Karl Barths Predigt über Hebräer 4,9-10 vom 22. November 1914: „Meine Freunde, wenn wir Gott haben, der die Herrlichkeit und die Kraft ist, wenn wir die Quelle des Lebens kennen, dann lernen wir auch den Tod, das Sterben verstehen, dann wird auch der Tod zu einem Teil unseres Lebens, der nicht mehr fremd und beängstigend da draußen liegt, sondern den wir hineingenommen haben, der zu uns gehört.“

Predigt über Hebräer 4,9-10

Von Karl Barth

Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes. Denn wer zu seiner Ruhe gekommen ist, der ruhet auch von seinen Werken, gleichwie Gott von seinen. So lasset uns nun Fleiß tun, einzukommen zu dieser Ruhe. (Hebr. 4,9-10)

Liebe Freunde!

Heute wollen wir vom Sterben reden. – Ein trauriger Gegenstand!, denken jetzt vielleicht Manche von euch und Manche vielleicht: o wäre ich heute nicht in die Kirche gekommen, wenn ich nun davon hören soll! Warum von dem reden, was so düster ist, so schwere Gedanken macht und was ja doch einmal kommt, wenn es sein muß? Aber seht, das ists ja gerade, weshalb wir davon reden müssen. Warum soll es denn etwas Trauriges sein, ans Sterben zu denken und [davon] zu reden? Wenn es so ist, dann sind wir böse dran. Dann ist wohl unser ganzes Leben heimlich etwas Trauriges? Denn nicht wahr, das Sterben gehört doch zum Leben, ob wirs nun wollen oder nicht. Unaufhaltsam gehen wir dem Tode entgegen. Wir sind Sterbende, indem wir leben. Irgendwo, früher oder später, wartet auf uns ein Ende. Und das Ende heißt: ein weißes Totenbett, ein Sarg, ein Grab. Du hast es bei Anderen schon oft gesehen, wie das ist, einmal wird es dann auch bei dir so sein. Wenn das etwas Trauriges, Düsteres, Schreckliches ist, dann ist es freilich schlimm. Denn das ist nun so, ob wir daran denken oder nicht. Dann ist wohl überhaupt auf dem Untergrund unseres Lebens eine große Traurigkeit verborgen, die wir nie ganz loswerden – die Traurigkeit darüber, daß dieses Ende einmal auf uns wartet. Und in unser Arbeiten und Schaffen, in unser Lachen und Singen hinein mischt sich heimlich der Giftgedanke: Alles hört einmal auf, und dann mußt du sterben. Wir unterdrücken ihn, und er ist doch da. Wir bringen ihn zum Schweigen, und er stört uns doch beständig. Er ist der Fremdling in unserem Blut, der uns, ob wirs wollen oder nicht, nicht zur Ruhe kommen läßt. Ob wir wohl gut tun, uns nun vorzunehmen, nicht mehr daran zu denken? Ob damit etwas besser wird?

Die Zeitungen berichten uns alle Tage von dem plötzlichen Sterben von Tausenden und Abertausenden. Durch den Krieg ist der Tod auf einmal eine wichtige Sache für Millionen geworden. In endlosen Reihen liegen sie bereits da draußen unter fremdem Rasen gebettet, und endlose Reihen müssen ihnen noch folgen. Eine Kugel kam geflogen, gilt sie mir oder gilt sie dir? Wie wollen wir uns eigentlich dazu stellen? Das Lied vom Sterben ertönt jetzt so eindringlich durch die Welt, daß wir es fast hören müssen, und unwillkürlich antwortet ihm eine Stimme tief aus unserem eigenen Inneren, auch wenn wir fern sind von Krieg und Kriegsgefahr:

wer weiß, wie nahe mir mein Ende,
hin geht die Zeit, her kommt der Tod,
ach wie geschwinde, wie behende,
kann kommen meine Todesnot!

