Adam Smith über die Besoldung von Pfarrern in An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (Vom Wohlstand der Nationen) von 1776: „Es wäre ohne Zweifel unschicklich, einen Pfarrverweser oder einen Kaplan mit dem Gesellen in einem gemeinen Handwerk zu vergleichen. Aber von der Bezahlung eines Pfarrverwesers oder Kaplans kann man sehr wohl sagen, dass sie eben derselben Art sei wie der Lohn eines Gesellen.“

Über die Besoldung von Pfarrern

Von Adam Smith

Es ist für so wichtig gehalten worden, eine gehörige Zahl junger Leute für bestimmte Berufs­arten zu erziehen, dass bald die Staatsgemeinde und bald der fromme Sinn mildtätiger Privat­leute eine Menge von Stipendien, Kostgeldern, Stiftungen usw. zu diesem Zweck gegründet hat, die viel mehr junge Leute zu diesen Berufsarten ziehen, als sich ohne sie dazu drängen würden. Ich glaube, dass in allen christlichen Ländern die Erziehung der meisten Theologen auf diese Weise bezahlt wird; nur sehr wenige werden ganz auf ihre eigenen Kosten ausgebil­det. Letzteren verschafft daher ihre lange, mühselige und kostspielige Erzie­hung nicht immer eine angemessene Belohnung, da der geistliche Stand mit Leuten überfüllt ist, die, um nur eine Anstellung zu bekommen, gern ein viel geringeres Gehalt annehmen, als wozu sonst eine derartige Erziehung berechtigen würde; und die Konkurrenz der Armen nimmt auf diese Wei­se den Reichen ihren Lohn weg. Es wäre ohne Zweifel unschicklich, einen Pfarrverweser oder einen Kaplan mit dem Gesellen in einem gemeinen Handwerk zu vergleichen. Aber von der Bezahlung eines Pfarrverwesers oder Kaplans kann man sehr wohl sagen, dass sie eben der­selben Art sei wie der Lohn eines Gesellen. Sie werden alle drei für ihre Arbeit nach dem Kontrakt bezahlt, den sie mit ihren respektiven Oberen gemacht haben. Bis zur Mitte des vier­zehnten Jahrhunderts waren in England fünf Mark, die ungefähr so viel Silber enthielten als zehn Pfund unseres jetzigen Gelds, das übliche Gehalt eines Pfarrverwe­sers (curate) oder eines besoldeten Pfarrers der Gemeinde, wie man das aus den Dekreten verschiedener Natio­nalkonzilien ersieht. Zur selben Zeit wurden fünf Pence, die so viel Silber enthielten als unser jetziger Schilling, für den Tagelohn eines Maurermeisters, und drei Pence, d.h. neun Pence unseres jetzigen Gelds, für den eines Maurergesellen erklärt[1]. Es war also der Lohn dieser beiden Handwerker, wenn man annimmt, dass sie dauernde Beschäftigung hatten, weit höher als der des Pfarrverwesers; er würde dem des Maurermeisters erst dann gleichge­kommen sein, wenn man annimmt, dass letzterer den dritten Teil des Jahres keine Beschäfti­gung hatte. Durch ein Gesetz aus dem zwölften Regierungsjahr der Königin Anna (Kapitel 12) wird ver­ordnet: »dass in Betracht dessen, dass aus Mangel an genügendem Unterhalt und hinlängli­cher Aufmunterung für die Pfarrverweser an manchen Orten die Pfarreien schlecht besetzt wären, der Bischof ermächtigt sein sollte, durch ein mit seiner Unterschrift und seinem Siegel versehenes Schreiben ein zureichendes festes Gehalt oder Jahrgeld anzuweisen, das nicht mehr als fünfzig und nicht weniger als zwanzig Pfund des Jahres betragen dürfte«. Vierzig Pfund werden gegenwärtig für ein sehr gutes Pfarrverwesergehalt angesehen, und es gibt trotz jener Parlamentsakte noch manche Pfarrverweserstellen unter zwanzig Pfund Jah­resgehalt. Es gibt Schuhmachergesellen in London, die jährlich vierzig Pfund verdienen, und es wird sich schwerlich ein Gewerksmann irgendeiner Art in dieser Hauptstadt finden, der nicht mehr als zwanzig verdiente. Diese letztere Summe über­steigt wirklich nicht einmal das, was oft gemeine Arbeiter in manchen Landgemeinden verdienen. So oft das Gesetz versuchte, den Lohn der Arbeiter zu regeln, wollte es ihn immer eher erniedrigen als erhöhen. Dagegen hat das Gesetz bei vielen Gelegenheiten das Gehalt der Pfarrverweser zu erhöhen und um der Kirchenwürde willen die Pfarrherren zu verpflichten gesucht, ihnen mehr als den elenden Unterhalt zu geben, den sie willig annahmen. Und in beiden Fällen ist das Gesetz gleich un­wirksam gewesen und hat nie weder das Gehalt der Pfarrverweser auf den beabsichtigten Grad zu erhöhen noch den Lohn der Arbeiter so weit herunterzubringen vermocht, weil es nie fähig war, jene daran zu hindern, dass sie sich mit einem geringeren als dem gesetzlichen Jahresgehalt begnügten, den sie bei der Dürftigkeit ihrer Lage und der Menge ihrer Mitbewer­ber gern annahmen, oder diese daran zu hindern, dass sie mehr als den gesetzlichen Lohn näh­men, den sie durch die entgegengesetzte Konkurrenz derer erhielten, die sich von ihrer Arbeit Gewinn oder Vergnügen versprachen.

Die großen Pfründen und andere geistlichen Würden halten die Ehre der Kirche trotz der ärmlichen Umstände einiger ihrer niederen Glieder aufrecht; auch bietet die dem Stand gezollte Achtung letzteren für die Ärmlichkeit ihrer Belohnung an Geld einigen Ersatz. In England und allen römisch-katholischen Ländern ist die Lotterie der Kirche wirklich weit vorteilhafter, als nötig wäre. Das Beispiel der schottischen, Genfer und einiger anderen protestantischen Kirchen überzeugt uns leicht, dass in einem so geachteten Beruf, in welchem die nötige Erziehung so wohlfeil erworben wird, schon die Hoffnung auf weit geringere Pfründen eine hinlängliche Zahl von gelehrten, anständigen und achtungswerten Leuten dem heiligen Stand zuführen muss.


[1] Siehe das Arbeitergesetz aus dem fünfundzwanzigsten Regierungsjahr Eduards III.

Quelle: Adam Smith, Wohlstand der Nationen, neu hrsg. v. Sven Horn, nach der Übersetzung von Max Stirner, Klassiker der Ökonomie 6, Berlin: heptagon, 2. A., 2014.

Hier der Text als pdf.

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