses Nehmen und Empfangen mußte also für sie getan werden. Nicht nur Bitte war also die ganze Existenz dieses Menschensohnes, in der dieses Nehmen und Empfangen stattfand, sondern als Bitte Fürbitte: Bitte an der Stelle derer, die selbst nicht bitten können, dürfen und wollen und darum auch zum Nehmen und Empfangen von sich aus nicht in der Lage sind. Aber nun ist diese seine kräftige Fürbitte geschehen. Nun erkennt die mit ihm erwählte und von ihm berufene und versammelte Gemeinde durch den Heiligen Geist seines Wortes, daß sie in ihm tatsächlich geschehen ist. Und nun ist ja diese seine Gemeinde zu ihm hin, in seine Gesellschaft und Gemeinschaft berufen. Nun ist er ja in ihrer Mitte. Nun hat er sich ja zu ihr, nun ist sie also zu ihm gestellt. Nun ist sie also dadurch konstituiert, daß sie seine Fürbitte als die des großen Hohepriesters erkennt, anerkennt und gelten läßt, auf ihren Boden gestellt ist und anderswohin sich nicht mehr stellen kann. Sie nimmt es also an, daß die Türe auch für sie geöffnet ist, daß das große menschliche Nicht-Können, Nicht-Dürfen, Nicht-Wollen für sie außer Kraft gesetzt, die Freiheit zum Können, Dürfen und Wollen, die Freiheit zum Bitten für sie geschaffen und vorhanden ist. Nun lehrt der Menschensohn auch sie beten und also bitten. Nun läßt sie sich von ihm belehren. Und wie er mit ihr betet, so betet sie nun mit ihm. Wie würde sie seine Fürbitte, von der sie lebt, annehmen, wie könnte sie für sie geschehen und offenbar sein, wenn sie seine Lehre, die Lehre des rechten Betens, nicht annehmen, beherzigen und ausführen, wenn sie nicht ihrerseits mit ihm beten würde? Sie wird dessen freilich gewahr sein und bleiben, daß sie dieser seiner [314] Lehre bedarf – nicht nur einmal, sondern immer wieder -, daß sie ohne ihn nichts tun, ohne daß er mit ihr betet, gerade nicht beten kann. Sie wird es also nie als ihr eigenes Werk, nie als eine menschliche Leistung verstehen, wenn sie ihrer Erwählung in ihm und ihrer Berufung durch ihn darin getreu sein darf, daß nun auch sie bittet. Sie wird immer nur «in seinem Namen» bitten. Sie wird ihr Bitten immer als die Gabe und das Werk seines Heiligen Geistes verstehen, mit dem sie nur ihn preisen kann, ohne sich selbst damit Ehre zu machen. Aber eben indem sie sich an ihn hält, eben weil und indem sie in seinem Namen bittet und also von seiner Fürbitte Alles und von ihrem eigenen Bitten als solchem gar nichts erwartet, eben weil und indem sie bei ihrem eigenen Bitten ihr ganzes Vertrauen auf die Gabe und das Werk seines Heiligen Geistes setzen wird, wird sie selbst – es gibt ja keinen stärkeren Antrieb als die wirkliche Erkenntnis der wirklichen Gnade Gottes – nicht müssig sein. Sie wird also ihren Herrn nicht allein bitten lassen, sondern ihm mit ihrem eigenen Bitten, wie unvollkommen, verkehrt und ohnmächtig es auch neben dem seinigen sein möge, Gesellschaft leisten, zur Seite treten, wird sein Gebet, so wie er es ihr vorgebetet hat, nachbeten. Es wird in ihrem Herzen und Munde gerade darum und darin ein echtes, wahrhaftiges, das nun eben ihr, der in ihm miterwählten Gemeinde zukommende wirkliche Bitten sein, daß es ein bloßes Nachbeten ist, bloß angeschlossen an sein Bitten, bloß ihm zugesellt, bloß von seinem Ernst, bloß von seiner Kraft lebend, bloß auf die in ihm gegenwärtige göttliche Gabe und Erhörung bezogen. Eben so wird es aber wirklich Ernst und Kraft haben, eben so wird es erhörtes Bitten sein, indem es in aller menschlichen Unvollkommenheit, Verkehrtheit und Ohnmacht stattfindet: eben so ein wirkliches Nehmen und Empfangen der in ihm wirklichen und präsenten Fülle Gottes. Eben so wird ja die Gemeinde an ihm, an seinem Leben als der Herr teilnehmen, wirklich seine Gemeinde sein. Eben dann wird sie ja darum bitten als um das Eine, was ihr nottut: daß sie seine Gemeinde wirklich sei, nicht umsonst von ihm begründet, erhalten und regiert, nicht umsonst von der Welt abgesondert und in die Welt gesendet. Um seine Liebe wird sie dann bitten: daß sie durch sie ganz anders unter sich vereinigt werde, um sein Wort: daß sie es ganz anders hören und erkennen möchte, um sein Zeugnis: daß es auch in ihrem Leben und in ihrem Munde ganz anders kräftig werden möchte. Sie wird dann also um eben das bitten, was sie als seine Gemeinde und also als das von ihm angezündete Licht der Welt nötig hat. Sicher nicht um ihre Existenz als solche, als ob diese Selbstzweck wäre! Aber um ihre Existenz in seinem Dienste, um ihre Existenz zur Ausführung seines Auftrages, um ihre Existenz mit ihm und für ihn, nachdem er sich durch seine Existenz für sie und mit ihr als so gnädig und mächtig erwiesen hat. Anders als indem sie mit ihm durch die enge Pforte dieser Bitte um ihre Existenz geht, kann sie ja nicht existieren. [315] Auch sie lebt ganz und gar nur indem sie bittet, und