Das ist doch schlimm, wenn wir darauf nur immer nichts Anderes zu antworten wissen als: das ist traurig, laßt uns nicht mehr daran denken! Das ist ja im Grunde eine Feigheit, und aus einer Feigheit kann schwerlich etwas Gutes entstehen. Und die Feigheit entsteht aus einer Unwahrheit: wir wollen uns nicht eingestehen, was nun doch einmal so ist. Die Lüge aber hat noch immer das Leben verdorben. Wir verschleiern und verhüllen etwas, aber wir täuschen niemand als uns selber. Die Unruhe bleibt, und die Traurigkeit unserer Seele, die vor dem Sterben zittert, wird größer und größer. Warum wollen wir eigentlich nicht mutig sein und der Wahrheit die Ehre geben?

Das Sterben etwas Trauriges?! Ja, für den gedankenlosen Menschen. Für den, der gewohnt ist, nicht über das Nächstliegendste hinauszusehen und zu sinnen. Die Gedanken, das innere Leben sind es, die den Menschen reich machen, die ihm Halt geben. Alles Andere, was uns beschäftigen und erfreuen kann, ist eigentlich nur Zubehör des Lebens, ist nur der äußere Apparat, nicht das Leben selbst. Der lebt wirklich, dem die Quelle des inneren Lebens fließt, der etwas weiß von dem Leuchten der Gedanken. Wo das fehlt, da muß freilich der Tod etwas Schreckliches sein.

Gleichgültig und träge floß das Leben dahin, eine einzige lange Dämmerung, ohne einen tiefen Grund, ohne ein großes Ereignis, ohne eine wertvolle Erkenntnis. Und nun kommt in dies Leben etwas so Ungeheures hinein: das Ende, das völlige Ende. Die Uhr ist abgelaufen. Still steht der murmelnde Bach. Heraus heißts auf einmal, aus allem Gewohnten, heraus – und was nun? wohin? Arme Menschen sind wir, wenn wir so leer sind und der Tod als das erste Große über uns hereinbricht. Dann sind wir ihm freilich nicht gewachsen, dann können wir freilich nichts tun als vor ihm Angst haben schon im Voraus.

Etwas Trauriges ist das Sterben auch für alle kurzsichtigen Menschen. Das sind die, die sich zwar Gedanken machen über das Leben, aber es sind Gedanken ohne Flügel: sie vermögen nicht in die Höhe zu steigen, und es sind Gedanken ohne Schwerkraft: sie vermögen nicht in die Tiefe zu dringen. Und nun sinnen sie wohl auch über den Tod nach, aber sie sehen immer nur seine irdische, menschliche, natürliche Seite: sie umsorgen die Leiden, die dem Tode vorangehen können, und den bitteren Todeskampf, sie seufzen beim Gedanken an Alles, was sie zurücklassen müssen, sie werden tief wehmütig, wenn sie sich sagen, wie schnell man sie nach den ersten Zeiten der Trauer wird vergessen, wie leicht man es bald ohne sie wird machen können. Das ist ja alles ganz wahr, das wartet auf uns, und wir tun gut, es im Voraus zu überdenken, daß es so sein wird. Aber was für arme Menschen sind wir, wenn wir über diese Dinge nicht hinauszusehen vermögen! Es ist nicht damit getan, daß wir sinnen und studieren. Viele Menschen studieren nur zu viel. Es müssen große Gedanken sein, die uns bewegen. Und ob es große Gedanken sind, das bewährt sich gegenüber dem Tode. Wer immer nur über seine eigenen Schmerzlein und Freudlein studiert hat, der kann ja nicht anders, er muß vor dem Sterben Angst haben.

