Walter Krecks Grabrede für Günther Dehn (1970): „Wenn es etwas an diesem Sarg zu rühmen gibt, dann ist es nicht der Mensch Günther Dehn, sind es nicht seine Kämpfe und seine Bedrängnisse, sondern dann ist es allein diese Gnade Gottes, die besser ist als Leben, die nicht zu verwechseln ist mit menschlichen Leistungen, die auch nicht mit ihren eigenen Wir­kungen in einem Menschenleben identifiziert werden darf, sondern die außerhalb unser, ungeschuldet und unerschüttert, in Jesus Chri­stus begründet und offenbart ist.“

Grabrede für Günther Dehn, † Bonn am 17.3.1970

Von Walter Kreck

„Deine Güte ist besser denn Leben; meine Lippen preisen dich“ (Ps. 63,4)

Mit diesem Wort aus dem von ihm sehr geliebten 63. Psalm schließt Günther Dehn seine Lebenserinnerungen („Die alte Zeit – die vorigen Jahre“). Das ist gewiß kein Zufall. Gerhard von Rad schreibt in sei­ner alttestamentlichen Theologie: „Der bündige Satz: ‚Deine Gnade ist besser als Leben‘ läßt erkennen, was für eine tiefgreifende Umordnung aller Lebenswerte sich hier vollzogen hat; denn das Leben und seine Steigerung durch Jahwes Segen war sonst für Israel zu allen Zeiten der Güter höchstes. Dieses Auseinanderhalten von Gnade und Leben war etwas völlig Neues in Israel …“. Nun begriff man: Gottes Huld mußte sich keineswegs darin äußern, daß uns Glück, Erfolg und sichtbarer Segen zuteil wird. Das alles kann dem Glaubenden vielmehr genommen werden und in Scherben zerfallen. Ja, gerade der, der sich an Gott hält, wird das erfahren. Aber er wird – mit Psalm 73 – sprechen: „Dennoch bleibe ich stets an dir … Du hältst mich bei deiner rechten Hand …“, er wird sogar rühmen mit dem verlesenen Wort des 63. Psalms: „Deine Gnade ist besser denn Leben; meine Lippen preisen dich.“

Kein Wunder, daß der Verstorbene diesen Psalm so hoch geschätzt hat. „Meine Unternehmungen“, so schreibt er in seiner Biographie, „sind – man braucht ja nur dieses Buch zu lesen – eigentlich nie zum Ziel gekommen. Das liegt wohl daran, daß ich immer auf der Seite der Minorität gestanden habe und oft genug dem gemeinkirchlichen Denken als Außenseiter erschienen bin, mit dem man nicht recht etwas anzufangen wußte“ (S. 352). Dies Außenseitertum fing schon damit an, daß der Student aus gutbürgerlichem, keineswegs kirchlichem Hause kommend, dem viele Türen offenstanden, durch einen Theologiestudenten und die gemeinsame Lektüre des Markusevangeliums zur Erkenntnis der Wirklichkeit Gottes kam und den unwiderruflichen Entschluß faßte, Theologie zu studieren – ungeachtet des Kopfschüttelns oder Spottes seiner Freunde. Das Ungewöhnliche zeigte sich darin, daß der junge Pfarrer – als Inspektor des Dom­kandidatenstifts und als Domhilfsprediger eigentlich „zu Höherem berufen“ – eine Berliner Proletariergemeinde übernahm und zwan­zig Jahre in ihr aushielt, von Anfang an „nur von dem einen Gedanken erfüllt … Wie kann man Kirche und Arbeiterschaft in eine positive Verbindung miteinander bringen?“ (S. 164). Dadurch, daß er als „positiver Pfarrer“ nicht, wie üblich, politisch konservativ, sondern „links“ stand, was damals etwas hieß, daß er, obwohl Schwiegersohn des Berliner Generalsuperintendenten, an der „empirischen Kirche“ „mit ihren Konsistorien, Superintendenten und Dekanen“, bzw. an der Stärkung kirchlicher Machtpositionen nicht interessiert war, hat er es sich und anderen nicht leicht gemacht. Man begreift, daß er rückblickend nicht sagen kann, er habe „in gesegneter Tätigkeit“ ge­standen. Dies Auseinanderfallen von Einsatz und Erfolg erreichte seinen Höhepunkt in dem sog. Fall Dehn, der ihn sein Amt als Uni­versitätsprofessor und weithin in der bürgerlich-christlichen Welt seinen guten Namen kostete. Weil er sich gegen Kriegsverherrlichung wandte und die Kriegsopfer nicht mit dem Opfer Jesu Christi gleich­setzen wollte, wurde er zum erklärten Feind der gesamten nationalen Studentenschaft in Deutschland, desavouiert von den meisten seiner akademischen Kollegen, im Stich gelassen auch von seiner Kirchen­behörde, ja selbst von der Bekennenden Kirche zunächst als Belastung empfunden – was ihn nicht hinderte, ihr doch seine Dienste zu wid­men und dafür lange Gefängnishaft im Dritten Reich sich einzuhan­deln. Und wenn ihm auch vergönnt war, nach dem 2. Weltkrieg in einem Alter, in dem andre in den Ruhestand gehen, noch einmal an­zufangen und als praktischer Theologe an unserer Universität vielen ein hochgeschätzter Lehrer zu werden, so stand er selbst jedenfalls unter dem Eindruck: „Erreicht habe ich sehr wenig“. Unbestechlich, wie er war, vielleicht gar mit einem leichten Zug zur Skepsis und Resignation, hat er sich keine Illusionen darüber gemacht, wie fremd in dieser Welt solche Nonkonformisten sind.

