Michael Heymel, Die Geschichte einer Fälschung: Wer wirklich „I Was in Hell with Niemoeller“ schrieb: „Auf die Spur des wirklichen Verfassers von „I was in Hell with Niemoeller“ kam ich erst, als ich Kurt Singers Buch über Niemöller von 1939 mit dem Bericht von Leo Stein verglich und Singers Autobiographie las. Auffällige Parallelen ihrer Berichte über Niemöller legen es nahe, zwischen Kurt Singer und Leo Stein eine engere Beziehung anzunehmen. Hatte Stein sich von Singer beraten lassen? Oder waren beide dieselbe Person? Was Singer später über sein Leben erzählt hat, bestärkte mich in dem Verdacht, dass er es war, der sich in den USA als Leo Stein ausgegeben hat.“

Die Geschichte einer Fälschung: Wer wirklich „I Was in Hell with Niemoeller“ schrieb

Von Michael Heymel

1942 erschien im New Yorker Verlag Fleming H. Revell Company das Buch eines gewissen Leo Stein über Begegnungen und Gespräche mit Martin Niemöller (1892-1984) unter dem reißerischen Titel „I was in Hell with Niemoeller“.[1] Der Verfasser gibt hier wie in seinem vorausgegangenen Artikel „Niemoeller speaks“[2] vor, er sei ein Mithäftling Niemöllers im KZ gewesen. Obwohl dies seit Jahrzehnten als Fiktion erwiesen ist, wird das Buch bis heute unkritisch verbreitet und bis in neueste wissenschaftliche Publikationen[3] hinein als glaubwürdige biographische Quelle eines Zeitzeugen zitiert. Die neuere Forschung hat die Spuren des Autors zurückverfolgt, der sich hinter dem Pseudonym „Leo Stein“ verbirgt, und anhand von Indizien seine wahre Identität zu ermitteln versucht. Sie führen zu dem Schluss, dass als wirklicher Verfasser des Buches sehr wahrscheinlich der österreichisch-deutsche Publizist Kurt Singer (1911-2005) anzusehen ist.[4]

In diesem Aufsatz möchte ich erstens darlegen, was ihn dazu veranlasst haben könnte, seinen fiktiven Bericht zu schreiben. Zweitens werde ich erläutern, warum Singer alias Stein mit seiner Fälschung so erfolgreich sein konnte und warum sie vor allem in der anglo-amerikanischen Welt immer noch als authentisches historisches Dokument gilt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Geschichte von Singers Buch alias Stein einen kurzen Epilog, der abschließend dokumentiert wird.

I.

Martin Niemöller, Gründer des Pfarrernotbunds und mutiger Prediger der Bekennenden Kirche in Berlin-Dahlem, war durch Presseberichte in den USA, Großbritannien, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern bereits weltbekannt, als er am 1. Juli 1937 wegen angeblichen „Kanzelmissbrauchs“ und „staatsfeindlicher Hetze“ verhaftet, im Frühjahr 1938 in einem aufsehenerregenden Prozess freigesprochen und am Ausgang des Gerichts erneut von der Gestapo verhaftet und als „persönlicher Gefangener Adolf Hitlers“ ins KZ Sachsenhausen deportiert wurde. Im Juli 1941 wurde er in den Sonderbau des KZ Dachau gebracht, wo prominente Gefangene, darunter auch katholische Geistliche, inhaftiert waren.

