Hans G. Ulrich, Predigt über Psalm 85: „Gott verfolgt seine Geschichte, indem er die Herzen der Menschen wendet. Er hat immer Menschen mit seiner Botschaft bewegt, zu tun, was auf der Spur seines Friedens und seiner Gerechtigkeit bleibt.“

Predigt über Psalm 85

Von Professor Dr. Hans G. Ulrich, Erlangen

Gnade sei mit Euch, und Friede – von dem, der da ist, und der da war und der da kommt …

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag ist von den Kirchen der Ökumene als „Friedenssonntag“ bestimmt worden,

ein Sonntag also, an dem der Friede, von dem in jedem Gottesdienst zu hören ist, im Besonderen uns nahekommen soll – hier in der Hugenottenkirche wie überall in den Kirchen der Ökumene, wo heute Gottesdienst gefeiert wird – mit dem Psalm 85, der immer schon als Friedenspsalm gegolten hat.

In diesem Psalm, in der Mitte des Psalms, wird uns ganz direkt und einfach gesagt:

„Gott, der Herr, verkündet Frieden …“

Aber zunächst wird Gott ganz dringlich und voller Erwartung angerufen, …

2 Du hast dein Land begnadigt, Herr,
hast Jakobs Geschick gewendet.
3 Du hast die Schuld deines Volkes vergeben,
getilgt all ihre Sünde.
4 Du hast zurückgezogen all deinen Grimm,
abgewendet die Glut deines Zorns.
5 Wende dich zurück zu uns, Gott unseres Heils (unserer Freiheit),
und lass ab von deinem Unmut gegen uns.
6 Willst du uns ewig zürnen,
deinen Zorn hinziehen von Generation zu Generation?
7 Bist du nicht der, der uns das Leben wiedergeben kann,
dass dein Volk sich deiner freut?
8 Lass uns, Herr, deine Güte schauen,
und schenke uns deine Freiheit (Hilfe).

Du Gott, lass Deine Güte sehen, Du Gott …so klingt es durch alle Psalmen hindurch. So auch in dem Psalm 10, den wir gesungen haben … „Du Gott, warum bleibst du so fern,“ „Steh auf Herr, erhebe deine Hand, vergiss die Elenden nicht …“

So mit Gott zu reden, heißt ihn wirklich zur Verantwortung rufen … An wen sollten wir uns denn auch wenden, wenn es darum geht, dass wirklich eine „Wende“ kommt, dass sich die Welt nicht nach ihren Gesetzen immer weiter dreht, …

Dieses Wort „Wende“ kommt in der hebräischen Bibel immer wieder dort vor, wo Gott selbst eine Wende herbeiführen soll … indem Gott selbst umkehrt, zurückkehrt ..

Und wenn wir hier in der Kirche sitzen …dann ist dies doch der Ort, an dem Gott so angeredet werden kann: Du Gott, wende Dich zu uns, „lass uns Deine Güte schauen“

.Das ist einzigartig … wie gesagt … an welchem Ort der Welt kann Gott so angesprochen werden?

Wir können uns nicht (mehr) vorstellen, dass etwa im Parlament gemeinsam so gebetet wird, wenn überhaupt je von Gott noch gesprochen wird.

Jedenfalls hier im Gottesdienst … können wir auch öffentlich so beten, mit aller Welt und vor aller Welt:

9 Ich will hören, was Gott spricht; ich will hören, was Du zu sagen hast …

So weit können wir wohl mitbeten … Gott, rede doch Du – wir sind gespannt zu hören.

Und hier gibt es eine Pause in unserem Psalm… es klingt, als hörte der Psalm-Beter tatsächlich Gott reden …

Und so fährt er fort:

(Gott) der Herr, er verkündet Frieden
seinem Volk und seinen Getreuen,
damit sie nicht wieder der Torheit verfallen.
10 Nahe ist denen seine Freiheit (Hilfe), die ihn fürchten,
dass (seine) Herrlichkeit wohne in unserem Land.
Gott verkündet seinen Frieden, er verkündet einen ganz bestimmten Frieden. Und so hören wir weiter:
11 Gnade und Treue finden zusammen, es küssen sich Gerechtigkeit und Friede.
12 Treue sprosst aus der Erde, und Gerechtigkeit schaut vom Himmel hernieder.

So umfassend, Himmel und Erde umgreifend ist dieser Friede, mit allem was von Gott zu erwarten ist, mit Gnade, und Treue, mit Güte und Gerechtigkeit –

Und so gehört Frieden ins Zentrum der biblischen Botschaft. Das deutsche Wort „Frieden“ hat in der biblischen Sprache einen besonderen Klang, und den müssen wir mithören.

„Schalom“ heißt das Wort hebräisch – Schalom, das ist die tragende friedvolle Lebens-Ordnung, der alle Menschen zugehören und in der alles seinen rechten Platz hat.

