Albrecht Grözinger, Trauer braucht Rituale. Mein Abschied von der Volkskirche: „Wir alle wissen, dass es diese Volkskirche nicht mehr gibt. Diese „unsere Volkskirche“ – wie Manfred Josuttis einmal mit ironischem Unterton formuliert hat – ist tot, mausetot. Und das tut weh. Das tut mir weh. … Immer wenn mich die Trauer über die vergangenen schönen Seiten „unserer“ Volkskirche überkommt, hilft mir die Erinnerung an diese andere Seite der Medaille weiter. Es gibt nicht nur Grund zur Trauer über Verluste, sondern mancher Verlust stellt auch einen Lebensgewinn dar. Der Tod „unserer“ Volkskirche ist eben nicht nur ein Verlust.“

Trauer braucht Rituale. Mein Abschied von der Volkskirche

Von Albrecht Grözinger

Mit erwartbarer Regelmässigkeit erscheinen in der Presse und den sozialen Medien nach der Veröffentlichung der jeweils neuen Kirchenaustrittszahlen die offensichtlich dazu gehörenden Repliken. Und mit erwartbarer Regelmässigkeit gleichen sich auch die Inhalte dieser Repliken. Es ist im Grunde egal, ob man das im Jahre 2003 oder im Jahre 2013 oder im Jahre 2023 gesagt hat. Grob lassen sich drei dieser Inhaltsmuster so skizzieren: 1. Es wird alles noch schlimmer kommen und man kann eh nichts dagegen machen; 2. Kein Grund zur Panik, das sind die notwendigen Begleiterscheinungen von Individualisierung und Pluralisierung; 3. Das ist eindeutig die grösste Gruppe mit den Vorschlägen zur Rezeptur der Gegenmassnahmen. Dieses dritte Paket lässt sich dann noch einmal differenzieren in drei Unterpakete: 3a: Profil schärfen; 3b: Vergrösserung der Angebotspalette; 3c: Näher ran an die Lebenswelten und die Milieus. Die Crux dieser gutgemeinten Ratschläge besteht darin, dass wir auch diese seit dreissig Jahren so hören. Es ist egal, ob der Ratschlag im Jahre 2003 oder 2013 oder 2023 gegeben wurde. Ich habe die Reaktion auf die Veröffentlichung der letzten Zahlen sehr genau verfolgt. In der Palette der guten Ratschläge habe ich nichts (nichts!) gelesen, was ich nicht bereits an anderer Stelle und zu anderer Zeit nicht schon gelesen hätte.

Der Abschied von der Volkskirche – und um nichts anderes handelt es sich bei den von mir geschilderten Veröffentlichungsritualen – fällt schwer. Ganz offensichtlich. Und er ist mit Trauer und Schmerz verbunden. Daher die Rituale. Das wissen wir Theologinnen und Theologen ja: Trauer braucht Rituale. Ich möchte deshalb sehr bewusst aus meiner ganz persönlichen Sicht den Weg meines trauernden Abschieds von der Volkskirche beschreiben.

Die gute alte Volkskirche

Dieser Zwischentitel ist alles andere als ironisch gemeint. Es gab sie wirklich diese gute alte Volkskirche. Ich kokettiere gerne etwas narzisstisch-ironisch mit meinem Geburtsdatum. Ich bin am 25. Mai 1949 geboren. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet. Und so sage ich gerne: Ich gehöre mit zu den „Erstgeborenen der alten Bundesrepublik Deutschland“. Genau so könnte ich sagen: Ich bin ein Kind der guten alten Volkskirche. Denn mehr Volkskirche war die Kirche nie als in den ersten zwei Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland. Durch die neu eingeführte Kirchensteuer und die Ludwig-Erhard-Wunderjahre sprudelten die Geldquellen wie nie zuvor. Durch Grundgesetz und die diversen Landesverfassungen und die damit verbundenen Staatsverträge waren die Kirchen (und übrigens auch die theologischen Fakultäten) fest im rechtlich-organisatorischen Gefüge der Bundesrepublik verankert. Und die Kirchen zehrten (ob berechtigt oder nicht, ist eine andere Frage) von einem moralischen Bonus, der aus ihrem Verhalten während der Jahre 1933-45 resultierte.