zwar im Blick darauf, daß er für sie gebeten hat, nun auch ihrerseits bittet. Auch sie kann ihr Leben nur behalten, gewinnen, erretten, indem sie es in Erkenntnis der Ehre Gottes und der Sünde des Menschen aufs Spiel setzt und verliert. Sie wäre nicht die christliche Gemeinde, wenn sie es anders halten könnte. Da ist gar keine Kirche, wo sie nicht bittende, um ihre eigene Existenz als solche immer neu bittende Kirche ist. Aber eben: es geht um ihre Existenz im Dienste ihres Herrn. Und darum ist auch ihr Bitten im tiefsten Grunde Fürbitte. Sie bittet, indem sie um ihre eigene Existenz bittet, für die Welt, von der sie abgesondert und in die sie doch gesendet ist. Sie weiß, daß der ganzen Welt nur durch die göttliche Gabe und Erhörung, um die sie selbst bittet, und die sie bittend entgegennimmt und empfängt, geholfen werden kann, daß ihr aber eben durch sie tatsächlich schon geholfen ist. Sie sieht, daß die Welt das noch nicht weiß, und sie sieht, wie die Welt unter dieser ihrer Unwissenheit leidet. Sie sieht weiter, daß eben sie selbst der Welt das, was sie noch nicht weiß, zu sagen hat. Und nun tut sie, indem sie selbst bittet, eben das, was die Welt noch nicht tut. Sie tut es für sie und an ihrer Stelle. Wie könnte sie sich dessen vermessen, wenn sie dabei auf ihr eigenes Können, Dürfen und Wollen angewiesen und nicht ihrerseits getragen wäre durch die Fürbitte ihres Herrn, die sie ja mit ihrem eigenen Bitten nur nachspricht? Nun, eben in diesem Nachsprechen tritt sie tatsächlich an seine Seite. Vor allem in dem Sinn, daß sie an der ihm zugewendeten göttlichen Gabe und Erhörung ihrerseits Anteil bekommt: Anteil an der in ihm wohnenden Fülle der Gottheit. Denn der Gott, der die Bitte seines Erwählten erhörte, indem sie ausgesprochen wurde – der ihn erhöhte, indem er sich im Gehorsam gegen ihn bis zum Tod am Kreuz erniedrigte – eben der Gott erhört auch die Bitte seiner Miterwählten, seiner Brüder, seiner Gemeinde, indem sie ausgesprochen wird, indem sie nämlich in seinem Namen, im Blick auf ihn und im alleinigen Vertrauen auf ihn von den Gliedern seines Leibes als den von ihm und mit ihm als ihrem Haupte Lebenden vor ihn gebracht wird. Indem die Kirche im Namen Jesu bittet – sofern sie auch nur ein wenig eben das tut! – existiert sie als wirkliche Kirche. Sie empfängt nämlich, indem sie eben das tut, das, was sie zu ihrer Existenz als solcher nötig hat. Ihre Existenz als wirkliche Kirche besteht aber eben darin, das von ihm angezündete und auch immer wieder von ihm her brennende und scheinende Licht im Kosmos zu sein. Sie tritt ihm also, indem sie in seinem Namen bittet, auch in dem Sinn zur Seite, daß sie, indem sie an der Fülle der ihm zugewendeten Gnade Anteil bekommt, aktiven Anteil auch an seinem Dienst bekommt. Um mehr oder um etwas Anderes als Zeugendienst kann es sich für sie nicht handeln. Sie kann ihren Herrn nicht ersetzen. Sie kann nicht an seine Stelle treten. Die Existenz der Gemeinde ist keine Prolongatur der Inkarnation des Wortes. Sie kann aber sein Zeuge sein [316] und sie ist es; sie ist wirkliche, bekennende, ihn und damit Gott selbst vor der Welt bekennende Gemeinde, indem sie in seinem Namen bittet. Sie bezeugt und bekennt ihn dann gerade, indem sie das tut: nicht nur darum, weil sie eben bittend alles das empfängt, was sie zu ihrem Dienst fähig macht und faktisch in Bewegung setzt – den Heiligen Geist und durch ihn die Einigkeit in der Liebe, das Licht der Erkenntnis, die Kraft zum Gehorsam –, sondern auch in dem einfachen Sinne, daß eben das der Welt gegenüber das stärkste Zeugnis von Jesus Christus, die stärkste Erinnerung an ihn und der stärkste Hinweis auf sein Kommen ist: eine bittend, und also nicht reich, sondern arm, nicht selbstbewußt, sondern demütig, nicht siegreich, sondern in tiefster Bescheidung, aber in entschlossener und freudiger Erwartung um ihn gescharte, zu ihm und in ihm zu Gott aufschauende, alles von Gott, aber von Gott Alles erwartende Gemeinde. Diese Gemeinde redet durch ihre bloße Existenz von ihm. Und nur wenn und indem sie in dieser ihrer Existenz von ihm redet, kann und wird sie das auch sonst tun. Eben als diese bittende Gemeinde – im Grunde vielleicht wirklich nur als das – ist sie als reales Novum im Kosmos sichtbar: als etwas, das, wenn überhaupt, dann nur von seinem Ursprung in Jesus Christus und im Zusammenhang mit ihm verstanden werden kann. Und eben indem man die Sache von hier aus ansieht, kann man noch in einem dritten Sinn sagen, daß sie mit ihrem Bitten an die Seite ihres Herrn tritt. Sie steht ja dann, seine Bitte nachsprechend und also mit ihm bittend, auch mit ihm zusammen vor Gott. Sie nimmt dann nicht nur an seinem prophetischen, sondern auch an seinem hohepriesterlichen Amt und Werk Anteil. Wieder nicht so, daß sie sein bittendes Eintreten