Und traurig ist der Gedanke an den Tod auch für alle kleinen Menschen. Ich meine jetzt damit die, die nicht nur von kleinen Gedanken und Gefühlen, sondern auch von einem kleinen Wesen erfüllt sind. Klein ist die Trägheit und die Eitelkeit, klein ist das Geschwätz und der Zank, klein ist der Hochmut und der Geiz, klein ist die Lüge und die Leidenschaft. Klein ist unser natürliches Wesen, solange wir uns selber noch nicht erzogen haben. Klein ist alles das an uns, was wir mit den Tieren gemeinsam haben, worin wir mit dem Tiger oder mit dem Affen auf einer Stufe bleiben. Wo kleines Wesen ist, da ist Furcht vor dem Tod. Es kann nicht anders sein, denn der Tod ist gewaltig groß. Vor ihm erscheint alles Kleine erbärmlich klein. Er nimmt uns gerade alles das weg, woran wir uns natürlicherweise klammern: das liebe warme Leben läßt er erlöschen in grausamer, starrer Kälte, das liebe brauchbare Geld bleibt zurück und hilft uns so wenig mehr, als ob es Kieselsteine wären, was hilft Freude, Ansehen und Einfluß und was wir sonst so wichtig nehmen und um was wir sonst eifern mögen, wenns zum Sterben geht? Der Tod gebietet allen diesen Trieben Halt, indem er ihnen den Stoff und die Nahrung und den Atem nimmt. Der Tod setzt dem Tierischen in uns ein Ziel. Und wenn das nun unser Alles ist? Und wenn wir nun kleine Menschen sind? Dann haben wir freilich Anlaß, uns vor dem Sterben zu fürchten, dann ists wirklich etwas Trauriges, an das wir lieber nicht denken, das wir mit Recht auf die Seite schieben, solange wir können.

Gedankenlosen, kurzsichtigen, kleinen Menschen ist der Gedanke ans Sterben ein trauriger Gedanke. Aber was sind denn das für Menschen? Das sind die Menschen, denen Gott fehlt. Alles das, was ihnen fehlt: inneres Leben und große Gedanken, Würde und Freiheit – das alles ist doch Gott, das alles fließt aus ihm in tausend lebendigen Bächen. Sein ist die Herrlichkeit und die Kraft. Die Herrlichkeit, denn in ihm ist der Reichtum alles Wahren, Großen und Guten, aus dem wir in unserer Armut auch reich werden können, immer aufs neue. Und er ist die Kraft, denn er will und wirkt das Gute. Er befiehlt, so geschieht es, er gebietet, so steht es da [Ps 33, 9]. Wer gedankenlos, kurzsichtig, klein ist, dem fehlt nicht irgend etwas, dem fehlt Gott, dem fehlt die Quelle des Lebens [vgl. Ps 36, 10]. Ihm mangelt es an Orientierung und Überblick über sein Dasein. Unbedeutende Dinge sind ihm unendlich wichtig, und unendlich wichtige sind ihm unbedeutend. Fremd steht er gewissen Erlebnissen gegenüber, er weiß nichts damit anzufangen, wie Felsblöcke aus der Urzeit liegen sie auf seinem Weg. Er erlebt eine große Freude oder ein ebenso großes Unglück, er begegnet einem hervorragenden Menschen, oder es wird ihm eine besonders schwere Aufgabe gestellt. Aber bei dem allen merkt und erfährt er nichts, er hat keinen Segen davon, er ist dem allen nicht gewachsen, dem einen so wenig wie dem anderen. Vor Allem ist er dem Sterben nicht gewachsen, dem ungeheuersten Erlebnis, das unser aller wartet. Wie ein steinerner Klotz wartet der Tod auf ihn. Er kann ihn nicht umgehen, ihm nicht ausweichen, und doch versteht er ihn nicht, [er] ist ihm fremd und ungeheuerlich, er gehört nicht zu seinem Leben, sondern liegt gleichsam draußen als etwas Unnatürliches, als etwas, was nicht sein sollte, gegen das er sich mit aller Kraft sträuben möchte. Und darum fürchtet er den Tod. Wir fürchten ja immer das, was uns fremd ist, was wir nicht verstehen. Es kann nicht anders sein, wenn uns Gott fehlt, wenn wir die Quelle nicht kennen, aus der das Leben kommt, und die Fähigkeit zu leben.