In dieser Lebens-Ordnung ist keiner verloren, in ihr finden wir uns zugehörig, nicht fremd, nicht mehr auf der Flucht … und so ist auch sofort mit dabei, was in der Bibel „Gerechtigkeit“ heißt – einfach gesagt meint es „Zugehörigkeit“ – durchweg in der Bibel …: Dir widerfährt Gerechtigkeit – das heißt: Du gehörst dazu – Du bist nicht verloren und nicht vergessen. Du gehörst zu der Geschichte, in der wir alle uns finden. Du fällst nicht ins Nichts und niemand kann Dich ausschließen.

„Frieden und Gerechtigkeit“ küssen sich – das ist die Friedensszene, in der nicht beständig darüber verhandelt wird: wer wo dazugehört, wer vom wem welche Anteile oder Rechte bekommt.

Schalom – man kann es nicht anders sagen – ist die „Wirklichkeit“, in der wir Menschen zusammen leben dürfen – als die Menschen, mit denen Gott … zusammenleben will. Er hat uns doch als die geschaffen, mit denen er leben will – nicht getrennt von uns, unerreichbar, irgendwo –sondern nahe bei uns Menschen, in seiner Geschichte mit uns.

Das ist die. „Wirklichkeit“ des Gottesfriedens, in der wir Menschen uns finden dürfen, die „Wirklichkeit“, die Himmel und Erde umfasst …

keine „globale“ „Welt“, von der niemand weiß, wie es mit ihre weitergeht, deren Zeit nach eigenen Gesetzen verläuft, und deren „Zukunft“ unbestimmt bleibt …

Schalom meint die von Gott geschaffene Wirklichkeit, in der wir leben dürfen in der Gewissheit, dass „Gott nicht fahren lässt, das Werk seiner Hände“. – das ist sein fester Wille.

In dem Psalm wird Gott nun aufgefordert, doch endlich … eine Wende zu bringen, ja sich selbst seinem Volk zuzuwenden …

und dann wird auch gesagt, was Gott wirklich tut. Ja, Gott tut, was er kann – er tut, was nur er kann: Er verkündet Frieden seinen Getreuen …. er verkündet seinen Frieden denen, die auf ihn hören, jetzt, hier und in allen Kirchen heute, in denen dieser Psalm gebetet wird.

Ja, Gott, muss auf die setzen, die auf ihn hören, wen sollte er denn ansprechen, wen denn sonst?

Und Gott spricht uns an, kündigt seinen Frieden an, mit dem er uns nahekommt, um unser Herz zu wenden.

Wir hören nichts davon, dass wir Menschen auf eine Katastrophe zugehen müssen, wir hören nichts davon, dass Krieg jederzeit und überall losbrechen kann, nichts davon, dass dass wir unvermeidlich unsere Lebensgrundlage zerstören. Nichts von diesen Welt-Prozessen, die nach eigenen Gesetzen und eigenem Zeitmaß ablaufen.

Hier in der Szenerie dieses Psalm-Gebets, wo Gott seinen Getreuen Frieden verkündet, geht es nicht um eine Menschheitsgeschichte, von der niemand weiß, wie man sie wirklich steuern kann und was ihre Zukunft ist – und von der wir vor allem nicht wissen, wer all das Leiden aufhebt, das unzähligen Menschen widerfährt. Einzig Gott selbst weiß durch seine Propheten anzusagen, was Gott tun wird und was nur Gott tun kann – „er wird abwischen alle Tränen“ ….

II

aber da sind wir offensichtlich schon in einer anderen Geschichte,

Von dieser anderen Geschichte spricht unser Psalm. Das ist die Geschichte, die Gott mit seinem Volk direkt eingegangen ist – und in seiner Treue weiterverfolgt zusammen mit denen, die nicht aufgegeben haben, ihn zu fragen und zu bitten, mit seinen „Getreuen“, mit denen er seinen Bund geschlossen hat.

Mit ihnen verfolgt Gott seine Geschichte – unbeirrt – inmitten des Weltgeschehens … auf seiner Spur, in seiner Gerechtigkeit und seiner Treue.

Was da bei uns Menschen auf dieser Erde abgeht – an Unfrieden, an Ungerechtigkeit, an Zerrissenheit, an Zerstörung, aber gewiss auch an immenser Arbeit für eine bessere Welt, politischer Arbeit, sozialer Arbeit, technischer Arbeit – das ist Realität, Weltgeschehen nach den Gesetzen der Welt und bestenfalls nach guten selbst gemachten Gesetzen, aber „Gott lässt uns wissen, dass da die Sache noch mit der anderen Geschichte ist, die er mit uns verfolgt und die er zu dem Ende bringen wird, das Er verheißen hat . …

Gott hat sich wahrhaftig auf eine besondere Geschichte mit seinen Menschen eingelassen, vom Anfang der Schöpfung an, ja, und wie ist er dabei enttäuscht worden, verraten und vergessen,

auch daran erinnert der Psalm, dass Gott enttäuscht, ja „zornig“ sein musste, über das, was da alles geschehen ist –

und wir kennen die Erzählung davon, dass es Gott kurz nach der Schöpfung einmal gereut hat, die Menschheit geschaffen zu haben – und dann hat er die Sintflut geschickt, aber: er hat nicht aufgegeben, er hat weitergemacht, mit Noah und seiner Familie, mitsamt den anderen Lebewesen, die Noah in der Arche mitgenommen hat – und ihnen gesagt: „es soll nicht aufhören, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“.