für die Welt fortsetzen, ergänzen oder gar vollenden würde. Er bedarf dessen nicht. Sein Tun ist in sich selbst vollkommen und genügend. Aber wieder so, daß sie sein Bitten auch vor Gott bezeugen, ihm mitten im Kosmos eine Bestätigung dafür sein darf, daß sein Name schon geheiligt wird, sein Reich schon gekommen ist, sein Wille schon geschieht auch auf Erden, daß der ganze Kosmos schon in die Bewegung gekommen ist, deren Endziel den Sinn seiner Erschaffung und seines Bestandes, alles in ihm stattfindenden Geschehens bildet. Die bittende Gemeinde steht so mit ihrem Herrn zusammen für die ganze Schöpfung vor Gott. In ihr ist nicht nur die Fülle aller göttlichen Gabe und Erhörung schon Gegenwart, sondern in ihr geschieht auch, indem sie bittet, eben das, was in der übrigen Welt noch nicht geschieht, wo eben dieses Bitten ja immer noch vernachlässigt oder verweigert wird oder doch stumm bleibt. Das Bitten der Gemeinde antizipiert gewissermaßen das Bitten der ganzen Kreatur. Es gibt ihrem bloßen Seufzen Stimme und Ausdruck. Man darf wohl sagen: was immer der ganzen Welt, von ihr selbst unbemerkt, an vorläufiger göttlicher Gabe und Erhörung, als vorläufige Wohltat der gnädigen Geduld Gottes gegenwärtig ist, das ist Antwort auf das die Bitte Jesu [317] Christi nachsprechende Bitten seiner Gemeinde. Indem sie bittet, ist die Welt in ihrer ganzen Gottlosigkeit doch nicht nur gottlos, sondern findet und hat Gott in ihr seinen Partner, geht die Geschichte zwischen ihm und dieser Welt weiter – und nicht nur als Gerichts-, sondern auch als Heils- und Gnadengeschichte weiter – ihrem letzten Ziel entgegen.

Und nun ist jeder einzelne Christ als solcher ein Glied dieser bittenden Gemeinde. Nun ist im Rahmen und Zusammenhang ihres Bittens auch er zum Bitten aufgerufen und befähigt. Sein Bitten gehört also wesentlich und notwendig in diesen Zusammenhang, das heißt aber in den Zusammenhang mit dem Bitten Jesu Christi selbst und also mit dem Bitten seiner Gemeinde. Es ist Jesu Christi Gebet, das Herrengebet, das er so oder so nachbetet, wenn nun auch er bittet. Und es ist gerade als sein persönliches, individuelles Bitten nach der unzweideutigen Weisung dieses Herrengebets ein «Wir-Gebet». Die «Wir» sind die Glieder der Gemeinde und hinter ihnen, nicht mitbetend aber mitseufzend, alle anderen Menschen und Kreaturen. Es handelt sich freilich in der Gemeinschaft und Nachfolge des bittenden Herrn und in der Versammlung und Reihe dieser bittenden «Wir» gar sehr um das persönliche, individuelle Bitten jedes einzelnen Christen. Jetzt kommt es an ihn. Jetzt ist gerade er mit seiner besonderen Sünde und Not, aber auch mit seinem besonderen Anschluß an das Bitten Jesu Christi für die Gemeinde verantwortlich. Jetzt kommt Alles darauf an, daß gerade er als ein in seiner Weise Armer, Demütiger und zuhöchst Bescheidener zu Gott schreie und damit empfange, was als göttliche Gabe und Erhörung gerade für ihn und damit für die ganze Gemeinde schon bereit ist. Jetzt darf und soll er gerade für sich erbitten: die Heiligung des Namens Gottes durch ihn und also durch sein rechtes Beten, das ja selbst immer wieder erbeten sein will – die Aufrichtung des Reiches und also der Herrschaft Gottes in seinem Leben – das Geschehen des Willens Gottes in seinem Leben – das Geschehen des Willens Gottes in seinen freien Gedanken, Worten und Taten – das tägliche Brot, das er braucht, um als Kreatur und Mensch fort und fort da zu sein – die Vergebung der besonderen Schuld, die gerade ihn von Gott trennt – die Bewahrung vor seiner besonderen Versuchung – das Alles, was gerade er nicht hat, was gerade er sich auch nicht nehmen, sondern nur von Gott empfangen kann. Er darf und soll das Alles für sich erbitten. Wie würde er sonst wirklich darum bitten? Er erbittet es aber in jener Ordnung. Er würde wieder nicht wirklich darum bitten, wenn er es so täte, daß er jene Ordnung damit zerbrechen würde. Er bittet mit der ganzen Gemeinde zusammen im Namen Jesu, auf Grund seiner Fürbitte und indem er sich ihm anschließt, an seine Seite tritt. Er kann also, indem er für sich betet, das erste und eigentliche Subjekt, das ihm vorbetet, nicht außer acht lassen, verleugnen und verdrängen, er kann, auch indem er für sich betet, nur ihm nachfolgen und dienen wollen. [318] Er wird – immer indem er für sich bittet – diesem ersten und eigentlichen Subjekt des wirklichen, des, indem es geschieht, schon erhörten Bittens immer den Vortritt lassen. Indem der Christ gerade seine eigenen, seine höchst persönlichen, individuellen Bitten seinem Herrn nachbetet, werden sie auch in seinem Munde zu heiligen Bitten, werden auch seine eigenen Bitten zu erhörten, zu solchen Bitten, in denen es, indem sie Gott dargebracht werden, zum Ergreifen und Annehmen der göttlichen Fülle kommt. Und eben indem der