In der britischen und der US-amerikanischen Öffentlichkeit bildete sich zu dieser Zeit ein Mythos: Niemöller als mutiger Prediger des Evangeliums, als neuer Luther (“Hier stehe ich, ich kann nicht anders“) und, nach dem Empfang der Kirchenrepräsentanten bei Hitler im Januar 1934, sogar als der Mann, der Hitler widersteht. Sein Name erschien häufiger in der Presse als die Namen anderer deutscher Kirchenvertreter. Der Mythos wird noch einmal verstärkt durch Prozess und KZ-Haft. Jetzt werden auch Niemöllers letzte Dahlemer Predigten international bekannt. In den USA erscheinen sie 1941 unter dem Titel „God is my Fuehrer“ mit einem Vorwort von Thomas Mann. Der berühmte Exilschriftsteller war sich Niemöllers „symbolische[r] Popularität in diesem Lande“[5] bewusst, zu der besonders das Wochenmagazin „Time“ beitrug, das seit 1937 wiederholt über Niemöller berichtet hatte. Die Weihnachtsausgabe des Jahres 1940 bildete Niemöller als Pastor auf der Titelseite ab und untertitelte: „Martyr of 1940: In Germany only the cross has not bowed to the swastika“. Aus dieser Quelle hatte der Verlag Philosophic Abstracts den werbewirksam Titel für die Ausgabe der Dahlemer Predigten entliehen. Denn „Time“ zitierte Niemöller mit dem Ausspruch: „Nicht Sie, Herr Hitler, sondern Gott ist mein Führer!“[6]

Zu den weit in die Nachkriegszeit reichenden Wirkungen des Niemöller-Mythos gehört, dass geschäftstüchtige Journalisten und Autoren das große Interesse des Publikums an der Geschichte des von den Nazis inhaftierten deutschen Pastors für ihre Zwecke nutzten. Der Mythos ließ sich gewinnbringend vermarkten. Kurt Singer, der eigentlich Kurt Deutsch hieß, war in Wien geboren, aber in Berlin aufgewachsen – seine Mutter war Jüdin, sein Vater Katholik – und wie sein alter egoLeo Stein aus Deutschland geflüchtet. Zuvor hatte er in Schweden ein Niemöller-Hilfskomitee organisiert und ein Buch über Niemöller publiziert.[7] Singer war also gut informiert über Niemöllers Schicksal, und er war darin geübt, verbürgte Tatsachen mit erfundenen Erlebnissen und angeblichen Schriftzeugnissen ‚anzureichern‘. Beides konnte er zu einer die Leser bewegenden personal story verbinden, die sich als true-life story ausgibt.

Der Autor, der sich Leo Stein nennt, präsentiert sein Buch als Dokumentarbericht eines deutsch-jüdischen Zeitzeugen, der Martin Niemöller im Untersuchungsgefängnis Moabit und später im KZ Sachsenhausen begegnet ist. Zum überwiegenden Teil gibt er Gespräche wieder, die er dort mit ihm geführt haben will. Der Bericht gliedert sich in 18 Kapitel, die in lockerer chronologischer Folge auf den Aufenthalt der beiden Gesprächspartner in Moabit (Kap. III-XV) und Sachsenhausen (Kap. XVI-XVIII) bezogen sind und verschiedene Themen behandeln, die in den Gesprächen erörtert wurden. Dabei setzt der Autor deutliche Akzente: Geschildert werden u.a. Begegnungen zwischen Niemöller und Hitler (Kap. V und VI) und Niemöllers mutiges Verhalten während der Haft (Kap. VII und XVII). In Gesprächen äußert sich Niemöller über die politische und kirchliche Lage in Deutschland (Kap. IV und XIII), den Antisemitismus (Kap. IX) und die nationalsozialistische Weltanschauung (Kap. XI und XII).

Das sind Themen, die damals die amerikanischen Leser – und nicht nur sie – interessierten. Die USA befanden sich seit dem 11. Dezember 1941 im Krieg mit Nazi-Deutschland. Unter diesen Umständen musste eine Geschichte, die Niemöller auch im KZ als Helden darstellte,[8] beim Lesepublikum besondere Aufmerksamkeit und Zustimmung finden. Der Autor zeichnet das Bild seines Helden so, dass er für Amerikaner die Züge eines sympathischen guten Deutschen trägt. Er zeigt Niemöller als großen protestantischen Pastor und lebendiges Symbol für Christentum und Humanität. Die Juden, schreibt er, hätten ihn als den Vertreter des Besten in deutscher Kultur und Tradition angesehen. Für Stein ist Niemöller „die führende Kraft der deutschen evangelischen Kirche“ und der Mann, der „gewagt hatte, Hitler herauszufordern“ (S. 13). Mit dem Bekenntnis, Christentum und Antisemitismus seien unvereinbar, lässt Stein den Dahlemer Pfarrer eine Überzeugung aussprechen, die liberal-demokratisch gesinnte Amerikaner, protestantischen Christen und Juden teilen. Niemöller äußert sich hier so, wie die Mehrheit der US-Bürger es sich von ihm gewünscht hätte.  

