Das Buch der Psalmen. Eine Einführung
Von Erich Zenger
Der Psalter, eine Zusammenstellung von 150 Liedern, Gebeten und Gedichten unterschiedlicher Herkunft und Zeit, ist das Dokument einer langen Glaubens- und Gebetsgeschichte. Er ist als das Gebets-, Lese- und Lebensbuch Israels und der Kirche Teil der jüdischen und der christlichen Bibel geworden. Martin Luther hat ihm zu Recht den Ehrentitel »die kleine Biblia« gegeben. Mit den zu einem Buch ausgestalteten Psalmen haben Generationen von Menschen ihr Leben im Angesicht ihres Gottes gelebt – in Freude und in Leid, im Kampf für Gerechtigkeit und im Widerstand gegen Unterdrückung, im Erleben festlicher Gemeinschaft und im geschwisterlichen Ertragen von Unglück, mit Klage und Lobpreis, mit Bitte und Dank. Die Vielgestaltigkeit der sprachlichen Bilder und Formen, die in den Einzelpsalmen auftreten, ist Spiegel der Vielschichtigkeit der Lebenssituationen, für die diese Texte geschaffen wurden. Man hat die Psalmen zu Recht »Gottesdichtung« (Theopoesie) genannt, denn in ihnen geht es nicht um Teilaspekte des Lebens, sondern um Gott als den Grund und Sinn allen Lebens. Die jüdische Tradition hat deshalb diesem Buch den Titel »Buch der Lobpreisungen« gegeben. Dieser Titel mag überraschen, wenn man bedenkt, dass die Mehrzahl dieser Psalmen Klage- und Bittgebete sind. Gleichwohl gilt: Selbst die schärfste Anklage Gottes ist darin Lobpreis Gottes, weil sie an Gott festhält und ihn (wenn auch anklagend) immer noch sucht, wo eigentlich alles gegen ihn zu sprechen scheint. Zugleich zeigen die biblischen Klagepsalmen, die allesamt (mit Ausnahme der Psalmen 88 und 89) mit Klage beginnen und mit hoffnungsvollem, bisweilen sogar freudigem Schluss enden, dass die biblische Klage zum Lob drängt. Auch die Anordnung der 150 Psalmen im Psalmenbuch geht den Weg von der Klage zum Lob, insofern (etwas vergröbernd gesprochen) bis Psalm 90 die Klage und danach bis Psalm 150 der Lobpreis dominiert. Jedenfalls endet das Psalmenbuch in Psalm 146-150 mit einem grandiosen hymnischen Finale.
Die einzelnen Psalmen verdanken sich sehr verschiedenen Entstehungs- und Verwendungssituationen. Die meisten von ihnen sind als Gebetsvorlagen für die familiäre und private Frömmigkeit, sei es beim Tempelbesuch, sei es im familiären Kontext, entstanden. Nicht wenige Psalmen sind für die offizielle Liturgie am Tempel verfasst worden. Einige Psalmen sind als Schultexte gedichtet worden. Wieder andere Psalmen sind für den literarischen Zusammenhang geschaffen worden, in dem sie nun im Psalmenbuch stehen.
Formale und motivliche Merkmale
Die Verfasser der biblischen Psalmen orientierten sich bei der Gestaltung ihrer Texte an bestimmten formalen und motivlichen Konventionen, die zu kennen hilfreich ist, um den in den Einzelpsalmen realisierten Gebetsweg zu erfassen. Zu diesen vorgegebenen Konventionen gehört zunächst die typische Technik der hebräischen Versdichtung, die die Bibelwissenschaft (in Aufnahme eines Begriffs der Geometrie) den »Parallelismus (der Glieder)« nennt. Anders als die Prosa, die ihre Texte als fortlaufenden Satzzusammenhang gestaltet, arbeitet die Poesie mit »Verszeilen«, die nach einem bestimmten Schema aneinandergereiht werden.