Christ so betet, hören seine Bitten – je direkter sie sich auf das beziehen, was gerade er für sich nötig hat, umsomehr! – auf, Privatbitten zu sein. Sie werden vielmehr, gerade indem sie im «Kämmerlein» gebetet werden, zu Gemeindebitten. Das heißt aber: der Christ wird gerade in der konkreten Gestalt seiner höchst persönlichen Anliegen das Anliegen und die Sache der Gemeinde vor Gott bringen: daß er da – nämlich da in seinem Leben als Glied der Gemeinde – helfe, zum Rechten sehe, errette, sich selbst als herrlich erweise. Gerade, was der Christ persönlich auf der ganzen Linie, seelisch und leiblich und mit Inbegriff des Seins, Ergehens und Verhaltens seiner näheren und ferneren Umgebung und seines Verhältnisses zu ihr, braucht und legitim wünschen darf und soll, ist ja das: daß er an seinem Teil in seiner konkreten Situation und daß mit ihm seine Umgebung zu dem Dienst fähig, brauchbar und willig werde und sei, den Jesus Christus den Seinigen zugewiesen hat und in welchem sie ihr Leben, ihr Heil und ihre Ehre haben dürfen. Der Christ wird also in irgend einer besonderen Gestalt – sie kann sehr unscheinbar, sehr äußerlich, sehr weltlich sein! – darum bitten, an seinem Teil mit denen zusammen, die um ihn sind, dieses Dienstes immer wieder für wert gehalten und fähig zu sein, in diesem Dienst munter bleiben zu dürfen. Das braucht, das wünscht er sich in höchster Legitimität, und eben das empfängt er auch, indem er im Namen Jesu darum bittet. Man sieht von da aus, daß auch die Bitte des einzelnen Christen die Fürbitte nicht nur als einen fakultativen Zusatz bei sich haben kann, sondern wesentlich und notwendig in sich hat, indem sie in der Ordnung des Herrengebetes und also des Wirgebetes geschieht. Betet er im Namen Jesu, betet er also ihm nach, dann betet er ja wie Jesus selbst für die Gemeinde. Er kann, wenn er im Namen Jesu betet, gar nicht dringlicher eben für sich selbst beten, als indem er als Glied der Gemeinde für sie, für ihre Ausrüstung und Ordnung zu ihrem Dienst, für dessen gewissenhafte und fröhliche Ausrichtung, um den Heiligen Geist als um die Kraft ihres Bestandes und ihres Werkes bittet. Er kann freilich auch nicht dringlicher für sie bitten, als indem er ganz schlicht für sich selbst bittet. Und weil die Gemeinde in ihren Gliedern lebt, darum ist das Bitten jedes einzelnen dieser Glieder als solches notwendig auch ein Bitten für die anderen. Im Bitten der Gemeinde, in dessen Rahmen und Zusammenhang [319] auch das besondere Bitten jedes einzelnen Christen seinen Ort hat, bitten darum Alle für Alle, bittet Jeder für Jeden. Denn im Dienst der Gemeinde weiß ein Jeder, daß in demselben Dienst auch jeder Andere gebraucht ist, daß freilich auch kein Anderer ohne Gottes Gabe und Erhörung seines besonderen Dienstes fähig sein kann. Im Dienste der Gemeinde muß also einem Jeden Alles daran liegen, daß auch jeder Andere an Gottes Gabe und Erhörung durch Gott selbst Anteil bekomme. Und es besteht ja auch das wahrhaft und einzig Gute, das ein Jeder jedem Anderen persönlich wünschen kann, eben darin, daß auch ihm dieser Anteil an Gottes Gabe und Erhörung nicht versagt sei, sondern von Gott her zukomme, und daß auf Grund davon auch er im Dienst der Gemeinde seinen Platz ausfüllen möge. Weil eben das im Falle jedes Gliedes der Gemeinde eine Frage ist, die nur Gott beantworten kann, darum kann in ihr keiner für sich selbst und also für die Gemeinde beten, ohne daß er im Rahmen seines Gesichtskreises und Verständnisses auch für Andere und in Wahrheit für alle Anderen betet. Und wenn er das wirklich tut, wird er ja faktisch von selbst auch für die beten, die draußen sind, die selber noch nicht oder nicht mehr beten, sondern nur seufzen können. Er wird dann faktisch für alle Menschen, für die ganze Kreatur, beten.

Das also ist das christliche Gebet. Es ist das menschliche Bitten in dieser Ordnung: im Namen und Dienste Jesu Christi, im Anschluß an sein Bitten, im Zusammenhang des Bittens seiner Gemeinde als die Bitte des einzelnen Christen, die als solche begründet und bezogen ist auf die in demselben Jesus Christus seiner Gemeinde und jedem einzelnen Christen schon zugewendete göttliche Gabe, die für ihn schon vorhandene Erhörung. Es ist das Gebet, das als solches menschliches Bitten das Nehmen und Empfangen der ganzen Fülle dieser Gabe und Erhörung ist. Daß es (1) primär und zentral ein Bitten ist, daß es (2) in dieser ursprünglichen Beziehung zu Gottes Erhörung steht und daß es (3) in dieser Ordnung geschieht, das sind die drei Momente, die für das Verständnis des christlichen Gebetes wesentlich sind. Wir berühren nachher das Letzte, was in unserem Zusammenhang gerade dem Gebet seine besondere Wichtigkeit gibt und bedenken zunächst noch kurz seine Relationen zu den zwei anderen Grundformen des christlichen Verhaltens.