Aber es gab eben nicht nur diese – wenn man so sagen will – äussere Vitalität der Volkskirche, sondern sie war individuell-lebensgeschichtliche Realität. Zumindest in meinem Leben. Und da gab es mehrere Haftpunkte. Das wohl wichtigste Element war der Kindergottesdienst mit dem eindeutigen Höhepunkt der jährlichen Weihnachtsfeier für uns und die Familienangehörigen mit der bis auf den letzten Platz gefüllten Südkirche in Esslingen am Neckar. Zu dieser Weihnachtsfeier gehörte merkwürdigerweise die alljährliche rituelle szenische Aufführung des Gleichnisses von den klugen und törichten Jungfrauen (sagte man damals noch ganz ohne schlechtes Sprachgewissen; mein kleiner Bruder sprach immer – vielleicht künftige Korrektheiten ahnend – von den Ölfrauen). Darsteller und Darstellerinnen war die jeweils aktuelle Gruppe der Konfirmand*innen. Noch heute – und da zeigt sich eben die lebensweltliche Prägung durch die gute alte Volkskirche – ist für mich Weihnachten mit diesen jungen Frauen mindestens so verbunden wie mit der Krippe und dem Weihnachtsbaum. Warum dieses Gleichnis als szenische Aufführung, wo doch irgendein Krippenspiel sicher angemessener gewesen wäre? Ich weiss es nicht. Es gehörte dazu. Einfach dazu. Schon meine Mutter hatte dies als Kind so gesehen. Eingeprägt hat sich mir bis auf den heutigen Tag ein weiteres, dann wohl mehr als nur individuelles Geschehen im Zyklus des Kirchenjahres. Am Karfreitag zur Todesstunde Jesu stellte der damalige Süddeutsche Rundfunk für eine Stunde sein Sendegeschehen ein. Es war eine Stunde Schweigen im Radio. Stärker kann ein bestimmtes Ereignis wohl nicht dargestellt werden, als wenn ein Sende-Medium eine Stunde lang nicht sendet. Heute ist das auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr vorstellbar.

Die Entscheidung der jährlichen szenischen Aufführung des Gleichnisses von den Frauen ging wohl zurück – und jetzt kommen wir zum nächsten wichtigen Faktor der guten alten Volkskirche – auf den damaligen Stadtpfarrer (so hiess das damals) Paul Schmidt – übrigens als Nachfolger des berühmteren Otto Riethmüller, des späteren Leiters des Burckhardthauses in Berlin. Paul Schmidt war eine hochinteressante Person. Er war Mitglied der Bekennenden Kirche, theologisch – wie ich später recherchierte – eher an Tillich als an Barth orientiert, und er war Mitglied der sogenannten Schwäbischen Pfarrhauskette, die gefährdete jüdische Menschen oft unter eigener Lebensgefahr versteckte und damit das Leben retten konnte. Und Paul Schmidt war in unserem Stadtteil eine Instanz. Wahrscheinlich weniger eine moralische Instanz, denn dann hätte man ja auch über die Zeit des Nationalsozialismus (selbst-)kritisch reden müssen, was man in der Adenauerzeit bekanntlich nicht tat. Der Stadtpfarrer Schmidt war dadurch eine Instanz, dass er ganz einfach da war, und alle ihn kannten. Auf der Strasse wurde er von allen gegrüsst. Sogar mein Onkel Gustav, der schon vor Jahrzehnten als damaliges KPD-Mitglied aus der Kirche ausgetreten war, zog seine Daimler-Arbeiter-Mütze, wenn er dem „Herrn Stadtpfarrer“ auf der Strasse begegnete. Im Laden traten selbst ältere Frauen höflich beiseite, um ihm den Vortritt zu lassen. Und der Stadtpfarrer hatte – eine grosse Besonderheit damals – ein Auto, womit es für uns Knaben seine besondere Bewandtnis hatte. An ganz, ganz guten Tagen hielt der Herr Stadtpfarrer an, wenn er mit seinem Auto an uns vorbeifuhr, und winkte uns ins Auto. Er fuhr mit uns auf einen nahe gelegenen Feldweg, liess uns ans Steuer und wir durften ein paar hundert Meter den VW-Käfer selbst fahren. Aus heutiger Sicht sicher pädagogisch nicht ganz korrekt, aber für uns einfach wunderbar. Ich nehme mal an, dass keiner, der damals den Käfer fahren durfte, später auf die Idee kam, aus der Kirche auszutreten. Kirchenbindung mittels eines VW-Käfers. Das alles war, nein sicher nicht: gelebte Religion (oder vielleicht doch?), auf jeden Fall aber gelebte Volkskirchlichkeit. Die personal-öffentliche Präsenz des Pfarrers in unserem Stadtteil war wohl das wichtigste Element selbstverständlich gegebener Volkskirchlichkeit.

