Altwerden heute – Abschied von einer Ausnahme
Von Hans Saner
Als die hier porträtierten Menschen zur Welt kamen, hatte ein neugeborenes Kind eine Lebenserwartung von ungefähr sechsundvierzig Jahren. Wenn es dieses Alter tatsächlich erreichte – die gefährlichste Zeit war das erste Lebensjahr hatte es gute Aussichten, in die Nähe des biblischen Alters zu kommen. Wie schon in der Antike und im Mittelalter empfand man, daß das Alter mit sechzig Jahren beginnt. Siebzig zu werden war ein Privileg, und das Alter von achtzig Jahren wurde nur in Ausnahmefällen erreicht.
Heute gilt in der Statistik die Konvention, daß alle über Fünfundsechzigjährigen zu den Alten gehören. Im allgemeinen aber halten die Menschen das siebzigste Lebensjahr für den Beginn des Alters. Es ist die Regel, daß dieses Alter beträchtlich überschritten wird. Ein neugeborenes Mädchen hat eine Lebenserwartung von achtzig Jahren, und eine fünfundsechzigjährige Frau, die sich einer normalen Gesundheit erfreut, hat gute Chancen, fünfundachtzig oder älter zu werden. Der Eintritt in das neunte Dezennium darf als Norm angesehen werden, weil ungefähr jeder zweite Mensch es erreicht. Die Tendenz ist weiterhin steigend. Statistiker haben errechnet, daß vom Organismus her ein Alter von etwa hundertzwanzig Jahren dereinst möglich werden könnte, sofern die physischen, psychischen und sozialen Voraussetzungen des «erfolgreichen» Alterns sich weiterhin verbessern. Das hohe Alter wird zum Normalfall und eben dadurch zu einem ganz neuen Problem.
Solange nur wenig Menschen das Greisenalter erreichten, schwankten die abendländischen Kulturen in seiner Einschätzung beträchtlich. Die Ausnahme wurde entweder oberhalb oder unterhalb der Norm angesiedelt und je nachdem prinzipiell positiv oder negativ qualifiziert. Die positive Einschätzung mag insgesamt seltener gewesen sein. Sie gehörte eher in die vornehme Literatur, spiegelte vermutlich die Einstellung der ökonomisch gesicherten Oberschicht zum Alter wieder und begünstigte die Wahrung der bürgerlichen Autorität alter Menschen. Homer, Platon, Sophokles bei den Griechen und am entschiedensten Cicero bei den Römern bestimmten, neben den religiösen Schriften des Judentums, die positiven Stereotype, die durch die abendländischen Kulturen tradiert wurden: Das Alter ist weiser, abgeklärter, erfahrener, nachsichtiger, milder, friedlicher, freier und heiterer als die Jugend, ja selbst als die Zeit der Reife. Als man den uralten Leontiner Gorgias – er ist Berichten zufolge hundertsieben Jahre alt geworden – nach den Plagen seines Alters fragte, soll er geantwortet haben: «Ich habe keine Klagen gegen das Alter vorzubringen.» Das nihil nisi bene (nichts als Gutes) warf seinen freundlichen Glanz von den Toten auf die Alten und von den Alten auf das Alter. Dieses nannte zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Graf von Bentzel-Sternau rückblickend «die angenehmste Epoche des Lebens», und er begründete das einsichtig: «Die mühsame Kletterei auf den Montblanc dieses irdischen Daseins ist vollendet: der Wanderer ruht auf der kalt scheinenden Zinne in der Wärme des Nachgenusses, der Würdigung.» Diese durch Erfahrung gesättigte Vorliebe war seltener als die abstrakte Huldigung an das Alter, die in den Versen des noch nicht dreißigjährigen Hölderlin nachklingt:
«… zuviel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend, verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.»
Friedlich und heiter schien es, seit jeher, für die sozial Benachteiligten nicht zu sein. Selbst Cicero, der die konsequenteste Apologie des Greisenalters schrieb (De senectute) – auch heute noch die lesenswerteste Schrift zu diesem Thema –, räumte ein: «Leicht wird’s bei großer Armut niemandem fallen, auch dem Weisen nicht…» Aber nicht das soziale Mitgefühl, sondern die empirische Nüchternheit der aufkeimenden Wissenschaften einerseits und der Spott der Komödienschreiber andererseits schufen die negativen Stereotype.