Singer/Stein stellt sich als deutsch-jüdischen Rechtsanwalt und Dozent oder Tutor an der Berliner Universität dar; es liegt nahe, Berlin als seinen Wohnort anzunehmen. In Begleitung eines Freundes will er Niemöller in Dahlem predigen gehört haben (S. 14). Er behauptet, er selbst sei, weil ein Student ihn denunziert habe, bereits ein Jahr im Gefängnis gewesen, als er Niemöller dort – an einem Sommermorgen (S. 11) – begegnete (S. 18). Niemöller war von Juli 1937 bis Februar 1938 in Moabit. Stein wäre demnach also schon seit Mitte 1936 inhaftiert gewesen. Am Schluss seines Buches behauptet er, durch einen Brief seiner Frau habe er erfahren, dass seine Verwandten in den USA die notwendigen Dokumente geschickt hätten, um seine Einreise in dieses Land zu ermöglichen. Seine Frau habe eine Besuchserlaubnis bei der Gestapo beantragt (S. 245). Am nächsten Morgen habe seine Frau ihn aus Moabit abgeholt, wohin er von Sachsenhausen gebracht wurde (S. 249). Zuvor habe sich Niemöller in Sachsenhausen von ihm verabschiedet und ihm den Auftrag gegeben: „Erzählen Sie der Welt alles, was Sie gesehen und gehört haben! Warnen Sie die Menschen der ganzen Welt, dass Hitler der Feind der Menschheit ist!“ (S. 246).

Die wenigen Angaben über das Schicksal des Autors im Dritten Reich lassen sich nicht verifizieren. Plausibel konnten sie erscheinen, weil es bis Ende 1938 oder Anfang 1939 noch möglich war, dass Häftlinge entlassen wurden, wenn sie nachweisen konnten, dass Angehörige ihre Ausreise organisieren und bezahlen konnten. Einige Mitteilungen, die Stein angeblich von seinem Mithäftling erhalten hat, wecken jedoch Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit. So behauptet er z.B. in seinem Buch, es habe drei Begegnungen Niemöllers mit Adolf Hitler gegeben. In Wirklichkeit war Niemöller nur ein einziges Mal mit Hitler zusammengetroffen: bei dem Empfang der „Kirchenführer“ in der Reichskanzlei am 25. Januar 1934. Im KZ Sachsenhausen befand Niemöller sich in Einzelhaft. Es war für andere Häftlinge unmöglich, Gespräche mit ihm zu führen. Stein scheint darauf vertraut zu haben, dass kaum jemand in den USA genauere Kenntnis von den Haftbedingungen in diesem KZ hatte.

Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit kamen schon vor Erscheinen des Buches auf, als ein Politikhistoriker sich kritisch über einen Artikel Steins in der Zeitschrift „Liberty“ äußerte. Die Herausgeber von „Liberty“ und „The National Jewish Monthly“ sahen sich im Februar 1942 veranlasst, sich mit dem Autor solidarisch zu erklären und ihr Vertrauen in die Echtheit seines Berichts über Niemöller zu bekunden. Edward E. Grusd, der Herausgeber von “The National Jewish Monthly”, warb sogar in einer Besprechung für Steins Buch.[9]

Der britische Historiker James Bentley hat 1984 in seiner Biographie über Niemöller sowohl Steins Buch als auch den Namen des Autors als „durch und durch fiktiv“ beurteilt.[10] Er stellte fest, dass die darin geschilderten Gespräche und Begegnungen so nicht stattgefunden haben. Es handelt sich nach Bentley um „Phantastereien“, über die Freunde Niemöllers entsetzt gewesen seien. Niemöller selbst bekam das Buch „I was in Hell with Niemoeller“ erstmals im Juli 1945 zu sehen.[11] An einen Mithäftling namens Leo Stein konnte er sich nicht erinnern.