Bei den Psalmen sind in der Regel zwei aufeinander folgende Verszeilen (Verszeile = Kolon; Plural: Kola) als eine poetisch zusammengehörende Zweiergruppe (Parallelismus bzw. Bikolon = Zweizeiler) konzipiert. Daneben gibt es auch (viel seltener) die Zusammenordnung von Verszeilen zu einer Dreiergruppe (Trikolon = Dreizeiler) oder (ganz selten) die isolierte Position einer einzigen Verszeile (Monokolon = Einzeiler). In jenen Druckausgaben, die die Psalmen als Gedichte abdrucken, lässt sich diese poetische Technik leicht am Druckbild erkennen. Die von Parallelismen zusammengeordneten zwei oder drei Verszeilen wollen als eine Sinneinheit verstanden werden. Jede Zeile nähert sich gewissermaßen der gemeinten Sache aus einer anderen Perspektive an. Das gibt der Aussage produktive Unschärfe und Plastizität zugleich. Man hat nicht zu Unrecht gesagt, hier komme eine Eigenart des semitischen/hebräischen Denkens zum Niederschlag, das nicht wie das griechische Denken begrifflich abgrenzen, sondern möglichst plastisch die Lebendigkeit einer Sache oder einer Erfahrung wiedergeben will. Die Psalmen verwenden – grob gesprochen – drei unterschiedliche Techniken des Parallelismus:
- Im synonymen Parallelismus (am häufigsten vertreten) wiederholt die zweite Zeile jeweils leicht abgewandelt die Aussage der ersten. Oft ist sogar der Satzbau gleich, manchmal ist er gezielt verändert. Der poetische Reiz liegt darin, die feinen Unterschiede zu erfassen und zu »schmecken« (Beispiel: Ps 8,5-6).
- Beim antithetischen Parallelismus formulieren die beiden als Zweizeiler zusammengehörenden Verszeilen gegensätzliche Aussagen, die aber zugleich als eine spannungsreiche Gesamtaussage mit Ober- und Untertönen gehört werden wollen (Beispiel: Ps 1,6).
- Im synthetischen Parallelismus bilden die beiden Zeilen erst (als »Synthese«) zusammengelesen die beabsichtigte Aussage, d. h. hier wird die erste Zeile durch die zweite so weitergeführt, dass erst durch diese die Aussage selbst abgeschlossen wird oder dass die in der ersten Zeile implizit gemeinte Aussage erst durch die zweite Zeile explizit gemacht wird (Beispiel: Ps 27,1.10).
Gattungen
Die andere konventionelle Vorgabe der einzelnen Psalmen ist die so genannte Gattung. Sie bestimmt den Aufbau (die Architektur) des Psalms, das Inventar seiner Motive und seine theologische Intention. Den Psalmen liegt in der Regel einerseits ein gattungstypisches Sprach- und Bildmuster zu Grunde, aber dieses ist meist so individuell und kunstvoll durchgeführt, dass die einzelnen Psalmen eine gute Mischung aus Konventionalität und Originalität darstellen. Die wichtigsten im Psalter verwendeten Gattungen und deren typische Bauformen lassen sich folgendermaßen charakterisieren:
Klagepsalmen: Klagende Anrufung des Gottesnamens mit Notschilderung, Bitte um Rettung, Vertrauensbekenntnis bzw. Dankversprechen als Vorwegnahme der erhofften Rettung (Beispiele: Ps 6; 13).
Bittpsalmen: Einleitende Bitte mit Betonung der Unschuld, zentrale Bitte mit breiter Schilderung der Not, abschließende Bitte mit Blick auf Feinde und Freunde (Beispiele: Ps 5; 17).
Hymnen/Lobpsalmen: Aufforderung zum Lob Jahwes, Begründung und Durchführung des Lobpreises, meist eingeleitet mit ki (= denn), und Ausklang (Beispiele: Ps 113; 117).
Dankpsalmen: Ankündigung des Dankes (Gottesanrede: »Du«), Rettungserzählung (Gottesanrede: »Du«) und Einladung an die Gemeinde, sich dem Dank an Gott (Rede von Gott: »Er« = Bekenntnis) anzuschließen (Beispiele: Ps 30; 116). Während die Dankpsalmen als Reaktion auf (individuell und punktuell) erfahrene Rettung aus der in den Klage- und Bittpsalmen geschilderten Not zu begreifen sind und als Gattung ursprünglich mit einer familiären Opferfeier am lokalen Heiligtum oder im Jerusalemer Tempel verbunden waren (vgl. die Hinweise auf das sog. Toda-Opfer in Ps 22,26f; 66,13-19), feiern die Hymnen die Größe und Unvergleichbarkeit Jahwes.