Schilderte ich bisher den eher alltäglich-jahreszyklischen Aspekt der Volkskirche, so kommt für meine Lebensgeschichte als nicht minder wichtig ein biologisch-lebensgeschichtliches Element dazu. Junge-Sein hiess damals nicht zuletzt CVJM. Noch heute gibt es kaum ein Treffen im grösseren familiären Umfeld, ohne dass nicht nach kürzester Zeit eine CVJM-Story erzählt würde. Knabe-Sein und Pubertät ist in meiner Biografie CVJM-durchtränkt. Man hörte die spannenden Geschichten, sah Filme (in der Vor-Fernsehzeit eine Kostbarkeit), ja – und hörte sich auch die unumgänglichen Bibel-Arbeiten an. Und dann die jährlichen CVJM-Lager in Wildberg im Schwarzwald, wo der CVJM Esslingen ein Heim besass. Da war man längere Zeit weg von den Eltern (die einzige Möglichkeit!). Man spürte bei den nächtlichen Lagerfeuern etwas von romantischer Gemeinschaft, die dann aber in den robusten Kampf-Geländespielen sogleich auf eine harte Probe gestellt wurde. Und wir pubertierenden Knäblein hatten nachts im gemeinsamen Schlafsaal untereinander unsere ersten scheu-zarten sexuellen Erfahrungen. (Von einem Missbrauch durch unsere Jungscharführer habe ich nichts bemerkt und auch bis heute von anderen nichts gehört. Das sei ausdrücklich festgestellt.).

Volkskirche das hiess auch Pluralismus der individuell gelebten Frömmigkeit. Esslingen – das war „normale“ Volkskirche mit CVJM-bedingten leicht evangelikalen Einsprengseln. In meiner Biografie gab es dazu dann die gelebte Alternative. Ein grosser Teil unserer Verwandtschaft lebte in Hülben auf der Schwäbischen Alb. Dieser kleine Ort war stark vom schwäbischen Alt-Pietismus geprägt. Als Kind bis hin in die ersten Studiensemester hinein war ich in den Oster- und Sommerferien stets für längere Zeit in Hülben. Und da begegnete mir noch einmal ein ganz anderes Gesicht der Volkskirche.