Denn was heißt eigentlich Leben? Leben heißt doch eben nicht nur da sein, seine Tage zubringen einen um den anderen, seine guten und schlimmen Erfahrungen machen mit mehr oder weniger Glück und Verstand. Gegen diese Lebensauffassung sträubt sich das Tiefste und Beste, was in uns ist. Sondern leben heißt ein Meister sein. Leben heißt orientiert sein, heißt, sein Dasein überblicken und etwas daraus zu machen wissen. Leben heißt sein Dasein zu einem Ganzen gestalten, daß da nichts Fremdes und Unnatürliches und Feindseliges übrigbleibt, sondern daß Alles verstanden und verarbeitet wird zu einem Gewinn, zu einem Segen. Wo ein Erlebnis noch so als ein Felsblock daliegt auf unserem Weg, ohne daß wir wissen, was wir damit machen sollen, da soll es uns ein Zeichen sein, daß wir noch nicht völlig wissen, was Leben ist. Wo noch etwas so gleichsam draußen liegt, noch nicht zu uns gehört, da muß es hereingenommen, da muß es unser Besitz werden, wenn unser Leben wahrhaft Leben sein soll.

Und damit das alles sei, damit wir leben können, dazu müssen wir Gott haben. Gott haben heißt einen Meister haben. Und darum dann auch ein Meister sein. Denn wer in Gottes Schule oder Werkstatt steht, der ist schon als Lehrling Meister. Will sagen: er kann etwas, er kann leben. Er tappt nicht ins Ungefähre, er erschrickt nicht und strauchelt nicht, sondern er versteht und begreift, er weiß, was hinter den Dingen ist, so seltsam sie auf den ersten Blick anmuten mögen. Er weiß das Hohe, Freudige, Schöne daraus zu nehmen und sich zur Bereicherung, zum Segen werden zu lassen. Wer Gott hat, der hat den Schlüssel zum Leben und seinen Rätseln und Geheimnissen. Nach und nach, aber sicher und klar müssen sie alle sich ihm auftun. Immer weniger bleibt ihm liegen von solchen Blöcken, mit denen man nichts anzufangen weiß, immer weniger bleibt draußen, immer weniger erscheint fremd und unnatürlich. Immer mehr wird verarbeitet, hereingenommen, wird ein Teil des Ganzen, ein Teil unseres Lebens, das dazugehört und nicht fehlen darf. Meine Freunde, wenn wir Gott haben, der die Herrlichkeit und die Kraft ist, wenn wir die Quelle des Lebens kennen, dann lernen wir auch den Tod, das Sterben verstehen, dann wird auch der Tod zu einem Teil unseres Lebens, der nicht mehr fremd und beängstigend da draußen liegt, sondern den wir hineingenommen haben, der zu uns gehört. Er ist uns dann nichts Schreckliches mehr, und der Gedanke an ihn macht uns nicht trauriger als der Gedanke an irgend ein anderes Erlebnis, das hinter uns oder vor uns liegt.

Denn wenn wir erwacht sind und die Erfahrung gemacht haben, daß wir Gottes Kinder sind, wenn wir Gottes Freunde geworden sind, dann ist uns vor Allem das Eine ganz sicher: Gott stirbt nicht! Wer ihn gesehen hat, der hat den gesehen, der Unsterblichkeit hat [vgl. 1. Tim 6, 16]. Die Natur ist ein großes Sterben. Der Herbst, der Winter, in den wir jetzt eingetreten sind, redet uns vom Sterben und von nichts als vom Sterben. Jede Pflanze, jedes Tierlein, aber nicht nur sie, die Gestirne des Himmels, die Sonne so gut wie unsere Erde, sie haben ihr Dasein eine Zeitlang, und danach ist es aus mit ihnen. Um wieviel mehr das Menschenleben, unser kleines Dasein zwischen Geburt und Tod. Es ist uns gesetzt, einmal zu sterben [vgl. Hebr 9, 27]. Unser körperliches Leben wartet darauf, ob wir ihm einen geistigen Inhalt geben, dann verlöscht es wie Alles in der Welt. Gott stirbt nicht. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

Und ob Alles in ewigem Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.