Mit diesem Hinweis auf dies Psalmwort und der Art, wie er es zu leben versuchte, wird uns Günther Dehn zum Rufer und Mahner über seinen Tod hinaus. Ist das nicht vielleicht die größte Gefahr in der Nachkriegszeit für die Christenheit geworden: Gnade und Leben, christlichen Glauben und sichtbaren Erfolg um jeden Preis zur Deckung zu bringen, indem man das Wort Gottes den bestehenden Ver­hältnissen möglichst anzupassen suchte? Wie schwer fiel es uns, die längst überfällig gewordenen nationalistischen Träume aufzugeben und die Selbstverständlichkeit zu erschüttern, mit der man tradi­tionell auch in der Kirche Krieg und Kriegsdienst hinnahm! Wie tief sitzt noch bis heute in unseren Gemeinden ein restauratives und kon­servatives Denken, das geneigt ist, auch vorhandene schreiende Un­gerechtigkeit in der Welt, wirtschaftliche und soziale Gegensätze als gottgewollt anzusehen! Neigt nicht die offizielle Kirche, neigen wir nicht alle von Haus aus vielmehr zu einem Heulen mit den Wölfen oder doch zu einem matten Sowohl-als-auch, wo es gilt, um der Wahrheit willen auch einmal einseitig Position zu beziehen? Haben die Stimmen so ganz Unrecht, die behaupten, die Kirche werde in unserer Gesell­schaft wohl als sich integrierender religiöser Dienstleistungsbetrieb geduldet, nicht aber als Zeuge des Evangeliums? Und steht nicht auch die Theologie ständig in der Versuchung, das Wort Gottes als Lebens­hilfe, Lebenssteigerung und Lebenserfüllung zu verstehen und ihre Fragestellung vordergründig an einem aufweisbaren Bedürfnis des Menschen zu orientieren, also das Wesen des Wortes Gottes von seiner erfahrbaren und spürbaren Wirkung her zu bestimmen, d. h. aber seine Hoheit und seine Freiheit zu verraten? Die Theologie des Wortes und die Prüfungen des Kirchenkampfes, von dem G. Dehn sagte, daß er hier das Bild der von ihm gesuchten Kirche am deutlichsten erkann­te, wird zu einer Episode erklärt, um mit fliegenden Fahnen einzu­schwenken in eine Christlichkeit, die sich welthaft so oder so legiti­mieren zu können glaubt.