Aristoteles glaubte zu erkennen, daß die Alterungsprozesse durch ein allmähliches Erkalten des Organismus verursacht seien. Er hielt das Alter deshalb für eine natürliche Krankheit. Terentius, der römische Komödienschreiber, fand dafür die klassische Formel: «Senectus ipsa est morbus» (Das Alter ist selber eine Krankheit.) Als Roger Bacon im 13. Jahrhundert für Papst Innozenz IV. eine «Gesundheitslehre des Alters» schrieb, übernahm er, vermutlich von Aristoteles, die Kennzeichnung des Alters als Krankheit. Als dann zu Beginn der Neuzeit Paracelsus lehrte, daß das Alter eine Selbstvergiftung des Organismus sei, waren die Autoritäten aus Antike, Mittelalter und Neuzeit beisammen, die alle das gleiche sagten und deshalb unwiderlegbar zu sein schienen. Die Medizin tat sich mit diesem Erbe sehr schwer. Es galt bis tief in unser Jahrhundert als seriöse Einsicht. Sie faßte es vorerst bloß in eine moderne, aber nur scheinbar präzisere Terminologie. Sie sprach von der «Seneszenz» (dem Alter als notwendigem Alterszerfall), der «Involution» (dem Alter als prozeßhafter Rückentwicklung), vom Alter als «Verlust an biologischer Information», als «irreversiblem Degenerationsprozeß», ja als «Entropie» (als zunehmende Desorganisation) des Organismus – bis sie schließlich die prinzipielle Falschheit der aristotelisch-scholastischen Lehrmeinung erkannte. Sie distanziert sich heute von ihr entschieden. Was das Alter immer auch Sein mag – eine Krankheit jedenfalls ist es nicht.
Nicht ohne weiteres verabschieden lassen sich die übrigen, schon aus der Antike stammenden negativen Stereotype. Cicero nannte vier Hauptgründe, deretwegen das Greisenalter «für beklagenswert» gilt: es ruft von den Geschäften ab; es schwächt den Körper; es ist «bar aller Wollüste» und es ist «nicht weit vom Tod».
Cäcilius, so sagt er, nenne einen weiteren Grund: «Daß man gewahrt, man sei den anderen zur Last.» Es dürften ungefähr die Gründe sein, die schon Euripides zum Ausruf veranlaßt hatten: «Fluch dem Alter! Es bringt nur Leid, Schmerz und Tod.»
Die Komödienschreiber fügten dieser Litanei den Spott auf den charakterlichen Zerfall der alten Menschen hinzu. Sie zeichneten die Alten fast durchwegs als eigensinnig, launisch, lächerlich, geizig, lüstern, als nahezu verblödet, aber dennoch verschlagen, als machtgierig und mißtrauisch bis zum Exzeß. All diese Kennzeichnungen sind noch bei Molière anzutreffen. Für das Erzielen komischer Effekte eigneten sie sich prächtig. Man lachte über das Alter auf Kosten der Alten.
Zwischen den positiven und den negativen Qualitäten des Alterns bot die mittlere Stoa einen Ausgleich an. Schon Cicero lehrte, daß man es sich wünschen müsse, daß «der letzte Akt im Schauspiel» – mit ihm verglich er das Greisenalter – «nicht bis zum Überdruß währe». Der um ein Jahrhundert spätere Seneca ließ keinen Zweifel darüber offen, daß man den letzten Akt freiwillig abbrechen sollte, wenn das Alter all seine Annehmlichkeiten verliert. In einem der Briefe an Lucilius zitiert er Epikur: «Ein Leben in Not ist schlimm; aber: in Not zu leben, dazu nötigt uns nichts.» Und er kommentiert: «Überall führen Wege in die Freiheit, viele, kurze und mühelose. Danken wir Gott, daß niemand an das Leben gefesselt ist: Wir haben die Freiheit, die Nöte des Lebens zu Boden zu treten.» Seine Philosophie des Alters hatte eine gewisse Würde: Es kann schön sein, alt zu werden. «Am reizvollsten ist das Alter, das schon bergab führt, aber nicht durch jähen Sturz.» Kündigt sich aber der Sturz in die Häßlichkeit und in die Würdelosigkeit an, dann darf und soll man rechtzeitig aus dem Leben gehen. Man tut dies im Einverständnis mit den Göttern; denn sie selber geben im drohenden Sturz das Zeichen, daß es Zeit ist. Der freie Tod läßt dem Alter so viel Glanz als möglich und nimmt ihm die sonst unvermeidbare Qual und Häßlichkeit. Rechtzeitig zu sterben, ist eine Aufgabe des alternden Menschen.