Wie könnte die Wahrheit vergehen, und wie könnte die Gerechtigkeit und die Liebe sterben? Sie sind der Inhalt der Welt, während alles Andere sich wandelt und vergeht in geheimnisvollem, endlosem Wanderzug. Gottes Herrlichkeit und Kraft steht über Leben und Sterben. Gott sieht den Tod kommen und gehen, er berührt ihn nicht, Gott steht über ihm.

Und nun geht von Gott aus Unsterblichkeit hinein in die Welt. Er behält sein unvergängliches Wesen nicht für sich. Er ist nicht geizig mit dem, was ihn auszeichnet vor Allem, was da ist. Sondern er läßt seine Liebe hineinleuchten in den Strom des Vergänglichen und läßt seinen ruhigen Geist ausgehen und immer wieder ausgehen, ob er nicht Seelen finde, die nach ihm begehren und ihn aufnehmen. Und wo dann seine Liebe einen Widerschein findet und sein Geist eine Heimat, da kehrt Gott selber ein, und da heißt es nun mitten in der Vergänglichkeit: Gott stirbt nicht. Unvergleichlich machtvoll ist der ewige Gott in Jesus Christus in die vergängliche Welt hineingetreten, unvergleichlich kräftig hat da seine Liebe und sein Geist Einlaß begehrt, und wo man ihn gehört und ihm aufgetan hat, da ist es geschehen, daß dem Tode die Macht genommen und Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht wurden [vgl. 2. Tim 1, 10]. Wer an ihn glaubt, der lebt, ob er gleich stürbe [Joh 11, 25]. Er lebt, weil Gott lebt. Und weil Gott nicht stirbt, so kann dann auch Gottes Kind nicht sterben.

Meine Freunde, Erben der Unsterblichkeit Gottes – denkt, was das sagen will. Wir sollen über dem Tod stehen, wie Gott darüber steht. Von sicherer Warte aus sollen wir hinaussehen in den ewigen Wandel der Welt als solche, die eine Heimat haben. Inmitten der Jahrtausende, der unendlichen Welträume, in denen nichts Bleibendes ist, sollen wir uns geborgen fühlen, geborgen in Ewigkeit. Wir sollen den Tod kommen, aber auch wieder gehen sehen. Ja, was ist uns dann der Tod, wenn Gott seinen Bund mit uns geschlossen, wenn wir ihn aufgenommen haben? Wenn er unser Meister geworden ist und wir selber begonnen haben, Meister zu werden über das Leben? Das ist jetzt vor allem Andern sicher, der Tod hat für uns dann keinen Schrecken mehr. Er hört auf, etwas so außerordentlich Wichtiges zu sein, denn wir wissen, vor Gott kann er auf die eine oder andere Weise nichts Anderes sein als ein Übergang. Wir spüren: das eigentliche Leben, das in uns, was wahrhaft Leben zu heißen verdient, das wird von ihm nicht berührt. Wir fürchten uns nicht mehr, denn das eigentlich Lebendige in uns, das wirklich Wertvolle und Große in unserem Dasein, das kann durch den Tod nicht getroffen werden. Was da endigt und zerfällt, das ist nur eine Form. Die Form aber mag zerfallen, was hats dann für Not? Und so ist dieses Zerfallen und Endigen eigentlich ein Schein, ein Schatten. Je lebendiger wir werden am inwendigen Menschen, als Kinder Gottes, desto gelassener werden wir dem Sterben gegenüber. Wir wollen uns nicht zu rasch einbilden, wir seien so weit – so wie wir jetzt sind, muß uns das Sterben etwas furchtbar Ernstes sein – aber es hat Menschen gegeben, die so weit kamen, daß sie des Todes lachen konnten: Tod, wo ist dein Stachel [1. Kor 15, 55]! Trutz, Tod, komm her, ich fürcht dich nicht! Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat [1. Kor 15, 57]. Das waren solche Menschen, die Gottes so sicher geworden waren, daß sie über das Sterben denken konnten, wie Gott darüber denkt, daß sie es auffassen konnten als ein kleines Hindernis auf unserem Weg, das aber eigentlich als Hindernis gar nicht in Betracht kommt, als eine natürliche Angelegenheit, wo es gar nichts zu fürchten gibt, eine Schwelle, die man leichten Schrittes überschreitet, wie man von einem Zimmer ins andere geht. Das mag uns sehr merkwürdig vorkommen, solange uns Gott noch fehlt. Und es ist doch nicht anders: von Gott aus kommen wir zu dieser Gelassenheit. Was ist denn Sterben für den, der das Leben gefunden? Was ist denn der Tod für den, der im Ewigen lebt?