Zunächst der Sonntagmorgen. Man machte sich beim ersten Geläute auf den Weg zur Kirche. Und je näher man der Kirche kam, umso mehr füllten sich die Strassen. Beinahe (beinahe!) das ganze Dorf ging zum Gottesdienst – die Männer mit schwarzen Anzügen (und bei Hochzeiten, Beerdigungen und an hohen Feiertagen sogar mit Zylinder), die Frauen im Sonntagskleid und immer mit Hut oder Kopftuch (!). Man sass in der Kirche getrennt. Die Männer auf der Empore, und die Frauen unten im Kirchenschiff. Doch bereits einige wenige Männer setzten sich zu ihren Ehefrauen ins Parterre. Umgekehrt habe ich eine Frau dagegen – wenn ich mich recht erinnere – nie auf der Empore gesehen. Das wäre dann doch wohl Zuviel des Tabubruchs gewesen. Ein nicht sehr frommer Onkel von mir (das einzige Exemplar dieses Typus in meiner Hülbener Verwandtschaft) konnte sich dem Gottesdienstzwang am Sonntag nur dadurch entziehen, dass er die Aufgabe übernahm das sonntägliche Mittagsmahl zu kochen; ein ganz vorzügliches übrigens, wie ich mich erinnere.

Und dann gab es nachmittags die sogenannte „Stunde“, wo sich der harte Kern des Alt-Pietismus traf. Meine beiden Tanten, bei denen ich stets wohnte, haben mich immer mitgenommen. Es wurden dort die wunderschön kitschigen Lieder gesungen, wie „Heute will dich Jesus fragen, bist Du ganz für mich bereit“ oder „Jesu Name nie verklinget“ und es wurde aus der Bibel gelesen und – vor allem – darüber gesprochen. Ich habe (auch gemessen an einer recht milden dogmatischen Correctness) nirgendwo anders so viel an geistreicher Häresie gehört wie in der altpietistischen „Stunde“ in Hülben. Wenn ich mich recht erinnere, bin ich eigentlich immer sehr gerne in die Stunde mitgegangen. Nach meinem ersten Tübinger Studiensemester habe ich es dann sein lassen.

Die dörfliche Volkskirchlichkeit ging dann auch in den Alltagsstrukturen im Haus der beiden unverheirateten Tanten Anna und Mina weiter. Nach dem Mittagessen wurde der Zettel des Neukirchener Kalenders vom Vortag abgerissen und vorgelesen. Und nicht selten von meiner Tante durchaus kritisch kommentiert. Erst danach gab es die Tasse Kaffee zum Abschluss des Mittagessens. So begann der neue Tag im Hause meiner Tanten eigentlich erst so kurz nach 12 Uhr mittags. Volkskirchlichkeit konnte selbst den Gregorianischen Kalender zumindest relativieren.

Wenn ich jetzt einmal hinter meine kleine biografischen Erzählung etwas zurücktrete und versuche, sie begrifflich zu fassen, dann fallen mir folgende Begriffe ein: Selbstverständlichkeit; Personale und rituelle Präsenz im Alltag und Ausseralltäglichen; Pluralität der Frömmigkeitsstile.

Wir alle wissen, dass es diese Volkskirche nicht mehr gibt. Diese „unsere Volkskirche“ – wie Manfred Josuttis einmal mit ironischem Unterton formuliert hat – ist tot, mausetot. Und das tut weh. Das tut mir weh. Wenn ich vor dem Informationskasten „meiner“ ehemaligen Südkirchengemeinde stehe und sehe, dass kein Kindergottesdienst angekündigt ist. Wenn ich dann im Internet sehe, dass man wegen möglicher nächster Termine für Kindergottesdienste das Gemeindebüro anrufen soll, weil es offensichtlich gar keinen regelmässigen Kindergottesdienst mehr gibt, dann gibt mir das einen Stich ins Herz, auch wenn ich das Handeln der heutigen Verantwortlichen gut verstehe und nicht kritisiere. Der einst so traditionsreiche Kindergottesdienst der Südkirchengemeinde Esslingen ist gestorben, „als wär’s ein Stück von mir“. Wenn ich heute einen Gottesdienst in „meinem“ Hülben besuche, dann sehe ich zwar mehr als zwanzig Gottesdienstbesucher*innen – aber viel, viel mehr leere als besetzte Plätze. Ein anderes Beispiel: Früher gab es in beinahe jeder Mittelstadt und auf jeden Fall in den grösseren Städten eine gutbestückte evangelische Buchhandlung mit kompetenten Mitarbeiter*innen. Auch das ist vorbei. Und als ich vor einigen Jahren in Stuttgart statt vor der traditionsreichen Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft vor einem leeren Laden mit geblendeten Schaufensterscheiben stand, da war er wieder da – der bekannte Stich im Herz. „Unsere“ Volkskirche ist tot, mausetot.