Zionspsalmen sind (vermutlich chorisch aufgeführte) Kulthymnen, die den im Zionstempel bzw. in Jerusalem als Gottesstadt gegenwärtigen und von dort aus das Chaos bekämpfenden Gott feiern. Sie sind meist strophisch gegliedert und sind hymnische Tempeltheologie (Beispiele: Ps 46; 47; 48).
Königspsalmen sind ursprünglich rituelle Kompositionen, die mit den verschiedenen Feierlichkeiten des Jerusalemer Königtums (Inthronisation, Hochzeit, Jubiläum) zusammenhängen und eine Königstheologie entfalten; sie partizipieren auffallend stark an der Königstheologie Ägyptens und Assurs (Beispiele: Ps 2; 45; 72; 110).
Weisheitspsalmen sind streng genommen keine Gebete, sondern Meditationen über das Gelingen des Lebens, über das Schicksal der Guten und der Bösen (Theodizeepsalmen), über die Schöpfung und über das Gesetz (Beispiele: Ps 1; 49; 73; 112).
Aufbau des Psalmbuches
Das Psalmenbuch ist nicht als ungeordnetes Archiv von Einzelpsalmen unterschiedlicher Gattungen oder als eine irgendwie gegliederte Anthologie entstanden. Es ist vielmehr eine Zusammenstellung von Teilsammlungen bzw. Teilpsaltern, die ihrerseits eine eigene Entstehungsgeschichte und ein spezifisches theologisches Profil haben. Die Sammler und Redaktoren haben die Einzelpsalmen nach bestimmten Ideen hintereinander gestellt, manchmal haben sie die von ihnen zusammengestellten Psalmen bearbeitet und manchmal haben sie eigene Psalmen verfasst, um das theologische Profil ihrer Teilsammlungen zu schärfen und zu vertiefen. Die Teilsammlungen sind u.a. an den Überschriften erkennbar, die die Sammler sekundär über die Psalmen gesetzt haben (z.B. »von/für David«; »von/für Asaf«; »von den Korachitern«); dabei fällt auf, dass solche Überschriften nicht bunt gemischt auftreten, sondern mehreren aufeinander folgenden Psalmen gemeinsam sind, sodass schon allein von der Überschrift her Psalmengruppen bzw. Teilpsalter angezeigt werden. Diese Gruppenbildung wird dadurch verstärkt, dass die durch gleiche Überschriften zusammengeordneten Psalmengruppen auch motivlich und kompositionell eine gewisse Einheit bilden. Als Psalmengruppen bzw. Teilpsalter mit spezifischem Profil lassen sich im Psalmenbuch u. a. folgende Komplexe erkennen (dies kann hier nur grob angedeutet werden):
1. Die vier durch die Überschrift »von/für David« als Davidsammlungen gekennzeichneten Gruppen (Davidpsalter I: Ps 3-41; Davidpsalter II: Ps 51-72; Davidpsalter III: Ps 108-110; Davidpsalter IV: Ps 138-145) stimmen darin überein, dass sie überwiegend individuelle Klage- und Bittgebete in feindlicher Bedrängnis sind, denen aber an pointierter Position in der Sammlung (im Einzelnen unterschiedlich) einige Lob- und Dankpsalmen zugeordnet sind, die die Erhörung der Klage bzw. die Errettung aus der Not betonen. Das betende Ich hat einerseits häufig das Profil eines verfolgten und bedrängten Königs, der zu dem im Tempel als seinem irdischen Palast bzw. in seinem himmlischen Palast residierenden Gottkönig Jahwe um Beistand und Rettung schreit. Andererseits präsentiert sich das Ich oft als »Armer« und als »Gerechter«, der eben als solcher an die rettende Gerechtigkeit Jahwes appelliert.
2. Die zwölf (!) Asafpsalmen 50,73-83 (Überschrift: »von/für Asaf«) sind stark geschichtstheologisch interessiert und heben sich dadurch unverkennbar von den »Davidsammlungen« ab. Sie bedenken die Geschichte Israels vom Exodus an über das Exil (Klage über die Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem, über die Verwüstung des Landes und über den Hohn der Nachbarvölker) und sie ziehen den Geschichtsbogen aus bis zum »eschatologischen« Gericht, das die von Jahwe als dem Schöpfergott gesetzte universale Weltordnung durchsetzen wird.