Weil diese Philosophie des Alters auf einem Verfügungsrecht über das eigene Leben gründete, war sie für das Christentum zu keiner Zeit annehmbar. Schon im frühen Mittelalter und dann bis ins 16. Jahrhundert hinein griff man zurück auf die Lebensalterslehren aus Byzanz. Als Gewährsmänner wurden entweder Konstantin selber oder Isidor von Alexandrien genannt, der um 490 die Leitung der Akademie übernommen hatte. Er lehrte eine Lebensaltersphilosophie, die sich in der Zahl der Lebensalter nach der Anzahl der damals bekannten Planeten – es waren sieben – richtete, im übrigen aber die Abfolge der Lebensalter aus der Idee des sich rundenden Lebensbogens charakterisierte. Dieses naturalistische Fundament – es war nicht genuin christlich, sondern stammt aus der ionischen Philosophie des 6. Jahrhunderts v. Chr. – verstärkte und fixierte noch einmal die negative Einschätzung des Alters. Philippe Ariès zitiert in seinem Werk «L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime» (deutsch: Geschichte der Kindheit) diese Lebensaltersphilosophie nach der Enzyklopädie «Le Grand Propriétaire de toutes choses» (1556), die eine Übersetzung einer lateinischen Kompilation aus dem 13. Jahrhundert war.
Vom ersten Lebensalter, der Kindheit (infantia), wird gesagt, daß es die Zähne einpflanze und «bis zu sieben Jahren» daure. In «diesem Alter wird das, was geboren ist, das Kind genannt, was soviel besagt wie: nicht sprechend, weil es doch in diesem Alter nicht recht sprechen und auch die Worte noch nicht ordentlich bilden kann, denn es hat noch keine wohlgeordneten Zähne, wie Isidor und Konstantin sagen». – Es folgen das Knabenalter (pueritia), das bis zum vierzehnten Lebensjahr dauert, und die Adoleszenz, deren Dauer sehr unterschiedlich, oft bis zum einundzwanzigsten, oft bis zum fünfunddreißigsten Jahr angegeben wird. «Diese Lebensstufe wird Adoleszenz genannt, weil die Person groß genug ist, um zu zeugen, hat Isidor gesagt.» – «Darauf folgt die Jugend, die die Mitte zwischen den Altersstufen hält…» Sie dauert bis zum fünfundvierzigsten oder fünfzigsten (!) Jahr, je nach Gewährsmann. Jugend (iuventus) aber wird diese Zeit genannt, weil der Mensch in ihr «sich und andern» am besten «helfen» (= iuvare) kann. – «Darauf folgt dann laut Isidor die Reifezeit» (gravitas), in welcher der Mensch sich «in seiner ganzen Art ein gewichtiges Ansehen gibt». Sie dauert bis zum sechzigsten Altersjahr; «und in diesem Alter ist der Mensch nicht alt, sondern hat, wie Isidor sagt, die Jugend überschritten». – «Auf diese Altersstufe folgt das Alter (senectus), von dem einige meinen, daß es bis zum siebzigsten Lebensjahr dauert… Das Alter wird von Isidor so genannt, weil die Leute dann wieder klein werden, denn die Alten sind nicht mehr wie früher bei Verstand und reden … dummes Zeug.» – «Der letzte Abschnitt des Alters heißt senies (Greisenalter)… Der Greis ist voller Husten, Auswurf und Schmutz.»
Auffällig ist, wie negativ die frühe Kindheit und beide Altersstadien gekennzeichnet sind. Das Kind ist das Noch-Nicht, und die Alten sind die Nicht-Mehr. Die negativen Begriffe «Kind» und «Greis» sind nur zwei Stiefel desselben Paares. Überall nämlich, wo Menschsein direkt oder indirekt von einer «natürlichen» Reifeform her definiert wird, kann die Kindheit nur als Vorstufe und das Greisenalter nur als Dekadenz verstanden werden. Kinder und Greise sind Mängel-Menschen, und ihnen fehlt keineswegs etwas Beiläufiges, sondern das zentral Menschliche: Sie können noch nicht oder nicht mehr richtig reden; sie sind noch nicht oder nicht mehr vernünftig, noch nicht oder nicht mehr zurechnungsfähig, noch nicht oder nicht mehr reinlich, noch nicht oder nicht mehr Produktions- und genußfähig, noch nicht oder nicht mehr freiheitsfähig.