Nun will ich nicht in nostalgischer Melancholie versinken, obwohl ich das angesichts des Todes „unserer“ Volkskirche durchaus kenne, sondern greife zu einem ersten Gegenmittel, nämlich die Erinnerung an die andere Seite „unserer“ Volkskirche – und komme damit zum nächsten Kapitel.

Die gar nicht so gute alte Volkskirche

Es besteht nun gar kein Anlass dazu, diese volkskirchlichen Erfahrungen zu romantisieren. Denn diese Volkskirche hatte auch eine andere Seite. Die alte Volkskirche hatte Macht, und man nutzte diese Macht.

Ich habe von meinem geliebten Herrn Stadtpfarrer Paul Schmidt gesprochen. Ja – er war der „Herr“ Stadtpfarrer, und diese Herren hatten Macht und nahmen sie auch in Anspruch. Ich erzähle mein Beispiel. Als es um die Taufe meiner Schwester ging, wünschten meine Mutter und mein Vater einen Taufgottesdienst am Nachmittag – schlicht aus pragmatischen Gründen, weil er mit weniger Vorbereitung und Arbeit im Vorfeld verbunden war. Also gingen mein Vater und meine Mutter zur Taufanmeldung nach unserem Umzug nun im neuen Stadtteil „Zollberg“. Dort war ein Pfarrer der neueren Generation. Er war SPD-Mitglied und im Stadtrat der Freien Reichsstadt Esslingen. Damals ein Novum und auch beinahe noch eine Ungeheuerlichkeit. Den Konfirmandenunterricht bei ihm schätzte ich. Man merkte, da war durchaus Neues am Werk. Aber beim Taufwunsch meiner Eltern war durchaus „unsere“ alte Volkskirche am Werk. Es hob ein vierwöchiger sehr intensiver Streit zwischen meinem Vater und unserem Gemeindepfarrer an. Aus theologischen Gründen – so wurde mein Vater belehrt – sei ein Taufgottesdienst ausserhalb des regulären Gemeindegottesdienstes am Sonntagvormittag völlig undenkbar. Der Gemeindepfarrer nahm seine theologische Deutungshoheit in Anspruch und liess sich nicht ins Handwerk reden. Das war eben auch die starke, intakte Volkskirche. Der Streit ging übrigens nach vier heftigen Wochen dann doch zugunsten meines Vaters aus. Ich nehme mal an auch aus ganz pragmatischen Gründen, weil unser Pfarrer fürchtete, dass es mein Vater so ernst nehmen würde, dass er schliesslich aus der Kirche austritt. Interessant war übrigens, dass es nach diesem Streit dann plötzlich vermehrt Taufgottesdienste am Nachmittag gab. Aber angesichts der heutigen pluralen Kasualpraxis, die ja als prominenter Werbeträger „unserer“ Nach-Volkskirche fungiert, wirkt der Taufstreit, den mein Vater anzettelte, heute doch recht aus der Zeit gefallen.