Wer aber war der wirkliche Autor der Fälschung? Tatsächlich bemerkt Stein selbst im Vorwort seines Buches, er habe deutsche Dokumente, die seine Identität belegen, beim Verleger hinterlegt (S. 6). Diese Bemerkung verrät, dass Leo Stein nicht sein wirklicher Name, sondern ein Pseudonym des Autors ist.[12] Meine Nachforschungen bestätigten, dass ein Autor mit dem Pseudonym „Leo Stein“ zwar existiert hat, aber seine Selbstauskünfte allem Anschein nach nicht weniger fingiert sind als sein Bericht über Gespräche mit Niemöller. Ein Nachruf in der „New York Times“ vom 17. November 1951 gibt vor, Stein sei nach langer Krankheit 47jährig gestorben.[13] Der Text wurde wahrscheinlich nur veröffentlicht, um Zweifel an der Identität dieses Autors ein für allemal zum Verstummen zu bringen.

Auf die Spur des wirklichen Verfassers von „I was in Hell with Niemoeller“ kam ich erst, als ich Kurt Singers Buch über Niemöller von 1939 mit dem Bericht von Leo Stein verglich und Singers Autobiographie las.[14] Auffällige Parallelen ihrer Berichte über Niemöller legen es nahe, zwischen Kurt Singer und Leo Stein eine engere Beziehung anzunehmen. Beide Autoren stimmen offensichtlich in ihrer Typisierung von Niemöller und Hitler überein. Hatte Stein sich von Singer beraten lassen? Oder waren beide dieselbe Person? Was Singer später über sein Leben erzählt hat, bestärkte mich in dem Verdacht, dass er es war, der sich in den USA als Leo Stein ausgegeben hat.   

Der 1911 in Wien geborene, seit 1919 in Berlin lebende Journalist Singer ging nach Hitlers Machtübernahme in den illegalen Widerstand und nahm den Mädchennamen seiner Mutter an. Gemeinsam mit seiner ersten Frau Hilde Tradelius, die er 1932 geheiratet hatte, betrieb er in Berlin-Charlottenburg eine Buchhandlung und publizierte eine Untergrundzeitschrift, die wöchentlich unter wechselndem Namen erschien. Im Februar 1934 wurden eine Mitarbeiterin und seine Frau verhaftet, während es Singer gelang, über Prag, Wien und Danzig nach Schweden zu fliehen. Dort lernte er Schwedisch und arbeitete für einige Jahre als Journalist für schwedische und schweizerische Nachrichtenblätter. Seine Frau konnte ihm ein Jahr später nach Schweden folgen. Dort sammelte er als Spion für mehrere Geheimdienste der Alliierten Informationen über die Sowjets und die Nazis in Skandinavien. Im Januar 1940 wurde Singers Buch über Hermann Göring, den er als den gefährlichsten Mann Deutschlands bezeichnete,[15] beschlagnahmt. Göring und der deutsche Botschafter in Schweden forderten Singers Auslieferung. Um sich in Sicherheit zu bringen, mussten Singer und seine Frau das Land verlassen und in die USA fliehen.