Von den so eingeschätzten Alten sagt man dann konsequenterweise, daß sie wieder «an Kindes Statt» kommen, und man hält zumindest die Möglichkeit ihrer Entmündigung offen.
All das beruht primär keineswegs auf Beobachtung, sondern auf einer naturalistischen Metaphysik, die das Fundament der einst so populären Lebensalterslehren ist, ein Fundament, das in nahezu alle Anthropologien eingegangen ist, seien sie nun biologischer oder philosophischer Herkunft. Es besagt, daß das Leben des Menschen letztlich der gleichen Ordnung unterliegt wie das Leben der Pflanzen und das der Tiere: daß es aus dem Nicht-Sein aufkeimt, wächst, sich zur Reife entfaltet – dort am fruchtbarsten ist -, dann allmählich an Kraft verliert, welkt und stirbt. Nach diesem Modell ist, so glaubte etwa Herder, auch das Leben der Völker geordnet. Spengler und Toynbee legten es ihren Kulturmorphologien zugrunde. Eine Zeit, die verzweifelt nach einer neuen Naturphilosophie sucht, wie die unsere, ist für diese Metaphysik empfänglich. Die Botschaft von der Eingebundenheit in die Natur wird dort am erfolgreichsten vertreten, wo der Lauf aller Dinge natürlich ist und wo die Menschen, ihre Gemeinschaften und deren Kulturen zu Naturdingen reduziert werden. Der Preis dieser «Weisheit» – ich behaupte, daß sie unter den populären totalisierenden Weltanschauungen die am meisten verbreitete sei – ist immer der Verlust der Freiheit oder der Verzicht auf sie. Menschen verhalten sich dort und dann wie Naturwesen, wo sie ohne Freiheit sind. Am ehesten, so dachte man immer, im Bereich ihrer Leiblichkeit. Aber auch das ist unrichtig. Sie verhalten sich nie und nirgends wie bloße Naturdinge, und deshalb sind die naturalistischen Lebensmodelle für den Menschen in sich falsch.
Die Moderne aber fand in ihnen ein geeignetes Instrument für die Heiligung der Arbeit als Leistung und für deren Verkoppelung mit der Macht:
Keinem Philosophen der Antike oder des Mittelalters wäre es jemals eingefallen, den Menschen für den menschlichsten zu halten, der durch seiner Hände Arbeit am meisten herstellt. Wer derart arbeitend lebte, war ein bánausos, ein Handwerker, und das schickte sich lediglich für die Unterschichten und die Sklaven. Für einen freien Bürger bestand die größte Leistung im mitbestimmenden Dienst an der Polis und in der vernünftigen Lebensgestaltung im Rahmen der Muße. Für dies Letzte gab es kein Quantum mehr als Richtmaß. Die sinnvoll gestaltete Lebenszeit war als Qualität das Ziel. Es konnte auch im hohen Alter erreicht werden, wenn man nur gelernt hatte, das Unvermeidliche zu ertragen und dem Unnötigen zu entsagen.