Auch diese wunderschönen Sommerfreizeiten des CVJM im Schwarzwald hatten Ihre durchaus dunklen Seiten. Immer wenn ich in den Medien Filme über die Hitlerjugend sehe, zucke ich zusammen. Das kennst Du doch – sage ich mir. Am Morgen gab es vor dem Frühstück den Fahnenappell. Da standen wir fröstelnden Knäblein im Freien, die CVJM-Fahne wurde „ob’s stürmt oder schneit“ gehisst, und wir sangen: „Kreuzesfahnen wollen uns bahnen den Weg durch die finstere Nacht. Mutig wir schreiten Seiten an Seiten, denn Christus ist unsere Macht. Christ Kyrie, dir weihen wir Jugend und Leben, Christ Kyrie dir singen wir hell unser Lied. Lodernde Flammen wollen uns bannen und lähmen die siegreiche Kraft. Schaut nicht zurücke, richtet die Blicke auf Christus, der Freiheit und schafft. Christ Kyrie, dir weihen wir Jugend und Leben, Christ Kyrie dir singen wir hell unser Lied. Keiner der weiche in seinem Reiche, er selbst ist Panier uns und Sieg. Keiner verzage, jeder, der wage zu kämpfen den heiligen Krieg. Christ Kyrie, dir weihen wir Jugend und Leben, Christ Kyrie dir singen wir hell unser Lied.“ So wurden wir Jungen Morgen für Morgen singend in den „Heiligen Krieg“ gerufen. Danach gab’s dann endlich den heissen Kakao. Und dann gab es die schrecklichen Mutproben, vor denen ich so unendliche Angst hatte; und die Geländespiele, wo es darum ging, den anderen einen Lebensfaden abzureissen. Was mir allerdings meist erspart blieb, weil mir Schwächling in der Regel als einem der ersten der Lebensfaden durchtrennt wurde. Und dann die wunderschönen Holzfeuer in der Nacht mit ihrem romantischen Heimatgefühl, die aber verbunden waren mit einem Hell-Dunkel-Freund-Feind-Denken, das in unser Gemüt eingeschrieben wurde. Ich weiss natürlich, dass der Vergleich mit der Hitler-Jugend ungerecht ist. Die Kontinuitäten liefen ja eher über die Traditionen der Bündischen Jugend, die der Hitler-Jugend vorausgingen. Und ich weiss auch, dass das Lied, das uns in den „heiligen Krieg“ einwies, von einem Pfarrer der Bekennenden Kirche stammt und gegen den Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus geschrieben war. Gleichwohl gruselt mich schon, wenn ich daran denke, was uns jungen Menschen im Kontext einer volkskirchlichen Kultur in unsere Gemütswelt eingepflanzt wurde und wovon ich weiss, dass Reste davon immer noch in meinem Gemüt rumoren. Das Ganze war dann noch begleitet von einer rigorosen Sexualmoral, bei der das Onanieverbot an erster Stelle stand. Mir begegnete dies weniger im Kontext des CVJM, sondern auf einem landeskirchlichen Vorbereitungslager für die Aufnahme in die evangelische Internatsschule Seminar Maulbronn. Ironischerweise, aber auch schrecklicherweise wurde uns das Onanieverbot ausgerechnet von einem Mann eingebläut, von dem wir schon damals wussten, dass er es auf uns Knaben abgesehen hatte. „Meine“ evangelische Landeskirche in Württemberg ist gerade dabei, diesen Skandal so ehrlich wie gründlich aufzuarbeiten. Aber all dies gehörte eben auch zu „unserer“ starken und intakten Volkskirche.

Und ein Letztes wovon in diesem Zusammenhang zu erzählen ist. Als wir im Jahre 1977 – diese Jahre waren so ungefähr die Abendstunden der starken intakten Volkskirche – in Stuttgart das Vikariat begannen, wurde uns als erstes erzählt, was so alles auf keinen Fall geht. Dazu zählte unter anderem: Eine homosexuelle Partnerschaft offen zu leben, eine jüdische Frau zu heiraten, die Gemeinde sehen lassen, dass der Freund oder die Freundin bei einem übernachtet. Wenn ich heute den Lobpreis der Diversität höre, der allenthalben in den EKD-Kirchen ertönt, dann kommt mich schon ein etwas schales Gefühl an. Das historische Gedächtnis ist offensichtlich kurz.