3. Die Korachpsalmen Ps 42-49 und 84-85; 87-88 sind – im Unterschied zu den Asafpsalmen – nicht geschichtstheologisch, sondern zionstheologisch bestimmt. In Aufnahme mythischer Vorstellungen (Zion als Götter-, Schöpfungs- und Weltberg) betonen sie die chaosbekämpfende Funktion des auf dem Zion als seiner königlichen Residenz und in seiner Gottesstadt residierenden Gottkönigs Jahwe. Anders als die Asafpsalmen, die die katastrophischen Geschichtserfahrungen Israels (Untergang des Nordreichs 722 v. Chr., Zerstörung Jerusalem 586 v.Chr.) reflektieren und dabei auch Nordreichtheologie einbringen, feiern die Korachpsalmen die Unzerstörbarkeit des Zion und seine »ewige« Funktion als Quellort des Lebens.
4. Weitere gut erkennbare Psalmgruppen mit jeweils spezifischem kompositionellen und theologischen Profil sind die Jahwekönig-Psalmen 93-100, das so genannte Pessach-Hallel Ps 113-118 und die Wallfahrtspsalmen 120-134.
Die einzelnen Teilsammlungen sind nicht in einem einzigen Akt zu dem nun vorliegenden Psalmenbuch vereinigt worden, sondern in einem mehrstufigen Prozess (analog der Entstehung z.B. des Pentateuchs oder des Jesajabuchs). Als Faustregel kann gelten: Die Abfolge der Teilsammlungen im jetzigen Psalmenbuch entspricht auch ihrem Alter. Das bestätigen Beobachtungen, wonach eine ganze Reihe von Psalmen ab Ps 90 gezielt auf Psalmen, die vorher positioniert sind, zurückgreifen und diese aktualisieren (der Davidpsalter IV besteht z.B. weitgehend aus Zitaten vorangehender Psalmen). Das nunmehr vorliegende Psalmenbuch dürfte seine Endgestalt um 150 v.Chr. erhalten haben. Dass es daneben auch andere »Psalmenbuchkompositionen« gab, die sich allerdings nicht durchsetzen konnten, belegen mehrere (Fragmente von) Schriftrollen aus Qumran.
Das kanonische Psalmenbuch zeigt eine klare Endkomposition. Es hat ein Proömium (Ps 1-2), das eine Art »Leseanweisung« darstellt, und ein Finale (Ps 146-150), das eine kleine Theologie des Psalmensingens und -betens bietet. Der Hauptteil Ps 3-145 ist durch die doxologischen Schlussformeln Ps 41,14; 72,18-19; 89,53; 106,48 in fünf »Bücher« gegliedert. Die Gliederung des Psalters in fünf Bücher wird durch den rabbinischen Psalmenmidrasch folgendermaßen gedeutet: »Mose gab den Israeliten die fünf Bücher der Tora, und David gab den Israeliten die fünf Bücher der Psalmen.« In dieser Perspektive wird deutlich: Die Psalmen sind die Antwort Israels auf das in der Tora bezeugte Handeln des Gottes Israels. Dass es Segenssprüche (Doxologien) sind, die diese Fünfteilung des Psalters markieren, betont: Es geht um eine lobpreisende Antwort, die mitten aus dem Leid aufsteigt und die Nähe des rettenden und segnenden Gottes sucht —in den Psalmen und mit den Psalmen. Deshalb kann man das Psalmenbuch als ein sprachliches Heiligtum betrachten, das sich den Beterinnen und Betern als Ort der Gottespräsenz inmitten einer vom Chaos bedrohten Welt (deshalb ist in den Psalmen so oft von den Feinden die Rede) anbietet – und als Partitur eines Lebens im Angesicht Gottes. Die Psalmen halten am Gott der Gerechtigkeit fest – auch wo alles dagegen spricht. Und sie nehmen die Beterinnen und Beter in Dienst für den Kampf um Gerechtigkeit und Menschenwürde, weil sie auf das Kommen des Gottesreichs setzen.
Quelle: Mit der Bibel durch das Jahr 2005. Ökumenische Bibelauslegungen, Stuttgart 2004.