Wie ganz anders sah G. Dehn die Aufgabe der Kirche – gleich fern von Anbiederung wie von weltfremder Distanzierung! „Ich habe immer gewußt“, so schreibt er (S. 353), „daß wir hier keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige suchen; aber das hat mich nicht aus dem lebendigen Leben heraus-, sondern gerade hineingeführt; denn Gott will ja die Welt, voll seiner Ehre. Wenn ich zur frommen Gemeinde in Widerspruch geriet, so geschah das nicht, weil sie pie­tistisch oder orthodox war. Aber sie lebte in einem Gemisch von Rechtgläubigkeit, pietistischer Frömmigkeit und Säkularismus, und das konnte ich nicht ertragen. Nach biblisch-reformatorischem Ver­ständnis wird die Kirche allein durch das Wort gebaut … Aber wo war diese Kirche? Ich konnte sie nicht finden. Ich stieß überall auf eine Kirche, die in babylonischer Gefangenschaft war, gebunden an die ‚stoicheia tou kosmou‘, an die ‚Elemente der Welt‘, wie Paulus das ausgedrückt hat, an den Staat, an Parteien, an bibelfremde Ideologien. So waren die Gemeinden, aber so waren auch die Verkündiger. Sie banden das Wort, von dem es doch heißt, daß es nicht gebunden sei (2. Tim. 2, 9). Ich aber habe das freie Wort gesucht, das die Kirche schafft, die allein von ihren eigenen Voraussetzungen her lebt. Ich suchte die Kirche, die, allein dem Worte gehorsam, frei ist von den Mächten dieser Welt, denen sie weder verfallen darf, noch die sie sich für ihre eigenen ‚Belange‘ dienstbar zu machen wünscht, also eine Kirche, die weder säkular durchsetzt noch klerikal bestimmt ist.“

Man darf diese Worte G. Dehns über das, was er gewollt hat, nicht trennen von seinem Eingeständnis eigenen Versagens. Er war viel zu sehr reformatorischer Theologe, um nicht sofort solche Sätze durch schonungslose Selbstkritik einzuklammern. Es ist für diesen eigen­willigen Mann mit seinen Ecken und Kanten, dessen Ironie und schar­fes Urteil gewiß mancher fürchtete, bezeichnend, daß er seine mensch­lichen Schwächen nicht vertuschte, alles fromme Getue haßte und einen von seinen Studenten so geliebten köstlichen Humor besaß, der sich in einer teils wirklichen, teils klug gespielten Hilflosigkeit und Selbstverspottung äußern konnte. Er hat sich wohl niemals einen „Gelehrten“ genannt. „Die einzige originelle theologische Idee, die ich hatte“, sagte er einmal, „war wohl falsch!“ Als ein jüngerer Kollege ihm von der Schönheit des Alters schrieb, erklärte er das auf Grund seiner eigenen Erfahrung als blanke Ahnungslosigkeit. Und der Ge­danke an den Tod, von dem er nicht wissen konnte, daß er sich ihm so schmerzlos und so bald nach dem Verlust seiner treuen Lebensge­fährtin nahen würde, hat ihn oft bedrückt. Wenn ich diese mensch­lichen Züge verschwiege, würde ich mich noch nachträglich von seinem kritischen Blick getroffen fühlen. Wenn es etwas an diesem Sarg zu rühmen gibt, dann ist es nicht der Mensch Günther Dehn, sind es nicht seine Kämpfe und seine Bedrängnisse, sondern dann ist es allein diese Gnade Gottes, die besser ist als Leben, die nicht zu verwechseln ist mit menschlichen Leistungen, die auch nicht mit ihren eigenen Wir­kungen in einem Menschenleben identifiziert werden darf, sondern die außerhalb unser, ungeschuldet und unerschüttert, in Jesus Chri­stus begründet und offenbart ist. Sie zu preisen, war der Wunsch die­ses jetzt zu Ende gegangenen Lebens, und sie zu rühmen haben wir auch angesichts des Todes Grund. Denn von ihr gilt: Sie währet ewiglich, und keiner wird zuschanden, der sich auf sie verläßt.

Quelle: Evangelische Theologie 30 (1970), S. 225-228.

Hier der Text als pdf.

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