Immer wenn mich die Trauer über die vergangenen schönen Seiten „unserer“ Volkskirche überkommt, hilft mir die Erinnerung an diese andere Seite der Medaille weiter. Es gibt nicht nur Grund zur Trauer über Verluste, sondern mancher Verlust stellt auch einen Lebensgewinn dar. Der Tod „unserer“ Volkskirche ist eben nicht nur ein Verlust.

Konsequenz: Reformatorisch grundierte Gelassenheit

Was folgt nun aus meiner kleinen biografischen Erzählung vom Leben und Tod „unserer“ Volkskirche? Lassen sich meine individuellen Erfahrungen mit diesem Leben und Tod öffnen hin zu verallgemeinerbaren Perspektiven? Ich möchte gerne zwei benennen.

Zum Einen: Die sich seit drei Jahrzehnten wiederholenden Rezepturen zeigen eines mit Gewissheit – Es gibt sie nicht die Rezepte. Von „Gottesfinsternis“ haben sie gesprochen, viele Theologen bevorzugt der Weimarer Republik. Das ist mir ein zu grosses Wort und wohl auch nicht sehr zielführend, aber die „Rezeptefinsternis“, mit der wir leben müssen, sollten wir schon wahrnehmen. Alles was in den Rezepten vorgeschlagen wird, wurde in vielen Landeskirchen bereits auf oft phantasievolle und kompetente Weise umgesetzt, aber ohne den versprochenen Erfolg, nämlich den Trend umzukehren oder wenigstens aufzuhalten. Das heisst nun gerade nicht, dass all dies nicht sinnvoll war und ist, was getan wurde und getan wird. Aber wir sollten all dies nicht als Rezepte gegen den Tod der Volkskirche verstehen. Wir tun das allein deshalb, weil es die Menschen verdient haben, bei ihren Begegnungen mit Kirche etwas Lebensdienliches zu erfahren und zu erleben. Aber all diese Rezepte werden in dem Augenblick vergiftet, wo wir von ihnen ein „Mehr“ an Beteiligung und Kirchenbindung erwarten. Vieles von dem was, in diesen Rezepten angeregt wird, hätte im Grunde auch schon „unsere“ alte vitale Volkskirche tun können und tun müssen.

Daraus ergibt sich für mich zum Anderen: Ich rate zu einer reformatorisch grundierten Gelassenheit, wobei Gelassenheit gerade nicht Passivität meint, sondern ein sehr qualifiziertes Tun ist. Ich würde die Gegenwart „unserer“ Nach-Volkskirche beschreiben, als eine Kirche, die sich – nach Wegfall von Traditionsbindung und institutionellen Privilegien, und bald vielleicht auch nach Ablösung der finanziellen Staatsleistungen – nur noch darauf verlassen kann, dass ihr Tun und Reden den Menschen aus sich selbst heraus plausibel und lebensdienlich erscheint. Wie viele Menschen das heute sind oder morgen sein werden, das weiss ich nicht. Aber „unsere Kirche“ nähert sich dem an, was in den ersten reformatorischen Auseinandersetzungen einmal gefordert wurde – nämlich sich auf ein Wirken „sine vi humana sed verbo“ (Confessio Augustana 28) einzulassen. „Allein das Wort“ meint natürlich nicht eine Verengung kirchlichen Handelns auf Sprache. Aber es erinnert uns daran, dass alles kirchliche Handeln davon lebt, dass es die Menschen wie ein schönes Gedicht, wie ein anmutendes Bild, wie eine Melodie, die mir nicht mehr aus dem Sinn geht, gleichsam sanft anmutet und so in seinen Bann zieht. Die „Anmutung“ ist die stärkste Kraft „unserer“ Kirche in der Zukunft. Sollte es je ein Rezept geben, so trüge dies den Namen „Anmutung“.

Dr. Albrecht Grözinger ist emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

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