Es ist zunächst klar, daß das christliche Gebet nur das Gebet des christlichen Glaubens sein kann. Es ist ja das menschliche Bitten im Gegenüber zu Gott: das Bitten, in welchem sich der Mensch an dieses Gegenüber wendet, von diesem Gegenüber die Erfüllung seines Verlangens erwartet. Ein begehrendes Seufzen und Schreien ins Leere, hinein in die Finsternis einer vermeintlichen Transzendenz, in welcher der Mensch schließlich doch nur gegen seine eigene Grenze rennt, ohne daß er sie überschreiten dürfte, könnte und wollte, wäre das Bitten nicht, von dem jetzt die Rede war. Daß Gott auch dieses Seufzen hört, und daß er mit seiner [320] Erhörung und Gabe auch für die bloß seufzende Kreatur bestimmt auf, dem Plane ist, ist eine Sache für sich. Das Bitten des christlichen Gebetes aber ist mehr und etwas Anderes als dieses Seufzen. Im christlichen Gebet als dem Gebet des christlichen Glaubens überschreitet der Mensch seine eigene Grenze insofern, als er sich bittend an den Gott wendet, der sich ihm selbst zum Gegenüber gesetzt und gegeben hat. Eben darum mußten wir es entscheidend als ein Nehmen und Empfangen aus Gottes Fülle beschreiben, mußten wir zuerst von Gottes Gabe und Erhörung, konnten wir dann erst von seinem Charakter als Bitten reden. Christliches Gebet ist Anteilnahme an Jesus Christus, und zwar grundlegend Anteilnahme an der Gnade, die in ihm, dem Sohne Gottes, für uns erschienen und am Werke ist, dann erst und daraufhin Anteilnahme an der Bitte des Menschensohnes. Christliches Gebet ist Leben in und mit der Gemeinde Jesu Christi, und zwar zuerst und grundlegend Leben aus und in der Fülle des Geistes und der Hoffnung, die Jesus Christus ihr in seinem Wort, in Taufe und Abendmahl mitgeteilt hat und mitzuteilen nicht aufhört, dann erst und darauf hin Mitwirkung bei dem ihr aufgetragenen Dienste. Christliches Gebet ist die Bewährung der Existenz des Christen als Glied des Leibes Christi, der seine Gemeinde ist, und zwar zuerst und grundlegend die ihm frei geschenkte Bewährung dieser seiner Existenz, die höchste Freiheit, die ihm als einem Kinde Gottes durch dessen einzigen Sohn gegeben ist, dann erst und daraufhin die Erfüllung der Pflicht, zu der er gerade in dieser Freiheit verbunden ist. Indem der Christ betet, bekommt und hat er selber es mit dem barmherzigen Gott zu tun. Um beten zu dürfen, muß er von ihm zum Beter erweckt und berufen sein, muß er die Freiheit des Kindes als Freiheit zum Glauben an ihn empfangen und angenommen, das heißt Gott selbst muß ihn in die Gemeinschaft mit seinem Sohn versetzt, zu seiner Gemeinde versammelt und zu deren lebendigem Glied gemacht haben. In dieser Freiheit betet, bittet er dann, darf und kann er das tun, so wie wir es beschrieben haben; in der vollen Gegenwart und darum auch in der festen Gewißheit, erhört zu sein, indem er bittet. Es braucht keinen großen, es braucht nur wirklichen Glauben dazu. Ohne Glauben kann allerdings auch der Christ nicht beten, wie er ja ohne Glauben überhaupt nicht Christ sein kann.

Die andere Relation des christlichen Gebetes ist ebenso selbstverständlich die des christlichen Gehorsams. Wir kommen jetzt nicht darauf zurück, daß eben das, daß der Christ Gott bittet, der Grundakt seines im Glauben sich betätigenden Gehorsams ist, sondern denken einfach an jene Ordnung, in der sein Bitten seinen Ort hat und stellen fest: Er bittet, indem er sich dieser Ordnung unterstellt. Sein Bitten ist also nicht ein Willkürakt seines Bedürfens und Begehrens. Er bezieht sich ja – wie könnte sein Bitten sonst fröhlich und gewiß sein? – [321] auf Gottes Gabe und Erhörung, die ihm im Glauben gegenwärtig ist. Er richtet sich also, indem er bittet, nach dem Gesetz, in welchem diese Fülle auch über ihn ausgeschüttet ist. Er bittet also – wie käme er auch dazu? – nicht in seinem eigenen Namen, nicht im Vertrauen auf die Kraft und auf den Sinn seines Bittens, sondern im Namen Jesu und im Anschluß an sein Bitten. Er betet also, gerade indem er ganz persönlich für sich betet, keine Privatgebete, sondern an seinem Ort und in seiner Weise, in seinem Anteil an der Gemeinde, ihr Gebet, das gemeinsame Gebet aller Christen. Er betet also, indem er für sich betet, mit allen anderen und für alle anderen, Christen, weil er für den Dienst und das Werk der Gemeinde betet, und betet eben damit dann auch für alle anderen Menschen. So betet er im Gehorsam. Mit allem anderen Beten würde er ja aus dem Glauben herausfallen, hätte er es nicht wirklich mit Gott zu tun, könnte er darum auch nicht in der Gewißheit der Erhörung beten, würde sein Beten doch wieder zu einem bloßen Seufzen bei geschlossenen Türen und Fenstern werden, würde er schließlich doch wieder mit jener bloß angeblichen Transzendenz allein sein. Daß er, auch indem er betet, gehorsam bleibt, bedeutet, daß er in jener Ordnung und so bei der Sache bleibt. Und indem er bei der Sache bleibt, wird sein Bitten als solches immer wieder zum Nehmen und Empfangen. Daß ein ungehorsames Bitten ebenso in sich selbst zusammenbrechen muß wie ein ungläubiges und daß ihm wie diesem keine Erhörung widerfahren kann, das ist nichts als natürlich. Und es ist ebenso klar, daß der Gehorsam, in welchem das christliche Gebet wirklich in jener Ordnung und so bei der Sache bleibt, nur der Gehorsam des Glaubens, der evangelische Gehorsam der freien Kinder Gottes sein kann. Geschieht es aber in diesem Gehorsam, dann kann es gar nicht fehlen, daß es aus einem toten immer wieder zu einem lebendigen, aus einem unnützen immer wieder zu einem fruchtbaren Werk werden wird.