Zu Beginn der Neuzeit mußte sich das aufstrebende Bürgertum die Rechte der politischen Mitbestimmung erst wieder zurückerobern. Aber mit dem Ideal der Muße brach es radikal. Die Gründe mögen sehr komplex gewesen sein. Leistung jedenfalls mußte sich nun «produktiv» ausweisen. Als Ausnahme geschah das in der ingeniösen Erfindung oder im genialen Werk, als Regel in der Arbeit und in deren Organisation. Im ersten Fall zeigte sich die Qualität einer Leistung in ihrer Neuheit. Im zweiten Fall wies sie sich vor allem durch das Quantum aus. Die Menge an Arbeitskraft, Arbeitszeit, die Schnelligkeit und Fertigkeit der Herstellung und damit die Menge der Produktionsgüter bestimmten den Grad der Leistung. Mit dem Siegeszug des technischen Zeitalters wurde ein weiterer Faktor entscheidend: die Exaktheit der Arbeit. Nun wurde es zunehmend schwieriger, Arbeiter zu sein; denn das, was die Leistung der Arbeit ausmachte: das Quantum und die Exaktheit, schienen sich auszuschließen. Man mußte geschickt und fleißig, schnell und exakt, aufmerksam und ausdauernd sein, und das war Menschen in hohem Alter kaum möglich. – Wer also war alt? Der, der nicht mithalten konnte mit der Norm der Arbeitsleistung. Er wurde in die schlecht- oder unbezahlte Schattenarbeit abgeschoben oder aus dem gesellschaftlichen Arbeitsprozeß ganz ausgestoßen. Wir machen das heute durch die Pensionierung humaner. Aber auch sie ist nicht der Dank für die geleisteten Dienste, sondern die Vorschau auf die nicht mehr zu erwartenden. Die Klasse der aus dem Arbeitsprozeß Ausgeschlossenen – nur so kann man die Zwangspensionierung interpretieren-wird über eine negative Wertbesetzung des Alters indirekt weitgehend entmachtet, ohne daß man sie formell entmündigen müßte.
In der Leistungswelt erreicht man die «natürliche» Reifeform im durchschnittlichen Alter der Höchstleistung. In der Regel werden Menschen dieser Altersklasse in die entscheidenden Machtpositionen gewählt. Es entsteht eine Dreischichtengesellschaft aus ganz und gar Entmündigten (Kinder), die, so sagt man, noch nichts geleistet haben; aus den effektiven Machtträgern der effizientesten Leistungsschicht, die, so sagt man, die schwere Verantwortung auf sich nehmen, und aus den de facto Entmachteten, die, so sagt man, die Früchte ihrer Arbeit genießen dürfen. Das paßt alles zur Lebensaltersphilosophie des Noch-Nicht und des Nicht-Mehr.
Selbst die Grundidee der Demokratie scheint damit verknüpft zu sein. Wenn nämlich alle im Rahmen eines gleichen Rechts stehen sollen; wenn niemand durch seine Herkunft, seine Nationalität, seine Hautfarbe, seine Sprache und seinen Glauben privilegiert oder benachteiligt sein soll; wenn aber trotzdem nicht allen das gleiche zukommen kann, weil die Menschen nicht gleich sind und nicht das gleiche wollen: dann wird zur Frage, wo im Raum der Freiheit ein Maß für das dem einzelnen Zukommende gefunden werden kann. Im Prinzip haben alle Demokratien geantwortet: Das Maß kann allein in den Fähigkeiten und Leistungen der Menschen gefunden werden. Wie aber sollte man die Leistung gerecht bemessen? Man endete wieder bei ihrem Quantum. So wie die Demokratie als Staatsform der verzweifelte Versuch ist, durch das Quantum (die Mehrheit) die Qualität (den vernünftigen und gerechten Entscheid) zu erreichen, so ist die Leistungsgesellschaft der verzweifelte Versuch, die Qualität des Menschen durch das Quantum seiner Leistung zu bestimmen. Beide haben sich bei uns gegenseitig hervorgebracht, obwohl sie nicht notwendigerweise zusammengehören. Es gibt moderne Leistungsgesellschaften, die nicht Demokratien sind, aber keine moderne Demokratie, die nicht eine Leistungsgesellschaft wäre. Vielleicht sind beide lediglich durch den Glauben miteinander verbunden, daß Quantität in Qualität umschlägt oder daß das große Quantum zumindest eine Garantie für die Qualität in sich schließt.