Aber Gelassenheit ist doch nicht das höchste und letzte Wort dem Sterben gegenüber. Wir hören von der Todesverachtung der alten Römer oder der modernen Japaner, wir bewundern sie, aber wir trauen ihr doch den rechten Wert und die rechte Tiefe nicht zu. Wir beobachten auch unter uns häufig eine gewisse Gleichgültigkeit gegen den Tod, die mit Lebensüberdruß und Todesangst eigentlich mehr Ähnlichkeit [hat] als mit der feinen majestätischen Art, in der Gott über dem Tode steht. Wenn wir uns von Gott erlösen lassen, so führt er uns weiter als bloß dahin, daß uns das Sterben gleichgültig wird. Verachtet denn Gott den Tod?, müssen wir fragen. Man verachtet einen Feind, der Tod ist aber kein Feind Gottes. Der Tod wie das Leben sind doch gleicherweise in Gottes Hand, ja, sie sind ihm gleich liebe Kinder, beide mit ihrem besonderen Beruf. Tiefsinnig erzählt uns die Bibel, wie Gott nach vollbrachter Schöpfung ruhte von allen seinen Werken [Gen 2, 2]. Beides gehört zu Gott: seine Schöpfung, das ist das Leben, das Entstehen und Bewegen und Dasein aller Dinge, seine Ruhe, das ist das Vergehen, das Sterben, der Tod. Gottes Schaffen muß sich vollenden in der Ruhe, und diese Ruhe ist doch kein Ende, sondern ewig der Anfang neuen Schaffens. So muß alles Leben sich vollenden im Tod, und doch ist der Tod nicht das Ende, sondern die Verheißung neuen Lebens. So steht Gott wahrhaftig über Tod und Leben. Er braucht in Ewigkeit beide. Wir stehen hier an der äußersten Grenze dessen, was unser Verstand noch denken kann, ohne in Phantasien hineinzugeraten. Aber soviel dürfen wir vielleicht doch noch sagen: Was wir als zwei verschiedene, aufeinanderfolgende Vorgänge betrachten: das Leben und das Sterben, das sind vor Gott nur zwei verschiedene Seiten seines einen gewaltigen Gotteswillens: indem Gott ruht von seinen Werken, ist er in mächtigster Tätigkeit, und all sein Schaffen, alles Drängen, alles Ringen ist ewige Ruh in Gott dem Herrn. Er, der Ewige, umfaßt sie mit einem Blick, und in Ewigkeit wirkt er Beides: im Leben den Tod und im Tode das Leben. Das Kreuz Christi zeigt uns Gottes Gedanken jedem Kinde faßbar: da hat das reinste, beste Leben endigen müssen im Tod, damit aus dem Tode das Leben hervorgehe.