Als Singer 1940 mit seiner Frau Hilde und seiner kleinen Tochter in New York ankam, benötigte er dringend Geld für den Lebensunterhalt seiner Familie. Er war mit den deutschen Verhältnissen vertraut, vor allem kannte er die Geschichte Martin Niemöllers und ihr Echo in der freien westlichen Presse. Seine Frau war ein Jahr in Moabit inhaftiert gewesen und hatte darüber einen Bericht publiziert.[16] Singer hatte Informationen, wie es in deutschen Konzentrationslagern zuging. Als Journalist wusste er, wie man eine spannende Geschichte erzählt, die sich gut verkaufen lässt. Er hatte sogar 1935/36 über den Krieg zwischen dem faschistischen Italien und Äthiopien als Frontkorrespondent berichtet, ohne dafür je vor Ort gewesen zu sein. Ohne Skrupel berief er sich auf das Recht dichterischer Freiheit. Er habe sich gefragt, „wenn Dante über die Hölle schreiben konnte, ohne je dort gewesen zu sein, warum könnte ich nicht über den Krieg schreiben, den Mussolini in Ostafrika angefangen hatte, selbst wenn ich nicht persönlich mit meiner Schreibmaschine anwesend war, um das Gemetzel einzuschätzen“?[17]

Der Unterschied zwischen der imaginierten Reise in ein symbolisches Universum und einer tatsächlichen Reise in der äußeren Welt, zwischen Poesie und Augenzeugenbericht ist dem Autor offensichtlich gleichgültig. Sein Ziel ist nur, beim Leser den Eindruck zu erwecken, das, was er beschreibt, selbst erlebt zu haben, gleichgültig, ob es wahr oder falsch ist. Es sei damals, so erinnert sich Singer, gängige Praxis gewesen, dass schlechtbezahlte Herausgeber ihre eigenen Bücher pseudonym veröffentlichten.[18] Möglicherweise kam er dadurch auf die Idee, über fiktive Gespräche mit Martin Niemöller in Moabit und im KZ Sachsenhausen zu schreiben.

II.

Sein erfundener Bericht hatte jedenfalls Erfolg. Anfang der 1940er Jahre erschien es in den USA durchaus plausibel, dass ein jüdischer Rechtsanwalt – wie die Kunstfigur Leo Stein – sich für Martin Niemöller interessierte. Dieser hatte als Begründer der Bekennenden Kirche gegen den Antisemitismus der Nationalsozialisten Stellung genommen und damit kirchlichen Widerstand gegen Hitler geübt. Man konnte also einem deutsch-jüdischen Juristen Glauben schenken, wenn er Niemöller in einem Buch öffentlich rühmte.

Das Bild, das Singer alias Stein von ihm entwirft, bestätigt im Wesentlichen den Niemöller-Mythos. Sein Buch „I was in Hell with Niemoeller“ ist ein Beispiel für Fake News im Kampf der freien Welt gegen das NS-Regime. Es diente seinerzeit der ‚guten Sache‘ und konnte dadurch gerechtfertigt werden. Man kann seine Methode, die Fiktion eines Erlebnis- und Augenzeugenberichts, aber genauso im Dienst von autokratischen Politikern und Diktaturen für ihre Propagandalügen anwenden. In der Literatur ist es üblich, mit Fiktionen zu arbeiten. Sie für Tatsachen auszugeben ist mit der Berufsethik eines seriösen Berichterstatters, Journalisten oder Historikers unvereinbar. Diese müssen Informationen überprüfen und sich insbesondere vergewissern, dass ihre Quellen zuverlässig sind.

Steins Buch wurde bis in die jüngste Zeit von britischen und amerikanischen Lesern für bare Münze genommen. Arbeiten von Matthew D. Hockenos und anderen Forschern[19] haben inzwischen gezeigt, in welchem Ausmaß der Niemöller-Mythos durch Printmedien und Filme[20] erzeugt und verbreitet wurde. Dieser Mythos wird heute in seinem historischen Kontext kritisch interpretiert. Neuere Beiträge zur Biographie Niemöllers machen deutlich, wie stark die Erinnerungskultur durch Massenmedien vermittelt und durch Interessen der jeweiligen Gegenwart bestimmt ist.[21] Das gilt auch für die Erinnerung an Niemöller und die Bekennende Kirche.

III.