Wir kommen zum Schluß: Das wäre nämlich vom rechten christlichen Gebet viel zu wenig gesagt, wenn wir es als ein lebendiges, fruchtbares Werk bezeichnen und dabei nun doch bloß als an etwas freilich sehr Großes denken würden, was sich in dem im Gehorsam des Glaubens betenden Christen selbst abspielt. Es gibt Theorien vom Gebet, die schließlich doch nur darauf hinauslaufen, daß wir es als die höchste Form religiöser oder nun eben christlicher Selbsterbauung, als ein lebendiges fruchtbares Gespräch des Christen mit sich selbst zu verstehen hätten. Indem wir es zentral als Bitte und ganz von der göttlichen Gabe und Erhörung her und streng in jener Ordnung verstanden haben, in der Jesus Christus selbst der erste und eigentliche Bittende ist, haben wir uns eben von diesen Theorien scheiden müssen, haben wir zum vornherein die objektive Tragweite des christlichen [322] Gebetes ans Licht stellen wollen. Es ging bei dieser ganzen Betrachtung des Christen unter der Weltherrschaft Gottes des Vaters freilich zunächst darum, zur Klärung des Ganzen noch einmal sichtbar zu machen: es gibt ein geschöpfliches Subjekt, nämlich eben den christlichen Menschen, der dieses Verhältnis, in welchem er sich mit allen anderen Geschöpfen faktisch befindet, auch erkennt, der an dem großen Geschehen der Weltherrschaft Gottes nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich teilnimmt, der sich mit ihr im Einverständnis befindet, der hier sachkundig ist. Wir konnten aber eben diese christliche Sachkunde unmöglich als ein bloßes Sehen und Wissen beschreiben. Das Erkennen, das hier in Frage kommt, hat sich uns vielmehr als ein bestimmtes Verhalten dargestellt: das Verhalten des christlichen Glaubens, des christlichen Gehorsams und nun zuletzt und zuhöchst: des christlichen Gebetes. Und gerade indem wir das christliche Verhalten in der Form des Gebetes zu verstehen suchten, sind wir über das Bild eines bloßen subjektiven Erkenntnisgrundes des objektiven Geschehens der göttlichen Weltherrschaft und überhaupt über das Bild einer bloß subjektiven Wirklichkeit weit hinausgeführt worden. Kein Zweifel, daß wir uns auch hier – wie bei dieser ganzen Beschreibung des christlichen Verhaltens – mitten im Kreaturgeschehen und also in der Tiefe unter der Weltherrschaft Gottes befinden. Aber das ist auch nicht zu übersehen, daß das ganze christliche Verhalten gerade in dieser Spitze, gerade in der Form des Gebetes, indem es zweifellos da drunten, als eine Kreaturbewegung inmitten alles übrigen Kreaturgeschehens, stattfindet, nach oben weist, hinaus über alle Immanenz des kreatürlichen Subjektes, hinaus auch über alle vermeintliche Transzendenz innerhalb dieser Immanenz. Es tut das, indem es in dieser Spitze die Gestalt der Bitte hat, und zwar der Bitte, die nur von jener göttlichen Gabe und Erhörung her zu verstehen ist, der Bitte, die in jener Ordnung geschieht. Und das ist noch weniger zu übersehen, daß eben das Geschehen da droben, hoch über allem Kreaturgeschehen und also auch über dem christlichen Verhalten auch in der Form des Gebetes, sich diesem gewissermaßen entgegenneigt, in dieses eingeht, sich mit diesem vereinigt, so daß das christliche Verhalten, indem es eine kreatürliche Bewegung ist und bleibt, an Gottes Weltherrschaft Anteil bekommt, so daß eben Gottes Weltherrschaft nicht nur dort droben, sondern nun eben auch da drunten, auch im Verhalten des Christen ihren Ort hat und Ereignis wird. Nicht weil und indem die Kreatur, der Mensch, der Christ dessen fähig wäre und das fertig brächte, Anteil an dieser hohen Sache sich irgendwie zu verschaffen wüßte: er glaubt ja nur, er gehorcht ja nur, und auch sein Gebet ist ja nur ein Bitten! Und nicht weil und indem Gottes Weltherrschaft eben aufhörte, ganz und gar sein Werk zu sein. Wohl aber, weil und indem [323] die Kreatur, der Mensch, der Christ, indem er glaubt, gehorcht und schließlich und zuhöchst betet und also bittet, an dieser Sache Anteil bekommt, weil ihm an ihr von Gott her Anteil gegeben wird: ein von ihm aus gesehen ganz unverständlicher, ein in keiner Weise aus seinem Können, Wollen und Tun ableitbarer, in keiner Weise durch dieses bewirkter oder bedingter, aber ein faktischer, realer Anteil.