Von diesem Noah (und deshalb ist hier daran zu erinnern) wird gesagt, dass er ein „Gerechter“ war, das heißt ein solcher, der sich zu Gott gehalten hat, und daher auch erfahren hat, was Gott vorhat. Und so hat Gott mit ihm seine Geschichte fortgeführt. Noah konnte schließlich heraustreten aus seiner Arche.

In unserem Psalm hören wir: Gott bleibt denen mit seiner Befreiung nahe, die ihn fürchten. (10) Auf diese Gottesfürchtigen kommt es an. Auf sie setzt Gott, an sie hält er sich:

Viele Male ist in der Bibel von der Gottesfurcht die Rede …

Gottesfürchtig – und wir haben kein anderes Wort dafür – sind die, die nicht in ihre Geschichten verstrickt bleiben, nicht in ihren Gewohnheiten, nicht in dem, was sie zu wissen glauben. (Daher ist hier von „Freiheit“ die Rede).

„Gottesfurcht – das ist der Anfang der Weisheit“ – hören wir in der Bibel – und das meint: Gottesfurcht heißt auf das achten und warten, worin Gott uns entgegenkommt – Den Gottesfürchtigen ist Gottes Befreiung nahe.

Auf diese Gottesfürchtigen setzt Gott, wie auf Noah oder dem anderen bekannten Gottesfürchtigen, Hiob, über den alles denkbare Leid hereingebrochen ist – und dem Gott sagt: denk nicht, dass alles nach den Gesetzen der Welt geschieht, dass es kommt, wie es kommen muss, bleib bei dem, was Du von mir zu Recht erwarten darfst – Gerechtigkeit – dass Du zu mir gehörst, nicht vergessen bist, dass meine Geschichte mit dir weitergeht.

Die Gottesfürchtigen – alle, die in solcher Erwartung leben, würden fehlen in der Welt – wenn es sie nicht wirklich gäbe. Mit ihnen würden die Menschen fehlen, die mit ihrem Hören und Beten daran erinnern, dass da dieser Gott ist, zu dem wir sagen können: Gib uns Frieden jeden Tag. Lass uns nicht allein. Du hast uns dein Wort gegeben, stets bei uns zu sein. Denn nur du, unser Gott, denn nur du, unser Gott, hast die Menschen in der Hand.

Den Juden – so schreibt der jüdische Philosoph Walter Benjamin – war es nicht erlaubt, die Zukunft zu erforschen. Ihnen war es gegeben, sich in Gottes Geschichte zu bewegen – und zu warten, in jeder Sekunde, dass der Messias kommt.

III

Uns ist Gott mit Jesus Christus selbst nun wirklich nahe gekommen, hat sich selbst mit Jesus unserer „Welt“ ausgesetzt – und wahrhaftig erfahren, was geschieht, wenn Menschen Geschichte machen, wenn Menschen ihre Ziele verfolgen, wenn sie agieren, aber wirklich wissen worauf hin …

Aber dieser Jesus hat eben gezeigt, was es heißt – so zu leben, dass Gottes eigene Geschichte weitergeht, … dass sein Wille geschehe … dort, wo er gehört wird, wo sein Handeln präsent wird … nicht da und dort ist Gottes Reich, nicht dort irgendwo, wo alles nur vage Hoffnung bleibt, …

Und daher dürfen wir beten: „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe – wie im Himmel so auf Erden.“

Das klingt wie in unserem Psalm: „Gottes Treue sprosst aus der Erde, und Gottes Gerechtigkeit schaut vom Himmel.“

So – also war heute, and diesem Friedenssonntag mit diesem Psalm wirklich einmal die Frage dran, was Gott tut, was Gott tun kann – und das ist nur zu fassen in dieser anderen Geschichte, die er verfolgt, vom Anfang in der Schöpfung bis zu deren Ende in Gottes Reich –

— Gott verfolgt seine Geschichte, indem er die Herzen der Menschen wendet

Er hat immer Menschen mit seiner Botschaft bewegt, zu tun, was auf der Spur seines Friedens und seiner Gerechtigkeit bleibt.

— Gott verfolgt seine Geschichte, indem er selbst selbst bestimmt, worin unser Tun endet und sich erfüllt.

Wenn Menschen Frieden stiften, wird Er sie Gottes Kinder heißen.
Wenn Menschen, Leid erfahren, wird Er sie trösten.
Wenn sie bei seinem Wort bleiben, wird sein Geist sie in alle Wahrheit leiten (Joh 16).

Das ist die Wende in der Hoffnung, das ist die Zeitenwende, in der wir leben. Er nimmt uns mit in seine Geschichte bis zu dem Ende, das er bestimmt hat, bis zur Wiederkunft Christi. Dafür steht Gott ein. Einzig Er kann dafür einstehen. Das ist der Grund unserer Hoffnung.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Gehalten am 7. November 2021 in der Hugenottenkirche in Erlangen.

Hier die Predigt als pdf.

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