Nach dem Krieg erhielt Niemöller einen Brief vom Athenäum-Verlag in Bad Godesberg. Man bat ihn, zum Buchprojekt eines in Amerika lebenden, aus Österreich emigrierten Schriftstellers Kurt Singer Stellung zu nehmen, und fragte, ob er diesen Autor empfehlen könne: „Im Verzeichnis der von ihm verfassten Bücher ist auch ein anscheinend im Kriege in Amerika erschienenes Buch angezeigt, das sich mit Ihnen befasst. Wir wären Ihnen sehr zu Dank verbunden für eine kurze Mitteilung darüber, ob Ihnen dieses Werk bekannt ist und was Sie davon halten.“[22] Niemöller antwortete umgehend am 25. Januar 1952, er kenne Kurt Singer nicht. „Vielleicht“, so fuhr er fort,

„ist das Buch, das er seinerzeit über mich geschrieben hat oder geschrieben haben will, unter einem anderen Namen erschienen. Und ich möchte Ihnen gleich sagen: falls dieses Buch etwa heisst „I was in Hell with Niemöller“, dass ich den Verfasser in keiner Weise empfehlen kann, da er eine frei erdichtete Geschichte als seine eigenen Erlebnisse in Amerika verkauft hat. Ich hoffe indessen, dass es sich eben nicht um diesen Verfasser handelt, der damals unter dem Namen Leo Stein schrieb, was, wie ich bestimmt weiss, ein Pseudonym gewesen ist.“[23]

Auf Englisch unter dem Titel Michael Heymel, The Story of a Fake. Who really wrote I Was in Hell with Niemoeller, KZG 35, Heft 2 (2022), S. 370-376.

Pfarrer Dr. theol. habil. Michael Heymel ist als freier Autor und Dozent tätig. Er hat die Biographie Martin Niemöller. Vom Marineoffizier zum Friedenskämpfer (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2017) verfasst.


[1] Leo Stein, „I was in Hell with Niemoeller“. Fleming H. Revell Company: New York 1942; spanische Übersetzung: En el infierno de Hitler con Niemoeller. Recuerdos de la prision. Claridad, Biblioteca Mundo Nuevo: Buenos Aires 1944. Nachdruck unter dem Titel: Hitler Came for Niemoeller. The Nazi War Against Religion. Pelican Pub. Company: Louisiana 2003. Aus der Publisher’s Note geht hervor, dass Steins Text ohne kritische Vorbehalte als „Bericht über Niemöllers Kampf gegen Hitlers Anschlag auf die Religion“ (account on Niemoeller‘s fight against Hitler’s assault on religion) wiedergegeben wird.

[2] Leo Stein, NIEMOELLER speaks!An Exclusive Report By One Who Lived 22 Months In Prison With The Famous German Pastor Who Defied Adolf Hitler, in: The National Jewish Monthly = NJM 55 (Mai 1941), Nr. 9, 284-285, 301-302.

[3] Richard J. Evans, Das Dritte Reich. Bd. 2/1 Diktatur. Deutsche Verlags-Anstalt: München 2006, 285-286; Harold Marcuse, Martin Niemöller was antisemitic– does it matter?, in: https://marcuse.faculty.history.ucsb.edu/ projects/niem/NiemollersAntisemitism.htm (28.4.2022); Marc Saperstein, Agony in the Pulpit. Jewish Preaching in Response to Nazi Persecution and Mass Murder 1933-1945. Hebrew Union College Press: Cincinatti 2018, 568f. Anm. 33 (Kommentar zu einer Predigt von Louis I. Newman vom 13.9.1941).

[4] Vgl. Michael Heymel, Wer war Leo Stein? Spurensuche nach dem Verfasser des Buches „I was in Hell with Niemoeller“, New York 1942, in: Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte 5/2011, 53-87; ders., Martin Niemöller. Vom Marineoffizier zum Friedenskämpfer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2017, 105f.   

[5] Brief vom 9.8.1941 an Agnes E. Meyer, zit. in: Martin Niemöller, Dahlemer Predigten. Kritische Ausgabe, hrsg. von Michael Heymel, Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh 2011, 690.

[6] Ausgabe vom 23. Dezember 1940, Vol. XXXVI, No. 26.