Faktischer, realer Anteil an Gottes Weltherrschaft! Gott will die Welt und ihren Lauf als Weltgeschehen nicht so erhalten, begleiten und regieren, daß er von der Welt, von der Kreatur her sich nicht berühren, nicht bewegen, nicht mit sich reden ließe, daß er nicht auf sie hörte, daß er sich, indem er allein Alles bestimmt, nicht auch durch sie bestimmen ließe. Gott ist nicht in dem Sinne frei und unveränderlich, daß er der Gefangene seines eigenen Beschließens, Wollens und Tuns wäre, daß er als der Herr aller Dinge und alles Geschehens ein Einsamer sein und bleiben müßte. Er ist das in seinem trinitarischen Wesen nicht und so auch nicht in seinem Verhältnis zu den Kreaturen. Er ist frei und unveränderlich als der lebendige Gott: als der Gott, der mit seinem Geschöpf verkehren und in diesem Verkehr mit ihm sich auch von ihm her bestimmen lassen will. Gerade seine Souveränität ist so groß, daß sie auch diese Möglichkeit und in ihrer Ausübung auch diese Wirklichkeit umfaßt: daß das Geschöpf aktiv bei seinem Walten dabei sein und mittun darf. Es gibt keine die Alleinherrschaft und Alleinwirksamkeit Gottes begrenzende und konkurrenzierende Kreaturfreiheit; es gibt aber eine von ihm selbst nicht nur zugelassene, sondern gewollte, ja geschaffene Freiheit der Freunde Gottes, denen gegenüber Gott sich selbst dazu bestimmt, sich seinerseits, ohne das Heft auch nur einen Augenblick aus der Hand zu geben, auch von ihnen bestimmen zu lassen. Es gibt keine in irgend einem Sinne eigenmächtig trotzende geschöpfliche Gegenwirkung gegen die ewige Aktivität seines Willens und Tuns; es gibt aber eine durch seine ewige Aktivität geplante, gewollte und geforderte, ermöglichte und verwirklichte und in ihr eingeschlossene geschöpfliche Einwirkung auf die Gestalt und Ausführung seines Wollens und Tuns. Es gibt kein göttliches Nachgeben der Kreatur gegenüber, es gibt aber, indem Gott sich selbst als König und Herr behauptet und durchsetzt, ein göttliches Erhören – auf Grund der unbegreiflichen Gnade Gottes, ein unbegreifliches Erhören sogar der sündigen Kreatur. Das ist die Gnade Gottes gegenüber dem sündigen Menschen, daß er gerade ihm als erhörlicher Gott begegnet, daß er ihn nicht nur zur Demut des Knechtes und nicht nur zur Dankbarkeit des Kindes, sondern zur Vertraulichkeit und Kühnheit seines Freundes beruft, an die Seite seines Thrones, an seine eigene Seite – daß er ihm nicht nur erlaubt, sondern gebietet, ihn anzurufen in der bestimmten Erwartung, daß er ihn nicht nur hören, sondern eben erhören werde, daß sein Bitten also nicht nur subjektive, sondern auch objektive [324] Bedeutung, nämlich Bedeutung für sein eigenes Wollen und Tun haben werde. Gottes Wille geschieht so und so, indem er von der Kreatur darauf angeredet, darum angegangen und bestürmt wird, daß er so und so geschehe. Er geschieht, indem der Verkehr mit ihm, den er selbst ja eröffnet und begründet hat, von der Kreatur her in der Form solches Anredens, Angehens und Bestürmens aufgenommen wird; er geschieht, indem Gott an der Kreatur Anteil nimmt, ihr eben damit aber auch Anteil an sich selber und also am Sinn und an der Richtung seines Handelns gibt. Er geschieht unter dieser Bestimmung. Er triumphiert gerade so als Gottes souveräner, aber eben in seiner göttlichen Souveränität lebendiger Wille.

Und eben das ist es, was in dem Ereignis wird, was wir jetzt als das christliche Verhalten und zuletzt und zuhöchst als das Bitten des christlichen Gebetes beschrieben haben. Man kann ja schon den christlichen Glauben und den christlichen Gehorsam nicht richtig beschreiben, wenn man ihn nicht als ein – gewiß da drunten, in der Tiefe unter Gottes Weltherrschaft, aber real – stattfindendes menschliches Mittun beim Geschehen des Willens Gottes versteht. Es ist aber die Spitze des christlichen Verhaltens im Gebet als Bitte, in welcher das ganz und unzweideutig sichtbar wird. Im Gehorsam ist der Christ der Knecht, im Glauben ist er das Kind, im Gebet aber ist er als Kind und Knecht eben der Freund Gottes, von ihm an seine Seite gerufen und nun wirklich an seiner Seite mit ihm lebend, mit ihm waltend, mit ihm herrschend. Gewiß, er ist und bewegt sich auch so und gerade so da drunten, tief unter seiner Weltherrschaft: Nur als Bittender ist er ja an seine Seite gerufen und nur, indem Gott sich zu ihm herniederbeugt, sich selbst an seine Seite stellt, kann ja das geschehen, daß er auch nur als Bittender an seine Seite gerufen ist, daß er dort sein und dort mit Gott leben, walten und herrschen darf. Nur indem Gott mit der Fülle seiner Gabe und Erhörung zu ihm, für ihn, auf den Plan getreten ist, kann ja das geschehen, daß er ihn bitten und dann eben als Bittender sein Freund sein darf. Hier ist Alles göttliche Herablassung und Gnade und gar nichts menschliche Möglichkeit und Leistung, menschlicher Anspruch und Verdienst, menschliche Eigenmächtigkeit und menschlicher Übermut. Aber eben Gnade schafft und wirkt da, wo ein Mensch christlich glauben und gehorchen und schließlich beten darf. Und eben Gnade schafft und wirkt da dies, daß der Christ bei Gottes Weltherrschaft als Gottes Freund aktiv dabei sein darf: nicht nur als einer ihrer vielen Gegenstände, nicht nur als ihr Zuschauer und wissender Kenner, sondern als Subjekt, das in dieser Sache an seinem Ort und in seinen Grenzen mitzureden hat und auch mitverantwortlich ist.