Die soziale Konsequenz der Philosophie des Nicht-Mehr war bei uns die zunehmende Ghettoisierung der alten Menschen. Durch die allmähliche Umstrukturierung der Agrargesellschaft in eine industrielle Gesellschaft verschwand die Großfamilie und mit ihr jener Lebensraum, in dem es einerseits die natürliche Fürsorge für die alten Menschen durch die nächste Generation gab, andererseits die umsorgende Schattenarbeit der Alten für die übernächste Generation, die Kinder der Kinder. Verdammt zur Rolle der Rollenlosigkeit, verunsichert durch die Abnahme der Kräfte, in der Regel beengt durch ökonomische Zwänge und, in der Folge all dessen, zunehmend vereinsamt, sucht und findet man Zuflucht im Altersheim, einer Mischung aus Spital und Anstalt, in dem man gesellschaftlich endgültig marginalisiert ist. Unter seinesgleichen, d. h. unter Altersgenossen, verkürzt man sich im Ghetto das Warten auf den Tod, im einzigen noch verbleibenden Stolz, daß man zumindest niemandem zur Last fällt. Wer sich den Luxus eines Heims nicht leisten kann, vereinsamt inmitten der Gesellschaft. – Und daneben gibt es jene glücklichen Alten, vermutlich eine Minderzahl, die sich aus den Pflichten der Gesellschaft zwar entlassen fühlen, in ihr aber dennoch, sei es durch Produktivität oder Kommunikation, eine Rolle spielen.
Wir wissen nur andeutungsweise, wie die nicht-alten Menschen diese Entwicklung zur Ghettoisierung erleben. Eine Umfrage hat bei amerikanischen Kindern ergeben, daß bereits die Zehnjährigen ein negatives Bild vom Alter haben. Sie halten die sechzigjährigen Menschen, besonders die Männer, für isoliert und vereinsamt. Die Altersmittelschicht kennt andere Sorgen. Sie schiebt die Alten zunehmend in die Rolle von Parasiten, die, ebenso wie die Kinder, von der Produktionskraft der Arbeitenden leben. Sie werden deshalb als soziale «Drohung und Bürde» empfunden, die man, wie jede Last, lossein möchte. Der Befund schmeichelt den Alten nicht. Aber er macht Angst vor denen, die «mitten im Leben» stehen, und nachdenklich über eine Entwicklung, die auf uns zukommt. Sie könnte in den sozialen Haß führen, der die latente ideologische Diskriminierung der Alten in eine manifeste praktische verwandelt und diese auch rechtlich absichert.
Um das zu verhindern, müssen wir, gegen eine lange Tradition, neu über das Alter nachdenken lernen:
Daß Altwerden die Norm ist, verändert alles. Es verschärft zwar die ökonomischen Fürsorgeprobleme, müßte sie aber aus dem sozialen Haß herauslösen. Wenn uns klar wird, daß die Alten das sind, was wir (fast) alle mit großer Wahrscheinlichkeit einst sein werden, verlieren sie jeden Anstrich des Fremden und der Minderheit. Altsein ist keine Ausnahme. Es ist weder mehr noch weniger als «normales» Menschsein. Es ist ein normaler Prozeß des Wandels im Menschsein, der, wie jeder andere, seine Grenzen und Vorzüge hat. So wie es einfach läppisch wäre, ein siebenjähriges Kind daran zu bemessen, ob es gleich hoch springen kann wie ein zwanzigjähriger Athlet, so ist es schlicht und einfach dumm, die Lebensform alter Menschen an einer sogenannten Reifeform der Fünfundvierzig- oder Fünfzigjährigen zu bemessen. Der Mensch ist Mensch in jedem seiner Lebensalter. Jedes Lebensalter ist den anderen in einzelnen Momenten überlegen, in anderen unterlegen. Im Hinblick auf jedes müssen wir die ihm eigenen Qualitäten entdecken und sie kultivieren. Reife im Umkreis des Humanen ist kein Geschenk der Natur an eine Altersstufe, sondern die Kultur der spezifischen Lebensqualitäten in jedem Lebensalter. Es gibt Kinder, die reifer sind als die Reifen von Alters wegen. Wer sich das vergegenwärtigt, spürt den Machtanspruch in den Philosophien des Noch-Nicht und des Nicht-Mehr und befreit sich leichter aus ihm.
Alt in einem zeitlichen Sinn ist man, wenn man schon lange Zeit gealtert hat. Altern, ebenfalls zeitlich verstanden, ist weder eine Verminderung von Fähigkeiten noch eine Rückentwicklung noch ein Niedergang, sondern das eindimensionale, immer irreversible Kontinuum, in dessen Fluß alle Entwicklung steht. Es gibt kein Werden, auch keine Selbstentfaltung, ohne Altern. Kindheit und Jugend sind ebenso bestimmte Phasen des Alterns wie das Greisenalter. Jung in zeitlichem Sinn ist, wer noch nicht lange gealtert hat.