[7] Martin Niemöller. Prästen i koncentrationslägret. Med 50 brev från koncentrationslägret [Martin Niemöller. Der Geistliche im KZ. Mit 50 Briefen aus dem KZ], Fredens Förlag: Stockholm 1939.

[8] Vgl. Basil Miller, Martin Niemoeller. Hero in Concentration Camp. Zondervan Pub.: Grand Rapids, Michigan 1942.

[9] Edward E. Grusd, Hope for the Human Spirit, in: NJM Jg. 56, Nr. 9, Mai 1942, 319.

[10] James Bentley, Martin Niemöller. Eine Biographie [engl. Oxford 1984]. C.H. Beck: München 1985, 187.

[11] Das geht aus einem geheimen Bericht von Francis S. Harmon hervor: „Western Europe In The Wake Of World War II (June 17 – July 18, 1945)“. Vgl. Heymel, Wer war Leo Stein, 59 Anm. 12.

[12] Die Internationale Enzyklopädie der Pseudonyme, Teil II: Pseudonyme, hrsg. von Michael Peschke, Bd. 15, München 2009, 279, enthält keinen Eintrag zu diesem Autor.

[13] Text in: Heymel, Wer war Leo Stein, 63.

[14] Kurt Singer, I Spied and Survived. Nordon Publications: New York 1980. Im Literaturverzeichnis des Wikipedia-Artikels über Kurt Singer fehlt diese wichtige Quelle (30.4.2022).

[15] Kurt Singer, Göring: Tysklands farligaste man, Axel Holmströms Förlag: Stockholm 1939; engl. Übersetzung: Goering: Germany’s Most Dangerous Man. Hutchinson: London 1940.

[16] Hilde Singer, Jag var Hitlers fånge [Ich war Hitlers Gefangene]. Axel Holmströms Förlag: Stockholm 1938.

[17]I rationalized that if Dante could write about hell without having been there, why couldn’t I write about the war Mussolini had started in East Africa, even though I was not personally on hand with my typewriter to assess the carnage?” (Singer, I Spied and Survived, 140). Singer folgerte daraus: „Von jenem Tag an habe ich niemals etwas vollkommen geglaubt, was ich in einem Magazin, einer Zeitung oder einem Sachbuch las“ [From that day on, I have never fully believed anything I read in a magazine, newspaper, or nonfiction book] (ebd. 141; übersetzt von mir, M.H.). 

[18] Singer, I Spied and Survived, 246.

[19] Matthew D. Hockenos, A Hero With Limitations, in: ACC Quarterly Vol. 18, No. 2, June 2012; ders., Then They Came For Me. Martin Niemöller, the Pastor who defied the Nazis. Basic Books, Hachette Book Group: New York 2018.

[20] Vgl. Heymel, Niemöller als Vorbild für ein Theaterstück. Zu Ernst Tollers Drama „Pastor Hall“ (1938), in: Exil 2/2017, 92-102. Die Verfilmung des Stücks von Roy Boulting kam 1940 in Philadelphia und Chicago ins Kino. Victoria J. Barnett weist hin auf den Film “Modern German Christian Martyrs”, der die Geschichte Niemöllers bis zu seiner Verhaftung ins Zentrum stellt. Der Film hatte 1937 seine Premiere in der Riverside Church in New York City. Siehe Barnett, Martin Niemöller and the Complexities of Resistance, in: Lukas Bormann / Michael Heymel (Hg.), Martin Niemöller – Brüche und Neuanfänge. Beiträge zu seiner Biographie und internationalen Rezeption, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2023.

[21] Siehe die Beiträge von Lukas Bormann, Malte Dücker, George Harinck, Matthew D. Hockenos und Wilken Veen, in: Bormann / Heymel (Hg.), Martin Niemöller – Brüche und Neuanfänge.

[22] Athenäum-Verlag Gerhard von Reutern K.G. an Kirchenpräsident Niemöller am 22.1.1952, in: ZA EKHN 62/1407.

[23] Niemöller an den Athenäum-Verlag am 25.1.1952, in ZA EKHN 62/1407.

Hier der Text als pdf.

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