Es ist klar, daß man auch das nur in der Ordnung verstehen kann, ohne deren Berücksichtigung vom christlichen Gebet, aber schon vom [325] christlichen Glauben und Gehorsam kein vernünftiges Wort gesagt werden könnte, weil es außer ihr das Alles gar nicht geben kann. Der Christ, der als Gottes Freund an dessen Seite steht und bei seiner Weltherrschaft mitredet und mitwirkt, ist ursprünglich und eigentlich der eine Menschensohn Jesus Christus. Er sitzt zur Rechten des allmächtigen Vaters. Er ist mit ihm Herr und König über alle Dinge. Ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Sein Bitten ist das erhörte, das die ganze Fülle der göttlichen Gegenwart und Gabe schon in sich schließende und also das göttliche Wollen und Tun mitbestimmende Werk der Kreatur. Das sei also ferne, daß wir der christlichen Kreatur, etwa ihrer Frömmigkeit, etwa der Kraft ihres Glaubens, etwa dem Ernst ihres Gehorsams oder auch der Tiefe und Inbrunst ihres Gebetes dies zuschreiben wollten, daß sie als solche die Macht habe, mit Gott zu walten und zu herrschen. Es gibt ja keine Christen und keine Christlichkeit ohne Christus. Es gibt aber – und davon reden wir – Christen und eine Christlichkeit durch und mit Christus. Es gibt eine Nachfolge Christi. Es gibt einen Glauben an ihn und in ihm an Gott selber, einen Gehorsam gegen ihn und so auch ein Gebet, ein Bitten mit ihm und auf dem Grunde seiner Fürbitte. Und so gibt es eine Teilnahme des Christen nicht nur an seinem prophetischen und hohepriesterlichen, sondern auch an seinem königlichen Amt. Ist Gott in ihm an unsere Seite getreten, in unsere Niedrigkeit gekommen, so sind wir in ihm an Gottes Seite versetzt, zu ihm und also dahin emporgehoben, von woher in Sachen der Herrschaft über das ganze Kreaturgeschehen die Entscheidungen fallen. Und eben das ist es, was im christlichen Glauben, Gehorsam und Gebet Ereignis wird: daß wir dahin versetzt, dorthin emporgehoben werden. Das zu leugnen oder auch nur in Frage zu stellen, wäre ebenso fatal, wie wenn man die völlige Menschlichkeit und Kreatürlichkeit dieses christlichen Tuns leugnen oder in Frage stellen würde. Nicht der Christ für sich, aber der Christ in Christus ist an Gottes Seite, redet mit und wirkt mit, wo jene Entscheidungen fallen. Nicht der Christ an sich, aber der Christ in Christus ist Knecht und Kind, aber auch Freund Gottes und als solcher mit ihm ein freier Herr aller Dinge.

In Beachtung jener Ordnung ist dazu freilich auch dies zu sagen: er ist es als Glied am Leibe Christi und also als Glied seiner Gemeinde. Er ist es ganz persönlich. Er darf sein eigenes Leben in dieser Freiheit und muß sein eigenes Leben in der damit gegebenen Verantwortlichkeit führen. Aber er kann das nicht auf eigene Faust tun. Er ist wohl persönlich, aber nicht als Privatperson, sondern gewissermaßen als Amtsperson an Gottes Seite gerufen. Und es ist wohl ein persönliches, aber nicht ein privates Bedürfen, Verlangen und Bitten, das dort in aller Gewißheit auf Erhörung hoffen darf, das dort den Willen Gottes bestimmen wird. Gottes Freunde sind ja die Kreaturen, denen er seine Gnade, aber eben damit auch [326] je ihren bestimmten Auftrag in der Welt zugewendet hat. Er beruft sie ja um seiner Sache und also – weil es in seiner Sache um die ganze Schöpfung geht – um der ganzen Schöpfung willen zum Glauben, zum Gehorsam und so auch zum Gebet. In ihrem Amt in dieser Sache also läßt er die Christen mitreden, mitwirken, bei der Gestaltung und beim Geschehen seines Willens. Es ist also nicht irgend ein «Ich» in seiner Isolierung, sondern es sind die «Wir» der zu seinem Volk und zu seinem Dienst Versammelten, die er am königlichen Amt seines Sohnes und so an seiner Weltherrschaft teilnehmen läßt. Unter dieses «Wir» dann auch das «Ich»! So wird ein Jeder genau in dem Maß der Erhörung gewiß sein und Erhörung erfahren dürfen, als er als Glied dieses Volkes, als Berufener zu diesem Dienst glaubt, gehorcht und darum auch betet. Er darf sich nicht wundern, daß er in dem Maß ins Leere greifen müßte, als er das nicht sein oder sofern er in einem anderen Zusammenhang als diesem meinte glauben, gehorchen und schließlich auch beten zu sollen. Er darf sich aber gewiß wundern über die Fülle der Erhörung, der er alsbald teilhaftig ist, indem er das Alles wirklich als Christ und also als Glied der Gemeinde tut.

Setzen wir voraus, daß er das Alles wirklich in jener Ordnung tue, dann kann man von der objektiven Bedeutung des christlichen Verhaltens, auch wenn man dabei schlicht an den einzelnen Christen als solchen denkt, gar nicht hoch genug denken, und jene Theorien, die die Bedeutung des Gebetes bloß auf das Subjektive beschränken möchten, gar nicht scharf genug zurückweisen. Wo der Christ glaubt, gehorcht und betet, da findet unter jener Voraussetzung nicht nur eine kreatürliche Bewegung statt, da bewegt sich vielmehr, verborgen in der kreatürlichen Bewegung, aber höchst real, der Finger, die Hand, das Szepter des die Welt beherrschenden Gottes, mehr noch: da bewegt sich Gottes Herz, da ist er selber als der Lebendige in seiner ganzen Liebe, Weisheit und Macht auf dem Plan. Da befinden wir uns mitten im Regierungssitz, mitten im Geheimnis und Sinn des ganzen Weltgeschehens. Eben dieses Subjektive, das hier zuhöchst und zuletzt nur die Gestalt eines reinen, blöden, hilflosen Bittens hat, nur die Gestalt jener leeren, aber zu Gott hin ausgestreckten Hände – eben dieses Subjektive verhüllt, enthält und aktualisiert dann das Objektivste, die Herrschaft dessen, der als der König Israels, der König des Gnadenreiches alle Dinge in seinen Händen hält, alles Geschehen in der Welt zum Besten lenkt: per Jesum Christum, Dominum nostrum.

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik III/3, Zollikon-Zürich: EVT, 1950, § 49, S. 299-326.

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