Daß wir uns dieser Banalitäten vergewissern, hat einen guten Sinn. An ihnen merken wir, daß wir Wörter wie «alt», «altern», «Alter», aber auch «jung» und «Jugend» selten bloß in ihrer zeitlichen Bedeutung verwenden. Wir meinen fast immer noch etwas mehr damit, und dieser Zusatz ist meist ein wertendes Vorurteil über die Altersphase, von der wir sprechen. Erst durch dieses Vorurteil bedeutet «altern» dann generell zur Neige gehen, die Plastizität und die überschüssigen Reserven verlieren, absterben.
In diesem wertenden Sinn ist Altern ein teilbarer und ein oft reversibler Prozeß. Wir altern nicht unbedingt gleichzeitig körperlich, geistig-seelisch und sozial. Wir können körperlich im Alter hinfällig werden, aber von großer geistiger Frische sein und seelisch ganz beweglich bleiben. Wir können körperlich und geistig geschmeidig sein, aber aus dem sozialen Arbeitsprozeß ausgeschlossen werden, weil auch die Gesellschaft ein Vorurteil über unser Alter hat. Sind wir nun alt oder jung? Im wertenden Sinn beides zugleich. Wir altern auch nicht gleichmäßig linear. Es gibt Alterseinbrüche, Phasen der Verjüngung und Augenblicke der Jugendlichkeit. Wann sind wir nun alt oder jung? Im wertenden Sinn bald das eine, bald das andere.
Vielleicht erzeugt die Nicht-Gleichzeitigkeit des Alterns die Alterstragödien. Obwohl man sich jung fühlt, sieht man das Alter hereinbrechen oder spürt, daß man für alt gehalten wird. Zu einer Tragödie wird das nur, wenn die verbliebene Jugend das hereinbrechende Alter, aufgrund der Vorurteile, nicht annehmen kann. Oscar Wilde hat diese Möglichkeit in das paradoxe Bonmot gebracht: «Die Tragödie des Alters beruht nicht darin, daß man alt ist, sondern daß man jung ist.» Die Annahme des Alters ist dem leichter, der sich aus den Vorurteilen befreit.
Für diese Befreiung spricht letztlich die gegenläufige Doppelstruktur unseres Daseins. Es ist zugleich sterblich und geburtlich. Als sterbliches nimmt es nicht nur ein Ende, sondern es ist endlich. Als geburtliches hat es nicht nur einen Anfang, sondern es ist anfänglich. Das Kind ist nicht weniger sterblich als der Greis, der Greis nicht weniger geburtlich als das Kind, wenn auch das Kind von der faktischen Geburt weniger weit entfernt ist und der Greis dem Tod in der Regel näher sein mag. Sofern unser Dasein anfänglich bleibt, ist es bei seinem Ursprung in der Welt Es ist dann, metaphysisch gesprochen, in jedem Alter der Möglichkeit nach jung. Denn: «Jung ist, was seinem Ursprung nahe steht» (Baader).
Ein nicht geringer Teil unserer Kulturgeschichte ist ein Zeugnis von der Jugendlichkeit der Alten. Am ergreifendsten hat von ihr, vor mehr als 150 Jahren, Hokusai gesprochen: «Seit ich sechs Jahre alt bin, habe ich die Manie zu zeichnen gehabt. Gegen fünfzig Jahre hatte ich eine unendliche Menge von Zeichnungen veröffentlicht. Aber alles, was ich vor dem dreiundsiebzigsten Jahr geschaffen habe, ist nicht der Rede wert. Gegen das Alter von dreiundsiebzig Jahren ungefähr habe ich etwas von der wahren Natur der Tiere, der Kräuter, der Fische und Insekten begriffen. Folglich werde ich mit achtzig Jahren nochmals Fortschritte gemacht haben, mit neunzig Jahren werde ich das Geheimnis der Dinge durchschauen, und wenn ich hundertzehn Jahre zähle, wird alles von mir, sei es auch nur ein Strich oder ein Punkt, lebendig sein.» – Als er mit neunundachtzig starb, wird es ihm gewesen sein wie vielen Alten: zu früh, um das Wesentliche erreicht zu haben.
Quelle: Vera Isler, Schaut uns an. Porträts von Menschen über Achtzig. Mit einem Essay von Hans Saner, Basel: Birkhäuser, 1986, S. 9-19.