So dürfen wir dem Sterben mit mehr als Gelassenheit entgegensehen. Das Leben und Sterben Jesu, in dem uns Gottes Absichten so deutlich entgegentreten, sagt uns nicht nur: es macht nichts!, sondern: der Tod ist verschlungen in den Sieg [1. Kor 15, 55]. Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes, und wer zu seiner Ruhe gekommen ist, der ruhet auch von seinen Werken, gleichwie Gott von den seinen. Wie zwei Brüder, die einatmen und ausatmen, wie Wurzel und Stamm, so gehören diese beiden zusammen: ein tätiges Leben im Dienste Gottes und die Ruhe in ihm. Sind wir Gottes sicher und gewiß geworden in freudigem Gehorsam und Vertrauen, hat unser Leben ewigen Inhalt bekommen, so empfinden wir doch schmerzlich die Lücke, die da immer bleiben wird zwischen uns und Gott. Wir empfinden sie in der Unruhe, von der unser menschliches Dasein innerlich und äußerlich erfüllt ist. Wir empfinden sie in der mancherlei Qual des Lebens, die keinem erspart bleibt. Wir empfinden sie vor Allem in der Schwachheit des Guten in uns, die uns zeitlebens stecken bleiben läßt in so mancher Halbheit, in so schweren Ungerechtigkeiten, in so bitteren Irrtümern. Gott antwortet uns darauf, indem er uns sterben läßt. Ein Stücklein nur vom Willen Gottes ist geschehen in unserem Leben, ein Stücklein Ewigkeit nur hat sich darin niedergelassen. Dann sagt uns Gott: es ist genug, und die Erde geht zur Erde, der Staub zum Staube, das unsterbliche Teil aber an uns zu dem, dem es gehört und von dem es gekommen ist. Es geht zur Ruhe in Gott. Nicht zur Untätigkeit. Sterben heißt nicht tot werden. Sterben heißt zurückkehren zu Gott, um da neue Kraft zu werden.

Sterben ist die Verheißung neuen Lebens. Aus der Unruhe in den Frieden. Aus der Qual in die Freude. Aus der Schwachheit in die Vollkommenheit. Aus der Halbheit ins volle Leben. Aus der Ungerechtigkeit dieser Welt in die stille, selige Ewigkeit. Sterben ist der Anfang davon. Nur der Anfang. Ihr wißt, wieviel man phantasiert über dies neue Leben. Ich möchte kein Wort zu viel sagen. Ich sage nur das, was wir wissen können: daß Sterben Ruhe in Gott ist und daß es keine Ruhe in Gott gibt, die nicht den Anfang neuen Lebens in sich bärge. Wir warten alle einer Auferstehung. O wenn wir doch nur das wüßten! Aber das sicher und klar!

So lasset uns nun Fleiß tun, einzukommen zu dieser Ruhe. Ja, meine Freunde, der Fleiß, den Gott von uns fordert, ist ein einfaches Stillehalten. Wir haben von den zweierlei Menschen geredet: von denen, denen Gott fremd ist und die sich darum vor dem Sterben fürchten müssen, und von denen, die Gottes Freunde sind und die darum dem Sterben entgegensehen als dem Eingang zu seiner Ruhe, als der Rückkehr zu ihrem ewigen Ursprung. Wir möchten zu den letzteren gehören. Wir können es und dürfen es. Aber wir müssen dazu Gott ganz anders gelten lassen in unserem Leben als bis dahin. An unserer falschen Stellung zum Tode mögen wir erkennen, wieviel uns noch fehlt. Wir wollen anfangen damit, stille zu halten, wenn Gott uns zeigen will, was Leben heißt. Dann sind wir unterwegs dahin, wo uns das Sterben zur Freude wird.

Amen.

Gehalten in Safenwil bzw. Kölliken am Sonntag, den 22. November 1914.

Quelle: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Ursula und Jochen Fähler, GA I/5, Zürich: Theologischer Verlag, 21999, S. 576-587.

Hier die Predigt als pdf.

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